verwandeln, das lehren aehnliche Kriege, aus denen sich anschaulichere

Berichte erhalten haben. Bedenklicher noch als diese materielle Not war

die steigende Abneigung der Bundesgenossen gegen den roemischen Krieg,

der ihnen Gut und Blut frass. Zwar auf die nichtlatinischen Gemeinden

kam es dabei weniger an. Der Krieg selber bewies es, dass sie nichts

vermochten, solange die latinische Nation zu Rom stand; an ihrer

groesseren oder geringeren Widerwilligkeit war nicht viel gelegen. Jetzt

indes fing auch Latium an zu schwanken. Die meisten latinischen Kommunen

in Etrurien, Latium, dem Marsergebiet und dem noerdlichen Kampanien,

also eben in denjenigen latinischen Landschaften, die unmittelbar am

wenigsten von dem Kriege gelitten hatten, erklaerten im Jahre 545 (209)

dem roemischen Senat, dass sie von jetzt an weder Kontingente noch

Steuern mehr schicken und es den Roemern ueberlassen wuerden, den in

ihrem Interesse gefuehrten Krieg selber zu bestreiten. Die Bestuerzung

in Rom war gross; allein fuer den Augenblick gab es kein Mittel, die

Widerspenstigen zu zwingen. Zum Glueck handelten nicht alle latinischen

Gemeinden so. Die gallischen, picenischen und sueditalischen Kolonien,

an ihrer Spitze das maechtige und patriotische Fregellae, erklaerten im

Gegenteil, dass sie um so enger und treulicher an Rom sich anschloessen

- freilich war es diesen allen sehr deutlich dargetan, dass bei dem

gegenwaertigen Kriege ihre Existenz womoeglich noch mehr auf dem Spiele

stand als die der Hauptstadt und dass dieser Krieg wahrlich nicht bloss

fuer Rom, sondern fuer die latinische Hegemonie in Italien, ja fuer

Italiens nationale Unabhaengigkeit gefuehrt ward. Auch jener halbe

Abfall war sicherlich nicht Landesverrat, sondern Kurzsichtigkeit und

Erschoepfung; ohne Zweifel wuerden dieselben Staedte ein Buendnis mit

den Phoenikern mit Abscheu zurueckgewiesen haben. Allein immer war es

eine Spaltung zwischen Roemern und Latinern, und der Rueckschlag auf die

unterworfene Bevoelkerung der Landschaften blieb nicht aus. In Arretium

zeigte sich sogleich eine bedenkliche Gaerung; eine im Interesse

Hannibals unter den Etruskern angestiftete Verschwoerung ward entdeckt

und schien so gefaehrlich, dass man deswegen roemische Truppen

marschieren liess. Militaer und Polizei unterdrueckten diese Bewegung

zwar ohne Muehe; allein sie war ein ernstes Zeichen, was in jenen

Landschaften kommen koenne, seit die latinischen Zwingburgen nicht mehr

schreckten. In diese schwierigen und gespannten Verhaeltnisse schlug

ploetzlich die Nachricht hinein, dass Hasdrubal im Herbst des Jahres

546 (208) die Pyrenaeen ueberschritten habe und man sich darauf gefasst

machen muesse, im naechsten Jahr in Italien den Krieg mit den beiden

Soehnen Hamilkars zu fuehren. Nicht umsonst hatte Hannibal die langen

schweren Jahre hindurch auf seinem Posten ausgeharrt; was die faktioese

Opposition daheim, was der kurzsichtige Philippos ihm versagt hatte, das

fuehrte endlich der Bruder ihm heran, in dem wie in ihm selbst

Hamilkars Geist maechtig war. Schon standen achttausend Ligurer, durch

phoenikisches Gold geworben, bereit, sich mit Hasdrubal zu vereinigen;

wenn er die erste Schlacht gewann, so durfte er hoffen, gleich dem

Bruder die Gallier, vielleicht die Etrusker gegen Rom unter die Waffen

zu bringen. Italien war aber nicht mehr, was es vor elf Jahren gewesen;

der Staat und die einzelnen waren erschoepft, der latinische Bund

gelockert, der beste Feldherr soeben auf dem Schlachtfeld gefallen und

Hannibal nicht bezwungen. In der Tat, Scipio mochte die Gunst seines

Genius preisen, wenn er die Folgen seines unverzeihlichen Fehlers von

ihm und dem Lande abwandte. Wie in den Zeiten der schwersten Gefahr

bot Rom wieder dreiundzwanzig Legionen auf; man rief Freiwillige zu den

Waffen und zog die gesetzlich vom Kriegsdienst Befreiten zur Aushebung

mit heran. Dennoch wurde man ueberrascht. Freunden und Feinden ueber

alle Erwartung frueh stand Hasdrubal diesseits der Alpen (547 207);

die Gallier, der Durchmaersche jetzt gewohnt, oeffneten fuer gutes Geld

willig ihre Paesse und lieferten, was das Heer bedurfte. Wenn man in Rom

beabsichtigt hatte, die Ausgaenge der Alpenpaesse zu besetzen, so kam

man damit wieder zu spaet; schon vernahm man, dass Hasdrubal am Padus

stehe, dass er die Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder

zu den Waffen rufe, dass Placentia berannt werde. Schleunigst begab der

Konsul Marcus Livius sich zu der Nordarmee; und es war hohe Zeit, dass

er erschien. Etrurien und Umbrien waren in dumpfer Gaerung; Freiwillige

von dort verstaerkten das phoenikische Heer. Sein Kollege Gaius Nero zog

aus Venusia den Praetor Gaius Hostilius Tubulus an sich und eilte mit

einem Heere von 40000 Mann, Hannibal den Weg nach Norden zu verlegen.

Dieser sammelte seine ganze Macht im brettischen Gebiet, und auf der

grossen, von Rhegion nach Apulien fuehrenden Strasse vorrueckend traf er

bei Grumentum auf den Konsul. Es kam zu einem hartnaeckigen Gefecht,

in welchem Nero sich den Sieg zuschrieb; allein Hannibal vermochte

wenigstens, wenn auch mit Verlust, durch einen seiner gewoehnlichen

geschickten Seitenmaersche sich dem Feinde zu entziehen und ungehindert

Apulien zu erreichen. Hier blieb er stehen und lagerte anfangs bei

Venusia, alsdann bei Canusium, Nero, der ihm auf dem Fuss gefolgt war,

dort wie hier ihm gegenueber. Dass Hannibal freiwillig stehenblieb und

nicht von der roemischen Armee am Vorruecken gehindert ward, scheint

nicht zu bezweifeln; der Grund, warum er gerade hier und nicht weiter

noerdlich sich aufstellte, muss gelegen haben in Verabredungen Hannibals

mit Hasdrubal oder in Mutmassungen ueber dessen Marschroute, die

wir nicht kennen. Waehrend also hier die beiden Heere sich untaetig

gegenueberstanden, ward die im Hannibalischen Lager sehnlich erwartete

Depesche Hasdrubals von Neros Posten aufgefangen; sie ergab, dass

Hasdrubal beabsichtigte, die Flaminische Strasse einzuschlagen, also

zunaechst sich an der Kueste zu halten und dann bei Fanum ueber den

Apennin gegen Narnia sich zu wenden, an welchem Orte er Hannibal zu

treffen gedenke. Sofort liess Nero nach Narnia als dem zur Vereinigung

der beiden phoenikischen Heere ausersehenen Punkt die hauptstaedtische

Reserve vorgehen, wogegen die bei Capua stehende Abteilung nach der

Hauptstadt kam und dort eine neue Reserve gebildet ward. Ueberzeugt,

dass Hannibal die Absicht des Bruders nicht kenne und fortfahren werde,

ihn in Apulien zu erwarten, entschloss sich Nero zu dem kuehnen

Wagnis, mit einem kleinen, aber auserlesenen Korps von 7000 Mann in

Gewaltmaerschen nordwaerts zu eilen und womoeglich in Gemeinschaft mit

dem Kollegen den Hasdrubal zur Schlacht zu zwingen; er konnte es, denn

das roemische Heer, das er zurueckliess, blieb immer stark genug, um

Hannibal entweder standzuhalten, wenn er angriff, oder ihn zu geleiten

und mit ihm zugleich an dem Orte der Entscheidung einzutreffen, wenn er

abzog. Nero fand den Kollegen Marcus Livius bei Sena gallica, den Feind

erwartend. Sofort rueckten beide Konsuln aus gegen Hasdrubal, den sie

beschaeftigt fanden, den Metaurus zu ueberschreiten. Hasdrubal wuenschte

die Schlacht zu vermeiden und sich seitwaerts den Roemern zu entziehen;

allein seine Fuehrer liessen ihn im Stich, er verirrte sich auf dem

ihm fremden Terrain und wurde endlich auf dem Marsch von der roemischen

Reiterei angegriffen und so lange festgehalten, bis auch das roemische

Fussvolk eintraf und die Schlacht unvermeidlich ward. Hasdrubal stellte

die Spanier auf den rechten Fluegel, davor seine zehn Elefanten, die

Gallier auf den linken, den er versagte. Lange schwankte das Gefecht

auf dem rechten Fluegel und der Konsul Livius, der hier befehligte,

ward hart gedraengt, bis Nero, seine strategische Operation taktisch

wiederholend, den ihm unbeweglich gegenueberstehenden Feind stehen liess

und, um die eigene Armee herum marschierend, den Spaniern in die Flanke

fiel. Dies entschied. Der schwer erkaempfte und sehr blutige Sieg war

vollstaendig; das Heer, das keinen Rueckzug hatte, ward vernichtet, das

Lager erstuermt, Hasdrubal, da er die vortrefflich geleitete Schlacht

verloren sah, suchte und fand gleich seinem Vater einen ehrlichen

Reitertod. Als Offizier und als Mann war er wert, Hannibals Bruder zu

sein. Am Tage nach der Schlacht brach Nero wieder auf und stand

nach kaum vierzehntaegiger Abwesenheit abermals in Apulien Hannibal

gegenueber, den keine Botschaft erreicht und der sich nicht geruehrt

hatte. Die Botschaft brachte ihm der Konsul mit; es war der Kopf des

Bruders, den der Roemer den feindlichen Posten hinwerfen liess, also

dem grossen Gegner, der den Krieg mit Toten verschmaehte, die ehrenvolle

Bestattung des Paullus, Gracchus und Marcellus vergeltend. Hannibal

erkannte, dass er umsonst gehofft hatte und dass alles vorbei war. Er

gab Apulien und Lucanien, sogar Metapont auf und zog mit seinen Truppen

zurueck in das brettische Land, dessen Haefen sein einziger Rueckzug

waren. Durch die Energie der roemischen Feldherren und mehr noch durch

eine beispiellos glueckliche Fuegung war eine Gefahr von Rom abgewandt,

deren Groesse Hannibals zaehes Ausharren in Italien rechtfertigt und die

mit der Groesse der cannensischen den Vergleich vollkommen aushaelt.

Der Jubel in Rom war grenzenlos; die Geschaefte begannen wieder wie in

Friedenszeit; jeder fuehlte, dass die Gefahr des Krieges verschwunden

sei. Indes ein Ende zu machen beeilte man sich in Rom eben nicht.

Der Staat und die Buerger waren erschoepft durch die uebermaessige

moralische und materielle Anspannung aller Kraefte; gern gab man der

Sorglosigkeit und der Ruhe sich hin. Heer und Flotte wurden vermindert,

die roemischen und latinischen Bauern auf ihre veroedeten Hoefe

zurueckgefuehrt, die Kasse durch den Verkauf eines Teils der

kampanischen Domaene gefuellt. Die Staatsverwaltung wurde neu geregelt

und die eingerissenen Unordnungen abgestellt; man fing an, das

freiwillige Kriegsanlehen zurueckzuzahlen, und zwang die im Rueckstand

gebliebenen latinischen Gemeinden, ihren versaeumten Pflichten mit

schweren Zinsen zu genuegen. Der Krieg in Italien stockte. Es war ein

glaenzender Beweis von Hannibals strategischem Talent sowie freilich

auch von der Unfaehigkeit der jetzt ihm gegenueberstehenden roemischen

Feldherren, dass er von da an noch durch vier Jahre im brettischen Lande

das Feld behaupten und von dem weit ueberlegenen Gegner weder gezwungen

werden konnte, sich in die Festungen einzuschliessen noch sich

einzuschiffen. Freilich musste er immer weiter zurueckweichen, weniger

in Folge der ihm von den Roemern gelieferten, nichts entscheidenden

Gefechte, als weil seine brettischen Bundesgenossen immer schwieriger

wurden und er zuletzt nur auf die Staedte noch zaehlen konnte, die sein

Heer besetzt hielt. So gab er Thurii freiwillig auf; Lokri ward auf

Publius Scipios Veranstaltung von Rhegion aus wieder eingenommen

(549 205). Als sollten seine Entwuerfe noch schliesslich von den

karthagischen Behoerden, die sie ihm verdorben hatten, selbst eine

glaenzende Rechtfertigung erhalten, suchten diese in der Angst vor der

erwarteten Landung der Roemer jene Plaene nun selbst wieder hervor (548,

549 206, 205) und sandten an Hannibal nach Italien, an Mago nach Spanien

Verstaerkung und Subsidien mit dem Befehl, den Krieg in Italien

aufs neue zu entflammen und den zitternden Besitzern der libyschen

Landhaeuser und der karthagischen Buden noch einige Frist zu erfechten.

Ebenso ging eine Gesandtschaft nach Makedonien, um Philippos zur

Erneuerung des Buendnisses und zur Landung in Italien zu bestimmen (549

205). Allein es war zu spaet. Philippos hatte wenige Monate zuvor

mit Rom Frieden geschlossen; die bevorstehende politische Vernichtung

Karthagos war ihm zwar unbequem, aber er tat oeffentlich wenigstens

nichts gegen Rom. Es ging ein kleines makedonisches Korps nach Afrika,

das nach der Behauptung der Roemer Philippos aus seiner Tasche bezahlte;

begreiflich waere es, allein Beweise wenigstens hatten, wie der

spaetere Verlauf der Ereignisse zeigt, die Roemer dafuer nicht. An eine

makedonische Landung in Italien ward nicht gedacht. Ernstlicher griff

Mago, Hamilkars juengster Sohn, seine Aufgabe an. Mit den Truemmern der

spanischen Armee, die er zunaechst nach Minorca gefuehrt hatte, landete

er im Jahre 549 (205) bei Genua, zerstoerte die Stadt und rief die

Ligurer und Gallier zu den Waffen, die das Gold und die Neuheit des

Unternehmens wie immer scharenweise herbeizog; seine Verbindungen gingen

sogar durch ganz Etrurien, wo die politischen Prozesse nicht ruhten.

Allein was er an Truppen mitgebracht, war zu wenig fuer eine ernstliche

Unternehmung gegen das eigentliche Italien, und Hannibal war gleichfalls

viel zu schwach und sein Einfluss in Unteritalien viel zu sehr gesunken,

als dass er mit Erfolg haette vorgehen koennen. Die karthagischen Herren

hatten die Rettung der Heimat nicht gewollt, da sie moeglich war; jetzt,

da sie sie wollten, war sie nicht mehr moeglich. Wohl niemand zweifelte

im roemischen Senat, weder daran, dass der Krieg Karthagos gegen Rom zu

Ende sei, noch daran, dass nun der Krieg Roms gegen Karthago begonnen

werden muesse; allein die afrikanische Expedition, so unvermeidlich

sie war, scheute man sich anzuordnen. Man bedurfte dazu vor allem

eines faehigen und beliebten Fuehrers; und man hatte keinen. Die besten

Generale waren entweder auf dem Schlachtfeld gefallen oder sie waren,

wie Quintus Fabius und Quintus Fulvius, fuer einen solchen ganz neuen

und wahrscheinlich langwierigen Krieg zu alt. Die Sieger von Sena, Gaius

Nero und Marcus Livius, waeren der Aufgabe schon gewachsen gewesen,

allein sie waren beide im hoechsten Grade unpopulaere Aristokraten;

es war zweifelhaft, ob es gelingen wuerde, ihnen das Kommando zu

verschaffen - so weit war man ja schon, dass die Tuechtigkeit allein

nur in den Zeiten der Angst die Wahlen entschied -, und mehr als

zweifelhaft, ob dies die Maenner waren, die dem erschoepften Volke

neue Anstrengungen ansinnen durften. Da kam Publius Scipio aus Spanien

zurueck, und der Liebling der Menge, der seine von ihr empfangene

Aufgabe so glaenzend erfuellt hatte oder doch erfuellt zu haben schien,

ward sogleich fuer das naechste Jahr zum Konsul gewaehlt. Er trat

sein Amt an (549 205) mit dem festen Entschluss, die schon in Spanien

entworfene afrikanische Expedition jetzt zu verwirklichen. Indes im

Senat wollte nicht bloss die Partei der methodischen Kriegfuehrung von

einer afrikanischen Expedition so lange nichts wissen, als Hannibal

noch in Italien stand, sondern es war auch die Majoritaet dem jungen

Feldherrn selbst keineswegs guenstig gesinnt. Seine griechische

Eleganz und moderne Bildung und Gesinnung sagte den strengen und

etwas baeurischen Vaetern der Stadt sehr wenig zu und gegen seine

Kriegfuehrung in Spanien bestanden ebenso ernste Bedenken wie gegen

seine Soldatenzucht. Wie begruendet der Vorwurf war, dass er gegen

seine Korpschefs allzugrosse Nachsicht zeige, bewiesen sehr bald die

Schaendlichkeiten, die Gaius Pleminius in Lokri veruebte, und die

Scipio allerdings durch seine fahrlaessige Beaufsichtigung in der

aergerlichsten Weise mittelbar mit verschuldet hatte. Dass bei den

Verhandlungen im Senat ueber die Anordnung des afrikanischen Feldzugs

und die Bestellung des Feldherrn dafuer der neue Konsul nicht uebel Lust

bezeigte, wo immer Brauch und Verfassung mit seinen Privatabsichten in

Konflikt gerieten, solche Hemmnisse beiseite zu schieben, und dass

er sehr deutlich zu verstehen gab, wie er sich aeussersten Falls der

Regierungsbehoerde gegenueber auf seinen Ruhm und seine Popularitaet bei

dem Volke zu stuetzen gedenke, musste den Senat nicht bloss kraenken,

sondern auch die ernstliche Besorgnis erwecken, ob ein solcher

Oberfeldherr bei dem bevorstehenden Entscheidungskrieg und den

etwaigen Friedensverhandlungen mit Karthago sich an die ihm gewordenen

Instruktionen binden werde; eine Besorgnis, welche die eigenmaechtige

Fuehrung der spanischen Expedition keineswegs zu beschwichtigen geeignet

war. Indes bewies man auf beiden Seiten Einsicht genug, um es nicht zum

Aeussersten kommen zu lassen. Auch der Senat konnte nicht verkennen,

dass die afrikanische Expedition notwendig und es nicht weise war,

dieselbe ins Unbestimmte hinauszuschieben; nicht verkennen, dass Scipio

ein aeusserst faehiger Offizier und insofern zum Fuehrer eines solchen

Krieges wohl geeignet war und dass, wenn einer, er es vermochte, vom

Volke die Verlaengerung seines Oberbefehls so lange als noetig und die

Aufbietung der letzten Kraefte zu erlangen. Die Majoritaet kam zu dem

Entschluss, Scipio den gewuenschten Auftrag nicht zu versagen, nachdem

derselbe zuvor die der hoechsten Regierungsbehoerde schuldige Ruecksicht

wenigstens der Form nach beobachtet und im Voraus sich dem Beschluss des

Senats unterworfen hatte. Scipio sollte dies Jahr nach Sizilien gehen,

um den Bau der Flotte, die Herstellung des Belagerungsmaterials und die

Bildung der Expeditionsarmee zu betreiben, und dann im naechsten Jahr in

Afrika landen. Es ward ihm hierzu die sizilische Armee - noch immer jene

beiden aus den Truemmern des cannensischen Heeres gebildeten Legionen

- zur Disposition gestellt, da zur Deckung der Insel eine schwache

Besatzung und die Flotte vollstaendig ausreichten, und ausserdem ihm

gestattet, in Italien Freiwillige aufzubieten. Es war augenscheinlich,

dass der Senat die Expedition nicht anordnete, sondern vielmehr

geschehen liess; Scipio erhielt nicht die Haelfte der Mittel, die man

einst Regulus zu Gebot gestellt hatte, und ueberdies eben dasjenige

Korps, das seit Jahren vom Senat mit berechneter Zuruecksetzung

behandelt worden war. Die afrikanische Armee war im Sinne der Majoritaet

des Senats ein verlorener Posten von Strafkompanien und Volontaers,

deren Untergang der Staat allenfalls verschmerzen konnte. Ein anderer

Mann als Scipio haette vielleicht erklaert, dass die afrikanische

Expedition entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht unternommen

werden muesse; allein Scipios Zuversicht ging auf die Bedingungen ein,

wie sie immer waren, um nur zu dem heissersehnten Kommando zu gelangen.

Sorgfaeltig vermied er, soweit es anging, das Volk unmittelbar zu

belaestigen, um nicht der Popularitaet der Expedition zu schaden. Die

Kosten derselben, namentlich die betraechtlichen des Flottenbaus, wurden

teils beigeschafft durch eine sogenannte freiwillige Kontribution der

etruskischen Staedte, das heisst durch eine den Arretinern und den

sonstigen phoenikisch gesinnten Gemeinden zur Strafe auferlegte

Kriegssteuer, teils auf die sizilischen Staedte gelegt; in vierzig Tagen

war die Flotte segelfertig. Die Mannschaft verstaerkten Freiwillige,

deren bis siebentausend aus allen Teilen Italiens dem Rufe des geliebten

Offiziers folgten. So ging Scipio im Fruehjahr 550 (204) mit zwei

starken Veteranenlegionen (etwa 30000 Mann), 40 Kriegs- und 400

Transportschiffen nach Afrika unter Segel und landete gluecklich, ohne

den geringsten Widerstand zu finden, am Schoenen Vorgebirge in der

Naehe von Utica. Die Karthager, die seit langem erwarteten, dass auf

die Pluenderungszuege, welche die roemischen Geschwader in den letzten

Jahren haeufig nach der afrikanischen Kueste gemacht hatten, ein

ernstlicher Einfall folgen werde, hatten, um dessen sich zu erwehren,

nicht bloss den italisch-makedonischen Krieg aufs neue in Gang zu

bringen versucht, sondern auch daheim geruestet, um die Roemer

zu empfangen. Es war gelungen, von den beiden rivalisierenden

Berberkoenigen, Massinissa von Cirta (Constantine), dem Herrn der

Massyler, und Syphax von Siga (an der Tafnamuendung, westlich von Oran),

dem Herrn der Massaesyler, den letzteren, den bei weitem maechtigeren

und bisher den Roemern befreundeten, durch Vertrag und Verschwaegerung

eng an Karthago zu knuepfen, indem man den anderen, den alten

Nebenbuhler des Syphax und Bundesgenossen der Karthager, fallen liess.

Massinissa war nach verzweifelter Gegenwehr der vereinigten Macht der

Karthager und des Syphax erlegen und hatte seine Laender dem letzteren

zur Beute lassen muessen; er selbst irrte mit wenigen Reitern in der

Wueste. Ausser dem Zuzug, der von Syphax zu erwarten war, stand

ein karthagisches Heer von 20000 Mann zu Fuss, 6000 Reitern und 140

Elefanten - Hanno war eigens deshalb auf Elefantenjagd ausgeschickt

worden - schlagfertig zum Schutz der Hauptstadt, unter der Fuehrung des

in Spanien erprobten Feldherrn Hasdrubal, Gisgons Sohn; im Hafen lag

eine starke Flotte. Ein makedonisches Korps unter Sopater und eine

Sendung keltiberischer Soeldner wurden demnaechst erwartet. Auf das

Geruecht von Scipios Landung traf Massinissa sofort in dem Lager

des Feldherrn ein, dem er vor nicht langem in Spanien als Feind

gegenuebergestanden hatte; allein der laenderlose Fuerst brachte

zunaechst den Roemern nichts als seine persoenliche Tuechtigkeit, und

die Libyer, obwohl der Aushebungen und Steuern herzlich muede, hatten

doch in aehnlichen Faellen zu bittere Erfahrungen gemacht, um sich

sofort fuer die Roemer zu erklaeren. So begann Scipio den Feldzug.

Solange er nur die schwaechere karthagische Armee gegen sich hatte, war

er im Vorteil und konnte nach einigen gluecklichen Reitergefechten zur

Belagerung von Utica schreiten; allein als Syphax eintraf, angeblich mit

50000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern, musste die Belagerung aufgehoben

und auf einem leicht zu verschanzenden Vorgebirg zwischen Utica und

Karthago ein befestigtes Schiffslager geschlagen werden. Hier verging

dem roemischen General der Winter 550/51 (204/03). Aus der ziemlich

unbequemen Lage, in der das Fruehjahr ihn fand, befreite er sich durch

einen gluecklichen Handstreich. Die Afrikaner, eingeschlaefert durch die

von Scipio mehr listig als ehrlich angesponnenen Friedensverhandlungen,

liessen sich in einer und derselben Nacht in ihren beiden Lagern

ueberfallen: die Rohrhuetten der Numidier loderten in Flammen auf, und

als die Karthager eilten zu helfen, traf ihr eigenes Lager dasselbe

Schicksal; wehrlos wurden die Fluechtenden von den roemischen

Abteilungen niedergemacht. Dieser naechtliche Ueberfall war

verderblicher als manche Schlacht. Indes die Karthager liessen den Mut

nicht sinken und verwarfen sogar den Rat der Furchtsamen, oder vielmehr

der Verstaendigen, Mago und Hannibal zurueckzurufen. Eben jetzt waren

die erwarteten keltiberischen und makedonischen Hilfstruppen angelangt;

man beschloss, auf den "grossen Feldern", fuenf Tagemaersche von Utica,

noch einmal die offene Feldschlacht zu versuchen. Scipio eilte,

sie anzunehmen; mit leichter Muehe zerstreuten seine Veteranen und

Freiwilligen die zusammengerafften karthagischen und numidischen

Schwaerme und auch die Keltiberer, die bei Scipio auf Gnade nicht

rechnen durften, wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr zusammengehauen.

Die Afrikaner konnten nach dieser doppelten Niederlage nirgend mehr

das Feld halten. Ein Angriff auf das roemische Schiffslager, den die

karthagische Flotte versuchte, lieferte zwar kein unguenstiges, aber

doch auch kein entscheidendes Resultat und ward weit aufgewogen

durch die Gefangennahme des Syphax, die dem Scipio sein beispielloser

Gluecksstern zuwarf und durch welche Massinissa das fuer die Roemer

ward, was anfangs Syphax den Karthagern gewesen war. Nach solchen

Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die seit sechzehn

Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt erheben und sich

offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der Patrioten.

Hasdrubal, Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum Tode

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 18 / 51 段