jetzt, wo ihre politische Macht dahin war, im Besitz einer ausgedehnten
Handelsklientel und eines festgegruendeten, durch nichts zu
erschuetternden Reichtums. Schon im Jahre 567 (187) erbot sich die
karthagische Regierung die saemtlichen im Frieden von 553 (201)
stipulierten Terminzahlungen sofort zu entrichten, was die Roemer, denen
an der Tributpflichtigkeit Karthagos weit mehr gelegen war als an den
Geldsummen selbst, begreiflicherweise ablehnten und daraus nur die
Ueberzeugung gewannen, dass aller angewandten Muehe ungeachtet die
Stadt nicht ruiniert und nicht zu ruinieren sei. Immer aufs neue liefen
Geruechte ueber die Umtriebe der treulosen Phoeniker durch Rom. Bald
hatte ein Emissaer Hannibals, Ariston von Tyros, sich in Karthago
blicken lassen, um die Buergerschaft auf die Landung einer asiatischen
Kriegsflotte vorzubereiten (561 193); bald hatte der Rat in geheimer
n„chtlicher Sitzung im Tempel des Heilgottes den Gesandten des Perseus
Audienz gegeben (581 173); bald sprach man von der gewaltigen Flotte,
die in Karthago fuer den Makedonischen Krieg geruestet werde (583 171).
Es ist nicht wahrscheinlich, dass diesen und aehnlichen Dingen mehr als
hoechstens die Unbesonnenheiten einzelner zugrunde lagen; immer
aber waren sie das Signal zu neuen diplomatischen Misshandlungen von
roemischer, zu neuen Uebergriffen von Massinissas Seite, und die Meinung
stellte immer mehr sich fest, je weniger Sinn und Verstand in ihr war,
dass ohne einen dritten punischen Krieg mit Karthago nicht fertig zu
werden sei. Waehrend also die Macht der Phoeniker in dem Lande ihrer
Wahl ebenso dahinsank wie sie laengst in ihrer Heimat erlegen war,
erwuchs neben ihnen ein neuer Staat. Seit unvordenklichen Zeiten wie
noch heutzutage ist das nordafrikanische Kuestenland bewohnt von dem
Volke, das sich selber Schilah oder Tamazigt heisst und welches die
Griechen und Roemer die Nomaden oder Numidier, das ist das Weidevolk,
die Araber Berber nennen, obwohl auch sie dieselben wohl als "Hirten"
(Schawie) bezeichnen, und das wir Berber oder Kabylen zu nennen gewohnt
sind. Dasselbe ist, soweit seine Sprache bis jetzt erforscht ist, keiner
anderen bekannten Nation verwandt. In der karthagischen Zeit hatten
diese Staemme mit Ausnahme der unmittelbar um Karthago oder unmittelbar
an der Kueste hausenden wohl im ganzen ihre Unabhaengigkeit behauptet,
aber auch bei ihrem Hirten- und Reiterleben, wie es noch jetzt die
Bewohner des Atlas fuehren, im wesentlichen beharrt, obwohl das
phoenikische Alphabet und ueberhaupt die phoenikische Zivilisation
ihnen nicht fremd blieb und es wohl vorkam, dass die Berberscheichs ihre
Soehne in Karthago erziehen liessen und mit phoenikischen Adelsfamilien
sich verschwaegerten. Die roemische Politik wollte unmittelbare
Besitzungen in Afrika nicht haben und zog es vor, einen Staat dort
grosszuziehen, der nicht genug bedeutete, um Roms Schutz entbehren zu
koennen und doch genug, um Karthagos Macht, nachdem dieselbe auf Afrika
beschraenkt war, auch hier niederzuhalten und der gequaelten Stadt jede
freie Bewegung unmoeglich zu machen. Was man suchte, fand man bei den
eingeborenen Fuersten. Um die Zeit des Hannibalischen Krieges standen
die nordafrikanischen Eingeborenen unter drei Oberkoenigen, deren jedem
nach dortiger Art eine Menge Fuersten gefolgspflichtig waren: dem Koenig
der Mauren, Bocchar, der, vom Atlantischen Meer bis zum Fluss Molochath
(jetzt Mluia an der marokkanisch-franzoesischen Grenze), dem Koenig
der Massaesyler, Syphax, der von da bis an das sogenannte Durchbohrte
Vorgebirge (Siebenkap zwischen Djidjeli und Bona) in den heutigen
Provinzen Oran und Algier, und dem Koenig der Massyler, Massinissa, der
von dem Durchbohrten Vorgebirge bis an die karthagische Grenze in der
heutigen Provinz Constantine gebot. Der maechtigste von diesen, der
Koenig von Siga, Syphax, war in dem letzten Krieg zwischen Rom und
Karthago ueberwunden und gefangen nach Italien abgefuehrt worden, wo er
in der Haft starb; sein weites Gebiet kam im wesentlichen an Massinissa
- der Sohn des Syphax, Vermina, obwohl er durch demuetiges Bitten von
den Roemern einen kleinen Teil des vaeterlichen Besitzes zurueckerlangte
(554 200), vermochte doch den aelteren roemischen Bundesgenossen nicht
um die Stellung des bevorzugten Draengens von Karthago zu bringen.
Massinissa ward der Gruender des Numidischen Reiches; und nicht oft
hat Wahl oder Zufall so den rechten Mann an die rechte Stelle gesetzt.
Koerperlich gesund und gelenkig bis in das hoechste Greisenalter,
maessig und nuechtern wie ein Araber, faehig, jede Strapaze zu
ertragen, vom Morgen bis zum Abend auf demselben Flecke zu stehen und
vierundzwanzig Stunden zu Pferde zu sitzen, in den abenteuerlichen
Glueckswechseln seiner Jugend wie auf den Schlachtfeldern Spaniens
als Soldat und als Feldherr gleich erprobt, und ebenso ein Meister der
schwereren Kunst, in seinem zahlreichen Hause Zucht und in seinem Lande
Ordnung zu erhalten, gleich bereit, sich dem maechtigen Beschuetzer
ruecksichtslos zu Fuessen zu werfen wie den schwaecheren Nachbar
ruecksichtslos unter die Fuesse zu treten und zu alledem mit den
Verhaeltnissen Karthagos, wo er erzogen und in den vornehmsten Haeusern
aus- und eingegangen war, ebenso genau bekannt wie von afrikanisch
bitterem Hasse gegen seine und seiner Nation Bedraengen erfuellt,
ward dieser merkwuerdige Mann die Seele des Aufschwungs seiner, wie es
schien, im Verkommen begriffenen Nation, deren Tugenden und Fehler in
ihm gleichsam verkoerpert erschienen. Das Glueck beguenstigte ihn wie
in allem so auch darin, dass es ihm zu seinem Werke die Zeit liess.
Er starb im neunzigsten Jahr seines Lebens (516-605 238-149), im
sechzigsten seiner Regierung, bis an sein Lebensende im vollen Besitz
seiner koerperlichen und geistigen Kraefte, und hinterliess einen
einjaehrigen Sohn und den Ruf, der staerkste Mann und der beste und
gluecklichste Koenig seiner Zeit gewesen zu sein. Es ist schon erzaehlt
worden, mit welcher berechneten Deutlichkeit die Roemer in ihrer
Oberleitung der afrikanischen Angelegenheiten ihre Parteinahme fuer
Massinissa hervortreten liessen, und wie dieser die stillschweigende
Erlaubnis, auf Kosten Karthagos sein Gebiet zu vergroessern, eifrig und
stetig benutzte. Das ganze Binnenland bis an den Wuestensaum fiel dem
einheimischen Herrscher gleichsam von selber zu, und selbst das obere
Tal des Bagradas (Medscherda) mit der reichen Stadt Vaga ward dem Koenig
untertan; aber auch an der Kueste oestlich von Karthago besetzte er die
alte Sidonierstadt Gross-Leptis und andere Strecken, so dass sein Reich
sich von der mauretanischen bis zur kyrenaeischen Grenze erstreckte, das
karthagische Gebiet zu Lande von allen Seiten umfasste und ueberall in
naechster Naehe auf die Phoeniker drueckte. Es leidet keinen Zweifel,
dass er in Karthago seine kuenftige Hauptstadt sah; die libysche Partei
daselbst ist bezeichnend. Aber nicht allein durch die Schmaelerung des
Gebiets geschah Karthagos Eintrag. Die schweifenden Hirten wurden durch
ihren grossen Koenig ein anderes Volk. Nach dem Beispiel des Koenigs,
der weithin die Felder urbar machte und jedem seiner Soehne bedeutende
Ackergueter hinterliess, fingen auch seine Untertanen an, sich ansaessig
zu machen und Ackerbau zu treiben. Wie seine Hirten in Buerger,
verwandelte er seine Plunderhorden in Soldaten, die von Rom neben
den Legionen zu fechten gewuerdigt wurden, und hinterliess seinen
Nachfolgern eine reich gefuellte Schatzkammer, ein wohldiszipliniertes
Heer und sogar eine Flotte. Seine Residenz Cirta (Constantine) ward
die lebhafte Hauptstadt eines maechtigen Staates und ein Hauptsitz der
phoenikischen Zivilisation, die an dem Hofe des Berberkoenigs eifrige
und wohl auch auf das kuenftige karthagisch-numidische Reich berechnete
Pflege fand. Die bisher unterdrueckte libysche Nationalitaet hob sich
dadurch in ihren eigenen Augen, und selbst in die altphoenikischen
Staedte, wie Gross-Leptis, drang einheimische Sitte und Sprache ein.
Der Berber fing an, unter der Aegide Roms sich dem Phoeniker gleich,
ja ueberlegen zu fuehlen; die karthagischen Gesandten mussten in Rom
es hoeren, dass sie in Afrika Fremdlinge seien und das Land den Libyern
gehoere. Die selbst in der nivellierenden Kaiserzeit noch lebensfaehig
und kraeftig dastehende phoenikisch-nationale Zivilisation Nordafrikas
ist bei weitem weniger das Werk der Karthager als das des Massinissa.
In Spanien fuegten die griechischen und phoenikischen Staedte an der
Kueste, wie Emporiae, Saguntum, Neukarthago, Malaca, Gades, sich um
so bereitwilliger der roemischen Herrschaft, als sie sich selber
ueberlassen, kaum imstande gewesen waeren, sich gegen die Eingeborenen
zu schuetzen; wie aus gleichen Gruenden Massalia, obwohl bei weitem
bedeutender und wehrhafter als jene Staedte, es doch nicht versaeumte,
durch engen Anschluss an die Roemer, denen Massalia wieder als
Zwischenstation zwischen Italien und Spanien vielfach nuetzlich wurde,
sich einen maechtigen Rueckhalt zu sichern. Die Eingeborenen dagegen
machten den Roemern unsaeglich zu schaffen. Zwar fehlte es keineswegs
an Ansaetzen zu einer national-iberischen Zivilisation, von deren
Eigentuemlichkeit freilich es uns nicht wohl moeglich ist, eine
deutliche Vorstellung zu gewinnen. Wir finden bei den Iberern eine
weitverbreitete nationale Schrift, die sich in zwei Hauptarten, die des
Ebrotals und die andalusische, und jede von diesen vermutlich wieder in
mannigfache Verzweigungen spaltet und deren Ursprung in sehr fruehe Zeit
hinaufzureichen und eher auf das altgriechische als auf das phoenikische
Alphabet zurueckzugehen scheint. Von den Turdetanern (um Sevilla) ist
sogar ueberliefert, dass sie Lieder aus uralter Zeit, ein metrisches
Gesetzbuch von 6000 Verszeilen, ja sogar geschichtliche Aufzeichnungen
besassen; allerdings wird diese Voelkerschaft die zivilisierteste unter
allen spanischen genannt und zugleich die am wenigsten kriegerische, wie
sie denn auch ihre Kriege regelmaessig mit fremden Soeldnern fuehrte.
Auf dieselbe Gegend werden wohl auch Polybios' Schilderungen zu beziehen
sein von dem bluehenden Stand des Ackerbaus und der Viehzucht in
Spanien, weshalb bei dem Mangel an Ausfuhrgelegenheit Korn und
Fleisch dort um Spottpreise zu haben war, und von den praechtigen
Koenigspalaesten mit den goldenen und silbernen Kruegen voll
"Gerstenwein". Auch die Kulturelemente, die die Roemer mitbrachten,
fasste wenigstens ein Teil der Spanier eifrig auf, so dass frueher
als irgendwo sonst in den ueberseeischen Provinzen sich in Spanien die
Latinisierung vorbereitete. So kam zum Beispiel schon in dieser
Epoche der Gebrauch der warmen Baeder nach italischer Weise bei den
Eingeborenen auf. Auch das roemische Geld ist allem Anschein nach weit
frueher als irgendwo sonst ausserhalb Italien in Spanien nicht bloss
gangbar, sondern auch nachgemuenzt worden; was durch die reichen
Silberbergwerke des Landes einigermassen begreiflich wird. Das
sogenannte "Silber von Osca" (jetzt Huesca in Aragonien), das heisst
spanische Denare mit iberischen Aufschriften, wird schon 559 (195)
erwaehnt, und viel spaeter kann der Anfang der Praegung schon deshalb
nicht gesetzt werden, weil das Gepraege dem der aeltesten roemischen
Denare nachgeahmt ist. Allein mochte auch in den suedlichen und
oestlichen Landschaften die Gesittung der Eingeborenen der roemischen
Zivilisation und der roemischen Herrschaft soweit vorgearbeitet haben,
dass diese dort nirgend auf ernstliche Schwierigkeiten stiessen, so
war dagegen der Westen und Norden und das ganze Binnenland besetzt von
zahlreichen, mehr oder minder rohen Voelkerschaften, die von keinerlei
Zivilisation viel wussten - in Intercatia zum Beispiel war noch um
600 (154) der Gebrauch des Goldes und Silbers unbekannt - und
sich ebensowenig untereinander wie mit den Roemern vertrugen.
Charakteristisch ist fuer diese freien Spanier der ritterliche Sinn der
Maenner und wenigstens ebenso sehr der Frauen. Wenn die Mutter den Sohn
in die Schlacht entliess, begeisterte sie ihn durch die Erzaehlung von
den Taten seiner Ahnen, und dem tapfersten Mann reichte die schoenste
Jungfrau unaufgefordert als Braut die Hand. Zweikaempfe waren
gewoehnlich, sowohl um den Preis der Tapferkeit wie zur Ausmachung von
Rechtshaendeln - selbst Erbstreitigkeiten zwischen fuerstlichen Vettern
wurden auf diesem Wege erledigt. Es kam auch nicht selten vor, dass ein
bekannter Krieger vor die feindlichen Reihen trat und sich einen Gegner
bei Namen herausforderte; der Besiegte uebergab dann dem Gegner Mantel
und Schwert und machte auch wohl noch mit ihm Gastfreundschaft. Zwanzig
Jahre nach dem Ende des Hannibalischen Krieges sandte die kleine
keltiberische Gemeinde von Complega (in der Gegend der Tajoquellen) dem
roemischen Feldherrn Botschaft zu, dass er ihnen fuer jeden gefallenen
Mann ein Pferd, einen Mantel und ein Schwert senden moege, sonst werde
es ihm uebel ergehen. Stolz auf ihre Waffenehre, so dass sie haeufig
es nicht ertrugen, die Schmach der Entwaffnung zu ueberleben, waren die
Spanier dennoch geneigt, jedem Werber zu folgen und fuer jeden fremden
Span ihr Leben einzusetzen - bezeichnend ist die Botschaft, die ein der
Landessitte wohl kundiger roemischer Feldherr einem keltiberischen,
im Solde der Turdetaner gegen die Roemer fechtenden Schwarm zusandte:
entweder nach Hause zu kehren, oder fuer doppelten Sold in roemische
Dienste zu treten, oder Tag und Ort zur Schlacht zu bestimmen. Zeigte
sich kein Werbeoffizier, so trat man auch wohl auf eigene Hand
zu Freischaren zusammen, um die friedlicheren Landschaften zu
brandschatzen, ja sogar die Staedte einzunehmen und zu besetzen, ganz
in kampanischer Weise. Wie wild und unsicher das Binnenland war, davon
zeugt zum Beispiel, dass die Internierung westlich von Cartagena bei den
Roemern als schwere Strafe galt, und dass in einigermassen aufgeregten
Zeiten die roemischen Kommandanten des jenseitigen Spaniens Eskorten
bis zu 6000 Mann mit sich nahmen. Deutlicher noch zeigt es der seltsame
Verkehr, den in der griechisch-spanischen Doppelstadt Emporiae an
der oestlichen Spitze der Pyrenaeen die Griechen mit ihren spanischen
Nachbarn pflogen. Die griechischen Ansiedler, die auf der Spitze der
Halbinsel, von dem spanischen Stadtteil durch eine Mauer getrennt
wohnten, liessen diese jede Nacht durch den dritten Teil ihrer
Buergerwehr besetzen und an dem einzigen Tor einen hoeheren Beamten
bestaendig die Wache versehen; kein Spanier durfte die griechische Stadt
betreten und die Griechen brachten den Eingeborenen die Waren nur zu in
starken und wohleskortierten Abteilungen. Diese Eingeborenen voll Unruhe
und Kriegslust, voll von dem Geiste des Cid wie des Don Quixote sollten
denn nun von den Roemern gebaendigt und womoeglich gesittigt werden.
Militaerisch war die Aufgabe nicht schwer. Zwar bewiesen die Spanier
nicht bloss hinter den Mauern ihrer Staedte oder unter Hannibals
Fuehrung, sondern selbst allein und in offener Feldschlacht sich als
nicht veraechtliche Gegner; mit ihrem kurzen zweischneidigen Schwert,
welches spaeter die Roemer von ihnen annahmen, und ihren gefuerchteten
Sturmkolonnen brachten sie nicht selten selbst die roemischen Legionen
zum Wanken. Haetten sie es vermocht, sich militaerisch zu disziplinieren
und politisch zusammenzuschliessen, so haetten sie vielleicht der
aufgedrungenen Fremdherrschaft sich entledigen koennen; aber ihre
Tapferkeit war mehr die des Guerillas als des Soldaten und es mangelte
ihr voellig der politische Verstand. So kam es in Spanien zu keinem
ernsten Krieg, aber ebensowenig zu einem ernstlichen Frieden; die
Spanier haben sich, wie Caesar spaeter ganz richtig ihnen vorhielt,
nie im Frieden ruhig und nie im Kriege tapfer erwiesen. So leicht der
roemische Feldherr mit den Insurgentenhaufen fertig ward, so schwer war
es dem roemischen Staatsmanne, ein geeignetes Mittel zu bezeichnen, um
Spanien wirklich zu beruhigen und zu zivilisieren: in der Tat konnte
er, da das einzige wirklich genuegende, eine umfassende latinische
Kolonisierung, dem allgemeinen Ziel der roemischen Politik dieser Epoche
zuwiderlief, hier nur mit Palliativen verfahren. Das Gebiet, welches die
Roemer im Laufe des Hannibalischen Krieges in Spanien erwarben, zerfiel
von Haus aus in zwei Massen; die ehemals karthagische Provinz, die
zunaechst die heutigen Landschaften Andalusien, Granada, Murcia und
Valencia umfasste, und die Ebrolandschaft oder das heutige Aragonien und
Katalonien, das Standquartier des roemischen Heeres waehrend des letzten
Krieges; aus welchen Gebieten die beiden roemischen Provinzen des Jen-
und Diesseitigen Spaniens hervorgingen. Das Binnenland, ungefaehr
den beiden Kastilien entsprechend, das die Roemer unter dem Namen
Keltiberien zusammenfassten, suchte man allmaehlich unter roemische
Botmaessigkeit zu bringen, waehrend man die Bewohner der westlichen
Landschaften, namentlich die Lusitaner im heutigen Portugal und
dem spanischen Estremadura, von Einfaellen in das roemische Gebiet
abzuhalten sich begnuegte und mit den Staemmen an der Nordkueste, den
Callaekern, Asturern und Kantabrern ueberhaupt noch gar nicht sich
beruehrte. Die Behauptung und Befestigung der gewonnenen Erfolge war
indes nicht durchzufuehren ohne eine stehende Besatzung, indem dem
Vorsteher des diesseitigen Spaniens namentlich die Baendigung der
Keltiberer und dem des jenseitigen die Zurueckweisung der Lusitaner
jaehrlich zu schaffen machten. Es ward somit noetig, in Spanien ein
roemisches Heer von vier starken Legionen oder etwa 40000 Mann Jahr
aus Jahr ein auf den Beinen zu halten; wobei dennoch sehr haeufig zur
Verstaerkung der Truppen in den von Rom besetzten Landschaften der
Landsturm aufgeboten werden musste. Es war dies in doppelter Weise von
grosser Wichtigkeit, indem hier zuerst, wenigstens zuerst in
groesserem Umfang, die militaerische Besetzung des Landes bleibend
und infolgedessen auch der Dienst anfaengt dauernd zu werden. Die alte
roemische Weise, nur dahin Truppen zu senden, wohin das augenblickliche
Kriegsbeduerfnis sie rief, und ausser in sehr schweren und wichtigen
Kriegen die einberufenen Leute nicht ueber ein Jahr bei der Fahne zu
halten, erwies sich als unvertraeglich mit der Behauptung der unruhigen,
fernen und ueberseeischen spanischen Aemter; es war schlechterdings
unmoeglich, die Truppen von da wegzuziehen, und sehr gefaehrlich,
sie auch nur in Masse abzuloesen. Die roemische Buergerschaft fing an
innezuwerden, dass die Herrschaft ueber ein fremdes Volk nicht bloss
fuer den Knecht eine Plage ist, sondern auch fuer den Herrn, und murrte
laut ueber den verhassten spanischen Kriegsdienst. Waehrend die neuen
Feldherren mit gutem Grund sich weigerten, die Gesamtabloesung der
bestehenden Korps zu gestatten, meuterten diese und drohten, wenn man
ihnen den Abschied nicht gebe, ihn sich selber zu nehmen. Den Kriegen
selbst, die in Spanien von den Roemern gefuehrt wurden, kommt nur eine
untergeordnete Bedeutung zu. Sie begannen schon mit Scipios Abreise und
waehrten, solange der Hannibalische Krieg dauerte. Nach dem Frieden mit
Karthago (553 201) ruhten auch auf der Halbinsel die Waffen, jedoch
nur auf kurze Zeit. Im Jahre 557 (197) brach in beiden Provinzen eine
allgemeine Insurrektion aus; der Befehlshaber der Jenseitigen ward
hart gedraengt, der der Diesseitigen voellig ueberwunden und selber
erschlagen. Es ward noetig, den Krieg mit Ernst anzugreifen, und obwohl
inzwischen der tuechtige Praetor Quintus Minucius ueber die erste Gefahr
Herr geworden war, beschloss doch der Senat im Jahre 559 (195), den
Konsul Marcus Cato selbst nach Spanien zu senden. Er fand auch in der
Tat bei der Landung in Emporiae das ganze Diesseitige Spanien von den
Insurgenten ueberschwemmt; kaum dass diese Hafenstadt und im inneren
Land ein paar Burgen noch fuer Rom behauptet wurden. Es kam zur offenen
Feldschlacht zwischen den Insurgenten und dem konsularischen Heer, in
der nach hartem Kampf Mann gegen Mann endlich die roemische Kriegskunst
mit der gesparten Reserve den Tag entschied. Das ganze Diesseitige
Spanien sandte darauf seine Unterwerfung ein; indes es war mit derselben
so wenig ernstlich gemeint, dass auf das Geruecht von der Heimkehr
des Konsuls nach Rom sofort der Aufstand abermals begann. Allein das
Geruecht war falsch, und nachdem Cato die Gemeinden, die zum zweitenmal
sich aufgelehnt hatten, schnell bezwungen und in Masse in die Sklaverei
verkauft hatte, ordnete er eine allgemeine Entwaffnung der Spanier in
der diesseitigen Provinz an und erliess an die saemtlichen Staedte der
Eingeborenen von den Pyrenaeen bis zum Guadalquivir den Befehl, ihre
Mauern an einem und demselben Tage niederzureissen. Niemand wusste,
wie weit das Gebot sich erstreckte, und es war keine Zeit sich zu
verstaendigen; die meisten Gemeinden gehorchten und auch von den wenigen
widerspenstigen wagten es nicht viele, als das roemische Heer demnaechst
vor ihren Mauern erschien, es auf den Sturm ankommen zu lassen. Diese
energischen Massregeln waren allerdings nicht ohne nachhaltigen Erfolg.
Allein nichtsdestoweniger hatte man fast jaehrlich in der "friedlichen
Provinz" ein Gebirgstal oder ein Bergkastell zum Gehorsam zu bringen,
und die stetigen Einfaelle der Lusitaner in die jenseitige Provinz
fuehrten gelegentlich zu derben Niederlagen der Roemer; wie zum Beispiel
563 (191) ein roemisches Heer nach starkem Verlust sein Lager im Stich
lassen und in Eilmaerschen in die ruhigeren Landschaften zurueckkehren
musste. Erst ein Sieg, den der Praetor Lucius Aemilius Paullus 565 (189)
^2, und ein zweiter noch bedeutenderer, den der tapfere Praetor Gaius
Calpurnius jenseits des Tagus 569 (185) ueber die Lusitaner erfocht,
schafften auf einige Zeit Ruhe. Im diesseitigen Spanien ward die bis
dahin fast nominelle Herrschaft der Roemer ueber die keltiberischen
Voelkerschaften fester begruendet durch Quintus Fulvius Flaccus, der
nach einem grossen Siege ueber dieselben 573 (181) wenigstens die
naechstliegenden Kantone zur Unterwerfung zwang, und besonders durch
seinen Nachfolger Tiberius Gracchus (575, 576 179, 178), welcher
mehr noch als durch die Waffen, mit denen er dreihundert spanische
Ortschaften sich unterwarf, durch sein geschicktes Eingehen auf die
Weise der schlichten und stolzen Nation dauernde Erfolge erreichte.
Indem er angesehene Keltiberer bestimmte, im roemischen Heer Dienste zu
nehmen, schuf er sich eine Klientel; indem er den schweifenden Leuten
Land anwies und sie in Staedten zusammenzog - die spanische Stadt
Graccurris bewahrte des Roemers Namen -, ward dem Freibeuterwesen
ernstlich gesteuert; indem er die Verhaeltnisse der einzelnen
Voelkerschaften zu den Roemern durch gerechte und weise Vertraege
regelte, verstopfte er soweit moeglich die Quelle kuenftiger
Empoerungen. Sein Name blieb bei den Spaniern in gesegnetem Andenken,
und es trat in dem Lande seitdem, wenn auch die Keltiberer noch
manches Mal unter dem Joch zuckten, doch vergleichungsweise Ruhe ein.
----------------------------------------- ^2 Von diesem Statthalter
ist kuerzlich das folgende Dekret auf einer in der Naehe von Gibraltar
aufgefundenen, jetzt im Pariser Museum aufbewahrten Kupfertafel zum
Vorschein gekommen: "L. Aimilius, des Lucius Sohn, Imperator, hat
verfuegt, dass die in dem Turm von Laskuta [durch Muenzen und Plin. 3,
1, 15 bekannt, aber ungewisser Lage] wohnhaften Sklaven der Hastenser
[Hasta regia, unweit Jerez de la Frontera] frei sein sollen. Den Boden