von der thrakischen Kueste, aus den thessalischen und perrhaebischen

Staedten die Besatzungen wegziehen und die roemischen Kommissare

hoeflich empfangen, welche nachzusehen kamen, ob auch alles

vorschriftsmaessig ausgefuehrt sei. Man war in Rom nicht so erbittert

gegen Philippos wie gegen Karthago, ja in vieler Hinsicht dem

makedonischen Herrn sogar geneigt; man verletzte hier nicht so

ruecksichtslos wie in Libyen die Formen, aber im Grunde war die Lage

Makedoniens wesentlich dieselbe wie die von Karthago. Indes Philippos

war keineswegs der Mann, diese Pein mit phoenikischer Geduld ueber sich

ergehen zu lassen. Leidenschaftlich wie er war, hatte er nach

seiner Niederlage mehr dem treulosen Bundesgenossen gezuernt als dem

ehrenwerten Gegner, und seit langem gewohnt, nicht makedonische, sondern

persoenliche Politik zu treiben, hatte er in dem Kriege mit Antiochos

nichts gesehen als eine vortreffliche Gelegenheit, sich an dem

Alliierten, der ihn schmaehlich im Stich gelassen und verraten hatte,

augenblicklich zu raechen. Dies Ziel hatte er erreicht; allein

die Roemer, die sehr gut begriffen, dass den Makedonier nicht die

Freundschaft fuer Rom, sondern die Feindschaft gegen Antiochos

bestimmte, und die ueberdies keineswegs nach solchen Stimmungen der

Neigung und Abneigung ihre Politik zu regeln pflegten, hatten sich wohl

gehuetet, irgend etwas Wesentliches zu Philippos' Gunsten zu tun, und

hatten vielmehr die Attaliden, die von ihrer ersten Erhebung an

mit Makedonien in heftiger Fehde lagen und von dem Koenig Philippos

politisch und persoenlich aufs bitterste gehasst wurden, die Attaliden,

die unter allen oestlichen Maechten am meisten dazu beigetragen hatten,

Makedonien und Syrien zu zertruemmern und die roemische Klientel auf den

Osten auszudehnen, die Attaliden, die in dem letzten Krieg, wo Philippos

es freiwillig und loyal mit Rom gehalten, um ihrer eigenen Existenz

willen wohl mit Rom hatten halten muessen, hatten diese Attaliden dazu

benutzt, um im wesentlichen das Reich des Lysimachos wieder aufzubauen,

dessen Vernichtung der wichtigste Erfolg der makedonischen Herrscher

nach Alexander gewesen war, und Makedonien einen Staat an die Seite

zu stellen, der zugleich ihm an Macht ebenbuertig und Roms Klient war.

Dennoch haette vielleicht, wie die Verhaeltnisse einmal standen,

ein weiser und sein Volk mit Hingebung beherrschender Regent sich

entschlossen, den ungleichen Kampf gegen Rom nicht wieder aufzunehmen;

allein Philippos, in dessen Charakter von allen edlen Motiven das

Ehrgefuehl, von allen unedlen die Rachsucht am maechtigsten waren, war

taub fuer die Stimme sei es der Feigheit, sei es der Resignation, und

naehrte tief im Herzen den Entschluss, abermals die Wuerfel zu werfen.

Als ihm wieder einmal Schmaehungen hinterbracht wurden, wie sie auf

den thessalischen Tagsatzungen gegen Makedonien zu fallen pflegten,

antwortete er mit der Theokritischen Zeile, dass noch die letzte

Sonne nicht untergegangen sei ^1.

------------------------------------------------- ^1 /E/d/e/

gar phrasd/e/ panth' alion ammi ded?kein. (1, 102).

------------------------------------------------- Philippos bewies bei

der Vorbereitung und der Verbergung seiner Entschluesse eine Ruhe, einen

Ernst und eine Konsequenz, die, wenn er in besseren Zeiten sie bewaehrt

haette, vielleicht den Geschicken der Welt eine andere Richtung gegeben

haben wuerden. Namentlich die Fuegsamkeit gegen die Roemer, mit der er

sich die unentbehrliche Frist erkaufte, war fuer den harten und stolzen

Mann eine schwere Pruefung, die er doch mutig ertrug - seine Untertanen

freilich und die unschuldigen Gegenstaende des Haders, wie das

unglueckliche Maroneia, buessten schwer den verhaltenen Groll. Schon

im Jahre 571 (183) schien der Krieg ausbrechen zu muessen; aber

auf Philippos' Geheiss bewirkte sein juengerer Sohn Demetrios eine

Ausgleichung des Vaters mit Rom, wo er einige Jahre als Geisel gelebt

hatte und sehr beliebt war. Der Senat, namentlich Flamininus, der

die griechischen Angelegenheiten leitete, suchte in Makedonien eine

roemische Partei zu bilden, die Philippos' natuerlich den Roemern nicht

unbekannte Bestrebungen zu paralysieren imstande waere, und hatte

zu deren Haupt, ja vielleicht zum kuenftigen Koenig Makedoniens, den

juengeren, leidenschaftlich an Rom haengenden Prinzen ausersehen. Man

gab mit absichtlicher Deutlichkeit zu verstehen, dass der Senat dem

Vater um des Sohnes willen verzeihe; wovon natuerlich die Folge

war, dass im koeniglichen Hause selbst Zwistigkeiten entstanden und

namentlich des Koenigs aelterer und vom Vater zum Nachfolger bestimmter,

aber in ungleicher Ehe erzeugter Sohn Perseus in seinem Bruder den

kuenftigen Nebenbuhler zu verderben suchte. Es scheint nicht, dass

Demetrios sich in die roemischen Intrigen einliess; erst der falsche

Verdacht des Verbrechens zwang ihn, schuldig zu werden, und auch da

beabsichtigte er, wie es scheint, nichts weiter als die Flucht nach Rom.

Indes Perseus sorgte dafuer, dass der Vater diese Absicht auf die rechte

Weise erfuhr; ein untergeschobener Brief von Flamininus an Demetrios tat

das uebrige und lockte dem Vater den Befehl ab, den Sohn aus dem Wege

zu raeumen. Zu spaet erfuhr Philippos die Raenke, die Perseus gesponnen

hatte, und der Tod ereilte ihn ueber der Absicht, den Brudermoerder zu

strafen und von der Thronfolge auszuschliessen. Er starb im Jahre

575 (179) in Demetrias, im neunundfuenfzigsten Lebensjahre. Das Reich

hinterliess er zerschmettert, das Haus zerruettet, und gebrochenen

Herzens gestand er sich ein, dass all seine Muehsal und all seine Frevel

vergeblich gewesen waren. Sein Sohn Perseus trat darauf die Regierung

an, ohne in Makedonien oder bei dem roemischen Senat Widerspruch zu

finden. Er war ein stattlicher Mann, in allen Leibesuebungen wohl

erfahren, im Lager aufgewachsen und des Befehlens gewohnt, gleich seinem

Vater herrisch und nicht bedenklich in der Wahl seiner Mittel. Ihn

reizten nicht der Wein und die Frauen, ueber die Philippos seines

Regiments nur zu oft vergass; er war stetig und beharrlich wie sein

Vater leichtsinnig und leidenschaftlich. Philippos, schon als Knabe

Koenig und in den ersten zwanzig Jahren seiner Herrschaft vom Glueck

begleitet, war vom Schicksal verwoehnt und verdorben worden; Perseus

bestieg den Thron in seinem einunddreissigsten Jahr, und wie er schon

als Knabe mitgenommen worden war in den ungluecklichen roemischen Krieg,

wie er aufgewachsen war im Druck der Erniedrigung und in dem Gedanken

einer nahen Wiedergeburt des Staates, so erbte er von seinem Vater mit

dem Reich seine Drangsale, seine Erbitterung und seine Hoffnungen.

In der Tat griff er mit aller Entschlossenheit die Fortsetzung des

vaeterlichen Werkes an und ruestete eifriger, als es vorher geschehen

war, zum Kriege gegen Rom; kam doch fuer ihn noch hinzu, dass es

wahrlich nicht die Schuld der Roemer war, wenn er das makedonische

Diadem trug. Mit Stolz sah die stolze makedonische Nation auf den

Prinzen, den sie an der Spitze ihrer Jugend stehen und fechten zu sehen

gewohnt war; seine Landsleute und viele Hellenen aller Staemme meinten

in ihm den rechten Feldherrn fuer den nahen Befreiungskrieg gefunden zu

haben. Aber er war nicht, was er schien; ihm fehlte Philipps Genialitaet

und Philipps Spannkraft, die wahrhaft koeniglichen Eigenschaften, die

das Glueck verdunkelt und geschaendet, aber die reinigende Macht der

Not wieder zu Ehren gebracht hatte. Philippos liess sich und die Dinge

gehen; aber wenn es galt, fand er in sich die Kraft zu raschem und

ernstlichem Handeln. Perseus spann weite und feine Plaene und verfolgte

sie mit unermuedlicher Beharrlichkeit; aber wenn die Stunde schlug

und das, was er angelegt und vorbereitet hatte, ihm in der lebendigen

Wirklichkeit entgegentrat, erschrak er vor seinem eigenen Werke. Wie

es beschraenkten Naturen eigen ist, ward ihm das Mittel zum Zweck; er

haeufte Schaetze auf Schaetze fuer den Roemerkrieg und als die Roemer

im Lande standen, vermochte er nicht von seinen Goldstuecken sich zu

trennen. Es ist bezeichnend, dass nach der Niederlage der Vater zuerst

eilte, die kompromittierenden Papiere in seinem Kabinett zu

vernichten, der Sohn dagegen seine Kassen nahm und sich einschiffte. In

gewoehnlichen Zeiten haette er einen Koenig vom Dutzendschlag so gut und

besser wie mancher andere abgeben koennen; aber er war nicht geschaffen,

ein Unternehmen zu leiten, das von Haus aus verloren war, wenn nicht ein

ausserordentlicher Mann es beseelte. Makedoniens Macht war nicht

gering. Die Ergebenheit des Landes gegen das Haus der Antigoniden war

ungebrochen, das Nationalgefuehl hier allein nicht durch den Hader

politischer Parteien paralysiert. Den grossen Vorteil der monarchischen

Verfassung, dass jeder Regierungswechsel den alten Groll und Zank

beseitigt und eine neue Aera anderer Menschen und frischer Hoffnungen

herauffuehrt, hatte der Koenig verstaendig benutzt und seine Regierung

begonnen mit allgemeiner Amnestie, mit Zurueckberufung der fluechtigen

Bankerottierer und Erlass der rueckstaendigen Steuern. Die gehaessige

Haerte des Vaters brachte also dem Sohn nicht bloss Vorteil, sondern

auch Liebe. Sechsundzwanzig Friedensjahre hatten die Luecken in der

makedonischen Bevoelkerung teils von selbst ausgefuellt, teils der

Regierung gestattet, hierfuer als fuer den eigentlichen wunden Fleck des

Landes ernstliche Fuersorge zu treffen. Philippos hielt die Makedonier

an zur Ehe und Kinderzeugung; er besetzte die Kuestenstaedte, aus denen

er die Einwohner in das Innere zog, mit thrakischen Kolonisten von

zuverlaessiger Wehrhaftigkeit und Treue; er zog, um die verheerenden

Einfaelle der Dardaner ein fuer allemal abzuwehren, gegen Norden eine

Scheidewand, indem er das Zwischenland jenseits der Landesgrenze bis an

das barbarische Gebiet zu Einoede machte, und gruendete neue Staedte

in den noerdlichen Provinzen. Kurz, er tat Zug fuer Zug dasselbe fuer

Makedonien, wodurch spaeter Augustus das Roemische Reich zum zweitenmal

gruendete. Die Armee war zahlreich - 30 000 Mann, ohne die Zuzuege und

die Mietstruppen zu rechnen - und die junge Mannschaft geuebt durch den

bestaendigen Grenzkrieg gegen die thrakischen Barbaren. Seltsam ist es,

dass Philippos nicht wie Hannibal es versuchte, sein Heer roemisch zu

organisieren; allein es begreift sich, wenn man sich erinnert, was

den Makedoniern ihre zwar oft ueberwundene, aber doch noch immer

unueberwindlich geglaubte Phalanx galt. Durch die neuen Finanzquellen,

die Philippos in Bergwerken, Zoellen und Zehnten sich geschaffen hatte,

und den aufbluehenden Ackerbau und Handel war es gelungen, den Schatz,

die Speicher und die Arsenale zu fuellen; als der Krieg begann, lag im

makedonischen Staatsschatz Geld genug, um fuer das dermalige Heer und

fuer 10000 Mann Mietstruppen auf zehn Jahre den Sold zu zahlen und

fanden sich in den oeffentlichen Magazinen Getreidevorraete auf ebenso

lange Zeit (18 Mill. Medimnen oder preussische Scheffel) und Waffen fuer

ein dreifach so starkes Heer, als das gegenwaertige war. In der Tat war

Makedonien ein ganz anderer Staat geworden, als da es durch den Ausbruch

des zweiten Krieges mit Rom ueberrascht ward; die Macht des Reiches war

in allen Beziehungen mindestens verdoppelt - mit einer in jeder Hinsicht

weit geringeren hatte Hannibal es vermocht, Rom bis in seine Grundfesten

zu erschuettern. Nicht so guenstig standen die aeusseren Verhaeltnisse.

Es lag in der Natur der Sache, dass Makedonien jetzt die Plaene von

Hannibal und von Antiochos wieder aufnehmen und versuchen musste, sich

an die Spitze einer Koalition aller unterdrueckten Staaten gegen Roms

Suprematie zu stellen; und allerdings gingen die Faeden vom Hofe zu

Pydna nach allen Seiten. Indes der Erfolg war gering. Dass die Treue der

Italiker schwankte, ward wohl behauptet; allein es konnte weder

Freund noch Feind entgehen, dass zunaechst die Wiederaufnahme der

Samnitenkriege nicht gerade wahrscheinlich sei. Die naechtlichen

Konferenzen makedonischer Abgeordneter mit dem karthagischen Senat,

die Massinissa in Rom denunzierte, konnten gleichfalls ernsthafte und

einsichtige Maenner nicht erschrecken, selbst wenn sie nicht, wie es

sehr moeglich ist, voellig erfunden waren. Die Koenige von Syrien und

Bithynien suchte der makedonische Hof durch Zwischenheiraten in das

makedonische Interesse zu ziehen; allein es kam dabei weiter nichts

heraus, als dass die unsterbliche Naivitaet der Diplomatie, die Laender

mit Liebschaften erobern zu wollen, sich einmal mehr prostituierte.

Den Eumenes, den gewinnen zu wollen laecherlich gewesen waere, haetten

Perseus' Agenten gern beseitigt; er sollte auf der Rueckkehr von Rom,

wo er gegen Makedonien gewirkt hatte, bei Delphi ermordet werden,

allein der saubere Plan misslang. Von groesserer Bedeutung waren die

Bestrebungen, die noerdlichen Barbaren und die Hellenen gegen Rom

aufzuwiegeln. Philippos hatte den Plan entworfen, die alten Feinde

Makedoniens, die Dardaner in dem heutigen Serbien, zu erdruecken durch

einen anderen, vom linken Ufer der Donau herbeigezogenen, noch wilderen

Schwarm deutscher Abstammung, den der Bastarner, sodann mit diesen

und der ganzen dadurch in Bewegung gesetzten Voelkerlawine selbst nach

Italien auf dem Landweg zu ziehen und in die Lombardei einzufallen,

wohin er die Alpenpaesse bereits erkunden liess - ein grossartiger,

Hannibals wuerdiger Entwurf, welchen auch ohne Zweifel Hannibals

Alpenuebergang unmittelbar angeregt hat. Es ist mehr als wahrscheinlich,

dass hiermit die Gruendung der roemischen Festung Aquileia

zusammenhaengt, die eben in Philippos' letzte Zeit faellt (573 181)

und nicht passt zu dem sonst von den Roemern bei ihren italischen

Festungsanlagen befolgten System. Der Plan scheiterte indes an

dem verzweifelten Widerstand der Dardaner und der mitbetroffenen

naechstwohnenden Voelkerschaften; die Bastarner mussten wieder abziehen

und der ganze Haufen ertrank auf der Heimkehr unter dem einbrechenden

Eise der Donau. Der Koenig suchte nun wenigstens unter den Haeuptlingen

des illyrischen Landes, des heutigen Dalmatiens und des noerdlichen

Albaniens, seine Klientel auszubreiten. Nicht ohne Perseus' Vorwissen

kam einer derselben, der treulich zu Rom hielt, Arthetauros, durch

Moerderhand um. Der bedeutendste von allen, Genthios, der Sohn und Erbe

des Pleuratos, stand zwar dem Namen nach gleich seinem Vater in Buendnis

mit Rom, allein die Boten von Issa, einer griechischen Stadt auf einer

der dalmatinischen Inseln, berichteten dem Senat, dass Koenig Perseus

mit dem jungen, schwachen, trunkfaelligen Menschen in heimlichem

Einverstaendnis stehe und Genthios' Gesandte in Rom dem Perseus als

Spione dienten. In den Landschaften oestlich von Makedonien gegen

die untere Donau zu stand der maechtigste unter den thrakischen

Haeuptlingen, der Fuerst der Orysen und Herr des ganzen oestlichen

Thrakiens von der makedonischen Grenze am Hebros (Maritza) bis an den

mit griechischen Staedten bedeckten Kuestensaum, der kluge und tapfere

Kotys, mit Perseus im engsten Buendnis; von den anderen kleineren

Haeuptlingen, die es hier mit Rom hielten, ward einer, der Fuerst

der Sagaeer, Abrupolis, infolge eines gegen Amphipolis am Strymon

gerichteten Raubzugs von Perseus geschlagen und aus dem Lande getrieben.

Von hierher hatte Philipp zahlreiche Kolonisten gezogen und standen

Soeldner zu jeder Zeit in beliebiger Zahl zu Gebot. Unter der

ungluecklichen hellenischen Nation ward von Philippos und Perseus

lange vor der Kriegserklaerung gegen Rom ein zwiefacher Propagandakrieg

lebhaft gefuehrt, indem man teils die nationale, teils - man gestatte

den Ausdruck - die kommunistische Partei auf die Seite Makedoniens zu

bringen versuchte. Dass alle national Gesinnten unter den asiatischen

wie unter den europaeischen Griechen jetzt im Herzen makedonisch waren,

versteht sich von selbst; nicht wegen einzelner Ungerechtigkeiten der

roemischen Befreier, sondern weil die Herstellung der hellenischen

Nationalitaet durch eine fremde den Widerspruch in sich selbst trug,

und jetzt, wo es freilich zu spaet war, jeder es begriff, dass

die abscheulichste makedonische Regierung minder unheilvoll fuer

Griechenland war als die aus den edelsten Absichten ehrenhafter

Auslaender hervorgegangene freie Verfassung. Dass die tuechtigsten und

rechtschaffensten Leute in ganz Griechenland gegen Rom Partei ergriffen,

war in der Ordnung; roemisch gesinnt war nur die feile Aristokratie und

hier und da ein einzelner ehrlicher Mann, der ausnahmsweise sich

ueber den Zustand und die Zukunft der Nation nicht taeuschte. Am

schmerzlichsten empfand dies Eumenes von Pergamon, der Traeger jener

fremdlaendischen Freiheit unter den Griechen. Vergeblich behandelte er

die ihm unterworfenen Staedte mit Ruecksichten aller Art; vergeblich

buhlte er um die Gunst der Gemeinden und der Tagsatzungen mit

wohlklingenden Worten und noch besser klingendem Golde - er musste

vernehmen, dass man seine Geschenke zurueckgewiesen, ja dass man eines

schoenen Tages im ganzen Peloponnes nach Tagsatzungsbeschluss alle

frueher ihm errichteten Statuen zerschlagen und die Ehrentafeln

eingeschmolzen habe (584 170), waehrend Perseus' Name auf allen Lippen

war; waehrend selbst die ehemals am entschiedensten antimakedonisch

gesinnten Staaten, wie die Achaeer, ueber die Aufhebung der gegen

Makedonien gerichteten Gesetze berieten; waehrend Byzantion, obwohl

innerhalb des Pergamenischen Reiches gelegen, nicht von Eumenes, sondern

von Perseus Schutz und Besatzung gegen die Thraker erbat und empfing,

und ebenso Lampsakos am Hellespont sich dem Makedonier anschloss;

waehrend die maechtigen und besonnenen Rhodier dem Koenig Perseus seine

syrische Braut, da die syrischen Kriegsschiffe im Aegaeischen Meer sich

nicht zeigen durften, mit ihrer ganzen praechtigen Kriegsflotte von

Antiocheia her zufuehrten und hochgeehrt und reich beschenkt, namentlich

mit Holz zum Schiffbau, wieder heimkehrten; waehrend Beauftragte der

asiatischen Staedte, also der Untertanen des Eumenes, in Samothrake mit

makedonischen Abgeordneten geheime Konferenzen hielten. Jene Sendung der

rhodischen Kriegsflotte schien wenigstens eine Demonstration; und

sicher war es eine, dass der Koenig Perseus unter dem Vorwand einer

gottesdienstlichen Handlung bei Delphi den Hellenen sich und seine

ganze Armee zur Schau stellte. Dass der Koenig sich auf diese nationale

Propaganda bei dem bevorstehenden Kriege zu stuetzen gedachte, war in

der Ordnung. Arg aber war es, dass er die fuerchterliche oekonomische

Zerruettung Griechenlands benutzte, um alle diejenigen, die eine

Umwaelzung der Eigentums- und Schuldverhaeltnisse wuenschten, an

Makedonien zu ketten. Von der beispiellosen Ueberschuldung der Gemeinden

wie der einzelnen im europaeischen Griechenland, mit Ausnahme des in

dieser Hinsicht etwas besser geordneten Peloponnes, ist es schwer, sich

einen hinreichenden Begriff zu machen; es kam vor, dass eine Stadt die

andere ueberfiel und auspluenderte, bloss um Geld zu machen, so zum

Beispiel die Athener Oropos, und bei den Aetolern, den Perrhaebern,

den Thessalern lieferten die Besitzenden und die Nichtbesitzenden sich

foermliche Schlachten. Die aergsten Greueltaten verstehen sich bei

solchen Zustaenden von selbst; so wurde bei den Aetolern eine allgemeine

Versoehnung verkuendet und ein neuer Landfriede gemacht, einzig zu dem

Zweck, eine Anzahl von Emigranten ins Garn zu locken und zu ermorden.

Die Roemer versuchten zu vermitteln; aber ihre Gesandten kehrten

unverrichteter Sache zurueck und meldeten, dass beide Parteien gleich

schlecht und die Erbitterung nicht zu bezaehmen sei. Hier half in der

Tat nichts anderes mehr als der Offizier und der Scharfrichter; der

sentimentale Hellenismus fing an, ebenso grauenvoll zu werden, wie er

von Anfang an laecherlich gewesen war. Koenig Perseus aber bemaechtigte

sich dieser Partei, wenn sie den Namen verdient, der Leute, die nichts,

am wenigsten einen ehrlichen Namen zu verlieren hatten, und erliess

nicht bloss Verfuegungen zu Gunsten der makedonischen Bankerottierer,

sondern liess auch in Larisa, Delphi und Delos Plakate anschlagen,

welche saemtliche wegen politischer oder anderer Verbrechen oder ihrer

Schulden wegen landfluechtig gewordene Griechen aufforderten, nach

Makedonien zu kommen und volle Einsetzung in ihre ehemaligen Ehren und

Gueter zu gewaertigen. Dass sie kamen, kann man sich denken; ebenso dass

in ganz Nordgriechenland die glimmende soziale Revolution nun in offene

Flammen ausschlug und die national-soziale Partei daselbst um Hilfe

zu Perseus sandte. Wenn die hellenische Nationalitaet nur mit solchen

Mitteln zu retten war, so durfte bei aller Verehrung fuer Sophokles und

Pheidias man sich die Frage erlauben, ob das Ziel des Preises wert sei.

Der Senat begriff, dass er schon zu lange gezoegert habe und dass

es Zeit sei, dem Treiben ein Ende zu machen. Die Vertreibung des

thrakischen Haeuptlings Abrupolis, der mit den Roemern in Buendnis

stand, die Buendnisse Makedoniens mit den Byzantiern, Aetolern und einem

Teil der boeotischen Staedte waren ebensoviel Verletzungen des Friedens

von 557 (197) und genuegten fuer das offizielle Kriegsmanifest; der

wahre Grund des Krieges war, dass Makedonien im Begriff stand, seine

formelle Souveraenitaet in eine reelle zu verwandeln und Rom aus dem

Patronat ueber die Hellenen zu verdraengen. Schon 581 (173) sprachen

die roemischen Gesandten auf der achaeischen Tagsatzung es ziemlich

unumwunden aus, dass ein Buendnis mit Perseus mit dem Abfall von dem

roemischen gleichbedeutend sei. Im Jahr 582 (172) kam Koenig Eumenes

persoenlich nach Rom mit einem langen Beschwerdenregister und deckte

die ganze Lage der Dinge im Senat auf, worauf dieser wider Erwarten

in geheimer Sitzung sofort die Kriegserklaerung beschloss und die

Landungsplaetze in Epeiros mit Besatzungen versah. Der Form wegen ging

noch eine Gesandtschaft nach Makedonien, deren Botschaft aber derart

war, dass Perseus, erkennend, dass er nicht zurueck koenne, die Antwort

gab, er sei bereit, ein neues wirklich gleiches Buendnis mit Rom zu

schliessen, allein den Vertrag von 557 (197) sehe er als aufgehoben

an, und die Gesandten anwies, binnen drei Tagen das Reich zu verlassen.

Damit war der Krieg tatsaechlich erklaert. Es war im Herbst 582 (172);

wenn Perseus wollte, konnte er ganz Griechenland besetzen und die

makedonische Partei ueberall ans Regiment bringen, ja vielleicht die

bei Apollonia stehende roemische Division von 5000 Mann unter Gnaeus

Sicinius erdruecken und den Roemern die Landung streitig machen. Allein

der Koenig, dem schon vor dem Ernst der Dinge zu grauen begann, liess

sich mit seinem Gastfreund, dem Konsular Quintus Marcius Philippus,

ueber die Frivolitaet der roemischen Kriegserklaerung in Verhandlungen

ein und sich durch diese bestimmen, den Angriff zu verschieben und noch

einmal einen Friedensversuch in Rom zu machen, den, wie begreiflich,

der Senat nur beantwortete mit der Ausweisung saemtlicher Makedonier aus

Italien und der Einschiffung der Legionen. Zwar tadelten die Senatoren

der aelteren Schule die "neue Weisheit" ihres Kollegen und die

unroemische List; allein der Zweck war erreicht und der Winter verfloss,

ohne dass Perseus sich ruehrte. Desto eifriger nutzten die roemischen

Diplomaten die Zwischenzeit, um Perseus eines jeden Anhaltes in

Griechenland zu berauben. Der Achaeer war man sicher. Nicht einmal

die Patriotenpartei daselbst, die weder mit jenen sozialen Bewegungen

einverstanden war noch ueberhaupt sich weiter verstieg als zu der

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 30 / 51 段