entging der Konsul Tiberius Sempronius der Gefangenschaft, als er mit

einem schwachen Reitertrupp der Wahlen wegen nach Rom ging. Hannibal,

der nicht durch weitere Maersche in der rauben Jahreszeit die Gesundheit

seiner Truppen aufs Spiel setzen wollte, bezog, wo er war, das

Winterbiwak und begnuegte sich, da ein ernstlicher Versuch auf die

groesseren Festungen zu nichts gefuehrt haben wuerde, durch Angriffe auf

den Flusshafen von Placentia und andere kleinere roemische Positionen

den Feind zu necken. Hauptsaechlich beschaeftigte er sich damit, den

gallischen Aufstand zu organisieren; ueber 60000 Fusssoldaten und 4000

Berittene sollen von den Kelten sich seinem Heer angeschlossen

haben. Fuer den Feldzug des Jahres 537 (217) wurden in Rom keine

ausserordentlichen Anstrengungen gemacht; der Senat betrachtete,

und nicht mit Unrecht, trotz der verlorenen Schlacht die Lage noch

keineswegs als ernstlich gefahrvoll. Ausser den Kuestenbesatzungen, die

nach Sardinien, Sizilien und Tarent, und den Verstaerkungen, die nach

Spanien abgingen, erhielten die beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius

und Gnaeus Servilius nur soviel Mannschaft, als noetig war, um die

vier Legionen wieder vollzaehlig zu machen; einzig die Reiterei wurde

verstaerkt. Sie sollten die Nordgrenze decken und stellten sich deshalb

an den beiden Kunststrassen auf, die von Rom nach Norden fuehrten, und

von denen die westliche damals bei Arretium, die oestliche bei Ariminum

endigte; jene besetzte Gaius Flaminius, diese Gnaeus Servilius. Hier

zogen sie die Truppen aus den Pofestungen, wahrscheinlich zu Wasser,

wieder an sich und erwarteten den Beginn der besseren Jahreszeit, um

in der Defensive die Apenninpaesse zu besetzen und, zur Offensive

uebergehend, in das Potal hinabzusteigen und etwa bei Placentia sich die

Hand zu reichen. Allein Hannibal hatte keineswegs die Absicht, das Potal

zu verteidigen. Er kannte Rom besser vielleicht, als die Roemer selbst

es kannten, und wusste sehr genau, wie entschieden er der Schwaechere

war und es blieb trotz der glaenzenden Schlacht an der Trebia; er wusste

auch, dass sein letztes Ziel, die Demuetigung Roms, von dem zaehen

roemischen Trotz weder durch Schreck noch durch Ueberraschung zu

erreichen sei, sondern nur durch die tatsaechliche Ueberwaeltigung der

stolzen Stadt. Es lag klar am Tage, wie unendlich ihm, dem von daheim

nur unsichere und unregelmaessige Unterstuetzung zukam und der in

Italien zunaechst nur auf das schwankende und latinische Kelterwolk

sich zu lehnen vermochte, die italische Eidgenossenschaft an politischer

Festigkeit und an militaerischen Hilfsmitteln ueberlegen war; und wie

tief trotz aller angewandten Muehe der phoenikische Fusssoldat unter dem

Legionaer taktisch stand, hatte die Defensive Scipios und der glaenzende

Rueckzug der geschlagenen Infanterie an der Trebia vollkommen erwiesen.

Aus dieser Einsicht flossen die beiden Grundgedanken, die Hannibals

ganze Handlungsweise in Italien bestimmt haben: den Krieg mit stetem

Wechsel des Operationsplans und des Schauplatzes, gewissermassen

abenteuernd zu fuehren, die Beendigung desselben aber nicht von

den militaerischen Erfolgen, sondern von den politischen, von der

allmaehlichen Lockerung und der endlichen Sprengung der italischen

Eidgenossenschaft zu erwarten. Jene Fuehrung war notwendig, weil das

einzige, was Hannibal gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu

werfen hatte, sein militaerisches Genie nur dann vollstaendig ins

Gewicht fiel, wenn er seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen

deroutierte, und er verloren war, sowie der Krieg zum Stehen kam.

Dieses Ziel war das von der richtigen Politik ihm gebotene, weil er, der

gewaltige Schlachtensieger, sehr deutlich einsah, dass er jedesmal die

Generale ueberwand und nicht die Stadt, und nach jeder neuen Schlacht

die Roemer den Karthagern ebenso ueberlegen blieben, wie er den

roemischen Feldherren. Dass Hannibal selbst auf dem Gipfel des Gluecks

sich nie hierueber getaeuscht hat, ist bewunderungswuerdiger als seine

bewundertsten Schlachten. Dies und nicht die Bitten der Gallier um

Schonung ihres Landes, die ihn nicht bestimmen durften, ist auch die

Ursache, warum Hannibal seine neugewonnene Operationsbasis gegen Italien

jetzt gleichsam fallen liess und den Kriegsschauplatz nach Italien

selbst verlegte. Vorher hiess er alle Gefangenen sich vorfuehren.

Die Roemer liess er aussondern und mit Sklavenfesseln belasten - dass

Hannibal alle waffenfaehigen Roemer, die ihm hier und sonst in die

Haende fielen, habe niedermachen lassen, ist ohne Zweifel mindestens

stark uebertrieben; dagegen wurden die saemtlichen italischen

Bundesgenossen ohne Loesegeld entlassen, um daheim zu berichten, dass

Hannibal nicht gegen Italien Krieg fuehre, sondern gegen Rom; dass er

jeder italischen Gemeinde die alte Unabhaengigkeit und die alten Grenzen

wieder zusichere und dass den Befreiten der Befreier auf dem Fusse folge

als Retter und als Raecher. In der Tat bracher, da der Winter zu

Ende ging, aus dem Potal auf, um sich einen Weg durch die schwierigen

Defileen des Apennin zu suchen. Gaius Flaminius mit der etruskischen

Armee stand vorlaeufig noch bei Arezzo, um von hier aus zur Deckung des

Arnotales und der Apenninpaesse etwa nach Lucca abzuruecken, sowie

es die Jahreszeit erlaubte. Allein Hannibal kam ihm zuvor. Der

Apenninuebergang ward in moeglichst westlicher Richtung, das heisst

moeglichst weit vom Feinde, ohne grosse Schwierigkeit bewerkstelligt;

allein die sumpfigen Niederungen zwischen dem Serchio und dem Arno waren

durch die Schneeschmelze und die Fruehlingsregen so ueberstaut, dass

die Armee vier Tage im Wasser zu marschieren hatte, ohne auch nur zur

naechtlichen Rast einen anderen trockenen Platz zu finden, als den das

zusammengehaeufte Gepaeck und die gefallenen Saumtiere darboten. Die

Truppen litten unsaeglich, namentlich das gallische Fussvolk, das hinter

dem karthagischen in den schon grundlosen Wegen marschierte; es murrte

laut und waere ohne Zweifel in Masse ausgerissen, wenn nicht die

karthagische Reiterei unter Mago, die den Zug beschloss, ihm die Flucht

unmoeglich gemacht haette. Die Pferde, unter denen die Klauenseuche

ausbrach, fielen haufenweise; andere Seuchen dezimierten die Soldaten;

Hannibal selbst verlor infolge einer Entzuendung das eine Auge. Indes

das Ziel ward erreicht; Hannibal lagerte bei Fiesole, waehrend Gaius

Flaminius noch bei Arezzo abwartete, dass die Wege gangbar wuerden, um

sie zu sperren. Nachdem die roemische Defensivstellung somit umgangen

war, konnte der Konsul, der vielleicht stark genug gewesen waere, um

die Bergpaesse zu verteidigen, aber sicher nicht imstande war, Hannibal

jetzt im offenen Felde zu stehen, nichts Besseres tun als warten,

bis das zweite, nun bei Ariminum voellig ueberfluessig gewordene Heer

herankam. Indes er selber urteilte anders. Er war ein politischer

Parteifuehrer, durch seine Bemuehungen, die Macht des Senats zu

beschraenken, in die Hoehe gekommen, durch die gegen ihn waehrend

seiner Konsulate gesponnenen aristokratischen Intrigen auf die Regierung

erbittert, durch die wohl gerechtfertigte Opposition gegen deren

parteilichen Schlendrian fortgerissen zu trotziger Ueberhebung ueber

Herkommen und Sitte, berauscht zugleich von der blinden Liebe des

gemeinen Mannes und ebenso sehr von dem bitteren Hass der Herrenpartei,

und ueber alles dies mit der fixen Idee behaftet, dass er ein

militaerisches Genie sei. Sein Feldzug gegen die Insubrer von 531

(223), der fuer unbefangene Urteiler nur bewies, dass tuechtige Soldaten

oefters gutmachen, was schlechte Generale verderben, galt ihm und

seinen Anhaengern als der unumstoessliche Beweis, dass man nur den Gaius

Flaminius an die Spitze des Heeres zu stellen brauche, um dem Hannibal

ein schnelles Ende zu bereiten. Solche Reden hatten ihm das zweite

Konsulat verschafft, und solche Hoffnungen hatten jetzt eine derartige

Menge von unbewaffneten Beutelustigen in sein Lager gefuehrt, dass

deren Zahl nach der Versicherung nuechterner Geschichtschreiber die der

Legionarier ueberstieg. Zum Teil hierauf gruendete Hannibal seinen Plan.

Weit entfernt, ihn anzugreifen, marschierte er an ihm vorbei und liess

durch die Kelten, die das Pluendern gruendlich verstanden, und die

zahlreiche Reiterei die Landschaft rings umher brandschatzen. Die Klagen

und die Erbitterung der Menge, die sich musste auspluendern lassen unter

den Augen des Helden, der sie zu bereichern versprochen; das Bezeigen

des Feindes, dass er ihm weder die Macht noch den Entschluss zutraue,

vor der Ankunft seines Kollegen etwas zu unternehmen, mussten einen

solchen Mann bestimmen, sein strategisches Genie zu entwickeln und dem

unbesonnenen hochmuetigen Feind eine derbe Lektion zu erteilen. Nie ist

ein Plan vollstaendiger gelungen. Eilig folgte der Konsul dem Marsch des

Feindes, der an Arezzo vorueber langsam durch das reiche Chianatal gegen

Perugia zog; er erreichte ihn in der Gegend von Cortona, wo Hannibal,

genau unterrichtet von dem Marsch seines Gegners, volle Zeit gehabt

hatte, sein Schlachtfeld zu waehlen, ein enges Defilee zwischen zwei

steilen Bergwaenden, das am Ausgang ein hoher Huegel, am Eingang der

Trasimenische See schloss. Mit dem Kern seiner Infanterie verlegte er

den Ausweg; die leichten Truppen und die Reiterei stellten zu beiden

Seiten verdeckt sich auf. Unbedenklich rueckten die roemischen Kolonnen

in den unbesetzten Pass; der dichte Morgennebel verbarg ihnen die

Stellung des Feindes. Wie die Spitze des roemischen Zuges sich dein

Huegel naeherte, gab Hannibal das Zeichen zur Schlacht; zugleich schloss

die Reiterei, hinter den Huegeln vorrueckend, den Eingang des Passes

und auf den Raendern rechts und links zeigten die verziehenden Nebel

ueberall phoenikische Waffen. Es war kein Treffen, sondern nur eine

Niederlage. Was ausserhalb des Defilees geblieben war, wurde von den

Reitern in den See gesprengt, der Hauptzug in dem Passe selbst fast ohne

Gegenwehr vernichtet und die meisten, darunter der Konsul selbst, in der

Marschordnung niedergehauen. Die Spitze der roemischen Heersaeule, 6000

Mann zu Fuss schlugen sich zwar durch das feindliche Fussvolk durch

und bewiesen wiederum die unwiderstehliche Gewalt der Legionen; allein

abgeschnitten und ohne Kunde von dem uebrigen Heer, marschierten sie

aufs Geratewohl weiter, wurden am folgenden Tag auf einem Huegel, den

sie besetzt hatten, von einem karthagischen Reiterkorps umzingelt und

da die Kapitulation, die ihnen freien Abzug versprach, von Hannibal

verworfen ward, saemtlich als kriegsgefangen behandelt. 15000 Roemer

waren gefallen, ebenso viele gefangen, das heisst das Heer war

vernichtet; der geringe karthagische Verlust - 1500 Mann - traf wieder

vorwiegend die Gallier ^2. Und als waere dies nicht genug, so ward

gleich nach der Schlacht am Trasimenischen See die Reiterei des

ariminensischen Heeres unter Gaius Centenius, 4000 Mann stark, die

Gnaeus Servilius, selber langsam nachrueckend, vorlaeufig seinem

Kollegen zu Hilfe sandte, gleichfalls von dem phoenikischen Heer

umzingelt und teils niedergemacht, teils gefangen. Ganz Etrurien war

verloren und ungehindert konnte Hannibal auf Rom marschieren. Dort

machte man sich auf das Aeusserste gefasst; man brach die Tiberbruecken

ab und ernannte den Quintus Fabius Maximus zum Diktator, um die Mauern

instand zu setzen und die Verteidigung zu leiten, fuer welche ein

Reserveheer gebildet ward. Zugleich wurden zwei neue Legionen anstatt

der vernichteten unter die Waffen gerufen und die Flotte, die im

Fall einer Belagerung wichtig werden konnte, instand gesetzt.

----------------------------------------------- ^2 Das Datum der

Schlacht, 23. Juni nach dem unberichtigten Kalender, muss nach dem

berichtigten etwa in den April fallen, da Quintus Fabius seine Diktatur

nach sechs Monaten in der Mitte des Herbstes (Liv. 22, 31, 7; 32, 1)

niederlegte, also sie etwa Anfang Mai antrat. Die Kalenderverwirrung

war schon in dieser Zeit in Rom sehr arg.

------------------------------------------------ Allein Hannibal sah

weiter als Koenig Pyrrhos. Er marschierte nicht auf Rom; auch nicht

gegen Gnaeus Servilius, der, ein tuechtiger Feldherr, seine Armee mit

Hilfe der Festungen an der Nordstrasse auch jetzt unversehrt erhalten

und vielleicht den Gegner sich gegenueber festgehalten haben wuerde. Es

geschah wieder einmal etwas ganz Unerwartetes. An der Festung Spoletium

vorbei, deren Ueberrumpelung fehlschlug, marschierte Hannibal durch

Umbrien, verheerte entsetzlich das ganz mit roemischen Bauernhoefen

bedeckte picenische Gebiet und machte Halt an den Ufern des Adriatischen

Meeres. Menschen und Pferde in seinem Heer hatten noch die Nachwehen der

Fruehlingskampagne nicht verwunden; hier hielt er eine laengere Rast,

um in der anmutigen Gegend und der schoenen Jahreszeit sein Heer sich

erholen zu lassen und sein libysches Fussvolk in roemischer Weise zu

reorganisieren, wozu die Masse der erbeuteten roemischen Waffen ihm die

Mittel darbot. Von hier aus knuepfte er ferner die lange unterbrochenen

Verbindungen mit der Heimat wieder an, indem er zu Wasser seine

Siegesbotschaften nach Karthago sandte. Endlich, als sein Heer

hinreichend sich wiederhergestellt hatte und der neue Waffendienst

genugsam geuebt war, brach er auf und marschierte langsam an der Kueste

hinab in das suedliche Italien hinein. Er hatte richtig gerechnet, als

er zu dieser Umgestaltung der Infanterie sich jetzt entschloss;

die Ueberraschung der bestaendig eines Angriffs auf die Hauptstadt

gewaertigen Gegner liess ihm mindestens vier Wochen ungestoerter Musse

zur Verwirklichung des beispiellos verwegenen Experiments, im Herzen

des feindlichen Landes mit einer noch immer verhaeltnismaessig geringen

Armee sein militaerisches System vollstaendig zu aendern und den

Versuch zu machen, den unbesiegbaren italischen afrikanische Legionen

gegenueberzustellen. Allein seine Hoffnung, dass die Eidgenossenschaft

nun anfangen werde, sich zu lockern, erfuellte sich nicht. Auf die

Etrusker, die schon ihre letzten Unabhaengigkeitskriege vorzugsweise mit

gallischen Soeldnern gefuehrt hatten, kam es hierbei am wenigsten an;

der Kern der Eidgenossenschaft, namentlich in militaerischer Hinsicht,

waren naechst den latinischen die sabellischen Gemeinden, und mit gutem

Grund hatte Hannibal jetzt diesen sich genaehert. Allein eine Stadt

nach der andern schloss ihre Tore; nicht eine einzige italische Gemeinde

machte Buendnis mit dem Phoeniker. Damit war fuer die Roemer viel, ja

alles gewonnen; indes man begriff in der Hauptstadt, wie unvorsichtig

es sein wuerde, die Treue der Bundesgenossen auf eine solche Probe zu

stellen, ohne dass ein roemisches Heer das Feld hielt. Der Diktator

Quintus Fabius zog die beiden in Rom gebildeten Ersatzlegionen und das

Heer von Ariminum zusammen, und als Hannibal an der roemischen Festung

Luceria vorbei gegen Arpi marschierte, zeigten sich in seiner rechten

Flanke bei Aeca die roemischen Feldzeichen. Ihr Fuehrer indes verfuhr

anders als seine Vorgaenger. Quintus Fabius war ein hochbejahrter Mann,

von einer Bedachtsamkeit und Festigkeit, die nicht wenigen als Zauderei

und Eigensinn erschien; ein eifriger Verehrer der guten alten Zeit,

der politischen Allmacht des Senats und des Buergermeisterkommandos

erwartete er das Heil des Staates naechst Opfern und Gebeten von der

methodischen Kriegfuehrung. Politischer Gegner des Gaius Flaminius und

durch die Reaktion gegen dessen toerichte Kriegsdemagogie an die Spitze

der Geschaefte gerufen, ging er ins Lager ab, ebenso fest entschlossen,

um jeden Preis eine Hauptschlacht zu vermeiden, wie sein Vorgaenger, um

jeden Preis eine solche zu liefern, und ohne Zweifel ueberzeugt,

dass die ersten Elemente der Strategik Hannibal verbieten wuerden

vorzuruecken, solange das roemische Heer intakt ihm gegenueberstehe,

und dass es also nicht schwer halten werde, die auf das Fouragieren

angewiesene feindliche Armee im kleinen Gefecht zu schwaechen und

allmaehlich auszuhungern. Hannibal, wohlbedient von seinen Spionen

in Rom und im roemischen Heer, erfuhr den Stand der Dinge sofort und

richtete wie immer seinen Feldzugsplan ein nach der Individualitaet des

feindlichen Anfuehrers. An dem roemischen Heer vorbei marschierte er

ueber den Apennin in das Herz von Italien nach Benevent, nahm die offene

Stadt Telesia an der Grenze von Samnium und Kampanien und wandte

sich von da gegen Capua, das als die bedeutendste unter allen von

Rom abhaengigen italischen Staedten und die einzige Rom einigermassen

ebenbuertige darum den Druck des roemischen Regiments schwerer als

irgendeine andere empfand. Er hatte dort Verbindungen angeknuepft, die

den Abfall der Kampaner vom roemischen Buendnis hoffen liessen: allein

diese Hoffnung schlug ihm fehl. So wieder rueckwaerts sich wendend

schlug er die Strasse nach Apulien ein. Der Diktator war waehrend dieses

ganzen Zuges der karthagischen Armee auf die Hoehen gefolgt und hatte

seine Soldaten zu der traurigen Rolle verurteilt, mit den Waffen in der

Hand zuzusehen, wie die numidischen Reiter weit und breit die treuen

Bundesgenossen pluenderten und in der ganzen Ebene die Doerfer in

Flammen aufgingen. Endlich eroeffnete er der erbitterten roemischen

Armee die sehnlich herbeigewuenschte Gelegenheit, an den Feind zu

kommen. Wie Hannibal den Rueckmarsch angetreten, sperrte ihm Fabius den

Weg bei Casilinum (dem heutigen Capua), indem er auf dem linken Ufer des

Volturnus diese Stadt stark besetzte und auf dem rechten die kroenenden

Hoehen mit seiner Hauptarmee einnahm, waehrend eine Abteilung von 4000

Mann auf der am Fluss hinfuehrenden Strasse selbst sich lagerte. Allein

Hannibal hiess seine Leichtbewaffneten die Anhoehen, die unmittelbar

neben der Strasse sich erhoben, erklimmen und von hier aus eine Anzahl

Ochsen mit angezuendeten Reisbuendeln auf den Hoernern vortreiben, so

dass es schien, als zoege dort die karthagische Armee in naechtlicher

Weile bei Fackelschein ab. Die roemische Abteilung, die die Strasse

sperrte, sich umgangen und die fernere Deckung der Strasse ueberfluessig

waehnend, zog sich seitwaerts auf dieselben Anhoehen; auf der dadurch

freigewordenen Strasse zog Hannibal dann mit dem Gros seiner Armee ab,

ohne dem Feind zu begegnen, worauf er am anderen Morgen ohne Muehe und

mit starkem Verlust fuer die Roemer seine leichten Truppen degagierte

und zuruecknahm. Ungehindert setzte Hannibal darauf seinen Marsch in

nordoestlicher Richtung fort und kam auf weiten Umwegen, nachdem er die

Landschaften der Hirpiner, Kampaner, Samniten, Paeligner und Frentaner

ohne Widerstand durchzogen und gebrandschatzt hatte, mit reicher Beute

und voller Kasse wieder in der Gegend von Luceria an, als dort eben die

Ernte beginnen sollte. Nirgend auf dem weiten Marsch hatte er taetigen

Widerstand, aber nirgend auch Bundesgenossen gefunden. Wohl erkennend,

dass ihm nichts uebrig blieb, als sich auf Winterquartiere im offenen

Felde einzurichten, begann er die schwierige Operation, den Winterbedarf

des Heeres durch dieses selbst von den Feldern der Feinde einbringen zu

lassen. Die weite, groesstenteils flache nordapulische Landschaft, die

Getreide und Futter im Ueberfluss darbot und von seiner ueberlegenen

Reiterei gaenzlich beherrscht werden konnte, hatte er hierzu sich

ausersehen. Bei Gerunium, fuenf deutsche Meilen noerdlich von Luceria,

ward ein verschanztes Lager angelegt, aus dem zwei Drittel des Heeres

taeglich zum Einbringen der Vorraete ausgesendet wurden, waehrend

Hannibal mit dem Rest Stellung nahm, um das Lager und die ausgesendeten

Detachements zu decken. Der Reiterfuehrer Marcus Minucius, der

im roemischen Lager in Abwesenheit des Diktators den Oberbefehl

stellvertretend fuehrte, hielt die Gelegenheit geeignet, um naeher an

den Feind heranzuruecken und bezog ein Lager im larinatischen Gebiet,

wo er auch teils durch seine blosse Anwesenheit die Detachierungen und

dadurch die Verproviantierung des feindlichen Heeres hinderte, teils

in einer Reihe gluecklicher Gefechte, die seine Truppen gegen einzelne

phoenikische Abteilungen und sogar gegen Hannibal selbst bestanden, die

Feinde aus ihren vorgeschobenen Stellungen verdraengte und sie noetigte,

sich bei Gerunium zu konzentrieren. Auf die Nachricht von diesen

Erfolgen, die begreiflich bei der Darstellung nicht verloren, brach in

der Hauptstadt der Sturm gegen Quintus Fabius los. Er war nicht ganz

ungerechtfertigt. So weise es war, sich roemischerseits verteidigend zu

verhalten und den Haupterfolg von dem Abschneiden der Subsistenzmittel

des Feindes zu erwarten, so war es doch ein seltsames Verteidigungs- und

Aushungerungssystem, das dem Feind gestattete, unter den Augen einer

an Zahl gleichen roemischen Armee ganz Mittelitalien ungehindert zu

verwuesten und durch eine geordnete Fouragierung im groessten Massstab

sich fuer den Winter hinreichend zu verproviantieren. So hatte Publius

Scipio, als er im Potal kommandierte, die defensive Haltung nicht

verstanden, und der Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei

Casilinum auf eine Weise gescheitert, die den staedtischen Spottvoegeln

reichlichen Stoff gab. Es war bewundernswert, dass die italischen

Gemeinden nicht wankten, als ihnen Hannibal die Ueberlegenheit der

Phoeniker, die Nichtigkeit der roemischen Hilfe so fuehlbar dartat;

allein wie lange konnte man ihnen zumuten, die zwiefache Kriegslast

zu ertragen und sich unter den Augen der roemischen Truppen und ihrer

eigenen Kontingente auspluendern zu lassen? Endlich, was das roemische

Heer anlangte, so konnte man nicht sagen, dass es den Feldherrn zu

dieser Kriegfuehrung noetigte; es bestand seinem Kerne nach aus

den tuechtigen Legionen von Ariminum und daneben aus einberufener,

groesstenteils ebenfalls dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt,

durch die letzten Niederlagen entmutigt zu sein, war es erbittert ueber

die wenig ehrenvolle Aufgabe, die sein Feldherr, "Hannibals Lakai", ihm

zuwies, und verlangte mit lauter Stimme, gegen den Feind gefuehrt zu

werden. Es kam zu den heftigsten Auftritten in den Buergerversammlungen

gegen den eigensinnigen alten Mann; seine politischen Gegner, an ihrer

Spitze der gewesene Praetor Gaius Terentius Varro, bemaechtigten

sich des Haders - wobei man nicht vergessen darf, dass der Diktator

tatsaechlich vom Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das Palladium

der konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen

Soldaten und den Besitzern der gepluenderten Gueter den verfassungs- und

sinnwidrigen Volksbeschluss durch: die Diktatur, die dazu bestimmt

war, in Zeiten der Gefahr die Uebelstaende des geteilten Oberbefehls

zu beseitigen, in gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen

bisherigem Unterfeldherrn Marcus Minucius zu erteilen ^3. So wurde die

roemische Armee, nachdem ihre gefaehrliche Spaltung in zwei abgesonderte

Korps eben erst zweckmaessig beseitigt worden war, nicht bloss wiederum

geteilt, sondern auch an die Spitze der beiden Haelften Fuehrer

gestellt, welche offenkundig geradezu entgegengesetzte Kriegsplaene

befolgten. Quintus Fabius blieb natuerlich mehr als je bei seinem

methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genoetigt, seinen Diktatortitel

auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff uebereilt und mit geringen

Streitkraeften an und waere vernichtet worden, wenn nicht hier

sein Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines frischen Korps

groesseres Unglueck abgewandt haette. Diese letzte Wendung der Dinge gab

dem System des passiven Widerstandes gewissermassen Recht. Allein in der

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 12 / 51 段