Krieger und Sieger in ihre Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und
Lustbarkeiten, Geschenke an Soldaten und Buerger an der Tagesordnung
waren, die geloesten Gefangenen heimgesandt wurden aus Gallien, Afrika,
Griechenland und endlich der jugendliche Sieger im glaenzenden Zuge
durch die geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine Palme
in dem Haus des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen
zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen
hatte. 7. Kapitel Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der
dritten Periode In der Erstreckung der roemischen Herrschaft bis an die
Alpen- oder, wie man jetzt schon sagte, bis an die italische Grenze und
in der Ordnung und Kolonisierung der keltischen Landschaften war Rom
durch den Hannibalischen Krieg unterbrochen worden. Es verstand sich von
selbst, dass man jetzt da fortfahren wuerde, wo man aufgehoert hatte,
und die Kelten begriffen es wohl. Schon im Jahre des Friedensschlusses
mit Karthago (553 201) hatten im Gebiet der zunaechst bedrohten Boier
die Kaempfe wieder begonnen; und ein erster Erfolg, der ihnen gegen den
eilig aufgebotenen roemischen Landsturm gelang, sowie das Zureden
eines karthagischen Offiziers Hamilkar, der von Magos Expedition her in
Norditalien zurueckgeblieben war, veranlassten im folgenden Jahr (554
200) eine allgemeine Schilderhebung nicht bloss der beiden zunaechst
bedrohten Staemme, der Boier und Insubrer; auch die Ligurer trieb die
naeherrueckende Gefahr in die Waffen, und selbst die cenomanische Jugend
hoerte diesmal weniger auf die Stimme ihrer vorsichtigen Behoerden als
auf den Notruf der bedrohten Stammgenossen. Von "den beiden Riegeln
gegen die gallischen Zuege", Placentia und Cremona, ward der erste
niedergeworfen - von der placentinischen Einwohnerschaft retteten nicht
mehr als 2000 das Leben -, der zweite berannt. Eilig marschierten die
Legionen heran, um zu retten, was noch zu retten war. Vor Cremona kam
es zu einer grossen Schlacht. Die geschickte und kriegsmaessige Leistung
derselben von seiten des phoenikischen Fuehrers vermochte es nicht, die
Mangelhaftigkeit seiner Truppen zu ersetzen; dem Andrang der Legionen
hielten die Gallier nicht stand und unter den Toten, welche zahlreich
das Schlachtfeld bedeckten, war auch der karthagische Offizier. Indes
setzten die Kelten den Kampf fort; dasselbe roemische Heer, welches bei
Cremona gesiegt, wurde das naechste Jahr (555 199), hauptsaechlich durch
die Schuld des sorglosen Fuehrers, von den Insubrern fast aufgerieben
und erst 556 (198) konnte Placentia notduerftig wiederhergestellt
werden. Aber der Bund der zu dem Verzweiflungskampf vereinigten Kantone
ward in sich uneins; die Boier und die Insubrer gerieten in Zwist, und
die Cenomanen traten nicht bloss zurueck von dem Nationalbunde, sondern
erkauften sich auch Verzeihung von den Roemern durch schimpflichen
Verrat der Landsleute, indem sie waehrend einer Schlacht, die
die Insubrer den Roemern am Mincius lieferten, ihre Bundes- und
Kampfgenossen von hinten angriffen und aufreiben halfen (557 197). So
gedemuetigt und im Stich gelassen, bequemten sich die Insubrer nach
dem Fall von Comum gleichfalls zu einem Sonderfrieden (558 196). Die
Bedingungen, welche Rom den Cenomanen und Insubrern vorschrieb,
waren allerdings haerter, als sie den Gliedern der italischen
Eidgenossenschaft gewaehrt zu werden pflegten; namentlich vergass man
nicht, die Scheidewand zwischen Italikern und Kelten gesetzlich
zu befestigen und zu verordnen, dass nie ein Buerger dieser beiden
Keltenstaemme das roemische Buergerrecht solle gewinnen koennen. Indes
liess man diesen transpadanischen Keltendistrikten ihre Existenz und
ihre nationale Verfassung, so dass sie nicht Stadtgebiete, sondern
Voelkergaue bildeten, und legte ihnen auch wie es scheint keinen
Tribut auf; sie sollten den roemischen Ansiedlungen suedlich vom Po als
Bollwerk dienen und die nachrueckenden Nordlaender wie die raeuberischen
Alpenbewohner, welche regelmaessige Razzias in diese Gegenden zu
unternehmen pflegten, von Italien abhalten. Uebrigens griff auch in
diesen Landschaften die Latinisierung mit grosser Schnelligkeit um sich;
die keltische Nationalitaet vermochte offenbar bei weitem nicht den
Widerstand zu leisten wie die der zivilisierten Sabeller und Etrusker.
Der gefeierte lateinische Lustspieldichter Statius Caecilius, der im
Jahre 586 (168) starb, war ein freigelassener Insubrer; und Polybios,
der gegen Ausgang des sechsten Jahrhunderts diese Gegenden bereiste,
versichert, vielleicht nicht ohne eigene Uebertreibung, dass daselbst
nur noch wenige Doerfer unter den Alpen keltisch geblieben seien. Die
Veneter dagegen scheinen ihre Nationalitaet laenger behauptet zu haben.
Das hauptsaechliche Bestreben der Roemer war in diesen Landschaften
begreiflicherweise darauf gerichtet, dem Nachruecken der
transalpinischen Kelten zu steuern und die natuerliche Scheidewand der
Halbinsel und des inneren Kontinents auch zur politischen Grenze
zu machen. Dass die Furcht vor dem roemischen Namen schon zu den
naechstliegenden keltischen Kantonen jenseits der Alpen gedrungen war,
zeigt nicht bloss die vollstaendige Untaetigkeit, mit der dieselben der
Vernichtung oder Unterjochung ihrer diesseitigen Landsleute zusahen,
sondern mehr noch die offizielle Missbilligung und Desavouierung, welche
die transalpinischen Kantone - man wird zunaechst an die Helvetier
(zwischen dem Genfer See und dem Main) und an die Karner oder
Taurisker (in Kaernten und Steiermark) zu denken haben - gegen die
beschwerdefuehrenden roemischen Gesandten aussprachen ueber die Versuche
einzelner keltischer Haufen, sich diesseits der Alpen in friedlicher
Weise anzusiedeln, nicht minder die demuetige Art, in welcher
diese Auswandererhaufen selbst zuerst bei dem roemischen Senat um
Landanweisung bittend einkamen, alsdann aber dem strengen Gebot, ueber
die Alpen zurueckzugehen, ohne Widerrede sich fuegten (568 f., 575 186,
179) und die Stadt, die sie unweit des spaeteren Aquileia schon angelegt
hatten, wieder zerstoeren liessen. Mit weiser Strenge gestattete der
Senat keinerlei Ausnahme von dem Grundsatz, dass die Alpentore fuer
die keltische Nation fortan geschlossen seien, und schritt mit
schweren Strafen gegen diejenigen roemischen Untertanen ein, die solche
Uebersiedlungsversuche von Italien aus veranlasst hatten. Ein Versuch
dieser Art, welcher auf einer bis dahin den Roemern wenig bekannten
Strasse im innersten Winkel des Adriatischen Meeres stattfand, mehr aber
noch, wie es scheint, der Plan Philipps von Makedonien, wie Hannibal von
Westen so seinerseits von Osten her in Italien einzufallen, veranlassten
die Gruendung einer Festung in dem aeussersten nordoestlichen Winkel
Italien, der noerdlichsten italischen Kolonie Aquileia (571-573
183-181), die nicht bloss diesen Weg den Fremden fuer immer zu verlegen,
sondern auch die fuer die dortige Schiffahrt vorzueglich bequem gelegene
Meeresbucht zu sichern und der immer noch nicht ganz ausgerotteten
Piraterie in diesen Gewaessern zu steuern bestimmt war. Die Anlage
Aquileias veranlasste einen Krieg gegen die Istrier (576, 577 178, 177),
der mit der Erstuermung einiger Kastelle und dem Fall des Koenigs Aepulo
schnell beendigt war und durch nichts merkwuerdig ist als durch den
panischen Schreck, den die Kunde von der Ueberrumpelung des roemischen
Lagers durch eine Handvoll Barbaren bei der Flotte und sodann in ganz
Italien hervorrief. Anders verfuhr man in der Landschaft diesseits des
Padus, die der roemische Senat beschlossen hatte Italien einzuverleiben.
Die Boier, die dies zunaechst traf, wehrten sich mit verzweifelter
Entschlossenheit. Es ward sogar der Padus von ihnen ueberschritten und
ein Versuch gemacht, die Insubrer wieder unter die Waffen zu bringen
(560 194); ein Konsul ward in seinem Lager von ihnen blockiert und wenig
fehlte, dass er unterlag; Placentia hielt sich muehsam gegen die ewigen
Angriffe der erbitterten Eingeborenen. Bei Mutina endlich ward die
letzte Schlacht geliefert; sie war lang und blutig, aber die Roemer
siegten (561 193), und seitdem war der Kampf kein Krieg mehr, sondern
eine Sklavenhetze. Die einzige Freistatt im boischen Gebiet war bald das
roemische Lager, in das der noch uebrige bessere Teil der Bevoelkerung
sich zu fluechten begann; die Sieger konnten nach Rom berichten, ohne
sehr zu uebertreiben, dass von der Nation der Boier nichts mehr uebrig
sei als Kinder und Greise. So freilich musste sie sich ergeben in das
Schicksal, das ihr bestimmt war. Die Roemer forderten Abtretung des
halben Gebiets (563 191); sie konnte nicht verweigert werden, aber auch
auf dem geschmaelerten Bezirk, der den Boiern blieb, verschwanden
sie bald und verschmolzen mit ihren Besiegern ^1.
--------------------------------------- ^1 Nach Strabons Bericht waeren
diese italischen Boier von den Roemern ueber die Alpen verstossen worden
und aus ihnen die boische Ansiedlung im heutigen Ungarn um Steinamanger
und Oedenburg hervorgegangen, welche in der augustischen Zeit von den
ueber die Donau gegangenen Geten angegriffen und vernichtet wurde,
dieser Landschaft aber den Namen der boischen Einoede hinterliess.
Dieser Bericht passt sehr wenig zu der wohlbeglaubigten Darstellung der
roemischen Jahrbuecher, nach der man sich roemischerseits begnuegte
mit der Abtretung des halben Gebietes; und um das Verschwinden der
italischen Boier zu erklaeren, bedarf es in der Tat der Annahme einer
gewaltsamen Vertreibung nicht - verschwinden doch auch die uebrigen
keltischen Voelkerschaften, obwohl von Krieg und Kolonisierung in weit
minderem Grade heimgesucht, nicht viel weniger rasch und vollstaendig
aus der Reihe der italischen Nationen. Anderseits fuehren andere
Berichte vielmehr darauf, jene Boier am Neusiedler See herzuleiten von
dem Hauptstock der Nation, der ehemals in Bayern und Boehmen sass, bis
deutsche Staemme ihn suedwaerts draengten. Ueberall aber ist es sehr
zweifelhaft, ob die Boier, die man bei Bordeaux, am Po, in Boehmen
findet, wirklich auseinandergesprengte Zweige eines Stammes sind und
nicht bloss eine Namensgleichheit obwaltet. Strabons Annahme duerfte
auf nichts anderem beruhen als auf einem Rueckschluss aus der
Namensgleichheit, wie die Alten ihn bei den Kimbern, Venetern und sonst
oft unueberlegt anwandten. ----------------------------------------
Nachdem die Roemer also sich reinen Boden geschaffen hatten, wurden die
Festungen Placentia und Cremona, deren Kolonisten die letzten unruhigen
Jahre grossenteils hingerafft oder zerstreut hatten, wieder organisiert
und neue Ansiedler dorthin gesandt; neu gegruendet wurden in und bei dem
ehemaligen senonischen Gebiet Potentia (bei Recanati unweit Ancona;
570 184) und Pisaurum (Pesaro; 570 184), ferner in der neu gewonnenen
boischen Landschaft die Festungen Bonoma (565 189), Mutina (571 183)
und Parma (571 183), von denen die Kolonie Mutina schon vor dem
Hannibalischen Krieg angelegt und nur der Abschluss der Gruendung durch
diesen unterbrochen worden war. Wie immer verband sich mit der Anlage
der Festungen auch die von Militaerchausseen. Es wurde die Flaminische
Strasse von ihrem noerdlichen Endpunkt Ariminum unter dem Namen der
Aemilischen bis Placentia verlaengert (567 187). Ferner ward die
Strasse von Rom nach Arretium oder die Cassische, die wohl schon laengst
Munizipalchaussee gewesen war, wahrscheinlich im Jahre 583 (171) von der
roemischen Gemeinde uebernommen und neu angelegt, schon 567 (187) aber
die Strecke von Arretium ueber den Apennin nach Bononia bis an die neue
Aemilische Strasse hergestellt, wodurch man eine kuerzere Verbindung
zwischen Rom und den Pofestungen erhielt. Durch diese durchgreifenden
Massnahmen wurde der Apennin als die Grenze des keltischen und des
italischen Gebiets tatsaechlich beseitigt und ersetzt durch den Po.
Diesseits des Po herrschte fortan wesentlich die italische Stadt-,
jenseits desselben wesentlich die keltische Gauverfassung, und es war
ein leerer Name, wenn auch jetzt noch das Gebiet zwischen Apennin und
Po zur keltischen Landschaft gerechnet ward. In dem nordwestlichen
italischen Gebirgsland, dessen Taeler und Huegel hauptsaechlich von dem
vielgeteilten ligurischen Stamm eingenommen waren, verfuhren die Roemer
in aehnlicher Weise. Was zunaechst nordwaerts vom Arno wohnte, ward
vertilgt. Es traf dies hauptsaechlich die Apuaner, die, auf dem Apennin
zwischen dem Arno und der Magra wohnend, einerseits das Gebiet von
Pisae, anderseits das von Bononia und Mutina unaufhoerlich pluenderten.
Was hier nicht dem Schwert der Roemer erlag, ward nach Unteritalien in
die Gegend von Benevent uebergesiedelt (574 180), und durch energische
Massregeln die ligurische Nation, weicher man noch im Jahre 578 (175)
die von ihr eroberte Kolonie Mutina wieder abnehmen musste, in
den Bergen, die das Potal von dem des Arno scheiden, vollstaendig
unterdrueckt. Die 577 (177) auf dem ehemals apuanischen Gebiet angelegte
Festung Luna unweit Spezzia deckte die Grenze gegen die Ligurer aehnlich
wie Aquileia gegen die Transalpiner und gab zugleich den Roemern einen
vortrefflichen Hafen, der seitdem fuer die Ueberfahrt nach Massalia
und nach Spanien die gewoehnliche Station ward. Die Chaussierung der
Kuesten- oder Aurelischen Strasse von Rom nach Luna und der von
Luca ueber Florenz nach Arretium gefuehrten Querstrasse zwischen der
Aurelischen und Cassischen gehoert wahrscheinlich in dieselbe Zeit.
Gegen die westlicheren ligurischen Staemme, die die genuesischen
Apenninen und die Seealpen innehatten, ruhten die Kaempfe nie. Es waren
unbequeme Nachbarn, die zu Lande und zur See zu pluendern pflegten;
die Pisaner und die Massalioten hatten von ihren Einfaellen und ihren
Korsarenschiffen nicht wenig zu leiden. Bleibende Ergebnisse wurden
indes bei den ewigen Fehden nicht gewonnen, vielleicht auch nicht
bezweckt; ausser dass man, wie es scheint, um mit dem transalpinischen
Gallien und Spanien neben der regelmaessigen See- auch eine
Landverbindung zu haben, bemueht war, die grosse Kuestenstrasse von Luna
ueber Massalia nach Emporiae wenigstens bis an die Alpen freizumachen
- jenseits der Alpen lag es dann den Massalioten ob, den roemischen
Schiffen die Kuestenfahrt und den Landreisenden die Uferstrasse offen
zu halten. Das Binnenland mit seinen unwegsamen Taelern und seinen
Felsennestern, mit seinen armen, aber gewandten und verschlagenen
Bewohnern diente den Roemern hauptsaechlich als Kriegsschule zur Uebung
und Abhaertung der Soldaten wie der Offiziere. Aehnliche sogenannte
Kriege wie gegen die Ligurer fuehrte man gegen die Korsen und mehr
noch gegen die Bewohner des inneren Sardinien, welche die gegen sie
gerichteten Raubzuege durch Ueberfaelle der Kuestenstriche vergalten.
Im Andenken geblieben ist die Expedition des Tiberius Gracchus gegen die
Sarden 577 (177) nicht so sehr, weil er der Provinz den "Frieden" gab,
sondern weil er bis 80000 der Insulaner erschlagen oder gefangen
zu haben behauptete und Sklaven von dort in solcher Masse nach Rom
schleppte, dass es Sprichwort ward: "spottwohlfeil wie ein Sarde". In
Afrika ging die roemische Politik wesentlich auf in dem einen, ebenso
kurzsichtigen wie engherzigen Gedanken, das Wiederaufkommen der
karthagischen Macht zu verhindern und deshalb die unglueckliche
Stadt bestaendig unter dem Druck und unter dem Damoklesschwert einer
roemischen Kriegserklaerung zu erhalten. Schon die Bestimmung des
Friedensvertrags, dass den Karthagern zwar ihr Gebiet ungeschmaelert
bleiben, aber ihrem Nachbarn Massinissa alle diejenigen Besitzungen
garantiert sein sollten, die er oder sein Vorweser innerhalb der
karthagischen Grenzen besessen haetten, sieht fast so aus, als waere
sie hineingesetzt, um Streitigkeiten nicht zu beseitigen, sondern zu
erwecken. Dasselbe gilt von der durch den roemischen Friedenstraktat
den Karthagern auferlegten Verpflichtung, nicht gegen roemische
Bundesgenossen Krieg zu fuehren, so dass nach dem Wortlaut des Vertrags
sie nicht einmal befugt waren, aus ihrem eigenen und unbestrittenen
Gebiet den numidischen Nachbarn zu vertreiben. Bei solchen Vertraegen
und bei der Unsicherheit der afrikanischen Grenzverhaeltnisse
ueberhaupt konnte Karthagos Lage gegenueber einem ebenso maechtigen wie
ruecksichtslosen Nachbarn einem Oberherrn, der zugleich Schiedsrichter
und Partei war, nicht anders als peinlich sein; aber die Wirklichkeit
war aerger als die aergsten Erwartungen. Schon 561 (193) sah Karthago
sich unter nichtigen Vorwaenden ueberfallen und den reichsten Teil
seines Gebiets, die Landschaft Emporiae an der Kleinen Syrte, teils von
den Numidiern gepluendert, teils sogar von ihnen in Besitz genommen.
So gingen die Uebergriffe bestaendig weiter; das platte Land kam in die
Haende der Numidier, und mit Muehe behaupteten die Karthager sich in den
groesseren Ortschaften. Bloss in den letzten zwei Jahren, erklaerten
die Karthager im Jahre 582 (172), seien ihnen wieder siebzig Doerfer
vertragswidrig entrissen worden. Botschaft ueber Botschaft ging nach
Rom; die Karthager beschworen den roemischen Senat, ihnen entweder zu
gestatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, oder ein Schiedsgericht
mit Spruchgewalt zu bestellen, oder die Grenze neu zu regulieren, damit
sie wenigstens ein- fuer allemal erfuehren, wieviel sie einbuessen
sollten; besser sei es sonst, sie geradezu zu roemischen Untertanen
zumachen, als sie so allmaehlich den Libyern auszuliefern. Aber die
roemische Regierung, die schon 554 (200) ihrem Klienten geradezu
Gebietserweiterungen, natuerlich auf Kosten Karthagos, in Aussicht
gestellt hatte, schien wenig dagegen zuhaben, dass er die ihm bestimmte
Beute sich selber nahm; sie maessigte wohl zuweilen das allzugrosse
Ungestuem der Libyer, die ihren alten Peinigern jetzt das Erlittene
reichlich vergalten, aber im Grunde war ja eben dieser Quaelerei wegen
Massinissa von den Roemern Karthago zum Nachbar gesetzt worden. Alle
Bitten und Beschwerden hatten nur den Erfolg, dass entweder roemische
Kommissionen in Afrika erschienen, die nach gruendlicher Untersuchung zu
keiner Entscheidung kamen, oder bei den Verhandlungen in Rom Massinissas
Beauftragte Mangel an Instruktionen vorschuetzten und die Sache vertagt
ward. Nur phoenikische Geduld war imstande, sich in eine solche Lage
mit Ergebung zu schicken, ja dabei den Machthabern jeden Dienst und jede
Artigkeit, die sie begehrten und nicht begehrten, mit unermuedlicher
Beharrlichkeit zu erweisen und namentlich durch Kornsendungen um die
roemische Gunst zu buhlen. Indes war diese Fuegsamkeit der Besiegten
doch nicht bloss Geduld und Ergebung. Es gab noch in Karthago eine
Patriotenpartei und an ihrer Spitze stand der Mann, der, wo immer das
Schicksal ihn hinstellte, den Roemern furchtbar blieb. Sie hatte
es nicht aufgegeben, unter Benutzung der leicht vorauszusehenden
Verwicklungen zwischen Rom und den oestlichen Maechten noch einmal den
Kampf aufzunehmen und, nachdem der grossartige Plan Hamilkars und seiner
Soehne wesentlich an der karthagischen Oligarchie gescheitert war, fuer
diesen neuen Kampf vor allem das Vaterland innerlich zu erneuern. Die
bessernde Macht der Not und wohl auch Hannibals klarer, grossartiger
und der Menschen maechtiger Geist bewirkten politische und finanzielle
Reformen. Die Oligarchie, die durch Erhebung der Kriminaluntersuchung
gegen den grossen Feldherrn wegen absichtlich unterlassener
Einnahme Roms und Unterschlagung der italischen Beute das Mass ihrer
verbrecherischen Torheiten voll gemacht hatte - diese verfaulte
Oligarchie wurde auf Hannibals Antrag ueber den Haufen geworfen und
ein demokratisches Regiment eingefuehrt, wie es den Verhaeltnissen der
Buergerschaft angemessen war (vor 559 195). Die Finanzen wurden durch
Beitreibung der rueckstaendigen und unterschlagenen Gelder und durch
Einfuehrung einer besseren Kontrolle so schnell wieder geordnet, dass
die roemische Kontribution gezahlt werden konnte, ohne die Buerger
irgendwie mit ausserordentlichen Steuern zu belasten. Die roemische
Regierung, eben damals im Begriff, den bedenklichen Krieg mit dem
Grosskoenig von Asien zu beginnen, folgte diesen Vorgaengen mit
begreiflicher Besorgnis; es war keine eingebildete Gefahr, dass die
karthagische Flotte in Italien landen und ein zweiter Hannibalischer
Krieg dort sich entspinnen koenne, waehrend die roemischen Legionen in
Kleinasien fochten. Man kann darum die Roemer kaum tadeln, wenn sie
eine Gesandtschaft nach Karthago schickten (559 195), die vermutlich
beauftragt war, Hannibals Auslieferung zu fordern. Die grollenden
karthagischen Oligarchen, die Briefe ueber Briefe nach Rom sandten,
um den Mann, der sie gestuerzt, wegen geheimer Verbindungen mit den
antiroemisch gesinnten Maechten dem Landesfeind zu denunzieren, sind
veraechtlich, aber ihre Meldungen waren wahrscheinlich richtig; und
so wahr es auch ist, dass in jener Gesandtschaft ein demuetigendes
Eingestaendnis der Furcht des maechtigen Volkes vor dem einfachen
Schofeten von Karthago lag, so begreiflich und ehrenwert es ist,
dass der stolze Sieger von Zama im Senat Einspruch tat gegen diesen
erniedrigenden Schritt, so war doch jenes Eingestaendnis eben
nichts anderes als die schlichte Wahrheit, und Hannibal eine so
ausserordentliche Natur, dass nur roemische Gefuehlspolitiker ihn
laenger an der Spitze des karthagischen Staats dulden konnten. Die
eigentuemliche Anerkennung, die er bei der feindlichen Regierung fand,
kam ihm selbst schwerlich ueberraschend. Wie Hannibal und nicht Karthago
den letzten Krieg gefuehrt hatte, so hatte auch Hannibal das zu tragen,
was den Besiegten trifft. Die Karthager konnten nichts tun als sich
fuegen und ihrem Stern danken, dass Hannibal, durch seine rasche und
besonnene Flucht nach dem Orient die groessere Schande ihnen ersparend,
seiner Vaterstadt bloss die mindere liess, ihren groessten Buerger auf
ewige Zeiten aus der Heimat verbannt, sein Vermoegen eingezogen und sein
Haus geschleift zu haben. Das tiefsinnige Wort aber, dass diejenigen die
Lieblinge der Goetter sind, denen sie die unendlichen Freuden und die
unendlichen Leiden ganz verleihen, hat also an Hannibal in vollem Masse
sich bewaehrt. Schwerer als das Einschreiten gegen Hannibal laesst es
sich verantworten, dass die roemische Regierung nach dessen Entfernung
nicht aufhoerte, die Stadt zu beargwohnen und zu plagen. Zwar gaerten
dort die Parteien nach wie vor; allein nach der Entfernung des
ausserordentlichen Mannes, der fast die Geschicke der Welt gewendet
haette, bedeutete die Patriotenpartei nicht viel mehr in Karthago als
in Aetolien und in Achaia. Die verstaendigste Idee unter denen, welche
damals die unglueckliche Stadt bewegten, war ohne Zweifel die, sich
an Massinissa anzuschliessen und aus dem Draenger den Schutzherrn
der Phoeniker zu machen. Allein weder die nationale noch die libysch
gesinnte Faktion der Patrioten gelangte an das Ruder, sondern es blieb
das Regiment bei den roemisch gesinnten Oligarchen, welche, soweit sie
nicht ueberhaupt aller Gedanken an die Zukunft sich begaben, einzig
die Idee festhielten, die materielle Wohlfahrt und die Kommunalfreiheit
Karthagos unter dem Schutze Roms zu retten. Hierbei haette man in Rom
wohl sich beruhigen koennen. Allein weder die Menge noch selbst
die regierenden Herren vom gewoehnlichen Schlag vermochten sich der
gruendlichen Angst vom Hannibalischen Kriege her zu entschlagen; die