Umpraegung des alten Koeniggeldes. ^6 Wenn das makedonische Gemeinwesen
durch die Roemer der "herrschaftlichen Auflagen und Abgaben entlastet
ward" (Polyb. 37, 4), so braucht deshalb noch nicht notwendig ein
spaeterer Erlass dieser Steuer angenommen zu werden; es genuegt zur
Erklaerung von Polybios' Worten, dass die bisher herrschaftliche jetzt
Gemeindesteuer ward. Der Fortbestand der der Provinz Makedonien von
Paullus gegebenen Verfassung bis wenigstens in die augustische Zeit
(Liv. 45, 32; Iust. 33, 2) wuerde freilich sich auch mit dem Erlass der
Steuer vereinigen lassen. ---------------------------------------- Man
erreichte seinen Zweck. Das makedonische Land hat zweimal noch auf den
Ruf von Prinzen aus dem alten Herrscherhause zu den Waffen gegriffen,
und ist uebrigens von jener Zeit bis auf den heutigen Tag ohne
Geschichte geblieben. Aehnlich ward Illyrien behandelt. Das Reich des
Genthios ward in drei kleine Freistaaten zerschnitten; auch hier zahlten
die Ansaessigen die Haelfte der bisherigen Grundsteuer an ihre neuen
Herren, mit Ausnahme der Staedte, die es mit den Roemern gehalten hatten
und dafuer Grundsteuerfreiheit erhielten - eine Ausnahme, die zu machen
Makedonien keine Veranlassung bot. Die illyrische Piratenflotte ward
konfisziert und den angeseheneren griechischen Gemeinden an dieser
Kueste geschenkt. Die ewigen Quaelereien, welche die Illyrier den
Nachbarn namentlich durch ihre Korsaren zufuegten, hatten hiermit
wenigstens auf lange hinaus ein Ende. Kotys in Thrakien, der schwer
zu erreichen und gelegentlich gegen Eumenes zu brauchen war, erhielt
Verzeihung und seinen gefangenen Sohn zurueck. So waren die noerdlichen
Verhaeltnisse geordnet und auch Makedonien endlich von dem Joch der
Monarchie erloest - in der Tat, Griechenland war freier als je, ein
Koenig nirgend mehr vorhanden. Aber man beschraenkte sich nicht
darauf, Makedonien Sehnen und Nerven zu zerschneiden. Es war im Senat
beschlossen, die saemtlichen hellenischen Staaten, Freund und Feind,
ein fuer allemal unschaedlich zu machen und sie miteinander in
dieselbe demuetige Klientel hinabzudruecken. Die Sache selbst mag sich
rechtfertigen lassen; allein die Art der Ausfuehrung namentlich gegen
die maechtigeren unter den griechischen Klientelstaaten ist einer
Grossmacht nicht wuerdig und zeigt, dass die Epoche der Fabier
und Scipionen zu Ende ist. Am schwersten traf dieser Rollenwechsel
denjenigen Staat, der von Rom geschaffen und grossgezogen war, um
Makedonien im Zaum zu halten, und dessen man jetzt nach Makedoniens
Vernichtung freilich nicht mehr bedurfte, das Reich der Attaliden.
Es war nicht leicht, gegen den klugen und besonnenen Eumenes einen
ertraeglichen Vorwand zu finden, um ihn aus seiner bevorzugten Stellung
zu verdraengen und ihn in Ungnade fallen zu lassen. Auf einmal kamen
um die Zeit, da die Roemer im Lager bei Herakleion standen, seltsame
Geruechte ueber ihn in Umlauf; er stehe mit Perseus im heimlichen
Verkehr; ploetzlich sei seine Flotte wie weggeweht gewesen; fuer seine
Nichtteilnahme am Feldzug seien ihm 500, fuer die Vermittlung des
Friedens 1500 Talente geboten worden, und nur an Perseus' Geiz habe sich
der Vertrag zerschlagen. Was die pergamenische Flotte anlangt, so ging
der Koenig mit ihr, als die roemische sich ins Winterquartier begab,
gleichfalls heim, nachdem er dem Konsul seine Aufwartung gemacht hatte.
Die Bestechungsgeschichte ist so sicher ein Maerchen wie nur irgendeine
heutige Zeitungsente; denn dass der reiche, schlaue und konsequente
Attalide, der den Bruch zwischen Rom und Makedonien durch seine Reise
582 (172) zunaechst veranlasst hatte, und fast deswegen von Perseus'
Banditen ermordet worden waere, in dem Augenblick, wo die wesentlichen
Schwierigkeiten eines Krieges ueberwunden waren, an dessen endlichem
Ausgang er ueberdies nie ernstlich gezweifelt haben konnte, dass er
seinen Anteil an der Beute seinem Moerder um einige Talente verkauft
und das Werk langer Jahre an eine solche Erbaermlichkeit gesetzt haben
sollte, ist denn doch nicht bloss gelogen, sondern sehr albern gelogen.
Dass kein Beweis weder in Perseus' Papieren noch sonst sich vorfand, ist
sicher genug; denn selbst die Roemer wagten nicht, jene Verdaechtigungen
laut auszusprechen. Aber sie hatten ihren Zweck. Was man wollte, zeigt
das Benehmen der roemischen Grossen gegen Attalos, Eumenes' Bruder, der
die pergamenischen Hilfstruppen in Griechenland befehligt hatte. Mit
offenen Armen ward der wackere und treue Kamerad in Rom empfangen und
aufgefordert, nicht fuer seinen Bruder, sondern fuer sich zu bitten
- gern werde der Senat ihm ein eigenes Reich gewaehren, Attalos erbat
nichts als Aenos und Maroneia. Der Senat meinte, dass dies nur eine
vorlaeufige Bitte sei und gestand sie mit grosser Artigkeit zu. Als er
aber abreiste, ohne weitere Forderungen gestellt zu haben, und der Senat
zu der Einsicht kam, dass die pergamenische Regentenfamilie unter sich
nicht so lebe, wie es in den fuerstlichen Haeusern hergebracht war,
wurden Aenos und Maroneia zu Freistaedten erklaert. Nicht einen
Fussbreit Landes erhielten die Pergamener von der makedonischen Beute;
hatte man nach Antiochos' Besiegung Philippos gegenueber noch die Formen
geschont, so wollte man jetzt verletzen und demuetigen. Um diese Zeit
scheint der Senat Pamphylien, ueber dessen Besitz Eumenes und Antiochos
bisher gestritten, unabhaengig erklaert zu haben. Wichtiger war es, dass
die Galater, bisher im wesentlichen in der Gewalt des Eumenes, nachdem
derselbe den pontischen Koenig mit Waffengewalt aus Galatien vertrieben
und im Frieden ihm die Zusage abgenoetigt hatte, mit den galatischen
Fuersten keine Verbindung ferner unterhalten zu wollen, jetzt, ohne
Zweifel rechnend auf die zwischen Eumenes und den Roemern eingetretene
Spannung, wenn nicht geradezu von diesen veranlasst, sich gegen Eumenes
erhoben, sein Reich ueberschwemmten und ihn in grosse Gefahr brachten.
Eumenes erbat die roemische Vermittlung; der roemische Gesandte war
dazu bereit, meinte aber, dass Attalos, der das pergamenische Heer
befehligte, besser nicht mitgehe, um die Wilden nicht zu verstimmen, und
merkwuerdigerweise richtete er gar nichts aus, ja er erzaehlte bei der
Rueckkehr, dass seine Vermittlung die Wilden erst recht erbittert habe.
Es waehrte nicht lange, so ward die Unabhaengigkeit der Galater von dem
Senat ausdruecklich anerkannt und gewaehrleistet. Eumenes entschloss
sich, persoenlich nach Rom zu gehen und im Senat seine Sache zu fuehren.
Da beschloss dieser ploetzlich, wie vom boesen Gewissen geplagt,
dass Koenige kuenftig nicht mehr nach Rom sollten kommen duerfen,
und schickte ihm nach Brundisium einen Quaestor entgegen, ihm diesen
Senatsbeschluss vorzulegen, ihn zu fragen, was er wolle, und ihm
anzudeuten, dass man seine schleunige Abreise gern sehen werde. Der
Koenig schwieg lange; er begehre, sagte er endlich, weiter nichts
und schiffte sich wieder ein. Er sah, wie es stand: die Epoche der
halbmaechtigen und halbfreien Bundesgenossenschaft war zu Ende; es
begann die der ohnmaechtigen Untertaenigkeit. Aehnlich erging es den
Rhodiern. Ihre Stellung war ungemein bevorzugt; sie standen mit
Rom nicht in eigentlicher Symmachie, sondern in einem gleichen
Freundschaftsverhaeltnis, das sie nicht hinderte, Buendnisse jeder
Art einzugehen und nicht noetigte, den Roemern auf Verlangen Zuzug
zu leisten. Vermutlich war eben dies die letzte Ursache, weshalb ihr
Einverstaendnis mit Rom schon seit einiger Zeit getruebt war. Die ersten
Zerwuerfnisse mit Rom hatten stattgefunden infolge des Aufstandes
der nach Antiochos' Ueberwindung ihnen zugeteilten Lykier gegen ihre
Zwingherren, die sie (576 178) als abtruennige Untertanen in grausamer
Weise knechteten; diese aber behaupteten, nicht Untertanen, sondern
Bundesgenossen der Rhodier zu sein und drangen damit im roemischen
Senat durch, als derselbe aufgefordert war, den zweifelhaften Sinn
des Friedensinstruments festzustellen. Hierbei hatte indes ein
gerechtfertigtes Mitleid mit den, arg gedrueckten Leuten wohl das meiste
getan; wenigstens geschah von Rom nichts weiter, und man liess diesen
wie anderen hellenischen Hader gehen. Als der Krieg mit Perseus
ausbrach, sahen ihn die Rhodier zwar wie alle uebrigen verstaendigen
Griechen ungern, und namentlich Eumenes als Anstifter desselben war
uebel berufen, so dass sogar seine Festgesandtschaft bei der Heliosfeier
in Rhodos abgewiesen ward. Allein dies hinderte sie nicht, fest an Rom
zu halten und die makedonische Partei, die es wie allerorts so auch
in Rhodos gab, nicht an das Ruder zu lassen; die noch 585 (169) ihnen
erteilte Erlaubnis, Getreide aus Sizilien auszufuehren, beweist die
Fortdauer des guten Vernehmens mit Rom. Ploetzlich erschienen kurz vor
der Schlacht bei Pydna rhodische Gesandte im roemischen Hauptquartier
und im roemischen Senat mit der Erklaerung, dass die Rhodier nicht
laenger diesen Krieg dulden wuerden, der auf ihren makedonischen Handel
und auf die Hafeneinnahme druecke, und dass sie der Partei, die sich
weigere, Frieden zu schliessen, selbst den Krieg zu erklaeren gesonnen
seien, auch zu diesem Ende bereits mit Kreta und mit den asiatischen
Staedten ein Buendnis abgeschlossen haetten. In einer Republik mit
Urversammlungen ist vieles moeglich; aber diese wahnsinnige Intervention
einer Handelsstadt, die erst beschlossen sein kann, als man in Rhodos
den Fall des Tempepasses kannte, verlangt eine naehere Erklaerung. Den
Schluessel gibt die wohl beglaubigte Nachricht, dass der Konsul Quintus
Marcius, jener Meister der "neumodischen Diplomatie", im Lager bei
Herakleion, also nach Besetzung des Tempepasses, den rhodischen
Gesandten Agepolis mit Artigkeiten ueberhaeuft und ihn unter der Hand
ersucht hatte, den Frieden zu vermitteln. Republikanische Verkehrtheit
und Eitelkeit taten das uebrige; man meinte, die Roemer gaeben sich
verloren, man haette gern zwischen vier Grossmaechten zugleich den
Vermittler gespielt - Verbindungen mit Perseus spannen sich an;
rhodische Gesandte von makedonischer Gesinnung sagten mehr, als sie
sagen sollten; und man war gefangen. Der Senat, der ohne Zweifel
groesstenteils selbst von jenen Intrigen nichts wusste, vernahm die
wundersame Botschaft mit begreiflicher Indignation und war erfreut ueber
die gute Gelegenheit zur Demuetigung der uebermuetigen Kaufstadt.
Ein kriegslustiger Praetor ging gar so weit, bei dem Volk die
Kriegserklaerung gegen Rhodos zu beantragen. Umsonst beschworen die
rhodischen Gesandten einmal ueber das andere kniefaellig den Senat, der
hundertundvierzigjaehrigen Freundschaft mehr als des einen Verstosses
zu gedenken; umsonst schickten sie die Haeupter der makedonischen Partei
auf das Schafott oder nach Rom; umsonst sandten sie einen schweren
Goldkranz zum Dank fuer die unterbliebene Kriegserklaerung. Der ehrliche
Cato bewies zwar, dass die Rhodier eigentlich gar nichts verbrochen
haetten und fragte, ob man anfangen wolle, Wuensche und Gedanken zu
strafen und ob man den Voelkern die Besorgnis verargen koenne, dass die
Roemer sich alles erlauben moechten, wenn sie niemanden mehr fuerchten
wuerden. Seine Worte und Warnungen waren vergeblich. Der Senat nahm den
Rhodiern ihre Besitzungen auf dem Festland, die einen jaehrlichen Ertrag
von 120 Talenten (200000 Taler) abwarfen. Schwerer noch fielen die
Schlaege gegen den rhodischen Handel. Schon die Verbote der Salzeinfuhr
nach und der Ausfuhr von Schiffbauholz aus Makedonien scheinen gegen
Rhodos gerichtet. Unmittelbarer noch traf den rhodischen Handel die
Errichtung des delischen Freihafens; der rhodische Hafenzoll, der bis
dahin jaehrlich 1 Mill. Drachmen (286000 Taler) abgeworfen hatte, sank
in kuerzester Zeit auf 150000 Drachmen (43000 Taler). Ueberhaupt aber
waren die Rhodier in ihrer Freiheit und dadurch in ihrer freien und
kuehnen Handelspolitik gelaehmt, und der Staat fing an zu siechen.
Selbst das erbetene Buendnis ward anfangs abgeschlagen und erst 590
(164) nach wiederholten Bitten erneuert. Die gleich schuldigen, aber
machtlosen Kreter kamen mit einem derben Verweis davon. Mit Syrien und
Aegypten konnte man kuerzer zu Werke gehen. Zwischen beiden war Krieg
ausgebrochen, wieder einmal ueber Koilesyrien und Palaestina. Nach der
Behauptung der Aegypter waren diese Provinzen bei der Vermaehlung der
syrischen Kleopatra an Aegypten abgetreten worden; was der Hof von
Babylon indes, der sich im faktischen Besitz befand, in Abrede stellte.
Wie es scheint, gab die Anweisung der Mitgift auf die Steuern der
koilesyrischen Staedte die Veranlassung zu dem Hader und war das Recht
auf syrischer Seite; den Ausbruch des Krieges veranlasste der Tod der
Kleopatra im Jahr 581 (173), mit dem spaetestens die Rentenzahlungen
aufhoerten. Der Krieg scheint von Aegypten begonnen zu sein; allein
auch Koenig Antiochos Epiphanes ergriff die Gelegenheit gern, um das
traditionelle Ziel der Seleukidenpolitik, die Erwerbung Aegyptens,
waehrend der Beschaeftigung der Roemer in Makedonien noch einmal -
es sollte das letzte Mal sein - anzustreben. Das Glueck schien ihm
guenstig. Der damalige Koenig von Aegypten, Ptolemaeos VI. Philometor,
der Sohn jener Kleopatra, hatte kaum das Knabenalter ueberschritten
und war schlecht beraten; nach einem grossen Sieg an der
syrisch-aegyptischen Grenze konnte Antiochos in demselben Jahr, in
welchem die Legionen in Griechenland landeten (583 171), in das Gebiet
seines Neffen einruecken und bald war dieser selbst in seiner Gewalt. Es
gewann den Anschein, als gedenke Antiochos unter Philometors Namen,
sich in den Besitz von ganz Aegypten zu setzen; Alexandreia schloss ihm
deshalb die Tore, setzte den Philometor ab und ernannte an seiner Stelle
den juengeren Bruder, Euergetes II. oder der Dicke genannt, zum Koenig.
Unruhen in seinem Reiche riefen den syrischen Koenig aus Aegypten
ab; als er zurueckkam, hatten in seiner Abwesenheit die Brueder sich
miteinander vertragen, und er setzte nun gegen beide den Krieg fort. Wie
er eben vor Alexandreia stand, nicht lange nach der Schlacht von Pydna
(586 168), traf ihn der roemische Gesandte Gaius Popillius, ein harter,
barscher Mann, und insinuierte ihm den Befehl des Senats, alles Eroberte
zurueckzugeben und Aegypten in einer bestimmten Frist zu raeumen. Der
Koenig erbat sich Bedenkzeit; aber der Konsular zog mit dem Stabe
einen Kreis um ihn und hiess ihn sich erklaeren, bevor er den Kreis
ueberschreite. Antiochos erwiderte, dass er gehorche und zog ab nach
seiner Residenz, um dort als der Gott, der glaenzende Siegbringer, der
er war, die Bezwingung Aegyptens nach roemischer Sitte zu feiern und den
Triumph des Paullus zu parodieren. Aegypten fuegte sich freiwillig
in die roemische Klientel; aber auch die Koenige von Babylon standen
hiermit ab von dem letzten Versuch, ihre Unabhaengigkeit gegen Rom
zu behaupten. Wie Makedonien im Krieg des Perseus, so machten die
Seleukiden im koilesyrischen den gleichen und gleich letzten Versuch,
sich ihre ehemalige Macht wiederzugewinnen; aber es ist bezeichnend
fuer den Unterschied der beiden Reiche, dass dort die Legionen, hier das
barsche Wort eines Diplomaten entschied. In Griechenland selbst waren
als Verbuendete des Perseus, nachdem die boeotischen Staedte schon
mehr als genug gebuesst hatten, nur noch die Molotter zu strafen. Auf
geheimen Befehl des Senats gab Paullus an einem Tage siebzig Ortschaften
in Epeiros der Pluenderung preis und verkaufte die Einwohner, 150000
an der Zahl, in die Sklaverei. Die Aetoler verloren Amphipolis, die
Akarnanen Leukas wegen ihres zweideutigen Benehmens; wogegen die
Athener, die fortfuhren, den bettelnden Poeten ihres Aristophanes zu
spielen, nicht bloss Delos und Lemnos geschenkt erhielten, sondern
sogar sich nicht schaemten, um die oede Staette von Haliartos zu
petitionieren, die ihnen denn auch zuteil ward. So war etwas fuer die
Musen geschehen, aber mehr war zu tun fuer die Justiz. Eine makedonische
Partei gab es in jeder Stadt und also begannen durch ganz Griechenland
die Hochverratsprozesse. Wer in Perseus' Heer gedient hatte, ward sofort
hingerichtet; nach Rom ward beschieden, wen die Papiere des Koenigs
oder die Angabe der zum Denunzieren herbeistroemenden politischen Gegner
konpromittierten - der Achaeer Kallikrates und der Aetoler Lykiskos
zeichneten sich aus in diesem Gewerbe. So wurden die namhafteren
Patrioten unter den Thessalern, Aetolern, Akarnanen, Lesbiern und so
weiter aus der Heimat entfernt; namentlich aber ueber tausend Achaeer,
wobei man nicht so sehr den Zweck verfolgte, den weggefuehrten Leuten
den Prozess, als die kindische Opposition der Hellenen mundtot zu
machen. Den Achaeern, die wie gewoehnlich sich nicht zufrieden gaben,
bis sie die Antwort hatten, die sie ahnten, erklaerte der Senat,
ermuedet durch die ewigen Bitten um Einleitung der Untersuchung, endlich
rundheraus, dass bis auf weiter die Leute in Italien bleiben wuerden.
Sie wurden hier in den Landstaedten interniert und leidlich gehalten,
Fluchtversuche indes mit dem Tode bestraft; aehnlich wird die Lage der
aus Makedonien weggefuehrten ehemaligen Beamten gewesen sein. Wie die
Dinge einmal standen, war dieser Ausweg, so gewaltsam er war, noch der
ertraeglichste und die enragierten Griechen der Roemerpartei sehr wenig
zufrieden damit, dass man nicht haeufiger koepfte. Lykiskos hatte es
deshalb zweckmaessig gefunden, in der Ratsversammlung vorlaeufig 500
der vornehmsten Maenner der aetolischen Patriotenpartei niederstossen
zu lassen; die roemische Kommission, die den Menschen brauchte, liess
es hingehen und tadelte nur, dass man diesen hellenischen Landesgebrauch
durch roemische Soldaten habe vollstrecken lassen. Aber man darf
glauben, dass sie zum Teil, um solche Greuel abzuschneiden, jenes
italische Internierungssystem aufstellte. Da ueberhaupt im eigentlichen
Griechenland keine Macht auch nur von der Bedeutung von Rhodos oder
Pergamon bestand, so bedurfte es hier einer Demuetigung weiter nicht,
sondern was man tat, geschah nur, um Gerechtigkeit, freilich im
roemischen Sinne, zu ueben und die aergerlichsten Ausbrueche des
Parteihaders zu beseitigen. Es waren hiermit die hellenistischen Staaten
saemtlich der roemischen Klientel vollstaendig untertan geworden und das
gesamte Reich Alexanders des Grossen, gleich als waere die Stadt seiner
Erben Erbe geworden, an die roemische Buergergemeinde gefallen. Von
allen Seiten stroemten die Koenige und die Gesandten nach Rom, um Glueck
zu wuenschen, und es zeigte sich, dass niemals kriechender geschmeichelt
wird, als wenn Koenige antichambrieren. Koenig Massinissa, der nur auf
ausdruecklichen Befehl davon abgestanden war, selber zu erscheinen,
liess durch seinen Sohn erklaeren, dass er sich nur als den Nutzniesser,
die Roemer aber als die wahren Eigentuemer seines Reiches betrachte und
dass er stets mit dem zufrieden sein werde, was sie ihm uebrig lassen
wuerden. Darin war wenigstens Wahrheit. Koenig Prusias von Bithynien
aber, der seine Neutralitaet abzubuessen hatte, trug die Palme in diesem
Wettkampf davon; er fiel auf sein Antlitz nieder, als er in den Senat
gefuehrt ward, und huldigte den "rettenden Goettern". Da er so sehr
veraechtlich war, sagt Polybios, gab man ihm eine artige Antwort und
schenkte ihm die Flotte des Perseus. Der Augenblick wenigstens fuer
solche Huldigungen war wohlgewaehlt. Von der Schlacht von Pydna rechnet
Polybios die Vollendung der roemischen Weltherrschaft. Sie ist in der
Tat die letzte Schlacht, in der ein zivilisierter Staat als ebenbuertige
Grossmacht Rom auf der Walstatt gegenuebergetreten ist; alle spaeteren
Kaempfe sind Rebellionen oder Kriege gegen Voelker, die ausserhalb des
Kreises der roemisch-griechischen Zivilisation stehen, gegen sogenannte
Barbaren. Die ganze zivilisierte Welt erkennt fortan in dem roemischen
Senat den obersten Gerichtshof, dessen Kommissionen in letzter Instanz
zwischen Koenigen und Voelkern entscheiden, um dessen Sprache und
Sitte sich anzueignen fremde Prinzen und vornehme junge Maenner in Rom
verweilen. Ein klarer und ernstlicher Versuch, sich dieser Herrschaft zu
entledigen, ist in der Tat nur ein einziges Mal gemacht worden, von dem
grossen Mithradates von Pontos. Die Schlacht bei Pydna bezeichnet aber
auch zugleich den letzten Moment, wo der Senat noch festhaelt an der
Staatsmaxime, wo irgend moeglich jenseits der italischen Meere keine
Besitzungen und keine Besatzungen zu uebernehmen, sondern jene zahllosen
Klientelstaaten durch die blosse politische Suprematie in Ordnung zu
halten. Dieselben durften also weder sich in voellige Schwaeche und
Anarchie aufloesen, wie es dennoch in Griechenland geschah, noch aus
ihrer halbfreien Stellung sich zur vollen Unabhaengigkeit entwickeln,
wie es doch nicht ohne Erfolg Makedonien versuchte. Kein Staat durfte
ganz zugrunde gehen, aber auch keiner sich auf eigene Fuesse stellen;
weshalb der besiegte Feind wenigstens die gleiche, oft eine
bessere Stellung bei den roemischen Diplomaten hatte als der treue
Bundesgenosse, und der Geschlagene zwar aufgerichtet, aber wer selber
sich aufrichtete, erniedrigt ward - die Aetoler, Makedonien nach dem
Asiatischen Krieg, Rhodos, Pergamon machten die Erfahrung. Aber diese
Beschuetzerrolle ward nicht bloss bald den Herren ebenso unleidlich wie
den Dienern, sondern es erwies sich auch das roemische Protektorat mit
seiner undankbaren, stets von vorn wieder beginnenden Sisyphusarbeit
als innerlich unhaltbar. Die Anfaenge eines Systemwechsels und
der steigenden Abneigung Roms, auch nur Mittelstaaten in der ihnen
moeglichen Unabhaengigkeit neben sich zu dulden, zeigen sich
schon deutlich nach der Schlacht von Pydna in der Vernichtung der
makedonischen Monarchie. Die immer haeufigere und immer unvermeidlichere
Intervention in die inneren Angelegenheiten der griechischen
Kleinstaaten mit ihrer Missregierung und ihrer politischen wie sozialen
Anarchie, die Entwaffnung Makedoniens, wo doch die Nordgrenze notwendig
einer anderen Wehr als blosser Posten bedurfte, endlich die beginnende
Grundsteuerentrichtung nach Rom aus Makedonien und Illyrien sind
ebensoviel Anfaenge der nahenden Verwandlung der Klientelstaaten in
Untertanen Roms. Werfen wir zum Schluss einen Blick zurueck auf den
von Rom seit der Einigung Italiens bis auf Makedoniens Zertruemmerung
durchmessenen Lauf, so erscheint die roemische Weltherrschaft keineswegs
als ein von unersaettlicher Laendergier entworfener und durchgefuehrter
Riesenplan, sondern als ein Ergebnis, das der roemischen Regierung
sich ohne, ja wider ihren Willen aufgedrungen hat. Freilich liegt jene
Auffassung nahe genug - mit Recht laesst Sallustius den Mithradates
sagen, dass die Kriege Roms mit Staemmen, Buergerschaften und Koenigen
aus einer und derselben uralten Ursache, aus der nie zu stillenden
Begierde nach Herrschaft und Reichtum hervorgegangen seien; aber mit
Unrecht hat man dieses durch die Leidenschaft und den Erfolg bestimmte
Urteil als eine geschichtliche Tatsache in Umlauf gesetzt. Es ist
offenbar fuer jede nicht oberflaechliche Betrachtung, dass die roemische
Regierung waehrend dieses ganzen Zeitraums nichts wollte und begehrte
als die Herrschaft ueber Italien, dass sie bloss wuenschte, nicht
uebermaechtige Nachbarn neben sich zu haben, und dass sie, nicht aus
Humanitaet gegen die Besiegten, sondern in dem sehr richtigen Gefuehl,
den Kern des Reiches nicht von der Umlage erdruecken zu lassen, sich
ernstlich dagegen stemmte, erst Afrika, dann Griechenland, endlich Asien