besitzen und haben, so lange es dem Volk und dem Rat der Roemer belieben
wird. Verhandelt im Lager am 12. Januar [564 oder 565 der Stadt]. "
(L. Aimilius L. f. inpeirator decreivit, utei quei Hastensium seruei in
turri Lascutana habitarent, leiberei essent. Agrum oppidumqu[eJ, quod
ea tempestate posedisent, item possidere habereque iousit, dum poplus
senatusque Romanus vellet. Act. in castreis a. d. XII k. Febr.) Es ist
dies die aelteste roemische Urkunde, die wir im Original besitzen, drei
Jahre frueher abgefasst als der bekannte Erlass der Konsuln des
Jahres 568 (186) in der Bacchanalienangelegenheit.
--------------------------------------- Das Verwaltungssystem der beiden
spanischen Provinzen war dem sizilisch- sardinischen aehnlich, aber
nicht gleich. Die Oberverwaltung ward wie hier so dort in die Haende
zweier Nebenkonsuln gelegt, die zuerst im Jahr 557 (197) ernannt
wurden, in welches Jahr auch die Grenzregulierung und die definitive
Organisierung der neuen Provinzen faellt. Die verstaendige Anordnung des
Baebischen Gesetzes (573 181), dass die spanischen Praetoren immer auf
zwei Jahre ernannt werden sollten, kam infolge des steigenden
Zudrangs zu den hoechsten Beamtenstellen und mehr noch infolge der
eifersuechtigen Ueberwachung der Beamtengewalt durch den Senat
nicht ernstlich zur Ausfuehrung, und es blieb, soweit nicht in
ausserordentlichem Wege Abweichungen eintraten, auch hier bei dem
fuer diese entfernten und schwer kennenzulernenden Provinzen besonders
unvernuenftigen jaehrlichen Wechsel der roemischen Statthalter. Die
abhaengigen Gemeinden wurden durchgaengig zinspflichtig; allein statt
der sizilischen und sardinischen Zehnten und Zoelle wurden in Spanien
vielmehr von den Roemern, eben wie frueher hier von den Karthagern, den
einzelnen Staedten und Staemmen feste Abgaben an Geld oder sonstigen
Leistungen auferlegt, welche auf militaerischere Wege beizutreiben der
Senat infolge der Beschwerdefuehrung der spanischen Gemeinden im Jahr
583 (171) untersagte. Getreidelieferungen wurden hier nicht anders als
gegen Entschaedigung geleistet, und auch hierbei durfte der Statthalter
nicht mehr als das zwanzigste Korn erheben und ueberdies gemaess der
eben erwaehnten Vorschrift der Oberbehoerde den Taxpreis nicht einseitig
feststellen. Dagegen hatte die Verpflichtung der spanischen Untertanen,
zu den roemischen Heeren Zuzug zu leisten, hier eine ganz andere
Wichtigkeit als wenigstens in dem friedlichen Sizilien, und es ward
dieselbe auch in den einzelnen Vertraegen genau geordnet. Auch das
Recht der Praegung von Silbermuenzen roemischer Waehrung scheint den
spanischen Staedten sehr haeufig zugestanden und das Muenzmonopol hier
keineswegs so wie in Sizilien von der roemischen Regierung in Anspruch
genommen worden zu sein. Ueberall bedurfte man in Spanien zu sehr
der Untertanen, um hier nicht die Provinzialverfassung in moeglichst
schonender Weise einzufuehren und zu handhaben. Zu den besonders von Rom
beguenstigten Gemeinden zaehlten namentlich die grossen Kuestenplaetze
griechischer, phoenikischer oder roemischer Gruendung, wie Saguntum,
Gades, Tarraco, die als die natuerlichen Pfeiler der roemischen
Herrschaft auf der Halbinsel zum Buendnis mit Rom zugelassen wurden. Im
ganzen war Spanien fuer die roemische Gemeinde militaerisch sowohl wie
finanziell mehr eine Last als ein Gewinn; und die Frage liegt nahe,
weshalb die roemische Regierung, in deren damaliger Politik der
ueberseeische Laendererwerb offenbar noch nicht lag, sich dieser
beschwerlichen Besitzungen nicht entledigt hat. Die nicht unbedeutenden
Handelsverbindungen, die wichtigen Eisen- und die noch wichtigeren,
selbst im fernen Orient seit alter Zeit beruehmten Silbergruben ^3,
welche Rom wie Karthago fuer sich nahm und deren Bewirtschaftung
namentlich Marcus Cato regulierte (559 195), werden dabei ohne Zweifel
mitbestimmend gewesen sein; allein die Hauptursache, weshalb man die
Halbinsel in unmittelbarem Besitz behielt, war die, dass es dort an
Staaten mangelte, wie im Keltenland die massaliotische Republik, in
Libyen das numidische Koenigreich waren, und dass man Spanien nicht
loslassen konnte, ohne die Erneuerung des spanischen Koenigreichs
der Barleiden jedem unternehmenden Kriegsmann freizugeben.
------------------------------------------------- ^3 1. Makk. 8, 3: "Und
Judas hoerte, was die Roemer getan hatten im Lande Hispanien, um
Herren zu werden der Silber- und Goldgruben daselbst."
------------------------------------------------- 8. Kapitel Die
oestlichen Staaten und der Zweite Makedonische Krieg Das Werk, welches
Koenig Alexander von Makedonien begonnen hatte, ein Jahrhundert zuvor,
ehe die Roemer in dem Gebiet, das er sein genannt, den ersten Fussbreit
Landes gewonnen, dies Werk hatte im Verlauf der Zeit, bei wesentlicher
Festhaltung des grossen Grundgedankens, den Orient zu hellenisieren,
sich veraendert und erweitert zu dem Aufbau eines hellenisch-asiatischen
Staatensystems. Die unbezwingliche Wander- und Siedellust der
griechischen Nation, die einst ihre Handelsleute nach Massalia und
Kyrene, an den Nil und in das Schwarze Meer gefuehrt hatte, hielt jetzt
fest, was der Koenig gewonnen hatte, und ueberall in dem alten Reich
der Achaemeniden liess unter dem Schutz der Sarissen griechische
Zivilisation sich friedlich nieder. Die Offiziere, die den grossen
Feldherrn beerbten, vertrugen allmaehlich sich untereinander und es
stellte ein Gleichgewichtssystem sich her, dessen Schwankungen selbst
eine gewisse Regelmaessigkeit zeigen. Von den drei Staaten ersten
Ranges, die demselben angehoeren, Makedonien, Asien und Aegypten, war
Makedonien unter Philippos dem Fuenften, der seit 534 (220) dort den
Koenigsthron einnahm, im ganzen, aeusserlich wenigstens, was es
gewesen war unter dem zweiten Philippos, dem Vater Alexanders: ein
gut arrondierter Militaerstaat mit wohlgeordneten Finanzen. An der
Nordgrenze hatten die ehemaligen Verhaeltnisse sich wiederhergestellt,
nachdem die Fluten der gallischen Ueberschwemmung verlaufen waren; die
Grenzwache hielt die illyrischen Barbaren wenigstens in gewoehnlichen
Zeiten ohne Muehe im Zaum. Im Sueden war Griechenland nicht bloss
ueberhaupt von Makedonien abhaengig, sondern ein grosser Teil desselben:
ganz Thessalien im weitesten Sinn von Olympos bis zum Spercheios und
der Halbinsel Magnesia, die grosse und wichtige Insel Euboea, die
Landschaften Lokris, Doris und Phokis, endlich in Attika und im
Peloponnes eine Anzahl einzelner Plaetze, wie das Vorgebirge Sunion,
Korinth, Orchomenos, Heraea, das triphylische Gebiet - alle diese Land-
und Ortschaften waren Makedonien geradezu untertaenig und empfingen
makedonische Besatzung, vor allen Dingen die drei wichtigen Festungen
Demetrias in Magnesia, Chalkis auf Euboea und Korinth, "die drei
Fesseln der Hellenen". Die Macht des Staates aber lag vor allem in dem
Stammland, in der makedonischen Landschaft. Zwar die Bevoelkerung dieses
weiten Gebiets war auffallend duenn; mit Anstrengung aller Kraefte
vermochte Makedonien kaum soviel Mannschaft aufzubringen als ein
gewoehnliches konsularisches Heer von zwei Legionen zaehlte, und es ist
unverkennbar, dass in dieser Hinsicht sich das Land noch nicht von der
durch die Zuege Alexanders und den gallischen Einfall hervorgebrachten
Entvoelkerung erholt hatte. Aber waehrend im eigentlichen Griechenland
die sittliche und staatliche Kraft der Nation zerruettet war und dort,
da es mit dem Volke doch vorbei und das Leben kaum mehr der Muehe wert
schien, selbst von den Besseren der eine ueber dem Becher, der andere
mit dem Rapier, der dritte bei der Studierlampe den Tag verdarb,
waehrend im Orient und in Alexandreia die Griechen unter die dichte
einheimische Bevoelkerung wohl befruchtende Elemente aussaeen und ihre
Sprache wie ihre Maulfertigkeit, ihre Wissenschaft und Afterwissenschaft
dort ausbreiten konnten, aber ihre Zahl kaum genuegte, um den Nationen
die Offiziere, die Staatsmaenner und die Schulmeister zu liefern, und
viel zu gering war, um einen Mittelstand rein griechischen Schlages
auch nur in den Staedten zu bilden, bestand dagegen im noerdlichen
Griechenland noch ein guter Teil der alten kernigen Nationalitaet,
aus der die Marathonkaempfer hervorgegangen waren. Daher ruehrt die
Zuversicht, mit der die Makedonier, die Aetoler, die Akarnanen, ueberall
wo sie im Osten auftreten, als ein besserer Schlag sich geben und
genommen werden, und die ueberlegene Rolle, welche sie deswegen an
den Hoefen von Alexandreia und Antiocheia spielen. Die Erzaehlung ist
bezeichnend von dem Alexandriner, der laengere Zeit in Makedonien gelebt
und dort Landessitte und Landestracht angenommen hat, und nun, da er in
seine Vaterstadt heimkehrt, sich selber einen Mann und die Alexandriner
gleich Sklaven achtet. Diese derbe Tuechtigkeit und der ungeschwaechte
Nationalsinn kamen vor allem dem makedonischen als dem maechtigsten und
geordnetsten der nordgriechischen Staaten zugute. Wohl ist auch hier
der Absolutismus emporgekommen gegen die alte gewissermassen staendische
Verfassung; allein Herr und Untertanen stehen doch in Makedonien
keineswegs zueinander wie in Asien und Aegypten, und das Volk fuehlt
sich noch selbstaendig und frei. In festem Mut gegen den Landesfeind,
wie er auch heisse, in unerschuetterlicher Treue gegen die Heimat und
die angestammte Regierung, in mutigem Ausharren unter den schwersten
Bedraengnissen steht unter allen Voelkern der alten Geschichte keines
dem roemischen so nah wie das makedonische, und die an das Wunderbare
grenzende Regeneration des Staates nach der gallischen Invasion
gereicht den leitenden Maennern wie dem Volke, das sie leiteten, zu
unvergaenglicher Ehre. Der zweite von den Grossstaaten, Asien, war
nichts als das oberflaechlich umgestaltete und hellenisierte Persien,
das Reich des "Koenigs der Koenige", wie sein Herr sich, bezeichnend
fuer seine Anmassung wie fuer seine Schwaeche, zu nennen pflegte, mit
denselben Anspruechen von Hellespont bis zum Pandschab zu gebieten und
mit derselben kernlosen Organisation, ein Buendel von mehr oder minder
abhaengigen Dependenzstaaten, unbotmaessigen Satrapien und halbfreien
griechischen Staedten. Von Kleinasien namentlich, das nominell zum Reich
der Seleukiden gezaehlt ward, war tatsaechlich die ganze Nordkueste
und der groessere Teil des oestlichen Binnenlandes in den Haenden
einheimischer Dynastien oder der aus Europa eingedrungenen Keltenhaufen,
von dem Westen ein guter Teil im Besitz der Koenige von Pergamon, und
die Inseln und Kuestenstaedte teils aegyptisch, teils frei, so dass dem
Grosskoenig hier wenig mehr blieb als das innere Kilikien, Phrygien und
Lydien und eine grosse Anzahl nicht wohl zu realisierender Rechtstitel
gegen freie Staedte und Fuersten - ganz und gar wie seiner Zeit die
Herrschaft des deutschen Kaisers ausser seinem Hausgebiet bestellt war.
Das Reich verzehrte sich in den vergeblichen Versuchen, die Aegypter
aus den Kuestenlandschaften zu verdraengen, in dem Grenzhader mit den
oestlichen Voelkern, den Parthern und Baktriern, in den Fehden mit den
zum Unheil Kleinasiens daselbst ansaessig gewordenen Kelten, in den
bestaendigen Bestrebungen, den Emanzipationsversuchen der oestlichen
Satrapen und der kleinasiatischen Griechen zu steuern, und in den
Familienzwisten und Praetendentenaufstaenden, an denen es zwar in keinem
der Diadochenstaaten fehlt, wie ueberhaupt an keinem der Greuel, welche
die absolute Monarchie in entarteter Zeit in ihrem Gefolge fuehrt,
allein die in dem Staate Asien deshalb verderblicher waren als
anderswo, weil sie hier bei der losen Zusammenfuegung des Reiches zu
der Abtrennung einzelner Landesteile auf kuerzere oder laengere Zeit zu
fuehren pflegten. Im entschiedensten Gegensatz gegen Asien war Aegypten
ein festgeschlossener Einheitsstaat, in dem die intelligente Staatskunst
der ersten Lagiden unter geschickter Benutzung des alten nationalen
und religioesen Herkommens eine vollkommen absolute Kabinettsherrschaft
begruendet hatte und wo selbst das schlimmste Missregiment weder
Emanzipations- noch Zerspaltungsversuche herbeizufuehren vermochte. Sehr
verschieden von dem nationalen Royalismus der Makedonier, der auf ihrem
Selbstgefuehl ruhte und dessen politischer Ausdruck war, war in Aegypten
das Land vollstaendig passiv, die Hauptstadt dagegen alles und diese
Hauptstadt Dependenz des Hofes; weshalb hier mehr noch als in Makedonien
und Asien die Schlaffheit und Traegheit der Herrscher den Staat laehmte,
waehrend umgekehrt in den Haenden von Maennern, wie der erste Ptolemaeos
und Ptolemaeos Euergetes, diese Staatsmaschine sich aeusserst brauchbar
erwies. Zu den eigentuemlichen Vorzuegen Aegyptens vor den beiden
grossen Rivalen gehoert es, dass die aegyptische Politik nicht nach
Schatten griff, sondern klare und erreichbare Zwecke verfolgte.
Makedonien, die Heimat Alexanders; Asien, das Land, in dem Alexander
seinen Thron gegruendet hatte, hoerten nicht auf, sich als unmittelbare
Fortsetzungen der alexandrischen Monarchie zu betrachten und lauter
oder leiser den Anspruch zu erheben, dieselbe wenn nicht her-, so doch
wenigstens darzustellen. Die Lagiden haben nie eine Weltmonarchie zu
gruenden versucht und nie von Indiens Eroberung getraeumt; dafuer aber
zogen sie den ganzen Verkehr zwischen Indien und dem Mittelmeer von den
phoenikischen Haefen nach Alexandreia und machten Aegypten zu dem
ersten Handels- und Seestaat dieser Epoche und zum Herrn des oestlichen
Mittelmeeres und seiner Kuesten und Inseln. Es ist bezeichnend, dass
Ptolemaeos III. Euergetes alle seine Eroberungen freiwillig an Seleukos
Kallinikos zurueckgab bis auf die Hafenstadt von Antiocheia. Teils
hierdurch, teils durch die guenstige geographische Lage kam Aegypten
den beiden Kontinentalmaechten gegenueber in eine vortreffliche
militaerische Stellung zur Verteidigung wie zum Angriff. Waehrend der
Gegner selbst nach gluecklichen Erfolgen kaum imstande war, das ringsum
fuer Landheere fast unzugaengliche Aegypten ernstlich zu bedrohen,
konnten die Aegypter von der See aus nicht bloss in Kyrene sich
festsetzen, sondern auch auf Kypros und den Kykladen, auf der
phoenikisch- syrischen und auf der ganzen Sued- und Westkueste von
Kleinasien, ja sogar in Europa auf dem thrakischen Chersonesos. Durch
die beispiellose Ausbeutung des fruchtbaren Niltals zum unmittelbaren
Besten der Staatskasse und durch eine die materiellen Interessen
ernstlich und geschickt foerdernde und ebenso ruecksichtslose wie
einsichtige Finanzwirtschaft war der alexandrinische Hof seinen Gegner
auch als Geldmacht bestaendig ueberlegen. Endlich die intelligente
Munifizenz, mit der die Lagiden der Tendenz des Zeitalters nach ernster
Forschung in allen Gebieten des Koennens und Wissens entgegenkamen und
diese Forschungen in die Schranken der absoluten Monarchie einzuhegen
und in die Interessen derselben zu verflechten verstanden, nuetzte
nicht bloss unmittelbar dem Staat, dessen Schiff- und Maschinenbau den
Einfluss der alexandrinischen Mathematik zu ihrem Frommen verspuerten,
sondern machte auch diese neue geistige Macht, die bedeutendste und
grossartigste, welche das hellenische Volk nach seiner politischen
Zersplitterung in sich hegte, soweit sie sich ueberhaupt zur
Dienstbarkeit bequemen wollte, zur Dienerin des alexandrinischen Hofes.
Waere Alexanders Reich stehengeblieben, so haette die griechische
Kunst und Wissenschaft einen Staat gefunden, wuerdig und faehig, sie zu
fassen; jetzt wo die Nation in Truemmer gefallen war, wucherte in
ihr der gelehrte Kosmopolitismus, und sehr bald ward dessen Magnet
Alexandreia, wo die wissenschaftlichen Mittel und Sammlungen
unerschoepflich waren, die Koenige Tragoedien und die Minister
Kommentare dazu schrieben und die Pensionen und Akademien florierten.
Das Verhaeltnis der drei Grossstaaten zueinander ergibt sich aus dem
Gesagten. Die Seemacht, welche die Kuesten beherrschte und das Meer
monopolisierte, musste nach dem ersten grossen Erfolg, der politischen
Trennung des europaeischen Kontinents von dem asiatischen, weiter
hinarbeiten auf die Schwaechung der beiden Grossstaaten des Festlandes
und also auf die Beschuetzung der saemtlichen kleineren Staaten,
waehrend umgekehrt Makedonien und Asien zwar auch untereinander
rivalisierten, aber doch vor allen Dingen in Aegypten ihren
gemeinschaftlichen Gegner fanden und ihm gegenueber zusammenhielten oder
doch haetten zusammenhalten sollen. Unter den Staaten zweiten Ranges ist
fuer die Beruehrungen des Ostens mit dem Westen zunaechst nur mittelbar
von Bedeutung die Staatenreihe, welche vom suedlichen Ende des
Kaspischen Meeres zum Hellespont sich hinziehend das Innere und die
Nordkueste Kleinasiens ausfuellt: Atropatene (im heutigen Aserbeidschan
suedwestlich vom Kaspischen Meer), daneben Armenien, Kappadokien im
kleinasiatischen Binnenland, Pontos am suedoestlichen, Bithynien am
suedwestlichen Ufer des Schwarzen Meeres - sie alle Splitter des
grossen Perserreiches und beherrscht von morgenlaendischen, meistens
altpersischen Dynastien, die entlegene Berglandschaft Atropatene
namentlich die rechte Zufluchtsstaette des alten Persertums, an der
selbst Alexanders Zug spurlos voruebergebraust war, und alle auch
in derselben zeitweiligen und oberflaechlichen Abhaengigkeit von der
griechischen Dynastie, die in Asien an die Stelle der Grosskoenige
getreten war oder sein wollte. Von groesserer Wichtigkeit fuer die
allgemeinen Verhaeltnisse ist der Keltenstaat in dem kleinasiatischen
Binnenland. Hier mitten inne zwischen Bithynien, Paphlagonien,
Kappadokien und Phrygien hatten drei keltische Voelkerschaften, die
Tolistoager, Tectosagen und Trocmer sich ansaessig gemacht, ohne darum
weder von der heimischen Sprache und Sitte noch von ihrer Verfassung und
ihrem Freibeuterhandwerk zu lassen. Die zwoelf Vierfuersten, jeder einem
der vier Kantone eines der drei Staemme vorgesetzt, bildeten mit ihrem
Rate von dreihundert Maennern die hoechste Autoritaet der Nation und
traten auf der "heiligen Staette" (Drunemetum) namentlich zur Faellung
von Bluturteilen zusammen. Seltsam wie diese keltische Gauverfassung den
Asiaten erschien, ebenso fremdartig duenkte ihnen der Wagemut und
die Landsknechtsitte der nordischen Eindringlinge, welche teils ihren
unkriegerischen Nachbarn die Soeldner zu jedem Krieg lieferten,
teils die umliegenden Landschaften auf eigene Faust pluenderten
oder brandschatzten. Diese rohen aber kraeftigen Barbaren waren der
allgemeine Schreck der verweichlichten umwohnenden Nationen, ja der
asiatischen Grosskoenige selbst, welche, nachdem manches asiatische Heer
von den Kelten war aufgerieben worden, und Koenig Antiochos I. Soter
sogar im Kampf gegen sie sein Leben verloren hatte (493 261) zuletzt
selber zur Zinszahlung sich verstanden. Dem kuehnen und gluecklichen
Auftreten gegen diese gallischen Horden verdankte es ein reicher Buerger
von Pergamon, Attalos, dass er von seiner Vaterstadt den Koenigstitel
empfing und ihn auf seine Nachkommen vererbte. Dieser neue Hof war im
kleinen was der alexandrinische im grossen; auch hier war die Foerderung
der materiellen Interessen, die Pflege von Kunst und Literatur an
der Tagesordnung und das Regiment eine umsichtige und nuechterne
Kabinettspolitik, deren wesentlicher Zweck war, teils die Macht der
beiden gefaehrlichen festlaendischen Nachbarn zu schwaechen, teils einen
selbstaendigen Griechenstaat im westlichen Kleinasien zu begruenden. Der
wohlgefuellte Schatz trug viel zu der Bedeutung dieser pergamenischen
Herren bei; sie schossen den syrischen Koenigen bedeutende Summen vor,
deren Rueckzahlung spaeter unter den roemischen Friedensbedingungen eine
Rolle spielte, und selbst Gebietserwerbungen gelangen auf diesem Wege,
wie zum Beispiel Aegina, das die verbuendeten Roemer und Aetoler im
letzten Krieg den Bundesgenossen Philipps, den Achaeern, entrissen
hatten, von den Aetolern, denen es vertragsmaessig zufiel, um 30 Talente
(51000 Taler) an Attalos verkauft ward. Indes trotz des Hofglanzes und
des Koenigstitels behielt das pergamenische Gemeinwesen immer etwas vom
staedtischen Charakter, wie es denn auch in seiner Politik gewoehnlich
mit den Freistaedten zusammenging. Attalos selbst, der Lorenzo de'
Medici des Altertums, blieb sein lebelang ein reicher Buergersmann,
und das Familienleben der Attaliden, aus deren Hause ungeachtet des
Koenigstitels die Eintracht und Innigkeit nicht gewichen war, stach sehr
ab gegen die wueste Schandwirtschaft der adligeren Dynastien. In dem
europaeischen Griechenland waren ausser den roemischen Besitzungen
an der Ostkueste, von denen in den wichtigsten, namentlich in Kerkyra
roemische Beamte residiert zu haben scheinen, und dem unmittelbar
makedonischen Gebiet noch mehr oder minder imstande, eine eigene Politik
zu verfolgen, die Epeiroten, Akarnanen und Aetoler im noerdlichen,
die Boeoter und Athener im mittleren Griechenland und die Achaeer,
Lakedaemonier, Messenier und Eleer im Peloponnes. Unter diesen waren die
Republiken der Epeiroten, Akarnanen und Boeoter in vielfacher Weise eng
an Makedonien geknuepft, namentlich die Akarnanen, weil sie der von den
Aetolern drohenden Unterdrueckung einzig durch makedonischen Schutz
zu entgehen vermochten; von Bedeutung war keine von ihnen. Die inneren
Zustaende waren sehr verschieden; wie es zum Teil aussah, dafuer mag
als Beispiel dienen, dass bei den Boeotern, wo es freilich am aergsten
zuging, es Sitte geworden war, jedes Vermoegen, das nicht in gerader
Linie vererbte, an die Kneipgesellschaften zu vermachen, und es fuer die
Bewerber um die Staatsaemter manches Jahrzehnt die erste Wahlbedingung
war, dass sie sich verpflichteten, keinem Glaeubiger, am wenigsten einem
Auslaender, die Ausklagung seiner Schuldner zu gestatten. Die Athener
pflegten von Alexandreia aus gegen Makedonien unterstuetzt zu werden und
standen im engen Bunde mit den Aetolern; auch sie indes waren voellig
machtlos, und fast nur der Nimbus attischer Kunst und Poesie hob diese
unwuerdigen Nachfolger einer herrlichen Vorzeit unter einer Reihe von
Kleinstaedten gleichen Schlages hervor. Nachhaltiger war die Macht der
aetolischen Eidgenossenschaft; das kraeftige Nordgriechentum war
hier noch ungebrochen, aber freilich ausgeartet in wueste Zucht- und
Regimentlosigkeit - es war Staatsgesetz, dass der aetolische Mann
gegen jeden, selbst gegen den mit den Aetolern verbuendeten Staat als
Reislaeufer dienen koenne, und auf die dringenden Bitten der uebrigen
Griechen, dies Unwesen abzustellen, erklaerte die aetolische Tagsatzung,
eher koenne man Aetolien aus Aetolien wegschaffen als diesen Grundsatz
aus ihrem Landrecht. Die Aetoler haetten dem griechischen Volke von
grossem Nutzen sein koennen, wenn sie ihm nicht durch diese organisierte
Raeuberwirtschaft, durch ihre gruendliche Verfeindung mit der
achaeischen Eidgenossenschaft und durch die unselige Opposition gegen
den makedonischen Grossstaat noch viel mehr geschadet haetten.
Im Peloponnes hatte der Achaeische Bund die besten Elemente des
eigentlichen Griechenlands zusammengefasst zu einer auf Gesittung,
Nationalsinn und friedliche Schlagfertigkeit gegruendeten
Eidgenossenschaft. Indes die Bluete und namentlich die Wehrhaftigkeit
derselben war trotz der aeusserlichen Erweiterung geknickt worden durch