den Marsch des Fussvolks begleitend, ihm durch geschleuderte oder

herabgerollte Steine sehr betraechtlichen Verlust zufuegten. An dem

"weissen Stein" (noch jetzt la roche blanche), einem hohen, am Fusse des

Bernhard einzeln stehenden und den Aufweg auf denselben beherrschenden

Kreidefels, lagerte Hannibal mit seinem Fussvolk, den Abzug der die

ganze Nacht hindurch muehsam hinaufklimmenden Pferde und Saumtiere

zu decken, und erreichte unter bestaendigen, sehr blutigen Gefechten

endlich am folgenden Tage die Passhoehe. Hier, auf der geschuetzten

Hochebene, die sich um einen kleinen See, die Quelle der Doria, in einer

Ausdehnung von etwa 2« Miglien ausbreitet, liess er die Armee rasten.

Die Entmutigung hatte angefangen, sich der Gemueter der Soldaten zu

bemaechtigen. Die immer schwieriger werdenden Wege, die zu Ende

gehenden Vorraete, die Defileenmaersche unter bestaendigen Angriffen des

unerreichbaren Feindes, die arg gelichteten Reihen, die hoffnungslose

Lage der Versprengten und Verwundeten, das nur der Begeisterung des

Fuehrers und seiner Naechsten nicht chimaerisch erscheinende Ziel,

fingen an, auch auf die afrikanischen und spanischen Veteranen zu

wirken. Indes die Zuversicht des Feldherrn blieb sich immer gleich;

zahlreiche Versprengte fanden sich wieder ein; die befreundeten Gallier

waren nah, die Wasserscheide erreicht und der dem Bergwanderer so

erfreuliche Blick auf den absteigenden Pfad eroeffnet; nach kurzer

Rast schickte man mit erneutem Mute zu dem letzten und schwierigsten

Unternehmen, dem Hinabmarsch sich an. Von Feinden ward das Heer dabei

nicht wesentlich beunruhigt; aber die vorgerueckte Jahreszeit - man war

schon im Anfang September - vertrat bei dem Niederweg das Ungemach, das

bei dem Aufweg die Ueberfaelle der Anwohner bereitet hatten. Auf

dem steilen und schluepfrigen Berghang laengs der Doria, wo der

frischgefallene Schnee die Pfade verborgen und verdorben hatte,

verirrten und glitten Menschen und Tiere und stuerzten in die Abgruende;

ja gegen das Ende des ersten Tagemarsches gelangte man an eine

Wegstrecke von etwa 200 Schritt Laenge, auf welche von den steil

darueber haengenden Felsen des Cramont bestaendig Lawinen hinabstuerzen

und wo in kalten Sommern der Schnee das ganze Jahr liegt. Das Fussvolk

kam hinueber; aber Pferde und Elefanten vermochten die glatten

Eismassen, ueber welche nur eine duenne Decke frischgefallenen Schnees

sich hinzog, nicht zu passieren und mit dem Trosse, der Reiterei und den

Elefanten nahm der Feldherr oberhalb der schwierigen Stelle das Lager.

Am folgenden Tag bahnten die Reiter durch angestrengtes Schanzen den Weg

fuer Pferde und Saumtiere; allein erst nach einer ferneren dreitaegigen

Arbeit mit bestaendiger Abloesung der Haende konnten endlich die

halbverhungerten Elefanten hinuebergefuehrt werden. So war nach

viertaegigem Aufenthalt die ganze Armee wieder vereinigt und nach einem

weiteren dreitaegigen Marsch durch das immer breiter und fruchtbarer

sich entwickelnde Tal der Doria, dessen Einwohner, die Salasser,

Klienten der Insubrer, in den Karthagern ihre Verbuendeten und ihre

Befreier begruessten, gelangte die Armee um die Mitte des September

in die Ebene von Ivrea, wo die erschoepften Truppen in den Doerfern

einquartiert wurden, um durch gute Verpflegung und eine vierzehntaegige

Rast von den beispiellosen Strapazen sich zu erholen. Haetten die

Roemer, wie sie es konnten, ein Korps von 30000 ausgeruhten und

kampffertigen Leuten etwa bei Turin gehabt und die Schlacht sofort

erzwungen, so haette es misslich ausgesehen um Hannibals grossen Plan;

zum Glueck fuer ihn waren sie wieder einmal nicht, wo sie sein sollten,

und stoerten die feindlichen Truppen nicht in der Ruhe, deren sie so

sehr bedurften ^4. ------------------------------------------- ^4

Die vielbestrittenen topographischen Fragen, die an diese beruehmte

Expedition sich knuepfen, koennen als erledigt und im wesentlichen als

geloest gelten durch die musterhaft gefuehrte Untersuchung der

Herren Wickham und Gramer. Ueber die chronologischen, die gleichfalls

Schwierigkeiten darbieten, moegen hier ausnahmsweise einige Bemerkungen

stehen. Als Hannibal auf den Gipfel des Bernhard gelangte, "fingen die

Spitzen schon an, sich dicht mit Schnee zu bedecken" (Polyb. 3, 54); auf

dem Wege lag Schnee (Polyb. 3, 55), aber vielleicht groesstenteils nicht

frisch gefallener, sondern Schnee von herabgestuerzten Lawinen. Auf dem

Bernhard beginnt der Winter um Michaelis, der Schneefall im September;

als Ende August die genannten Englaender den Berg ueberstiegen, fanden

sie fast gar keinen Schnee auf ihrem Wege, aber zu beiden Seiten die

Bergabhaenge davon bedeckt. Hiernach scheint Hannibal Anfang September

auf dem Pass angelangt zu sein; womit auch wohl vereinbar ist, dass

er dort eintraf, "als schon der Winter herannahte" - denn mehr ist

synaptein t/e/n t/e/s pleiados d?sin (Polyb. 3, 54) nicht, am wenigsten

der Tag des Fruehuntergangs der Plejaden (etwa 26. Oktober); vgl. C.

L. Ideler, Lehrbuch der Chronologie. Berlin 1831. Bd. 1, S. 241. Kam

Hannibal neun Tage spaeter, also Mitte September in Italien an, so ist

auch Platz fuer die von da bis zur Schlacht an der Trebia gegen

Ende Dezember (peri cheimerinas tropas Polyb. 3, 72) eingetretenen

Ereignisse, namentlich die Translokation des nach Afrika bestimmten

Heeres von Lilybaeon nach Placentia. Es passt dazu ferner, dass in einer

Heerversammlung ypo t/e/n earin/e/n /o/ran (Polyb. 3, 34), also gegen

Ende Maerz, der Tag des Abmarsches bekannt gemacht ward und der Marsch

fuenf (oder nach App. Hisp. 7, 4 sechs) Monate waehrte. Wenn also

Hannibal Anfang September auf dem Bernhard war, so war er, da er von

der Rhone bis dahin 30 Tage gebraucht, an der Rhone Anfang August

eingetroffen, wo denn freilich Scipio, der im Anfang des Sommers (Polyb.

3, 41), also spaetestens Anfang Juni sich einschiffte unterwegs sich

sehr verweilt oder in Massalia in seltsamer Untaetigkeit laengere Zeit

gesessen haben muss. -------------------------------------------- Das

Ziel war erreicht, aber mit schweren Opfern. Von den 50000 zu Fuss,

den 9000 zu Ross dienenden alten Soldaten, welche die Armee nach dem

Pyrenaeenuebergang zaehlte, waren mehr als die Haelfte das Opfer der

Gefechte, der Maersche und der Flussuebergaenge geworden; Hannibal

zaehlte nach seiner eigenen Angabe jetzt nicht mehr als 20000 zu Fuss

- davon drei Fuenftel Libyer, zwei Fuenftel Spanier - und 6000 zum Teil

wohl demontierte Reiter, deren verhaeltnismaessig geringer Verlust nicht

minder fuer die Trefflichkeit der numidischen Kavallerie spricht wie

fuer die wohlueberlegte Schonung, mit der der Feldherr diese ausgesuchte

Truppe verwandte. Ein Marsch von 526 Miglien oder etwa 33 maessigen

Tagemaerschen, dessen Fortsetzung und Beendigung durch keinen

besonderen, nicht vorherzusehenden groesseren Unfall gestoert, vielmehr

nur durch unberechenbare Gluecksfaelle und noch unberechenbarere Fehler

des Feindes moeglich ward und der dennoch nicht bloss solche Opfer

kostete, sondern die Armee so strapazierte und demoralisierte, dass sie

einer laengeren Rast bedurfte, um wieder kampffaehig zu werden, ist eine

militaerische Operation von zweifelhaftem Werte, und es darf in Frage

gestellt werden, ob Hannibal sie selber als gelungen betrachtete. Nur

duerfen wir daran nicht unbedingt einen Tadel des Feldherrn knuepfen;

wir sehen wohl die Maengel des von ihm befolgten Operationsplans,

koennen aber nicht entscheiden, ob er imstande war, sie vorherzusehen

- fuehrte doch sein Weg durch unbekanntes Barbarenland -, und ob ein

anderer Plan, etwa die Kuestenstrasse einzuschlagen oder in Cartagena

oder Karthago sich einzuschiffen, ihn geringeren Gefahren ausgesetzt

haben wuerde. Die umsichtige und meisterhafte Ausfuehrung des Planes im

einzelnen ist auf jeden Fall bewundernswert, und worauf am Ende alles

ankam - sei es nun mehr durch die Gunst des Schicksals oder sei es mehr

durch die Kunst des Feldherrn, Hamilkars grosser Gedanke, in Italien den

Kampf mit Rom aufzunehmen, war jetzt zur Tat geworden. Sein Geist ist

es, der diesen Zug entwarf; und wie Steins und Scharnhorsts Aufgabe

schwieriger und grossartiger war als die von York und Bluecher, so hat

auch der sichere Takt geschichtlicher Erinnerung das letzte Glied der

grossen Kette von vorbereitenden Taten, den Uebergang ueber die

Alpen, stets mit groesserer Bewunderung genannt als die Schlachten

am Trasimenischen See und auf der Ebene von Cannae. 5. Kapitel. Der

Hannibalische Krieg bis zur Schlacht bei Cannae Durch das Erscheinen der

karthagischen Armee diesseits der Alpen war mit einem Schlag die Lage

der Dinge verwandelt und der roemische Kriegsplan gesprengt. Von den

beiden roemischen Hauptarmeen war die eine in Spanien gelandet und dort

schon mit dem Feinde handgemein; sie zurueckzuziehen, war nicht mehr

moeglich. Die zweite, die unter dem Oberbefehl des Konsuls Tiberius

Sempronius nach Afrika bestimmt war, stand gluecklicherweise noch in

Sizilien; die roemische Zauderei bewies sich hier einmal von Nutzen.

Von den beiden karthagischen nach Italien und Sizilien bestimmten

Geschwadern war das erste durch den Sturm zerstreut und einige der

Schiffe desselben bei Messana von den syrakusanischen aufgebracht

worden; das zweite hatte vergeblich versucht, Lilybaeon zu ueberrumpeln

und darauf in einem Seegefecht vor diesem Hafen den kuerzeren gezogen.

Doch war das Verweilen der feindlichen Geschwader in den italischen

Gewaessern so unbequem, dass der Konsul beschloss, bevor er nach Afrika

ueberfuhr, die kleinen Inseln um Sizilien zu besetzen und die gegen

Italien operierende karthagische Flotte zu vertreiben. Mit der Eroberung

von Melite und dem Aufsuchen des feindlichen Geschwaders, das er bei den

Liparischen Inseln vermutete, waehrend es bei Vibo (Monteleone) gelandet

die brettische Kueste brandschatzte, endlich mit der Erkundung eines

geeigneten Landungsplatzes an der afrikanischen Kueste war ihm der

Sommer vergangen, und so traf der Befehl des Senats, so schleunig wie

moeglich zur Verteidigung der Heimat zurueckzukehren, Heer und Flotte

noch in Lilybaeon. Waehrend also die beiden grossen, jede fuer sich der

Armee Hannibals an Zahl gleichen roemischen Armeen in weiter Ferne von

dem Potal verweilten, war man hier auf einen Angriff schlechterdings

nicht gefasst. Zwar stand dort ein roemisches Heer infolge der unter

den Kelten schon vor Ankunft der karthagischen Armee ausgebrochenen

Insurrektion. Die Gruendung der beiden roemischen Zwingburgen Placentia

und Cremona, von denen jede 6000 Kolonisten erhielt, und namentlich die

Vorbereitungen zur Gruendung von Mutina im boischen Lande hatten schon

im Fruehling 536 (218), vor der mit Hannibal verabredeten Zeit, die

Boier zum Aufstand getrieben, dem sich die Insubrer sofort anschlossen.

Die schon auf dem mutinensischen Gebiet angesiedelten Kolonisten,

ploetzlich ueberfallen, fluechteten sich in die Stadt. Der Praetor

Lucius Manlius, der in Ariminum den Oberbefehl fuehrte, eilte schleunig

mit seiner einzigen Legion herbei, um die blockierten Kolonisten zu

entsetzen; allein in den Waeldern ueberrascht, blieb ihm nach starkem

Verlust nichts anderes uebrig, als sich auf einem Huegel festzusetzen

und hiervon den Boiern sich gleichfalls belagern zu lassen, bis eine

zweite von Rom gesandte Legion unter dem Praetor Lucius Atilius Heer

und Stadt gluecklich befreite und den gallischen Aufstand fuer

den Augenblick daempfte. Dieser voreilige Aufstand der Boier, der

einerseits, insofern er Scipios Abfahrt nach Spanien verzoegerte,

Hannibals Plan wesentlich gefoerdert hatte, war anderseits die Ursache,

dass er das Potal nicht bis auf die Festungen voellig unbesetzt fand.

Allein das roemische Korps, dessen zwei stark dezimierte Legionen keine

20000 Soldaten zaehlten, hatte genug zu tun, die Kelten im Zaum zu

halten, und dachte nicht daran, die Alpenpaesse zu besetzen, deren

Bedrohung man auch in Rom erst erfuhr, als im August der Konsul

Publius Scipio ohne sein Heer von Massalia nach Italien zurueckkam, und

vielleicht selbst damals wenig beachtete, da ja das tollkuehne Beginnen

allein an den Alpen scheitern werde. Also stand in der entscheidenden

Stunde an dem entscheidenden Platz nicht einmal ein roemischer

Vorposten; Hannibal hatte volle Zeit, sein Heer auszuruhen, die

Hauptstadt der Tauriner, die ihm die Tore verschloss, nach dreitaegiger

Belagerung zu erstuermen und alle ligurischen und keltischen Gemeinden

im oberen Potal zum Buendnis zu bewegen oder zu schrecken, bevor Scipio,

der das Kommando im Potal uebernommen hatte, ihm in den Weg trat.

Dieser, dem die schwierige Aufgabe zufiel, mit einem bedeutend

geringeren, namentlich an Reiterei sehr schwachen Heer das Vordringen

der ueberlegenen feindlichen Armee auf- und die ueberall sich regende

keltische Insurrektion niederzuhalten, war, vermutlich bei Placentia,

ueber den Po gegangen und rueckte an diesem hinauf dem Feind entgegen,

waehrend Hannibal nach der Einnahme von Turin flussabwaerts marschierte,

um den Insubrern und Boiern Luft zu machen. In der Ebene zwischen dem

Ticino und der Sesia unweit Vercellae traf die roemische Reiterei,

die mit dem leichten Fussvolk zu einer forcierten Rekognoszierung

vorgegangen war, auf die zu gleichem Zwecke ausgesendete phoenikische,

beide gefuehrt von den Feldherren in Person. Scipio nahm das angebotene

Gefecht trotz der Ueberlegenheit des Feindes an; allein sein leichtes

Fussvolk, das vor der Front der Reiter aufgestellt war, riss vor dem

Stoss der feindlichen schweren Reiterei aus und waehrend diese von vorn

die roemischen Reitermassen engagierte, nahm die leichte numidische

Kavallerie, nachdem sie die zersprengten Scharen des feindlichen

Fussvolks beiseite gedraengt hatte, die roemischen Reiter in die Flanken

und den Ruecken. Dies entschied das Gefecht. Der Verlust der Roemer war

sehr betraechtlich; der Konsul selbst, der als Soldat gutmachte, was

er als Feldherr gefehlt hatte, empfing eine gefaehrliche Wunde und

verdankte seine Rettung nur der Hingebung seines siebzehnjaehrigen

Sohnes, der mutig in die Feinde hineinsprengend seine Schwadron zwang,

ihm zu folgen und den Vater heraushieb. Scipio, durch dies Gefecht

aufgeklaert ueber die Staerke des Feindes, begriff den Fehler, den er

gemacht hatte, mit einer schwaecheren Armee sich in der Ebene mit dem

Ruecken gegen den Fluss aufzustellen und entschloss sich, unter den

Augen des Gegners auf das rechte Poufer zurueckzukehren. Wie die

Operationen sich auf einen engeren Raum zusammenzogen und die Illusionen

der roemischen Unwiderstehlichkeit von ihm wichen, fand er

sein bedeutendes militaerisches Talent wieder, das der bis zur

Abenteuerlichkeit verwegene Plan seines jugendlichen Gegners auf einen

Augenblick paralysiert hatte. Waehrend Hannibal sich zur Feldschlacht

bereit machte, gelangte Scipio durch einen rasch entworfenen und sicher

ausgefuehrten Marsch gluecklich auf das zur Unzeit verlassene rechte

Ufer des Flusses und brach die Pobruecke hinter dem Heere ab, wobei

freilich das mit der Deckung des Abbruchs beauftragte roemische

Detachement von 600 Mann abgeschnitten und gefangen wurde. Indes konnte,

da der obere Lauf des Flusses in Hannibals Haenden war, es diesem

nicht verwehrt werden, dass er stromaufwaerts marschierend auf einer

Schiffbruecke uebersetzte und in wenigen Tagen auf dem rechten Ufer dem

roemischen Heere gegenuebertrat. Dies hatte in der Ebene vorwaerts

von Placentia Stellung genommen; allein die Meuterei einer keltischen

Abteilung im roemischen Lager und die ringsum aufs neue ausbrechende

gallische Insurrektion zwang den Konsul, die Ebene zu raeumen und sich

auf den Huegeln hinter der Trebia festzusetzen, was ohne namhaften

Verlust bewerkstelligt ward, da die nachsetzenden numidischen Reiter mit

dem Pluendern und Anzuenden des verlassenen Lagers die Zeit verdarben.

In dieser starken Stellung, den linken Fluegel gelehnt an den Apennin,

den rechten an den Po und die Festung Placentia, von vorn gedeckt durch

die in dieser Jahreszeit nicht unbedeutende Trebia, vermochte er zwar

die reichen Magazine von Clastidium (Casteggio), von dem ihn in dieser

Stellung die feindliche Armee abschnitt, nicht zu retten und die

insurrektionelle Bewegung fast aller gallischen Kantone mit Ausnahme

der roemisch gesinnten Cenomanen nicht abzuwenden. Aber Hannibals

Weitermarsch war voellig gehemmt und derselbe genoetigt, sein Lager

dem roemischen gegenueber zu schlagen; ferner hinderte die von Scipio

genommene Stellung sowie die Bedrohung der insubrischen Grenzen

durch die Cenomanen die Hauptmasse der gallischen Insurgenten, sich

unmittelbar dem Feinde anzuschliessen, und gab dem zweiten roemischen

Heer, das mittlerweile von Lilybaeon in Ariminum eingetroffen war,

Gelegenheit, mitten durch das insurgierte Land ohne wesentliche

Hinderung Placentia zu erreichen und mit der Poarmee sich zu vereinigen.

Scipio hatte also seine schwierige Aufgabe vollstaendig und glaenzend

geloest. Das roemische Heer, jetzt nahe an 40000 Mann stark und

dem Gegner wenn auch an Reiterei nicht gewachsen, doch an Fussvolk

wenigstens gleich, brauchte bloss da stehen zu bleiben, wo es stand,

um den Feind entweder zu noetigen, in der winterlichen Jahreszeit den

Flussuebergang und den Angriff auf das roemische Lager zu versuchen oder

sein Vorruecken einzustellen und den Wankelmut der Gallier durch die

laestigen Winterquartiere auf die Probe zu setzen. Indes so einleuchtend

dies war, so war es nicht minder unzweifelhaft, dass man schon im

Dezember stand und bei jenem Verfahren zwar vielleicht Rom den Sieg

gewann, aber nicht der Konsul Tiberius Sempronius, der infolge von

Scipios Verwundung den Oberbefehl allein fuehrte und dessen Amtsjahr in

wenigen Monaten ablief. Hannibal kannte den Mann und versaeumte nichts,

ihn zum Kampf zu reizen; die den Roemern treugebliebenen keltischen

Doerfer wurden grausam verheert und als darueber ein Reitergefecht sich

entspann, gestattete Hannibal den Gegnern, sich des Sieges zu ruehmen.

Bald darauf, an einem rauhen regnerischen Tage, kam es, den Roemern

unvermutet, zu der Hauptschlacht. Vom fruehesten Morgen an hatten die

roemischen leichten Truppen herumgeplaenkelt mit der leichten Reiterei

der Feinde; diese wich langsam, und hitzig eilten die Roemer ihr

nach durch die hochangeschwollene Trebia, den errungenen Vorteil zu

verfolgen. Ploetzlich standen die Reiter; die roemische Vorhut fand

sich auf dem von Hannibal gewaehlten Schlachtfeld seiner zur Schlacht

geordneten Armee gegenueber - sie war verloren, wenn nicht das Gros

der Armee schleunigst ueber den Bach folgte. Hungrig, ermuedet und

durchnaesst kamen die Roemer an und eilten sich, in Reihe und Glied

zu stellen; die Reiter wie immer auf den Fluegeln, das Fussvolk im

Mitteltreffen. Die leichten Truppen, die auf beiden Seiten die Vorhut

bildeten, begannen das Gefecht; allein die roemischen hatten fast schon

gegen die Reiterei sich verschossen und wichen sofort, ebenso auf den

Fluegeln die Reiterei, welche die Elefanten von vorn bedraengten und

die weit zahlreicheren karthagischen Reiter links und rechts

ueberfluegelten. Aber das roemische Fussvolk bewies sich seines

Namens wert; es focht zu Anfang der Schlacht mit der entschiedensten

Ueberlegenheit gegen die feindliche Infanterie, und selbst als die

Zurueckdraengung der roemischen Reiter der feindlichen Kavallerie und

den Leichtbewaffneten gestattete, ihre Angriffe gegen das roemische

Fussvolk zu kehren, stand dasselbe zwar vom Vordringen ab, aber zum

Weichen war es nicht zu bringen. Da ploetzlich erschien eine auserlesene

karthagische Schar, 1000 Mann zu Fuss und ebensoviele zu Pferd unter der

Fuehrung von Mago, Hannibals juengstem Bruder, aus einem Hinterhalt in

dem Ruecken der roemischen Armee und hieb ein in die dicht verwickelten

Massen. Die Fluegel der Armee und die letzten Glieder des roemischen

Zentrums wurden durch diesen Angriff aufgeloest und zersprengt.

Das erste Treffen, 10000 Mann stark, durchbrach, sich eng

zusammenschliessend, die karthagische Linie und bahnte mitten durch die

Feinde sich seitwaerts einen Ausweg, der der feindlichen Infanterie,

namentlich den gallischen Insurgenten teuer zu stehen kam; diese tapfere

Truppe gelangte also, nur schwach verfolgt, nach Placentia. Die

uebrige Masse ward zum groessten Teil bei dem Versuch, den Fluss zu

ueberschreiten, von den Elefanten und den leichten Truppen des Feindes

niedergemacht; nur ein Teil der Reiterei und einige Abteilungen des

Fussvolks vermochten den Fluss durchwatend das Lager zu gewinnen, wohin

ihnen die Karthager nicht folgten, und erreichten von da gleichfalls

Placentia ^1. Wenige Schlachten machen dem roemischen Soldaten mehr Ehre

als diese an der Trebia und wenige zugleich sind eine schwerere Anklage

gegen den Feldherrn, der sie schlug; obwohl der billig Urteilende

nicht vergessen wird, dass die an einem bestimmten Tage ablaufende

Feldhauptmannschaft eine unmilitaerische Institution war und von Dornen

sich einmal keine Feigen ernten lassen. Auch den Siegern kam der Sieg

teuer zu stehen. Wenngleich der Verlust im Kampfe hauptsaechlich auf die

keltischen Insurgenten gefallen war, so erlagen doch nachher den infolge

des rauhen und nassen Wintertages entstandenen Krankheiten eine Menge

von Hannibals alten Soldaten und saemtliche Elefanten bis auf einen

einzigen. ------------------------------------------- ^1 Polybios'

Bericht ueber die Schlacht an der Trebia ist vollkommen klar. Wenn

Placentia auf dem rechten Ufer der Trebia an deren Muendung in den Po

lag, und wenn die Schlacht auf dem linken Ufer geliefert ward, waehrend

das roemische Lager auf dem rechten geschlagen war - was beides wohl

bestritten worden, aber nichtsdestoweniger unbestreitbar ist -, so

mussten allerdings die roemischen Soldaten, ebensogut um Placentia wie

um das Lager zu gewinnen, die Trebia passieren. Allein bei dem Uebergang

in das Lager haetten sie durch die aufgeloesten Teile der eigenen Armee

und durch das feindliche Umgehungskorps sich den Weg bahnen und dann

fast im Handgemenge mit dem Feinde den Fluss ueberschreiten muessen.

Dagegen ward der Uebergang bei Placentia bewerkstelligt, nachdem die

Verfolgung nachgelassen hatte, das Korps mehrere Meilen vom Schlachtfeld

entfernt und im Bereiche einer roemischen Festung angelangt war; es kann

sogar sein, obwohl es sich nicht beweisen laesst, dass hier eine Bruecke

ueber die Trebia fuehrte und der Brueckenkopf am anderen Ufer von der

placentinischen Garnison besetzt war. Es ist einleuchtend, dass die

erste Passage ebenso schwierig wie die zweite leicht war und Polybios

also, Militaer wie er war, mit gutem Grunde von dem Korps der

Zehntausend bloss sagt, dass es in geschlossenen Kolonnen nach Placentia

sich durchschlug (3, 74, 6), ohne des hier gleichgueltigen Uebergangs

ueber den Fluss zu gedenken. Die Verkehrtheit der Livianischen

Darstellung, welche das phoenikische Lager auf das rechte, das

roemische auf das linke Ufer der Trebia verlegt, ist neuerdings mehrfach

hervorgehoben worden. Es mag nur noch daran erinnert werden, dass die

Lage von Clastidium bei dem heutigen Casteggio jetzt durch

Inschriften festgestellt ist (Orelli-Henzen 5117).

------------------------------------------ Die Folge dieses ersten

Sieges der Invasionsarmee war, dass die nationale Insurrektion sich nun

im ganzen Kettenland ungestoert erhob und organisierte. Die Ueberreste

der roemische Poarmee warfen sich in die Festungen Placentia und

Cremona; vollstaendig abgeschnitten von der Heimat, mussten sie ihre

Zufuhren auf dem Fluss zu Wasser beziehen. Nur wie durch ein Wunder

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 11 / 51 段