auf die Verteidigung beschraenken - die Niederlagen brachten in all
diesen Faellen das gleiche Verderben, nicht aber der Sieg die gleiche
Frucht. Aber wie konnte Italien angegriffen werden? Es mochte gelingen,
die Halbinsel zu Wasser oder zu Lande zu erreichen; aber sollte der
Zug nicht ein verzweifeltes Abenteuer sein, sondern eine militaerische
Expedition mit strategischem Ziel, so bedurfte man dort einer naeheren
Operationsbasis, als Spanien oder Afrika waren. Auf eine Flotte und eine
Hafenfestung konnte Hannibal sich nicht stuetzen, da jetzt Rom das Meer
beherrschte. Aber ebensowenig bot sich in dem Gebiet der italischen
Eidgenossenschaft irgendein haltbarer Stuetzpunkt. Hatte sie zu ganz
anderen Zeiten und trotz der hellenischen Sympathien dem Stoss des
Pyrrhos gestanden, so war nicht zu erwarten, dass sie jetzt auf das
Erscheinen des phoenikischen Feldherrn hin zusammenbrechen werde;
zwischen dem roemischen Festungsnetz und der festgeschlossenen
Bundesgenossenschaft ward das Invasionsheer ohne Zweifel erdrueckt.
Einzig das Ligurer- und Keltenland konnte fuer Hannibal sein, was fuer
Napoleon in seinen sehr aehnlichen russischen Feldzuegen Polen gewesen
ist; diese, noch von dem kaum beendigten Unabhaengigkeitskampf gaerenden
Voelkerschaften, den Italikern stammfremd und in ihrer Existenz bedroht,
um die eben jetzt sich die ersten Ringe der roemischen Festungs-
und Chausseenkette legten, mussten in dem phoenikischen Heere, das
zahlreiche spanische Kelten in seinen Reihen zaehlte, ihre Retter
erkennen und ihm als erster Rueckhalt, als Verpflegungs- und
Rekrutierungsbezirk dienen. Schon waren foermliche Vertraege mit den
Boiern und Insubrern abgeschlossen, wodurch sie sich anheischig machten,
dem karthagischen Heer Wegweiser entgegenzusenden, ihnen gute Aufnahme
bei ihren Stammgenossen und Zufuhr unterwegs auszuwirken und gegen die
Roemer sich zu erheben, sowie das karthagische Heer auf italischem Boden
stehe. Eben in diese Gegend fuehrten endlich die Beziehungen zum
Osten. Makedonien, das durch den Sieg von Sellasia seine Herrschaft
im Peloponnes neu befestigt hatte, stand mit Rom in gespannten
Verhaeltnissen; Demetrios von Pharos, der das roemische Buendnis mit
dem makedonischen vertauscht hatte und von den Roemern vertrieben worden
war, lebte als Fluechtling am makedonischen Hof, und dieser hatte den
Roemern die begehrte Auslieferung verweigert. Wenn es moeglich war, die
Heere vom Guadalquivir und vom Karasu irgendwo zu vereinigen gegen den
gemeinschaftlichen Feind, so konnte das nur am Po geschehen. So wies
alles nach Norditalien; und dass schon des Vaters Blick dahin gerichtet
gewesen, zeigt die karthagische Streifpartei, der die Roemer zu ihrer
grossen Verwunderung im Jahre 524 (230) in Ligurien begegnet waren.
Weniger deutlich ist, warum Hannibal dem Land- vor dem Seeweg den Vorzug
gab; denn dass weder die Seeherrschaft der Roemer noch ihr Bund mit
Massalia eine Landung in Genua unmoeglich machte, leuchtet ein und hat
die Folge bewiesen. In unserer Ueberlieferung fehlen, um diese Frage
genuegend zu entscheiden, nicht wenige Faktoren, auf die es ankommen
wuerde und die sich nicht durch Vermutung ergaenzen lassen. Hannibal
hatte unter zwei Uebeln zu waehlen. Statt den ihm unbekannten und
weniger zu berechnenden Wechselfaellen der Seefahrt und des Seekrieges
sich auszusetzen, muss es ihm geratener erschienen sein, lieber die
unzweifelhaft ernstlich gemeinten Zusicherungen der Boier und Insubrer
anzunehmen, um so mehr, als auch das bei Genua gelandete Heer noch die
Berge haette ueberschreiten muessen; schwerlich konnte er genau wissen,
wie viel geringere Schwierigkeiten der Apennin bei Genua darbietet als
die Hauptkette der Alpen. War doch der Weg, den er einschlug, die uralte
Keltenstrasse, auf der viel groessere Schwaerme die Alpen ueberstiegen
hatten; der Verbuendete und Erretter des Keltenvolkes durfte ohne
Verwegenheit diesen betreten. So vereinigte Hannibal die fuer die
grosse Armee bestimmten Truppen mit dem Anfang der guten Jahreszeit in
Cartagena; es waren ihrer 90000 Mann zu Fuss und 12000 Reiter, darunter
etwa zwei Drittel Afrikaner und ein Drittel Spanier - die mitgefuehrten
37 Elefanten mochten mehr bestimmt sein, den Galliern zu imponieren,
als zum ernstlichen Krieg. Hannibals Fussvolk war nicht mehr wie das,
welches Xanthippos fuehrte, genoetigt, sich hinter einen Vorhang von
Elefanten zu verbergen, und der Feldherr einsichtig genug, um dieser
zweischneidigen Waffe, die ebenso oft die Niederlage des eigenen wie
die des feindlichen Heeres herbeigefuehrt hatte, sich nur sparsam und
vorsichtig zu bedienen. Mit diesem Heere brach Hannibal im Fruehling 536
(218) von Cartagena auf gegen den Ebro. Von den getroffenen Massregeln,
namentlich den mit den Kelten angeknuepften Verbindungen, von den
Mitteln und dem Ziel des Zuges liess er die Soldaten soviel erfahren,
dass auch der Gemeine, dessen militaerischen Instinkt der lange Krieg
entwickelt haette, den klaren Blick und die sichere Hand des Fuehrers
ahnte und mit festem Vertrauen ihm in die unbekannte Weite folgte; und
die feurige Rede, in der er die Lage des Vaterlandes und die Forderungen
der Roemer vor ihnen darlegte, die gewisse Knechtung der teuren Heimat,
das schmachvolle Ansinnen der Auslieferung des geliebten Feldherrn
und seines Stabes, entflammte den Soldaten- und den Buergersinn in den
Herzen aller. Der roemische Staat war in einer Verfassung, wie sie auch
in festgegruendeten und einsichtigen Aristokratien wohl eintritt. Was
man wollte, wusste man wohl; es geschah auch manches, aber nichts recht
noch zur rechten Zeit. Laengst haette man Herr der Alpentore und mit den
Kelten fertig sein koennen; noch waren diese furchtbar und jene offen.
Man haette mit Karthago entweder Freundschaft haben koennen, wenn man
den Frieden von 513 (241) ehrlich einhielt, oder, wenn man das nicht
wollte, konnte Karthago laengst unterworfen sein; jener Friede ward
durch die Wegnahme Sardiniens tatsaechlich gebrochen und Karthagos
Macht liess man zwanzig Jahre hindurch sich ungestoert regenerieren. Mit
Makedonien Frieden zu halten war nicht schwer; um geringen Gewinn hatte
man diese Freundschaft verscherzt. An einem leitenden, die Verhaeltnisse
im Zusammenhang beherrschenden Staatsmann muss es gefehlt haben;
ueberall war entweder zu wenig geschehen oder zu viel. Nun begann der
Krieg, zu dem man Zeit und Ort den Feind hatte bestimmen lassen; und
im wohlbegruendeten Vollgefuehl militaerischer Ueberlegenheit war man
ratlos ueber Ziel und Gang der naechsten Operationen. Man disponierte
ueber eine halbe Million brauchbarer Soldaten - nur die roemische
Reiterei war minder gut und verhaeltnismaessig minder zahlreich als die
karthagische, jene etwa ein Zehntel, diese ein Achtel der Gesamtzahl der
ausrueckenden Truppen. Der roemischen Flotte von 220 Fuenfdeckern, die
eben aus dem Adriatischen Meere in die Westsee zurueckfuhr, hatte
keiner der von diesem Kriege beruehrten Staaten eine entsprechende
entgegenzustellen. Die natuerliche und richtige Verwendung dieser
erdrueckenden Uebermacht ergab sich von selbst. Seit langem stand
es fest, dass der Krieg eroeffnet werden sollte mit einer Landung in
Afrika; die spaetere Wendung der Ereignisse hatte die Roemer gezwungen,
eine gleichzeitige Landung in Spanien in den Kriegsplan aufzunehmen,
vornehmlich, um nicht die spanische Armee vor den Mauern von Karthago
zu finden. Nach diesem Plan wusste man, als der Krieg durch Hannibals
Angriff auf Sagunt zu Anfang 535 (219) tatsaechlich eroeffnet war, vor
allen Dingen ein roemisches Heer nach Spanien werfen, ehe die Stadt
fiel; allein man versaeumte das Gebot des Vorteils nicht minder wie
der Ehre. Acht Monate lang hielt Sagunt sich umsonst - als die Stadt
ueberging, hatte Rom zur Landung in Spanien nicht einmal geruestet.
Indes noch war das Land zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen frei, dessen
Voelkerschaften nicht bloss die natuerlichen Verbuendeten der Roemer
waren, sondern auch von roemischen Emissaeren gleich den Saguntinern
Versprechungen schleunigen Beistandes empfangen hatten. Nach Katalonien
gelangt man zu Schiff von Italien nicht viel weniger rasch wie von
Cartagena zu Lande; wenn nach der inzwischen erfolgten foermlichen
Kriegserklaerung die Roemer wie die Phoeniker im April aufbrachen,
konnte Hannibal den roemischen Legionen an der Ebrolinie begegnen.
Allerdings wurde denn auch der groessere Teil des Heeres und der Flotte
fuer den Zug nach Afrika verfuegbar gemacht und der zweite Konsul
Publius Cornelius Scipio an den Ebro beordert; allein er nahm sich
Zeit, und als am Po ein Aufstand ausbrach, liess er das zur Einschiffung
bereitstehende Heer dort verwenden und bildete fuer die spanische
Expedition neue Legionen. So fand Hannibal am Ebro zwar den heftigsten
Widerstand, aber nur von den Eingeborenen; mit diesen ward er, dem unter
den obwaltenden Umstaenden die Zeit noch kostbarer war als das Blut
seiner Leute, mit Verlust des vierten Teiles seiner Armee in einigen
Monaten fertig und erreichte die Linie der Pyrenaeen. Dass durch jene
Zoegerung die spanischen Bundesgenossen Roms zum zweitenmal aufgeopfert
wurden, konnte man ebenso sicher vorhersehen, als die Zoegerung selbst
sich leicht vermeiden liess; wahrscheinlich aber waere selbst der Zug
nach Italien, den man in Rom noch im Fruehling 536 (218) nicht geahnt
haben muss, durch zeitiges Erscheinen der Roemer in Spanien abgewendet
worden. Hannibal hatte keineswegs die Absicht, sein spanisches
"Koenigreich" aufgebend, sich wie ein Verzweifelter nach Italien zu
werfen; die Zeit, die er an Sagunts Erstuermung und an die Unterwerfung
Kataloniens gewandt hatte, das betraechtliche Korps, das er zur
Besetzung des neugewonnenen Gebiets zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen
zurueckliess, beweisen zur Genuege, dass, wenn ein roemisches Heer ihm
den Besitz Spaniens streitig gemacht haette, er sich nicht begnuegt
haben wuerde, sich demselben zu entziehen; und was die Hauptsache war,
wenn die Roemer seinen Abmarsch aus Spanien auch nur um einige Wochen
zu verzoegern imstande waren, so schloss der Winter die Alpenpaesse, ehe
Hannibal sie erreichte, und die afrikanische Expedition ging ungehindert
nach ihrem Ziele ab. An den Pyrenaeen angelangt, entliess Hannibal
einen Teil seiner Truppen in die Heimat; eine von Anfang an beschlossene
Massregel, die den Feldherrn den Soldaten gegenueber des Erfolges sicher
zeigen und dem Gefuehl steuern sollte, dass sein Unternehmen eines von
denen sei, von welchen man nicht heimkehrt. Mit einem Heer von 50000
Mann zu Fuss und 9000 zu Pferd, lauter alten Soldaten, ward das Gebirg
ohne Schwierigkeit ueberschritten und alsdann der Kuestenweg ueber
Narbonne und Nimes eingeschlagen durch das keltische Gebiet, das teils
die frueher angeknuepften Verbindungen, teils das karthagische Gold,
teils die Waffen dem Heere oeffneten. Erst als dieses Ende Juli Avignon
gegenueber an die Rhone gelangte, schien seiner hier ein ernstlicher
Widerstand zu warten. Der Konsul Scipio, der auf seiner Fahrt nach
Spanien in Massalia angelegt hatte (etwa Ende Juni), war dort berichtet
worden, dass er zu spaet komme und Hannibal schon nicht bloss den Ebro,
sondern auch die Pyrenaeen passiert habe. Auf diese Nachrichten, welche
zuerst die Roemer ueber die Richtung und das Ziel Hannibals aufgeklaert
zu haben scheinen, hatte der Konsul seine spanische Expedition
vorlaeufig aufgegeben und sich entschlossen, in Verbindung mit den
keltischen Voelkerschaften dieser Gegend, welche unter dem Einfluss der
Massalioten und dadurch unter dem roemischen standen, die Phoeniker an
der Rhone zu empfangen und ihnen den Uebergang ueber den Fluss und
den Einmarsch in Italien zu verwehren. Zum Glueck fuer Hannibal stand
gegenueber dem Punkte, wo er ueberzugehen gedachte, fuer jetzt nur der
keltische Landsturm, waehrend der Konsul selbst mit seinem Heer von
22000 Mann zu Fuss und 2000 Reitern noch in Massalia selbst vier
Tagemaersche stromabwaerts davon sich befand. Die Boten des gallischen
Landsturms eilten, ihn zu benachrichtigen. Hannibal sollte das Heer mit
der starken Reiterei und den Elefanten unter den Augen des Feindes und
bevor Scipio eintraf ueber den reissenden Strom fuehren; und er
besass nicht einen Nachen. Sogleich wurden auf seinen Befehl von den
zahlreichen Rhoneschiffern in der Umgegend alle ihre Barken zu jedem
Preise aufgekauft und was an Kaehnen noch fehlte, aus gefaellten Baeumen
gezimmert; und in der Tat konnte die ganze zahlreiche Armee an einem
Tage uebergesetzt werden. Waehrend dies geschah, marschierte eine starke
Abteilung unter Hanno, Bomilkars Sohn, in Gewaltmaerschen stromaufwaerts
bis zu einem zwei kleine Tagemaersche oberhalb Avignon gelegenen
Uebergangspunkt, den sie unverteidigt fanden. Hier ueberschritten
sie auf schleunig zusammengeschlagenen Floessen den Fluss, um dann
stromabwaerts sich wendend die Gallier in den Ruecken zu fassen, die dem
Hauptheer den Uebergang verwehrten. Schon am Morgen des fuenften Tages
nach der Ankunft an der Rhone, des dritten nach Hannos Abmarsch, stiegen
die Rauchsignale der entsandten Abteilung am gegenueberliegenden Ufer
auf, fuer Hannibal das sehnlich erwartete Zeichen zum Uebergang: Eben
als die Gallier, sehend, dass die feindliche Kahnflotte in Bewegung kam,
das Ufer zu besetzen eilten, loderte ploetzlich ihr Lager hinter ihnen
in Flammen auf; ueberrascht und geteilt, vermochten sie weder dem
Angriff zu stehen noch dem Uebergang zu wehren und zerstreuten sich
in eiliger Flucht. Scipio hielt waehrenddessen in Massalia
Kriegsratsitzungen ueber die geeignete Besetzung der Rhoneuebergaenge
und liess sich nicht einmal durch die dringenden Botschaften der
Keltenfuehrer zum Aufbruch bestimmen. Er traute ihren Nachrichten
nicht und begnuegte sich, eine schwache roemische Reiterabteilung
zur Rekognoszierung auf dem linken Rhoneufer zu entsenden. Diese traf
bereits die gesamte feindliche Armee auf dies Ufer uebergegangen
und beschaeftigt, die allein noch am rechten Ufer zurueckgebliebenen
Elefanten nachzuholen; nachdem sie in der Gegend von Avignon, um nur die
Rekognoszierung beendigen zu koennen, einigen karthagischen Schwadronen
ein hitziges Gefecht geliefert hatte - das erste, in dem die Roemer und
Phoeniker in diesem Krieg aufeinandertrafen -, machte sie sich eiligst
auf den Rueckweg, um im Hauptquartier Bericht zu erstatten. Scipio brach
nun Hals ueber Kopf mit all seinen Truppen gegen Avignon auf; allein als
er dort eintraf, war selbst die zur Deckung des Uebergangs der
Elefanten zurueckgelassene karthagische Reiterei bereits seit drei Tagen
abmarschiert, und es blieb dem Konsul nichts uebrig, als mit ermuedeten
Truppen und geringem Ruhm nach Massalia heimzukehren und auf die "feige
Flucht" des Puniers zu schmaelen. So hatte man erstens zum drittenmal
durch reine Laessigkeit die Bundesgenossen und eine wichtige
Verteidigungslinie preisgegeben, zweitens, indem man nach diesem ersten
Fehler vom verkehrten Rasten zu verkehrtem Hasten ueberging und ohne
irgendeine Aussicht auf Erfolg nun doch noch tat, was mit so sicherer
einige Tage zuvor geschehen konnte, eben dadurch das wirkliche Mittel,
den Fehler wiedergutzumachen, aus den Haenden gegeben. Seit Hannibal
diesseits der Rhone im Keltenland stand, war es nicht mehr zu hindern,
dass er an die Alpen gelangte; allein wenn sich Scipio auf die erste
Kunde hin mit seinem ganzen Heer nach Italien wandte - in sieben Tagen
war ueber Genua der Po zu erreichen - und mit seinem Korps die schwachen
Abteilungen im Potal vereinigte, so konnte er wenigstens dort dem Feind
einen gefaehrlichen Empfang bereiten. Allein nicht bloss verlor er die
kostbare Zeit mit dem Marsch nach Avignon, sondern es fehlte sogar
dem sonst tuechtigen Manne, sei es der politische Mut, sei es die
militaerische Einsicht, die Bestimmung seines Korps den Umstaenden
gemaess zu veraendern; er sandte das Gros desselben unter seinem Bruder
Gnaeus nach Spanien und ging selbst mit weniger Mannschaft zurueck nach
Pisae. Hannibal, der nach dem Uebergang ueber die Rhone in einer grossen
Heeresversammlung den Truppen das Ziel seines Zuges auseinandergesetzt
und den aus dem Potal angelangten Keltenhaeuptling Magilus selbst durch
den Dolmetsch hatte zu dem Heere sprechen lassen, setzte inzwischen
ungehindert seinen Marsch nach den Alpenpaessen fort. Welchen derselben
er waehlte, darueber konnte weder die Kuerze des Weges noch die
Gesinnung der Einwohner zunaechst entscheiden, wenngleich er weder mit
Umwegen noch mit Gefechten Zeit zu verlieren hatte. Den Weg musste
er einschlagen, der fuer seine Bagage, seine starke Reiterei und
die Elefanten praktikabel war und in dem ein Heer hinreichende
Subsistenzmittel, sei es im guten oder mit Gewalt, sich verschaffen
konnte - denn obwohl Hannibal Anstalten getroffen hatte, Lebensmittel
auf Saumtieren sich nachzufuehren, so konnten bei einem Heere, das
immer noch trotz starker Verluste gegen 50000 Mann zaehlte, diese doch
notwendig nur fuer einige Tage ausreichen. Abgesehen von dem Kuestenweg,
den Hannibal nicht einschlug, nicht weil die Roemer ihn sperrten,
sondern weil er ihn von seinem Ziel abgefuehrt haben wuerde, fuehrten
in alter Zeit ^3 von Gallien nach Italien nur zwei namhafte
Alpenuebergaenge: der Pass ueber die Kottische Alpe (Mont Genevre) in
das Gebiet der Tauriner (ueber Susa oder Fenestrelles nach Turin) und
der ueber die Graische (Kleiner St. Bernhard) in das der Salasser (nach
Aosta und Ivrea). Der erstere Weg ist der kuerzere; allein von da an, wo
er das Rhonetal verlaesst, fuehrt er in den unwegsamen und unfruchtbaren
Flusstaelern des Drak, der Romanche und der oberen Durance durch ein
schwieriges und armes Bergland und erfordert einen mindestens sieben-
bis achttaegigen Gebirgsmarsch; eine Heerstrasse hat erst Pompeius hier
angelegt, um zwischen der dies- und der jenseitigen gallischen
Provinz eine kuerzere Verbindung herzustellen.
------------------------------------------------- ^3 Der Weg ueber
den Mont Cenis ist erst im Mittelalter eine Heerstrasse geworden. Die
oestlichen Paesse, wie zum Beispiel der ueber die Poeninische Alpe
oder den Grossen St. Bernhard, der uebrigens auch erst durch Caesar und
Augustus Militaerstrasse ward, kommen natuerlich hier nicht in Betracht.
------------------------------------------------- Der Weg ueber den
Kleinen St. Bernhard ist etwas laenger; allein nachdem er die erste, das
Rhonetal oestlich begrenzende Alpenwand ueberstiegen hat, haelt er sich
in dem Tale der oberen Isere, das von Grenoble ueber Chambery bis hart
an den Fuss des Kleinen St. Bernhard, das heisst der Hochalpenkette sich
hinzieht und unter allen Alpentaelern das breiteste, fruchtbarste und
bevoelkertste ist. Es ist ferner der Weg ueber den Kleinen St. Bernhard
unter allen natuerlichen Alpenpassagen zwar nicht die niedrigste, aber
bei weitem die bequemste; obwohl dort keine Kunststrasse angelegt ist,
ueberschritt auf ihr noch im Jahre 1815 ein oesterreichisches Korps
mit Artillerie die Alpen. Dieser Weg, der bloss ueber zwei Bergkaemme
fuehrt, ist endlich von den aeltesten Zeiten an die grosse Heerstrasse
aus dem keltischen in das italische Land gewesen. Die karthagische
Armee hatte also in der Tat keine Wahl; es war ein glueckliches
Zusammentreffen, aber kein bestimmendes Motiv fuer Hannibal, dass die
ihm verbuendeten keltischen Staemme in Italien bis an den Kleinen St.
Bernhard wohnten, waehrend ihn der Weg ueber den Mont Genevre zunaechst
in das Gebiet der Tauriner gefuehrt haben wuerde, die seit alten Zeiten
mit den Insubrern in Fehde lagen. So marschierte das karthagische Heer
zunaechst an der Rhone hinauf gegen das Tal der oberen Isere zu, nicht,
wie man vermuten koennte, auf dem naechsten Weg, an dem linken Ufer
der unteren Isere hinauf, von Valence nach Grenoble, sondern durch die
"Insel" der Allobrogen, die reiche und damals schon dichtbevoelkerte
Niederung, die noerdlich und westlich von der Rhone, suedlich von der
Isere, oestlich von den Alpen umfasst wird. Es geschah dies wieder
deshalb, weil die naechste Strasse durch ein unwegsames und armes
Bergland gefuehrt haette, waehrend die Insel eben und aeusserst
fruchtbar ist und nur eine einfache Bergwand sie von dem oberen Iseretal
scheidet. Der Marsch an der Rhone in und quer durch die Insel bis an
den Fuss der Alpenwand war in sechzehn Tagen vollendet; er bot geringe
Schwierigkeit und auf der Insel selbst wusste Hannibal durch geschickte
Benutzung einer zwischen zwei allobrogischen Haeuptlingen ausgebrochenen
Fehde sich einen der bedeutendsten derselben zu verpflichten, dass
derselbe den Karthagern nicht bloss durch die ganze Ebene das Geleit
gab, sondern auch ihnen die Vorraete ergaenzte und die Soldaten mit
Waffen, Kleidung und Schuhzeug versah. Allein an dem Uebergang ueber die
erste Alpenkette, die steil und wandartig emporsteigt und ueber die nur
ein einziger gangbarer Pfad (ueber den Mont du Chat beim Dorfe Chevelu)
fuehrt, waere fast der Zug gescheitert. Die allobrogische Bevoelkerung
hatte den Pass stark besetzt. Hannibal erfuhr es frueh genug, um einen
Ueberfall zu vermeiden, und lagerte am Fuss, bis nach Sonnenuntergang
die Kelten sich in die Haeuser der naechsten Stadt zerstreuten, worauf
er in der Nacht den Pass einnahm. So war die Hoehe gewonnen; allein auf
dem aeusserst steilen Weg, der von der Hoehe nach dem See von Bourget
hinabfuehrt, glitten und stuerzten die Maultiere und die Pferde. Die
Angriffe, die an geeigneten Stellen von den Kelten auf die marschierende
Armee gemacht wurden, waren weniger an sich als durch das in Folge
derselben entstehende Getuemmel sehr unbequem; und als Hannibal sich mit
seinen leichten Truppen von oben herab auf die Allobrogen warf, wurden
diese zwar ohne Muehe und mit starkem Verlust den Berg hinuntergejagt,
allein die Verwirrung, besonders in dem Train, ward noch erhoeht durch
den Laerm des Gefechts. So nach starkem Verlust in der Ebene angelangt,
ueberfiel Hannibal sofort die naechste Stadt, um die Barbaren zu
zuechtigen und zu schrecken und zugleich seinen Verlust an Saumtieren
und Pferden moeglichst wieder zu ersetzen. Nach einem Rasttag in dem
anmutigen Tal von Chambery setzte die Armee an der Isere hinauf ihren
Marsch fort, ohne in dem breiten und reichen Grund durch Mangel oder
Angriffe aufgehalten zu werden. Erst als man am vierten Tage eintrat in
das Gebiet der Ceutronen (die heutige Tarantaise), wo allmaehlich das
Tal sich verengt, hatte man wiederum mehr Veranlassung, auf seiner Hut
zu sein. Die Ceutronen empfingen das Heer an der Landesgrenze (etwa bei
Conflans) mit Zweigen und Kraenzen, stellten Schlachtvieh, Fuehrer und
Geiseln, und wie durch Freundesland zog man durch ihr Gebiet. Als jedoch
die Truppen unmittelbar am Fuss der Alpen angelangt waren, da wo der Weg
die Isere verlaesst und durch ein enges und schwieriges Defilee an den
Bach Reclus hinauf sich zu dem Gipfel des Bernhard emporwindet, erschien
auf einmal die Landwehr der Ceutronen teils im Ruecken der Armee, teils
auf den rechts und links den Pass einschliessenden Bergraendern, in
der Hoffnung, den Tross und das Gepaeck abzuschneiden. Allein Hannibal,
dessen sicherer Takt in all jenem Entgegenkommen der Ceutronen nichts
gesehen hatte als die Absicht, zugleich Schonung ihres Gebiets und die
reiche Beute zu gewinnen, hatte in Erwartung eines solchen Angriffs den
Tross und die Reiterei voraufgeschickt und deckte den Marsch mit dem
gesamten Fussvolk; die Absicht der Feinde wurde dadurch vereitelt,
obwohl er nicht verhindern konnte, dass sie, auf den Bergabhaengen