Tat hatte Hannibal in diesem Feldzug vollstaendig erreicht, was mit den

Waffen erreicht werden konnte: nicht eine einzige wesentliche Operation

hatten weder der stuermische noch der bedaechtige Gegner ihm vereitelt,

und seine Verproviantierung war, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit,

doch im wesentlichen so vollstaendig gelungen, dass dem Heer in dem

Lager bei Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorueberging. Nicht

der Zauderer hat Rom gerettet, sondern das feste Gefuege seiner

Eidgenossenschaft und vielleicht nicht minder der Nationalhass

der Okzidentalen gegen den phoenikischen Mann.

------------------------------------------------ ^3 Die Inschrift des

von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei Gerunium dem Hercules

Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei sacrom M. Minuci(us) C.

f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei S. Lorenzo aufgefunden

worden. ------------------------------------------------ Trotz aller

Unfaelle stand der roemische Stolz nicht minder aufrecht als die

roemische Symmachie. Die Geschenke, welche der Koenig Hieron von Syrakus

und die griechischen Staedte in Italien fuer den naechsten Feldzug

anboten - die letzteren traf der Krieg minder schwer als die uebrigen

italischen Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer stellten -,

wurden mit Dank abgelehnt; den illyrischen Haeuptlingen zeigte man an,

dass sie nicht saeumen moechten mit Entrichtung des Tributs; ja man

beschickte den Koenig von Makedonien abermals um die Auslieferung

des Demetrios von Pharos. Die Majoritaet des Senats war trotz der

Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem Zaudersystem des

Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von dieser den Staat zwar

langsam, aber sicher zugrunde richtenden Kriegfuehrung abzugehen; wenn

der Volksdiktator mit seiner energischeren Kriegfuehrung gescheitert

war, so schob man, und nicht mit Unrecht, die Ursache darauf, dass man

eine halbe Massregel getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe.

Diesen Fehler beschloss man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie

Rom noch keines ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fuenftel

ueber die Normalzahl verstaerkt, und die entsprechende Anzahl

Bundesgenossen, genug, um den nicht halb so starken Gegner zu

erdruecken. Ausserdem ward eine Legion unter dem Praetor Lucius

Postumius nach dem Potal bestimmt, um womoeglich die in Hannibals Heer

dienenden Kelten nach der Heimat zurueckzuziehen. Diese Beschluesse

waren verstaendig; es kam nur darauf an, auch ueber den Oberbefehl

angemessen zu bestimmen. Das starre Auftreten des Quintus Fabius und die

daran sich anspinnenden demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und

ueberhaupt den Senat unpopulaerer gemacht als je; im Volke ging, wohl

nicht ohne Schuld seiner Fuehrer, die toerichte Rede, dass der Senat den

Krieg absichtlich in die Laenge ziehe. Da also an die Ernennung eines

Diktators nicht zu denken war, versuchte der Senat die Wahl der Konsuln

angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und den Eigensinn erst

recht rege machte. Mit Muehe brachte der Senat den einen seiner

Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535

(219) den Illyrischen Krieg verstaendig gefuehrt hatte; die ungeheure

Majoritaet der Buerger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der

Volkspartei Gaius Terentius Varro, einen unfaehigen Mann, der nur

durch seine verbissene Opposition gegen den Senat und namentlich als

Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum Mitdiktator bekannt war,

und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige Geburt und seine

rohe Unverschaemtheit. Waehrend diese Vorbereitungen zu dem naechsten

Feldzug in Rom getroffen wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien

wieder begonnen. Sowie die Jahreszeit es gestattete, die Winterquartiere

zu verlassen, brach Hannibal, wie immer den Krieg bestimmend und die

Offensive fuer sich nehmend, von Gerunium in der Richtung nach Sueden

auf, ueberschritt an Luceria vorbeimarschierend den Aufidus und nahm das

Kastell von Cannae (zwischen Canosa und Barletta), das die canusinische

Ebene beherrschte und den Roemern bis dahin als Hauptmagazin gedient

hatte. Die roemische Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des

Herbstes verfassungsmaessig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt

von Gnaeus Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als

Prokonsuln kommandiert wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht

abzuwenden gewusst; aus militaerischen wie aus politischen Ruecksichten

ward es immer notwendiger, den Fortschritten Hannibals durch eine

Feldschlacht zu begegnen. Mit diesem bestimmten Auftrag des Senats

trafen denn auch die beiden neuen Oberbefehlshaber Paullus und Varro im

Anfang des Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier neuen Legionen

und dem entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie heranfuehrten,

stieg die roemische Armee auf 80000 Mann zu Fuss, halb Buerger, halb

Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Buerger, zwei Drittel

Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000 Reiter, aber

nur etwa 40000 Mann zu Fuss zaehlte. Hannibal wuenschte nichts mehr

als eine Schlacht, nicht bloss aus den allgemeinen, frueher eroerterten

Gruenden, sondern auch besonders deshalb, weil das weite apulische

Blachfeld ihm gestattete, die ganze Ueberlegenheit seiner Reiterei zu

entwickeln und weil die Verpflegung seiner zahlreichen Armee, hart an

dem doppelt so starken und auf eine Reihe von Festungen gestuetzten

Feind, trotz seiner ueberlegenen Reiterei sehr bald ungemein schwierig

zu werden drohte. Auch die Fuehrer der roemischen Streitmacht waren, wie

gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen und naeherten in dieser

Absicht sich dem Feinde; allein die einsichtigeren unter ihnen erkannten

Hannibals Lage und beabsichtigten daher, zunaechst zu warten und nur

nahe am Feinde sich aufzustellen, um ihn zum Abzug und zur Annahme der

Schlacht auf einem ihm minder guenstigen Terrain zu noetigen. Hannibal

lagerte bei Cannae am rechten Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein

Lager an beiden Ufern des Flusses auf, so dass die Hauptmacht am linken

Ufer zu stehen kam, ein starkes Korps aber am rechten unmittelbar dem

Feind gegenueber Stellung nahm, um ihm die Zufuhren zu erschweren,

vielleicht auch Cannae zu bedrohen. Hannibal, dem alles daran lag, bald

zum Schlagen zu kommen, ueberschritt mit dem Gros seiner Truppen den

Strom und bot auf dem linken Ufer die Schlacht an, die Paullus

nicht annahm. Allein dem demokratischen Konsul missfiel dergleichen

militaerische Pedanterie; es war so viel davon geredet worden, dass

man ausziehe, nicht um Posten zu stehen, sondern um die Schwerter zu

gebrauchen; er befahl, auf den Feind zu gehen, wo und wie man ihn eben

fand. Nach der alten toerichterweise beibehaltenen Sitte wechselte die

entscheidende Stimme im Kriegsrat zwischen dem Oberfeldherren Tag um

Tag; man musste also am folgenden Tage sich fuegen und dem Helden von

der Gasse seinen Willen tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite Blachfeld

der ueberlegenen Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte

allerdings auch er nicht schlagen; aber er beschloss, die gesamten

roemischen Streitkraefte auf dem rechten zu vereinigen und hier,

zwischen den karthagischen Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses

ernstlich bedrohend, die Schlacht anzubieten. Eine Abteilung von 10000

Mann blieb in dem roemischen Hauptlager zurueck mit dem Auftrag, das

karthagische waehrend des Gefechts wegzunehmen und damit dem feindlichen

Heere den Rueckzug ueber den Fluss abzuschneiden; das Gros der

roemischen Armee ueberschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August

nach dem unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender,

den in dieser Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht

wesentlich hindernden Fluss und stellte bei dem kleineren roemischen

Lager westlich von Cannae sich in Linie auf. Die karthagische Armee

folgte und ueberschritt gleichfalls den Strom, an den der rechte

roemische wie der linke karthagische Fluegel sich lehnten. Die roemische

Reiterei stand auf den Fluegeln, die schwaechere der Buergerwehr auf dem

rechten am Fluss, gefuehrt von Paullus, die staerkere bundesgenoessische

auf dem linken gegen die Ebene, gefuehrt von Varro. Im Mitteltreffen

stand das Fussvolk in ungewoehnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl

des Konsuls des Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenueber ordnete

Hannibal sein Fussvolk in halbmondfoermiger Stellung, so dass die

keltischen und iberischen Truppen in ihrer nationalen Ruestung die

vorgeschobene Mitte, die roemisch geruesteten Libyer auf beiden Seiten

die zurueckgenommenen Fluegel bildeten. An der Flussseite stellte die

gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der Seite nach

der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem

Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im

Gefecht. Wo die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere

Kavallerie focht, zog das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier

ohne Entscheidung sich hin. Dagegen im Mitteltreffen warfen die

Legionen die ihnen zuerst begegnenden spanischen und gallischen Truppen

vollstaendig; eilig draengten die Sieger nach und verfolgten ihren

Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Fluegel das Glueck

sich gegen die Roemer gewandt. Hannibal hatte den linken Reiterfluegel

der Feinde bloss beschaeftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen

regulaeren Reiterei gegen den schwaecheren rechten zu verwenden und

diesen zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die roemischen

Reiter und was nicht niedergehauen ward, wurde den Fluss hinaufgejagt

und in die Ebene versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem

Mitteltreffen, das Schicksal der Legionen zu wenden oder doch zu teilen.

Diese hatten, um den Sieg ueber die vorgeschobene feindliche Infanterie

besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in eine Angriffskolonne

verwandelt, die keilfoermig eindrang in das feindliche Zentrum. In

dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links einschwenkenden

libyschen Fussvolk von beiden Seiten heftig angegriffen und ein Teil von

ihnen gezwungen, Halt zu machen, um gegen die Flankenangriffe sich zu

verteidigen, wodurch das Vorruecken ins Stocken kam und die ohnehin

schon uebermaessig dicht gereihte Infanteriemasse nun gar nicht mehr

Raum fand, sich zu entwickeln. Inzwischen hatte Hasdrubal, nachdem er

mit dem Fluegel des Paullus fertig war, seine Reiter aufs neue gesammelt

und geordnet und sie hinter dem feindlichen Mitteltreffen weg gegen den

Fluegel des Varro gefuehrt. Dessen italische Reiterei, schon mit den

Numidiern hinreichend beschaeftigt, stob vor dem doppelten Angriff

schnell auseinander. Hasdrubal, die Verfolgung der Fluechtigen den

Numidiern ueberlassend, ordnete zum drittenmal seine Schwadronen, um sie

dem roemischen Fussvolk in den Ruecken zu fuehren. Dieser letzte Stoss

entschied. Flucht war nicht moeglich und Quartier ward nicht gegeben; es

ist vielleicht nie ein Heer von dieser Groesse so vollstaendig und mit

so geringem Verlust des Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet

worden wie das roemische bei Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000

Mann eingebuesst, wovon zwei Drittel auf die Kelten kamen, die der

erste Stoss der Legionen traf. Dagegen von den 76000 Roemern, die in

der Schlachtlinie gestanden hatten, deckten 70000 das Feld, darunter der

Konsul Lucius Paullus, der Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel der

Stabsoffiziere, achtzig Maenner senatorischen Ranges. Nur den Konsul

Marcus Varro rettete sein rascher Entschluss und sein gutes Pferd nach

Venusia, und er ertrug es zu leben. Auch die Besatzung des roemischen

Lagers, 10000 Mann stark, ward groesstenteils kriegsgefangen; nur einige

tausend Mann, teils aus diesen Truppen, teils aus der Linie, entkamen

nach Canusium. Ja als sollte in diesem Jahre durchaus mit Rom ein Ende

gemacht werden, fiel noch vor Ablauf desselben die nach Gallien

gesandte Legion in einen Hinterhalt und wurde mit ihrem Feldherrn Lucius

Postumius, dem fuer das naechste Jahr ernannten Konsul, von den Galliern

gaenzlich vernichtet. Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die

grosse politische Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach

Italien gegangen war. Er hatte seinen Plan wohl zunaechst auf sein Heer

gebaut; allein in richtiger Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht

sollte dies in seinem Sinn nur die Vorhut sein, mit der die Kraefte des

Westens und Ostens allmaehlich sich vereinigen wuerden, um der stolzen

Stadt den Untergang zu bereiten. Zwar diejenige Unterstuetzung, die die

gesichertste schien, die Nachsendungen von Spanien her, hatte das kuehne

und feste Auftreten des dorthin gesandten roemischen Feldherrn Gnaeus

Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Uebergang ueber die Rhone war

dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Kueste zwischen

den Pyrenaeen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch des

Binnenlandes bemaechtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537 217)

die karthagische Flotte an der Ebromuendung voellig geschlagen, hatte,

nachdem sein Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals,

mit Verstaerkung von 8000 Mann zu ihm gestossen war, sogar den Ebro

ueberschritten und war vorgedrungen bis gegen Sagunt. Zwar

hatte Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus Afrika

Verstaerkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders

gemaess eine Armee ueber die Pyrenaeen zu fuehren; allein die

Scipionen verlegten ihm den Uebergang ueber den Ebro und schlugen ihn

vollstaendig, etwa um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae

siegte. Die maechtige Voelkerschaft der Keltiberer und zahlreiche

andere spanische Staemme hatten den Scipionen sich zugewandt;

diese beherrschten das Meer und die Pyrenaeenpaesse und durch die

zuverlaessigen Massalioten auch die gallische Kueste. So war von Spanien

aus fuer Hannibal jetzt weniger als je Unterstuetzung zu erwarten. Von

Karthago war bisher zur Unterstuetzung des Feldherrn in Italien so viel

geschehen, wie man erwarten konnte: phoenikische Geschwader bedrohten

die Kuesten Italiens und der roemischen Inseln und hueteten Afrika vor

einer roemischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren Beistand

verhinderte nicht sowohl die Ungewissheit, wo Hannibal zu finden sei,

und der Mangel eines Landeplatzes in Italien, als die langjaehrige

Gewohnheit, dass das spanische Heer sich selbst genuege, vor allem aber

die grollende Friedenspartei. Hannibal empfand schwer die Folgen dieser

unverzeihlichen Untaetigkeit; trotz allen Sparens des Geldes und der

mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen allmaehlich leer, der Sold

kam in Rueckstand und die Reihen seiner Veteranen fingen an sich zu

lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae selbst

die faktioese Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische Senat

beschloss dem Feldherrn betraechtliche Unterstuetzungen an Geld und

Mannschaft, teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000

numidische Reiter und 40 Elefanten zur Verfuegung zu stellen und

in Spanien wie in Italien den Krieg energisch zu betreiben. Die

laengstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien war

anfangs durch Antigonos' ploetzlichen Tod, dann durch seines Nachfolgers

Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner hellenischen

Bundesgenossen unzeitigen Krieg gegen die Aetoler (534-537 220-217)

verzoegert worden. Erst jetzt, nach der Cannensischen Schlacht,

fand Demetrios von Pharos Gehoer bei Philippos mit dem Antrag, seine

illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten - sie massten freilich

erst den Roemern entrissen werden -, und erst jetzt schloss der Hof von

Pella ab mit Karthago. Makedonien uebernahm es, eine Landungsarmee

an die italische Ostkueste zu werfen, wogegen ihm die Rueckgabe der

roemischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward. In Sizilien hatte

Koenig Hieron zwar waehrend der Friedensjahre, soweit es mit Sicherheit

geschehen konnte, eine Neutralitaetspolitik eingehalten, und auch den

Karthagern waehrend der gefaehrlichen Krisen nach dem Frieden mit Rom

namentlich durch Kornsendungen sich gefaellig erwiesen. Es ist kein

Zweifel, dass er den abermaligen Bruch zwischen Karthago und Rom hoechst

ungern sah; aber ihn abzuwenden vermochte er nicht, und als er eintrat,

hielt er mit wohlberechneter Treue fest an Rom. Allein bald

darauf (Herbst 538 216) rief der Tod den alten Mann nach

vierundfuenfzigjaehriger Regierung ab. Der Enkel und Nachfolger des

klugen Greises, der junge unfaehige Hieronymus, liess sich sogleich

mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit

machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische

Grenze, dann sogar, da sein Uebermut stieg, den Besitz der ganzen Insel

vertragsmaessig zuzusichern, trat er in Buendnis mit Karthago und liess

mit der karthagischen Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen,

die syrakusanische sich vereinigen. Die Lage der roemischen Flotte

bei Lilybaeon, die schon mit dem zweiten, bei den aegatischen Inseln

postierten karthagischen Geschwader zu tun gehabt hatte, ward auf einmal

sehr bedenklich, waehrend zugleich die in Rom zur Einschiffung nach

Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen Niederlage

fuer andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden musste. Was

aber vor allem entscheidend war, jetzt endlich begann das Gebaeude der

roemischen Eidgenossenschaft aus den Fugen zu weichen, nachdem es die

Stoesse zweier schwerer Kriegsjahre unerschuettert ueberstanden hatte.

Es traten auf Hannibals Seite Arpi in Apulien und Uzentum in Messapien,

zwei alte, durch die roemischen Kolonien Luceria und Brundisium schwer

beeintraechtigte Staedte; die saemtlichen Staedte der Brettier - diese

zuerst von allen - mit Ausnahme der Peteliner und der Consentiner, die

erst belagert werden mussten; die Lucaner groesstenteils; die in die

Gegend von Salernum verpflanzten Picenter; die Hirpiner; die Samniten

mit Ausnahme der Pentrer; endlich und vornehmlich Capua, die zweite

Stadt Italiens, die 30000 Mann zu Fuss und 4000 Berittene ins Feld zu

stellen vermochte und deren Uebertritt den der Nachbarstaedte Atella

und Calatia entschied. Freilich widersetzte sich die vielfach an das

roemische Interesse gefesselte Adelspartei ueberall und namentlich in

Capua dem Parteiwechsel sehr ernstlich, und die hartnaeckigen inneren

Kaempfe, die hierueber entstanden, minderten nicht wenig den Vorteil,

den Hannibal von diesen Uebertritten zog. Er sah sich zum Beispiel

genoetigt, in Capua einen der Fuehrer der Adelspartei, den Decius

Magius, der noch nach dem Einruecken der Phoeniker hartnaeckig das

roemische Buendnis verfocht, festnehmen und nach Karthago abfuehren zu

lassen, um so den ihm selbst sehr ungelegenen Beweis zu liefern, was

es auf sich habe mit der von dem karthagischen Feldherrn soeben den

Kampanern feierlich zugesicherten Freiheit und Souveraenitaet. Dagegen

hielten die sueditalischen Griechen fest am roemischen Buendnis, wobei

die roemischen Besatzungen freilich auch das Ihrige taten, aber mehr

noch der sehr entschiedene Widerwille der Hellenen gegen die Phoeniker

selbst und deren neue lucanische und brettische Bundesgenossen, und

ihre Anhaenglichkeit an Rom, das jede Gelegenheit, seinen Hellenismus

zu betaetigen, eifrig benutzt und gegen die Griechen in Italien eine

ungewohnte Milde gezeigt hatte. So widerstanden die kampanischen

Griechen, namentlich Neapel, mutig Hannibals eigenem Angriff; dasselbe

taten in Grossgriechenland trotz ihrer sehr gefaehrdeten Stellung

Rhegion, Thurii, Metapont und Tarent. Kroton und Lokri dagegen wurden

von den vereinigten Brettiern und Phoenikern teils erstuermt, teils zur

Kapitulation gezwungen und die Krotoniaten nach Lokri gefuehrt, worauf

brettische Kolonisten jene wichtige Seestation besetzten. Dass die

sueditalischen Latiner, wie Brundisium, Venusia, Paestum, Cosa, Cales,

unerschuettert mit Rom hielten, versteht sich von selbst. Waren sie doch

die Zwingburgen der Eroberer im fremden Land, angesiedelt auf dem Acker

der Umwohner, mit ihren Nachbarn verfehdet; traf es doch sie zunaechst,

wenn Hannibal sein Wort wahr machte und jeder italischen Gemeinde

die alten Grenzen zurueckgab. In gleicher Weise gilt dies von ganz

Mittelitalien, dem. aeltesten Sitz der roemischen Herrschaft, wo

latinische Sitte und Sprache schon ueberall vorwog und man sich als

Genosse der Herrscher, nicht als Untertan fuehlte. Hannibals Gegner im

karthagischen Senat unterliessen nicht, daran zu erinnern, dass nicht

ein roemischer Buerger, nicht eine latinische Gemeinde sich Karthago

in die Arme geworfen habe. Dieses Grundwerk der roemischen Macht konnte

gleich der kyklopischen Mauer nur Stein um Stein zertruemmert werden.

Das waren die Folgen des Tages von Cannae, an dem die Bluete der

Soldaten und Offiziere der Eidgenossenschaft, ein Siebentel der gesamten

Zahl der kampffaehigen Italiker zugrunde ging. Es war eine grausame,

aber gerechte Strafe der schweren politischen Versuendigungen, die sich

nicht etwa bloss einzelne toerichte oder elende Maenner, sondern die

roemische Buergerschaft selbst hatte zu Schulden kommen lassen. Die fuer

die kleine Landstadt zugeschnittene Verfassung passte der Grossmacht

nirgend mehr; es war eben nicht moeglich, ueber die Frage, wer die Heere

der Stadt in einem solchen Kriege fuehren solle, Jahr fuer Jahr

die Pandorabuechse des Stimmkastens entscheiden zu lassen. Da eine

gruendliche Verfassungsrevision, wenn sie ueberhaupt ausfuehrbar war,

jetzt wenigstens nicht begonnen werden durfte, so haette zunaechst der

einzigen Behoerde, die dazu imstande war, dem Senat die tatsaechliche

Oberleitung des Krieges und namentlich die Vergebung und Verlaengerung

des Kommandos ueberlassen werden und den Komitien nur die formelle

Bestaetigung verbleiben sollen. Die glaenzenden Erfolge der Scipionen

auf dem schwierigen spanischen Kriegsschauplatz zeigten, was auf diesem

Wege sich erreichen liess. Allein die politische Demagogie, die bereits

an dem aristokratischen Grundbau der Verfassung nagte, hatte sich der

italischen Kriegfuehrung bemaechtigt; die unvernuenftige Beschuldigung,

dass die Vornehmen mit dem auswaertigen Feinde konspirierten, hatte

auf das "Volk" Eindruck gemacht. Die Heilande des politischen

Koehlerglaubens, die Gaius Flaminius und Gaius Varro, beide "neue

Maenner" und Volksfreunde vom reinsten Wasser, waren demnach zur

Ausfuehrung ihrer unter dem Beifall der Menge auf dem Markt entwickelten

Operationsplaene von eben dieser Menge beauftragt worden, und die

Ergebnisse waren die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae.

Dass der Senat, der begreiflicherweise seine Aufgabe jetzt besser

fasste, als da er des Regulus halbe Armee aus Afrika zurueckberief, die

Leitung der Angelegenheiten fuer sich begehrte und jenem Unwesen sich

widersetzte, war pflichtgemaess; allein auch er hatte, als die erste

jener beiden Niederlagen ihm fuer den Augenblick das Ruder in die Hand

gab, gleichfalls nicht unbefangen von Parteiinteressen gehandelt. So

wenig Quintus Fabius mit jenen roemischen Kleonen verglichen werden

darf, so hatte doch auch er den Krieg nicht bloss als Militaer gefuehrt,

sondern seine starre Defensive vor allem als politischer Gegner des

Gaius Flaminius festgehalten und in der Behandlung des Zerwuerfnisses

mit seinem Unterfeldherrn getan, was an ihm lag, um in einer Zeit,

die Einigkeit forderte, zu erbittern. Die Folge war erstlich, dass das

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 13 / 51 段