der Roemer, die alles aufboten, um die wichtige Insel, die Bruecke

zwischen Italien und Afrika, wieder vollstaendig in ihre Gewalt zu

bringen, und jetzt fuer den Feldzug 540 (214) ihren besten Feldherrn,

den Marcus Marcellus nach Sizilien gesandt hatten, zeigte die

syrakusanische Buergerschaft sich geneigt, durch rechtzeitige Rueckkehr

zum roemischen Buendnis das Geschehene vergessen zu machen. Allein bei

der entsetzlichen Verwirrung in der Stadt, wo nach Hieronymos' Tode

die Versuche zur Wiederherstellung der alten Volksfreiheit und die

Handstreiche der zahlreichen Praetendenten auf den erledigten Thron wild

durcheinander wogten, die Hauptleute der fremden Soeldnerscharen aber

die eigentlichen Herren der Stadt waren, fanden Hannibals gewandte

Emissaere Hippokrates und Epikydes Gelegenheit, die Friedensversuche

zu vereiteln. Durch den Namen der Freiheit regten sie die Masse auf;

masslos uebertriebene Schilderungen von der fuerchterlichen Bestrafung,

die den soeben wieder unterworfenen Leontinern von den Roemern

zuteil geworden sein sollte, erweckten auch in dem bessern Teil der

Buergerschaft den Zweifel, ob es nicht zu spaet sei, um das alte

Verhaeltnis mit Rom wiederherzustellen; unter den Soeldnern endlich

wurden die zahlreichen roemischen Ueberlaeufer, meistens durchgegangene

Ruderer von der Flotte, leicht ueberzeugt, dass der Friede der

Buergerschaft mit Rom ihr Todesurteil sei. So wurden die Vorsteher der

Buergerschaft erschlagen, der Waffenstillstand gebrochen und Hippokrates

und Epikydes uebernahmen das Regiment der Stadt. Es blieb dem Konsul

nichts uebrig, als zur Belagerung zu schreiten; indes die geschickte

Leitung der Verteidigung, wobei der als gelehrter Mathematiker beruehmte

syrakusanische Ingenieur Archimedes sich besonders hervortat, zwang die

Roemer nach achtmonatlicher Belagerung, dieselbe in eine Blockade zu

Wasser und zu Lande umzuwandeln. Mittlerweile war von Karthago aus, das

bisher nur mit seinen Flotten die Syrakusaner unterstuetzt hatte, auf

die Nachricht von der abermaligen Schilderhebung derselben gegen die

Roemer ein starkes Landheer unter Himilko nach Sizilien gesendet worden,

das ungehindert bei Herakleia Minoa landete und sofort die wichtige

Stadt Akragas besetzte. Um dem Himilko die Hand zu reichen, rueckte

der kuehne und faehige Hippokrates aus Syrakus mit einer Armee aus;

Marcellus' Lage zwischen der Besatzung von Syrakus und den beiden

feindlichen Heeren fing an bedenklich zu werden. Indes mit Hilfe einiger

Verstaerkungen, die von Italien eintrafen, behauptete er seine Stellung

auf der Insel und setzte die Blockade von Syrakus fort. Dagegen trieb

mehr noch als die feindlichen Armeen die fuerchterliche Strenge, mit der

die Roemer auf der Insel verfuhren, namentlich die Niedermetzelung der

des Abfalls verdaechtigen Buergerschaft von Enna durch die roemische

Besatzung daselbst, den groessten Teil der kleinen Landstaedte den

Karthagern in die Arme. Im Jahre 542 (212) gelang es den Belagerern

von Syrakus waehrend eines Festes in der Stadt, einen von den Wachen

verlassenen Teil der weitlaeuftigen Aussenmauern zu ersteigen und in die

Vorstaedte einzudringen, die von der Insel und der eigentlichen Stadt

am Strande (Achradina) sich gegen das innere Land hin erstreckten. Die

Festung Euryalos, die, am aeussersten westlichen Ende der Vorstaedte

gelegen, diese und die vom Binnenland nach Syrakus fuehrende

Hauptstrasse deckte, war hiermit abgeschnitten und fiel nicht lange

nachher. Als so die Belagerung der Stadt eine den Roemern guenstige

Wendung zu nehmen begann, rueckten die beiden Heere unter Himilko und

Hippokrates zum Entsatz heran und versuchten einen gleichzeitigen,

ueberdies noch mit einem Landungsversuch der karthagischen Flotte und

einem Ausfall der syrakusanischen Besatzung kombinierten Angriff auf die

roemischen Stellungen; allein er ward allerseits abgeschlagen, und die

beiden Entsatzheere mussten sich begnuegen, vor der Stadt ihr Lager

aufzuschlagen, in den sumpfigen Niederringen des Anapos, die im

Hochsommer und im Herbst den darin Verweilenden toedliche Seuchen

erzeugen. Oft hatten diese die Stadt gerettet, oefter als die Tapferkeit

der Buerger; zu den Zeiten des ersten Dionys waren zwei phoenikische

Heere, damals die Stadt belagernd, unter ihren Mauern durch diese

Seuchen vernichtet worden. Jetzt wendete der Stadt das Schicksal die

eigene Schutzwehr zum Verderben; waehrend Marcellus' Heer, in den

Vorstaedten einquartiert, nur wenig litt, veroedeten die Fieber die

phoenikischen und syrakusanischen Biwaks. Hippokrates starb, desgleichen

Himilko und die meisten Afrikaner; die Ueberbleibsel der beiden Heere,

groesstenteils eingeborene Sikeler, verliefen sich in die benachbarten

Staedte. Noch machten die Karthager einen Versuch, die Stadt von

der Seeseite zu retten; allein der Admiral Bomilkar entwich, als die

roemische Flotte ihm die Schlacht anbot. Jetzt gab selbst Epikydes, der

in der Stadt befehligte, dieselbe verloren und entrann nach Akragas.

Gern haette Syrakus sich den Roemern ergeben; die Verhandlungen

hatten schon begonnen. Allein zum zweitenmal scheiterten sie an den

Ueberlaeufern; in einer abermaligen Meuterei der Soldaten wurden

die Vorsteher der Buergerschaft und eine Anzahl angesehener Buerger

erschlagen und das Regiment und die Verteidigung der Stadt von den

fremden Truppen ihren Hauptleuten uebertragen. Nun knuepfte Marcellus

mit einem von diesen eine Unterhandlung an, die ihm den einen der beiden

noch freien Stadtteile, die Insel, in die Haende lieferte; worauf die

Buergerschaft ihm freiwillig auch die Tore von Achradina auftat (Herbst

542 212). Wenn irgendwo, haette gegen diese Stadt, die offenbar nicht in

ihrer eigenen Gewalt gewesen war und mehrfach die ernstlichsten Versuche

gemacht hatte, sich der Tyrannei des fremden Militaers zu entziehen,

selbst nach den nicht loeblichen Grundsaetzen des roemischen

Staatsrechts ueber die Behandlung bundbruechiger Gemeinden die Gnade

walten koennen. Allein nicht bloss beflecke Marcellus seine Kriegerehre

durch die Gestattung einer allgemeinen Pluenderung der reichen

Kaufstadt, bei der mit zahlreichen anderen Buergern auch Archimedes den

Tod fand, sondern es hatte auch der roemische Senat kein Ohr fuer die

verspaeteten Beschwerden der Syrakusaner ueber den gefeierten Feldherrn

und gab weder den einzelnen die Beute zurueck noch der Stadt ihre

Freiheit. Syrakus und die frueher von ihm abhaengigen Staedte traten

unter die den Roemern steuerpflichtigen Gemeinden ein - nur Tauromenion

und Neeton erhielten das Recht von Messana, waehrend die leontinische

Mark roemische Domaene und die bisherigen Eigentuemer roemische Paechter

wurden -, und in dem den Hafen beherrschenden Stadtteil, der "Insel",

durfte fortan kein syrakusanischer Buerger wohnen. Sizilien schien also

fuer die Karthager verloren; allein Hannibals Genie war auch hier aus

der Ferne taetig. Er sandte zu dem karthagischen Heer, das unter

Hanno und Epikydes rat- und tatlos bei Akragas stand, einen libyschen

Reiteroffizier, den Muttines, der den Befehl der numidischen Reiterei

uebernahm und mit seinen fluechtigen Scharen den bitteren Hass, den die

roemische Zwingherrschaft auf der ganzen Insel gesaet hatte, zu offener

Flamme anfachend, einen Guerillakrieg in der weitesten Ausdehnung und

mit dem gluecklichsten Erfolg begann, ja sogar, als am Himerafluss die

karthagische und roemische Armee aufeinandertrafen, gegen Marcellus

selbst mit Glueck einige Gefechte bestand. Indes das Verhaeltnis, das

zwischen Hannibal und dem karthagischen Rat obwaltete, wiederholte

hier sich im kleinen. Der vom Rat bestellte Feldherr verfolgte mit

eifersuechtigem Neid den von Hannibal gesandten Offizier und bestand

darauf, dem Prokonsul eine Schlacht zu liefern ohne Muttines und die

Numidier. Hannos Wille geschah und er ward vollstaendig geschlagen.

Muttines liess sich dadurch nicht irren; er behauptete sich im Innern

des Landes, besetzte mehrere kleine Staedte und konnte, da von Karthago

nicht unbetraechtliche Verstaerkungen ihm zukamen, seine Operationen

allmaehlich ausdehnen. Seine Erfolge waren so glaenzend, dass endlich

der Oberfeldherr, da er den Reiteroffizier nicht anders hindern konnte,

ihn zu verdunkeln, demselben kurzweg das Kommando ueber die leichte

Reiterei abnahm und es seinem Sohn uebertrug. Der Numidier, der nun seit

zwei Jahren seinen phoenikischen Herren die Insel erhalten hatte, fand

hiermit das Mass seiner Geduld erschoepft; er und seine Reiter, die dem

juengeren Hanno zu folgen sich weigerten, traten in Unterhandlungen

mit dem roemischen Feldherrn Marcus Valerius Laevinus und lieferten ihm

Akragas aus. Hanno entwich in einem Nachen und ging nach Karthago, um

den schaendlichen Vaterlandsverrat des hannibalischen Offiziers den

Seinen zu berichten; die phoenikische Besatzung in der Stadt ward

von den Roemern niedergemacht und die Buergerschaft in die Sklaverei

verkauft (544 210). Zur Sicherung der Insel vor aehnlichen Ueberfaellen,

wie die Landung von 540 (214) gewesen war, erhielt die Stadt eine neue,

aus den roemisch gesinnten Sizilianern ausgelesene Einwohnerschaft;

die alte herrliche Akragas war gewesen. Nachdem also ganz Sizilien

unterworfen war, ward roemischerseits dafuer gesorgt, dass einige Ruhe

und Ordnung auf die zerruettete Insel zurueckkehrte. Man trieb das

Raeubergesindel, das im Innern hauste, in Masse zusammen und schaffte

es hinueber nach Italien, um von Rhegion aus in Hannibals

Bundesgenossengebiet zu sengen und zu brennen; die Regierung tat ihr

Moegliches, um den gaenzlich darniederliegenden Ackerbau wieder auf der

Insel in Aufnahme zu bringen. Im karthagischen Rat war wohl noch oefter

die Rede davon, eine Flotte nach Sizilien zu senden und den Krieg zu

erneuern; allein es blieb bei Entwuerfen. Entscheidender als Syrakus

haette Makedonien in den Gang der Ereignisse eingreifen koennen. Von

den oestlichen Maechten war fuer den Augenblick weder Foerderung noch

Hinderung zu erwarten. Antiochos der Grosse, Philippos' natuerlicher

Bundesgenosse, hatte nach dem entscheidenden Siege der Aegypter bei

Raphia 537 (217) sich gluecklich schaetzen muessen, von dem schlaffen

Philopator Frieden auf Basis des Status quo ante zu erhalten; teils

die Rivalitaet der Lagiden und der stets drohende Wiederausbruch des

Krieges, teils Praetendentenaufstaende im Innern und Unternehmungen

aller Art in Kleinasien, Baktrien und den oestlichen Satrapien hinderten

ihn, jener grossen antiroemische Allianz sich anzuschliessen, wie

Hannibal sie im Sinne trug. Der aegyptische Hof stand entschieden auf

der Seite Roms, mit dem er das Buendnis 544 (210) erneuerte; allein es

war von Ptolemaeos Philopator nicht zu erwarten, dass er Rom anders als

durch Kornschiffe unterstuetzen werde. In den grossen italischen

Kampf ein entscheidendes Gewicht zu werfen, waren somit Makedonien und

Griechenland durch nichts gehindert als durch die eigene Zwietracht; sie

konnten den hellenischen Namen retten, wenn sie es ueber sich

gewannen, nur fuer wenige Jahre gegen den gemeinschaftlichen Feind

zusammenzustehen. Wohl gingen solche Stimmungen durch Griechenland. Des

Agelaos von Naupaktos prophetisches Wort, dass er fuerchte, es moege

mit den Kampfspielen, die jetzt die Hellenen unter sich auffuehrten,

demnaechst vorbei sein; seine ernste Mahnung, nach Westen die Blicke

zu richten und nicht zuzulassen, dass eine staerkere Macht allen jetzt

streitenden Parteien den Frieden des gleichen Joches bringe - diese

Reden hatten wesentlich dazu beigetragen, den Frieden zwischen Philippos

und den Aetolern herbeizufuehren (537 217), und fuer dessen Tendenz

war es bezeichnend, dass der aetolische Bund sofort eben den Agelaos

zu seinem Strategen ernannte. Der nationale Patriotismus regte sich in

Griechenland wie in Karthago; einen Augenblick schien es moeglich, einen

hellenischen Volkskrieg gegen Rom zu entfachen. Allein der Feldherr

eines solchen Heerzuges konnte nur Philippos von Makedonien sein und ihm

fehlte die Begeisterung und der Glaube an die Nation, womit ein solcher

Krieg allein gefuehrt werden konnte. Er verstand die schwierige Aufgabe

nicht, sich aus dem Unterdruecker in den Vorfechter Griechenlands

umzuwandeln. Schon sein Zaudern bei dem Abschluss des Buendnisses mit

Hannibal verdarb den ersten und besten Eifer der griechischen Patrioten;

und als er dann in den Kampf gegen Rom eintrat, war die Art der

Kriegfuehrung noch weniger geeignet, Sympathie und Zuversicht zu

erwecken. Gleich der erste Versuch, der schon im Jahre der cannensischen

Schlacht (538 216) gemacht ward, sich der Stadt Apollonia zu

bemaechtigen, scheiterte in einer fast laecherlichen Weise, indem

Philippos schleunigst umkehrte auf das gaenzlich unbegruendete Geruecht,

dass eine roemische Flotte in das Adriatische Meer steuere. Dies

geschah, noch ehe es zum foermlichen Bruch mit Rom kam; als dieser

endlich erfolgt war, erwarteten Freund und Feind eine makedonische

Landung in Unteritalien. Seit 539 (215) standen bei Brundisium eine

roemische Flotte und ein roemisches Heer, um derselben zu begegnen;

Philippos, der ohne Kriegsschiffe war, zimmerte an einer Flottille von

leichten illyrischen Barken, um sein Heer hinueberzufuehren. Allein

als es Ernst werden sollte, entsank ihm der Mut, den gefuerchteten

Fuenfdeckern zur See zu begegnen; er brach das seinem Bundesgenossen

Hannibal gegebene Versprechen, einen Landungsversuch zu machen, und um

doch etwas zu tun, entschloss er sich, auf seinen Teil der Beute, die

roemischen Besitzungen in Epeiros, einen Angriff zu machen (540 214). Im

besten Falle waere dabei nichts herausgekommen; allein die Roemer,

die wohl wussten, dass die offensive Deckung vorzueglicher ist als

die defensive, begnuegten sich keineswegs, wie Philippos gehofft haben

mochte, dem Angriff vom andern Ufer her zuzusehen. Die roemische Flotte

fuehrte eine Heerabteilung von Brundisium nach Epeiros; Orikon ward

dem Koenig wieder abgenommen, nach Apollonia Besatzung geworfen und

das makedonische Lager erstuermt, worauf Philippos vom halben Tun

zur voelligen Untaetigkeit ueberging und einige Jahre in tatenlosem

Kriegszustand verstreichen liess, trotz aller Beschwerden Hannibals,

der umsonst solcher Lahmheit und Kurzsichtigkeit sein Feuer und seine

Klarheit einzuhauchen versuchte. Auch war es nicht Philippos, der dann

die Feindseligkeiten erneuerte. Der Fall von Tarent (542 212), womit

Hannibal einen vortrefflichen Hafen an denjenigen Kuesten gewann,

die zunaechst sich zur Landung eines makedonischen Heeres eigneten,

veranlasste die Roemer, den Schlag von weitem zu parieren und den

Makedoniern daheim so viel zu schaffen zu machen, dass sie an einen

Versuch auf Italien nicht denken konnten. In Griechenland war der

nationale Aufschwung natuerlich laengst verraucht. Mit Hilfe der

alten Opposition gegen Makedonien und der neuen Unvorsichtigkeiten und

Ungerechtigkeiten, die Philippos sich hatte zu Schulden kommen lassen,

fiel es dem roemischen Admiral Laevinus nicht schwer, gegen Makedonien

eine Koalition der Mittel- und Kleinmaechte unter roemischem Schutz

zustande zu bringen. An der Spitze derselben standen die Aetoler, auf

deren Landtag Laevinus selber erschienen war und sie durch Zusicherung

des seit langem von ihnen begehrten akarnanischen Gebiets gewonnen

hatte. Sie schlossen mit Rom den ehrbaren Vertrag die uebrigen Hellenen

auf gemeinschaftliche Rechnung an Land und Leuten zu pluendern, so

dass das Land den Aetolern, die Leute und die fahrende Habe den Roemern

gehoeren sollten. Ihnen schlossen sich im eigentlichen Griechenland die

antimakedonisch oder vielmehr zunaechst antiachaeisch gesinnten Staaten

an: in Attika Athen, im Peloponnes Elis und Messene, besonders aber

Sparta, dessen altersschwache Verfassung eben um diese Zeit ein dreister

Soldat Machanidas ueber den Haufen geworfen hatte, um unter dem Namen

des unmuendigen Koenigs Pelops selbst despotisch zu regieren und ein auf

gedungene Soeldnerscharen gestuetztes Abenteurerregiment zu begruenden.

Es traten ferner hinzu die ewigen Gegner Makedoniens, die Haeuptlinge

der halb wilden thrakischen und illyrischen Staemme und endlich

Koenig Attalos von Pergamon, der in dem Ruin der beiden griechischen

Grossstaaten, die ihn einschlossen, den eigenen Vorteil mit Einsicht

und Energie verfolgte und scharfsichtig genug war, sich der roemischen

Klientel schon jetzt anzuschliessen, wo seine Teilnahme noch etwas

wert war. Es ist weder erfreulich noch erforderlich, den Wechselfaellen

dieses ziellosen Kampfes zu folgen. Philippos, obwohl er jedem einzelnen

seiner Gegner ueberlegen war und nach allen Seiten hin die Angriffe mit

Energie und persoenlicher Tapferkeit zurueckwies, rieb sich dennoch auf

in dieser heillosen Defensive. Bald galt es, sich gegen die Aetoler zu

wenden, die in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die ungluecklichen

Akarnanen vernichteten und Lokris und Thessalien bedrohten; bald rief

ihn ein Einfall der Barbaren in die noerdlichen Landschaften; bald

sandten die Achaeer um Hilfe gegen die aetolischen und spartanischen

Raubzuege; bald bedrohten Koenig Attalos von Pergamon und der roemische

Admiral Publius Sulpicius mit ihren vereinigten Flotten die oestliche

Kueste oder setzten Truppen ans Land in Euboea. Der Mangel einer

Kriegsflotte laehmte Philippos in allen seinen Bewegungen; es kam so

weit, dass er von seinem Bundesgenossen Prusias in Bithymen, ja von

Hannibal Kriegsschiffe erbat. Erst gegen das Ende des Krieges entschloss

er sich zu dem, womit er haette anfangen muessen, hundert Kriegsschiffe

bauen zu lassen; Gebrauch ist indes von denselben nicht mehr gemacht

worden, wenn ueberhaupt der Befehl zur Ausfuehrung kam. Alle, die

Griechenlands Lage begriffen und ein Herz dafuer hatten, beklagten

den unseligen Krieg, in dem Griechenlands letzte Kraefte sich selbst

zerfleischten und der Wohlstand des Landes zugrunde ging; wiederholt

hatten die Handelsstaaten Rhodos, Chios, Mytilene, Byzanz, Athen,

ja selbst Aegypten versucht zu vermitteln. In der Tat lag es beiden

Parteien nahe genug, sich zu vertragen. Wie die Makedonier hatten auch

die Aetoler, auf die es von den roemischen Bundesgenossen hauptsaechlich

ankam, viel unter dem Krieg zu leiden; besonders seit der kleine Koenig

der Athamanen von Philippos gewonnen worden und dadurch das innere

Aetolien den makedonischen Einfaellen geoeffnet war. Auch von ihnen

gingen allmaehlich manchem die Augen auf ueber die ehrlose und

verderbliche Rolle, zu der sie das roemische Buendnis verurteilte; es

ging ein Schrei der Empoerung durch die ganze griechische Nation, als

die Aetoler in Gemeinschaft mit den Roemern hellenische Buergerschaften,

wie die von Antikyra, Oreos, Dyme, Aegina, in Masse in die Sklaverei

verkauften. Allein die Aetoler waren schon nicht mehr frei: sie wagten

viel, wenn sie auf eigene Hand mit Philippos Frieden schlossen, und

fanden die Roemer keineswegs geneigt, zumal bei der guenstigen Wendung

der Dinge in Spanien und in Italien, von einem Kriege abzustehen, den

sie ihrerseits bloss mit einigen Schiffen fuehrten und dessen Last und

Nachteil wesentlich auf die Aetoler fiel. Endlich entschlossen diese

sich doch, den vermittelnden Staedten Gehoer zu geben; trotz der

Gegenbestrebungen der Roemer kam im Winter 548/49 (206/05) ein Friede

zwischen den griechischen Maechten zustande. Aetolien hatte einen

uebermaechtigen Bundesgenossen in einen gefaehrlichen Feind verwandelt;

indes es schien dem roemischen Senat, der eben damals die Kraefte des

erschoepften Staates zu der entscheidenden afrikanischen Expedition

aufbot, nicht der geeignete Augenblick, den Bruch des Buendnisses zu

ahnden. Selbst den Krieg mit Philippos, den nach dem Ruecktritt der

Aetoler die Roemer nicht ohne bedeutende eigene Anstrengungen haetten

fuehren koennen, erschien es zweckmaessig, durch einen Frieden zu

beendigen, durch den der Zustand vor dem Kriege im wesentlichen

wiederhergestellt ward und namentlich Rom mit Ausnahme des wertlosen

atintanischen Gebiets seine saemtlichen Besitzungen an der epeirotischen

Kueste behielt. Unter den Umstaenden musste Philippos sich noch

gluecklich schaetzen, solche Bedingungen zu erhalten; allein es war

damit ausgesprochen, was sich freilich nicht laenger verbergen liess,

dass all das unsaegliche Elend, welches die zehn Jahre eines mit

widerwaertiger Unmenschlichkeit gefuehrten Krieges ueber Griechenland

gebracht hatten, nutzlos erduldet, und dass die grossartige und

richtige Kombination, die Hannibal entworfen und ganz Griechenland einen

Augenblick geteilt hatte, unwiederbringlich gescheitert war. In Spanien,

wo der Geist Hamilkars und Hannibals maechtig war, war der Kampf

ernster. Er bewegt sich in seltsamen Wechselfaellen, wie die

eigentuemliche Beschaffenheit des Landes und die Sitte des Volkes sie

mit sich bringen. Die Bauern und Hirten, die in dem schoenen Ebrotal

und dem ueppig fruchtbaren Andalusien wie in dem rauhen von zahlreichen

Waldgebirgen durchschnittenen Hochland zwischen jenem und diesem

wohnten, waren ebenso leicht als bewaffneter Landsturm zusammenzutreiben

wie schwer gegen den Feind zu fuehren und ueberhaupt nur

zusammenzuhalten. Die Staedte waren ebensowenig zu festem und

gemeinschaftlichem Handeln zu vereinigen, so hartnaeckig jede einzelne

Buergerschaft hinter ihren Waellen dem Draenger Trotz bot. Sie alle

scheinen zwischen den Roemern und den Karthagern wenig Unterschied

gemacht zu haben; ob die laestigen Gaeste, die sich im Ebrotal, oder

die, welche am Guadalquivir sich festgesetzt hatten, ein groesseres oder

kleineres Stueck der Halbinsel besassen, mag den Eingeborenen ziemlich

gleichgueltig gewesen sein, weshalb von der eigentuemlich spanischen

Zaehigkeit im Parteinehmen mit einzelnen Ausnahmen, wie Sagunt auf

roemischer, Astapa auf karthagischer Seite, in diesem Krieg wenig

hervortritt. Dennoch ward der Krieg von beiden Seiten, da weder die

Roemer noch die Afrikaner hinreichende eigene Mannschaft mit sich

gefuehrt hatten, notwendig zum Propagandakrieg, in dem selten

festgegruendete Anhaenglichkeit, gewoehnlich Furcht, Geld oder Zufall

entschied, und der, wenn er zu Ende schien, sich in einen endlosen

Festungs- und Guerillakrieg aufloeste, um bald aus der Asche wieder

aufzulodern. Die Armeen erscheinen und verschwinden wie die Duenen am

Strand; wo gestern ein Berg stand, findet man heute seine Spur nicht

mehr. Im allgemeinen ist das Uebergewicht auf Seiten der Roemer, teils

weil sie in Spanien zunaechst wohl auftraten als Befreier des Landes

von der phoenikischen Zwingherrschaft, teils durch die glueckliche Wahl

ihrer Fuehrer und durch den staerkeren Kern mitgebrachter zuverlaessiger

Truppen; doch ist es bei unserer sehr unvollkommenen und namentlich in

der Zeitrechnung tiefzerruetteten Ueberlieferung nicht wohl moeglich,

von einem also gefuehrten Kriege eine befriedigende Darstellung zu

geben. Die beiden Statthalter der Roemer auf der Halbinsel, Gnaeus

und Publius Scipio, beide, namentlich Gnaeus, gute Generale und

vortreffliche Verwalter, vollzogen ihre Aufgabe mit dem glaenzendsten

Erfolg. Nicht bloss war der Riegel der Pyrenaeen durchstehend behauptet

und der Versuch, die gesprengte Landverbindung zwischen dem feindlichen

Oberfeldherrn und seinem Hauptquartier wiederherzustellen, blutig

zurueckgewiesen worden, nicht bloss in Tarraco durch umfassende

Festungswerke und Hafenanlagen nach dem Muster des spanischen

Neukarthago ein spanisches Neurom erschaffen, sondern es hatten auch die

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 15 / 51 段