Erwaehnung dieses Namens ist -, wird man hier doch nicht an die
spaeter so genannten deutschen Staemme denken duerfen, sondern an einen
keltischen Schwarm. ---------------------------------------------- Indes
alles das forderte Zeit; man hatte einmal sich ueberrumpeln lassen, und
wenigstens Etrurien zu retten, war es zu spaet. Die Kelten fanden den
Apennin kaum verteidigt und pluenderten unangefochten die reichen Ebenen
des tuskischen Gebietes, das lange keinen Feind gesehen. Schon standen
sie bei Clusium, drei Tagemaersche von Rom, als das Heer von Ariminum
unter dem Konsul Papus ihnen in der Flanke erschien, waehrend die
etruskische Landwehr, die sich nach der Ueberschreitung des Apennin im
Ruecken der Gallier zusammengezogen hatte, dem Marsch der Feinde
folgte. Eines Abends, nachdem bereits beide Heere sich gelagert und die
Biwakfeuer angezuendet hatten, brach das keltische Fussvolk ploetzlich
wieder auf und zog in rueckwaertiger Richtung ab auf der Strasse
gegen Faesulae (Fiesole); die Reiterei besetzte die Nacht hindurch die
Vorposten und folgte am andern Morgen der Hauptmacht. Als die tuskische
Landwehr, die dicht am Feinde lagerte, seines Abzugs inneward, meinte
sie, dass der Schwarm anfange sich zu verlaufen und brach auf zu eiligem
Nachsetzen. Eben darauf hatten die Gallier gerechnet; ihr ausgeruhtes
und geordnetes Fussvolk empfing auf dem wohl gewaehlten Schlachtfeld
die roemische Miliz, die ermattet und aufgeloest von dem Gewaltmarsch
herankam. 6000 Mann fielen nach heftigem Kampf, und auch der Rest des
Landsturms, der notduerftig auf einem Huegel Zuflucht gefunden,
waere verloren gewesen, wenn nicht rechtzeitig das konsularische
Heer erschienen waere. Dies bewog die Gallier, sich nach der Heimat
zurueckzuwenden. Ihr geschickt angelegter Plan, die Vereinigung der
beiden roemischen Heere zu hindern und das schwaechere einzeln zu
vernichten, war nur halb gelungen; fuer jetzt schien es ihnen geraten,
zunaechst die betraechtliche Beute in Sicherheit zu bringen. Des
bequemeren Marsches wegen zogen sie sich aus der Gegend von Chiusi, wo
sie standen, an die ebene Kueste und marschierten am Strande hin,
als sie unvermutet hier sich den Weg verlegt fanden. Es waren die
sardinischen Legionen, die bei Pisae gelandet waren und, da sie zu spaet
kamen, um den Apennin zu sperren, sich sofort auf demselben Kuestenweg,
den die Gallier verfolgten, in der entgegengesetzten Richtung in
Bewegung gesetzt hatten. Bei Telamon (an der Muendung des Ombrone)
trafen sie auf den Feind. Waehrend das roemische Fussvolk in
geschlossener Front auf der grossen Strasse vorrueckte, ging die
Reiterei, vom Konsul Gaius Atilius Regulus selber gefuehrt, seitwaerts
vor, um den Galliern in die Flanke zu kommen und so bald wie moeglich
dem anderen roemischen Heer unter Papus Kunde von ihrem Eintreffen zu
geben. Es entspann sich ein heftiges Reitergefecht, in dem mit vielen
tapferen Roemern auch Regulus fiel; aber nicht umsonst hatte er sein
Leben aufgeopfert: sein Zweck war erreicht. Papus gewahrte das Gefecht
und ahnte den Zusammenhang; schleunig ordnete er seine Scharen und von
beiden Seiten drangen nun roemische Legionen auf das Keltenheer ein.
Mutig stellte dieses sich zum Doppelkampf, die Transalpiner und Insubrer
gegen die Truppen des Papus, die alpinischen Taurisker und die Boier
gegen das sardinische Fussvolk; das Reitergefecht ging davon gesondert
auf dem Fluegel seinen Gang. Die Kraefte waren der Zahl nach nicht
ungleich gemessen, und die verzweifelte Lage der Gallier zwang sie zur
hartnaeckigsten Gegenwehr. Aber die Transalpiner, nur des Nahkampfes
gewohnt, wichen vor den Geschossen der roemischen Plaenkler; im
Handgemenge setzte die bessere Staehlung der roemischen Waffen
die Gallier in Nachteil; endlich entschied der Flankenangriff der
siegreichen roemischen Reiterei den Tag. Die keltischen Berittenen
entrannen; fuer das Fussvolk, das zwischen dem Meere und den drei
roemischen Heeren eingekeilt war, gab es keine Flucht. 10000 Kelten mit
dem Koenig Concolitanus wurden gefangen; 40000 andere lagen tot auf dem
Schlachtfeld; Aneroestus und sein Gefolge hatten sich nach keltischer
Sitte selber den Tod gegeben. Der Sieg war vollstaendig und die Roemer
fest entschlossen, die Wiederholung solcher Einfaelle durch die voellige
Ueberwaeltigung der Kelten diesseits der Alpen unmoeglich zu machen.
Ohne Widerstand ergaben im folgenden Jahr (530 224) sich die Boier
nebst den Lingonen, das Jahr darauf (531 223) die Anaren; damit war
das Flachland bis zum Padus in roemischen Haenden. Ernstlichere
Kaempfe kostete die Eroberung des noerdlichen Ufers. Gaius Flaminius
ueberschritt in dem neugewonnenen anarischen Gebiet (etwa bei Piacenza)
den Fluss (531 223); allein bei dem Uebergang und mehr noch bei der
Festsetzung am anderen Ufer erlitt er so schwere Verluste und fand sich,
den Fluss im Ruecken, in einer so gefaehrlichen Lage, dass er mit dem
Feind um freien Abzug kapitulierte, den die Insubrer toerichterweise
zugestanden. Kaum war er indes entronnen, als er vom Gebiet der
Cenomanen aus und mit diesen vereinigt von Norden her in den Gau der
Insubrer zum zweitenmal einrueckte. Zu spaet begriffen diese, um was es
sich jetzt handle; sie nahmen aus dem Tempel ihrer Goettin die goldenen
Feldzeichen, "die unbeweglichen" genannt, und mit ihrem ganzen Aufgebot,
50000 Mann stark, boten sie den Roemern die Schlacht. Die Lage dieser
war gefaehrlich: sie standen mit dem Ruecken an einem Fluss (vielleicht
dem Oglio), von der Heimat getrennt durch das feindliche Gebiet und fuer
den Beistand im Kampf wie fuer die Rueckzugslinie angewiesen auf die
unsichere Freundschaft der Cenomanen. Indes es gab keine Wahl. Man zog
die in den roemischen Reihen fechtenden Gallier auf das linke Ufer des
Flusses; auf dem rechten, den Insubrern gegenueber, stellte man
die Legionen auf und brach die Bruecken ab, um von den unsicheren
Bundesgenossen wenigstens nicht im Ruecken angefallen zu werden.
Freilich schnitt also der Fluss den Rueckzug ab und ging der Weg zur
Heimat durch das feindliche Heer. Aber die Ueberlegenheit der roemischen
Waffen und der roemischen Disziplin erfocht den Sieg und das Heer schlug
sich durch; wieder einmal hatte die roemische Taktik die strategischen
Fehler gutgemacht. Der Sieg gehoerte den Soldaten und Offizieren, nicht
den Feldherren, die gegen den gerechten Beschluss des Senats nur durch
Volksgunst triumphierten. Gern haetten die Insubrer Frieden gemacht;
aber Rom forderte unbedingte Unterwerfung, und so weit war man noch
nicht. Sie versuchten, sich mit Hilfe der noerdlichen Stammgenossen zu
halten, und mit 30000 von ihnen geworbenen Soeldnern derselben und ihrer
eigenen Landwehr empfingen sie die beiden im folgenden Jahr (532 222)
abermals aus dem cenomanischen Gebiet in das ihrige einrueckenden
konsularischen Heere. Es gab noch manches harte Gefecht; bei einer
Diversion, welche die Insubrer gegen die roemische Festung Clastidium
(Casteggio, unterhalb Pavia) am rechten Poufer versuchten, fiel der
gallische Koenig Virdumarus von der Hand des Konsuls Marcus Marcellus.
Allein nach einer halb von den Kelten schon gewonnenen, aber endlich
doch fuer die Roemer entschiedenen Schlacht erstuermte der Konsul Gnaeus
Scipio die Hauptstadt der Insubrer, Mediolanum, und die Einnahme dieser
und der Stadt Comum machte der Gegenwehr ein Ende. Damit waren die
italischen Kelten vollstaendig besiegt, und wie eben vorher die Roemer
den Hellenen im Piratenkrieg den Unterschied zwischen roemischer und
griechischer Seebeherrschung gezeigt, so hatten sie jetzt glaenzend
bewiesen, dass Rom Italiens Pforten anders gegen den Landraub zu wahren
wusste als Makedonien die Tore Griechenlands und dass trotz allen
inneren Haders Italien dem Nationalfeinde gegenueber ebenso einig wie
Griechenland zerrissen dastand. Die Alpengrenze war erreicht, insofern
als das ganze Flachland am Po entweder den Roemern untertaenig oder, wie
das cenomanische und venetische Gebiet, von abhaengigen Bundesgenossen
besessen war; es bedurfte indes der Zeit, um die Konsequenzen dieses
Sieges zu ziehen und die Landschaft zu romanisieren. Man verfuhr dabei
nicht in derselben Weise. In dem gebirgigen Nordwesten Italiens und in
den entfernteren Distrikten zwischen den Alpen und dem Po duldete man im
ganzen die bisherigen Bewohner; die zahlreichen sogenannten Kriege, die
namentlich gegen die Ligurer gefuehrt wurden (zuerst 516 238), scheinen
mehr Sklavenjagden gewesen zu sein, und wie oft auch die Gaue und Taeler
den Roemern sich unterwarfen, war die roemische Herrschaft doch hier
kaum mehr als ein Name. Auch die Expedition nach Istrien (533 221)
scheint nicht viel mehr bezweckt zu haben, als die letzten Schlupfwinkel
der adriatischen Piraten zu vernichten und laengs der Kueste zwischen
den italischen Eroberungen und den Erwerbungen an dem anderen Ufer
eine Kontinentalverbindung herzustellen. Dagegen die Kelten in
den Landschaften suedlich vom Po waren der Vernichtung rettungslos
verfallen; denn bei dem losen Zusammenhang der keltischen Nation nahm
keiner der noerdlichen Kettengaue ausser fuer Geld sich der italischen
Stammgenossen an, und die Roemer sahen in denselben nicht bloss ihre
Nationalfeinde, sondern auch die Usurpatoren ihres natuerlichen Erbes.
Die ausgedehnte Ackerverteilung von 522 (332) hatte schon das gesamte
Gebiet zwischen Ancona und Ariminum mit roemischen Kolonisten gefuellt,
die ohne kommunale Organisation in Marktflecken und Doerfern hier sich
ansiedelten. Auf diesem Wege ging man weiter, und es war nicht
schwer, eine halbbarbarische, dem Ackerbau nur nebenher obliegende und
ummauerter Staedte entbehrende Bevoelkerung, wie die keltische war, zu
verdraengen und auszurotten. Die grosse Nordchaussee, die wahrscheinlich
schon achtzig Jahre frueher ueber Otricoli nach Narni gefuehrt und kurz
vorher bis an die neubegruendete Festung Spoletium (514 240) verlaengert
worden war, wurde jetzt (534 220) unter dem Namen der Flaminischen
Strasse ueber den neu angelegten Marktflecken Forum Flaminii (bei
Foligno) durch den Furlopass an die Kueste und an dieser entlang von
Fanum (Fano) bis nach Ariminum gefuehrt; es war die erste Kunststrasse,
die den Apennin ueberschritt und die beiden italischen Meere verband.
Man war eifrig beschaeftigt, das neugewonnene fruchtbare Gebiet mit
roemischen Ortschaften zu bedecken. Schon war zur Deckung des Uebergangs
ueber den Po auf dem rechten Ufer die starke Festung Placentia
(Piacenza) gegruendet, nicht weit davon am linken Cremona angelegt,
ferner auf dem den Boiern abgenommenen Gebiet der Mauerbau von
Mutina (Modena) weit vorgeschritten; schon bereitete man weitere
Landanweisungen und die Fortfuehrung der Chaussee vor, als ein
ploetzliches Ereignis die Roemer in der Ausbeutung ihrer Erfolge
unterbrach. 4. Kapitel Hamilkar und Hannibal Der Vertrag mit Rom von 513
(241) gab den Karthagern Frieden, aber um einen teuren Preis. Dass die
Tribute des groessten Teils von Sizilien jetzt in den Schatz des
Feindes flossen statt in die karthagische Staatskasse, war der geringste
Verlust. Viel empfindlicher war es, dass man nicht bloss die Hoffnung
hatte aufgeben muessen, deren Erfuellung so nahe geschienen, die
saemtlichen Seestrassen aus dem oestlichen in das westliche Mittelmeer
zu monopolisieren, sondern dass das ganze handelspolitische System
gesprengt, das bisher ausschliesslich beherrschte suedwestliche Becken
des Mittelmeers seit Siziliens Verlust fuer alle Nationen ein offenes
Fahrwasser, Italiens Handel von dem phoenikischen vollstaendig
unabhaengig geworden war. Indes die ruhigen sidonischen Maenner haetten
auch darueber vielleicht sich zu beruhigen vermocht. Man hatte schon
aehnliche Schlaege erfahren; man hatte mit den Massalioten, den
Etruskern, den sizilischen Griechen teilen muessen, was man frueher
allein besessen; auch das, was man jetzt noch hatte, Afrika, Spanien,
die Pforten des Atlantischen Meeres, reichte aus, um maechtig und
wohlgemut zu leben. Aber freilich, wer buergte dafuer, dass wenigstens
dies blieb? Was Regulus gefordert und wie wenig ihm gefehlt hatte, um
das, was er forderte, zu erreichen, konnte nur vergessen, wer vergessen
wollte; und wenn Rom den Versuch, den es von Italien aus mit so grossem
Erfolg unternommen hatte, jetzt von Lilybaeon aus erneuerte, so war
Karthago, wenn nicht die Verkehrtheit des Feindes oder ein besonderer
Gluecksfall dazwischen trat, unzweifelhaft verloren. Zwar man hatte
jetzt Frieden; aber es hatte an einem Haar gehangen, dass dem Frieden
die Ratifikation verweigert ward, und man wusste, wie die oeffentliche
Meinung in Rom diesen Friedensschluss beurteilte. Es mochte sein, dass
Rom an die Eroberung Afrikas jetzt noch nicht dachte und noch Italien
ihm genuegte; aber wenn die Existenz des karthagischen Staats an dieser
Genuegsamkeit hing, so sah es uebel damit aus, und wer buergte dafuer,
dass die Roemer nicht eben ihrer italischen Politik es angemessen
fanden, den afrikanischen Nachbar zwar nicht sich zu unterwerfen, aber
doch zu vertilgen? Kurz, Karthago durfte den Frieden von 513 (241)
nur als einen Waffenstillstand betrachten und musste ihn benutzen zur
Vorbereitung fuer die unvermeidliche Erneuerung des Krieges; nicht,
um die erlittene Niederlage zu raechen, nicht einmal zunaechst, um
das Verlorene zurueckzugewinnen, sondern um sich eine nicht von dem
Gutfinden des Landesfeindes abhaengige Existenz zu erfechten. Allein
wenn einem schwaecheren Staat ein gewisser, aber der Zeit nach
unbestimmter Vernichtungskrieg bevorsteht, werden die kluegeren,
entschlosseneren, hingebenderen Maenner, die zu dem unvermeidlichen
Kampf sich sogleich fertig machen, ihn zur guenstigen Stunde aufnehmen
und so die politische Defensive durch die strategische Offensive
verdecken moechten, ueberall sich gehemmt sehen durch die traege und
feige Masse der Geldesknechte, der Altersschwachen, der Gedankenlosen,
welche nur Zeit zu gewinnen, nur in Frieden zu leben und zu sterben, nur
den letzten Kampf um jeden Preis hinauszuschieben bedacht sind. So gab
es auch in Karthago eine Friedens- und eine Kriegspartei, die beide wie
natuerlich sich anschlossen an den schon zwischen den Konservativen
und den Reformisten bestehenden politischen Gegensatz: jene fand
ihre Stuetze in den Regierungsbehoerden, dem Rat der Alten und der
Hundertmaenner, an deren Spitze Hanno, der sogenannte Grosse, stand,
diese in den Leitern der Menge, namentlich dem angesehenen Hasdrubal,
und in den Offizieren des sizilischen Heeres, dessen grosse Erfolge
unter Hamilkars Fuehrung, wenn sie auch sonst vergeblich gewesen
waren, doch den Patrioten einen Weg gezeigt hatten, der Rettung aus der
ungeheuren Gefahr zu versprechen schien. Schon lange mochte zwischen
diesen Parteien heftige Fehde bestehen, als der libysche Krieg zwischen
sie hineinschlug. Wie er entstand, ist schon erzaehlt worden.
Nachdem die Regierungspartei die Meuterei durch die unfaehige, alle
Vorsichtsmassregeln der sizilischen Offiziere vereitelnde Verwaltung
angezettelt hatte, durch die Nachwirkung ihres unmenschlichen
Regierungssystems diese Meuterei in eine Revolution umgeschlagen und
endlich durch ihre und namentlich ihres Fuehrers, des Heerverderbers
Hanno militaerische Unfaehigkeit das Land an den Rand des Abgrundes
gebracht worden war, ward der Held von der Eirkte, Hamilkar Barkas, in
der hoechsten Not von der Regierung selbst ersucht, sie von den Folgen
ihrer Fehler und Verbrechen zu retten. Er nahm das Kommando an und
dachte hochsinnig genug, es selbst dann nicht niederzulegen, als man
ihm den Hanno zum Kollegen gab; ja als die erbitterte Armee denselben
heimschickte, vermochte er es ueber sich, ihm auf die flehentliche Bitte
der Regierung zum zweitenmal den Mitoberbefehl einzuraeumen und
trotz der Feinde wie trotz des Kollegen durch seinen Einfluss bei den
Aufstaendischen, seine geschickte Behandlung der numidischen Scheichs,
sein unvergleichliches Organisatoren- und Feldherrngenie in unglaublich
kurzer Zeit den Aufstand voellig niederzuwerfen und das empoerte Afrika
zum Gehorsam zurueckzubringen (Ende 517 237). Die Patriotenpartei hatte
waehrend dieses Krieges geschwiegen; jetzt sprach sie um so lauter.
Einerseits war bei dieser Katastrophe die ganze Verderbtheit und
Verderblichkeit der herrschenden Oligarchie an den Tag gekommen, ihre
Unfaehigkeit, ihre Coteriepolitik, ihre Hinneigung zu den Roemern;
anderseits zeigte die Wegnahme Sardiniens und die drohende Stellung,
welche Rom dabei einnahm, deutlich auch dem geringsten Mann, dass das
Damoklesschwert der roemischen Kriegserklaerung stets ueber Karthago
hing, und dass, wenn Karthago unter den gegenwaertigen Verhaeltnissen
mit Rom zum Kriege kam, dieser notwendig den Untergang der phoenikischen
Herrschaft in Libyen zur Folge haben muesse. Es mochte in Karthago nicht
wenige geben, die, an der Zukunft des Vaterlandes verzweifelnd, die
Auswanderung nach den Inseln des Atlantischen Meeres anrieten; wer
durfte sie schelten? Aber edlere Gemueter verschmaehen es, ohne die
Nation sich selber zu bergen, und grosse Naturen geniessen das Vorrecht,
aus dem, worueber die Menge der Guten verzweifelt, Begeisterung
zu schoepfen. Man nahm die neuen Bedingungen an, wie sie Rom eben
diktierte; es blieb nichts uebrig, als sich zu fuegen und den neuen Hass
zu dem alten schlagend ihn sorgfaeltig zu sammeln und zu sparen, dieses
letzte Kapitel einer gemisshandelten Nation. Dann aber schritt man
zu einer politischen Reform ^1. Von der Unverbesserlichkeit der
Regimentspartei hatte man sich hinreichend ueberzeugt; dass die
regierenden Herren auch im letzten Krieg weder ihren Groll vergessen
noch groessere Weisheit gelernt hatten, zeigte zum Beispiel die ans
Naive grenzende Unverschaemtheit, dass sie jetzt dem Hamilkar den
Prozess machten als dem Urheber des Soeldnerkrieges, insofern er ohne
Vollmacht der Regierung seinen sizilischen Soldaten Geldversprechungen
gemacht habe. Wenn der Klub der Offiziere und Volksfuehrer die morschen
Stuehle dieses Missregiments haette umstossen wollen, so wuerde er in
Karthago selbst schwerlich auf grosse Schwierigkeiten gestossen sein;
allein auf desto groessere in Rom, mit dem die regierenden Herren von
Karthago schon in Verbindungen standen, die an Landesverrat grenzten.
Zu allen uebrigen Schwierigkeiten der Lage kam noch die hinzu, dass die
Mittel zur Rettung des Vaterlandes geschaffen werden mussten, ohne dass
weder die Roemer noch die eigene roemisch gesinnte Regierung recht darum
gewahr wurden. ---------------------------------------------------
^1 Wir sind ueber diese Vorgaenge nicht bloss unvollkommen berichtet,
sondern auch einseitig, da natuerlich die Version der karthagischen
Friedenspartei die der roemischen Annalisten wurde. Indes selbst in
unsern zertruemmerten und getruebten Berichten - die wichtigsten sind
Fabius bei Polyb. 3, 8; App. Hisp. 4 und Diod. 25 p. 567 - erscheinen
die Verhaeltnisse der Parteien deutlich genug. Von dem gemeinen Klatsch,
mit dem die "revolutionaere Verbindung" (etaireia t/o/n pon/e/rotat/o/n
anthr/o/p/o/n) von ihren Gegnern beschmutzt ward, kann man bei Nepos
(Ham. 3) Proben lesen, die ihresgleichen suchen, vielleicht auch finden.
---------------------------------------------------- So liess man die
Verfassung unangetastet und die regierenden Herren im vollen Genuss
ihrer Sonderrechte und des gemeinen Gutes. Es ward bloss beantragt und
durchgesetzt, von den beiden Oberfeldherren, die am Ende des libyschen
Krieges an der Spitze der karthagischen Truppen standen, Hanno und
Hamilkar, den ersteren abzurufen und den letzteren zum Oberfeldherrn
fuer ganz Afrika auf unbestimmte Zeit in der Art zu ernennen, dass
er eine von den Regierungskollegien unabhaengige Stellung - eine
verfassungswidrige monarchische Gewalt nannten es die Gegner, Cato eine
Diktatur - erhielt und er nur von der Volksversammlung abberufen und
zur Verantwortung gezogen werden durfte ^2. Selbst die Wahl eines
Nachfolgers ging nicht von den Behoerden der Hauptstadt aus, sondern
vom Heere, das heisst von den im Heere als Gerusiasten oder Offiziere
dienenden Karthagern, die auch bei Vertraegen neben dem Feldherrn
genannt werden; natuerlich blieb der Volksversammlung daheim das
Bestaetigungsrecht. Mag dies Usurpation sein oder nicht, es bezeichnet
deutlich, wie die Kriegspartei das Heer als ihre Domaene ansah und
behandelte. --------------------------------------------- ^2 Die Barkas
schliessen die wichtigsten Staatsvertraege ab und die Ratifikation der
Behoerde ist eine Formalitaet (Polyb. 3, 21); Rom protestiert bei ihnen
und beim Senat (Polyb. 3, 15). Die Stellung der Barkas zu Karthago
hat manche Aehnlichkeit mit der der Oranier gegen die Generalstaaten.
---------------------------------------------------- Der Auftrag, den
Hamilkar also empfing, klang nicht eben verfaenglich. Die Kriege mit den
numidischen Staemmen ruhten an der Grenze nie; vor kurzem erst war
im Binnenland die "Stadt der hundert Tore" Theveste (Tebessa) von den
Karthagern besetzt worden. Die Fortfuehrung dieser Grenzfehden, die dem
neuen Oberfeldherrn von Afrika zufiel, war an sich nicht von solcher
Bedeutung, dass nicht die karthagische Regierung, die man ja in
ihrem naechsten Kreise gewaehren liess, zu den darueber von der
Volksversammlung getroffenen Beliebungen haette stillschweigen koennen,
waehrend die Roemer die Tragweite derselben vielleicht nicht einmal
erkannten. So stand an der Spitze des Heeres der eine Mann, der
im sizilischen und im libyschen Kriege es bewaehrt hatte, dass die
Geschicke ihn oder keinen zum Retter des Vaterlandes bestimmten.
Grossartiger als von ihm ist vielleicht niemals der grossartige Kampf
des Menschen gegen das Schicksal gefuehrt worden. Das Heer sollte den
Staat retten; aber was fuer ein Heer? Die karthagische Buergerwehr
hatte unter Hamilkars Fuehrung im libyschen Kriege sich nicht schlecht
geschlagen; allein er wusste wohl, dass es ein anderes ist, die
Kaufleute und Fabrikanten einer Stadt, die in der hoechsten Gefahr
schwebt, einmal zum Kampf hinauszufuehren, und ein anderes, Soldaten
aus ihnen zu bilden. Die karthagische Patriotenpartei lieferte ihm
vortreffliche Offiziere, aber in ihr war natuerlich fast ausschliesslich
die gebildete Klasse vertreten - Buergermiliz hatte er nicht, hoechstens
einige libyphoenikische Reiterschwadronen. Es galt ein Heer zu schaffen
aus den libyschen Zwangsrekruten und aus Soeldnern; was einem Feldherrn
wie Hamilkar moeglich war, allein auch ihm nur, wenn er seinen Leuten
puenktlich und reichlich den Sold zu zahlen vermochte. Aber dass die
karthagischen Staatseinkuenfte in Karthago selbst zu viel noetigeren
Dingen gebraucht wurden als fuer die gegen den Feind fechtenden Heere,
hatte er in Sizilien erfahren. Es musste also dieser Krieg sich
selber ernaehren und im grossen ausgefuehrt werden, was auf dem Monte
Pellegrino im kleinen versucht worden war. Aber noch mehr. Hamilkar war
nicht bloss Militaer-, er war auch Parteichef; gegen die unversoehnliche
und der Gelegenheit, ihn zu stuerzen, begierig und geduldig harrende
Regierungspartei musste er auf die Buergerschaft sich stuetzen, und
mochten deren Fuehrer noch so rein und edel sein, die Masse war tief
verdorben und durch das unselige Korruptionssystem gewoehnt, nichts
fuer nichts zu geben. In einzelnen Momenten schlug wohl die Not oder
die Begeisterung einmal durch, wie das ueberall selbst in den feilsten
Koerperschaften vorkommt; wollte aber Hamilkar fuer seinen im besten