Berichte erhalten haben. Bedenklicher noch als diese materielle Not war
die steigende Abneigung der Bundesgenossen gegen den roemischen Krieg,
der ihnen Gut und Blut frass. Zwar auf die nichtlatinischen Gemeinden
kam es dabei weniger an. Der Krieg selber bewies es, dass sie nichts
vermochten, solange die latinische Nation zu Rom stand; an ihrer
groesseren oder geringeren Widerwilligkeit war nicht viel gelegen. Jetzt
indes fing auch Latium an zu schwanken. Die meisten latinischen Kommunen
in Etrurien, Latium, dem Marsergebiet und dem noerdlichen Kampanien,
also eben in denjenigen latinischen Landschaften, die unmittelbar am
wenigsten von dem Kriege gelitten hatten, erklaerten im Jahre 545 (209)
dem roemischen Senat, dass sie von jetzt an weder Kontingente noch
Steuern mehr schicken und es den Roemern ueberlassen wuerden, den in
ihrem Interesse gefuehrten Krieg selber zu bestreiten. Die Bestuerzung
in Rom war gross; allein fuer den Augenblick gab es kein Mittel, die
Widerspenstigen zu zwingen. Zum Glueck handelten nicht alle latinischen
Gemeinden so. Die gallischen, picenischen und sueditalischen Kolonien,
an ihrer Spitze das maechtige und patriotische Fregellae, erklaerten im
Gegenteil, dass sie um so enger und treulicher an Rom sich anschloessen
- freilich war es diesen allen sehr deutlich dargetan, dass bei dem
gegenwaertigen Kriege ihre Existenz womoeglich noch mehr auf dem Spiele
stand als die der Hauptstadt und dass dieser Krieg wahrlich nicht bloss
fuer Rom, sondern fuer die latinische Hegemonie in Italien, ja fuer
Italiens nationale Unabhaengigkeit gefuehrt ward. Auch jener halbe
Abfall war sicherlich nicht Landesverrat, sondern Kurzsichtigkeit und
Erschoepfung; ohne Zweifel wuerden dieselben Staedte ein Buendnis mit
den Phoenikern mit Abscheu zurueckgewiesen haben. Allein immer war es
eine Spaltung zwischen Roemern und Latinern, und der Rueckschlag auf die
unterworfene Bevoelkerung der Landschaften blieb nicht aus. In Arretium
zeigte sich sogleich eine bedenkliche Gaerung; eine im Interesse
Hannibals unter den Etruskern angestiftete Verschwoerung ward entdeckt
und schien so gefaehrlich, dass man deswegen roemische Truppen
marschieren liess. Militaer und Polizei unterdrueckten diese Bewegung
zwar ohne Muehe; allein sie war ein ernstes Zeichen, was in jenen
Landschaften kommen koenne, seit die latinischen Zwingburgen nicht mehr
schreckten. In diese schwierigen und gespannten Verhaeltnisse schlug
ploetzlich die Nachricht hinein, dass Hasdrubal im Herbst des Jahres
546 (208) die Pyrenaeen ueberschritten habe und man sich darauf gefasst
machen muesse, im naechsten Jahr in Italien den Krieg mit den beiden
Soehnen Hamilkars zu fuehren. Nicht umsonst hatte Hannibal die langen
schweren Jahre hindurch auf seinem Posten ausgeharrt; was die faktioese
Opposition daheim, was der kurzsichtige Philippos ihm versagt hatte, das
fuehrte endlich der Bruder ihm heran, in dem wie in ihm selbst
Hamilkars Geist maechtig war. Schon standen achttausend Ligurer, durch
phoenikisches Gold geworben, bereit, sich mit Hasdrubal zu vereinigen;
wenn er die erste Schlacht gewann, so durfte er hoffen, gleich dem
Bruder die Gallier, vielleicht die Etrusker gegen Rom unter die Waffen
zu bringen. Italien war aber nicht mehr, was es vor elf Jahren gewesen;
der Staat und die einzelnen waren erschoepft, der latinische Bund
gelockert, der beste Feldherr soeben auf dem Schlachtfeld gefallen und
Hannibal nicht bezwungen. In der Tat, Scipio mochte die Gunst seines
Genius preisen, wenn er die Folgen seines unverzeihlichen Fehlers von
ihm und dem Lande abwandte. Wie in den Zeiten der schwersten Gefahr
bot Rom wieder dreiundzwanzig Legionen auf; man rief Freiwillige zu den
Waffen und zog die gesetzlich vom Kriegsdienst Befreiten zur Aushebung
mit heran. Dennoch wurde man ueberrascht. Freunden und Feinden ueber
alle Erwartung frueh stand Hasdrubal diesseits der Alpen (547 207);
die Gallier, der Durchmaersche jetzt gewohnt, oeffneten fuer gutes Geld
willig ihre Paesse und lieferten, was das Heer bedurfte. Wenn man in Rom
beabsichtigt hatte, die Ausgaenge der Alpenpaesse zu besetzen, so kam
man damit wieder zu spaet; schon vernahm man, dass Hasdrubal am Padus
stehe, dass er die Gallier mit gleichem Erfolge wie einst sein Bruder
zu den Waffen rufe, dass Placentia berannt werde. Schleunigst begab der
Konsul Marcus Livius sich zu der Nordarmee; und es war hohe Zeit, dass
er erschien. Etrurien und Umbrien waren in dumpfer Gaerung; Freiwillige
von dort verstaerkten das phoenikische Heer. Sein Kollege Gaius Nero zog
aus Venusia den Praetor Gaius Hostilius Tubulus an sich und eilte mit
einem Heere von 40000 Mann, Hannibal den Weg nach Norden zu verlegen.
Dieser sammelte seine ganze Macht im brettischen Gebiet, und auf der
grossen, von Rhegion nach Apulien fuehrenden Strasse vorrueckend traf er
bei Grumentum auf den Konsul. Es kam zu einem hartnaeckigen Gefecht,
in welchem Nero sich den Sieg zuschrieb; allein Hannibal vermochte
wenigstens, wenn auch mit Verlust, durch einen seiner gewoehnlichen
geschickten Seitenmaersche sich dem Feinde zu entziehen und ungehindert
Apulien zu erreichen. Hier blieb er stehen und lagerte anfangs bei
Venusia, alsdann bei Canusium, Nero, der ihm auf dem Fuss gefolgt war,
dort wie hier ihm gegenueber. Dass Hannibal freiwillig stehenblieb und
nicht von der roemischen Armee am Vorruecken gehindert ward, scheint
nicht zu bezweifeln; der Grund, warum er gerade hier und nicht weiter
noerdlich sich aufstellte, muss gelegen haben in Verabredungen Hannibals
mit Hasdrubal oder in Mutmassungen ueber dessen Marschroute, die
wir nicht kennen. Waehrend also hier die beiden Heere sich untaetig
gegenueberstanden, ward die im Hannibalischen Lager sehnlich erwartete
Depesche Hasdrubals von Neros Posten aufgefangen; sie ergab, dass
Hasdrubal beabsichtigte, die Flaminische Strasse einzuschlagen, also
zunaechst sich an der Kueste zu halten und dann bei Fanum ueber den
Apennin gegen Narnia sich zu wenden, an welchem Orte er Hannibal zu
treffen gedenke. Sofort liess Nero nach Narnia als dem zur Vereinigung
der beiden phoenikischen Heere ausersehenen Punkt die hauptstaedtische
Reserve vorgehen, wogegen die bei Capua stehende Abteilung nach der
Hauptstadt kam und dort eine neue Reserve gebildet ward. Ueberzeugt,
dass Hannibal die Absicht des Bruders nicht kenne und fortfahren werde,
ihn in Apulien zu erwarten, entschloss sich Nero zu dem kuehnen
Wagnis, mit einem kleinen, aber auserlesenen Korps von 7000 Mann in
Gewaltmaerschen nordwaerts zu eilen und womoeglich in Gemeinschaft mit
dem Kollegen den Hasdrubal zur Schlacht zu zwingen; er konnte es, denn
das roemische Heer, das er zurueckliess, blieb immer stark genug, um
Hannibal entweder standzuhalten, wenn er angriff, oder ihn zu geleiten
und mit ihm zugleich an dem Orte der Entscheidung einzutreffen, wenn er
abzog. Nero fand den Kollegen Marcus Livius bei Sena gallica, den Feind
erwartend. Sofort rueckten beide Konsuln aus gegen Hasdrubal, den sie
beschaeftigt fanden, den Metaurus zu ueberschreiten. Hasdrubal wuenschte
die Schlacht zu vermeiden und sich seitwaerts den Roemern zu entziehen;
allein seine Fuehrer liessen ihn im Stich, er verirrte sich auf dem
ihm fremden Terrain und wurde endlich auf dem Marsch von der roemischen
Reiterei angegriffen und so lange festgehalten, bis auch das roemische
Fussvolk eintraf und die Schlacht unvermeidlich ward. Hasdrubal stellte
die Spanier auf den rechten Fluegel, davor seine zehn Elefanten, die
Gallier auf den linken, den er versagte. Lange schwankte das Gefecht
auf dem rechten Fluegel und der Konsul Livius, der hier befehligte,
ward hart gedraengt, bis Nero, seine strategische Operation taktisch
wiederholend, den ihm unbeweglich gegenueberstehenden Feind stehen liess
und, um die eigene Armee herum marschierend, den Spaniern in die Flanke
fiel. Dies entschied. Der schwer erkaempfte und sehr blutige Sieg war
vollstaendig; das Heer, das keinen Rueckzug hatte, ward vernichtet, das
Lager erstuermt, Hasdrubal, da er die vortrefflich geleitete Schlacht
verloren sah, suchte und fand gleich seinem Vater einen ehrlichen
Reitertod. Als Offizier und als Mann war er wert, Hannibals Bruder zu
sein. Am Tage nach der Schlacht brach Nero wieder auf und stand
nach kaum vierzehntaegiger Abwesenheit abermals in Apulien Hannibal
gegenueber, den keine Botschaft erreicht und der sich nicht geruehrt
hatte. Die Botschaft brachte ihm der Konsul mit; es war der Kopf des
Bruders, den der Roemer den feindlichen Posten hinwerfen liess, also
dem grossen Gegner, der den Krieg mit Toten verschmaehte, die ehrenvolle
Bestattung des Paullus, Gracchus und Marcellus vergeltend. Hannibal
erkannte, dass er umsonst gehofft hatte und dass alles vorbei war. Er
gab Apulien und Lucanien, sogar Metapont auf und zog mit seinen Truppen
zurueck in das brettische Land, dessen Haefen sein einziger Rueckzug
waren. Durch die Energie der roemischen Feldherren und mehr noch durch
eine beispiellos glueckliche Fuegung war eine Gefahr von Rom abgewandt,
deren Groesse Hannibals zaehes Ausharren in Italien rechtfertigt und die
mit der Groesse der cannensischen den Vergleich vollkommen aushaelt.
Der Jubel in Rom war grenzenlos; die Geschaefte begannen wieder wie in
Friedenszeit; jeder fuehlte, dass die Gefahr des Krieges verschwunden
sei. Indes ein Ende zu machen beeilte man sich in Rom eben nicht.
Der Staat und die Buerger waren erschoepft durch die uebermaessige
moralische und materielle Anspannung aller Kraefte; gern gab man der
Sorglosigkeit und der Ruhe sich hin. Heer und Flotte wurden vermindert,
die roemischen und latinischen Bauern auf ihre veroedeten Hoefe
zurueckgefuehrt, die Kasse durch den Verkauf eines Teils der
kampanischen Domaene gefuellt. Die Staatsverwaltung wurde neu geregelt
und die eingerissenen Unordnungen abgestellt; man fing an, das
freiwillige Kriegsanlehen zurueckzuzahlen, und zwang die im Rueckstand
gebliebenen latinischen Gemeinden, ihren versaeumten Pflichten mit
schweren Zinsen zu genuegen. Der Krieg in Italien stockte. Es war ein
glaenzender Beweis von Hannibals strategischem Talent sowie freilich
auch von der Unfaehigkeit der jetzt ihm gegenueberstehenden roemischen
Feldherren, dass er von da an noch durch vier Jahre im brettischen Lande
das Feld behaupten und von dem weit ueberlegenen Gegner weder gezwungen
werden konnte, sich in die Festungen einzuschliessen noch sich
einzuschiffen. Freilich musste er immer weiter zurueckweichen, weniger
in Folge der ihm von den Roemern gelieferten, nichts entscheidenden
Gefechte, als weil seine brettischen Bundesgenossen immer schwieriger
wurden und er zuletzt nur auf die Staedte noch zaehlen konnte, die sein
Heer besetzt hielt. So gab er Thurii freiwillig auf; Lokri ward auf
Publius Scipios Veranstaltung von Rhegion aus wieder eingenommen
(549 205). Als sollten seine Entwuerfe noch schliesslich von den
karthagischen Behoerden, die sie ihm verdorben hatten, selbst eine
glaenzende Rechtfertigung erhalten, suchten diese in der Angst vor der
erwarteten Landung der Roemer jene Plaene nun selbst wieder hervor (548,
549 206, 205) und sandten an Hannibal nach Italien, an Mago nach Spanien
Verstaerkung und Subsidien mit dem Befehl, den Krieg in Italien
aufs neue zu entflammen und den zitternden Besitzern der libyschen
Landhaeuser und der karthagischen Buden noch einige Frist zu erfechten.
Ebenso ging eine Gesandtschaft nach Makedonien, um Philippos zur
Erneuerung des Buendnisses und zur Landung in Italien zu bestimmen (549
205). Allein es war zu spaet. Philippos hatte wenige Monate zuvor
mit Rom Frieden geschlossen; die bevorstehende politische Vernichtung
Karthagos war ihm zwar unbequem, aber er tat oeffentlich wenigstens
nichts gegen Rom. Es ging ein kleines makedonisches Korps nach Afrika,
das nach der Behauptung der Roemer Philippos aus seiner Tasche bezahlte;
begreiflich waere es, allein Beweise wenigstens hatten, wie der
spaetere Verlauf der Ereignisse zeigt, die Roemer dafuer nicht. An eine
makedonische Landung in Italien ward nicht gedacht. Ernstlicher griff
Mago, Hamilkars juengster Sohn, seine Aufgabe an. Mit den Truemmern der
spanischen Armee, die er zunaechst nach Minorca gefuehrt hatte, landete
er im Jahre 549 (205) bei Genua, zerstoerte die Stadt und rief die
Ligurer und Gallier zu den Waffen, die das Gold und die Neuheit des
Unternehmens wie immer scharenweise herbeizog; seine Verbindungen gingen
sogar durch ganz Etrurien, wo die politischen Prozesse nicht ruhten.
Allein was er an Truppen mitgebracht, war zu wenig fuer eine ernstliche
Unternehmung gegen das eigentliche Italien, und Hannibal war gleichfalls
viel zu schwach und sein Einfluss in Unteritalien viel zu sehr gesunken,
als dass er mit Erfolg haette vorgehen koennen. Die karthagischen Herren
hatten die Rettung der Heimat nicht gewollt, da sie moeglich war; jetzt,
da sie sie wollten, war sie nicht mehr moeglich. Wohl niemand zweifelte
im roemischen Senat, weder daran, dass der Krieg Karthagos gegen Rom zu
Ende sei, noch daran, dass nun der Krieg Roms gegen Karthago begonnen
werden muesse; allein die afrikanische Expedition, so unvermeidlich
sie war, scheute man sich anzuordnen. Man bedurfte dazu vor allem
eines faehigen und beliebten Fuehrers; und man hatte keinen. Die besten
Generale waren entweder auf dem Schlachtfeld gefallen oder sie waren,
wie Quintus Fabius und Quintus Fulvius, fuer einen solchen ganz neuen
und wahrscheinlich langwierigen Krieg zu alt. Die Sieger von Sena, Gaius
Nero und Marcus Livius, waeren der Aufgabe schon gewachsen gewesen,
allein sie waren beide im hoechsten Grade unpopulaere Aristokraten;
es war zweifelhaft, ob es gelingen wuerde, ihnen das Kommando zu
verschaffen - so weit war man ja schon, dass die Tuechtigkeit allein
nur in den Zeiten der Angst die Wahlen entschied -, und mehr als
zweifelhaft, ob dies die Maenner waren, die dem erschoepften Volke
neue Anstrengungen ansinnen durften. Da kam Publius Scipio aus Spanien
zurueck, und der Liebling der Menge, der seine von ihr empfangene
Aufgabe so glaenzend erfuellt hatte oder doch erfuellt zu haben schien,
ward sogleich fuer das naechste Jahr zum Konsul gewaehlt. Er trat
sein Amt an (549 205) mit dem festen Entschluss, die schon in Spanien
entworfene afrikanische Expedition jetzt zu verwirklichen. Indes im
Senat wollte nicht bloss die Partei der methodischen Kriegfuehrung von
einer afrikanischen Expedition so lange nichts wissen, als Hannibal
noch in Italien stand, sondern es war auch die Majoritaet dem jungen
Feldherrn selbst keineswegs guenstig gesinnt. Seine griechische
Eleganz und moderne Bildung und Gesinnung sagte den strengen und
etwas baeurischen Vaetern der Stadt sehr wenig zu und gegen seine
Kriegfuehrung in Spanien bestanden ebenso ernste Bedenken wie gegen
seine Soldatenzucht. Wie begruendet der Vorwurf war, dass er gegen
seine Korpschefs allzugrosse Nachsicht zeige, bewiesen sehr bald die
Schaendlichkeiten, die Gaius Pleminius in Lokri veruebte, und die
Scipio allerdings durch seine fahrlaessige Beaufsichtigung in der
aergerlichsten Weise mittelbar mit verschuldet hatte. Dass bei den
Verhandlungen im Senat ueber die Anordnung des afrikanischen Feldzugs
und die Bestellung des Feldherrn dafuer der neue Konsul nicht uebel Lust
bezeigte, wo immer Brauch und Verfassung mit seinen Privatabsichten in
Konflikt gerieten, solche Hemmnisse beiseite zu schieben, und dass
er sehr deutlich zu verstehen gab, wie er sich aeussersten Falls der
Regierungsbehoerde gegenueber auf seinen Ruhm und seine Popularitaet bei
dem Volke zu stuetzen gedenke, musste den Senat nicht bloss kraenken,
sondern auch die ernstliche Besorgnis erwecken, ob ein solcher
Oberfeldherr bei dem bevorstehenden Entscheidungskrieg und den
etwaigen Friedensverhandlungen mit Karthago sich an die ihm gewordenen
Instruktionen binden werde; eine Besorgnis, welche die eigenmaechtige
Fuehrung der spanischen Expedition keineswegs zu beschwichtigen geeignet
war. Indes bewies man auf beiden Seiten Einsicht genug, um es nicht zum
Aeussersten kommen zu lassen. Auch der Senat konnte nicht verkennen,
dass die afrikanische Expedition notwendig und es nicht weise war,
dieselbe ins Unbestimmte hinauszuschieben; nicht verkennen, dass Scipio
ein aeusserst faehiger Offizier und insofern zum Fuehrer eines solchen
Krieges wohl geeignet war und dass, wenn einer, er es vermochte, vom
Volke die Verlaengerung seines Oberbefehls so lange als noetig und die
Aufbietung der letzten Kraefte zu erlangen. Die Majoritaet kam zu dem
Entschluss, Scipio den gewuenschten Auftrag nicht zu versagen, nachdem
derselbe zuvor die der hoechsten Regierungsbehoerde schuldige Ruecksicht
wenigstens der Form nach beobachtet und im Voraus sich dem Beschluss des
Senats unterworfen hatte. Scipio sollte dies Jahr nach Sizilien gehen,
um den Bau der Flotte, die Herstellung des Belagerungsmaterials und die
Bildung der Expeditionsarmee zu betreiben, und dann im naechsten Jahr in
Afrika landen. Es ward ihm hierzu die sizilische Armee - noch immer jene
beiden aus den Truemmern des cannensischen Heeres gebildeten Legionen
- zur Disposition gestellt, da zur Deckung der Insel eine schwache
Besatzung und die Flotte vollstaendig ausreichten, und ausserdem ihm
gestattet, in Italien Freiwillige aufzubieten. Es war augenscheinlich,
dass der Senat die Expedition nicht anordnete, sondern vielmehr
geschehen liess; Scipio erhielt nicht die Haelfte der Mittel, die man
einst Regulus zu Gebot gestellt hatte, und ueberdies eben dasjenige
Korps, das seit Jahren vom Senat mit berechneter Zuruecksetzung
behandelt worden war. Die afrikanische Armee war im Sinne der Majoritaet
des Senats ein verlorener Posten von Strafkompanien und Volontaers,
deren Untergang der Staat allenfalls verschmerzen konnte. Ein anderer
Mann als Scipio haette vielleicht erklaert, dass die afrikanische
Expedition entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht unternommen
werden muesse; allein Scipios Zuversicht ging auf die Bedingungen ein,
wie sie immer waren, um nur zu dem heissersehnten Kommando zu gelangen.
Sorgfaeltig vermied er, soweit es anging, das Volk unmittelbar zu
belaestigen, um nicht der Popularitaet der Expedition zu schaden. Die
Kosten derselben, namentlich die betraechtlichen des Flottenbaus, wurden
teils beigeschafft durch eine sogenannte freiwillige Kontribution der
etruskischen Staedte, das heisst durch eine den Arretinern und den
sonstigen phoenikisch gesinnten Gemeinden zur Strafe auferlegte
Kriegssteuer, teils auf die sizilischen Staedte gelegt; in vierzig Tagen
war die Flotte segelfertig. Die Mannschaft verstaerkten Freiwillige,
deren bis siebentausend aus allen Teilen Italiens dem Rufe des geliebten
Offiziers folgten. So ging Scipio im Fruehjahr 550 (204) mit zwei
starken Veteranenlegionen (etwa 30000 Mann), 40 Kriegs- und 400
Transportschiffen nach Afrika unter Segel und landete gluecklich, ohne
den geringsten Widerstand zu finden, am Schoenen Vorgebirge in der
Naehe von Utica. Die Karthager, die seit langem erwarteten, dass auf
die Pluenderungszuege, welche die roemischen Geschwader in den letzten
Jahren haeufig nach der afrikanischen Kueste gemacht hatten, ein
ernstlicher Einfall folgen werde, hatten, um dessen sich zu erwehren,
nicht bloss den italisch-makedonischen Krieg aufs neue in Gang zu
bringen versucht, sondern auch daheim geruestet, um die Roemer
zu empfangen. Es war gelungen, von den beiden rivalisierenden
Berberkoenigen, Massinissa von Cirta (Constantine), dem Herrn der
Massyler, und Syphax von Siga (an der Tafnamuendung, westlich von Oran),
dem Herrn der Massaesyler, den letzteren, den bei weitem maechtigeren
und bisher den Roemern befreundeten, durch Vertrag und Verschwaegerung
eng an Karthago zu knuepfen, indem man den anderen, den alten
Nebenbuhler des Syphax und Bundesgenossen der Karthager, fallen liess.
Massinissa war nach verzweifelter Gegenwehr der vereinigten Macht der
Karthager und des Syphax erlegen und hatte seine Laender dem letzteren
zur Beute lassen muessen; er selbst irrte mit wenigen Reitern in der
Wueste. Ausser dem Zuzug, der von Syphax zu erwarten war, stand
ein karthagisches Heer von 20000 Mann zu Fuss, 6000 Reitern und 140
Elefanten - Hanno war eigens deshalb auf Elefantenjagd ausgeschickt
worden - schlagfertig zum Schutz der Hauptstadt, unter der Fuehrung des
in Spanien erprobten Feldherrn Hasdrubal, Gisgons Sohn; im Hafen lag
eine starke Flotte. Ein makedonisches Korps unter Sopater und eine
Sendung keltiberischer Soeldner wurden demnaechst erwartet. Auf das
Geruecht von Scipios Landung traf Massinissa sofort in dem Lager
des Feldherrn ein, dem er vor nicht langem in Spanien als Feind
gegenuebergestanden hatte; allein der laenderlose Fuerst brachte
zunaechst den Roemern nichts als seine persoenliche Tuechtigkeit, und
die Libyer, obwohl der Aushebungen und Steuern herzlich muede, hatten
doch in aehnlichen Faellen zu bittere Erfahrungen gemacht, um sich
sofort fuer die Roemer zu erklaeren. So begann Scipio den Feldzug.
Solange er nur die schwaechere karthagische Armee gegen sich hatte, war
er im Vorteil und konnte nach einigen gluecklichen Reitergefechten zur
Belagerung von Utica schreiten; allein als Syphax eintraf, angeblich mit
50000 Mann zu Fuss und 10000 Reitern, musste die Belagerung aufgehoben
und auf einem leicht zu verschanzenden Vorgebirg zwischen Utica und
Karthago ein befestigtes Schiffslager geschlagen werden. Hier verging
dem roemischen General der Winter 550/51 (204/03). Aus der ziemlich
unbequemen Lage, in der das Fruehjahr ihn fand, befreite er sich durch
einen gluecklichen Handstreich. Die Afrikaner, eingeschlaefert durch die
von Scipio mehr listig als ehrlich angesponnenen Friedensverhandlungen,
liessen sich in einer und derselben Nacht in ihren beiden Lagern
ueberfallen: die Rohrhuetten der Numidier loderten in Flammen auf, und
als die Karthager eilten zu helfen, traf ihr eigenes Lager dasselbe
Schicksal; wehrlos wurden die Fluechtenden von den roemischen
Abteilungen niedergemacht. Dieser naechtliche Ueberfall war
verderblicher als manche Schlacht. Indes die Karthager liessen den Mut
nicht sinken und verwarfen sogar den Rat der Furchtsamen, oder vielmehr
der Verstaendigen, Mago und Hannibal zurueckzurufen. Eben jetzt waren
die erwarteten keltiberischen und makedonischen Hilfstruppen angelangt;
man beschloss, auf den "grossen Feldern", fuenf Tagemaersche von Utica,
noch einmal die offene Feldschlacht zu versuchen. Scipio eilte,
sie anzunehmen; mit leichter Muehe zerstreuten seine Veteranen und
Freiwilligen die zusammengerafften karthagischen und numidischen
Schwaerme und auch die Keltiberer, die bei Scipio auf Gnade nicht
rechnen durften, wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr zusammengehauen.
Die Afrikaner konnten nach dieser doppelten Niederlage nirgend mehr
das Feld halten. Ein Angriff auf das roemische Schiffslager, den die
karthagische Flotte versuchte, lieferte zwar kein unguenstiges, aber
doch auch kein entscheidendes Resultat und ward weit aufgewogen
durch die Gefangennahme des Syphax, die dem Scipio sein beispielloser
Gluecksstern zuwarf und durch welche Massinissa das fuer die Roemer
ward, was anfangs Syphax den Karthagern gewesen war. Nach solchen
Niederlagen konnte die karthagische Friedenspartei, die seit sechzehn
Jahren hatte schweigen muessen, wiederum ihr Haupt erheben und sich
offen auflehnen gegen das Regiment der Barkas und der Patrioten.
Hasdrubal, Gisgons Sohn, ward abwesend von der Regierung zum Tode