Vorfahren dem Senat in die Hand gegeben hatte, die Diktatur ihm unter
den Haenden zerbrach; und zweitens mittelbar wenigstens die Cannensische
Schlacht. Den jaehen Sturz der roemischen Macht verschuldeten aber weder
Quintus Fabius noch Gaius Varro, sondern das Misstrauen zwischen dem
Regiment und den Regierten, die Spaltung zwischen Rat und Buergerschaft.
Wenn noch Rettung und Wiedererhebung des Staates moeglich war, musste
sie daheim beginnen mit Wiederherstellung der Einigkeit und des
Vertrauens. Dies begriffen und, was schwerer wiegt, dies getan zu haben,
getan mit Unterdrueckung aller an sich gerechten Rekriminationen, ist
die herrliche und unvergaengliche Ehre des roemischen Senats. Als Varro
- allein von allen Generalen, die in der Schlacht kommandiert hatten -
nach Rom zurueckkehrte, und die roemischen Senatoren bis an das Tor ihm
entgegengingen und ihm dankten, dass er an der Rettung des Vaterlandes
nicht verzweifelt habe, waren dies weder leere Reden, um mit grossen
Worten das Unheil zu verhuellen, noch bitterer Spott ueber einen
Armseligen; es war der Friedensschluss zwischen dem Regiment und den
Regierten. Vor dem Ernst der Zeit und dem Ernst eines solchen Aufrufs
verstummte das demagogische Geklatsch; fortan gedachte man in Rom nur,
wie man gemeinsam die Not zu wenden vermoege. Quintus Fabius, dessen
zaeher Mut in diesem entscheidenden Augenblick dem Staat mehr genuetzt
hat als all seine Kriegstaten, und die anderen angesehenen Senatoren
gingen dabei in allem voran und gaben den Buergern das Vertrauen auf
sich und auf die Zukunft zurueck. Der Senat bewahrte seine feste und
strenge Haltung, waehrend die Boten von allen Seiten nach Rom eilten,
um die verlorenen Schlachten, den Uebertritt der Bundesgenossen, die
Aufhebung von Posten und Magazinen zu berichten, um Verstaerkung zu
begehren fuer das Potal und fuer Sizilien, da doch Italien preisgegeben
und Rom selbst fast unbesetzt war. Das Zusammenstroemen der Menge an den
Toren ward untersagt, die Gaffer und die Weiber in die Haeuser gewiesen,
die Trauerzeit um die Gefallenen auf dreissig Tage beschraenkt, damit
der Dienst der freudigen Goetter, von dem das Trauergewand ausschloss,
nicht allzulange unterbrochen werde - denn so gross war die Zahl der
Gefallenen, dass fast in keiner Familie die Totenklage fehlte. Was
vom Schlachtfeld sich gerettet hatte, war indes durch zwei tuechtige
Kriegstribune, Appius Claudius und Publius Scipio den Sohn, in
Canusium gesammelt worden; der letztere verstand es, durch seine stolze
Begeisterung und durch die drohend erhobenen Schwerter seiner Getreuen,
diejenigen vornehmen jungen Herren auf andere Gedanken zu bringen, die
in bequemer Verzweiflung an die Rettung des Vaterlandes ueber das Meer
zu entweichen gedachten. Zu ihnen begab sich mit einer Handvoll Leute
der Konsul Gaius Varro; allmaehlich fanden sich dort etwa zwei Legionen
zusammen, die der Senat zu reorganisieren und zu schimpflichem und
unbesoldetem Kriegsdienst zu degradieren befahl. Der unfaehige Feldherr
ward unter einem schicklichen Vorwand nach Rom zurueckberufen; der in
den gallischen Kriegen erprobte Praetor Marcus Claudius Marcellus, der
bestimmt gewesen war, mit der Flotte von Ostia nach Sizilien abzugehen,
uebernahm den Oberbefehl. Die aeussersten Kraefte wurden angestrengt, um
eine kampffaehige Armee zu organisieren. Die Latiner wurden beschickt um
Hilfe in der gemeinschaftlichen Gefahr; Rom selbst ging mit dem Beispiel
voran und rief die ganze Mannschaft bis ins Knabenalter unter die
Waffen, bewaffnete die Schuldknechte und die Verbrecher, ja stellte
sogar achttausend vom Staate angekaufte Sklaven in das Heer ein. Da es
an Waffen fehlte, nahm man die alten Beutestuecke aus den Tempeln und
setzte Fabriken und Gewerbe ueberall in Taetigkeit. Der Senat ward
ergaenzt - nicht, wie aengstliche Patrioten forderten, aus den Latinern,
sondern aus den naechstberechtigten roemischen Buergern. Hannibal bot
die Loesung der Gefangenen auf Kosten des roemischen Staatsschatzes
an; man lehnte sie ab und liess den mit der Abordnung der Gefangenen
angelangten karthagischen Boten nicht in die Stadt; es durfte nicht
scheinen, als denke der Senat an Frieden. Nicht bloss die Bundesgenossen
sollten nicht glauben, dass Rom sich anschicke zu transigieren, sondern
es musste auch dem letzten Buerger begreiflich gemacht werden, dass fuer
ihn wie fuer alle es keinen Frieden gebe und Rettung nur im Siege sei.
6. Kapitel Der Hannibalische Krieg von Cannae bis Zama Hannibals
Ziel bei seinem Zug nach Italien war die Sprengung der italischen
Eidgenossenschaft gewesen; nach drei Feldzuegen war dasselbe erreicht,
soweit es ueberhaupt erreichbar war. Dass die griechischen und die
latinischen oder latinisierten Gemeinden Italiens, nachdem sie durch den
Tag von Cannae nicht irre geworden waren, ueberhaupt nicht dem
Schreck, sondern nur der Gewalt weichen wuerden, lag am Tage, und der
verzweifelte Mut, mit dem selbst in Sueditalien einzelne kleine und
rettungslos verlorene Landstaedte, wie das brettische Petelia, gegen den
Phoeniker sich wehrten, zeigte sehr klar, was seiner bei den Marsern
und Latinern warte. Wenn Hannibal gemeint hatte, auf diesem Wege mehr
erreichen und auch die Latiner gegen Rom fuehren zu koennen, so hatten
diese Hoffnungen sich als eitel erwiesen. Aber es scheint, als habe auch
sonst die italische Koalition keineswegs die gehofften Resultate fuer
Hannibal geliefert. Capua hatte sofort sich ausbedungen, dass Hannibal
das Recht nicht haben solle, kampanische Buerger zwangsweise unter die
Waffen zu rufen; die Staedter hatten nicht vergessen, wie Pyrrhos
in Tarent aufgetreten war, und meinten toerichterweise, zugleich der
roemischen und der phoenikischen Herrschaft sich entziehen zu koennen.
Samnium und Lucanien waren nicht mehr, was sie gewesen, als Koenig
Pyrrhos gedacht hatte, an der Spitze der sabellischen Jugend in Rom
einzuziehen. Nicht bloss zerschnitt das roemische Festungsnetz
ueberall den Landschaften Sehnen und Nerven, sondern es hatte auch die
vieljaehrige roemische Herrschaft die Einwohner der Waffen entwoehnt -
nur maessiger Zuzug kam von hier zu den roemischen Heeren -, den alten
Hass beschwichtigt, ueberall eine Menge einzelner in das Interesse der
herrschenden Gemeinde gezogen. Man schloss sich wohl dem Ueberwinder der
Roemer an, nachdem Roms Sache einmal verloren schien; allein man fuehlte
doch, dass es jetzt nicht mehr um die Freiheit sich handle, sondern um
die Vertauschung des italischen mit dem phoenikischen Herrn, und nicht
Begeisterung, sondern Kleinmut warf die sabellischen Gemeinden dem
Sieger in die Arme. Unter solchen Umstaenden stockte in Italien der
Krieg. Hannibal, der den suedlichen Teil der Halbinsel beherrschte bis
hinauf zum Volturnus und zum Garganus und diese Landschaften nicht wie
das Keltenland einfach wieder aufgeben konnte, hatte jetzt gleichfalls
eine Grenze zu decken, die nicht ungestraft entbloesst ward; und, um die
gewonnenen Landschaften gegen die ueberall ihm trotzenden Festungen und
die von Norden her anrueckenden Heere zu verteidigen und gleichzeitig
die schwierige Offensive gegen Mittelitalien zu ergreifen, reichten
seine Streitkraefte, ein Heer von etwa 40000 Mann, ohne die italischen
Zuzuege zu rechnen, bei weitem nicht aus. Vor allen Dingen aber fand
er andere Gegner sich gegenueber. Durch furchtbare Erfahrungen
belehrt, gingen die Roemer ueber zu einem verstaendigeren System der
Kriegfuehrung, stellten nur erprobte Offiziere an die Spitze ihrer
Armeen und liessen dieselben, wenigstens wo es not tat, auf laengere
Zeit bei dem Kommando. Diese Feldherren sahen weder den feindlichen
Bewegungen noch den Bergen herab zu, noch warfen sie sich auf den
Gegner, wo sie ihn eben fanden, sondern, die rechte Mitte zwischen
Zauderei und Vorschnelligkeit haltend, stellten sie in verschanzten
Lagern, unter den Mauern der Festungen sich auf und nahmen den Kampf
da an, wo der Sieg zu Resultaten, die Niederlage nicht zur Vernichtung
fuehrte. Die Seele dieser neuen Kriegfuehrung war Marcus Claudius
Marcellus. Mit richtigem Instinkt hatten nach dem unheilvollen Tag von
Cannae Senat und Volk auf diesen tapferen und krieggewohnten Mann die
Blicke gewandt und ihm zunaechst den faktischen Oberbefehl uebertragen.
Er hatte in dem schwierigen Sizilischen Kriege gegen Hamilkar seine
Schule gemacht und in den letzten Feldzuegen gegen die Kelten sein
Fuehrertalent wie seine persoenliche Tapferkeit glaenzend bewaehrt.
Obwohl ein hoher Fuenfziger, brannte er doch vom jugendlichsten
Soldatenfeuer und hatte erst wenige Jahre zuvor als Feldherr den
feindlichen Feldherrn vom Pferde gehauen - der erste und einzige
roemische Konsul, dem eine solche Waffentat gelang. Sein Leben war den
beiden Gottheiten geweiht, denen er den glaenzenden Doppeltempel am
Capenischen Tore errichtete, der Ehre und der Tapferkeit; und wenn
die Rettung Roms aus dieser hoechsten Gefahr nicht das Verdienst eines
einzelnen ist, sondern der roemischen Buergerschaft insgemein und
vorzugsweise dem Senat gebuehrt, so hat doch kein einzelner Mann bei dem
gemeinsamen Bau mehr geschafft als Marcus Marcellus. Vom Schlachtfeld
hatte Hannibal sich nach Kampanien gewandt. Er kannte Rom besser als
die naiven Leute, die in alter und neuer Zeit gemeint haben, dass er mit
einem Marsch auf die feindliche Hauptstadt den Kampf haette beendigen
koennen. Die heutige Kriegskunst zwar entscheidet den Krieg auf dem
Schlachtfeld; allein in der alten Zeit, wo der Angriffskrieg gegen die
Festungen weit minder entwickelt war als das Verteidigungssystem, ist
unzaehlige Male der vollstaendigste Erfolg im Feld an den Mauern der
Hauptstaedte zerschellt. Rat und Buergerschaft in Karthago waren weitaus
nicht zu vergleichen mit Senat und Volk in Rom, Karthagos Gefahr nach
Regulus' erstem Feldzug unendlich dringender als die Roms nach der
Schlacht bei Cannae; und Karthago hatte standgehalten und vollstaendig
gesiegt. Mit welchem Schein konnte man meinen, dass Rom jetzt dem Sieger
die Schluessel entgegentragen oder auch nur einen billigen Frieden
annehmen werde? Statt also ueber solche leeren Demonstrationen moegliche
und wichtige Erfolge zu verscherzen oder die Zeit zu verlieren mit der
Belagerung der paar tausend roemischer Fluechtlinge in den Mauern von
Canusium, hatte sich Hannibal sofort nach Capua begeben, bevor die
Roemer Besatzung hineinwerfen konnten, und hatte durch sein Anruecken
diese zweite Stadt Italiens nach langem Schwanken zum Uebertritt
bestimmt. Er durfte hoffen, von Capua aus sich eines der kampanischen
Haefen bemaechtigen zu koennen, um dort die Verstaerkungen an sich zu
ziehen, welche seine grossartigen Siege der Opposition daheim abgerungen
hatten. Als die Roemer erfuhren, wohin Hannibal sich gewendet habe,
verliessen auch sie Apulien, wo nur eine schwache Abteilung zurueckblieb
und sammelten die ihnen gebliebenen Streitkraefte auf dem rechten Ufer
des Volturnus. Mit den zwei cannensischen Legionen marschierte Marcus
Marcellus nach Teanum Sidicinum, wo er von Rom und Ostia die zunaechst
verfuegbaren Truppen an sich zog, und ging, waehrend der Diktator Marcus
Junius mit der schleunigst neu gebildeten Hauptarmee langsam nachfolgte,
bis an den Volturnus nach Casilinum vor, um womoeglich Capua zu retten.
Dies zwar fand er schon in der Gewalt des Feindes; dagegen waren
dessen Versuche auf Neapel an dem mutigen Widerstand der Buergerschaft
gescheitert, und die Roemer konnten noch rechtzeitig in den wichtigen
Hafenplatz eine Besatzung werfen. Ebenso treu hielten zu Rom die beiden
anderen groesseren Kuestenstaedte, Cumae und Nuceria. In Nola schwankte
der Kampf zwischen der Volks- und der Senatspartei wegen des Anschlusses
an die Karthager oder an die Roemer. Benachrichtigt, dass die erstere
die Oberhand gewinne, ging Marcellus bei Caiatia ueber den Fluss und, an
den Hoehen von Suessula hin um die feindliche Armee herum marschierend,
erreichte er Nola frueh genug, um es gegen die aeusseren und die inneren
Feinde zu behaupten. Ja bei einem Ausfall schlug er Hannibal selber mit
namhaftem Verlust zurueck; ein Erfolg, der als die erste Niederlage, die
Hannibal erlitt, moralisch von weit groesserer Bedeutung war als durch
seine materiellen Resultate. Zwar wurden in Kampanien Nuceria, Acerrae
und nach einer hartnaeckigen, bis ins folgende Jahr (539 215) sich
hinziehenden Belagerung auch der Schluessel der Volturnuslinie,
Casilinum, von Hannibal erobert und ueber die Senate dieser Staedte, die
zu Rom gehalten hatten, die schwersten Blutgerichte verhaengt. Aber
das Entsetzen macht schlechte Propaganda; es gelang den Roemern, mit
verhaeltnismaessig geringer Einbusse den gefaehrlichen Moment der ersten
Schwaeche zu ueberwinden. Der Krieg kam in Kampanien zum Stehen, bis
der Winter einbrach und Hannibal in Capua Quartier nahm, durch dessen
Ueppigkeit seine seit drei Jahren nicht unter Dach gekommenen Truppen
keineswegs gewannen. Im naechsten Jahre (539 215) erhielt der Krieg
schon ein anderes Ansehen. Der bewaehrte Feldherr Marcus Marcellus
und Tiberius Sempronius Gracchus, der sich im vorjaehrigen Feldzug als
Reiterfuehrer des Diktators ausgezeichnet hatte, ferner der alte Quintus
Fabius Maximus traten, Marcellus als Prokonsul, die beiden andern als
Konsuln, an die Spitze der drei roemische Heere, welche bestimmt
waren, Capua und Hannibal zu umringen; Marcellus auf Nola und Suessula
gestuetzt, Maximus am rechten Ufer des Volturnus bei Cales sich
aufstellend, Gracchus an der Kueste, wo er Neapel und Cumae deckend bei
Liternum Stellung nahm. Die Kampaner, welche nach Hamae, drei Miglien
von Cumae, ausrueckten, um die Cumaner zu ueberrumpeln, wurden von
Gracchus nachdruecklich geschlagen; Hannibal, der, um die Scharte
auszuwetzen, vor Cumae erschienen war, zog selbst in einem Gefecht
den kuerzeren, und kehrte, da die von ihm angebotene Hauptschlacht
verweigert ward, unmutig nach Capua zurueck. Waehrend so die Roemer
in Kampanien nicht bloss behaupteten, was sie besassen, sondern auch
Compulteria und andere kleinere Plaetze wieder gewannen, erschollen
von Hannibals oestlichen Verbuendeten laute Klagen. Ein roemisches Heer
unter dem Praetor Marcus Valerius hatte bei Luceria sich aufgestellt,
teils um in Gemeinschaft mit der roemischen Flotte die Ostkueste und die
Bewegungen der Makedonier zu beobachten, teils um in Verbindung mit
der Armee von Nola die aufstaendigen Samniten, Lucaner und Hirpiner zu
brandschatzen. Um diesen Luft zu machen, wandte Hannibal zunaechst sich
gegen seinen taetigsten Gegner Marcus Marcellus; allein derselbe erfocht
unter den Mauern von Nola einen nicht unbedeutenden Sieg ueber die
phoenikische Armee, und diese musste, ohne die Scharte wieder ausgewetzt
zu haben, um den Fortschritten des feindlichen Heeres in Apulien endlich
zu steuern, von Kampanien nach Arpi aufbrechen. Ihr folgte Tiberius
Gracchus mit seinem Korps, waehrend die beiden anderen roemischen Heere
in Kampanien sich anschickten, mit dem naechsten Fruehjahr zum Angriff
auf Capua ueberzugehen. Hannibals klaren Blick hatten die Siege nicht
geblendet. Es ward immer deutlicher, dass er so nicht zum Ziele kam.
Jene raschen Maersche, jenes fast abenteuerliche Hin- und Herwerfen des
Krieges, denen Hannibal im wesentlichen seine Erfolge verdankte,
waren zu Ende, der Feind gewitzigt, weitere Unternehmungen durch die
unumgaengliche Verteidigung des Gewonnenen selbst fast unmoeglich
gemacht. An die Offensive liess sich nicht denken, die Defensive war
schwierig und drohte jaehrlich es mehr zu werden; er konnte es sich
nicht verleugnen, dass die zweite Haelfte seines grossen Tagwerks, die
Unterwerfung der Latiner und die Eroberung Roms, nicht mit seinen und
der italischen Bundesgenossen Kraeften allein beendigt werden konnte.
Die Vollendung stand bei dem Rat von Karthago, bei dem Hauptquartier
in Cartagena, bei den Hoefen von Pella und Syrakus. Wenn in Afrika,
Spanien, Sizilien, Makedonien jetzt alle Kraefte gemeinschaftlich
angestrengt wurden gegen den gemeinschaftlichen Feind; wenn Unteritalien
der grosse Sammelplatz ward fuer die Heere und Flotten von Westen,
Sueden und Osten, so konnte er hoffen, gluecklich zu Ende zu fuehren,
was die Vorhut unter seiner Leitung so glaenzend begonnen hatte. Das
Natuerlichste und Leichteste waere gewesen, ihm von daheim genuegende
Unterstuetzung zuzusenden; und der karthagische Staat, der vom Kriege
fast unberuehrt geblieben und von einer auf eigene Rechnung und Gefahr
handelnden kleinen Zahl entschlossener Patrioten aus tiefem Verfall dem
vollen Sieg so nahe gefuehrt war, haette dies ohne Zweifel vermocht.
Dass es moeglich gewesen waere, eine phoenikische Flotte von jeder
beliebigen Staerke bei Lokri oder Kroton landen zu lassen, zumal
solange, als der Hafen von Syrakus den Karthagern offenstand und durch
Makedonien die brundisinische Flotte in Schach gehalten ward, beweist
die ungehinderte Ausschiffung von 4000 Afrikanern, die Bomilkar dem
Hannibal um diese Zeit von Karthago zufuehrte, in Lokri, und mehr
noch Hannibals ungestoerte Ueberfahrt, als schon jenes alles verloren
gegangen war. Allein nachdem der erste Eindruck des Sieges von Cannae
sich verwischt hatte, wies die karthagische Friedenspartei, die zu
allen Zeiten bereit war, den Sturz der politischen Gegner mit dem des
Vaterlandes zu erkaufen, und die in der Kurzsichtigkeit und Laessigkeit
der Buergerschaft treue Verbuendete fand, die Bitten des Feldherrn um
nachdruecklichere Unterstuetzung ab mit der halb einfaeltigen, halb
tueckischen Antwort, dass er ja keine Hilfe brauche, wofern er wirklich
Sieger sei, und half so nicht viel weniger als der roemische Senat Rom
erretten. Hannibal, im Lager erzogen und dem staedtischen Parteigetriebe
fremd, fand keinen Volksfuehrer, auf den er sich haette stuetzen koennen
wie sein Vater auf Hasdrubal, und musste die Mittel zur Rettung der
Heimat, die diese selbst in reicher Fuelle besass, im Ausland suchen.
Hier durfte er, und wenigstens mit mehr Aussicht auf Erfolg, rechnen
auf die Fuehrer des spanischen Patriotenheeres, auf die in Syrakus
angeknuepften Verbindungen und auf Philippos' Intervention. Es kam alles
darauf an, von Spanien, Syrakus oder Makedonien neue Streitkraefte gegen
Rom auf den italischen Kampfplatz zu fuehren; und um dies zu erreichen
oder zu hindern, sind die Kriege in Spanien, Sizilien und Griechenland
gefuehrt worden. Sie sind alle nur Mittel zum Zweck, und sehr mit
Unrecht hat man sie oft hoeher angeschlagen. Fuer die Roemer sind
es wesentlich Defensivkriege, deren eigentliche Aufgabe ist, die
Pyrenaeenpaesse zu behaupten, die makedonische Armee in Griechenland
festzuhalten, Messana zu verteidigen und die Verbindung zwischen
Italien und Sizilien zu sperren; es versteht sich, dass diese Defensive
womoeglich offensiv gefuehrt wird und im guenstigen Fall sich entwickelt
zur Verdraengung der Phoeniker aus Spanien und Sizilien und zur
Sprengung der Buendnisse Hannibals mit Syrakus und mit Philippos. Der
italische Krieg an sich tritt zunaechst in den Hintergrund und loest
sich auf in Festungskaempfe und Razzias, die in der Hauptsache nichts
entscheiden. Allein Italien bleibt dennoch, solange die Phoeniker
ueberhaupt die Offensive festhalten, stets das Ziel der Operationen, und
alle Anstrengung wie alles Interesse knuepft sich daran, die Isolierung
Hannibals im suedlichen Italien aufzuheben oder zu verewigen. Waere es
moeglich gewesen, unmittelbar nach der Cannensischen Schlacht alle die
Hilfsmittel heranzuziehen, auf die Hannibal sich Rechnung machen durfte,
so konnte er des Erfolges ziemlich gewiss sein. Allein in Spanien war
Hasdrubals Lage eben damals nach der Schlacht am Ebro so bedenklich,
dass die Leistungen von Geld und Mannschaft, zu denen der cannensische
Sieg die karthagische Buergerschaft angespannt hatte, groesstenteils
fuer Spanien verwendet wurden, ohne dass doch die Lage der Dinge
dort dadurch viel besser geworden waere. Die Scipionen verlegten
den Kriegsschauplatz im folgenden Feldzug (539 215) vom Ebro an
den Guadalquivir und erfochten in Andalusien, mitten im eigentlich
karthagischen Gebiet, bei Illiturgi und Intibili zwei glaenzende Siege.
In Sardinien mit den Eingeborenen angeknuepfte Verbindungen liessen die
Karthager hoffen, dass sie sich der Insel wuerden bemaechtigen koennen,
die als Zwischenstation zwischen Spanien und Italien von Wichtigkeit
gewesen waere. Indes Titus Manlius Torquatus, der mit einem roemischen
Heer nach Sardinien gesendet ward, vernichtete die karthagische
Landungsarmee vollstaendig und sicherte den Roemern aufs neue den
unbestrittenen Besitz der Insel (539 215). Die nach Sizilien geschickten
cannensischen Legionen behaupteten im Norden und Osten der Insel
sich mutig und gluecklich gegen die Karthager und Hieronymos, welcher
letztere schon gegen Ende des Jahres 539 (215) durch Moerderhand seinen
Tod fand. Selbst mit Makedonien verzoegerte sich die Ratifikation
des Buendnisses, hauptsaechlich weil die makedonischen an Hannibal
gesendeten Boten auf der Rueckreise von den roemischen Kriegsschiffen
aufgefangen wurden. So unterblieb vorlaeufig die gefuerchtete Invasion
der Ostkueste, und die Roemer gewannen Zeit, die wichtigste Station
Brundisium zuerst mit der Flotte, alsdann auch mit dem vor der Ankunft
des Gracchus zur Deckung von Apulien verwendeten Landheer zu sichern und
fuer den Fall der Kriegserklaerung einen Einfall in Makedonien selbst
vorzubereiten. Waehrend also in Italien der Kampf zum Stehen und Stocken
kam, war ausserhalb Italien karthagischerseits nichts geschehen,
was neue Heere oder Flotten rasch nach Italien gefoerdert haette.
Roemischerseits hatte man sich dagegen mit der groessten Energie
ueberall in Verteidigungszustand gesetzt und in dieser Abwehr da, wo
Hannibals Genie fehlte, groesstenteils mit Erfolg gefochten. Darueber
verrauchte der kurzlebige Patriotismus, den der Cannensische Sieg in
Karthago erweckt hatte; die nicht unbedeutenden Streitkraefte, welche
man dort disponibel gemacht hatte, waren, sei es durch faktioese
Opposition, sei es bloss durch ungeschickte Ausgleichung der
verschiedenen, im Rat laut gewordenen Meinungen, so zersplittert worden,
dass sie nirgend wesentlich foerderten und da, wo sie am nuetzlichsten
gewesen waeren, eben der kleinste Teil hinkam. Am Ende des Jahres 539
(215) durfte auch der besonnene roemische Staatsmann sich sagen,
dass die dringende Gefahr vorueber sei und die heldenmuetig begonnene
Gegenwehr nur auf saemtlichen Punkten mit Anspannung aller Kraefte
auszuharren habe, um zum Ziel zu gelangen. Am ersten ging der Krieg in
Sizilien zu Ende. Es hatte nicht zunaechst in Hannibals Plan gelegen,
auf der Insel einen Kampf anzuspinnen, sondern halb zufaellig,
hauptsaechlich durch die knabenhafte Eitelkeit des unverstaendigen
Hieronymos war hier ein Landkrieg ausgebrochen, dessen, ohne Zweifel
eben aus diesem Grunde, der karthagische Rat mit besonderem Eifer sich
annahm. Nachdem Hieronymos zu Ende 539 (215) getoetet war, schien es
mehr als zweifelhaft, ob die Buergerschaft bei der von ihm befolgten
Politik verbleiben werde. Wenn irgend eine Stadt, so hatte Syrakus
Ursache an Rom festzuhalten, da der Sieg der Karthager ueber die Roemer
unzweifelhaft jenen wenigstens die Herrschaft ueber ganz Sizilien
geben musste und an eine wirkliche Einhaltung der von Karthago den
Syrakusanern gemachten Zusagen kein ernsthafter Mann glauben konnte.
Teils hierdurch bewogen, teils geschreckt durch die drohenden Anstalten