Zug dorthin ward das Jahr darauf (540 214) mit noch groesserem Erfolg
wiederholt; die Roemer trugen ihre Waffen fast bis zu den Saeulen
des Herakles, breiteten ihre Klientel im suedlichen Spanien aus und
sicherten endlich durch die Wiedergewinnung und Wiederherstellung von
Sagunt sich eine wichtige Station auf der Linie vom Ebro nach Cartagena,
indem sie zugleich eine alte Schuld der Nation soweit moeglich
bezahlten. Waehrend die Scipionen so die Karthager aus Spanien fast
verdraengten, wussten sie ihnen im westlichen Afrika selbst einen
gefaehrlichen Feind zu erwecken an dem maechtigen westafrikanischen
Fuersten Syphax in den heutigen Provinzen Oran und Algier, welcher mit
den Roemern in Verbindung trat (um 541 213). Waere es moeglich gewesen,
ein roemisches Heer ihm zuzufuehren, so haette man auf grosse Erfolge
hoffen duerfen; allein in Italien konnte man eben damals keinen Mann
entbehren und das spanische Heer war zu schwach, um sich zu teilen.
Indes schon Syphax' eigene Truppen, geschult und gefuehrt von roemischen
Offizieren, erregten unter den libyschen Untertanen Karthagos so
ernstliche Gaerung, dass der stellvertretende Oberkommandant von Spanien
und Afrika, Hasdrubal Barkas, selbst mit dem Kern der spanischen Truppen
nach Afrika ging. Vermutlich durch ihn trat dort eine Wendung ein; der
Koenig Gala in der heutigen Provinz Constantine, seit langem der
Rival des Syphax, erklaerte sich fuer Karthago, und sein tapferer Sohn
Massinissa schlug den Syphax und noetigte ihn zum Frieden. Ueberliefert
ist uebrigens von diesem libyschen Krieg wenig mehr als die Erzaehlung
der grausamen Rache, die Karthago, wie es pflegte, nach Massinissas
Siege an den Aufstaendischen nahm. Diese Wendung der Dinge in Afrika
ward auch folgenreich fuer den spanischen Krieg. Hasdrubal konnte
abermals nach Spanien sich wenden (543 211), wohin bald betraechtliche
Verstaerkungen und Massinissa selbst ihm folgten. Die Scipionen, die
waehrend der Abwesenheit des feindlichen Oberfeldherrn (541 542 213
212) im karthagischen Gebiet Beute und Propaganda zu machen fortgefahren
hatten, sahen sich unerwartet von so ueberlegenen Streitkraeften
angegriffen, dass sie entweder hinter den Ebro zurueckweichen oder die
Spanier aufbieten mussten. Sie waehlten das letztere und nahmen 20000
Keltiberer in Sold, worauf sie dann, um den drei feindlichen Armeen
unter Hasdrubal Barkas, Hasdrubal Gisgons Sohn, und Mago besser zu
begegnen, ihr Heer teilten und nicht einmal ihre roemischen Truppen
zusammenhielten. Damit bereiteten sie sich den Untergang. Waehrend
Gnaeus mit seinem Korps, einem Drittel der roemischen und den
saemtlichen spanischen Truppen, Hasdrubal Barkas gegenueber lagerte,
bestimmte dieser ohne Muehe durch eine Summe Geldes die Spanier im
roemischen Heere zum Abzuge, was ihnen nach ihrer Landsknechtmoral
vielleicht nicht einmal als Treubruch erschien, da sie ja nicht zu den
Feinden ihres Soldherrn ueberliefen. Dem roemischen Feldherrn blieb
nichts uebrig, als in moeglichster Eile seinen Rueckzug zu beginnen,
wobei der Feind ihm auf dem Fusse folgte. Mittlerweile sah sich
das zweite roemische Korps unter Publius von den beiden anderen
phoenikischen Armeen unter Hasdrubal Gisgons Sohn und Mago lebhaft
angegriffen, und Massinissas kecke Reiterscharen setzten die
Karthager in entschiedenen Vorteil. Schon war das roemische Lager fast
eingeschlossen; wenn noch die bereits im Anzuge begriffenen spanischen
Hilfstruppen eintrafen, waren die Roemer vollstaendig umzingelt. Der
kuehne Entschluss des Prokonsuls, mit seinen besten Truppen den Spaniern
entgegenzugehen, bevor deren Erscheinen die Luecke in der Blockade
fuellte, endigte nicht gluecklich. Die Roemer waren wohl anfangs im
Vorteil; allein die numidischen Reiter, die den Ausfallenden rasch
waren nachgesandt worden, erreichten sie bald und hemmten sowohl die
Verfolgung des halb schon erfochtenen Sieges, als auch den Rueckmarsch,
bis dass die phoenikische Infanterie herankam und endlich der Fall des
Feldherrn die verlorene Schlacht in eine Niederlage verwandelte. Nachdem
Publius also erlegen war, fand Gnaeus, der langsam zurueckweichend sich
des einen karthagischen Heeres muehsam erwehrt hatte, ploetzlich von
dreien zugleich sich angefallen und durch die numidische Reiterei jeden
Rueckzug sich abgeschnitten. Auf einen nackten Huegel gedraengt, der
nicht einmal die Moeglichkeit bot, ein Lager zu schlagen, wurde das
ganze Korps niedergehauen oder kriegsgefangen; von dem Feldherrn selbst
ward nie wieder sichere Kunde vernommen. Eine kleine Abteilung allein
rettete ein trefflicher Offizier aus Gnaeus' Schule, Gaius Marcius,
hinueber auf das andere Ufer des Ebro und ebendahin gelang es dem
Legaten Titus Fonteius, den von dem Korps des Publius im Lager
gebliebenen Teil in Sicherheit zu bringen; sogar die meisten im
suedlichen Spanien zerstreuten roemischen Besatzungen vermochten sich
dorthin zu fluechten. Bis zum Ebro herrschten die Phoeniker in ganz
Spanien ungestoert und der Augenblick schien nicht fern, wo der Fluss
ueberschritten, die Pyrenaeen frei und die Verbindung mit Italien
hergestellt sein wuerde. Da fuehrte die Not im roemischen Lager den
rechten Mann an die Spitze. Die Wahl der Soldaten berief mit Umgehung
aelterer, nicht untuechtiger Offiziere zum Fuehrer des Heeres jenen
Gaius Marcius, und seine gewandte Leitung und vielleicht ebenso sehr der
Neid und Hader unter den drei karthagischen Feldherren entrissen diesen
die weiteren Fruechte des wichtigen Sieges. Was von den Karthagern den
Fluss ueberschritten, wurde zurueckgeworfen und zunaechst die Ebrolinie
behauptet, bis Rom Zeit gewann, ein neues Heer und einen neuen Feldherrn
zu senden. Zum Glueck gestattete dies die Wendung des Krieges in
Italien, wo soeben Capua gefallen war; es kam eine starke Legion - 12000
Mann - unter dem Propraetor Gaius Claudius Nero, die das Gleichgewicht
der Waffen wieder herstellte. Eine Expedition nach Andalusien im
folgenden Jahr (544 210) hatte den besten Erfolg; Hasdrubal Barkas
ward umstellt und eingeschlossen und entrann der Kapitulation nur durch
unfeine List und offenen Wortbruch. Allein Nero war der rechte Feldherr
nicht fuer den Spanischen Krieg. Er war ein tuechtiger Offizier, aber
ein harter auffahrender unpopulaerer Mann, wenig geschickt, die alten
Verbindungen wieder anzuknuepfen und neue einzuleiten und Vorteil zu
ziehen aus der Unbill und dem Uebermut, womit die Punier nach dem Tode
der Scipionen Freund und Feind im Jenseitigen Spanien behandelt und
alle gegen sich erbittert hatten. Der Senat, der die Bedeutung und die
Eigentuemlichkeit des Spanischen Krieges richtig beurteilte und durch
die von der roemischen Flotte gefangen eingebrachten Uticenser von den
grossen Anstrengungen erfahren hatte, die man in Karthago machte, um
Hasdrubal und Massinissa mit einem starken Heer ueber die Pyrenaeen
zu senden, beschloss, nach Spanien neue Verstaerkungen zu schicken und
einen ausserordentlichen Feldherrn hoeheren Ranges, dessen Ernennung
man dem Volke anheimzugeben fuer gut fand. Lange Zeit - so lautet der
Bericht - meldete sich niemand zur Uebernahme des verwickelten
und gefaehrlichen Geschaefts, bis endlich ein junger
siebenundzwanzigjaehriger Offizier, Publius Scipio, der Sohn des in
Spanien gefallenen gleichnamigen Generals, gewesener Kriegstribun
und Aedil, als Bewerber auftrat. Es ist ebenso unglaublich, dass der
roemische Senat in diesen von ihm veranlassten Komitien eine Wahl von
solchem Belang dem Zufall anheimgestellt haben sollte, als dass Ehrgeiz
und Vaterlandsliebe in Rom so ausgestorben gewesen, dass fuer den
wichtigen Posten kein versuchter Offizier sich angeboten haette. Wenn
dagegen die Blicke des Senats sich wandten auf den jungen talentvollen
und erprobten Offizier, der in den heissen Tagen am Ticinus und
bei Cannae sich glaenzend ausgezeichnet hatte, dem aber noch der
erforderliche Rang abging, um als Nachfolger von gewesenen Praetoren
und Konsuln aufzutreten, so war es sehr natuerlich, diesen Weg
einzuschlagen, der das Volk auf gute Art noetigte, den einzigen Bewerber
trotz seiner mangelnden Qualifikation zuzulassen und zugleich ihn und
die ohne Zweifel sehr unpopulaere spanische Expedition bei der Menge
beliebt machen musste. War der Effekt dieser angeblich improvisierten
Kandidatur berechnet, so gelang er vollstaendig. Der Sohn, der den Tod
des Vaters zu raechen ging, dem er neun Jahre zuvor am Ticinus das Leben
gerettet hatte, der maennlich schoene junge Mann mit den langen Locken,
der bescheiden erroetend in Ermangelung eines Besseren sich darbot fuer
den Posten der Gefahr, der einfache Kriegstribun, den nun auf einmal die
Stimmen der Zenturien zu der hoechsten Amtstaffel erhoben - das alles
machte auf die roemischen Buerger und Bauern einen wunderbaren und
unausloeschlichen Eindruck. Und in der Tat, Publius Scipio war eine
begeisterte und begeisternde Natur. Er ist keiner jener wenigen, die
mit ihrem eisernen Willen die Welt auf Jahrhunderte hinaus durch
Menschenkraft in neue Gleise zwingen; oder die doch auf Jahre dem
Schicksal in die Zuegel fallen, bis die Raeder ueber sie hinrollen.
Publius Scipio hat im Auftrag des Senats Schlachten gewonnen und
Laender eroberter hat mit Hilfe seiner militaerischen Lorbeeren auch als
Staatsmann in Rom eine hervorragende Stellung eingenommen; aber es ist
weit von da bis zu Alexander und Caesar. Als Offizier ist er seinem
Vaterlande wenigstens nicht mehr gewesen als Marcus Marcellus, und
politisch hat er, wenn auch vielleicht ohne seiner unpatriotischen
und persoenlichen Politik sich deutlich bewusst zu sein, seinem Lande
mindestens ebensoviel geschadet, als er ihm durch seine Feldherrngaben
genutzt hat. Dennoch ruht ein besonderer Zauber auf dieser anmutigen
Heldengestalt; von der heiteren und sicheren Begeisterung, die Scipio
halb glaeubig halb geschickt vor sich hertrug, ist sie durchaus wie von
einer blendenden Aureole umflossen. Mit gerade genug Schwaermerei,
um die Herzen zu erwaermen, und genug Berechnung, um das Verstaendige
ueberall entscheiden und das Gemeine nicht aus dem Ansatz wegzulassen;
nicht naiv genug, um den Glauben der Menge an seine goettlichen
Inspirationen zu teilen, noch schlicht genug, ihn zu beseitigen, und
doch im stillen innig ueberzeugt, ein Mann vom Gottes besonderen Gnaden
zu sein - mit einem Wort eine echte Prophetennatur; ueber dem Volke
stehend und nicht minder ausser dem Volke; ein Mann felsenfesten Worts
und koeniglichen Sinns, der durch Annahme des gemeinen Koenigtitels
sich zu erniedrigen meinte, aber ebensowenig begreifen konnte, dass die
Verfassung der Republik auch ihn band; seiner Groesse so sicher, dass
er nichts wusste von Neid und Hass und fremdes Verdienst leutselig
anerkannte, fremde Fehler mitleidig verzieh; ein vorzueglicher Offizier
und feingebildeter Diplomat, ohne das abstossende Sondergepraege
dieses oder jenes Berufs, hellenische Bildung einigend mit dem vollsten
roemischen Nationalgefuehl, redegewandt und anmutiger Sitte, gewann
Publius Scipio die Herzen der Soldaten und der Frauen, seiner Landsleute
und der Spanier, seiner Nebenbuhler im Senat und seines groesseren
karthagischen Gegners. Bald war sein Name auf allen Lippen und er der
Stern, der seinem Lande Sieg und Frieden zu bringen bestimmt schien.
Publius Scipio ging nach Spanien 544/45 (210/09) ab, begleitet von dem
Propraetor Marcus Silanus, der an Neros Stelle treten und dem jungen
Oberfeldherrn als Beistand und Rat dienen sollte, und von seinem
Flottenfuehrer und Vertrauten Gaius Laelius, ausgeruestet abermals mit
einer ueberzaehlig starken Legion und einer wohlgefuellten Kasse. Gleich
sein erstes Auftreten bezeichnet einer der kuehnsten und gluecklichsten
Handstreiche, die die Geschichte kennt. Die drei karthagischen
Heerfuehrer standen Hasdrubal Barkas an den Quellen, Hasdrubal Gisgons
Sohn an der Muendung des Tajo, Mago an den Saeulen des Herakles; der
naechste von ihnen um zehn Tagemaersche entfernt von der phoenikischen
Hauptstadt Neukarthago. Ploetzlich im Fruehjahr 545 (209), ehe noch die
feindlichen Heere sich in Bewegung setzten, brach Scipio gegen diese
Stadt, die er von der Ebromuendung aus in wenigen Tagen auf dem
Kuestenweg erreichen konnte, mit seiner ganzen Armee von ungefaehr
30000 Mann und der Flotte auf und ueberraschte die nicht ueber 1000 Mann
starke phoenikische Besatzung mit einem kombinierten Angriff zu Wasser
und zu Lande. Die Stadt, auf einer in den Hafen hinein vorspringenden
Landspitze gelegen, sah sich zugleich auf drei Seiten von der roemischen
Flotte, auf der vierten von den Legionen bedroht und jede Hilfe war weit
entfernt; aber der Kommandant Mago wehrte sich mit Entschlossenheit und
bewaffnete die Buergerschaft, da die Soldaten nicht ausreichten, um
die Mauern zu besetzen. Es ward ein Ausfall versucht, welchen indes die
Roemer ohne Muehe zurueckschlugen und ihrerseits, ohne zu der Eroeffnung
einer regelmaessigen Belagerung sich die Zeit zu nehmen, den Sturm
auf der Landseite begannen. Heftig draengten die Stuermenden auf dem
schmalen Landweg gegen die Stadt; immer neue Kolonnen loesten die
ermuedeten ab; die schwache Besatzung war aufs aeusserste erschoepft,
aber einen Erfolg hatten die Roemer nicht gewonnen. Scipio hatte auch
keinen erwartet; der Sturm hatte bloss den Zweck, die Besatzung von der
Hafenseite wegzuziehen, wo er, unterrichtet davon, dass ein Teil des
Hafens zur Ebbezeit trocken liege, einen zweiten Angriff beabsichtigte.
Waehrend an der Landseite der Sturm tobte, sandte Scipio eine Abteilung
mit Leitern ueber das Watt, "wo Neptun ihnen selbst den Weg zeige", und
sie hatte in der Tat das Glueck, die Mauern hier unverteidigt zu finden.
So war am ersten Tage die Stadt gewonnen, worauf Mago in der Burg
kapitulierte. Mit der karthagischen Hauptstadt fielen achtzehn
abgetakelte Kriegs- und 63 Lastschiffe, das gesamte Kriegsmaterial,
bedeutende Getreidevorraete, die Kriegskasse von 600 Talenten (ueber 1
Million Taler), zehntausend Gefangene, darunter achtzehn karthagische
Gerusiasten oder Richter, und die Geiseln der saemtlichen spanischen
Bundesgenossen Karthagos in die Gewalt der Roemer. Scipio verhiess den
Geiseln die Erlaubnis zur Heimkehr, sowie die Gemeinde eines jeden mit
Rom in Buendnis getreten sein wuerde, und nutzte die Hilfsmittel, die
die Stadt ihm darbot, sein Heer zu verstaerken und in besseren Stand zu
bringen, indem er die neukarthagischen Handwerker, zweitausend an der
Zahl, fuer das roemische Heer arbeiten hiess gegen das Versprechen der
Freiheit bei der Beendigung des Krieges, und aus der uebrigen Menge die
faehigen Leute zum Ruderdienst auf den Schiffen auslas. Die Stadtbuerger
aber wurden geschont und ihnen die Freiheit und die bisherige Stellung
gelassen; Scipio kannte die Phoeniker und wusste, dass sie gehorchen
wuerden, und es war wichtig, die Stadt mit dem einzigen vortrefflichen
Hafen an der Ostkueste und den reichen Silberbergwerken nicht bloss
durch eine Besatzung zu sichern. So war die verwegene Unternehmung
gelungen, verwegen deshalb, weil es Scipio nicht unbekannt war, dass
Hasdrubal Barkas von seiner Regierung den Befehl erhalten hatte, nach
Gallien vorzudringen, und diesen auszufuehren beschaeftigt war, und weil
die schwache, am Ebro zurueckgelassene Abteilung unmoeglich imstande
war, ihm dies ernstlich zu wehren, wenn Scipios Rueckkehr sich auch nur
verzoegerte. Indes er war zurueck in Tarraco, ehe Hasdrubal sich am Ebro
gezeigt hatte; das gefaehrliche Spiel, das der junge Feldherr spielte,
als er seine naechste Aufgabe im Stich liess, um einen lockenden Streich
auszufuehren, ward verdeckt durch den fabelhaften Erfolg, den Neptunus
und Scipio gemeinschaftlich gewonnen hatten. Die wunderhafte Einnahme
der phoenikischen Hauptstadt rechtfertigte so ueber die Massen alles,
was man daheim von dem wunderbaren Juengling sich versprochen hatte,
dass jedes andere Urteil verstummen musste. Scipios Kommando wurde auf
unbestimmte Zeit verlaengert; er selber beschloss, sich nicht mehr auf
die duerftige Aufgabe zu beschraenken, der Hueter der Pyrenaeenpaesse
zu sein. Schon hatten infolge des Falles von Neukarthago nicht bloss die
diesseitigen Spanier sich voellig unterworfen, sondern auch jenseits
des Ebro die maechtigsten Fuersten die karthagische Klientel mit der
roemischen vertauscht. Scipio nutzte den Winter 545/46 (209/08) dazu,
seine Flotte aufzuloesen und mit den dadurch gewonnenen Leuten sein
Landheer so zu vermehren, dass er zugleich den Norden bewachen und im
Sueden die Offensive nachdruecklicher als bisher ergreifen koenne,
und marschierte im Jahre 546 (208) nach Andalusien. Hier traf er auf
Hasdrubal Barkas, der in Ausfuehrung des lange gehegten Planes, dem
Bruder zu Hilfe zu kommen, nordwaerts zog. Bei Baecula kam es zur
Schlacht, in der sich die Roemer den Sieg zuschrieben und 10000
Gefangene gemacht haben sollen; aber Hasdrubal erreichte, wenn auch mit
Aufopferung eines Teils seiner Armee, im wesentlichen seinen Zweck. Mit
seiner Kasse, seinen Elefanten und dem besten Teil seiner Truppen schlug
er sich durch an die spanische Nordkueste, erreichte am Ozean hinziehend
die westlichen, wie es scheint, nicht besetzten Pyrenaeenpaesse und
stand noch vor dem Eintritt der schlechten Jahreszeit in Gallien, wo er
Winterquartier nahm. Es zeigte sich, dass Scipios Entschluss, mit der
ihm aufgetragenen Defensive die Offensive zu verbinden, unueberlegt und
unweise gewesen war; der naechsten Aufgabe des spanischen Heeres, die
nicht bloss Scipios Vater und Oheim, sondern selbst Gaius Marcius
und Gaius Nero mit viel geringeren Mitteln geloest hatten, hatte der
siegreiche Feldherr an der Spitze einer starken Armee in seinem Uebermut
nicht genuegt, und wesentlich er verschuldete die aeusserst gefaehrliche
Lage Roms im Sommer 547 (207), als Hannibals Plan eines kombinierten
Angriffs auf die Roemer endlich dennoch sich realisierte. Indes die
Goetter deckten die Fehler ihres Lieblings mit Lorbeeren zu. In Italien
ging die Gefahr gluecklich vorueber; man liess sich das Bulletin
des zweideutigen Sieges von Baecula gefallen und gedachte, als neue
Siegesberichte aus Spanien einliefen, nicht weiter des Umstandes, dass
man den faehigsten Feldherrn und den Kern der spanisch- phoenikischen
Armee in Italien zu bekaempfen gehabt hatte. Nach Hasdrubal Barkas'
Entfernung beschlossen die beiden in Spanien zurueckbleibenden
Feldherren, vorlaeufig zurueckzuweichen, Hasdrubal Gisgons Sohn nach
Lusitanien, Mago gar auf die Balearen, und bis neue Verstaerkungen aus
Afrika anlangten, nur Massinissas leichte Reiterei in Spanien streifen
zu lassen, aehnlich wie es Muttines in Sizilien mit so grossem Erfolge
getan. So geriet die ganze Ostkueste in die Gewalt der Roemer. Im
folgenden Jahre (547 207) erschien wirklich aus Afrika Hanno mit
einem dritten Heere, worauf auch Mago und Hasdrubal sich wieder nach
Andalusien wandten. Allein Marcus Silanus schlug Magos und Hannos
vereinigte Heere und nahm den letzteren selbst gefangen. Hasdrubal gab
darauf die Behauptung des offenen Feldes auf und verteilte seine Truppen
in die andalusischen Staedte, von denen Scipio in diesem Jahr nur noch
eine, Oringis, erstuermen konnte. Die Phoeniker schienen ueberwaeltigt;
aber dennoch vermochten sie das Jahr darauf (548 206) wieder ein
gewaltiges Heer ins Feld zu senden, 32 Elefanten, 4000 Mann zu Pferde,
70000 zu Fuss, freilich zum allergroessten Teil zusammengeraffte
spanische Landwehr. Wieder bei Baecula kam es zur Schlacht. Das
roemische Heer zaehlte wenig mehr als die Haelfte des feindlichen und
auch von ihm war ein guter Teil Spanier. Scipio stellte, wie Wellington
in gleichem Fall, seine Spanier so auf, dass sie nicht zum Schlagen
kamen - die einzige Moeglichkeit, ihr Ausreissen zu verhindern -,
waehrend er umgekehrt seine roemischen Truppen zuerst auf die Spanier
warf. Der Tag war dennoch hart bestritten; doch siegten endlich die
Roemer, und wie sich von selbst versteht, war die Niederlage eines
solchen Heeres gleichbedeutend mit der voelligen Aufloesung desselben -
einzeln retteten sich Hasdrubal und Mago nach Gades. Die Roemer standen
jetzt ohne Nebenbuhler auf der Halbinsel; die wenigen nicht gutwillig
sich fuegenden Staedte wurden einzeln bezwungen und zum Teil mit
grausamer Haerte bestraft. Scipio konnte sogar auf der afrikanischen
Kueste dem Syphax einen Besuch abstatten und mit ihm, ja selbst mit
Massinissa fuer den Fall einer Expedition nach Afrika Verbindungen
einleiten - ein tollkuehnes Wagstueck, das durch keinen entsprechenden
Zweck gerechtfertigt ward, so sehr auch der Bericht davon den
neugierigen Hauptstaedtern daheim behagen mochte. Nur Gades, wo Mago den
Befehl fuehrte, war noch phoenikisch. Einen Augenblick schien es, als
ob, nachdem die Roemer die karthagische Erbschaft angetreten und
die hier und da in Spanien genaehrte Hoffnung nach Beendigung des
phoenikischen Regiments auch der roemischen Gaeste loszuwerden und
die alte Freiheit wieder zu erlangen, hinreichend widerlegt hatten, in
Spanien eine allgemeine Insurrektion gegen die Roemer ausbrechen wuerde,
bei welcher die bisherigen Verbuendeten Roms vorangingen. Die Erkrankung
des roemischen Feldherrn und die Meuterei eines seiner Korps, veranlasst
durch den seit vielen Jahren rueckstaendigen Sold, beguenstigten
den Aufstand. Indes Scipio genas schneller als man gemeint hatte und
daempfte mit Gewandtheit den Soldatentumult; worauf auch die Gemeinden,
die bei der Nationalerhebung vorangegangen waren, alsbald niedergeworfen
wurden, ehe die Insurrektion Boden gewann. Da es also auch damit
nichts und Gades doch auf die Laenge nicht zu halten war, befahl die
karthagische Regierung dem Mago zusammenzuraffen, was dort an Schiffen,
Truppen und Geld sich vorfinde, und damit womoeglich dem Krieg in
Italien eine andere Wendung zu geben. Scipio konnte dies nicht wehren
- es raechte sich jetzt, dass er seine Flotte aufgeloest hatte - und
musste zum zweitenmal die ihm anvertraute Beschirmung der Heimat gegen
neue Invasion seinen Goettern anheimstellen. Unbehindert verliess der
letzte von Hamilkars Soehnen die Halbinsel. Nach seinem Abzug ergab
sich auch Gades, die aelteste und letzte Besitzung der Phoeniker auf
spanischem Boden, unter guenstigen Bedingungen den neuen Herren. Spanien
war nach dreizehnjaehrigem Kampfe aus einer karthagischen in eine
roemische Provinz verwandelt worden, in der zwar noch jahrhundertelang
die stets besiegte und nie ueberwundene Insurrektion den Kampf gegen
die Roemer fortfuehrte, aber doch im Augenblick kein Feind den Roemern
gegenueberstand. Scipio ergriff den ersten Moment der Scheinruhe, um
sein Kommando abzugeben (Ende 548 206) und in Rom persoenlich von
den erfochtenen Siegen und den gewonnenen Landschaften zu berichten.
Waehrend also Marcellus in Sizilien, Publius Sulpicius in Griechenland,
Scipio in Spanien den Krieg beendigten, ging auf der italischen
Halbinsel der gewaltige Kampf ununterbrochen weiter. Hier standen,
nachdem die Cannensische Schlacht geschlagen war und deren Folgen an
Verlust und Gewinn sich allmaehlich uebersehen liessen, im Anfang des
Jahres 540 (214), des fuenften Kriegsjahres, die Roemer und Phoeniker
folgendermassen sich gegenueber. Norditalien hatten die Roemer nach
Hannibals Abzug wieder besetzt und deckten es mit drei Legionen, wovon
zwei im Keltenlande standen, die dritte als Rueckhalt in Picenum.
Unteritalien bis zum Garganus und Volturnus war mit Ausnahme der
Festungen und der meisten Haefen in Hannibals Haenden. Er stand mit