natuerlich Rhodos bedacht, das Lykien mit Ausschluss von Telmissos und

den groesseren Teil von Karien suedlich vom Maeander empfing; ausserdem

garantierte Antiochos in seinem Reiche den Rhodiern ihr Eigentum und

ihre Forderungen sowie die bisher genossene Zollfreiheit. Alles uebrige,

also bei weitem der groesste Teil der Beute, fiel an die Attaliden,

deren alte Treue gegen Rom sowie die von Eumenes in diesem Kriege

bestandene Drangsal und sein persoenliches Verdienst um den Ausfall

der entscheidenden Schlacht von Rom so belohnt ward, wie nie ein

Koenig seinen Verbuendeten gelohnt hat. Eumenes empfing in Europa

den Chersonesos mit Lysimacheia; in Asien ausser Mysien, das er schon

besass, die Provinzen Phrygien am Hellespont, Lydien mit Ephesos und

Sardes, den noerdlichen Streif von Karien bis zum Maeander mit Tralles

und Magnesia, Grossphrygien und Lykaonien nebst einem Stueck von

Kilikien, die milysche Landschaft zwischen Phrygien und Lykien und

als Hafenplatz am suedlichen Meer die lykische Stadt Telmissos; ueber

Pamphylien ward spaeter zwischen Eumenes und Antiochos gestritten,

inwieweit es dies- oder jenseits der gesteckten Grenze liege und also

jenem oder diesem zukomme. Ausserdem erhielt er die Schutzherrschaft

und das Zinsrecht ueber diejenigen griechischen Staedte, die nicht

unbeschraenkt die Freiheit empfingen; doch wurde auch hier bestimmt,

dass den Staedten ihre Freibriefe bleiben und die Abgabe nicht erhoeht

werden solle. Ferner musste Antiochos sich anheischig machen, die 350

Talente (600000 Taler), die er dem Vater Attalos schuldig geworden war,

dem Eumenes zu entrichten, ebenso ihn mit 127 Talenten (218000 Taler)

fuer die rueckstaendigen Getreidelieferungen zu entschaedigen.

Endlich erhielt Eumenes die koeniglichen Forsten und die von Antiochos

abgelieferten Elefanten, nicht aber die Kriegsschiffe, die verbrannt

wurden; eine Seemacht litten die Roemer nicht neben sich. Hierdurch

war das Reich der Attaliden in Osteuropa und Asien das geworden, was

Numidien in Afrika war, ein von Rom abhaengiger maechtiger Staat mit

absoluter Verfassung, bestimmt und faehig, sowohl Makedonien als Syrien

in Schranken zu halten, ohne anders als in ausserordentlichen Faellen

roemischer Unterstuetzung zu beduerfen. Mit dieser durch die roemische

Politik gebotenen Schoepfung hatte man die durch republikanische und

nationale Sympathie und Eitelkeit gebotene Befreiung der asiatischen

Griechen soweit moeglich vereinigt. Um die Angelegenheiten des ferneren

Ostens jenseits des Tauros und Halys war man fest entschlossen, sich

nicht zu bekuemmern; es zeigen dies sehr deutlich die Bedingungen des

Friedens mit Antiochos und noch entschiedener die bestimmte Weigerung

des Senats, der Stadt Soloi in Kilikien die von den Rhodiern fuer

sie erbetene Freiheit zu gewaehren. Ebenso getreu blieb man dem

festgestellten Grundsatz, keine unmittelbaren ueberseeischen Besitzungen

zu erwerben. Nachdem die roemische Flotte noch eine Expedition nach

Kreta gemacht und die Freigebung der dorthin in die Sklaverei verkauften

Roemer durchgesetzt hatte, verliessen Flotte und Landheer im Nachsommer

566 (188) Asien, wobei das Landheer, das wieder durch Thrakien zog,

durch die Nachlaessigkeit des Feldherrn unterwegs von den Ueberfaellen

der Wilden viel zu leiden hatte. Die Roemer brachten nichts heim aus

dem Osten als Ehre und Gold, die in dieser Zeit sich schon beide in der

praktischen Form der Dankadresse, dem goldenen Kranze, zusammenzufinden

pflegten. Auch das europaeische Griechenland war von diesem asiatischen

Krieg erschuettert worden und bedurfte neuer Ordnung. Die Aetoler, die

immer noch nicht gelernt hatten, sich in ihre Nichtigkeit zu finden,

hatten nach dem im Fruehling 564 (190) mit Scipio abgeschlossenen

Waffenstillstand nicht bloss durch ihre kephallenischen Korsaren

den Verkehr zwischen Italien und Griechenland schwierig und unsicher

gemacht, sondern vielleicht noch waehrend des Waffenstillstandes,

getaeuscht durch falsche Nachrichten ueber den Stand der Dinge in Asien,

die Tollheit begangen, den Amynander wieder auf seinen athamanischen

Thron zu setzen und mit Philippos in den von diesem besetzten

aetolischen und thessalischen Grenzlandschaften sich herumzuschlagen,

wobei der Koenig mehrere Nachteile erlitt. Es versteht sich, dass

hiernach Rom ihre Bitte um Frieden mit der Landung des Konsuls Marcus

Fulvius Nobilior beantwortete. Er traf im Fruehling 565 (189) bei den

Legionen ein und nahm nach fuenfzehntaegiger Belagerung durch eine fuer

die Besatzung ehrenvolle Kapitulation Ambrakia, waehrend zugleich die

Makedonier, die Illyrier, die Epeiroten, die Akarnanen und Achaeer ueber

die Aetoler herfielen. Von eigentlichem Widerstand konnte nicht die Rede

sein; auf die wiederholten Friedensgesuche der Aetoler standen denn

auch die Roemer vom Kriege ab und gewaehrten Bedingungen, welche solchen

erbaermlichen und tueckischen Gegnern gegenueber billig genannt werden

muessen. Die Aetoler verloren alle Staedte und Gebiete, die in den

Haenden ihrer Gegner waren, namentlich Ambrakia, welches infolge

einer gegen Marcus Fulvius in Rom gesponnenen Intrige spaeter frei und

selbstaendig ward, ferner Oinia, das den Akarnanen gegeben wurde; ebenso

traten sie Kephallenia ab. Sie verloren das Recht, Krieg und Frieden

zu schliessen und wurden in dieser Hinsicht von den auswaertigen

Beziehungen Roms abhaengig; endlich zahlten sie eine starke Geldsumme.

Kephallenia setzte sich auf eigene Hand gegen diesen Vertrag und fuegte

sich erst, als Marcus Fulvius auf der Insel landete; ja die Einwohner

von Same, die befuerchteten, aus ihrer wohlgelegenen Stadt durch

eine roemische Kolonie ausgetrieben zu werden, fielen nach der ersten

Unterwerfung wieder ab und hielten eine viermonatliche Belagerung aus,

worauf die Stadt endlich genommen und die Einwohner saemtlich in

die Sklaverei verkauft wurden. Rom blieb auch hier dabei, sich

grundsaetzlich auf Italien und die italischen Inseln zu beschraenken.

Es nahm von der Beute nichts fuer sich als die beiden Inseln Kephallenia

und Zakynthos, welche den Besitz von Kerkyra und anderen Seestationen am

Adriatischen Meer wuenschenswert ergaenzten. Der uebrige Laendererwerb

kam an die Verbuendeten Roms; indes die beiden bedeutendsten derselben,

Philippos und die Achaeer, waren keineswegs befriedigt durch den ihnen

an der Beute gegoennten Anteil. Philippos fuehlte sich nicht ohne Grund

verletzt. Er durfte sagen, dass in dem letzten Krieg die eigentlichen

Schwierigkeiten, die nicht in dem Feinde, sondern in der Entfernung und

der Unsicherheit der Verbindungen lagen, wesentlich durch seinen loyalen

Beistand ueberwunden waren. Der Senat erkannte dies auch an, indem

er ihm den noch rueckstaendigen Tribut erliess und seine Geiseln ihm

zuruecksandte; allein Gebietserweiterungen, wie er sie gehofft, empfing

er nicht. Er erhielt das magnetische Gebiet mit Demetrias, das er den

Aetolern abgenommen hatte; ausserdem blieben tatsaechlich in seinen

Haenden die dolopische und athamanische Landschaft und ein Teil von

Thessalien, aus denen gleichfalls die Aetoler von ihm vertrieben worden

waren. In Thrakien blieb zwar das Binnenland in makedonischer Klientel,

aber ueber die Kuestenstaedte und die Inseln Thasos und Lemnos,

die faktisch in Philipps Haenden waren, ward nichts bestimmt, der

Chersonesos sogar ausdruecklich an Eumenes gegeben; und es war nicht

schwer zu erkennen, dass Eumenes nur deshalb auch Besitzungen in Europa

empfing, um nicht bloss Asien, sondern auch Makedonien im Notfall

niederzuhalten. Die Erbitterung des stolzen und in vieler Hinsicht

ritterlichen Mannes ist natuerlich; allein es war nicht Schikane,

was die Roemer bestimmte, sondern eine unabweisliche politische

Notwendigkeit. Makedonien buesste dafuer, dass es einmal eine Macht

ersten Ranges gewesen war und mit Rom auf gleichem Fuss Krieg gefuehrt

hatte: man hatte hier, und hier mit viel besserem Grund als gegen

Karthago, sich vorzusehen, dass die alte Machtstellung nicht

wiederkehre. Anders stand es mit den Achaeern. Sie hatten im Laufe des

Krieges gegen Antiochos ihren lange genaehrten Wunsch befriedigt, den

Peloponnes ganz in ihre Eidgenossenschaft zu bringen, indem zuerst

Sparta, dann, nach der Vertreibung der Asiaten aus Griechenland, auch

Elis und Messene mehr oder weniger gezwungen beigetreten waren. Die

Roemer hatten dies geschehen lassen und es sogar geduldet, dass

man dabei mit absichtlicher Ruecksichtslosigkeit gegen Rom verfuhr.

Flamininus hatte, als Messene erklaerte, sich den Roemern zu

unterwerfen, aber nicht in die Eidgenossenschaft eintreten zu wollen und

diese darauf Gewalt brauchte, zwar nicht unterlassen, den Achaeern zu

Gemuete zu fuehren, dass solche Sonderverfuegungen ueber einen Teil der

Beute an sich unrecht und in dem Verhaeltnis der Achaeer zu den Roemern

mehr als unpassend seien, aber denn doch in seiner sehr unpolitischen

Nachgiebigkeit gegen die Hellenen im wesentlichen den Achaeern ihren

Willen getan. Allein damit hatte die Sache kein Ende. Die Achaeer, von

ihrer zwerghaften Vergroesserungssucht gepeinigt, liessen die Stadt

Pleuron in Aetolien, die sie waehrend des Krieges besetzt hatten,

nicht fahren, machten sie vielmehr zum unfreiwilligen Mitgliede ihrer

Eidgenossenschaft; sie kauften Zakynthos von dem Statthalter des letzten

Besitzers Amynander und haetten gern noch Aegina dazu gehabt. Nur

widerwillig gaben sie jene Insel an Rom heraus und hoerten sehr unmutig

Flamininus' guten Ratschlag, sich mit ihrem Peloponnes zu begnuegen. Sie

glaubten es sich schuldig zu sein, die Unabhaengigkeit ihres Staates

um so mehr zur Schau zu tragen, je weniger daran war; man sprach von

Kriegsrecht, von der treuen Beihilfe der Achaeer in den Kriegen

der Roemer; man fragte die roemischen Gesandten auf der achaeischen

Tagsatzung, warum Rom sich um Messene bekuemmere, da Achaia ja nicht

nach Capua frage, und der hochherzige Patriot, der also gesprochen,

wurde beklatscht und war der Stimmen bei den Wahlen sicher. Das alles

wuerde sehr recht und sehr erhaben gewesen sein, wenn es nicht noch viel

laecherlicher gewesen waere. Es lag wohl eine tiefe Gerechtigkeit und

ein noch tieferer Jammer darin, dass Rom, so ernstlich es die Freiheit

der Hellenen zu gruenden und den Dank der Hellenen zu verdienen bemueht

war, dennoch ihnen nichts gab als die Anarchie und nichts erntete

als den Undank. Es lagen auch den hellenischen Antipathien gegen die

Schutzmacht sicher sehr edle Gefuehle zugrunde, und die persoenliche

Bravheit einzelner tonangebender Maenner ist ausser Zweifel. Aber darum

bleibt dieser achaeische Patriotismus nicht minder eine Torheit und eine

wahre historische Fratze. Bei all jenem Ehrgeiz und all jener nationalen

Empfindlichkeit geht durch die ganze Nation vom ersten bis zum letzten

Mann das gruendlichste Gefuehl der Ohnmacht. Stets horcht jeder nach

Rom, der liberale Mann nicht weniger wie der servile; man dankt dem

Himmel, wenn das gefuerchtete Dekret ausbleibt; man mault, wenn

der Senat zu verstehen gibt, dass man wohl tun werde, freiwillig

nachzugeben, um es nicht gezwungen zu tun; man tut, was man muss

womoeglich in einer fuer die Roemer verletzenden Weise, "um die Formen

zu retten"; man berichtet, erlaeutert, verschiebt, weicht aus, und wenn

das endlich alles nicht mehr gehen will, so wird mit einem patriotischen

Seufzer nachgegeben. Das Treiben haette Anspruch wo nicht auf Billigung

doch auf Nachsicht, wenn die Fuehrer zum Kampf entschlossen gewesen

waeren und den Untergang der Nation der Knechtschaft vorgezogen

haetten; aber weder Philopoemen noch Lykortas dachten an einen solchen

politischen Selbstmord - man wollte womoeglich frei sein, aber denn doch

vor allem leben. Zu allem diesem aber sind es niemals die Roemer, die

die gefuerchtete roemische Intervention in die inneren Angelegenheiten

Griechenlands hervorrufen, sondern stets die Griechen selbst, die wie

die Knaben den Stock, den sie fuerchten, selber einer ueber den andern

bringen. Der von dem gelehrten Poebel hellenischer und nachhellenischer

Zeit bis zum Ekel wiederholte Vorwurf, dass die Roemer bestrebt gewesen

waeren, inneren Zwist in Griechenland zu stiften, ist eine der tollsten

Abgeschmacktheiten, welche politisierende Philologen nur je ausgesonnen

haben. Nicht die Roemer trugen den Hader nach Griechenland - wahrlich

Eulen nach Athen -, sondern die Griechen ihre Zwistigkeiten nach Rom.

Namentlich die Achaeer, die ueber ihren Arrondierungsgeluesten gaenzlich

uebersahen, wie sehr zu ihrem eigenen Besten es gewesen, dass Flamininus

die aetolisch gesinnten Staedte nicht der Eidgenossenschaft einverleibt

hatte, erwarben in Lakedaemon und Messene sich eine wahre Hydra inneren

Zwistes. Unaufhoerlich baten und flehten Mitglieder dieser Gemeinden

in Rom, sie aus der verhassten Gemeinschaft zu loesen, darunter

charakteristisch genug selbst diejenigen, die die Rueckkehr in die

Heimat den Achaeern verdankten. Unaufhoerlich ward von dem Achaeischen

Bunde in Sparta und Messene regeneriert und restauriert: die wuetendsten

Emigrierten von dort bestimmten die Massregeln der Tagsatzung. Vier

Jahre nach dem nominellen Eintritt Spartas in die Eidgenossenschaft kam

es sogar zum offenen Kriege und zu einer bis zum Wahnsinn vollstaendigen

Restauration, wobei die saemtlichen von Nabis mit dem Buergerrecht

beschenkten Sklaven wieder in die Knechtschaft verkauft und aus dem

Erloes ein Saeulengang in der Achaeerstadt Megalopolis gebaut,

ferner die alten Gueterverhaeltnisse in Sparta wiederhergestellt,

die Lykurgischen Gesetze durch die achaeischen ersetzt, die Mauern

niedergerissen wurden (566 188). Ueber alle diese Wirtschaft ward

dann zuletzt von allen Seiten der roemische Senat zum Schiedsspruch

aufgefordert - eine Belaestigung, die die gerechte Strafe fuer die

befolgte sentimentale Politik war. Weit entfernt, sich zu viel in diese

Angelegenheiten zu mischen, ertrug der Senat nicht bloss die Nadelstiche

der achaeischen Gesinnungstuechtigkeit mit musterhafter Indifferenz,

sondern liess selbst die aergsten Dinge mit straeflicher

Gleichgueltigkeit geschehen. Man freute sich herzlich in Achaia, als

nach jener Restauration die Nachricht von Rom einlief, dass der

Senat darueber zwar gescholten, aber nichts kassiert habe. Fuer die

Lakedaemonier geschah von Rom aus nichts, als dass der Senat, empoert

ueber den von den Achaeern verfuegten Justizmord von beilaeufig sechzig

bis achtzig Spartanern, der Tagsatzung die Kriminaljustiz ueber die

Spartaner nahm - freilich ein empoerender Eingriff in die inneren

Angelegenheiten eines unabhaengigen Staates! Die roemischen

Staatsmaenner kuemmerten sich so wenig wie moeglich um diese Suendflut

in der Nussschale, wie am besten die vielfachen Klagen beweisen ueber

die oberflaechlichen, widersprechenden und unklaren Entscheidungen des

Senats; freilich, wie sollte er klar antworten, wenn auf einmal vier

Parteien aus Sparta zugleich im Senat gegeneinander redeten! Dazu kam

der persoenliche Eindruck, den die meisten dieser peloponnesischen

Staatsmaenner in Rom machten; selbst Flamininus schuettelte den Kopf,

als ihm einer derselben heute etwas vortanzte und den andern Tag ihn von

Staatsgeschaeften unterhielt. Es kam so weit, dass dem Senat zuletzt die

Geduld voellig ausging und er die Peloponnesier dahin beschied, dass er

sie nicht mehr bescheiden werde und sie machen koennten, was sie wollten

(572 182). Begreiflich ist dies, aber nicht recht; wie die Roemer einmal

standen, hatten sie die sittliche und politische Verpflichtung, hier

mit Ernst und Konsequenz einen leidlichen Zustand herzustellen. Jener

Achaeer Kallikrates, der im Jahre 575 (179) an den Senat ging, um ihn

ueber die Zustaende im Peloponnes aufzuklaeren und eine folgerechte und

gehaltene Intervention zu fordern, mag als Mensch noch etwas weniger

getaugt haben als sein Landsmann Philopoemen, der jene Patriotenpolitik

wesentlich begruendet hat; aber er hatte recht. So umfasste die Klientel

der roemischen Gemeinde jetzt die saemtlichen Staaten von dem oestlichen

zu dem westlichen Ende des Mittelmeeres; nirgend bestand ein Staat, den

man der Muehe wert gehalten haette zu fuerchten. Aber noch lebte ein

Mann, dem Rom diese seltene Ehre erwies: der heimatlose Karthager, der

erst den ganzen Westen, alsdann den ganzen Osten gegen Rom in Waffen

gebracht hatte und der vielleicht nur gescheitert war, dort an der

ehrlosen Aristokraten-, hier an der kopflosen Hofpolitik. Antiochos

hatte sich im Frieden verpflichten muessen, den Hannibal auszuliefern;

allein derselbe war zuerst nach Kreta, dann nach Bithynien entronnen

^5 und lebte jetzt am Hof des Koenigs Prusias, beschaeftigt, diesen in

seinen Kriegen gegen Eumenes zu unterstuetzen und wie immer siegreich

zu Wasser und zu Lande. Es wird behauptet, dass er auch den Prusias

zum Kriege gegen Rom habe reizen wollen; eine Torheit, die so, wie sie

erzaehlt wird, sehr wenig glaublich klingt. Gewisser ist es, dass zwar

der roemische Senat es unter seiner Wuerde hielt, den Greis in seinem

letzten Asyl aufjagen zu lassen - denn die Ueberlieferung, die auch

den Senat beschuldigt, scheint keinen Glauben zu verdienen -, dass aber

Flamininus, der in seiner unruhigen Eitelkeit nach neuen Zielen fuer

grosse Taten suchte, auf seine eigene Hand es unternahm, wie die

Griechen von ihren Ketten, so Rom von Hannibal zu befreien und gegen den

groessten Mann seiner Zeit den Dolch zwar nicht zu fuehren, was nicht

diplomatisch ist, aber ihn zu schleifen und zu richten. Prusias,

der jaemmerlichste unter den Jammerprinzen Asiens, machte sich ein

Vergnuegen daraus, dem roemischen Gesandten die kleine Gefaelligkeit

zu erweisen, die derselbe mit halben Worten erbat, und da Hannibal sein

Haus von Moerdern umstellt sah, nahm er Gift. Er war seit langem gefasst

darauf, fuegt ein Roemer hinzu, denn er kannte die Roemer und das Wort

der Koenige. Sein Todesjahr ist nicht gewiss; wahrscheinlich starb er

in der zweiten Haelfte des Jahres 571 (183), siebenundsechzig Jahre alt.

Als er geboren ward, stritt Rom mit zweifelhaftem Erfolg um den Besitz

von Sizilien; er hatte gerade genug gelebt, um den Westen vollstaendig

unterworfen zu sehen, um noch selber seine letzte Roemerschlacht gegen

die Schiffe seiner roemisch gewordenen Vaterstadt zu schlagen, um dann

zuschauen zu muessen, wie Rom auch den Osten ueberwand gleichwie der

Sturm das fuehrerlose Schiff, und zu fuehlen, dass er allein imstande

war, es zu lenken. Es konnte ihm keine Hoffnung weiter fehlschlagen,

als er starb; aber redlich hatte er in fuenfzigjaehrigem Kampfe den

Knabenschwur gehalten. -------------------------------------------------

^5 Dass er auch nach Armenien gekommen sei und auf Bitten des Koenigs

Artaxias die Stadt Artaxata am Araxes erbaut habe (Strab. 11 p. 528;

Plut. Luc. 31), ist sicher Erfindung; aber es ist bezeichnend, wie

Hannibal, fast wie Alexander, mit den orientalischen Fabeln verwachsen

ist. ------------------------------------------------- Um dieselbe Zeit,

wahrscheinlich in demselben Jahre, starb auch der Mann, den die Roemer

seinen Ueberwinder zu nennen pflegten, Publius Scipio. Ihn hatte das

Glueck mit allen den Erfolgen ueberschuettet, die seinem Gegner versagt

blieben, mit Erfolgen, die ihm gehoerten und nicht gehoerten. Spanien,

Afrika, Asien hatte er zum Reiche gebracht und Rom, das er als die

erste Gemeinde Italiens gefunden, war bei seinem Tode die Gebieterin der

zivilisierten Welt. Er selbst hatte der Siegestitel so viele, dass deren

ueberblieben fuer seinen Bruder und seinen Vetter ^6. Und doch verzehrte

auch ihn durch seine letzten Jahre bitterer Gram, und er starb, wenig

ueber fuenfzig Jahre alt, in freiwilliger Verbannung, mit dem Befehl an

die Seinigen, seine Leiche nicht in der Vaterstadt beizusetzen, fuer

die er gelebt hatte und in der seine Ahnen ruhten. Es ist nicht

genau bekannt, was ihn aus der Stadt trieb. Die Anschuldigungen wegen

Bestechung und unterschlagener Gelder, die gegen ihn und mehr noch

gegen seinen Bruder Lucius gerichtet wurden, waren ohne Zweifel nichtige

Verleumdungen, die solche Verbitterung nicht hinreichend erklaeren;

obwohl es charakteristisch fuer den Mann ist, dass er seine

Rechnungsbuecher, statt sich einfach aus ihnen zu rechtfertigen,

im Angesicht des Volks und der Anklaeger zerriss und die Roemer

aufforderte, ihn zum Tempel des Jupiter zu begleiten und den Jahrestag

seines Sieges bei Zama zu feiern. Das Volk liess den Anklaeger stehen

und folgte dem Scipio auf das Kapitol; aber es war dies der letzte

schoene Tag des hohen Mannes. Sein stolzer Sinn, seine Meinung, ein

anderer und besserer zu sein als die uebrigen Menschen, seine sehr

entschiedene Familienpolitik, die namentlich in seinem Bruder Lucius

den widerwaertigen Strohmann eines Helden grosszog, verletzten viele und

nicht ohne Grund. Wie der echte Stolz das Herz beschirmt, so legt es die

Hoffart jedem Schlag und jedem Nadelstich bloss und zerfrisst auch den

urspruenglichen Hochsinn. Ueberall aber gehoert es zur Eigentuemlichkeit

solcher, aus echtem Gold und schimmerndem Flitter seltsam gemischter

Naturen, wie Scipio eine war, dass sie des Glueckes und des Glanzes der

Jugend beduerfen, um ihren Zauber zu ueben, und dass, wenn dieser Zauber

zu schwinden anfaengt, unter allen am schmerzlichsten der Zauberer

selbst erwacht. ---------------------------------------------------

^6 Africanus, Asiagenus, Hispallus.

--------------------------------------------------- 10. Kapitel Der

Dritte Makedonische Krieg Philippos von Makedonien war empfindlich

gekraenkt durch die Behandlung, die er nach dem Frieden mit Antiochos

von den Roemern erfahren hatte; und der weitere Verlauf der Dinge

war nicht geeignet, seinen Groll zu beschwichtigen. Seine Nachbarn in

Griechenland und Thrakien, grossenteils Gemeinden, die einst vor dem

makedonischen Namen nicht minder gezittert hatten wie jetzt vor dem

roemischen, machten es sich wie billig zum Geschaeft, der gefallenen

Grossmacht all die Tritte zurueckzugeben, die sie seit Philippos' des

Zweiten Zeiten von Makedonien empfangen hatten; der nichtige Hochmut

und der wohlfeile antimakedonische Patriotismus der Hellenen dieser

Zeit machte sich Luft auf den Tagsatzungen der verschiedenen

Eidgenossenschaften und in unaufhoerlichen Beschwerden bei dem

roemischen Senat. Philippos war von den Roemern zugestanden worden,

was er den Aetolern abgenommen habe; allein foermlich an die Aetoler

angeschlossen hatte sich in Thessalien nur die Eidgenossenschaft der

Magneten, wogegen diejenigen Staedte, die Philippos in zwei anderen der

thessalischen Eidgenossenschaften, der thessalischen im engeren Sinn

und der perrhaebischen, den Aetolern entrissen hatte, von ihren Buenden

zurueckverlangt wurden aus dem Grunde, dass Philippos diese Staedte nur

befreit, nicht erobert habe. Auch die Athamanen glaubten ihre Freiheit

begehren zu koennen; auch Eumenes forderte die Seestaedte, die Antiochos

im eigentlichen Thrakien besessen hatte, namentlich Aenos und Maroneia,

obwohl ihm im Frieden mit Antiochos nur der Thrakische Chersonesos

ausdruecklich zugesprochen war. All diese Beschwerden und zahllose

geringere seiner saemtlichen Nachbarn, ueber Unterstuetzung des

Koenigs Prusias gegen Eumenes, ueber Handelskonkurrenz, ueber verletzte

Kontrakte und geraubtes Vieh stroemten nach Rom; vor dem roemischen

Senat musste der Koenig von Makedonien von dem souveraenen Gesindel sich

verklagen lassen und Recht nehmen oder Unrecht, wie es fiel; er musste

sehen, dass das Urteil stets gegen ihn ausfiel, musste knirschend

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 29 / 51 段