Man stahl womoeglich nicht geradezu; aber alle krummen Wege, zu
schnellem Reichtum zu gelangen, schienen erlaubt: Pluenderung
und Bettel, Lieferantenbetrug und Spekulantenschwindel, Zins- und
Kornwucher, selbst die oekonomische Ausnutzung rein sittlicher
Verhaeltnisse wie der Freundschaft und der Ehe. Vor allem die letztere
wurde auf beiden Seiten Gegenstand der Spekulation; Geldheiraten waren
gewoehnlich und es zeigte sich noetig, den Schenkungen, welche die
Ehegatten sich untereinander machten, die rechtliche Gueltigkeit
abzuerkennen. Dass unter Verhaeltnissen dieser Art Plaene zur Anzeige
kamen, die Hauptstadt an allen Ecken anzuzuenden, kann nicht befremden.
Wenn der Mensch keinen Genuss mehr in der Arbeit findet und bloss
arbeitet, um so schnell wie moeglich zum Genuss zu gelangen, so ist es
nur ein Zufall, wenn er kein Verbrecher wird. Alle Herrlichkeiten der
Macht und des Reichtums hatte das Schicksal ueber die Roemer mit voller
Hand ausgeschuettet; aber wahrlich, die Pandorabuechse war eine Gabe
von zweifelhaftem Wert. 14. Kapitel Literatur und Kunst Die roemische
Literatur beruht auf ganz eigentuemlichen, in dieser Art kaum bei einer
anderen Nation wiederkehrenden Anregungen. Um sie richtig zu
wuerdigen, ist es notwendig, zuvoerderst den Volksunterricht und die
Volksbelustigungen dieser Zeit ins Auge zu fassen. Alle geistige Bildung
geht aus von der Sprache; und es gilt dies vor allem fuer Rom. In einer
Gemeinde, wo die Rede und die Urkunde so viel bedeutete, wo der Buerger
in einem Alter, in welchem man nach heutigen Begriffen noch Knabe ist,
bereits ein Vermoegen zu unbeschraenkter Verwaltung ueberkam und in den
Fall kommen konnte, vor der versammelten Gemeinde Standreden halten
zu muessen, hat man nicht bloss auf den freien und feinen Gebrauch der
Muttersprache von jeher grossen Wert gelegt, sondern auch frueh sich
bemueht, denselben in den Knabenjahren sich anzueignen. Auch die
griechische Sprache war bereits in der hannibalischen Zeit in Italien
allgemein verbreitet. In den hoeheren Kreisen war die Kunde der
allgemein vermittelnden Sprache der alten Zivilisation laengst haeufig
gewesen und jetzt, bei dem durch die veraenderte Weltstellung ungeheuer
gesteigerten roemischen Verkehr mit Auslaendern und im Auslande, dem
Kaufmann wie dem Staatsmann wo nicht notwendig, doch vermutlich schon
sehr wesentlich. Durch die italische Sklaven- und Freigelassenschaft
aber, die zu einem sehr grossen Teil aus geborenen Griechen oder
Halbgriechen bestand, drang griechische Sprache und griechisches Wissen
bis zu einem gewissen Grade ein auch in die unteren Schichten namentlich
der hauptstaedtischen Bevoelkerung. Aus den Lustspielen dieser Zeit kann
man sich ueberzeugen, dass eben der nicht vornehmen hauptstaedtischen
Menge ein Latein mundgerecht war, welches zum rechten Verstaendnis das
Griechische so notwendig voraussetzt wie Sternes Englisch und Wielands
Deutsch das Franzoesische ^1. Die Maenner der senatorischen Familien
aber redeten nicht bloss griechisch vor einem griechischen Publikum,
sondern machten auch diese Reden bekannt - so Tiberius Gracchus (Konsul
577, 591 177,163) eine von ihm auf Rhodos gehaltene - und schrieben
in der hannibalischen Zeit ihre Chroniken griechisch, von welcher
Schriftstellerei spaeter noch zu sprechen sein wird. Einzelne gingen
noch weiter. Den Flamininus ehrten die Griechen durch Huldigungen in
roemischer Sprache; aber auch er erwiderte das Kompliment: der
"grosse Feldherr der Aeneiaden" brachte den griechischen Goettern nach
griechischer Sitte mit griechischen Distichen seine Weihgeschenke dar
^2. Einem anderen Senator rueckte Cato es vor, dass er bei griechischen
Trinkgelagen griechische Rezitative mit der gehoerigen
Modulation vorzutragen sich nicht geschaemt habe.
---------------------------------------------------------- ^1 Ein
bestimmter Kreis griechischer Ausdruecke, wie stratioticus, machaera,
nauclerus, trapezita, danista, drapeta, oenopolium, bolus, malacus,
morus, graphicus, logus, apologus, techna, schema, gehoert durchaus zum
Charakter der Plautinischen Sprache; Uebersetzungen werden selten dazu
gefuegt und nur bei Woertern, die ausserhalb des durch jene Anfuehrungen
bezeichneten Ideenkreises stehen, wie zum Beispiel es im 'Wilden' (1,
1, 60), freilich in einem vielleicht erst spaeter eingefuegten
Verse heisst: phron/e/sis est sapientia [Edelmut ist Weisheit]. Auch
griechische Brocken sind gemein, zum Beispiel in der 'Casina' (3, 6, 9):
pragmata moi parecheis - Dabo mega kakon, ut opinor; ebenso griechische
Wortspiele, zum Beispiel in 'Die beiden Bacchis' (240): opus est
chryso Chrysalo; wie denn auch Ennius die etymologische Bedeutung von
Alexandros, Andromache als den Zuschauern bekannt voraussetzt (Varro
ling. 7, 82). Am bezeichnendsten sind die halbgriechischen Bildungen
wie ferritribax, plagipatida, pugilice oder im 'Bramarbas' (213): euge!
euscheme hercle astitit sic dulice et comoedice! Ei die Tenuere! Holla,
seht mir den Farceur da, den Akteur! ^2 Eines dieser im Namen des
Flamininus gedichteten Epigramme lautet also: Dioskuren, o hoert,
ihr freudigen Tummler der Rosse! Knaben des Zeus, o hoert, Spartas
tyndarische Herrn! Titus der Aeneiade verehrt euch die herrliche
Gabe, Als Freiheit verliehn er dem hellenischen Stamm.
---------------------------------------------------------- Unter dem
Einfluss dieser Verhaeltnisse entwickelte sich der roemische Unterricht.
Es ist ein Vorurteil, dass in der allgemeinen Verbreitung der
elementaren Kenntnisse das Altertum hinter unserer Zeit wesentlich
zurueckgestanden habe. Auch unter den niederen Klassen und den
Sklaven wurde viel gelesen, geschrieben und gerechnet; bei dem
Wirtschaftersklaven zum Beispiel setzt Cato nach Magos Vorgang die
Faehigkeit zu lesen und zu schreiben voraus. Der Elementarunterricht
sowie der Unterricht im Griechischen muessen lange vor dieser Zeit in
sehr ausgedehntem Umfang in Rom erteilt worden sein. Dieser Epoche
aber gehoeren die Anfaenge eines Unterrichts an, der statt einer bloss
aeusserlichen Abrichtung eine wirkliche Geistesbildung bezweckt.
Bisher hatte in Rom die Kenntnis des Griechischen im buergerlichen und
geselligen Leben so wenig einen Vorzug gegeben, wie etwa heutzutage in
einem Dorfe der deutschen Schweiz die Kenntnis des Franzoesischen ihn
gibt; und die aeltesten Schreiber griechischer Chroniken mochten unter
den uebrigen Senatoren stehen wie in den holsteinischen Marschen der
Bauer, welcher studiert hat und des Abends, wenn er vom Pfluge nach
Hause kommt, den Virgilius vom Schranke nimmt. Wer mit seinem Griechisch
mehr vorstellen wollte, galt als schlechter Patriot und als Geck;
und gewiss konnte noch in Catos Zeit auch wer schlecht oder gar nicht
griechisch sprach, ein vornehmer Mann sein und Senator oder
Konsul werden. Aber es ward doch schon anders. Der innerliche
Zersetzungsprozess der italischen Nationalitaet war bereits, namentlich
in der Aristokratie, weit genug gediehen, um das Surrogat der
Nationalitaet, die allgemein humane Bildung, auch fuer Italien
unvermeidlich zu machen; und auch der Drang nach einer gesteigerten
Zivilisation regte bereits sich maechtig. Diesem kam der griechische
Sprachunterricht gleichsam von selber entgegen. Von jeher ward dabei die
klassische Literatur, namentlich die 'Ilias' und mehr noch die 'Odyssee'
zu Grunde gelegt; die ueberschwenglichen Schaetze hellenischer Kunst und
Wissenschaft lagen damit bereits ausgebreitet vor den Augen der Italiker
da. Ohne eigentlich aeusserliche Umwandlung des Unterrichts ergab
es sich von selbst, dass aus dem empirischen Sprach- ein hoeherer
Literaturunterricht wurde, dass die an die Literatur sich knuepfende
allgemeine Bildung den Schuelern in gesteigertem Mass ueberliefert, dass
die erlangte Kunde von diesen benutzt ward, um einzudringen in die den
Geist der Zeit beherrschende griechische Literatur, die Euripideischen
Tragoedien und die Lustspiele Menanders. In aehnlicher Weise gewann auch
der lateinische Unterricht ein groesseres Schwergewicht. Man fing an,
in der hoeheren Gesellschaft Roms das Beduerfnis zu empfinden, die
Muttersprache wo nicht mit der griechischen zu vertauschen, doch
wenigstens zu veredeln und dem veraenderten Kulturstand anzuschmiegen;
und auch hierfuer sah man in jeder Beziehung sich angewiesen auf die
Griechen. Die oekonomische Gliederung der roemischen Wirtschaft legte,
wie jedes andere geringe und um Lohn geleistete Geschaeft, so auch den
Elementarunterricht in der Muttersprache vorwiegend in die Haende von
Sklaven, Freigelassenen oder Fremden, das heisst vorwiegend von Griechen
oder Halbgriechen ^3; es hatte dies um so weniger Schwierigkeit, als das
lateinische Alphabet dem griechischen fast gleich, die beiden Sprachen
nahe und auffaellig verwandt waren. Aber dies war das wenigste; weit
tiefer griff die formelle Bedeutung des griechischen Unterrichts in den
lateinischen ein. Wer da weiss, wie unsaeglich schwer es ist, fuer
die hoehere geistige Bildung der Jugend geeignete Stoffe und geeignete
Formen zu finden und wie noch viel schwieriger man von den einmal
gefundenen Stoffen und Formen sich losmacht, wird es begreifen, dass man
dem Beduerfnis eines gesteigerten lateinischen Unterrichts nicht anders
zu genuegen wusste, als indem man diejenige Loesung dieses Problems,
welche der griechische Sprach- und Literaturunterricht darstellte, auf
den Unterricht im Lateinischen einfach uebertrug - geht doch heutzutage
in der Uebertragung der Unterrichtsmethode von den toten auf die
lebenden Sprachen ein ganz aehnlicher Prozess unter unseren Augen vor.
--------------------------------------------- ^3 Ein solcher war zum
Beispiel der Sklave des aelteren Cato, Chilon, der als Kinderlehrer
fuer seinen Herrn Geld erwarb (Plut. Cato mai. 20).
--------------------------------------------- Aber leider fehlte es
zu einer solchen Uebertragung eben am Besten. Lateinisch lesen und
schreiben konnte man freilich an den Zwoelf Tafeln lernen; aber eine
lateinische Bildung setzte eine Literatur voraus und eine solche war
in Rom nicht vorhanden. Hierzu kam ein Zweites. Die Ausdehnung der
roemischen Volkslustbarkeit ist frueher dargestellt worden. Laengst
spielte bei denselben die Buehne eine bedeutende Rolle; die Wagenrennen
waren wohl bei allen die eigentliche Hauptbelustigung, fanden aber doch
durchgaengig nur einmal, am Schlusstage statt, waehrend die ersten Tage
wesentlich dem Buehnenspiel anheimfielen. Allein lange Zeit bestanden
diese Buehnenvorstellungen hauptsaechlich in Taenzen und Gaukelspiel;
die improvisierten Lieder, die bei denselben auch vorgetragen wurden,
waren ohne Dialog und ohne Handlung. Jetzt erst sah man fuer sie sich
nach einem wirklichen Schauspiel um. Die roemischen Volksfestlichkeiten
standen durchaus unter der Herrschaft der Griechen, die ihr Talent
des Zeitvertreibs und Tageverderbes von selber den Roemern zu
Plaesiermeistern bestellte. Keine Volksbelustigung aber war in
Griechenland beliebter und keine mannigfaltiger als das Theater;
dasselbe musste bald die Blicke der roemischen Festgeber und ihres
Hilfspersonals auf sich ziehen. Wohl lag nun in dem aelteren roemischen
Buehnenlied ein dramatischer, der Entwicklung vielleicht faehiger Keim;
allein daraus das Drama herauszubilden, forderte vom Dichter wie vom
Publikum eine Genialitaet im Geben und Empfangen, wie sie bei den
Roemern ueberhaupt nicht und am wenigsten in dieser Zeit zu finden war;
und waere sie zu finden gewesen, so wuerde die Hastigkeit der mit dem
Amuesement der Menge betrauten Leute schwerlich der edlen Frucht Ruhe
und Weile zur Zeitigung gegoennt haben. Auch hier war ein aeusserliches
Beduerfnis vorhanden, dem die Nation nicht zu genuegen vermochte; man
wuenschte sich ein Theater und es mangelten die Stuecke. Auf diesen
Elementen beruht die roemische Literatur; und ihre Mangelhaftigkeit war
damit von vornherein und notwendig gegeben. Alle wirkliche Kunst beruht
auf der individuellen Freiheit und dem froehlichen Lebensgenuss, und die
Keime zu einer solchen hatten in Italien nicht gefehlt; allein indem
die roemische Entwicklung die Freiheit und Froehlichkeit durch das
Gemeingefuehl und das Pflichtbewusstsein ersetzte, ward die Kunst von
ihr erdrueckt und musste statt sich zu entwickelt. verkuemmern. Der
Hoehepunkt der roemischen Entwicklung ist die literaturlose Zeit.
Erst als die roemische Nationalitaet sich aufzuloesen und die
hellenisch-kosmopolitischen Tendenzen sich geltend zu machen anfingen,
stellte im Gefolge derselben die Literatur in Rom sich ein; und darum
steht sie von Haus aus und mit zwingender innerlicher Noetigung auf
griechischem Boden und in schroffem Gegensatz gegen den spezifisch
roemischen Nationalsinn. Vor allem die roemische Poesie ging. zunaechst
gar nicht aus dem innerlichen Dichtertriebe hervor, sondern aus den
aeusserlichen Anforderungen der Schule, welche lateinische Lehrbuecher,
und der Buehne, die lateinische Schauspiele brauchte. Beide
Institutionen aber, die Schule wie die Buehne, waren durch und durch
antiroemisch und revolutionaer. Der gaffende Theatermuessiggang war
dem Philisterernst wie dem Taetigkeitssinn der Roemer alten Schlags
ein Greuel; und wenn es der tiefste und grossartigste Gedanke in
dem roemischen Gemeinwesen war, dass es innerhalb der roemischen
Buergerschaft keinen Herrn und keinen Knecht, keinen Millionaer und
keinen Bettler geben, vor allem aber der gleiche Glaube und die gleiche
Bildung alle Roemer umfassen sollte, so war die Schule und die notwendig
exklusive Schulbildung noch bei weitem gefaehrlicher, ja fuer das
Gleichheitsgefuehl geradezu zerstoerend. Schule und Theater wurden die
wirksamsten Hebel des neuen Geistes der Zeit und nur um so mehr, weil
sie lateinisch redeten. Man konnte vielleicht griechisch sprechen
und schreiben, ohne darum aufzuhoeren, ein Roemer zu sein; hier aber
gewoehnte man sich, mit roemischen Worten zu reden, waehrend das
ganze innere Sein und Leben griechisch ward. Es ist nicht eine der
erfreulichsten Tatsachen in diesem glaenzenden Saeculum des roemischen
Konservativismus, aber wohl eine der merkwuerdigsten und geschichtlich
belehrendsten, wie waehrend desselben in dem gesamten nicht unmittelbar
politischen geistigen Gebiet der Hellenismus Wurzel geschlagen und wie
der Maitre de Plaisir des grossen Publikums und der Kinderlehrer im
engen Bunde miteinander eine roemische Literatur erschaffen haben.
Gleich in dem aeltesten roemischen Schriftsteller erscheint die spaetere
Entwicklung gleichsam in der Nuss. Der Grieche Andronikos (vor 482
bis nach 547 272-207), spaeter als roemischer Buerger Lucius ^4 Livius
Andronicus genannt, kam in fruehem Alter im Jahre 482 (272) unter den
anderen tarentinischen Gefangenen nach Rom in den Besitz des Siegers
von Sena, Marcus Livius Salinator (Konsul 535, 547 219, 207). Sein
Sklavengewerbe war teils die Schauspielerei und Textschreiberei, teils
der Unterricht in der lateinischen und griechischen Sprache, welchen
er sowohl den Kindern seines Herrn als auch anderen Knaben vermoegender
Maenner in und ausser dem Hause erteilte; er zeichnete sich dabei so
aus, dass sein Herr ihn freigab, und selbst die Behoerde, die sich
seiner nicht selten bedient, zum Beispiel nach der gluecklichen Wendung
des Hannibalischen Krieges 547 (207) ihm die Verfertigung des
Dankliedes uebertragen hatte, aus Ruecksicht fuer ihn der Poeten- und
Schauspielerzunft einen Platz fuer ihren gemeinsamen Gottesdienst im
Minervatempel auf dem Aventin einraeumte. Seine Schriftstellerei ging
hervor aus seinem zwiefachen Gewerbe. Als Schulmeister uebersetzte er
die Odyssee ins Lateinische, um den lateinischen Text ebenso bei seinem
lateinischen wie den griechischen bei seinem griechischen Unterricht zu
Grunde zu legen; und es hat dieses aelteste roemische Schulbuch seinen
Platz im Unterricht durch Jahrhunderte behauptet. Als Schauspieler
schrieb er nicht bloss wie jeder andere sich die Texte selbst,
sondern er machte sie auch als Buecher bekannt, das heisst, er las sie
oeffentlich vor und verbreitete sie durch Abschriften. Was aber noch
wichtiger war, er setzte an die Stelle des alten wesentlich lyrischen
Buehnengedichts das griechische Drama. Es war im Jahre 514 (240),
ein Jahr nach dem Ende des Ersten Punischen Krieges, dass das erste
Schauspiel auf der roemischen Buehne aufgefuehrt ward. Diese Schoepfung
eines Epos, einer Tragoedie, einer Komoedie in roemischer Sprache und
von einem Mann, der mehr Roemer als Grieche war, war geschichtlich ein
Ereignis; von einem kuenstlerischen Wert der Arbeiten kann nicht die
Rede sein. Sie verzichten auf jeden Anspruch an Originalitaet; als
Uebersetzungen aber betrachtet, sind sie von einer Barbarei, die nur um
so empfindlicher ist, als diese Poesie nicht naiv ihre eigene
Einfalt vortraegt, sondern die hohe Kunstbildung des Nachbarvolkes
schulmeisterhaft nachstammelt. Die starken Abweichungen vom Original
sind nicht aus der Freiheit, sondern aus der Roheit der Nachdichtung
hervorgegangen; die Behandlung ist bald platt, bald schwuelstig, die
Sprache hart und verzwickt ^5. Man glaubt es ohne Muehe, was die alten
Kunstrichter versichern, dass, von den Zwangslesern in der Schule
abgesehen, keiner die Livischen Gedichte zum zweiten Male in die Hand
nahm. Dennoch wurden diese Arbeiten in mehrfacher Hinsicht massgebend
fuer die Folgezeit. Sie eroeffneten die roemische Uebersetzungsliteratur
und buergerten die griechischen Versmasse in Latium ein. Wenn dies nur
hinsichtlich der Dramen geschah und die Livische 'Odyssee' vielmehr in
dem nationalen saturnischen Masse geschrieben ward, so war der Grund
offenbar, dass die Jamben und Trochaeen der Tragoedie und Komoedie
weit leichter sich im Lateinischen nachbilden liessen als die epischen
Daktylen. -------------------------------------------------------- ^4
Die spaetere Regel, dass der Freigelassene notwendig den Vornamen des
Patrons fuehrt, gilt fuer das republikanische Rom noch nicht. ^5 In
einem der Trauerspiele des Livius hiess es: quem ego nefrendem alui
lacteam immulgens opem. Milchfuell' ein Zahnlosem melkend ihm aufnaehrt'
ich ihn. Die Homerischen Verse (Od. 12, 16) O?d' ara Kirk/e/n ex Aide/o/
elthontes el/e/thomen, alla mal' '/o/ka /e/lth' entynamen/e/. ama
d? amphipoloi pheron ayt/e/ siton kai krea polla kai aithopa oinon
erythron. aber verborgen Kehrten der Kirke wir nicht vom Hades, sondern
gar hurtig Kam sie gewaertig herbei; es trugen die dienenden Jungfraun
Brot ihr und Fleisch in Fuell' und den tiefrot funkelnden Wein her.
werden also verdolmetscht: topper citi ad aedis - venimus Circae: simul
duona coram (?) - portant ad navis. milia alia in isdem - inserinuntur.
In Eil' geschwinde kaemmen - wir zu Kirkes Hause. Zugleich vor uns die
Gueter - bringt man zu den Schiffen Auch wurden aufgeladen - tausend
andere Dinge. Am merkwuerdigsten ist nicht so sehr die Barbarei als
die Gedankenlosigkeit des Uebersetzers, der statt Kirke zum
Odysseus vielmehr den Odysseus zur Kirke schickt. Ein zweites, noch
laecherlicheres Quiproquo ist die Uebersetzung von aidoioisin ed/o/ka
(Od. 15, 373) durch lusi (Fest. v. affatim p. 11). Dergleichen ist
auch geschichtlich nicht gleichgueltig; man erkennt darin die Stufe
der Geistesbildung, auf der diese aeltesten roemischen versezimmernden
Schulmeister standen; und nebenbei auch, dass dem Andronikos, wenn er
gleich in Tarent geboren war, doch das Griechische nicht
eigentlich Muttersprache gewesen sein kann.
---------------------------------------------- Indes diese Vorstufe der
literarischen Entwicklung ward bald ueberschritten. Die Livischen Epen
und Dramen galten den Spaeteren, und ohne Zweifel mit gutem Recht,
gleich den daedalischen Statuen von bewegungs- und ausdrucksloser
Starrheit mehr als Kuriositaeten denn als Kunstwerke. In der folgenden
Generation aber baute auf den einmal festgestellten Grundlagen eine
lyrische, epische und dramatische Kunst sich auf; und auch geschichtlich
ist es von hoher Wichtigkeit, dieser poetischen Entwicklung zu folgen.
Sowohl dem Umfang der Produktion nach wie in der Wirkung auf das
Publikum stand an der Spitze der poetischen Entwicklung das Drama. Ein
stehendes Theater mit festem Eintrittsgeld gab es im Altertum nicht;
in Griechenland wie in Rom trat das Schauspiel nur als Bestandteil der
jaehrlich wiederkehrenden oder auch ausserordentlichen buergerlichen
Lustbarkeiten auf. Zu den Massregeln, wodurch die Regierung der mit
Recht besorglich erscheinenden Ausdehnung der Volksfeste entgegenwirkte
oder entgegenzuwirken sich einbildete, gehoerte es mit, dass sie die
Errichtung eines steinernen Theatergebaeudes nicht zugab ^6. Statt
dessen wurde fuer jedes Fest ein Brettergeruest mit einer Buehne fuer
die Akteure (proscaenium, pulpitum) und einem dekorierten Hintergrund
(scaena) aufgeschlagen und im Halbzirkel vor derselben der
Zuschauerplatz (cavea) abgesteckt, welcher ohne Stufen und Sitze bloss
abgeschraegt ward, so dass die Zuschauer, soweit sie nicht Sessel sich
mitbringen liessen, kauerten, lagen oder standen ^7. Die Frauen moegen
frueh abgesondert und auf die obersten und schlechtesten Plaetze
beschraenkt worden sein; sonst waren gesetzlich die Plaetze nicht
geschieden, bis man seit dem Jahre 560 (194), wie schon gesagt ward,
den Senatoren die untersten und besten Plaetze reservierte.
--------------------------------------------- ^6 Zwar wurde schon
575 (179) ein solches fuer die Apollinarischen Spiele am Flaminischen
Rennplatz erbaut (Liv. 40, 51; W. A. Becker, Topographie der Stadt Rom,
S. 605), aber wahrscheinlich bald darauf wieder niedergerissen. ^7 Noch
599 (155) gab es Sitzplaetze im Theater nicht (F. W. Ritschl, Parerga
zu Plautus und Terentius. Bd. 1. Leipzig 1845, S. XVII, XX, 214; vgl.
O. Ribbeck, Die roemische Tragoedie im Zeitalter der Republik. Leipzig
1875, S. 285); wenn dennoch nicht bloss die Verfasser der plautinischen
Prologe, sondern schon Plautus selbst mehrfach auf ein sitzendes
Publikum hindeutet (Mil. 82; 83; Aul. 4, 9, 6; Truc. a. E.; Epid. a.
E.), so muessen wohl die meisten Zuschauer sich Stuehle mitgebracht
oder sich auf den Boden gesetzt haben.
--------------------------------------------- Das Publikum war nichts
weniger als vornehm. Allerdings zogen die besseren Staende sich nicht
von den allgemeinen Volkslustbarkeiten zurueck; die Vaeter der Stadt
scheinen sogar anstandshalber verpflichtet gewesen zu sein, sich bei
denselben zu zeigen. Aber wie es im Wesen eines Buergerfestes liegt,
wurden zwar Sklaven und wohl auch Auslaender ausgeschlossen, aber jedem
Buerger mit Frau und Kindern der Zutritt unentgeltlich verstattet ^8,
und es kann darum die Zuschauerschaft nicht viel anders gewesen
sein, als wie man sie heutzutage bei oeffentlichen Feuerwerken und
Gratisvorstellungen sieht. Natuerlich ging es denn auch nicht allzu
ordentlich her: Kinder schrien, Frauen schwatzten und kreischten, hier
und da machte eine Dirne Anstalt, sich auf die Buehne zu draengen; die
Gerichtsdiener hatten an diesen Festtagen nichts weniger als Feiertag
und Gelegenheit genug hier einen Mantel abzupfaenden und da mit der Rute
zu wirken. ---------------------------------------------- ^8 Frauen und
Kinder scheinen zu allen Zeiten im roemischen Theater zugelassen worden
zu sein (Val. Man.. 6, 3, 12; Plut. Quaest. conv. 14; Cic. har. resp.
12, 24; Vitr. 5, 3, 1; Suet. Aug. 44 usw.); aber Sklaven waren von