Frieden zu erlangen. Er forderte Abtretung der spanischen Besitzungen
und der Inseln des Mittelmeeres, Uebergabe des Reiches des Syphax an
Massinissa, Auslieferung der Kriegsschiffe bis auf zwanzig und eine
Kriegskontribution von 4000 Talenten (fast 7 Mill. Taler) - Bedingungen,
die fuer Karthago so beispiellos guenstig erscheinen, dass die Frage
sich aufdraengt, ob sie Scipio mehr in seinem oder mehr in Roms
Interesse anbot. Die karthagischen Bevollmaechtigten nahmen dieselben
an unter Vorbehalt der Ratifikation ihrer Behoerden, und es ging eine
karthagische Gesandtschaft deshalb nach Rom ab. Allein die karthagische
Patriotenpartei war nicht gemeint, so leichten Kaufs auf den Kampf zu
verzichten; der Glaube an die edle Sache, das Vertrauen auf den grossen
Feldherrn, selbst das Beispiel, das Rom gegeben hatte, feuerten sie
an auszuharren, auch davon abgesehen, dass der Friede notwendig die
Gegenpartei ans Ruder und damit ihnen selbst den Untergang bringen
musste. In der Buergerschaft hatte die Patriotenpartei das Uebergewicht;
man beschloss, die Opposition ueber den Frieden verhandeln zu lassen
und mittlerweile sich zu einer letzten und entscheidenden Anstrengung
vorzubereiten. An Mago und an Hannibal erging der Befehl, schleunigst
nach Afrika heimzukehren. Mago, der seit drei Jahren (459-551 205-203)
daran arbeitete, in Norditalien eine Koalition gegen Rom ins Leben zu
rufen, war eben damals im Gebiet der Insubrer (um Mailand) dem weit
ueberlegenen roemischen Doppelheer unterlegen. Die roemische Reiterei
war zum Weichen und das Fussvolk ins Gedraenge gebracht worden und der
Sieg schien sich fuer die Karthager zu erklaeren, als der kuehne Angriff
eines roemischen Trupps auf die feindlichen Elefanten und vor allem die
schwere Verwundung des geliebten und faehigen Fuehrers das Glueck der
Schlacht wandte: das phoenikische Heer musste an die ligurische Kueste
zurueckweichen. Hier erhielt es den Befehl zur Einschiffung und vollzog
ihn; Mago aber starb waehrend der Ueberfahrt an seiner Wunde. Hannibal
waere dem Befehl wahrscheinlich zuvorgekommen, wenn nicht die letzten
Verhandlungen mit Philipp ihm eine neue Aussicht dargeboten haetten,
seinem Vaterland in Italien nuetzlicher sein zu koennen als in Libyen;
als er in Kroton, wo er in der letzten Zeit gestanden hatte, ihn
empfing, saeumte er nicht, ihm nachzukommen. Er liess seine Pferde
niederstossen sowie die italischen Soldaten, die sich weigerten, ihm
ueber das Meer zu folgen, und bestieg die auf der Rede von Kroton
laengst in Bereitschaft stehenden Transportschiffe. Die roemischen
Buerger atmeten auf, da der gewaltige libysche Loewe, den zum Abzug zu
zwingen selbst jetzt noch niemand sich getraute, also freiwillig dem
italischen Boden den Ruecken wandte; bei diesem Anlass ward dem einzigen
ueberlebenden unter den roemischen Feldherren, welche die schwere Zeit
mit Ehren bestanden hatten, dem fast neunzigjaehrigen Quintus Fabius von
Rat und Buergerschaft der Graskranz verehrt. Dieser Kranz, welchen nach
roemischer Sitte das durch den Feldherrn gerettete Heer seinem Retter
darbrachte, von der ganzen Gemeinde zu empfangen, war die hoechste
Auszeichnung, die einem roemischen Buerger je zuteil geworden ist, und
der letzte Ehrenschmuck des alten Feldherrn, der noch in demselben Jahre
aus dem Leben schied (551 203). Hannibal aber gelangte, ohne Zweifel
nicht unter dem Schutz des Waffenstillstandes, sondern allein durch
seine Schnelligkeit und sein Glueck, ungehindert nach Leptis und
betrat, der letzte von Hamilkars "Loewenbrut", hier abermals nach
sechsunddreissigjaehriger Abwesenheit den Boden der Heimat, die er,
fast noch ein Knabe, verlassen hatte, um seine grossartige und doch
so durchaus vergebliche Heldenlaufbahn zu beginnen und westwaerts
ausziehend von Osten her heimzukehren, rings um die karthagische See
einen weiten Siegeskreis beschreibend. Jetzt, wo geschehen war, was er
hatte verhueten wollen und was er verhuetet haette, wenn er gedurft,
jetzt sollte er, wenn moeglich, retten und helfen; und er tat es, ohne
zu klagen und zu schelten. Mit seiner Ankunft trat die Patriotenpartei
offen auf; das schaendliche Urteil gegen Hasdrubal ward kassiert, neue
Verbindungen mit den numidischen Scheichs durch Hannibals Gewandtheit
angeknuepft und nicht bloss dem tatsaechlich abgeschlossenen Frieden in
der Volksversammlung die Bestaetigung verweigert, sondern auch durch die
Pluenderung einer an der afrikanischen Kueste gestrandeten roemischen
Transportflotte, ja sogar durch den ueberfall eines roemische Gesandte
fuehrenden roemischen Kriegsschiffs der Waffenstillstand gebrochen. In
gerechter Erbitterung brach Scipio aus seinem Lager bei Tunis auf (552
202) und durchzog das reiche Tal des Bagradas (Medscherda), indem er
den Ortschaften keine Kapitulation mehr gewaehrte, sondern die
Einwohnerschaften der Flecken und Staedte in Masse aufgreifen und
verkaufen liess. Schon war er tief ins Binnenland eingedrungen und stand
bei Naraggara (westlich von Sicca, jetzt el Kef, an der Grenze von Tunis
und Algier), als Hannibal, der ihm von Hadrumetum aus entgegengezogen
war, mit ihm zusammentraf. Der karthagische Feldherr versuchte von dem
roemischen in einer persoenlichen Zusammenkunft bessere Bedingungen
zu erlangen; allein Scipio, der schon bis an die aeusserste Grenze
der Zugestaendnisse gegangen war, konnte nach dem Bruch des
Waffenstillstandes unmoeglich zu weiterer Nachgiebigkeit sich verstehen,
und es ist nicht glaublich, dass Hannibal bei diesem Schritt etwas
anderes bezweckte, als der Menge zu zeigen, dass die Patrioten
keineswegs unbedingt gegen den Frieden seien. Die Konferenz fuehrte
zu keinem Ergebnis und so kam es zu der Entscheidungsschlacht bei Zama
(vermutlich unweit Sicca) ^1. In drei Linien ordnete Hannibal sein
Fussvolk: in das erste Glied die karthagischen Mietstruppen, in das
zweite die afrikanische Land- und die phoenikische Buergerwehr nebst dem
makedonischen Korps, in das dritte die Veteranen, die ihm aus Italien
gefolgt waren. Vor der Linie standen die achtzig Elefanten, die Reiter
auf den Fluegeln. Scipio stellte gleichfalls seine Legionen in drei
Glieder, wie die Roemer pflegten, und ordnete sie so, dass die Elefanten
durch und neben der Linie weg ausbrechen konnten, ohne sie zu
sprengen. Dies gelang nicht bloss vollstaendig, sondern die seitwaerts
ausweichenden Elefanten brachten auch die karthagischen Reiterfluegel in
Unordnung, so dass gegen diese Scipios Reiterei, die ueberdies durch
das Eintreffen von Massinissas Scharen dem Feinde weit ueberlegen
war, leichtes Spiel hatte und bald in vollem Nachsetzen begriffen war.
Ernster war der Kampf des Fussvolks. Lange stand das Gefecht zwischen
den beiderseitigen ersten Gliedern; in dem aeusserst blutigen
Handgemenge gerieten endlich beide Teile in Verwirrung und mussten
an den zweiten Gliedern einen Halt suchen. Die Roemer fanden ihn; die
karthagische Miliz aber zeigte sich so unsicher und schwankend, dass
sich die Soeldner verraten glaubten und es zwischen ihnen und der
karthagischen Buergerwehr zum Handgemenge kam. Indes Hannibal zog
eilig, was von den beiden ersten Linien noch uebrig war, auf die Fluegel
zurueck und schob seine italischen Kerntruppen auf der ganzen Linie vor.
Scipio draengte dagegen in der Mitte zusammen, was von der ersten Linie
noch kampffaehig war und liess das zweite und dritte Glied rechts und
links an das erste sich anschliessen. Abermals begann auf derselben
Walstatt ein zweites, noch fuerchterlicheres Gemetzel; Hannibals alte
Soldaten wankten nicht trotz der Ueberzahl der Feinde, bis die Reiterei
der Roemer und des Massinissa, von der Verfolgung der geschlagenen
feindlichen zurueckkehrend, sie von allen Seiten umringte. Damit war
nicht bloss der Kampf zu Ende, sondern das phoenikische Heer vernichtet;
dieselben Soldaten, die vierzehn Jahre zuvor bei Cannae gewichen waren,
hatten ihren Ueberwindern bei Zama vergolten. Mit einer Handvoll
Leute gelangte Hannibal fluechtig nach Hadrumetum.
------------------------------------------------------- ^1 Von den
beiden diesen Namen fuehrenden Orten ist wahrscheinlich der westlichere,
etwa 60 Miglien westlich von Hadrumetum gelegene, derjenige der Schlacht
(vgl. Hermes 20, 1885, S. 144, 318). Die Zeit ist der Fruehling oder
Sommer des Jahres 552 (202); die Bestimmung des Tages auf den
19. Oktober wegen der angeblichen Sonnenfinsternis ist nichtig.
------------------------------------------------------ Nach diesem Tage
konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur Fortsetzung des
Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des roemischen Feldherrn,
sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen, die weder gedeckt
noch verproviantiert war, und, wenn nicht unberechenbare Zwischenfaelle
eintraten, das Schicksal, welches Hannibal ueber Rom hatte bringen
wollen, jetzt ueber Karthago walten zu lassen. Scipio hat es nicht
getan; er gewaehrte den Frieden (553 201), freilich nicht mehr auf die
frueheren Bedingungen. Ausser den Abtretungen, die schon bei den letzen
Verhandlungen fuer Rom wie fuer Massinissa gefordert worden waren, wurde
den Karthagern auf fuenfzig Jahre eine jaehrliche Kontribution von
200 Talenten (340000 Taler) aufgelegt und mussten sie sich anheischig
machen, nicht gegen Rom oder seine Verbuendeten und ueberhaupt
ausserhalb Afrika gar nicht, in Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes
nur nach eingeholter Erlaubnis Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich
darauf hinauslief, dass Karthago tributpflichtig ward und seine
politische Selbstaendigkeit verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager
unter Umstaenden verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen
Flotte zu stellen. Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der
Beendigung des schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit
dem Oberbefehl an einen Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu
guenstige Bedingungen gewaehrte. Die Anklage moechte gegruendet sein,
wenn der erste Entwurf zustande gekommen waere; gegen den zweiten
scheint sie nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom die Verhaeltnisse
so, dass der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die
Abberufung ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem
Siege ein Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und
von dieser entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die
Bedingungen selbst diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem
ihr also die Haende gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite
gestellt war, nie auch nur einen Versuch gemacht, sich der roemischen
Suprematie zu entziehen, geschweige denn, mit Rom zu rivalisieren; es
wusste ueberdies jeder, der es wissen wollte, dass der soeben beendigte
Krieg viel mehr von Hannibal unternommen worden war als von Karthago
und dass der Riesenplan der Patriotenpartei sich schlechterdings nicht
erneuern liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern wenig duenken,
dass nur die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen
aufloderten und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und
Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der
vernichtete Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das
Verbrechen, die Roemer zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte,
gruendlicher zu bestrafen. Scipio dachte anders und wir haben keinen
Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in diesem Fall die gemeinen
Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und hochsinnigen,
die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der etwaigen
Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings nicht
fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges
haben den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch
alles unbegreiflich gelungen war, abgehalten, die Exekution an der
ungluecklichen Stadt zu vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem
Adoptivenkel aufgetragen wurde und die freilich wohl jetzt gleich schon
vollzogen werde konnte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die beiden
grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die politische Entscheidung
stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um dort der
ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem
Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu
setzen; der Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen
Gegner zeigt sich nicht minder in Hannibals grossartiger Fuegung in
das Unvermeidliche als in Scipios weisem Zuruecktreten von dem
Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges. Sollte er, der hochherzige
und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was es denn dem
Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der Karthagerstadt
vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und Ackerbaus voellig
zu verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen Zivilisation
frevelhaft niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die
ersten Maenner Roms sich hergaben zu Henkern der Zivilisation der
Nachbarn und die ewige Schande der Nation leichtfertig glaubten von
sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen. So war der Zweite Punische
Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger nennen, der Hannibalische Krieg
beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom Hellespont bis zu den Saeulen
des Herkules die Inseln und Landschaften verheert hatte. Vor diesem
Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht hoeher gesteckt als bis zu
der Beherrschung des Festlandes der italischen Halbinsel innerhalb ihrer
natuerlichen Grenzen und der italischen Inseln und Meere. Dass man den
Krieg auch beendigte mit dem Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die
Staaten am Mittelmeer oder die sogenannte Weltmonarchie begruendet,
sondern einen gefaehrlichen Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien
bequeme Nachbarn gegeben zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas
beim Friedensschluss deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere
Ergebnisse des Krieges, namentlich die Eroberung von Spanien, diesem
Gedanken wenig entsprachen; aber die Erfolge fuehrten eben ueber die
eigentliche Absicht hinaus, und zu dem Besitz von Spanien sind die
Roemer in der Tat man moechte sagen zufaellig gelangt. Die Herrschaft
ueber Italien haben die Roemer errungen, weil sie sie erstrebt
haben; die Hegemonie und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das
Mittelmeergebiet ist ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die
Verhaeltnisse zugeworfen worden. Die unmittelbaren Resultate des Krieges
waren ausserhalb Italien die Verwandlung Spaniens in eine roemische,
freilich in ewiger Auflehnung begriffene Doppelprovinz; die Vereinigung
des bis dahin abhaengigen syrakusanischen Reiches mit der roemischen
Provinz Sizilien; die Begruendung des roemischen statt des karthagischen
Patronats ueber die bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich die
Verwandlung Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose
Kaufstadt; mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den
Westen des Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige
Ineinandergreifen des oestlichen und des westlichen Staatensystems, das
im Ersten Punischen Krieg sich nur erst angedeutet hatte, und damit das
demnaechst bevorstehende entscheidende Eingreifen Roms in die Konflikte
der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde dadurch zunaechst das
Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum Untergang
bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution
vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft
war die Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden
latinischen Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner
Schwankungen doch im ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr
geprueft und bewaehrt hatte, und die steigende Unterdrueckung der nicht
latinischen oder nicht latinisierten Italiker, namentlich der Etrusker
und der unteritalischen Sabeller. Am schwersten traf die Strafe oder
vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils den zugleich ersten und
letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und die Landschaft
der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und Capua aus
der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar
die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen. Den
gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen Auswaertiger
oder roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur oeffentlichen
Domaene und gab ihn seitdem an kleine Leute parzellenweise in Zeitpacht.
Aehnlich wurden die Picenter am Silarus behandelt; ihre Hauptstadt wurde
geschleift und die Bewohner zerstreut in die umliegenden Doerfer. Der
Brettier Los war noch haerter; sie wurden in Masse gewissermassen zu
Leibeigenen der Roemer gemacht und fuer ewige Zeiten vom Waffenrecht
ausgeschlossen. Aber auch die uebrigen Verbuendeten Hannibals buessten
schwer, so die griechischen Staedte mit Ausnahme der wenigen, die
bestaendig zu Rom gehalten hatten, wie die kampanischen Griechen und die
Rheginer. Nicht viel weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer
apulischer, lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils
Stuecke ihrer Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker
wurden neue Kolonien angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe
Buergerkolonien an den besten Haefen Unteritaliens, unter denen Sipontum
(bei Manfredonia) und Kroton zu nennen sind, ferner Salernum in dem
ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter und diesen zur Zwingburg
bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der vornehmen
Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels ward. Ferner
ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia (560 194),
ebenso die reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen Valentia (562
192). Auf anderen Grundstuecken in Samnium und Apulien wurden die
Veteranen der siegreichen Armee von Afrika einzeln angesiedelt; der
Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze der vornehmen Herren in Rom
ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der Bauern. Es versteht sich,
dass ausserdem in allen Gemeinden der Halbinsel die namhaften, nicht
gut roemisch gesinnten Leute soweit beseitigt wurden, als dies durch
politische Prozesse und Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall
in Italien fuehlten die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name
eitel und dass sie fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung
Hannibals ward als eine zweite Unterjochung Italiens empfunden und
alle Erbitterung wie aller Uebermut des Siegers vornehmlich an den
italischen, nichtlatinischen Bundesgenossen ausgelassen. Selbst die
farblose und wohlpolizierte roemische Komoedie dieser Zeit traegt davon
die Spuren; wenn die niedergeworfenen Staedte Capua und Atella dem
zuegellosen Witz der roemischen Posse polizeilich freigegeben und die
letztere geradezu deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter
darueber spassten, dass in der todbringenden Luft, wo selbst die
ausdauerndste Rasse der Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die
kampanische Sklavenschaft schon gelernt habe auszuhalten, so hallt aus
solchen gefuehllosen Spoettereien der Hohn der Sieger, freilich auch der
Jammerlaut der zertretenen Nationen wieder. Wie die Dinge standen, zeigt
die aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden Makedonischen
Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die
Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200),
Narnia 555 (199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom
aus zugesandt wurden. Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen
der italischen Bevoelkerung gerissen hatten, zeigt das Beispiel der
roemischen Buergerschaft, deren Zahl waehrend des Krieges fast um
den vierten Teil geschwunden war; die Angabe der Gesamtzahl der im
Hannibalischen Krieg gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe scheint
danach durchaus nicht uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust
vorwiegend auf den Kern der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie
die Masse der Streiter stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich
lichtete, zeigt die Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae,
wo derselbe auf 123 Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch
eine ausserordentliche Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen
Normalstand gebracht ward. Dass endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der
zugleich in allen Landschaften Italiens und nach allen vier Weltgegenden
im Ausland gefuehrt worden war, die Volkswirtschaft im tiefsten Grund
erschuettert haben muss, ist im allgemeinen klar; zur Ausfuehrung im
einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der Staat gewann
durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische Gebiet blieb
seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen; allein
durch diese Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich der
Volkswohlstand um ebenso viel zurueck, als er in anderen Zeiten
gewonnen hatte durch die Zerschlagung der Staatslaendereien. Eine Menge
bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert - war vernichtet und
verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die Bevoelkerung
durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition
buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das
letzte Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in
Raeuberbanden zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff gibt,
dass in einem einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000 Menschen
wegen Strassenraubs verurteilt werden mussten; die sich ausdehnenden
Weiden mit den halb wilden Hirtensklaven beguenstigten diese heillose
Verwilderung des Landes. Der italische Ackerbau sah sich in seiner
Existenz bedroht durch das zuerst in diesem Kriege aufgestellte
Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst geerntetem auch von
sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt werden koenne. Dennoch
durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden hatten, das Ende dieses
Riesenkampfes zu erleben, stolz in die Vergangenheit und zuversichtlich
in die Zukunft blicken. Es war viel verschuldet, aber auch viel erduldet
worden; das Volk, dessen gesamte dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre
hindurch Schild und Schwert nicht abgelegt hatte, durfte manches sich
verzeihen. Jenes wenn auch durch wechselseitige Befehdung unterhaltene,
doch im ganzen friedliche und freundliche Zusammenleben der
verschiedenen Nationen, wie es das Ziel der neueren Voelkerentwicklungen
zu sein scheint, ist dem Altertum fremd: damals galt es Amboss zu sein
oder Hammer; und in dem Wettkampf der Sieger war der Sieg den Roemern
geblieben. Ob man verstehen werde ihn zu benutzen, die latinische Nation
immer fester an Rom zu ketten, Italien allmaehlich zu latinisieren, die
Unterworfenen in den Provinzen als Untertanen zu beherrschen, nicht als
Knechte auszunutzen, die Verfassung zu reformieren, den schwankenden
Mittelstand neu zu befestigen und zu erweitern - das mochte mancher
fragen; wenn man es verstand, so durfte Italien gluecklichen Zeiten
entgegensehen, in denen der auf eigene Arbeit unter guenstigen
Verhaeltnissen gegruendete Wohlstand und die entschiedenste politische
Suprematie ueber die damalige zivilisierte Welt jedem Gliede des grossen
Ganzen ein gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges Ziel,
jedem Talent eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn
nicht, nicht. Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen