Zwar gehoerte zu dem eigentuemlichen Gepraege dieses maechtigen

Buergersinnes auch dies, dass er durch die starre buergerliche

Einfachheit und Gleichheit waehrend des Lebens nicht unterdrueckt, aber

gezwungen ward, sich in die schweigende Brust zu verschliessen und dass

er erst nach dem Tode sich aeussern durfte; dann aber trat er auch

in dem Leichenbegaengnis des angesehenen Mannes mit einer sinnlichen

Gewaltigkeit hervor, die mehr als jede andere Erscheinung im roemischen

Leben geeignet ist, uns Spaeteren von diesem wunderbaren Roemergeist

eine Ahnung zu geben. Es war ein seltsamer Zug, dem beizuwohnen die

Buergerschaft geladen ward durch den Ruf des Weibels der Gemeinde:

"Jener Wehrmann ist Todes verblichen; wer da kann, der komme, dem Lucius

Aemilius das Geleite zu geben; er wird weggetragen aus seinem Hause".

Es eroeffneten ihn die Scharen der Klageweiber, der Musikanten und

der Taenzer, von welchen letzteren einer in Kleidung und Maske als des

Verstorbenen Konterfei erschien, auch wohl gestikulierend und agierend

den wohlbekannten Mann noch einmal der Menge vergegenwaertigte. Sodann

folgte der grossartigste und eigentuemlichste Teil dieser Feierlichkeit,

die Ahnenprozession, gegen die alles uebrige Gepraenge so verschwand,

dass wahrhaft vornehme roemische Maenner wohl ihren Erben vorschrieben,

die Leichenfeier lediglich darauf zu beschraenken. Es ist schon frueher

gesagt worden, dass von denjenigen Ahnen, die die kurulische Aedilitaet

oder ein hoeheres ordentliches Amt bekleidet hatten, die in Wachs

getriebenen und bemalten Gesichtsmasken, soweit moeglich nach dem Leben

gefertigt, aber auch fuer die fruehere Zeit bis in und ueber die der

Koenige hinauf nicht mangelnd, an den Waenden des Familiensaales in

hoelzernen Schreinen aufgestellt zu werden pflegten und als der hoechste

Schmuck des Hauses galten. Wenn ein Todesfall in der Familie eintrat,

so wurden mit diesen Gesichtsmasken und der entsprechenden Amtstracht

geeignete Leute, namentlich Schauspieler, fuer das Leichenbegaengnis

staffiert, so dass die Vorfahren, jeder in dem bei Lebzeiten von ihm

gefuehrten vornehmsten Schmuck, der Triumphator im goldgestickten, der

Zensor im purpurnen, der Konsul im purpurgesaeumten Mantel, mit ihren

Liktoren und den sonstigen Abzeichen ihres Amtes, alle zu Wagen dem

Toten das letzte Geleite gaben. Auf der mit schweren purpurnen und

goldgestickten Decken und feinen Leintuechern ueberspreiteten Bahre lag

dieser selbst, gleichfalls in dem vollen Schmuck des hoechsten von ihm

bekleideten Amtes und umgeben von den Ruestungen der von ihm erlegten

Feinde und den in Scherz und Ernst ihm gewonnenen Kraenzen. Hinter

der Bahre kamen die Leidtragenden, alle in schwarzem Gewande und ohne

Schmuck, die Soehne des Verstorbenen mit verhuelltem Haupt, die Toechter

ohne Schleier, die Verwandter. und Geschlechtsgenossen, die Freunde,

Klienten: und Freigelassenen. So ging der Zug auf den Markt. Hier wurde

die Leiche in die Hoehe gerichtet; die Ahnen stiegen von den Wagen

herab und liessen auf den kurulischen Stuehlen sich nieder, und des

verstorbenen Sohn oder der naechste Geschlechtsgenosse betrat die

Rednerbuehne, um in schlichter Aufzaehlung die Namen und Taten eines

jeden der im Kreise herumsitzenden Maenner und zuletzt die des juengst

Verstorbenen der versammelten Menge zu verlautbaren. Man mag das

Barbarensitte nennen, und eine kuenstlerisch empfindende Nation haette

freilich diese wunderliche Auferstehung der Toter, sicherlich nicht bis

in die Epoche der voll entwickelten Zivilisation hinein ertragen; aber

selbst sehr kuehle und sehr wenig ehrfuerchtig geartete Griechen, wie

zum Beispiel Polybios, liessen doch durch die grandiose Naivitaet

dieser Totenfeier sich imponieren. Zu der ernsten Feierlichkeit, zu dem

gleichfoermigen Zuge, zu der stolzen Wuerdigkeit des roemischen

Lebens gehoerte es notwendig mit, dass die abgeschiedenen Geschlechter

fortfuhren, gleichsam koerperlich unter dem gegenwaertigen zu wandeln

und dass, wenn ein Buerger, der Muehsal und der Ehren satt, zu seinen

Vaetern versammelt ward, diese Vaeter selbst auf dem Markte erschienen,

um ihn in ihrer Mitte zu empfangen. Aber man war jetzt an einem

Wendepunkt angelangt. Soweit Roms Macht sich nicht mehr auf Italien

beschraenkte, sondern weithin nach Osten und Westen uebergriff, war es

auch mit der alten italischen Eigenartigkeit vorbei und trat an deren

Stelle die hellenisierende Zivilisation. Zwar unter griechischem

Einfluss hatte Italien gestanden, seit es ueberhaupt eine Geschichte

hatte. Es ist frueher dargestellt worden, wie das jugendliche

Griechenland und das jugendliche Italien, beide mit einer gewissen

Naivitaet und Originalitaet, geistige Anregungen gaben und empfingen;

wie in spaeterer Zeit in mehr aeusserlicher Weise Rom sich die Sprache

und die Erfindungen der Griechen zum praktischen Gebrauche anzueignen

bemueht war. Aber der Hellenismus der Roemer dieser Zeit war dennoch in

seinen Ursachen wie in seinen Folgen etwas wesentlich Neues. Man fing

an, das Beduerfnis nach einem reicheren Geistesleben zu empfinden und

vor der eigenen geistigen Nichtigkeit gleichsam zu erschrecken; und

wenn selbst kuenstlerisch begabte Nationen, wie die englische und die

deutsche, in den Pausen ihrer Produktivitaet es nicht verschmaeht

haben, sich der armseligen franzoesischen Kultur als Lueckenbuesser zu

bedienen, so kann es nicht befremden, dass die italische jetzt sich mit

brennendem Eifer auf die herrlichen Schaetze wie auf den wuesten Unflat

der geistigen Entwicklung von Hellas warf. Aber es war doch noch etwas

Tieferes und Innerlicheres, was die Roemer unwiderstehlich in den

hellenischen Strudel hineinriss. Die hellenische Zivilisation nannte

wohl noch sich hellenisch, aber sie war es nicht mehr, sondern vielmehr

humanistisch und kosmopolitisch. Sie hatte auf dem geistigen Gebiete

vollstaendig und bis zu einem gewissen Grade auch politisch das Problem

geloest, aus einer Masse verschiedener Nationen ein Ganzes zu gestalten;

und indem dieselbe Aufgabe in weiteren Grenzen jetzt auf Rom ueberging,

uebernahm es mit der anderen Erbschaft Alexanders des Grossen auch den

Hellenismus. Darum ist derselbe jetzt weder bloss Anregung mehr noch

Nebensache, sondern durchdringt das innerste Mark der italischen Nation.

Natuerlich straeubte die lebenskraeftige italische Eigenartigkeit sich

gegen das fremde Element. Erst nach dem heftigsten Kampfe raeumte der

italische Bauer dem weltbuergerlichen Grossstaedter das Feld; und wie

bei uns der franzoesische Frack den germanischen Deutschrock ins Leben

gerufen hat, so hat auch der Rueckschlag des Hellenismus in Rom eine

Richtung erweckt, die sich in einer den frueheren Jahrhunderten durchaus

fremden Weise dem griechischen Einfluss prinzipiell opponierte und dabei

ziemlich haeufig in derbe Albernheiten und Laecherlichkeiten verfiel. Es

gab kein Gebiet des menschlichen Tuns und Sinnens, auf dem dieser Kampf

der alten und der neuen Weise nicht gefuehrt worden waere. Selbst die

politischen Verhaeltnisse wurden davon beherrscht. Das wunderliche

Projekt, die Hellenen zu emanzipieren, dessen wohlverdienter Schiffbruch

frueher dargestellt ward; der verwandte gleichfalls hellenische

Gedanke der Solidaritaet der Republiken den Koenigen gegenueber und die

Propaganda hellenischer Politie gegen orientalische Despotie, welche

beide zum Beispiel fuer die Behandlung Makedoniens mit massgebend

gewesen sind, sind die fixen Ideen der neuen Schule, eben wie die

Karthagerfurcht die fixe Idee der alten war; und wenn Cato die

letztere bis zur Laecherlichkeit gepredigt hat, so ward auch mit dem

Philhellenentum hier und da wenigstens ebenso albern kokettiert - so zum

Beispiel liess der Besieger des Koenigs Antiochos nicht bloss sich in

griechischer Tracht seine Bildsaeule auf dem Kapitol errichten, sondern

legte auch, statt auf gut lateinisch sich Asiaticus zu nennen, den

freilich sinn- und sprachwidrigen, aber doch praechtigen und beinahe

griechischen Beinamen Asiagenus sich zu ^1. Eine wichtigere Konsequenz

dieser Stellung der herrschenden Nation zu dem Hellenentum war es, dass

die Latinisierung in Italien ueberall, nur nicht den Hellenen gegenueber

Boden gewann. Die Griechenstaedte in Italien, soweit der Krieg sie nicht

zernichtete, blieben griechisch. In Apulien, um das die Roemer

sich freilich wenig bekuemmerten, scheint eben in dieser Epoche der

Hellenismus vollstaendig durchgedrungen zu sein und die dortige lokale

Zivilisation mit der verbluehenden hellenischen sich ins Niveau gesetzt

zu haben. Die Ueberlieferung schweigt zwar davon; aber die zahlreichen,

durchgaengig mit griechischer Aufschrift versehenen Stadtmuenzen und die

hier allein in Italien mehr schwunghaft und praechtig als geschmackvoll

betriebene Fabrikation bemalter Tongefaesse nach griechischer Art zeigen

uns Apulien vollstaendig eingegangen in griechische Art und griechische

Kunst. --------------------------------------------------- ^1 Dass

Asiagenus die urspruengliche Titulatur des Helden von Magnesia und

seiner Deszendenten war, ist durch Muenzen und Inschriften festgestellt;

wenn die kapitolinischen Fasten ihn Asiaticus nennen, so stellt sich

dies zu den mehrfach vorkommenden Spuren nicht gleichzeitiger Redaktion.

Es kann jener Beiname nichts sein als eine Korruption von Asiagen/e/s.

wie auch spaetere Schriftsteller wohl dafuer schreiben, was aber

nicht den Sieger von Asia bezeichnet, sondern den geborenen Asiaten.

---------------------------------------------------- Aber der

eigentliche Kampfplatz des Hellenismus und seiner nationalen

Antagonisten war in der gegenwaertigen Periode das Gebiet des Glaubens

und der Sitte und der Kunst und Literatur; und es darf nicht unterlassen

werden, von dieser freilich in tausenderlei Richtungen zugleich sich

bewegenden und schwer zu einer Anschauung zusammenzufassenden grossen

Prinzipienfehde eine Darstellung zu versuchen. Wie der alte einfache

Glaube noch jetzt in den Italikern lebendig war, zeigt am deutlichsten

die Bewunderung oder Verwunderung, welche dies Problem der italischen

Froemmigkeit bei den hellenischen Zeitgenossen erregte. Bei dem Zwiste

mit den Aetolern bekam es der roemische Oberfeldherr zu hoeren, dass

er waehrend der Schlacht nichts getan habe als wie ein Pfaffe beten und

opfern; wogegen Polybios mit seiner etwas platten Gescheitheit seine

Landsleute auf die politische Nuetzlichkeit dieser Gottesfurcht

aufmerksam macht und sie belehrt, dass der Staat nun einmal nicht aus

lauter klugen Leuten bestehen koenne und dergleichen Zeremonien um der

Menge willen sehr zweckmaessig seien. Aber wenn man in Italien noch

besass, was in Hellas laengst eine Antiquitaet war, eine nationale

Religion, so fing sie doch schon sichtlich an, sich zur Theologie zu

verknoechern. In nichts vielleicht tritt die beginnende Erstarrung

des Glaubens so bestimmt hervor wie in den veraenderten oekonomischen

Verhaeltnissen des Gottesdienstes und der Priesterschaft. Der

oeffentliche Gottesdienst wurde nicht bloss immer weitschichtiger,

sondern vor allem auch immer kostspieliger. Lediglich zu dem wichtigen

Zweck, die Ausrichtung der Goetterschmaeuse zu beaufsichtigen, wurde im

Jahre 558 (196) zu den drei alten Kollegien der Augurn, Pontifices und

Orakelbewahrer ein viertes der drei Schmausherren (tres viri epulones)

hinzugefuegt. Billig schmausen nicht bloss die Goetter, sondern auch

ihre Priester; neuer Stiftungen indes bedurfte es hierfuer nicht, da ein

jedes Kollegium sich seiner Schmausangelegenheiten mit Eifer und

Andacht befliss. Neben den klerikalen Gelagen fehlt auch die klerikale

Immunitaet nicht. Die Priester nahmen selbst in Zeiten schwerer

Bedraengnis es als ihr Recht in Anspruch, zu den oeffentlichen Abgaben

nicht beizutragen und liessen erst nach sehr aergerlichen Kontroversen

sich zur Nachzahlung der rueckstaendigen Steuern zwingen (558 196). Wie

fuer die Gemeinde wurde auch fuer den einzelnen Mann die Froemmigkeit

mehr und mehr ein kostspieliger Artikel. Die Sitte der Stiftungen und

ueberhaupt der Uebernahme dauernder pekuniaerer Verpflichtungen

zu religioesen Zwecken war bei den Roemern in aehnlicher Weise wie

heutzutage in den katholischen Laendern verbreitet; diese Stiftungen,

namentlich seit sie von der hoechsten geistlichen und zugleich hoechsten

Rechtsautoritaet der Gemeinde, den Pontifices, als eine auf jeden Erben

und sonstigen Erwerber des Gutes von Rechts wegen uebergehende Reallast

betrachtet wurden, fingen an, eine hoechst drueckende Vermoegenslast

zu werden - "Erbschaft ohne Opferschuld" ward bei den Roemern

sprichwoertlich gesagt, etwa wie bei uns "Rose ohne Dornen". Das

Geluebde des Zehnten der Habe wurde so gemein, dass jeden Monat ein paar

Male infolgedessen auf dem Rindermarkt in Rom oeffentliches Gastgebot

abgehalten ward. Mit dem orientalischen Kult der Goettermutter gelangten

unter anderem gottseligen Unfug auch die jaehrlich an festen Tagen

wiederkehrenden, von Haus zu Haus geheischten Pfennigkollekten

(stipem cogere) nach Rom. Endlich die untergeordnete Priester- und

Prophetenschaft gab wie billig nichts fuer nichts; und es ist ohne

Zweifel aus dem Leben gegriffen, wenn auf der roemischen Buehne in

der ehelichen Gardinenkonversation neben der Kuechen-, Hebammen- und

Praesentenrechnung auch das fromme Konto mit erscheint: Gleichfalls,

Mann, muss ich was haben auf den naechsten Feiertag Fuer die Kuesterin,

fuer die Wahrsagerin, fuer die Traum- und die kluge Frau; Saehst du nur,

wie die mich anguckt! Eine Schand' ist's, schick' ich nichts. Auch der

Opferfrau durchaus mal geben muss ich ordentlich. Man schuf zwar in

dieser Zeit in Rom nicht wie frueher einen Silber- so jetzt einen

Goldgott; aber in der Tat regierte er dennoch in den hoechsten wie

in den niedrigsten Kreisen des religioesen Lebens. Der alte Stolz

der latinischen Landesreligion, die Billigkeit ihrer oekonomischen

Anforderungen, war unwiederbringlich dahin. Aber gleichzeitig war es

auch mit der alten Einfachheit aus. Das Bastardkind von Vernunft

und Glauben, die Theologie, war bereits geschaeftig, die ihr eigene

beschwerliche Weitlaeufigkeit und feierliche Gedankenlosigkeit in den

alten Landesglauben hinein und dessen Geist damit auszutreiben. Der

Katalog der Verpflichtungen und Vorrechte des Jupiterpriesters zum

Beispiel koennte fueglich im Talmud stehen. Mit der natuerlichen Regel,

dass nur die fehlerlos verrichtete religioese Pflicht den Goettern

genehm sei, trieb man es praktisch so weit, dass ein einzelnes

Opfer wegen wieder und wieder begangener Versehen bis dreissigmal

hintereinander wiederholt wird, dass die Spiele, die ja auch

Gottesdienst waren, wenn der leitende Beamte sich versprochen oder

vergriffen oder die Musik einmal eine unrichtige Pause gemacht hatte,

als nicht geschehen galten und von vorne, oft mehrere, ja bis zu

sieben Malen hintereinander wieder begonnen werden massten. In

dieser Uebertreibung der Gewissenhaftigkeit liegt an sich schon ihre

Erstarrung; und die Reaktion dagegen, die Gleichgueltigkeit und der

Unglaube liessen auch nicht auf sich warten. Schon im Ersten Punischen

Kriege (505 249) kam es vor, dass mit den vor der Schlacht zu

befragenden Auspizien der Konsul selber offenkundigen Spott trieb -

freilich ein Konsul aus dem absonderlichen und im Guten und Boesen der

Zeit voraneilenden Geschlecht der Claudier. Gegen das Ende dieser Epoche

werden schon Klagen laut, dass die Augurallehre vernachlaessigt

werde und dass, mit Cato zu reden, eine Menge alter Vogelkunden und

Vogelschauungen durch die Traegheit des Kollegiums in Vergessenheit

geraten sei. Ein Augur wie Lucius Paullus, der in dem Priestertum

eine Wissenschaft und nicht einen Titel sah, war bereits eine seltene

Ausnahme und musste es auch wohl sein, wenn die Regierung immer offener

und ungescheuter die Auspizien zur Durchsetzung ihrer politischen

Absichten benutzte, das heisst die Landesreligion nach Polybios'

Auffassung als einen zur Prellung des grossen Publikums brauchbaren

Aberglauben behandelte. Wo also vorgearbeitet war, fand die

hellenistische Irreligiositaet offene Bahn. Mit der beginnenden

Kunstliebhaberei fingen schon zu Catos Zeit die heiligen Bildnisse

der Goetter an, die Zimmer der Reichen gleich anderem Hausgeraet zu

schmuecken. Gefaehrlichere Wunden schlug der Religion die beginnende

Literatur. Zwar offene Angriffe durfte sie nicht wagen, und was geradezu

durch sie zu den religioesen Vorstellungen hinzukam, wie zum Beispiel

durch Ennius, der in Nachbildung des griechischen Uranos dem roemischen

Saturnus geschoepfte Vater Caelus, war wohl auch hellenistisch, aber

nicht von grosser Bedeutung. Folgenreich dagegen war die Verbreitung

der Epicharmischen und Euhemeristischen Lehren in Rom. Die poetische

Philosophie, welche die spaeteren Pythagoreer aus den Schriften des

alten sizilischen Lustspieldichters Epicharmos von Megara (um 280 470)

ausgezogen oder vielmehr, wenigstens groesstenteils, ihm untergeschoben

hatten, sah in den griechischen Goettern Natursubstanzen, in Zeus die

Luft, in der Seele ein Sonnenstaeubchen und so weiter; insofern diese

Naturphilosophie, aehnlich wie in spaeterer Zeit die stoische Lehre,

in ihren allgemeinsten Grundzuegen der roemischen Religion

wahlverwandt war, war sie geeignet, die allegorisierende Aufloesung der

Landesreligion einzuleiten. Eine historisierende Zersetzung der Religion

lieferten die "heiligen Memoiren" des Euhemeros von Messene (um 450

300), die in Form von Berichten ueber die von dem Verfasser in das

wunderbare Ausland getanen Reisen die von den sogenannten Goettern

umlaufenden Nachrichten gruendlich und urkundlich sichteten und im

Resultat darauf hinausliefen, dass es Goetter weder gegeben habe noch

gebe. Zur Charakteristik des Buches mag das eine genuegen, dass die

Geschichte von Kronos' Kinderverschlingung erklaert wird aus der

in aeltester Zeit bestehenden und durch Koenig Zeus abgeschafften

Menschenfresserei. Trotz oder auch durch seine Plattheit und

Tendenzmacherei machte das Produkt in Griechenland ein unverdientes

Glueck und half in Gemeinschaft mit den gangbaren Philosophien dort

die tote Religion begraben. Es ist ein merkwuerdiges Zeichen des

ausgesprochenen und wohlbewussten Antagonismus zwischen der Religion und

der neuen Literatur, dass bereits Ennius diese notorisch destruktiven

Epicharmischen und Euhemeristischen Schriften ins Lateinische

uebertrug. Die Uebersetzer moegen vor der roemischen Polizei sich damit

gerechtfertigt haben, dass die Angriffe sich nur gegen die griechischen

und nicht gegen die latinischen Goetter wandten; aber die Ausrede war

ziemlich durchsichtig. In seinem Sinne hatte Cato ganz recht, diese

Tendenzen, wo immer sie ihm vorkamen, ohne Unterschied mit der

ihm eigenen Bitterkeit zu verfolgen und auch den Sokrates einen

Sittenverderber und Religionsfrevler zu heissen. So ging es mit der

alten Landesreligion zusehends auf die Neige; und wie man die maechtigen

Staemme des Urwaldes rodete, bedeckte sich der Boden mit wucherndem

Domgestruepp und bis dahin nicht gesehenem Unkraut. Inlaendischer

Aberglaube und auslaendische Afterweisheit gingen buntscheckig durch-,

neben- und gegeneinander. Kein italischer Stamm blieb frei von der

Umwandlung alten Glaubens in neuen Aberglauben. Wie bei den Etruskern

die Gedaerme- und Blitzweisheit, so stand bei den Sabellern, besonders

den Marsern, die freie Kunst des Vogelguckens und Schlangenbeschwoerens

in ueppigem Flor. Sogar bei der latinischen Nation, ja in Rom selbst

begegnen, obwohl hier verhaeltnismaessig am wenigsten, doch auch

aehnliche Erscheinungen - so die praenestinischen Spruchlose und in

Rom im Jahre 573 (181) die merkwuerdige Entdeckung des Grabes und der

hinterlassenen Schriften des Koenigs Numa, welche ganz unerhoerten und

seltsamen Gottesdienst vorgeschrieben haben sollen. Mehr als dies

und dass die Buecher sehr neu ausgesehen haetten, erfuhren die

Glaubensdurstigen zu ihrem Leidwesen nicht; denn der Senat legte die

Hand auf den Schatz und liess die Rollen kurzweg ins Feuer werfen.

Die inlaendische Fabrikation reichte also vollkommen aus, um jeden

billigerweise zu verlangenden Bedarf von Unsinn zu decken; allein man

war weit entfernt, sich daran genuegen zu lassen. Der damalige,

bereits denationalisierte und von orientalischer Mystik durchdrungene

Hellenismus brachte wie den Unglauben so auch den Aberglauben in seinen

aergerlichsten und gefaehrlichsten Gestaltungen nach Italien, und eben

als auslaendischer hatte dieser Schwindel noch einen ganz besonderen

Reiz. Die chaldaeischen Astrologen und Nativitaetensteller waren

schon im sechsten Jahrhundert durch ganz Italien verbreitet; noch weit

bedeutender aber, ja weltgeschichtlich epochemachend war die Aufnahme

der phrygischen Goettermutter unter die oeffentlich anerkannten Goetter

der roemischen Gemeinde, zu der die Regierung waehrend der letzten

bangen Jahre des Hannibalischen Krieges (550 204) sich hatte verstehen

muessen. Es ging deswegen eine eigene Gesandtschaft nach Pessinus, einer

Stadt des kleinasiatischen Keltenlandes, und der raube Feldstein, den

die dortige Priesterschaft als die richtige Mutter Kybele den Fremden

freigebig verehrte, ward mit unerhoertem Gepraenge von der Gemeinde

eingeholt, ja es wurden zur ewigen Erinnerung an das froehliche Ereignis

unter den hoeheren Staenden Klubgesellschaften mit umgehender

Bewirtung der Mitglieder untereinander gestiftet, welche das beginnende

Cliquentreiben wesentlich gefoerdert zu haben scheinen. Mit der

Konzessionierung dieses Kybelekultes fusste die Gottesverehrung der

Orientalen offiziell Fuss in Rom, und wenn auch die Regierung noch

streng darauf hielt, dass die Kastratenpriester der neuen Goetter Kelten

(Galli), wie sie hiessen, auch blieben und noch kein roemischer Buerger

zu diesem frommen Eunuchentum sich hergab, so musste dennoch der wueste

Apparat der "Grossen Mutter", diese, mit dem Obereunuchen an der Spitze

unter fremdlaendischer Musik von Pfeifen und Pauken in orientalischer

Kleiderpracht durch die Gassen aufziehende und von Haus zu Haus

bettelnde Priesterschaft und das ganze sinnlich-moenchische Treiben vom

wesentlichsten Einfluss auf die Stimmung und Anschauung des Volkes sein.

Wohin das fuehrte, zeigte sich nur zu rasch und nur zu schrecklich.

Wenige Jahre spaeter (568 186) kam eine Muckerwirtschaft der

scheusslichsten Art bei den roemischen Behoerden zur Anzeige, eine

geheime naechtliche Feier zu Ehren des Gottes Bakchos, die durch einen

griechischen Pfaffen zuerst nach Etrurien gekommen war und, wie ein

Krebsschaden um sich fressend, sich rasch nach Rom und ueber ganz

Italien verbreitet, ueberall die Familien zerruettet und die aergsten

Verbrechen, unerhoerte Unzucht, Testamentsfaelschungen, Giftmorde

hervorgerufen hatte. Ueber 7000 Menschen wurden deswegen kriminell,

grossenteils mit dem Tode bestraft und strenge Vorschriften fuer die

Zukunft erlassen; dennoch gelang es nicht, der Wirtschaft Herr zu

werden, und sechs Jahre spaeter (574 180) klagte der betreffende Beamte,

dass wieder 3000 Menschen verurteilt seien und noch kein Ende sich

absehen lasse. Natuerlich waren in der Verdammung dieser ebenso

unsinnigen wie gemeinschaedlichen Afterfroemmigkeit alle vernuenftigen

Leute sich einig; die altglaeubigen Frommen wie die Angehoerigen der

hellenischen Aufklaerung trafen hier im Spott wie im Aerger zusammen.

Cato setzte seinem Wirtschafter in die Instruktion, "dass er ohne

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 42 / 51 段