Aratos' diplomatischen Egoismus, welcher den Achaeischen Bund durch

die leidigen Verwicklungen mit Sparta und die noch leidigere Anrufung

makedonischer Intervention im Peloponnes der makedonischen Suprematie so

vollstaendig unterworfen hatte, dass die Hauptfestungen der Landschaft

seitdem makedonische Besatzungen empfingen und dort jaehrlich Philippos

der Eid der Treue geschworen wurde. Die schwaecheren Staaten im

Peloponnes, Elis, Messene und Sparta, wurden durch ihre alte, namentlich

durch Grenzstreitigkeiten genaehrte Verfeindung mit der achaeischen

Eidgenossenschaft in ihrer Politik bestimmt und waren aetolisch und

antimakedonisch gesinnt, weil die Achaeer es mit Philippos hielten.

Einige Bedeutung unter diesen Staaten hatte einzig das spartanische

Soldatenkoenigtum, das nach dem Tode des Machanidas an einen gewissen

Nabis gekommen war; er stuetzte sich immer dreister auf die Vagabunden

und fahrenden Soeldner, denen er nicht bloss die Haeuser und Aecker,

sondern auch die Frauen und Kinder der Buerger ueberwies, und unterhielt

emsig Verbindungen, ja schloss geradezu eine Assoziation zum Seeraub

auf gemeinschaftliche Rechnung mit der grossen Soeldner- und

Piratenherberge, der Insel Kreta, wo er auch einige Ortschaften besass.

Seine Raubzuege zu Lande wie seine Piratenschiffe am Vorgebirge Malea

waren weit und breit gefuerchtet, er selbst als niedrig und grausam

verhasst; aber seine Herrschaft breitete sich aus, und um die Zeit der

Schlacht bei Zama war es ihm sogar gelungen, sich in den Besitz von

Messene zu setzen. Endlich die unabhaengigste Stellung unter den

Mittelstaaten hatten die freien griechischen Kaufstaedte an dem

europaeischen Ufer der Propontis sowie auf der ganzen kleinasiatischen

Kueste und auf den Inseln des Aegaeischen Meeres; sie sind zugleich

die lichteste Seite in dieser trueben Mannigfaltigkeit des hellenischen

Staatensystems, namentlich drei unter ihnen, die seit Alexanders Tode

wieder volle Freiheit genossen und durch ihren taetigen Seehandel

auch zu einer achtbaren politischen Macht und selbst zu bedeutendem

Landgebiet gelangt waren: Byzantion, die Herrin des Bosporos, reich

und maechtig durch die Sundzoelle und den wichtigen Kornhandel nach dem

Schwarzen Meer; Kyzikos an der asiatischen Propontis, die Tochterstadt

und die Erbin Milets, in engsten Beziehungen zu dem Hofe von Pergamon,

und endlich und vor allen Rhodos. Die Rhodier, die gleich nach

Alexanders Tode die makedonische Besatzung vertrieben hatten, waren

durch ihre glueckliche Lage fuer Handel und Schiffahrt Vermittler des

Verkehrs in dem ganzen oestlichen Mittelmeer geworden und die tuechtige

Flotte wie der in der beruehmten Belagerung von 450 (304) bewaehrte Mut

der Buerger setzten sie in den Stand, in jener Zeit ewiger Fehden aller

gegen alle vorsichtig und energisch eine neutrale Handelspolitik zu

vertreten und wenn es galt zu verfechten; wie sie denn zum Beispiel die

Byzantier mit den Waffen zwangen, den rhodischen Schiffen Zollfreiheit

im Bosporos zu gestatten, und ebensowenig den pergamenischen Dynasten

das Schwarze Meer zu sperren erlaubten. Vom Landkrieg hielten sie sich

dagegen womoeglich fern, obwohl sie an der gegenueberliegenden karischen

Kueste nicht unbetraechtliche Besitzungen erworben hatten, und fuehrten

ihn, wenn es nicht anders sein konnte, mit Soeldnern. Nach allen Seiten

hin, mit Syrakus, Makedonien und Syrien, vor allem aber mit Aegypten

standen sie in freundschaftlichen Beziehungen und genossen hoher Achtung

bei den Hoefen, so dass nicht selten in den Kriegen der Grossstaaten

ihre Vermittlung angerufen ward. Ganz besonders aber nahmen sie sich

der griechischen Seestaedte an, deren es an den Gestaden des Pontischen,

Bithynischen und Pergamenischen Reiches wie auf den von Aegypten den

Seleukiden entrissenen kleinasiatischen Kuesten und Inseln unzaehlige

gab, wie zum Beispiel Sinope, Herakleia Pontike, Kios, Lampsakos,

Abydos, Mytilene, Chios, Smyrna, Samos, Halikarnassos und andere mehr.

Alle diese waren im wesentlichen frei und hatten mit ihren Grundherren

nichts zu schaffen, als die Bestaetigung ihrer Privilegien von ihnen zu

erbitten und hoechstens ihnen einen maessigen Zins zu entrichten;

gegen etwaige Uebergriffe der Dynasten wusste man bald schmiegsam, bald

energisch sich zu wehren. Hauptsaechlich hilfreich hierbei waren

die Rhodier, welche zum Beispiel Sinope gegen Mithradates von Pontos

nachdruecklich unterstuetzten. Wie fest sich unter dem Hader und eben

durch die Zwiste der Monarchen die Freiheiten dieser kleinasiatischen

Staedte gegruendet hatten, beweist zum Beispiel, dass einige Jahre

nachher zwischen Antiochos und den Roemern nicht ueber die Freiheit

der Staedte selbst gestritten ward, sondern darueber, ob sie die

Bestaetigung ihrer Freibriefe vom Koenig nachzusuchen haetten

oder nicht. Dieser Staedtebund war wie in allem so auch in dieser

eigentuemlichen Stellung zu den Landesherren eine foermliche Hansa,

sein Haupt Rhodos, das in Vertraegen fuer sich und seine Bundesgenossen

verhandelte und stipulierte. Hier ward die staedtische Freiheit gegen

die monarchischen Interessen vertreten, und waehrend um die Mauern herum

die Kriege tobten, blieb hier in verhaeltnismaessiger Ruhe Buergersinn

und buergerlicher Wohlstand heimisch, und es gediehen hier Kunst und

Wissenschaft, ohne durch wueste Soldatenwirtschaft zertreten oder von

der Hofluft korrumpiert zu werden. Also standen die Dinge im Osten, als

die politische Scheidewand zwischen dem Orient und dem Okzident fiel und

die oestlichen Maechte, zunaechst Philippos von Makedonien, veranlasst

wurden, in die Verhaeltnisse des Westens einzugreifen. Wie es geschah

und wie der Erste Makedonische Krieg (540-549 214- 205) verlief, ist

zum Teil schon erzaehlt und angedeutet worden, was Philippos im

Hannibalischen Kriege haette tun koennen und wie wenig von dem geschah,

was Hannibal hatte erwarten und berechnen duerfen. Es hatte

wieder einmal sich gezeigt, dass unter allen Wuerfelspielen keines

verderblicher ist als die absolute Erbmonarchie. Philippos war nicht der

Mann, dessen Makedonien damals bedurfte; indes eine unbedeutende

Natur war er nicht. Er war ein rechter Koenig, in dem besten und dem

schlimmsten Sinne des Wortes. Das lebhafte Gefuehl, selbst und allein

zu herrschen, war der Grundzug seines Wesens; er war stolz auf seinen

Purpur, aber nicht bloss auf ihn, und er durfte stolz sein. Er bewies

nicht allein die Tapferkeit des Soldaten und den Blick des Feldherrn,

sondern auch einen hohen Sinn in der Leitung der oeffentlichen

Angelegenheiten, wo immer sein makedonisches Ehrgefuehl verletzt ward.

Voll Verstand und Witz gewann er, wen er gewinnen wollte, vor allem eben

die faehigsten und gebildetsten Maenner, so zum Beispiel Flamininus und

Scipio; er war ein guter Gesell beim Becher und den Frauen nicht

bloss durch seinen Rang gefaehrlich. Allein er war zugleich eine der

uebermuetigsten und frevelhaftesten Naturen, die jenes freche Zeitalter

erzeugt hat. Er pflegte zu sagen, dass er niemand fuerchte als die

Goetter; aber es schien fast, als seien diese Goetter dieselben, denen

sein Flottenfuehrer Dikaearchos regelmaessige Opfer darbrachte, die

Gottlosigkeit (Asebeia) und der Frevel (Paranomia). Weder das Leben

seiner Ratgeber und der Beguenstiger seiner Plaene war ihm heilig, noch

verschmaehte er es, seine Erbitterung gegen die Athener und Attalos

durch Zerstoerung ehrwuerdiger Denkmaeler und namhafter Kunstwerke zu

befriedigen; es wird als Staatsmaxime von ihm angefuehrt, dass, wer den

Vater ermorden lasse, auch die Soehne toeten muesse. Es mag sein, dass

ihm nicht eigentlich die Grausamkeit eine Wollust war; allein fremdes

Leben und Leiden war ihm gleichgueltig, und die Inkonsequenz, die den

Menschen allein ertraeglich macht, fand nicht Raum in seinem starren

und harten Herzen. Er hat den Satz, dass fuer den absoluten Koenig kein

Versprechen und kein Moralgebot bindend sei, so schroff und grell zur

Schau getragen, dass er eben dadurch seinen Plaenen die wesentlichsten

Hindernisse in den Weg legte. Einsicht und Entschlossenheit kann niemand

ihm absprechen; aber es ist damit in seltsamer Weise Zauderei und

Fahrigkeit vereinigt; was vielleicht zum Teil dadurch sich erklaert,

dass er schon im achtzehnten Jahr zum absoluten Herrscher berufen ward

und dass sein unbaendiges Wueten gegen jeden, der durch Widerreden und

Widerraten ihn in seinem Selbstregieren stoerte, alle selbstaendigen

Ratgeber von ihm verscheuchte. Was alles in seiner Seele mitgewirkt

haben mag, um die schwache und schmaehliche Fuehrung des Ersten

Makedonischen Krieges hervorzurufen, laesst sich nicht sagen

- vielleicht jene Laessigkeit der Hoffart, die erst gegen die

nahegerueckte Gefahr ihre volle Kraft entwickelt, vielleicht selbst

Gleichgueltigkeit gegen den nicht von ihm entworfenen Plan und

Eifersucht auf Hannibals ihn beschaemende Groesse. Gewiss ist, dass sein

spaeteres Benehmen nicht den Philippos wiedererkennen laesst, an dessen

Saumseligkeit Hannibals Plan scheiterte. Philippos schloss den Vertrag

mit den Aetolern und den Roemern 548/49 (206/05) in der ernsten

Absicht, mit Rom einen dauernden Frieden zu machen und sich kuenftig

ausschliesslich den Angelegenheiten des Ostens zu widmen. Es leidet

keinen Zweifel, dass er Karthagos rasche Ueberwaeltigung ungern sah;

es kann auch sein, dass Hannibal auf eine zweite makedonische

Kriegserklaerung hoffte und dass Philippos im stillen das letzte

karthagische Heer mit Soeldnern verstaerkte. Allein sowohl die

weitschichtigen Dinge, in die er mittlerweile im Osten sich einliess,

als auch die Art der Unterstuetzung und besonders das voellige

Stillschweigen der Roemer ueber diesen Friedensbruch, da sie doch

nach Kriegsgruenden suchten, setzen es ausser Zweifel, dass Philippos

keineswegs im Jahre 551 (203) nachholen wollte, was er zehn Jahre zuvor

haette tun sollen. Er hatte sein Auge nach einer ganz anderen Seite

gewendet. Ptolemaeos Philopator von Aegypten war 549 (205) gestorben.

Gegen seinen Nachfolger Ptolemaeos Epiphanes, ein fuenfjaehriges Kind,

hatten die Koenige von Makedonien und Asien Philippos und Antiochos

sich vereinigt, um den alten Groll der Kontinentalmonarchien gegen

den Seestaat gruendlich zu saettigen. Der aegyptische Staat sollte

aufgeloest werden, Aegypten und Kypros an Antiochos, Kyrene, Ionien und

die Kykladen an Philippos fallen. Recht in Philippos' Art, der ueber

solche Ruecksichten lachte, begannen die Koenige den Krieg, nicht bloss

ohne Ursache, sondern selbst ohne Vorwand, "eben wie die grossen Fische

die kleinen auffressen". Die Verbuendeten hatten uebrigens richtig

gerechnet, besonders Philippos. Aegypten hatte genug zu tun, sich des

naeheren Feindes in Syrien zu erwehren, und musste die kleinasiatischen

Besitzungen und die Kykladen unverteidigt preisgeben, als Philippos

auf diese als auf seinen Anteil an der Beute sich warf. In dem Jahr, wo

Karthago mit Rom den Frieden abschloss (553 201), liess derselbe eine

von den ihm untertaenigen Staedten ausgeruestete Flotte Truppen an

Bord nehmen und an der thrakischen Kueste hinauf segeln. Hier ward

Lysimacheia der aetolischen Besatzung entrissen, und Perinthos, das zu

Byzanz im Klientelverhaeltnis stand, gleichfalls besetzt. So war mit

den Byzantiern der Friede gebrochen, mit den Aetolern, die soeben mit

Philippos Frieden gemacht, wenigstens das gute Einvernehmen gestoert.

Die Ueberfahrt nach Asien stiess auf keine Schwierigkeiten, da Koenig

Prusias von Bithynien mit Makedonien im Bunde war; zur Vergeltung half

Philippos ihm die griechischen Kaufstaedte in seinem Gebiet bezwingen.

Kalchedon unterwarf sich. Kios, das widerstand, wurde erstuermt und

dem Boden gleich, ja die Einwohner zu Sklaven gemacht - eine zwecklose

Barbarei, ueber die Prusias selbst, der die Stadt unbeschaedigt zu

besitzen wuenschte, verdriesslich war und die die ganze hellenische

Welt aufs tiefste erbitterte. Besonders verletzt noch waren abermals die

Aetoler, deren Strateg in Kios kommandiert hatte, und die Rhodier, deren

Vermittlungsversuche von dem Koenig schnoede und arglistig vereitelt

worden waren. Aber waere auch dies nicht gewesen, es standen die

Interessen aller griechischen Kaufstaedte auf dem Spiel. Unmoeglich

konnte man zugeben, dass die milde und fast nur nominelle aegyptische

Herrschaft verdraengt ward durch das makedonische Zwingherrentum, mit

dem die staedtische Selbstregierung und der freie Handelsverkehr sich

nimmermehr vertrug; und die furchtbare Behandlung der Kianer zeigte,

dass es hier sich nicht um das Bestaetigungsrecht der staedtischen

Freibriefe handelte, sondern um Tod und Leben fuer einen und fuer alle.

Schon war Lampsakos gefallen und Thasos behandelt worden wie Kios;

man musste sich eilen. Der wackere Strateg von Rhodos, Theophiliskos,

ermahnte seine Buerger der gemeinsamen Gefahr durch gemeinsame Abwehr

zu begegnen und nicht geschehen zu lassen, dass die Staedte und Inseln

einzeln dem Feinde zur Beute wuerden. Rhodos entschloss sich und

erklaerte Philippos den Krieg. Byzanz schloss sich an; ebenso der

hochbejahrte Koenig Attalos von Pergamon, Philippos' persoenlicher und

politischer Feind. Waehrend die Flotte der Verbuendeten sich an der

aeolischen Kueste sammelte, liess Philippos durch einen Teil der

seinigen Chios und Samos wegnehmen. Mit dem anderen erschien er

selbst vor Pergamon, das er indes vergeblich berannte; er musste sich

begnuegen, das platte Land zu durchstreifen und an den weit und breit

zerstoerten Tempeln die Spuren makedonischer Tapferkeit zurueckzulassen.

Ploetzlich brach er auf und ging wieder zu Schiff, um sich mit

seinem Geschwader, das bei Samos stand, zu vereinigen. Allein die

rhodisch-pergamenische Flotte folgte ihm und zwang ihn zur Schlacht

in der Meerenge von Chios. Die Zahl der makedonischen Deckschiffe war

geringer, allein die Menge ihrer offenen Kaehne glich dies wieder aus

und Philippos' Soldaten fochten mit grossem Mute; doch unterlag. er

endlich. Fast die Haelfte seiner Deckschiffe, vierundzwanzig Segel,

wurden versenkt oder genommen, 6000 makedonische Matrosen, 3000 Soldaten

kamen um, darunter der Admiral Demokrates, 2000 wurden gefangen. Den

Bundesgenossen kostete der Sieg nicht mehr als 800 Mann und sechs Segel.

Aber von den Fuehrern der Verbuendeten war Attalos von seiner Flotte

abgeschnitten und gezwungen worden, sein Admiralschiff bei Erythrae

auf den Strand laufen zu lassen; und Theophiliskos von Rhodos, dessen

Buergermut den Krieg und dessen Tapferkeit die Schlacht entschieden

hatte, starb den Tag nach derselben an seinen Wunden. So konnte,

waehrend Attalos' Flotte in die Heimat ging und die rhodische vorlaeufig

bei Chios blieb, Philippos, der faelschlich sich den Sieg zuschrieb,

seine Fahrt weiter fortsetzen und sich nach Samos wenden, um die

karischen Staedte zu besetzen. An der karischen Kueste lieferten die

Rhodier, diesmal von Attalos nicht unterstuetzt, der makedonischen

Flotte unter Herakleides ein zweites Treffen bei der kleinen Insel

Lade vor dem Hafen von Milet. Der Sieg, den wieder beide Teile sich

zuschrieben, scheint hier von den Makedoniern gewonnen zu sein, denn

waehrend die Rhodier nach Myndos und von da nach Kos zurueckwichen,

besetzten jene Milet und ein Geschwader unter dem Aetoler Dikaearchos

die Kykladen. Philippos inzwischen verfolgte auf dem karischen Festland

die Eroberung der rhodischen Besitzungen daselbst und der griechischen

Staedte; haette er Ptolemaeos selbst angreifen wollen und es nicht

vorgezogen, sich auf die Gewinnung seines Beuteanteils zu beschraenken,

so wuerde er jetzt selbst an einen Zug nach Aegypten haben denken

koennen. In Karien stand zwar kein Heer den Makedoniern gegenueber, und

Philippos durchzog ungehindert die Gegend von Magnesia bis Mylasa;

aber jede Stadt in dieser Landschaft war eine Festung, und der

Belagerungskrieg zog sich in die Laenge, ohne erhebliche Resultate zu

geben oder zu versprechen. Der Satrap von Lydien, Zeuxis, unterstuetzte

den Bundesgenossen seines Herren ebenso lau, wie Philippos sich lau in

der Foerderung der Interessen des syrischen Koenigs bewiesen hatte, und

die griechischen Staedte gaben Unterstuetzung nur aus Furcht oder Zwang.

Die Verproviantierung des Heeres ward immer schwieriger; Philippos

musste heute den pluendern, der ihm gestern freiwillig gegeben hatte,

und dann wieder gegen seine Natur sich bequemen zu bitten. So ging

allmaehlich die gute Jahreszeit zu Ende, und in der Zwischenzeit hatten

die Rhodier ihre Flotte verstaerkt und auch die des Attalos wieder

an sich gezogen, so dass sie zur See entschieden ueberlegen waren. Es

schien fast, als koennten sie dem Koenig den Rueckzug abschneiden und

ihn zwingen, Winterquartier in Karien zu nehmen, waehrend doch die

Angelegenheiten daheim, namentlich die drohende Intervention der Aetoler

und der Roemer, seine Rueckkehr dringend erheischten. Philippos sah die

Gefahr; er liess Besatzungen, zusammen bis 3000 Mann, teils in Myrina,

um Pergamon in Schach zu halten, teils in den kleinen Staedten um

Mylasa: Iassos, Bargylia, Euromos, Pedasa, um den trefflichen Hafen und

einen Landungsplatz in Karien sich zu sichern; mit der Flotte gelang

es ihm bei der Nachlaessigkeit, mit welcher die Bundesgenossen das Meer

bewachten, gluecklich die thrakische Kueste zu erreichen und noch vor

dem Winter 553/54 (201/00) zu Hause zu sein. In der Tat zog sich gegen

Philipp im Westen ein Gewitter zusammen, welches ihm nicht laenger

gestattete, die Pluenderung des wehrlosen Aegyptens fortzusetzen. Die

Roemer, die in demselben Jahre endlich den Frieden mit Karthago auf ihre

Bedingungen abgeschlossen hatten, fingen an, sich ernstlich um diese

Verwicklungen im Osten zu bekuemmern. Es ist oft gesagt worden, dass sie

nach der Eroberung des Westens sofort daran gegangen seien, den Osten

sich zu unterwerfen; eine ernstliche Erwaegung wird zu einem gerechteren

Urteil fuehren. Nur die stumpfe Unbilligkeit kann es verkennen, dass

Rom in dieser Zeit noch keineswegs nach der Herrschaft ueber die

Mittelmeerstaaten griff, sondern nichts weiter begehrte, als in Afrika

und in Griechenland ungefaehrliche Nachbarn zu haben; und eigentlich

gefaehrlich fuer Rom war Makedonien nicht. Seine Macht war allerdings

nicht gering und es ist augenscheinlich, dass der roemische Senat den

Frieden von 548/49 (206/05), der sie ganz in ihrer Integritaet beliess,

nur ungern gewaehrte; allein wie wenig man ernstliche Besorgnisse vor

Makedonien in Rom hegte und hegen durfte, beweist am besten die geringe

und doch nie gegen Uebermacht zu fechten genoetigte Truppenzahl, mit

welcher Rom den naechsten Krieg gefuehrt hat. Der Senat haette wohl

eine Demuetigung Makedoniens gern gesehen; allein um den Preis eines in

Makedonien mit roemischen Truppen gefuehrten Landkrieges war sie ihm

zu teuer, und darum machte er nach dem Ruecktritt der Aetoler sofort

freiwillig Frieden auf Grundlage des Status quo. Es ist darum auch

nichts weniger als ausgemacht, dass die roemische Regierung diesen

Frieden in der bestimmten Absicht schloss, den Krieg bei gelegenerer

Zeit wieder zu beginnen, und sehr gewiss, dass augenblicklich bei der

gruendlichen Erschoepfung des Staats und der aeussersten Unlust der

Buergerschaft auf einen zweiten ueberseeischen Krieg sich einzulassen,

der Makedonische Krieg den Roemern in hohem Grade unbequem kam. Aber

jetzt war er unvermeidlich. Den makedonischen Staat, wie er im Jahre

549 (205) war, konnte man sich als Nachbar gefallen lassen; allein

unmoeglich durfte man gestatten, dass derselbe den besten Teil des

kleinasiatischen Griechenlands und das wichtige Kyrene hinzuerwarb, die

neutralen Handelsstaaten erdrueckte und damit seine Macht verdoppelte.

Es kam hinzu, dass der Sturz Aegyptens, die Demuetigung, vielleicht die

Ueberwaeltigung von Rhodos auch dem sizilischen und italischen Handel

tiefe Wunden geschlagen haben wuerden; und konnte man ueberhaupt ruhig

zusehen, wie der italische Verkehr mit dem Osten von den beiden

grossen Kontinentalmaechten abhaengig ward? Gegen Attalos, den treuen

Bundesgenossen aus dem Ersten Makedonischen Krieg, hatte Rom ueberdies

die Ehrenpflicht zu wahren und zu hindern, dass Philippos, der ihn

schon in seiner Hauptstadt belagert hatte, ihn nicht von Land und Leuten

vertrieb. Endlich war der Anspruch Roms, den schuetzenden Arm ueber

alle Hellenen auszustrecken, keineswegs bloss Phrase; die Neapolitaner,

Rheginer, Massalioten und Emporiten konnten bezeugen, dass dieser Schutz

sehr ernst gemeint war, und gar keine Frage ist es, dass in dieser Zeit

die Roemer den Griechen naeher standen als jede andere Nation und wenig

ferner als die hellenisierten Makedonier. Es ist seltsam, den Roemern

das Recht zu bestreiten, ueber die frevelhafte Behandlung der Kianer und

Thasier in ihren menschlichen wie in ihren hellenischen Sympathien sich

empoert zu fuehlen. So vereinigten sich in der Tat alle politischen,

kommerziellen und sittlichen Motive, um Rom zu dem zweiten Kriege

gegen Philippos zu bestimmen, einem der gerechtesten, die die Stadt je

gefuehrt hat. Es gereicht dem Senat zur hohen Ehre, dass er sofort sich

entschloss und sich weder durch die Erschoepfung des Staates noch durch

die Impopularitaet einer solchen Kriegserklaerung abhalten liess, seine

Anstalten zu treffen - schon 553 (201) erschien der Propraetor Marcus

Valerius Laevinus mit der sizilischen Flotte von 38 Segeln in der

oestlichen See. Indes war die Regierung in Verlegenheit, einen

ostensibeln Kriegsgrund ausfindig zu machen, dessen sie dem Volk

gegenueber notwendig bedurfte, auch wenn sie nicht ueberhaupt viel zu

einsichtig gewesen waere, um die rechtliche Motivierung des Krieges in

Philippos' Art gering zu schaetzen. Die Unterstuetzung, die Philippos

nach dem Frieden mit Rom den Karthagern gewaehrt haben sollte, war

offenbar nicht erweislich. Die roemischen Untertanen in der illyrischen

Landschaft beschwerten sich zwar schon seit laengerer Zeit ueber die

makedonischen Obergriffe. Schon 551 (203) hatte ein roemischer Gesandter

an der Spitze des illyrischen Aufgebots Philippos' Scharen aus dem

illyrischen Gebiet hinausgeschlagen und der Senat deswegen den Gesandten

des Koenigs 552 (202) erklaert, wenn er Krieg suche, werde er ihn

frueher finden, als ihm lieb sei. Allein diese Uebergriffe waren eben

nichts als die gewoehnlichen Frevel, wie Philippos sie gegen seine

Nachbarn uebte; eine Verhandlung darueber haette im gegenwaertigen

Augenblick zur Demuetigung und Suehnung, aber nicht zum Kriege gefuehrt.

Mit den saemtlichen kriegfuehrenden Maechten im Osten stand die

roemische Gemeinde dem Namen nach in Freundschaft und haette ihnen

Beistand gegen den Angriff gewaehren koennen. Allein Rhodos und

Pergamon, die begreiflicherweise nicht saeumten, die roemische Hilfe

zu erbitten, waren formell die Angreifer, und Aegypten, wenn

auch alexandrinische Gesandte den roemischen Senat ersuchten, die

Vormundschaft ueber das koenigliche Kind zu uebernehmen, scheint doch

auch nicht eben sich beeilt zu haben, durch Anrufung unmittelbarer

roemischer Intervention zwar die augenblickliche Bedraengnis zu

beendigen, aber zugleich der grossen westlichen Macht das Ostmeer zu

oeffnen. Vor allen Dingen aber haette die Hilfe fuer Aegypten zunaechst

in Syrien geleistet werden muessen und wuerde Rom in einen Krieg mit

Asien und Makedonien zugleich verwickelt haben, was man natuerlich um so

mehr zu vermeiden wuenschte, als man fest entschlossen war, wenigstens

in die asiatischen Angelegenheiten sich nicht zu mischen. Es blieb

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 23 / 51 段