in die Arme zu werfen; und ueberdies war dort jetzt durch roemischen
Einfluss die Gegenpartei ans Ruder gekommen, die unbedingt sich an Rom
anschloss. Der Aetolische Bund hatte zwar in seinen inneren Unruhen von
Perseus Hilfe erbeten; aber der unter den Augen der roemischen Gesandten
gewaehlte neue Strateg Lykiskos war roemischer gesinnt als die Roemer
selbst. Auch bei den Thessalern behielt die roemische Partei die
Oberhand. Sogar die von Alters her makedonisch gesinnten und oekonomisch
aufs tiefste zerruetteten Boeoter hatten in ihrer Gesamtheit sich nicht
offen fuer Perseus erklaert; doch liessen wenigstens drei ihrer Staedte,
Thisbae, Haliartos und Koroneia auf eigene Hand sich mit Perseus ein.
Da auf die Beschwerde des roemischen Gesandten die Regierung der
boeotischen Eidgenossenschaft ihm den Stand der Dinge mitteilte,
erklaerte jener, dass sich am besten zeigen werde, welche Stadt es
mit Rom halte und welche nicht, wenn jede sich einzeln ihm gegenueber
ausspreche; und daraufhin lief die Boeotische Eidgenossenschaft geradezu
auseinander. Es ist nicht wahr, dass Epaminondas' grosser Bau von den
Roemern zerstoert worden ist; er fiel tatsaechlich zusammen, ehe sie
daran ruehrten, und ward also freilich das Vorspiel fuer die Aufloesung
der uebrigen, noch fester geschlossenen griechischen Staedtebuende ^2.
Mit der Mannschaft der roemisch gesinnten boeotischen Staedte belagerte
der roemische Gesandte Publius Lentulus Haliartos, noch ehe
die roemische Flotte im Aegaeischen Meer erschien.
--------------------------------------- ^2 Die rechtliche Aufloesung der
Boeotischen Eidgenossenschaft erfolgte uebrigens wohl noch nicht jetzt,
sondern erst nach der Zerstoerung Korinths (Paus. 7, 14, 4; 16, 6.)
--------------------------------------- Chalkis ward mit achaeischer,
die orestische Landschaft mit epeirotischer Mannschaft, die
dassaretischen und illyrischen Kastelle an der makedonischen Westgrenze
von den Truppen des Gnaeus Sicinius besetzt, und sowie die Schiffahrt
wieder begann, erhielt Larisa eine Besatzung von 2000 Mann. Perseus
sah dem allem untaetig zu und hatte keinen Fussbreit Landes ausserhalb
seines eigenen Gebietes inne, als im Fruehling oder nach dem offiziellen
Kalender im Juni 583 (171) die roemischen Legionen an der Westkueste
landeten. Es ist zweifelhaft, ob Perseus namhafte Bundesgenossen
gefunden haben wuerde, auch wenn er soviel Energie gezeigt haette,
als er Schlaffheit bewies; unter diesen Umstaenden blieb er natuerlich
voellig allein, und jene weitlaeufigen Propagandaversuche fuehrten
vorlaeufig wenigstens zu gar nichts. Karthago, Genthios von Illyrien,
Rhodos und die kleinasiatischen Freistaedte, selbst das mit Perseus
bisher so eng befreundete Byzanz, boten den Roemern Kriegsschiffe an,
welche diese indes ablehnten. Eumenes machte sein Landheer und seine
Schiffe mobil. Koenig Ariarathes von Kappadokien schickte ungeheissen
Geiseln nach Rom. Perseus' Schwager, Koenig Prusias II. von Bithynien,
blieb neutral. In ganz Griechenland ruehrte sich niemand. Koenig
Antiochos IV. von Syrien, im Kurialstil "der Gott, der glaenzende
Siegbringer" genannt zur Unterscheidung von seinem Vater, dem "Grossen",
ruehrte sich zwar, aber nur um dem ganz ohnmaechtigen Aegypten waehrend
dieses Krieges das syrische Kuestenland zu entreissen. Indes wenn
Perseus auch fast allein stand, so war er doch ein nicht veraechtlicher
Gegner. Sein Heer zaehlte 43000 Mann, darunter 21000 Phalangiten
und 4000 makedonische und thrakische Reiter, der Rest groesstenteils
Soeldner. Die Gesamtmacht der Roemer in Griechenland betrug zwischen
30- und 40000 Mann italischer Truppen, ausserdem ueber 10000 Mann
numidischen, ligurischen, griechischen, kretischen und besonders
pergamenischen Zuzugs. Dazu kam die Flotte, die nur 40 Deckschiffe
zaehlte, da ihr keine feindliche gegenueberstand - Perseus, dem der
Vertrag mit Rom Kriegsschiffe zu bauen verboten hatte, richtete erst
jetzt Werften in Thessalonike ein -, die aber bis 10000 Mann Truppen an
Bord hatte, da sie hauptsaechlich bei Belagerungen mitzuwirken bestimmt
war. Die Flotte fuehrte Gaius Lucretius, das Landheer der Konsul Publius
Licinius Crassus. Derselbe liess eine starke Abteilung in Illyrien, um
von Westen aus Makedonien zu beunruhigen, waehrend er mit der Hauptmacht
wie gewoehnlich von Apollonia nach Thessalien aufbrach. Perseus dachte
nicht daran, den schwierigen Marsch zu stoeren, sondern begnuegte sich,
in Perrhaebien einzuruecken und die naechsten Festungen zu besetzen. Am
Ossa erwartete er den Feind und unweit Larisa erfolgte das erste Gefecht
zwischen den beiderseitigen Reitern und leichten Truppen. Die Roemer
wurden entschieden geschlagen. Kotys mit der thrakischen Reiterei hatte
die italische, Perseus mit der makedonischen die griechische geworfen
und zersprengt; die Roemer hatten 2000 Mann zu Fuss, 2000 Reiter an
Toten, 600 Reiter an Gefangenen verloren und mussten sich gluecklich
schaetzen, unbehindert den Peneios ueberschreiten zu koennen. Perseus
benutzte den Sieg, um auf dieselben Bedingungen, die Philippos erhalten
hatte, den Frieden zu erbitten; sogar dieselbe Summe zu zahlen war er
bereit. Die Roemer schlugen die Forderung ab; sie schlossen nie Frieden
nach einer Niederlage, und hier haette der Friedensschluss allerdings
folgeweise den Verlust Griechenlands nach sich gezogen. Indes
anzugreifen verstand der elende roemische Feldherr auch nicht; man
zog hin und her in Thessalien, ohne dass etwas von Bedeutung geschah.
Perseus konnte die Offensive ergreifen; er sah die Roemer schlecht
gefuehrt und zaudernd; wie ein Lauffeuer war die Nachricht durch
Griechenland gegangen, dass das griechische Heer im ersten Treffen
glaenzend gesiegt habe - ein zweiter Sieg konnte zur allgemeinen
Insurrektion der Patriotenpartei fuehren und durch die Eroeffnung eines
Guerillakrieges unberechenbare Erfolge bewirken. Allein Perseus war ein
guter Soldat, aber kein Feldherr wie sein Vater; er hatte sich auf einen
Verteidigungskrieg gefasst gemacht, und wie die Dinge anders gingen,
fand er sich wie gelaehmt. Einen unbedeutenden Erfolg, den die Roemer
in einem zweiten Reitergefecht bei Phalanna davontrugen, nahm er zum
Vorwand, um nun doch, wie es beschraenkten und eigensinnigen Naturen
eigen ist, zu dem ersten Plan zurueckzukehren und Thessalien zu raeumen.
Das hiess natuerlich soviel, als auf jeden Gedanken einer hellenischen
Insurrektion verzichten; was sonst sich haette erreichen lassen, zeigt
der dennoch erfolgte Parteiwechsel der Epeiroten. Von beiden Seiten
geschah seitdem nichts Ernstliches mehr; Perseus ueberwand den Koenig
Genthios, zuechtigte die Dardaner und liess durch Kotys die roemisch
gesinnten Thraker und die pergamenischen Truppen aus Thrakien
hinausschlagen. Dagegen nahm die roemische Westarmee einige illyrische
Staedte, und der Konsul beschaeftigte sich damit, Thessalien von den
makedonischen Besatzungen zu reinigen und sich der unruhigen Aetoler und
Akarnanen durch Besetzung von Ambrakia zu versichern. Am schwersten
aber empfanden den roemischen Heldenmut die ungluecklichen boeotischen
Staedte, die mit Perseus hielten; die Einwohner sowohl von Thisbae, das
sich ohne Widerstand ergab, sowie der roemische Admiral Gaius Lucretius
vor der Stadt erschien, wie von Haliartos, das ihm die Tore schloss
und erstuermt werden musste, wurden von ihm in die Sklaverei verkauft,
Koroneia von dem Konsul Crassus gar der Kapitulation zuwider ebenso
behandelt. Noch nie hatte ein roemisches Heer so schlechte Mannszucht
gehalten wie unter diesen Befehlshabern. Sie hatten das Heer so
zerruettet, dass auch im naechsten Feldzug 584 (170) der neue Konsul
Aulus Hostilius an ernstliche Unternehmungen nicht denken konnte,
zumal da der neue Admiral Lucius Hortensius sich ebenso unfaehig und
gewissenlos erwies wie sein Vorgaenger. Die Flotte lief ohne allen
Erfolg in den thrakischen Kuestenplaetzen an. Die Westarmee unter Appius
Claudius, dessen Hauptquartier in Lychnidos im dassaretischen Gebiet
war, erlitt eine Schlappe ueber die andere; nachdem eine Expedition
nach Makedonien hinein voellig verunglueckt war, griff gegen Anfang
des Winters der Koenig mit den an der Suedgrenze durch den tiefen,
alle Paesse sperrenden Schnee entbehrlich gewordenen Truppen den Appius
seinerseits an, nahm ihm zahlreiche Ortschaften und eine Menge Gefangene
ab und knuepfte Verbindungen mit dem Koenig Genthios an; ja er konnte
einen Versuch machen, in Aetolien einzufallen, waehrend Appius sich
in Epeiros von der Besatzung einer Festung, die er vergeblich belagert
hatte, noch einmal schlagen liess. Die roemische Hauptarmee machte
ein paar Versuche, erst ueber die Kambunischen Berge, dann durch die
thessalischen Paesse in Makedonien einzudringen, aber sie wurden
schlaff angestellt und beide von Perseus zurueckgewiesen. Hauptsaechlich
beschaeftigte der Konsul sich mit der Reorganisierung des Heeres, die
freilich auch vor allen Dingen noetig war, aber einen strengeren Mann
und einen namhafteren Offizier erforderte. Abschied und Urlaub waren
kaeuflich geworden, die Abteilungen daher niemals vollzaehlig; die
Mannschaft ward im Sommer einquartiert, und wie die Offiziere im grossen
Stil, stahlen die Gemeinen im kleinen; die befreundeten Voelkerschaften
wurden in schmaehlicher Weise beargwohnt - so waelzte man die Schuld der
schimpflichen Niederlage bei Larisa auf die angebliche Verraeterei der
aetolischen Reiterei und sandte unerhoerterweise deren Offiziere zur
Kriminaluntersuchung nach Rom; so draengte man die Molotter in Epeiros.
durch falschen Verdacht zum wirklichen Abfall; die verbuendeten Staedte
wurden, als waeren sie erobert, mit Kriegskontributionen belegt, und
wenn sie auf den roemischen Senat provozierten, die Buerger hingerichtet
oder zu Sklaven verkauft - so in Abdera und aehnlich in Chalkis.
Der Senat schritt sehr ernstlich ein ^3: er befahl die Befreiung
der ungluecklichen Koroneier und Abderiten und verbot den roemischen
Beamten, ohne Erlaubnis des Senats Leistungen von den Bundesgenossen
zu verlangen. Gaius Lucretius ward von der Buergerschaft einstimmig
verurteilt. Allein das konnte nicht aendern, dass das Ergebnis dieser
beiden ersten Feldzuege militaerisch null, politisch ein Schandfleck
fuer die Roemer war, deren ungemeine Erfolge im Osten nicht zum
wenigsten darauf beruhten, dass sie der hellenischen Suendenwirtschaft
gegenueber sittlich rein und tuechtig auftraten. Haette an Perseus'
Stelle Philippos kommandiert, so wuerde dieser Krieg vermutlich mit der
Vernichtung des roemischen Heeres und dem Abfall der meisten Hellenen
begonnen haben; allein Rom war so gluecklich, in den Fehlern stets
von seinen Gegnern ueberboten zu werden. Perseus begnuegte sich in
Makedonien, das nach Sueden und Westen eine wahre Bergfestung
ist, gleichwie in einer belagerten Stadt sich zu verschanzen.
--------------------------------------------------- ^3 Der kuerzlich
aufgefundene Senatsbeschluss vom 9. Oktober 584 (170), der die
Rechtsverhaeltnisse von Thisbae regelt (Eph. epigr. 1872, S. 278 f.;
AM 4, 1889, S. 235f.), gibt einen deutlichen Einblick in diese
Verhaeltnisse. ----------------------------------------------------
Auch der dritte Oberfeldherr, den Rom 585 (169) nach Makedonien sandte,
Quintus Marcius Philippus, jener schon erwaehnte ehrliche Gastfreund
des Koenigs, war seiner keineswegs leichten Aufgabe durchaus nicht
gewachsen. Er war ehrgeizig und unternehmend, aber ein schlechter
Offizier. Sein Wagestueck, durch den Pass Lapathus westlich von Tempe
den Uebergang ueber den Olympos in der Art zu gewinnen, dass er gegen
die Besatzung des Passes eine Abteilung zurueckliess und mit der
Hauptmacht durch unwegsame Abhaenge nach Herakleion zu den Weg sich
bahnte, wird dadurch nicht entschuldigt, dass es gelang. Nicht bloss
konnte eine Handvoll entschlossener Leute ihm den Weg verlegen, wo dann
an keinen Rueckzug zu denken war, sondern noch nach dem Uebergang stand
er mit der makedonischen Hauptmacht vor sich, hinter sich die stark
befestigten Bergfestungen Tempe und Lapathus, eingekeilt in eine schmale
Strandebene und ohne Zufuhr wie ohne Moeglichkeit zu fouragieren,
in einer nicht minder verzweifelten Lage, als da er in seinem ersten
Konsulat in den ligurischen Engpaessen, die seitdem seinen Namen
behielten, sich gleichfalls hatte umzingeln lassen. Allein wie damals
ihn ein Zufall rettete, so jetzt Perseus' Unfaehigkeit. Als ob er den
Gedanken nicht fassen koenne, gegen die Roemer anders als durch Sperrung
der Paesse sich zu verteidigen, gab er sich seltsamerweise verloren,
sowie er die Roemer diesseits derselben erblickte, fluechtete eiligst
nach Pydna und befahl, seine Schiffe zu verbrennen und seine Schaetze zu
versenken. Aber selbst dieser freiwillige Abzug der makedonischen Armee
befreite den Konsul noch nicht aus seiner peinlichen Lage. Er ging zwar
ungehindert vor, musste aber nach vier Tagemaerschen wegen Mangels an
Lebensmitteln sich wieder rueckwaerts wenden; und da auch der Koenig zur
Besinnung kam und schleunigst umkehrte, um in die verlassene Position
wieder einzuruecken, so waere das roemische Heer in grosse Gefahr
geraten, wenn nicht zur rechten Zeit das unueberwindliche Tempe
kapituliert und seine reichen Vorraete dem Feind ueberliefert haette.
Die Verbindung mit dem Sueden war nun zwar dadurch dem roemischen
Heere gesichert; aber auch Perseus hatte sich in seiner frueheren
wohlgewaehlten Stellung an dem Ufer des kleinen Flusses Elpios stark
verbarrikadiert und hemmte hier den weiteren Vormarsch der Roemer.
So verblieb das roemische Heer den Rest des Sommers und den Winter
eingeklemmt in den aeussersten Winkel Thessaliens; und wenn die
Ueberschreitung der Paesse allerdings ein Erfolg und der erste
wesentliche in diesem Krieg war, so verdankte man ihn doch nicht der
Tuechtigkeit des roemischen, sondern der Verkehrtheit des feindlichen
Feldherrn. Die roemische Flotte versuchte vergebens Demetrias zu
nehmen und richtete ueberhaupt gar nichts aus. Perseus' leichte Schiffe
streiften kuehn zwischen den Kykladen, beschuetzten die nach Makedonien
bestimmten Kornschiffe und griffen die feindlichen Transporte auf. Bei
der Westarmee stand es noch weniger gut; Appius Claudius konnte mit
seiner geschwaechten Abteilung nichts ausrichten, und der von ihm
begehrte Zuzug aus Achaia ward durch die Eifersucht des Konsuls
abgehalten zu kommen. Dazu kam, dass Genthios sich von Perseus durch das
Versprechen einer grossen Geldsumme hatte erkaufen lassen, mit Rom zu
brechen, und die roemischen Gesandten einkerkern liess; worauf uebrigens
der sparsame Koenig es ueberfluessig fand, die zugesicherten Gelder
zu zahlen, da Genthios nun allerdings ohnehin gezwungen war, statt der
bisherigen zweideutigen eine entschieden feindliche Stellung gegen
Rom einzunehmen. So hatte man also einen kleinen Krieg mehr neben dem
grossen, der nun schon drei Jahre sich hinzog. Ja haette Perseus
sich von seinem Golde zu trennen vermocht, er haette den Roemern
noch gefaehrlichere Feinde erwecken koennen. Ein Keltenschwarm unter
Clondicus, 10000 Mann zu Pferde und ebenso viele zu Fuss, bot in
Makedonien selbst sich an, bei ihm Dienste zu nehmen; allein man konnte
sich ueber den Sold nicht einigen. Auch in Hellas gaerte es so, dass ein
Guerillakrieg sich mit einiger Geschicklichkeit und einer vollen Kasse
leicht haette entzuenden lassen; allein da Perseus nicht Lust hatte
zu geben und die Griechen nichts umsonst taten, blieb das Land ruhig.
Endlich entschloss man sich in Rom, den rechten Mann nach Griechenland
zu senden. Es war Lucius Aemilius Paullus, der Sohn des gleichnamigen
Konsuls, der bei Cannae fiel; ein Mann von altem Adel, aber geringem
Vermoegen und deshalb auf dem Wahlplatz nicht so gluecklich wie auf
dem Schlachtfeld, wo er in Spanien und mehr noch in Ligurien sich
ungewoehnlich hervorgetan. Ihn waehlte das Volk fuer das Jahr 586 (168)
zum zweitenmal zum Konsul seiner Verdienste wegen, was damals schon
eine seltene Ausnahme war. Er war in jeder Beziehung der rechte: ein
vorzueglicher Feldherr von der alten Schule, streng gegen sich und
seine Leute und trotz seiner sechzig Jahre noch frisch und kraeftig, ein
unbestechlicher Beamter - "einer der wenigen Roemer jener Zeit, denen
man kein Geld bieten konnte", sagt ein Zeitgenosse von ihm - und ein
Mann von hellenischer Bildung, der noch als Oberfeldherr die Gelegenheit
benutzte, um Griechenland der Kunstwerke wegen zu bereisen. Sowie
der neue Feldherr im Lager bei Herakleion eingetroffen war, liess
er, waehrend Vorpostengefechte im Flussbett des Elpios die Makedonier
beschaeftigten, den schlecht bewachten Pass bei Pythion durch Publius
Nasica ueberrumpeln; der Feind war dadurch umgangen und musste nach
Pydna zurueckweichen. Hier, am roemischen 4. September 586 (168) oder
am 22. Juni des Julianischen Kalenders - eine Mondfinsternis, die ein
kundiger roemischer Offizier dem Heer voraussagte, damit kein boeses
Anzeichen darin gefunden werde, gestattet hier die genaue Zeitbestimmung
- wurden beim Traenken der Rosse nach Mittag zufaellig die Vorposten
handgemein, und beide Teile entschlossen sich, die eigentlich erst auf
den naechsten Tag angesetzte Schlacht sofort zu liefern. Ohne Helm
und Panzer durch die Reihen schreitend ordnete der greise Feldherr der
Roemer selber seine Leute. Kaum standen sie, so stuermte die furchtbare
Phalanx auf sie ein; der Feldherr selber, der doch manchen harten
Kampf gesehen hatte, gestand spaeter ein, dass er gezittert habe. Die
roemische Vorhut zerstob, eine paelignische Kohorte ward niedergerannt
und fast vernichtet, die Legionen selbst wichen eilig zurueck, bis sie
einen Huegel erreicht hatten, bis hart an das roemische Lager. Hier
wandte sich das Glueck. Das unebene Terrain und die eilige Verfolgung
hatte die Glieder der Phalanx geloest; in einzelnen Kohorten drangen die
Roemer in jede Luecke ein, griffen von der Seite und von hinten an,
und da die makedonische Reiterei, die allein noch haette Hilfe bringen
koennen, ruhig zusah und bald sich in Massen davonmachte, mit ihr unter
den ersten der Koenig, so war in weniger als einer Stunde das Geschick
Makedoniens entschieden. Die 3000 erlesenen Phalangiten liessen sich
niederhauen bis auf den letzten Mann; es war, als wolle die Phalanx, die
ihre letzte grosse Schlacht bei Pydna schlug, hier selber untergehen.
Die Niederlage war furchtbar; 20000 Makedonier lagen auf dem
Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Der Krieg war zu Ende, am
fuenfzehnten Tage nachdem Paullus den Oberbefehl uebernommen hatte;
ganz Makedonien unterwarf sich in zwei Tagen. Der Koenig fluechtete
mit seinem Golde - noch hatte er ueber 6000 Talente (10 Mill. Taler) in
seiner Kasse - nach Samothrake, begleitet von wenigen Getreuen. Allein
da er selbst von diesen noch einen ermordete, den Euandros von Kreta,
der als Anstifter des gegen Eumenes versuchten Mordes zur Rechenschaft
gezogen werden sollte, verliessen ihn auch die koeniglichen Pagen und
die letzten Gefaehrten. Einen Augenblick hoffte er, dass das Asylrecht
ihn schuetzen werde; allein selbst er begriff, dass er sich an einen
Strohhalm halte. Ein Versuch, zu Kotys zu fluechten, misslang. So
schrieb er an den Konsul; allein der Brief ward nicht angenommen, da er
sich darin Koenig genannt hatte. Er erkannte sein Schicksal und lieferte
auf Gnade und Ungnade den Roemern sich aus mit seinen Kindern und seinen
Schaetzen, kleinmuetig und weinend, den Siegern selbst zum Ekel.
Mit ernster Freude und mehr der Wandelbarkeit der Geschicke als dem
gegenwaertigen Erfolg nachsinnend empfing der Konsul den vornehmsten
Gefangenen, den je ein roemischer Feldherr heimgebracht hat. Perseus
starb wenige Jahre darauf als Staatsgefangener in Alba am Fuciner
See ^4; sein Sohn lebte in spaeteren Jahren in derselben
italischen Landstadt als Schreiber.
------------------------------------------------ ^4 Dass die Roemer,
um zugleich ihm das Wort zu halten, das ihm sein Leben verbuergte, und
Rache an ihm zu nehmen, ihn durch Entziehung des Schlafs getoetet, ist
sicher eine Fabel. -----------------------------------------------
So ging das Reich Alexanders des Grossen, das den Osten bezwungen und
hellenisiert hatte, 144 Jahre nach seinem Tode zugrunde. Damit aber zu
dem Trauerspiel die Posse nicht fehlte, ward gleichzeitig auch der Krieg
gegen den "Koenig" Genthios von Illyrien von dem Praetor Lucius Anicius
binnen dreissig Tagen begonnen und beendet, die Piratenflotte genommen,
die Hauptstadt Skodra erobert, und die beiden Koenige, der Erbe des
grossen Alexander und der des Pleuratos, zogen nebeneinander gefangen
in Rom ein. Es war im Senat beschlossen worden, dass die Gefahr nicht
wiederkehren duerfe, die Flamininus' unzeitige Milde ueber Rom gebracht
hatte. Makedonien ward vernichtet. Auf der Konferenz zu Amphipolis
am Strymon verfuegte die roemische Kommission die Aufloesung des
festgeschlossenen, durch und durch monarchischen Einheitsstaates
in vier, nach dem Schema der griechischen Eidgenossenschaften
zugeschnittene republikanisch-foederative Gemeindebuende, den von
Amphipolis in den oestlichen Landschaften, den von Thessalonike mit der
chalkidischen Halbinsel, den von Pella an der thessalischen Grenze und
den von Pelagonia im Binnenland. Zwischenheiraten unter den Angehoerigen
der verschiedenen Eidgenossenschaften waren ungueltig, und keiner durfte
in mehr als einer derselben ansaessig sein. Alle koeniglichen Beamten
sowie deren erwachsene Soehne mussten das Land verlassen und sich nach
Italien begeben, bei Todesstrafe - man fuerchtete noch immer, und
mit Recht, die Zuckungen der alten Loyalitaet. Das Landrecht und die
bisherige Verfassung blieb uebrigens bestehen; die Beamten wurden
natuerlich durch Gemeindewahlen ernannt und innerhalb der Gemeinden
wie der Buende die Macht in die Haende der Vornehmen gelegt. Die
koeniglichen Domaenen und die Regalien wurden den Eidgenossenschaften
nicht zugestanden, namentlich die Gold- und Silbergruben, ein
Hauptreichtum des Landes, zu bearbeiten untersagt; doch ward 596 (138)
wenigstens die Ausbeutung der Silbergruben wieder gestattet ^5. Die
Einfuhr von Salz, die Ausfuhr von Schiffbauholz wurden verboten. Die
bisher an den Koenig gezahlte Grundsteuer fiel weg, und es blieb den
Eidgenossenschaften und den Gemeinden ueberlassen, sich selber zu
besteuern; doch hatten diese die Haelfte der bisherigen Grundsteuer
nach einem ein fuer allemal festgestellten Satz, zusammen jaehrlich 100
Talente (170000 Taler), nach Rom zu entrichten ^6. Das ganze Land ward
fuer ewige Zeiten entwaffnet, die Festung Demetrias geschleift; nur an
der Nordgrenze sollte eine Postenkette gegen die Einfaelle der Barbaren
bestehen bleiben. Von den abgelieferten Waffen wurden die
kupfernen Schilde nach Rom gesandt, der Rest verbrannt.
------------------------------------------ ^5 Die Angabe Cassiodors,
dass im Jahre 596 (158) die makedonischen Bergwerke wieder eroeffnet
wurden, erhaelt ihre naehere Bestimmung durch die Muenzen. Goldmuenzen
der vier Makedonien sind nicht vorhanden; die Goldgruben also blieben
entweder geschlossen oder es wurde das gewonnene Gold als Barren
verwertet. Dagegen finden sich allerdings Silbermuenzen des ersten
Makedoniens (Amphipolis), in welchem Bezirk die Silbergruben belegen
sind; fuer die kurze Zeit in der sie geschlagen sein muessen (596-608
158-146) ist die Zahl derselben auffallend gross und zeugt entweder