Festungen Luceria und Benevent, Tiberius Gracchus mit vier Legionen. Im
brettischen Lande, dessen Einwohner sich Hannibal gaenzlich in die Arme
geworfen hatten und wo auch die Haefen, mit Ausnahme von Rhegion, das
die Roemer von Messana aus schuetzten, von den Phoenikern besetzt worden
waren, stand ein zweites karthagisches Heer unter Hanno, ohne zunaechst
einen Feind sich gegenueber zu sehen. Die roemische Hauptarmee von vier
Legionen unter den beiden Konsuln Quintus Fabius und Marcus Marcellus
war im Begriff, die Wiedergewinnung Capuas zu versuchen. Dazu kam
roemischerseits die Reserve von zwei Legionen in der Hauptstadt, die in
alle Seehaefen gelegte Besatzung, welche in Tarent und Brundisium
wegen der dort befuerchteten makedonischen Landung durch eine Legion
verstaerkt worden war, endlich die starke, das Meer ohne Widerstreit
beherrschende Flotte. Rechnet man dazu die roemischen Heere in Sizilien,
Sardinien und Spanien, so laesst sich die Gesamtzahl der roemischen
Streitkraefte, auch abgesehen von dem Besatzungsdienst, den in den
unteritalischen Festungen die dort angesiedelte Buergerschaft zu
versehen hatte, nicht unter 200000 Mann anschlagen, darunter ein Drittel
fuer dies Jahr neu einberufene Leute und etwa die Haelfte roemische
Buerger. Man darf annehmen, dass die gesamte dienstfaehige Mannschaft
vom 17. bis zum 46. Jahre unter den Waffen stand und die Felder, wo
der Krieg sie zu bearbeiten erlaubte, von den Sklaven, den Alten, den
Kindern und Weibern bestellt wurden. Dass unter solchen Verhaeltnissen
auch die Finanzen in der peinlichsten Verlegenheit waren, ist
begreiflich; die Grundsteuer, auf die man hauptsaechlich angewiesen war,
ging natuerlich nur sehr unregelmaessig ein. Aber trotz dieser Not um
Mannschaft und Geld vermochten die Roemer dennoch, das rasch
Verlorene zwar langsam und mit Anspannung aller Kraefte, aber doch
zurueckzuerobern; ihre Heere jaehrlich zu vermehren, waehrend
die phoenikischen zusammenschwanden; gegen Hannibals italische
Bundesgenossen, die Kampaner, Apuler, Samniten, Brettier, die weder wie
die roemischen Festungen in Unteritalien sich selber genuegten noch von
Hannibals schwachem Heer hinreichend gedeckt werden konnten, jaehrlich
Boden zu gewinnen; endlich mittels der von Marcus Marcellus
begruendeten Kriegsweise das Talent der Offiziere zu entwickeln und die
Ueberlegenheit des roemischen Fussvolks in vollem Umfange ins Spiel zu
bringen. Hannibal durfte wohl noch auf Siege hoffen, aber nicht mehr
auf Siege wie am Trasimenischen See und am Aufidus; die Zeiten
der Buergergenerale waren vorbei. Es blieb ihm nichts uebrig, als
abzuwarten, bis entweder Philippos die laengst versprochene Landung
ausfuehren oder die Brueder aus Spanien ihm die Hand reichen wuerden,
und mittlerweile sich, seine Armee und seine Klientel soweit moeglich
unversehrt und bei guter Laune zu erhalten. Man erkennt in der zaehen
Defensive, die jetzt beginnt, mit Muehe den Feldherrn wieder, der wie
kaum ein anderer stuermisch und verwegen die Offensive gefuehrt hat; es
ist psychologisch wie militaerisch bewundernswert, dass derselbe
Mann die beiden ihm gestellten Aufgaben ganz entgegengesetzter Art
in gleicher Vollkommenheit geloest hat. Zunaechst zog der Krieg sich
vornehmlich nach Kampanien. Hannibal erschien rechtzeitig zum Schutz der
Hauptstadt, deren Einschliessung er hinderte; allein weder vermochte
er irgendeine der kampanischen Staedte, die die Roemer besassen, den
starken roemischen Besatzungen zu entreissen, noch konnte er wehren,
dass ausser einer Menge minder wichtiger Landstaedte auch Casilinum,
das ihm den Uebergang ueber den Volturnus sicherte, von den beiden
Konsularheeren nach hartnaeckiger Gegenwehr genommen ward. Ein Versuch
Hannibals Tarent zu gewinnen, wobei es namentlich auf einen sicheren
Landungsplatz fuer die makedonische Armee abgesehen war, schlug
ihm fehl. Das brettische Heer der Karthager unter Hanno schlug sich
inzwischen in Lucanien mit der roemischen Armee von Apulien herum;
Tiberius Gracchus bestand hier mit Erfolg den Kampf und gab nach einem
gluecklichen Gefecht unweit Benevent, bei dem die zum Dienst gepressten
Sklavenlegionen sich ausgezeichnet hatten, den Sklavensoldaten im Namen
des Volks die Freiheit und das Buergerrecht. Im folgenden Jahr (541
213) gewannen die Roemer das reiche und wichtige Arpi zurueck, dessen
Buergerschaft, nachdem die roemischen Soldaten sich in die Stadt
eingeschlichen hatten, mit ihnen gegen die karthagische Besatzung
gemeinschaftliche Sache machte. Ueberhaupt lockerten sich die Bande
der Hannibalischen Symmachie; eine Anzahl der vornehmsten Capuaner und
mehrere brettische Staedte gingen ueber zu Rom; sogar eine spanische
Abteilung des phoenikischen Heeres trat, durch spanische Emissaere
von dem Gang der Ereignisse in der Heimat in Kenntnis gesetzt, aus
karthagischen in roemische Dienste. Unguenstiger war fuer die Roemer
das Jahr 542 (212) durch neue politische und militaerische Fehler, die
Hannibal auszubeuten nicht unterliess. Die Verbindungen, welche
Hannibal in den grossgriechischen Staedten unterhielt, hatten zu
keinem ernstlichen Resultat gefuehrt; nur die in Rom befindlichen
tarentinischen und thurinischen Geiseln liessen sich durch seine
Emissaere zu einem tollen Fluchtversuch bestimmen, wobei sie schleunig
von den roemischen Posten wieder aufgegriffen wurden. Allein die
unverstaendige Rachsucht der Roemer foerderte Hannibal mehr als seine
Intrigen; die Hinrichtung der saemtlichen entwichenen Geiseln beraubte
sie eines kostbaren Unterpfandes, und die erbitterten Griechen sannen
seitdem, wie sie Hannibal die Tore oeffnen moechten. Wirklich ward
Tarent durch Einverstaendnis mit der Buergerschaft und durch die
Nachlaessigkeit des roemischen Kommandanten von den Karthagern besetzt;
kaum dass die roemische Besatzung sich in der Burg behauptete. Dem
Beispiel Tarents folgten Herakleia, Thurii und Metapont, aus welcher
Stadt zur Rettung der Tarentiner Akropolis die Besatzung hatte
weggezogen werden muessen. Damit war die Gefahr einer makedonischen
Landung so nahe gerueckt, dass Rom sich genoetigt sah, dem fast
gaenzlich vernachlaessigten griechischen Krieg neue Aufmerksamkeit und
neue Anstrengungen zuzuwenden, wozu gluecklicherweise die Einnahme von
Syrakus und der guenstige Stand des spanischen Krieges die Moeglichkeit
gewaehrte. Auf dem Hauptkriegsschauplatz, in Kampanien, ward mit sehr
abwechselndem Erfolge gefochten. Die in der Naehe von Capua postierten
Legionen hatten zwar die Stadt noch nicht eigentlich eingeschlossen,
aber doch die Bestellung des Ackers und die Einbringung der Ernte so
sehr gehindert, dass die volkreiche Stadt auswaertiger Zufuhr dringend
bedurfte. Hannibal brachte also einen betraechtlichen Getreidetransport
zusammen und wies die Kampaner an, ihn bei Benevent in Empfang zu
nehmen; allein deren Saumseligkeit gab den Konsuln Quintus Flaccus
und Appius Claudius Zeit herbeizukommen, dem Hanno, der den Transport
deckte, eine schwere Niederlage beizubringen und sich seines Lagers
und der gesamten Vorraete zu bemaechtigen. Die beiden Konsuln schlossen
darauf die Stadt ein, waehrend Tiberius Gracchus sich auf der Appischen
Strasse aufstellte, um Hannibal den Weg zum Entsatz zu verlegen. Aber
der tapfere Mann fiel durch die schaendliche List eines treulosen
Lucaners, und sein Tod kam einer voelligen Niederlage gleich, da sein
Heer, groesstenteils bestehend aus jenen von ihm freigesprochenen
Sklaven, nach dem Tode des geliebten Fuehrers auseinanderlief. So
fand Hannibal die Strasse nach Capua offen und noetigte durch sein
unvermutetes Erscheinen die beiden Konsuln, die kaum begonnene
Einschliessung wieder aufzuheben, nachdem noch vor Hannibals Eintreffen
ihre Reiterei von der phoenikischen, die unter Hanno und Bostar als
Besatzung in Capua lag, und der ebenso vorzueglichen kampanischen
nachdruecklich geschlagen worden war. Die totale Vernichtung der von
Marcus Centenius, einem vom Unteroffizier zum Feldherrn unvorsichtig
befoerderten Mann, angefuehrten regulaeren Truppen und Freischaren
in Lucanien, und die nicht viel weniger vollstaendige Niederlage des
nachlaessigen und uebermuetigen Praetors Gnaeus Fulvius Flaccus in
Apulien beschlossen die lange Reihe der Unfaelle dieses Jahres. Aber
das zaehe Ausharren der Roemer machte wenigstens an dem entscheidenden
Punkte den raschen Erfolg Hannibals doch wieder zunichte. Sowie Hannibal
Capua den Ruecken wandte, um sich nach Apulien zu begeben, zogen die
roemischen Heere sich abermals um Capua zusammen, bei Puteoli und
Volturnum unter Appius Claudius, bei Casilinum unter Quintus Fulvius,
auf der Nolanischen Strasse unter dem Praetor Gaius Claudius Nero;
die drei wohlverschanzten und durch befestigte Linien miteinander
verbundenen Lager sperrten jeden Zugang, und die grosse, ungenuegend
verproviantierte Stadt musste durch blosse Umstellung in nicht
entfernter Zeit sich zur Kapitulation gezwungen sehen, wenn kein
Entsatz kam. Wie der Winter 542/43 (212/11) zu Ende ging, waren auch die
Vorraete fast erschoepft, und dringende Boten, die kaum imstande waren,
durch die wohlbewachten roemischen Linien sich durchzuschleichen,
begehrten schleunige Hilfe von Hannibal, der, mit der Belagerung der
Burg beschaeftigt, in Tarent stand. In Eilmaerschen brach er mit 33
Elefanten und seinen besten Truppen von Tarent nach Kampanien auf, hob
den roemischen Posten in Calatia auf und nahm sein Lager am Berge Tifata
unmittelbar bei Capua, in der sicheren Erwartung, dass die roemischen
Feldherren eben wie im vorigen Jahre daraufhin die Belagerung aufheben
wuerden. Allein die Roemer, die Zeit gehabt hatten, ihre Lager und
ihre Linien festungsartig zu verschanzen, ruehrten sich nicht und
sahen unbeweglich von den Waellen aus zu, wie auf der einen Seite die
kampanischen Reiter, auf der anderen die numidischen Schwaerme an ihre
Linien anprallten. An einen ernstlichen Sturm durfte Hannibal nicht
denken; er konnte voraussehen, dass sein Anruecken bald die anderen
roemischen Heere nach Kampanien nachziehen wuerde, wenn nicht schon
frueher der Mangel an Futter in dem systematisch ausfouragierten Lande
ihn aus Kampanien vertrieb. Dagegen liess sich nichts machen. Hannibal
versuchte noch einen Ausweg, den letzten, der seinem erfinderischen
Geist sich darbot, um die wichtige Stadt zu retten. Er brach mit dem
Entsatzheer, nachdem er den Kampanern von seinem Vorhaben Nachricht
gegeben und sie zum Ausharren ermahnt hatte, von Capua auf und schlug
die Strasse nach Rom ein. Mit derselben gewandten Kuehnheit wie in
seinen ersten italischen Feldzuegen warf er sich mit einem schwachen
Heer zwischen die feindlichen Armeen und Festungen und fuehrte seine
Truppen durch Samnium und auf der Valerischen Strasse an Tibur vorbei
bis zur Aniobruecke, die er passierte und auf dem anderen Ufer ein Lager
nahm, eine deutsche Meile von der Stadt. Den Schreck empfanden noch die
Enkel der Enkel, wenn ihnen erzaehlt ward von "Hannibal vor dem Tor";
eine ernstliche Gefahr war nicht vorhanden. Die Landhaeuser und Aecker
in der Naehe der Stadt wurden von den Feinden verheert; die beiden
Legionen in der Stadt, die gegen sie ausrueckten, verhinderten die
Berennung der Mauern. Durch einen Handstreich, wie ihn Scipio bald
nachher gegen Neukarthago ausfuehrte, Rom zu ueberrumpeln, hatte
Hannibal uebrigens nie gemeint und noch weniger an eine ernstliche
Belagerung gedacht; seine Hoffnung war einzig darauf gestellt, dass
im ersten Schreck ein Teil des Belagerungsheeres von Capua nach Rom
marschieren und ihm also Gelegenheit geben werde, die Blockade zu
sprengen. Darum brach er nach kurzem Verweilen wieder auf. Die Roemer
sahen in seiner Umkehr ein Wunder der goettlichen Gnade, die durch
Zeichen und Gesichte den argen Mann zum Abzug bestimmt habe, wozu ihn
die roemischen Legionen freilich zu noetigen nicht vermochten; an
der Stelle, wo Hannibal der Stadt am naechsten gekommen war, von dem
Capenischen Tor an dem zweiten Miglienstein der Appischen Strasse,
errichteten die dankbaren Glaeubigen dem Gott "Rueckwender Beschuetzer"
(Rediculus Tutanus) einen Altar. In der Tat zog Hannibal ab, weil es so
in seinem Plane lag, und schlug die Richtung nach Capua ein. Allein
die roemischen Feldherren hatten den Fehler nicht begangen, auf den ihr
Gegner gerechnet hatte; unbeweglich standen die Legionen in den Linien
um Capua und nur ein schwaches Korps war auf die Kunde von Hannibals
Marsch nach Rom detachiert worden. Wie Hannibal dies erfuhr, wandte er
sich ploetzlich um gegen den Konsul Publius Galba, der ihm von Rom
her unbesonnen gefolgt war, und mit dem er bisher vermieden hatte zu
schlagen, ueberwand ihn und erstuermte sein Lager; aber es war das ein
geringer Ersatz fuer Capuas jetzt unvermeidlichen Fall. Lange schon
hatte die Buergerschaft daselbst, namentlich die besseren Klassen
derselben, mit bangen Ahnungen der Zukunft entgegengesehen; den Fuehrern
der Rom feindlichen Volkspartei blieb das Rathaus und die staedtische
Verwaltung fast ausschliesslich ueberlassen. Jetzt ergriff die
Verzweiflung Vornehme und Geringe, Kampaner und Phoeniker ohne
Unterschied. Achtundzwanzig vom Rat waehlten den freiwilligen Tod;
die uebrigen uebergaben die Stadt dem Gutfinden eines unversoehnlich
erbitterten Feindes. Dass Blutgerichte folgen mussten, verstand sich von
selbst; man stritt nur ueber langen oder kurzen Prozess: ob es klueger
und zweckmaessiger sei, die weiteren Verzweigungen des Hochverrats auch
ausserhalb Capuas gruendlich zu ermitteln oder durch rasche Exekution
der Sache ein Ende zu machen. Ersteres wollten Appius Claudius und
der roemische Senat; die letztere Meinung, vielleicht die weniger
unmenschliche, siegte ob. Dreiundfuenfzig capuanische Offiziere und
Beamte wurden auf den Marktplaetzen von Cales und Teanum auf Befehl
und vor den Augen des Prokonsuls Quintus Flaccus ausgepeitscht und
enthauptet, der Rest des Rates eingekerkert, ein zahlreicher Teil
der Buergerschaft in die Sklaverei verkauft, das Vermoegen der
Wohlhabenderen konfisziert. Aehnliche Gerichte ergingen ueber Atella und
Calatia. Diese Strafen waren hart; allein mit Ruecksicht auf das, was
Capuas Abfall fuer Rom bedeutet, und auf das, was der Kriegsgebrauch
jener Zeit wenn nicht recht, doch ueblich gemacht hatte, sind sie
begreiflich. Und hatte nicht durch den Mord der saemtlichen in Capua
zur Zeit des Abfalls anwesenden roemischen Buerger unmittelbar nach dem
uebertritt die Buergerschaft sich selber ihr Urteil gesprochen? Arg aber
war es, dass Rom diese Gelegenheit benutzte, um die stille Rivalitaet,
die lange zwischen den beiden groessten Staedten Italiens bestanden
hatte, zu befriedigen und durch die Aufhebung der kampanischen
Stadtverfassung die gehasste und beneidete Nebenbuhlerin vollstaendig
politisch zu vernichten. Ungeheuer war der Eindruck von Capuas Fall, und
nur um so mehr, weil er nicht durch Ueberraschung, sondern durch eine
zweijaehrige, allen Anstrengungen Hannibals zum Trotze durchgefuehrte
Belagerung herbeigefuehrt worden war. Er war ebenso sehr das Signal der
den Roemern wiedergewonnenen Oberhand in Italien, wie sechs Jahre zuvor
der Uebertritt Capuas zu Hannibal das Signal der verlorenen gewesen war.
Vergeblich hatte Hannibal versucht, dem Eindruck dieser Nachricht auf
die Bundesgenossen entgegenzuarbeiten durch die Einnahme von Rhegion
oder der tarentinischen Burg. Sein Gewaltmarsch, um Rhegion zu
ueberraschen, hatte nichts gefruchtet und in der Burg von Tarent war
der Mangel zwar gross, seit das tarentinisch-karthagische Geschwader den
Hafen sperrte, aber da die Roemer mit ihrer weit staerkeren Flotte jenem
Geschwader selbst die Zufuhr abzuschneiden vermochten, und das Gebiet,
das Hannibal beherrschte, kaum genuegte, sein Heer zu ernaehren,
so litten die Belagerer auf der Seeseite nicht viel weniger als die
Belagerten in der Burg und verliessen endlich den Hafen. Es gelang
nichts mehr; das Glueck selbst schien von dem Karthager gewichen.
Diese Folgen von Capuas Fall, die tiefe Erschuetterung des Ansehens
und Vertrauens, das Hannibal bisher bei den italischen Verbuendeten
genossen, und die Versuche jeder nicht allzusehr kompromittierten
Gemeinde, auf leidliche Bedingungen in die roemische Symmachie wieder
zurueckzutreten, waren noch weit empfindlicher fuer Hannibal als der
unmittelbare Verlust. Er hatte die Wahl, in die schwankenden Staedte
entweder Besatzung zu werfen, wodurch er sein schon zu schwaches Heer
noch mehr schwaechte und seine zuverlaessigen Truppen der Aufreibung in
kleinen Abteilungen und dem Verrat preisgab - so wurden ihm im Jahre 544
(210) bei dem Abfall der Stadt Salapia 500 auserlesene numidische Reiter
niedergemacht; oder die unsicheren Staedte zu schleifen und anzuzuenden,
um sie dem Feind zu entziehen, was denn auch die Stimmung unter seiner
italischen Klientel nicht heben konnte. Mit Capuas Fall fuehlten die
Roemer des endlichen Ausganges des Krieges in Italien sich wiederum
sicher; sie entsandten betraechtliche Verstaerkungen nach Spanien, wo
durch den Fall der beiden Scipionen die Existenz der roemischen Armee
gefaehrdet war, und gestatteten zum erstenmal seit dem Beginn des
Krieges sich eine Verminderung der Gesamtzahl der Truppen, die bisher
trotz der jaehrlich steigenden Schwierigkeit der Aushebung jaehrlich
vermehrt worden und zuletzt bis auf 23 Legionen gestiegen war. Darum
ward denn auch im naechsten Jahr (544 210 ) der italische Krieg
laessiger als bisher von den Roemern gefuehrt, obwohl Marcus Marcellus
nach Beendigung des sizilischen Krieges wieder den Oberbefehl der
Hauptarmee uebernommen hatte; er betrieb in den inneren Landschaften den
Festungskrieg und lieferte den Karthagern unentschiedene Gefechte.
Auch der Kampf um die tarentinische Akropole blieb ohne entscheidendes
Resultat. In Apulien gelang Hannibal die Besiegung des Prokonsuls Gnaeus
Fulvius Centumalus bei Herdoneae. Das Jahr darauf (545 209) schritten
die Roemer dazu, der zweiten Grossstadt, die zu Hannibal uebergetreten
war, der Stadt Tarent sich wieder zu bemaechtigen. Waehrend Marcus
Marcellus den Kampf gegen Hannibal selbst mit gewohnter Zaehigkeit
und Energie fortsetzte - in einer zweitaegigen Schlacht erfocht er, am
ersten Tage geschlagen, am zweiten einen schweren und blutigen Sieg;
waehrend der Konsul Quintus Fulvius die schon schwankenden Lucaner und
Hirpiner zum Wechsel der Partei und zur Auslieferung der phoenikischen
Besatzungen bestimmte; waehrend gut geleitete Razzias von Rhegion aus
Hannibal noetigten, den bedraengten Brettiern zu Hilfe zu eilen,
setzte der alte Quintus Fabius, der noch einmal - zum fuenftenmal - das
Konsulat und damit den Auftrag, Tarent wieder zu erobern, angenommen
hatte, sich fest in dem nahen messapischen Gebiet, und der Verrat einer
brettischen Abteilung der Besatzung ueberlieferte ihm die Stadt, in
der von den erbitterten Siegern fuerchterlich gehaust ward. Was von der
Besatzung oder von der Buergerschaft ihnen vorkam, wurde niedergemacht
und die Haeuser gepluendert. Es sollen 30000 Tarentiner als Sklaven
verkauft, 3000 Talente (5 Mill. Taler) in den Staatsschatz geflossen
sein. Es war die letzte Waffentat des achtzigjaehrigen Feldherrn;
Hannibal kam zum Entsatz, als alles vorbei war, und zog sich zurueck
nach Metapont. Nachdem also Hannibal seine wichtigsten Eroberungen
eingebuesst hatte und allmaehlich sich auf die suedwestliche Spitze
der Halbinsel beschraenkt sah, hoffte Marcus Marcellus, der fuer das
naechste Jahr (546 208) zum Konsul gewaehlt worden war, in Verbindung
mit seinem tuechtigen Kollegen Titus Quinctius Crispinus dem Krieg durch
einen entscheidenden Angriff ein Ende zu machen. Den alten Soldaten
fochten seine sechzig Jahre nicht an; wachend und traeumend verfolgte
ihn der eine Gedanke, Hannibal zu schlagen und Italien zu befreien.
Allein das Schicksal sparte diesen Kranz fuer ein juengeres Haupt. Bei
einer unbedeutenden Rekognoszierung wurden beide Konsuln in der Gegend
von Venusia von einer Abteilung afrikanischer Reiter ueberfallen.
Marcellus focht den ungleichen Kampf, wie er vor vierzig Jahren gegen
Hamilkar, vor vierzehn bei Clastidium gefochten hatte, bis er sterbend
vom Pferde sank; Crispinus entkam, starb aber an den im Gefecht
empfangenen Wunden (546 208). Man stand jetzt im elften Kriegsjahr.
Die Gefahr schien geschwunden, die einige Jahre zuvor die Existenz des
Staates bedroht hatte; aber nur um so mehr fuehlte man den schweren
und jaehrlich schwerer werdenden Druck des endlosen Krieges. Die
Staatsfinanzen litten unsaeglich. Man hatte nach der Schlacht von
Cannae (538 216) eine eigene Bankkommission (tres viri mensarii) aus den
angesehensten Maennern niedergesetzt, um fuer die oeffentlichen Finanzen
in diesen schweren Zeiten eine dauernde und umsichtige Oberbehoerde zu
haben; sie mag getan haben, was moeglich war, aber die Verhaeltnisse
waren von der Art, dass alle Finanzweisheit daran zuschanden ward.
Gleich zu Anfang des Krieges hatte man die Silber- und die Kupfermuenze
verringert, den Legalkurs des Silberstueckes um mehr als ein Drittel
erhoeht und eine Goldmuenze weit ueber den Metallwert ausgegeben. Sehr
bald reichte dies nicht aus; man musste von den Lieferanten auf Kredit
nehmen und sah ihnen durch die Finger, weil man sie brauchte, bis der
arge Unterschleif zuletzt die Aedilen veranlasste, durch Anklage vor dem
Volk an einigen der schlimmsten ein Exempel zu statuieren. Man nahm den
Patriotismus der Vermoegenden, die freilich verhaeltnismaessig eben am
meisten litten, oft in Anspruch und nicht umsonst. Die Soldaten aus den
besseren Klassen und die Unteroffiziere und Reiter insgesamt schlugen,
freiwillig oder durch den Geist der Korps gezwungen, die Annahme des
Soldes aus. Die Eigentuemer der von der Gemeinde bewaffneten und
nach dem Treffen bei Benevent freigesprochenen Sklaven erwiderten der
Bankkommission, die ihnen Zahlung anbot, dass sie dieselbe bis zum Ende
des Krieges anstehen lassen wollten (540 214). Als fuer die Ausrichtung
der Volksfeste und die Instandhaltung der oeffentlichen Gebaeude kein
Geld mehr in der Staatskasse war, erklaerten die Gesellschaften, die
diese Geschaefte bisher in Akkord gehabt hatten, sich bereit, dieselben
vorlaeufig unentgeltlich fortzufuehren (540 214). Es ward sogar, ganz
wie im Ersten Punischen Kriege, mittels einer freiwilligen Anleihe
bei den Reichen eine Flotte ausgeruestet und bemannt (544 210). Man
verbrauchte die Muendelgelder, ja man griff endlich im Jahre der
Eroberung von Tarent den letzten, lange gesparten Notpfennig (1144000
Taler) an. Dennoch genuegte der Staat seinen notwendigsten Zahlungen
nicht; die Entrichtung des Soldes stockte namentlich in den entfernteren
Landschaften in besorglicher Weise. Aber die Bedraengnis des Staats war
nicht der schlimmste Teil des materiellen Notstandes. ueberall lagen
die Felder brach; selbst wo der Krieg nicht hauste, fehlte es an Haenden
fuer die Hacke und die Sichel. Der Preis des Medimnos (1 preussischer
Scheffel) war gestiegen bis auf 15 Denare (3 1/3 Taler), mindestens das
Dreifache des hauptstaedtischen Mittelpreises, und viele waeren geradezu
Hungers gestorben, wenn nicht aus Aegypten Zufuhr gekommen waere und
nicht vor allem der in Sizilien wieder aufbluehende Feldbau der
aergsten Not gesteuert haette. Wie aber solche Zustaende die kleinen
Bauernwirtschaften zerstoeren, den sauer zurueckgelegten Sparschatz
verzehren, die bluehenden Doerfer in Bettler- und Raeubernester