Fall erst nach einer Reihe von Jahren durchfuehrbaren Plan die

Unterstuetzung der karthagischen Gemeinde dauernd sich sichern,

so musste er seinen Freunden in der Heimat durch regelmaessige

Geldsendungen die Mittel geben, den Poebel bei guter Laune zu erhalten.

So genoetigt, von der lauen und feilen Menge die Erlaubnis, sie zu

retten, zu erbetteln oder zu erkaufen; genoetigt, dem Uebermut der

Verhassten seines Volkes, der stets von ihm Besiegten durch Demut und

Schweigsamkeit die unentbehrliche Gnadenfrist abzudingen; genoetigt,

den verachteten Vaterlandsverraetern, die sich die Herren seiner Stadt

nannten, mit seinen Plaenen seine Verachtung zu bergen - so stand der

hohe Mann mit wenigen gleichgesinnten Freunden zwischen den Feinden von

aussen und den Feinden von innen, auf die Unentschlossenheit der einen

und der andern bauend, zugleich beide taeuschend und beiden trotzend, um

nur erst die Mittel, Geld und Soldaten zu gewinnen zum Kampf gegen ein

Land, das, selbst wenn das Heer schlagfertig dastand, mit diesem zu

erreichen schwierig, zu ueberwinden kaum moeglich schien. Er war noch

ein junger Mann, wenig hinaus ueber die Dreissig; aber er schien

zu ahnen, als er sich anschickte zu seinem Zuge, dass es ihm nicht

vergoennt sein werde, das Ziel seiner Arbeit zu erreichen und das Land

der Erfuellung anders als von weitem zu schauen. Seinen neunjaehrigen

Sohn Hannibal hiess er, da er Karthago verliess, am Altar des hoechsten

Gottes dem roemischen Namen ewigen Hass schwoeren, und zog ihn und

die juengeren Soehne Hasdrubal und Mago, die "Loewenbrut", wie er sie

nannte, im Feldlager auf als die Erben seiner Entwuerfe, seines Genies

und seines Hasses. Der neue Oberfeldherr von Libyen brach unmittelbar

nach der Beendigung des Soeldnerkrieges von Karthago auf (etwa im

Fruehjahr 518 236). Er schien einen Zug gegen die freien Libyer im

Westen zu beabsichtigen; sein Heer, das besonders an Elefanten stark

war, zog an der Kueste hin, neben ihm segelte die Flotte, gefuehrt von

seinem treuen Bundesgenossen Hasdrubal. Ploetzlich vernahm man, er sei

bei den Saeulen des Herkules ueber das Meer gegangen und in Spanien

gelandet, wo er Krieg fuehre mit den Eingeborenen; mit Leuten, die ihm

nichts zuleide getan und ohne Auftrag seiner Regierung, klagten die

karthagischen Behoerden. Sie konnten wenigstens nicht klagen, dass er

die afrikanischen Angelegenheiten vernachlaessige; als die Numidier

wieder einmal aufstanden, trieb sein Unterfeldherr Hasdrubal sie so

nachdruecklich zu Paaren, dass auf lange Zeit an der Grenze Ruhe war und

mehrere bisher unabhaengige Staemme sich bequemten, Tribut zu zahlen.

Was er selbst in Spanien getan, koennen wir im einzelnen nicht mehr

verfolgen; dem alten Cato, der ein Menschenalter nach Hamilkars Tode in

Spanien die noch frischen Spuren seines Wirkens sah, zwangen sie

trotz allem Poenerhass den Ausruf ab, dass kein Koenig wert sei, neben

Hamilkar Barkas genannt zu werden. In den Erfolgen liegt auch uns

wenigstens im allgemeinen noch vor, was von Hamilkar als Militaer

und als Staatsmann in den neun letzten Jahren seines Lebens (518-526

236-228) geleistet worden ist, bis er im besten Mannesalter in offener

Feldschlacht tapfer kaempfend den Tod fand, wie Scharnhorst, eben als

seine Plaene zu reifen begannen, und was alsdann waehrend der naechsten

acht Jahre (527-534 227-220) der Erbe seines Amtes und seiner Plaene,

sein Tochtermann Hasdrubal an dem angefangenen Werke im Sinne des

Meisters weiter geschaffen hat. Statt der kleinen Entrepots fuer den

Handel, die nebst dem Schutzrecht ueber Gades bis dahin Karthago an der

spanischen Kueste allein besessen und als Dependenz von Libyen

behandelt hatte, ward ein karthagisches Reich in Spanien durch Hamilkars

Feldherrnkunst begruendet und durch Hasdrubals staatsmaennische

Gewandtheit befestigt. Die schoensten Landschaften Spaniens, die Sued-

und Ostkueste wurden phoenikisches Provinzialgebiet; Staedte wurden

gegruendet, vor allem an dem einzigen guten Hafen der Suedkueste

Spanisch-Karthago (Cartagena) von Hasdrubal angelegt, mit des Gruenders

praechtiger "Koenigsburg"; der Ackerbau bluehte auf und mehr noch

die Grubenwirtschaft in den gluecklich aufgefundenen Silberminen von

Cartagena, die ein Jahrhundert spaeter ueber 2« Mill. Taler (36 Mill.

Sesterzen) jaehrlich eintrugen. Die meisten Gemeinden bis zum Ebro

wurden abhaengig von Karthago und zahlten ihm Zins; Hasdrubal verstand

es, die Haeuptlinge auf alle Weise, selbst durch Zwischenheiraten in das

karthagische Interesse zu ziehen. So erhielt Karthago hier fuer seinen

Handel und seine Fabriken eine reiche Absatzquelle, und die Einnahmen

der Provinz naehrten nicht bloss das Heer, sondern es blieb noch uebrig,

nach Hause zu senden und fuer die Zukunft zurueckzulegen. Aber die

Provinz bildete und schulte zugleich die Armee. In dem Karthago

unterworfenen Gebiet fanden regelmaessige Aushebungen statt; die

Kriegsgefangenen wurden untergesteckt in die karthagischen Korps; von

den abhaengigen Gemeinden kam Zuzug und kamen Soeldner, soviel man

begehrte. In dem langen Kriegsleben fand der Soldat im Lager eine zweite

Heimat und als Ersatz fuer den Patriotismus den Fahnensinn und die

begeisterte Anhaenglichkeit an seine grossen Fuehrer; die ewigen

Kaempfe mit den tapferen Iberern und Kelten schufen zu der vorzueglichen

numidischen Reiterei ein brauchbares Fussvolk. Von Karthago aus liess

man die Barkas machen. Da der Buergerschaft regelmaessige Leistungen

nicht abverlangt wurden, sondern vielmehr fuer sie noch etwas abfiel,

auch der Handel in Spanien wiederfand, was er in Sizilien und Sardinien

verloren, wurde der spanische Krieg und das spanische Heer mit seinen

glaenzenden Siegen und wichtigen Erfolgen bald so populaer, dass es

sogar moeglich ward, in einzelnen Krisen, zum Beispiel nach Hamilkars

Fall, bedeutende Nachsendungen afrikanischer Truppen nach Spanien

durchzusetzen, und die Regierungspartei wohl oder uebel dazu schweigen

oder doch sich begnuegen musste, unter sich und gegen die Freunde in Rom

auf die demagogischen Offiziere und den Poebel zu schelten. Auch von

Rom aus geschah nichts, um den spanischen Angelegenheiten ernstlich

eine andere Wendung zu geben. Die erste und vornehmste Ursache der

Untaetigkeit der Roemer war unzweifelhaft eben ihre Unbekanntschaft

mit den Verhaeltnissen der entlegenen Halbinsel, welche sicher auch die

Hauptursache gewesen ist, weshalb Hamilkar zur Ausfuehrung seines Planes

Spanien und nicht, wie es sonst wohl auch moeglich gewesen waere, Afrika

selbst erwaehlte. Zwar die Erklaerungen, mit denen die karthagischen

Feldherren den roemischen, um Erkundigungen an Ort und Stelle

einzuziehen nach Spanien gesandten Kommissarien entgegenkamen, die

Versicherungen, dass alles dies nur geschehe, um die roemischen

Kriegskontributionen prompt zahlen zu koennen, konnten im Senat

unmoeglich Glauben finden; allein man erkannte wahrscheinlich von

Hamilkars Plaenen nur den naechsten Zweck: fuer die Tribute und den

Handel der verlorenen Inseln in Spanien Ersatz zu schaffen, und hielt

einen Angriffskrieg der Karthager, und namentlich eine Invasion Italiens

von Spanien aus, wie das sowohl ausdrueckliche Angaben als die ganze

Lage der Sache bezeugen, fuer schlechterdings unmoeglich. Dass unter der

Friedenspartei in Karthago manche weiter sahen, versteht sich; allein

wie sie dachten, konnten sie schwerlich sehr geneigt sein, ueber den

drohenden Sturm, den zu beschwoeren die karthagischen Behoerden laengst

ausserstande waren, ihre roemischen Freunde aufzuklaeren und damit die

Krise nicht abzuwenden, sondern zu beschleunigen; und wenn es dennoch

geschah, so mochte man in Rom solche Parteidenunziationen mit Fug sehr

vorsichtig aufnehmen. Allmaehlich allerdings musste die unbegreiflich

rasche und gewaltige Ausbreitung der karthagischen Macht in Spanien die

Aufmerksamkeit und die Besorgnisse der Roemer erwecken; wie sie ihr

denn auch in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Krieges in der Tat

Schranken zu setzen versuchten. Um das Jahr 528 (226) schlossen sie,

ihres jungen Hellenentums eingedenk, mit den beiden griechischen oder

halbgriechischen Staedten an der spanischen Ostkueste, Zakynthos oder

Saguntum (Murviedro unweit Valencia) und Emporiae (Ampurias) Buendnis,

und indem sie den karthagischen Feldherrn Hasdrubal davon in Kenntnis

setzten, wiesen sie ihn zugleich an, den Ebro nicht erobernd zu

ueberschreiten, was auch zugesagt ward. Es geschah dies keineswegs, um

einen Einfall in Italien auf dem Landweg zu hindern - den Feldherrn, der

diesen unternahm, konnte ein Vertrag nicht fesseln -, sondern teils

um der materiellen Macht der spanischen Karthager, die gefaehrlich

zu werden begann, eine Grenze zu stecken, teils um sich an den freien

Gemeinden zwischen dem Ebro und den Pyrenaeen, die Rom damit unter

seinen Schutz nahm, einen sicheren Anhalt zu bereiten fuer den Fall,

dass eine Landung und ein Krieg in Spanien notwendig werden sollte. Fuer

den bevorstehenden Krieg mit Karthago, ueber dessen Unvermeidlichkeit

der Senat sich nie getaeuscht hat, besorgte man von den spanischen

Ereignissen schwerlich groessere Nachteile, als dass man genoetigt

werden koenne, einige Legionen nach Spanien zu senden, und dass der

Feind mit Geld und Soldaten etwas besser versehen sein werde, als er

ohne Spanien es gewesen waere - war man doch fest entschlossen, wie der

Feldzugsplan von 536 (218) beweist und wie es auch gar nicht anders

sein konnte, den naechsten Krieg in Afrika zu beginnen und zu beendigen,

womit dann ueber Spanien zugleich entschieden war. Dazu kamen in

den ersten Jahren die karthagischen Kontributionen, welche die

Kriegserklaerung abgeschnitten haette, alsdann der Tod Hamilkars, von

dem Freunde und Feinde urteilen mochten, dass seine Entwuerfe mit ihm

gestorben seien, endlich in den letzten Jahren, wo der Senat allerdings

zu begreifen anfing, dass es nicht weise sei, mit der Erneuerung des

Krieges noch lange zu zoegern, der sehr erklaerliche Wunsch, zuvor mit

den Galliern im Potal fertig zu werden, da diese, mit der Ausrottung

bedroht, voraussichtlich jeden ernstlichen Krieg, den Rom unternahm,

benutzt haben wuerden, um die transalpinischen Voelkerschaften aufs

neue nach Italien zu locken und die immer noch aeusserst gefaehrlichen

Keltenzuege zu erneuern. Dass weder Ruecksichten auf die karthagische

Friedenspartei noch auf die bestehenden Vertraege die Roemer abhielten,

versteht sich; ueberdies boten, wenn man den Krieg wollte, die

spanischen Fehden jeden Augenblick einen Vorwand dazu dar. Unbegreiflich

ist das Verhalten Roms demnach keineswegs; aber ebensowenig laesst sich

leugnen, dass der roemische Senat diese Verhaeltnisse kurzsichtig und

schlaff behandelt hat - Fehler, wie sie seine Fuehrung der gallischen

Angelegenheiten in der gleichen Zeit noch viel unverzeihlicher aufweist.

Ueberall ist die roemische Staatskunst mehr ausgezeichnet durch

Zaehigkeit, Schlauheit und Konsequenz, als durch eine grossartige

Auffassung und rasche Ordnung der Dinge, worin ihr vielmehr die Feinde

Roms von Pyrrhos bis auf Mithradates oft ueberlegen gewesen sind. So

gab dem genialen Entwurf Hamilkars das Glueck die Weihe. Die Mittel zum

Kriege waren gewonnen, ein starkes kampf- und sieggewohntes Heer und

eine stetig sich fuellende Kasse; aber wie fuer den Kampf der rechte

Augenblick, die rechte Richtung gefunden werden sollte, fehlte der

Fuehrer. Der Mann, dessen Kopf und Herz in verzweifelter Lage unter

einem verzweifelnden Volke den Weg zur Rettung gebahnt hatte, war

nicht mehr, als es moeglich ward, ihn zu betreten. Ob sein Nachfolger

Hasdrubal den Angriff unterliess, weil ihm der Zeitpunkt noch nicht

gekommen schien, oder ob er, mehr Staatsmann als Feldherr, sich der

Oberleitung des Unternehmens nicht gewachsen glaubte, vermoegen

wir nicht zu entscheiden. Als er im Anfang des Jahres 534 (220) von

Moerderhand gefallen war, beriefen die karthagischen Offiziere des

spanischen Heeres an seine Stelle Hamilkars aeltesten Sohn, den

Hannibal. Er war noch ein junger Mann - geboren 505 (249), also damals

im neunundzwanzigsten Lebensjahr; aber er hatte schon viel gelebt. Seine

ersten Erinnerungen zeigten ihm den Vater im entlegenen Lande fechtend

und siegend auf der Eirkte; er hatte den Frieden des Catulus, die

bittere Heimkehr des unbesiegten Vaters, die Greuel des libyschen

Krieges mit durchempfunden. Noch ein Knabe, war er dem Vater ins Lager

gefolgt; bald zeichnete er sich aus. Sein leichter und festgebauter

Koerper machte aus ihm einen vortrefflichen Laeufer und Fechter und

einen verwegenen Galoppreiter; sich den Schlaf zu versagen, griff ihn

nicht an und Speise wusste er nach Soldatenart zu geniessen und zu

entbehren. Trotz seiner im Lager verflossenen Jugend besass er die

Bildung der vornehmen Phoeniker jener Zeit; im Griechischen brachte er,

wie es scheint, erst als Feldherr, unter der Leitung seines Vertrauten

Sosilos von Sparta, es weit genug, um Staatsschriften in dieser Sprache

selber abfassen zu koennen. Wie er heranwuchs, trat er in das Heer

seines Vaters ein, um unter dessen Augen seinen ersten Waffendienst zu

tun, um ihn in der Schlacht neben sich fallen zu sehen. Nachher hatte er

unter seiner Schwester Gemahl Hasdrubal die Reiterei befehligt und durch

glaenzende persoenliche Tapferkeit wie durch sein Fuehrertalent sich

ausgezeichnet. Jetzt rief ihn, den erprobten jugendlichen General, die

Stimme seiner Kameraden an ihre Spitze und er konnte nun ausfuehren,

wofuer sein Vater und sein Schwager gelebt und gestorben. Er trat die

Erbschaft an, und er durfte es. Seine Zeitgenossen haben auf seinen

Charakter Makel mancherlei Art zu werfen versucht: den Roemern hiess

er grausam, den Karthagern habsuechtig; freilich hasste er, wie nur

orientalische Naturen zu hassen verstehen, und ein Feldherr, dem niemals

Geld und Vorraete ausgegangen sind, musste wohl suchen zu haben. Indes,

wenn auch Zorn, Neid und Gemeinheit seine Geschichte geschrieben haben,

sie haben das reine und grosse Bild nicht zu trueben vermocht. Von

schlechten Erfindungen, die sich selber richten, und von dem abgesehen,

was durch Schuld seiner Unterfeldherren, namentlich des Hannibal

Monomachos und Mago des Samniten, in seinem Namen geschehen ist, liegt

in den Berichten ueber ihn nichts vor, was nicht unter den damaligen

Verhaeltnissen und nach dem damaligen Voelkerrecht zu verantworten

waere; und darin stimmen sie alle zusammen, dass er wie kaum ein anderer

Besonnenheit und Begeisterung, Vorsicht und Tatkraft miteinander zu

vereinigen verstanden hat. Eigentuemlich ist ihm die erfinderische

Verschmitztheit, die einen der Grundzuege des phoenikischen Charakters

bildet; er ging gern eigentuemliche und ungeahnte Wege, Hinterhalte und

Kriegslisten aller Art waren ihm gelaeufig, und den Charakter der

Gegner studierte er mit beispielloser Sorgfalt. Durch eine Spionage

ohnegleichen - er hatte stehende Kundschafter sogar in Rom - hielt er

von den Vornahmen des Feindes sich unterrichtet; ihn selbst sah

man haeufig in Verkleidungen und mit falschem Haar, dies oder jenes

auskundschaftend. Von seinem strategischen Genie zeugt jedes Blatt der

Geschichte dieser Zeit und nicht minder von seiner staatsmaennischen

Begabung, die er noch nach dem Frieden mit Rom durch seine Reform der

karthagischen Verfassung und durch den beispiellosen Einfluss bekundete,

den er als Iandfluechtiger Fremdling in den Kabinetten der oestlichen

Maechte ausuebte. Welche Macht ueber die Menschen er besass,

beweist seine unvergleichliche Gewalt ueber ein buntgemischtes und

vielsprachiges Heer, das in den schlimmsten Zeiten niemals gegen ihn

gemeutert hat. Er war ein grosser Mann; wohin er kam, ruhten auf ihm die

Blicke aller. Hannibal beschloss sofort nach seiner Ernennung (Fruehling

534 220) den Beginn des Krieges. Er hatte gute Gruende, jetzt, da das

Keltenland noch in Gaerung war und ein Krieg zwischen Rom und Makedonien

vor der Tuer schien, ungesaeumt loszuschlagen und den Krieg dahin zu

tragen, wohin es ihm beliebte, bevor die Roemer ihn begannen, wie

es ihnen bequem war, mit einer Landung in Afrika. Sein Heer war bald

marschfertig, die Kasse durch einige Razzias in grossem Massstab

gefuellt; allein die karthagische Regierung zeigte nichts weniger als

Lust, die Kriegserklaerung nach Rom abgehen zu lassen. Hasdrubals, des

patriotischer Volksfuehrers Platz war in Karthago schwerer zu ersetzen

als der Platz des Feldherrn Hasdrubal in Spanien; die Partei des

Friedens hatte jetzt daheim die Oberhand und verfolgte die Fuehrer der

Kriegspartei mit politischen Prozessen. Sie, die schon Hamilkars

Plaene beschnitten und bemaengelt hatte, war keineswegs gemeint,

den unbekannten jungen Mann, der jetzt in Spanien befehligte, auf

Staatskosten jugendlichen Patriotismus treiben zu lassen; und Hannibal

scheute doch davor zurueck, den Krieg in offener Widersetzlichkeit gegen

die legitimen Behoerden selber zu erklaeren; er versuchte die Saguntiner

zum Friedensbruch zu reizen; allein sie begnuegten sich, in Rom Klage zu

fuehren. Er versuchte, als darauf von Rom eine Kommission erschien, nun

diese durch schnoede Behandlung zur Kriegserklaerung zu treiben; allein

die Kommissarien sahen, wie die Dinge standen; sie schwiegen in Spanien,

um in Karthago Beschwerde zu fuehren und daheim zu berichten, dass

Hannibal schlagfertig stehe und der Krieg vor der Tuer sei. So verfloss

die Zeit; schon traf die Nachricht ein von dem Tode des Antigonos

Doson, der etwa gleichzeitig mit Hasdrubal ploetzlich gestorben war; im

italischen Kettenland ward die Gruendung der Festungen mit verdoppelter

Schnelligkeit und Energie von den Roemern betrieben; der Schilderhebung

in Illyrien schickte man in Rom sich an, im naechsten Fruehjahr ein

rasches Ende zu bereiten. Jeder Tag war kostbar; Hannibal entschloss

sich. Er meldete kurz und gut nach Karthago, dass die Saguntiner

karthagischen Untertanen, den Torboleten, zu nahe traeten und er sie

darum angreifen muesse; und ohne die Antwort abzuwarten, begann er im

Fruehjahr 535 (219) die Belagerung der mit Rom verbuendeten Stadt, das

heisst den Krieg gegen Rom. Was man in Karthago dachte und beriet, mag

man sich etwa vorstellen nach dem Eindruck, den Yorks Kapitulation

in gewissen Kreisen machte. Alle "angesehenen Maenner", heisst es,

missbilligten den "ohne Auftrag" geschehenen Angriff; es war die Rede

von Desavouierung, von Auslieferung des dreisten Offiziers. Aber sei es,

dass im karthagischen Rat die naehere Furcht vor dem Heer und der Menge

die vor Rom ueberwog; sei es, dass man die Unmoeglichkeit begriff, einen

solchen Schritt, einmal getan, zurueckzutun; sei es, dass die blosse

Macht der Traegheit ein bestimmtes Auftreten hinderte - man entschloss

sich endlich, sich zu nichts zu entschliessen und den Krieg, wenn nicht

zu fuehren, doch fuehren zu lassen. Sagunt verteidigte sich, wie nur

spanische Staedte sich zu verteidigen verstehen; haetten die Roemer nur

einen geringen Teil der Energie ihrer Schutzbefohlenen entwickelt und

nicht waehrend der achtmonatlichen Belagerung Sagunts mit dem elenden

illyrischen Raeuberkrieg die Zeit verdorben, so haetten sie, Herren der

See und geeigneter Landungsplaetze, sich die Schande des zugesagten und

nicht gewaehrten Schutzes ersparen und dem Krieg vielleicht eine andere

Wendung geben koennen. Indes sie saeumten, und die Stadt ward endlich

erstuermt. Wie Hannibal die Beute nach Karthago zur Verteilung sandte,

ward der Patriotismus und die Kriegslust bei vielen rege, die davon

bisher nichts gespuert hatten, und die Austeilung schnitt jede

Versoehnung mit Rom ab. Als daher nach der Zerstoerung Sagunts eine

roemische Gesandtschaft in Karthago erschien und die Auslieferung des

Feldherrn und der im Lager anwesenden Gerusiasten forderte, und als

der roemische Sprecher, die versuchte Rechtfertigung unterbrechend, die

Diskussion abschnitt und, sein Gewand zusammenfassend, sprach, dass er

darin Frieden und Krieg halte und dass die Gerusia waehlen moege, da

ermannten sich die Gerusiasten zu der Antwort, dass man es ankommen

lasse auf die Wahl des Roemers; und als dieser den Krieg bot, nahm

man ihn an (Fruehling 536 218). Hannibal, der durch den hartnaeckigen

Widerstand der Saguntiner ein volles Jahr verloren hatte, war fuer den

Winter 535/36 (219/18) wie gewoehnlich zurueckgegangen nach Cartagena,

um alles teils zum Angriff vorzubereiten, teils zur Verteidigung von

Spanien und Afrika; denn da er wie sein Vater und sein Schwager den

Oberbefehl in beiden Gebieten fuehrte, lag es ihm ob, auch zum

Schutz der Heimat die Anstalten zu treffen. Die gesamte Masse seiner

Streitkraefte betrug ungefaehr 120000 Mann zu Fuss, 16000 zu Pferd;

ferner 58 Elefanten und 32 bemannte, achtzehn unbemannte Fuenfdecker

ausser den in der Hauptstadt befindlichen Elefanten und Schiffen. Mit

Ausnahme weniger Ligurer unter den leichten Truppen gab es in diesem

karthagischen Heere Soeldner gar nicht; die Truppen bestanden ausser

einigen phoenikischen Schwadronen im wesentlichen aus den zum Dienst

ausgehobenen karthagischen Untertanen, Libyern und Spaniern. Der Treue

der letzteren sich zu versichern gab der menschenkundige Feldherr ihnen

ein Zeichen des Vertrauens, allgemeinen Urlaub waehrend des ganzen

Winters; den Libyern versprach der Feldherr, der den engherzigen

phoenikischen Sonderpatriotismus nicht teilte, eidlich das karthagische

Buergerrecht, wenn sie als Sieger nach Afrika zurueckkehren wuerden.

Indes war diese Truppenmasse nur zum Teil fuer die italische Expedition

bestimmt. Etwa 20000 Mann kamen nach Afrika, der kleinere Teil nach der

Hauptstadt und dem eigentlich phoenikischen Gebiet, der groessere an die

westliche Spitze von Afrika. Zur Deckung von Spanien blieben 12000 Mann

zu Fuss zurueck nebst 2500 Pferden und fast der Haelfte der Elefanten,

ausserdem die dort stationierte Flotte; den Oberbefehl und das Regiment

uebernahm hier Hannibals juengerer Bruder Hasdrubal. Das unmittelbar

karthagische Gebiet ward verhaeltnismaessig schwach besetzt, da die

Hauptstadt im Notfall Hilfsmittel genug bot; ebenso genuegte in Spanien,

wo neue Aushebungen sich mit Leichtigkeit veranstalten liessen,

fuer jetzt eine maessige Zahl von Fusssoldaten, waehrend dagegen ein

verhaeltnismaessig starker Teil der eigentlich afrikanischen Waffen, der

Pferde und Elefanten dort zurueckblieb. Die Hauptsorgfalt wurde darauf

gewendet, die Verbindungen zwischen Spanien und Afrika zu sichern,

weshalb in Spanien die Flotte blieb und Westafrika von einer sehr

starken Truppenmasse gehuetet ward. Fuer die Treue der Truppen buergte,

ausser den in dem festen Sagunt versammelten Geiseln der

spanischen Gemeinden, die Verlegung der Soldaten ausserhalb ihrer

Aushebungsbezirke, indem die ostafrikanische Landwehr vorwiegend nach

Spanien, die spanische nach Westafrika, die westafrikanische nach

Karthago kamen. So war fuer die Verteidigung hinreichend gesorgt. Was

den Angriff anlangt, so sollte von Karthago aus ein Geschwader von 20

Fuenfdeckern mit 1000 Soldaten an Bord nach der italischen Westkueste

segeln und diese verheeren, ein zweites von 25 Segeln womoeglich

sich wieder in Lilybaeon festsetzen; dieses bescheidene Mass von

Anstrengungen glaubte Hannibal seiner Regierung zumuten zu koennen. Mit

der Hauptarmee beschloss er selbst in Italien einzuruecken, wie das ohne

Zweifel schon in Hamilkars urspruenglichem Plan lag. Ein entscheidender

Angriff auf Rom war nur in Italien moeglich wie auf Karthago nur in

Libyen; so gewiss Rom seinen naechsten Feldzug mit dem letzteren begann,

so gewiss durfte auch Karthago sich nicht von vornherein entweder auf

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 9 / 51 段