Leichtbewaffneten verwendeten. ^5 Das zeigt schon ein Blick auf
die Karte, aber ebenso die merkwuerdige Bestimmung, dass es den
Kentoripinern ausnahmsweise gestattet blieb, sich in ganz Sizilien
anzukaufen. Sie bedurften als roemische Aufpasser der freiesten
Bewegung. Uebrigens scheint Kentoripa auch unter den ersten zu
Rom uebergetretenen Staedten gewesen zu sein (Diod. 1, 23 p. 501).
-------------------------------------------------- Allerdings fiel
dieser tiefgreifende Gegensatz zwischen den zuzug- und den steuer-
oder doch wenigstens nicht zuzugpflichtigen Gemeinden mit dem Gegensatz
zwischen Italien und den Provinzen nicht in rechtlich notwendiger
Weise zusammen. Es konnten auch ueberseeische Gemeinden der italischen
Eidgenossenschaft angehoeren, wie denn die Mamertiner mit den
italischen Sabellern wesentlich auf einer Linie standen, und selbst
der Neugruendung von Gemeinden latinischen Rechts stand in Sizilien und
Sardinien rechtlich so wenig etwas im Wege wie in dem Lande jenseits
des Apennin. Es konnten auch festlaendische Gemeinden des Waffenrechts
entbehren und tributaer sein, wie dies fuer einzelne keltische Distrikte
am Po wohl schon jetzt galt und spaeter in ziemlich ausgedehntem Umfange
eingefuehrt ward. Allein der Sache nach ueberwogen die zuzugpflichtigen
Gemeinden ebenso entschieden auf dem Festlande wie die steuerpflichtigen
auf den Inseln; und waehrend weder in dem hellenisch zivilisierten
Sizilien noch auf Sardinien italische Ansiedelungen roemischerseits
beabsichtigt wurden, stand es bei der roemischen Regierung ohne Zweifel
schon jetzt fest, das barbarische Land zwischen Apennin und Alpen nicht
bloss sich zu unterwerfen, sondern auch, wie die Eroberung fortschritt,
dort neue Gemeinden italischen Ursprungs und italischen Rechts zu
konstituieren. Also wurden die ueberseeischen Besitzungen nicht bloss
Untertanenland, sondern sie waren auch bestimmt, es fuer alle Zukunft zu
bleiben; dagegen der neu abgegrenzte gesetzliche Amtsbezirk der Konsuln
oder, was dasselbe ist, das festlaendische roemische Gebiet sollte ein
neues und weiteres Italien werden, das von den Alpen bis zum Ionischen
Meere reichte. Vorerst freilich fiel dies Italien als wesentlich
geographischer Begriff mit dem politischen der italischen
Eidgenossenschaft nicht durchaus zusammen und war teils weiter,
teils enger. Aber schon jetzt betrachtete man den ganzen Raum bis zur
Alpengrenze als Italia, das heisst als gegenwaertiges oder kuenftiges
Gebiet der Togatraeger und steckte, aehnlich wie es in Nordamerika
geschah und geschieht, die Grenze vorlaeufig geographisch ab, um sie
mit der weiter vorschreitenden Kolonisierung allmaehlich auch politisch
vorzuschieben ^6. ------------------------------------------- ^6
Dieser Gegensatz zwischen Italien als dem roemischen Festland oder dem
konsularischen Sprengel einer- und dem ueberseeischen Gebiet oder den
Praetorensprengeln andererseits erscheint schon im sechsten Jahrhundert
in mehrfachen Anwendungen. Die Religionsvorschrift, dass gewisse
Priester Rom nicht verlassen durften (Val. Max. 1, 1, 2), ward dahin
ausgelegt, dass es ihnen nicht gestattet sei, das Meer zu ueberschreiten
(Liv. ep. 19; 36; 51; Tac. ann. 3, 58; 71; Cic. Phil. 11, 8; 18; vgl.
Liv. 28, 38; 44; ep. 59). Bestimmter noch gehoert hierher die Auslegung,
welche von der alten Vorschrift, dass der Konsul nur "auf roemischem
Boden" den Diktator ernennen duerfe, im Jahre 544 vorgetragen wird:
der roemische Boden begreife ganz Italien in sich (Liv. 27, 5). Die
Einrichtung des keltischen Landes zwischen den Alpen und dem Apennin
zu einem eigenen, vom konsularischen verschiedenen und einem besonderen
staendigen Oberbeamten unterworfenen Sprengel gehoert erst Sulla an. Es
wird natuerlich dagegen niemand geltend machen, dass schon im sechsten
Jahrhundert sehr haeufig Gallia oder Ariminum als "Amtsbezirk"
(provincia) gewoehnlich eines der Konsuln genannt wird. Provincia
ist bekanntlich in der aelteren Sprache nicht, was es spaeter allein
bedeutet, ein raeumlich abgegrenzter, einem staendigen Oberbeamten
unterstellter Sprengel, sondern die fuer den einzelnen Konsul zunaechst
durch Uebereinkommen mit seinem Kollegen unter Mitwirkung des Senats
festgestellte Kompetenz; und in diesem Sinn sind haeufig einzelne
norditalische Landschaften oder auch Norditalien ueberhaupt
einzelnen Konsuln als provincia ueberwiesen worden.
-------------------------------------------- Im Adriatischen Meer, an
dessen Eingang die wichtige und laengst vorbereitete Kolonie Brundisium
endlich noch waehrend des Krieges mit Karthago gegruendet worden war
(510 244), war Roms Suprematie von vornherein entschieden. In der
Westsee hatte Rom den Rivalen beseitigen muessen; in der oestlichen
sorgte schon die hellenische Zwietracht dafuer, dass alle Staaten
auf der griechischen Halbinsel ohnmaechtig blieben oder wurden. Der
bedeutendste derselben, der makedonische, war unter dem Einfluss
Aegyptens vom oberen Adriatischen Meer durch die Aetoler wie aus dem
Peloponnes durch die Achaeer verdraengt worden und kaum noch imstande,
die Nordgrenze gegen die Barbaren zu schuetzen. Wie sehr den Roemern
daran gelegen war, Makedonien und dessen natuerlichen Verbuendeten, den
syrischen Koenig, niederzuhalten, und wie eng sie sich anschlossen an
die eben darauf gerichtete aegyptische Politik, beweist das merkwuerdige
Anerbieten, das sie nach dem Ende des Krieges mit Karthago dem Koenig
Ptolemaeos III. Euergetes machten, ihn in dem Kriege zu unterstuetzen,
den er wegen Berenikes Ermordung gegen Seleukos II. Kallinikos von
Syrien (reg. 507-529 247-225) fuehrte und bei dem wahrscheinlich
Makedonien fuer den letztern Partei genommen hatte. Ueberhaupt werden
die Beziehungen Roms zu den hellenistischen Staaten enger; auch
mit Syrien verhandelte der Senat schon und verwandte sich bei
dem ebengenannten Seleukos fuer die stammverwandten Ilier. Einer
unmittelbaren Einmischung in die Angelegenheiten der oestlichen Maechte
bedurfte es zunaechst nicht. Die achaeische Eidgenossenschaft, die im
Aufbluehen geknickt ward durch die engherzige Coteriepolitik des Aratos,
die aetolische Landsknechtrepublik, das verfallene Makedonierreich
hielten selber einer den andern nieder; und ueberseeischen Laendergewinn
vermied man damals eher in Rom, als dass man ihn suchte. Als die
Akarnanen, sich darauf berufend, dass sie allein unter allen Griechen
nicht teilgenommen haetten an der Zerstoerung Ilions, die Nachkommen des
Aeneas um Hilfe baten gegen die Aetoler, versuchte der Senat zwar eine
diplomatische Verwendung; allein da die Aetoler darauf eine nach ihrer
Weise abgefasste, das heisst unverschaemte Antwort erteilten, ging das
antiquarische Interesse der roemischen Herren doch keineswegs so weit,
um dafuer einen Krieg anzufangen, durch den sie die Makedonier von
ihrem Erbfeind befreit haben wuerden (um 515 239). Selbst den Unfug der
Piraterie, die bei solcher Lage der Dinge begreiflicherweise das einzige
Gewerbe war, das an der adriatischen Kueste bluehte und vor der auch der
italische Handel viel zu leiden hatte, liessen sich die Roemer mit einer
Geduld, die mit ihrer gruendlichen Abneigung gegen den Seekrieg und
ihrem schlechten Flottenwesen eng zusammenhing, laenger als billig
gefallen. Allein endlich ward es doch zu arg. Unter Beguenstigung
Makedoniens, das keine Veranlassung mehr fand, sein altes Geschaeft der
Beschirmung des hellenischen Handels vor den adriatischen Korsaren zu
Gunsten seiner Feinde fortzufuehren, hatten die Herren von Skodra die
illyrischen Voelkerschaften, etwa die heutigen Dalmatiner, Montenegriner
und Nordalbanesen, zu gemeinschaftlichen Piratenzuegen im grossen Stil
vereinigt; mit ganzen Geschwadern ihrer schnellsegelnden Zweidecker, der
bekannten "liburnischen" Schiffe, fuehrten die Illyrier den Krieg gegen
jedermann zur See und an den Kuesten. Die griechischen Ansiedlungen in
diesen Gegenden, die Inselstaedte Issa (Lissa) und Pharos (Lesina), die
wichtigen Kuestenplaetze Epidamnos (Durazzo) und Apollonia (noerdlich
von Avlona am Aoos), hatten natuerlich vor allem zu leiden und sahen
sich wiederholt von den Barbaren belagert. Aber noch weiter suedlich, in
Phoenike, der bluehendsten Stadt von Epeiros, setzten die Korsaren sich
fest; halb gezwungen, halb freiwillig traten die Epeiroten und Akarnanen
mit den fremden Raeubern in eine unnatuerliche Symmachie; bis nach Elis
und Messene hin waren die Kuesten unsicher. Vergeblich vereinigten
die Aetoler und Achaeer, was sie an Schiffen hatten, um dem Unwesen zu
steuern; in offener Seeschlacht wurden sie von den Seeraeubern und deren
griechischen Bundesgenossen geschlagen; die Korsarenflotte vermochte
endlich sogar die reiche und wichtige Insel Kerkyra (Korfu) einzunehmen.
Die Klagen der italischen Schiffer, die Hilfsgesuche der altverbuendeten
Apolloniaten, die flehenden Bitten der belagerten Issaer noetigten
endlich den roemischen Senat, wenigstens Gesandte nach Skodra zu
schicken. Die Brueder Gaius und Lucius Coruncanius kamen, um von dem
Koenig Agron Abstellung des Unwesens zu fordern. Der Koenig gab zur
Antwort, dass nach illyrischem Landrecht der Seeraub ein erlaubtes
Gewerbe sei und die Regierung nicht das Recht habe, der Privatkaperei
zu wehren; worauf Lucius Coruncanius erwiderte, dass dann Rom es sich
angelegen sein lassen werde, den Illyriern ein besseres Landrecht
beizubringen. Wegen dieser, allerdings nicht sehr diplomatischen Replik
wurde, wie die Roemer behaupteten, auf Geheiss des Koenigs, einer der
Gesandten auf der Heimkehr ermordet und die Auslieferung der Moerder
verweigert. Der Senat hatte jetzt keine Wahl mehr. Mit dem Fruehjahr
525 (229) erschien vor Apollonia eine Flotte von 200 Linienschiffen
mit einer Landungsarmee an Bord; vor jener zerstoben die Korsarenboote,
waehrend diese die Raubburgen brach; die Koenigin Teuta, die nach ihres
Gemahls Agron Tode die Regierung fuer ihren unmuendigen Sohn Pinnes
fuehrte, musste, in ihrem letzten Zufluchtsort belagert, die Bedingungen
annehmen, die Rom diktierte. Die Herren von Skodra wurden wieder im
Norden wie im Sueden auf ihr urspruengliches engbegrenztes Gebiet
beschraenkt und hatten nicht bloss alle griechischen Staedte, sondern
auch die Ardiaeer in Dalmatien, die Parthiner um Epidamnos, die
Atintanen im noerdlichen Epeiros aus ihrer Botmaessigkeit zu entlassen;
suedlich von Lissos (Alessio zwischen Scutari und Durazzo) sollten
kuenftig illyrische Kriegsfahrzeuge ueberhaupt nicht und nicht armierte
nicht ueber zwei zusammen fahren duerfen. Roms Seeherrschaft auf dem
Adriatischen Meer war in der loeblichsten und dauerhaftesten Weise
zur vollen Anerkennung gebracht durch die rasche und energische
Unterdrueckung des Piratenunfugs. Allein man ging weiter und setzte
sich zugleich an der Ostkueste fest. Die Illyrier von Skodra wurden
tributpflichtig nach Rom; auf den dalmatinischen Inseln und Kuesten
wurde Demetrios von Pharos, der aus den Diensten der Teuta in roemische
getreten war, als abhaengiger Dynast und roemischer Bundesgenosse
eingesetzt; die griechischen Staedte Kerkyra, Apollonia, Epidamnos und
die Gemeinden der Atintanen und Parthiner wurden in milden Formen der
Symmachie an Rom geknuepft. Diese Erwerbungen an der Ostkueste des
Adriatischen Meeres waren nicht ausgedehnt genug, um einen eigenen
Nebenkonsul fuer sie einzusetzen: nach Kerkyra und vielleicht auch nach
anderen Plaetzen scheinen Statthalter untergeordneten Ranges gesandt und
die Oberaufsicht ueber diese Besitzungen den Oberbeamten, welche Italien
verwalteten, mit uebertragen worden zu sein ^7. Also traten gleich
Sizilien und Sardinien auch die wichtigsten Seestationen im Adriatischen
Meer in die roemische Botmaessigkeit ein. Wie haette es auch anders
kommen sollen? Rom brauchte eine gute Seestation im oberen Adriatischen
Meere, welche ihm seine Besitzungen an dem italischen Ufer nicht
gewaehrten; die neuen Bundesgenossen, namentlich die griechischen
Handelsstaedte, sahen in den Roemern ihre Retter und taten ohne Zweifel,
was sie konnten, sich des maechtigen Schutzes dauernd zu versichern;
im eigentlichen Griechenland, war nicht bloss niemand imstande zu
widersprechen, sondern das Lob der Befreier auf allen Lippen. Man kann
fragen, ob der Jubel in Hellas groesser war oder die Scham, als
statt der zehn Linienschiffe der Achaeischen Eidgenossenschaft, der
streitbarsten Macht Griechenlands, jetzt zweihundert Segel der Barbaren
in ihre Haefen einliefen und mit einem Schlage die Aufgabe loesten, die
den Griechen zukam und an der diese so klaeglich gescheitert waren. Aber
wenn man sich schaemte, dass die Rettung den bedraengten Landsleuten vom
Ausland hatte kommen muessen, so geschah es wenigstens mit guter Manier;
man saeumte nicht, die Roemer durch Zulassung zu den Isthmischen
Spielen und den Eleusinischen Mysterien feierlich in den hellenischen
Nationalverband aufzunehmen. -------------------------------------------
^7 Ein stehender roemischer Kommandant von Kerkyra scheint bei Polyb.
22,15, 6 (falsch uebersetzt von Liv. 38, 11; vgl. 42, 37), ein solcher
von Issa bei Liv. 43, 9 vorzukommen. Dazu kommt die Analogie des
Praefectus pro legato insularem Baliarum (Orelli 732) und des
Statthalters von Pandataria (IRN 3528). Es scheint danach ueberhaupt in
der roemischen Verwaltung Regel gewesen zu sein, fuer die entfernteren
Inseln nicht senatorische praefecti zu bestellen. Diese "Stellvertreter"
aber setzen ihrem Wesen nach einen Oberbeamten voraus, der sie ernennt
und beaufsichtigt; und dies koennen in dieser Zeit nur die Konsuln
gewesen sein. Spaeter, seit Einrichtung der Provinzen Makedonien und
Gallia Cisalpina, kam die Oberverwaltung an den einen dieser beiden
Statthalter; wie denn das hier in Rede stehende Gebiet, der Kern
des spaeteren roemischen Illyricum, bekanntlich zum Teil zu
Caesars Verwaltungssprengel mit gehoerte.
---------------------------------------- Makedonien schwieg; es
war nicht in der Verfassung, mit den Waffen zu protestieren, und
verschmaehte, es mit Worten zu tun. Auf Widerstand traf man nirgend;
aber nichtsdestoweniger hatte Rom, indem es die Schluessel zum Hause des
Nachbarn an sich nahm, in diesem sich einen Gegner geschaffen, von dem,
wenn er wieder zu Kraeften oder eine guenstige Gelegenheit ihm vorkam,
sich erwarten liess, dass er sein Schweigen zu brechen wissen werde.
Haette der kraeftige und besonnene Koenig Antigonos Doson laenger
gelebt, so wuerde wohl er schon den hingeworfenen Handschuh aufgehoben
haben; denn als einige Jahre spaeter der Dynast Demetrios von Pharos
sich der roemischen, Hegemonie entzog, im Einverstaendnis mit den
Istriern vertragswidrig Seeraub trieb und die von den Roemern fuer
unabhaengig erklaerten Atintanen sich unterwarf, machte Antigonos
Buendnis mit ihm, und Demetrios' Truppen fochten mit in Antigonos' Heer
in der Schlacht bei Sellasia (532 222). Allein Antigonos starb (Winter
533/34 221/20); sein Nachfolger Philippos, noch ein Knabe, liess es
geschehen, dass der Konsul Lucius Aemilius Paullus den Verbuendeten
Makedoniens angriff, seine Hauptstadt zerstoerte und ihn landfluechtig
aus seinem Reiche trieb (535 219). Auf dem Festland des eigentlichen
Italien suedlich vom Apennin war tiefer Friede seit dem Fall von Tarent;
der sechstaegige Krieg mit Falerii (513 241) ist kaum etwas mehr als
eine Kuriositaet. Aber gegen Norden dehnte zwischen dem Gebiet der
Eidgenossenschaft und der Naturgrenze Italiens, der Alpenkette, noch
eine weite Strecke sich aus, die den Roemern nicht botmaessig war.
Als Grenze Italiens galt an der adriatischen Kueste der Aesisfluss,
unmittelbar oberhalb Ancona. Jenseits dieser Grenze gehoerte
die naechstliegende, eigentlich gallische Landschaft bis Ravenna
einschliesslich in aehnlicher Weise wie das eigentliche Italien zu dem
roemischen Reichsverband; die Senonen, die hier ehemals gesessen hatten,
waren in dem Kriege 471/72 (283/82) ausgerottet und die einzelnen
Ortschaften entweder als Buergerkolonien, wie Sena gallica, oder
als Bundesstaedte, sei es latinischen Rechts, wie Ariminum, sei es
italischen, wie Ravenna, mit Rom verknuepft worden. Auf dem weiten
Gebiet jenseits Ravenna bis zu der Alpengrenze sassen nichtitalische
Voelkerschaften. Suedlich vom Po behauptete sich noch der maechtige
Keltenstamm der Boier (von Parma bis Bologna), neben denen oestlich
die Lingonen, westlich (im Gebiet von Parma) die Anaren, zwei kleinere,
vermutlich in der Klientel der Boier stehende keltische Kantone die
Ebene ausfuellten. Wo diese aufhoert, begannen die Ligurer, die mit
einzelnen keltischen Staemmen gemischt auf dem Apennin von oberhalb
Arezzo und Pisa an sitzend, das Quellgebiet des Po innehatten. Von der
Ebene nordwaerts vom Po hatten die Veneter, verschiedenen Stammes von
den Kelten und wohl illyrischer Abkunft, den oestlichen Teil etwa von
Verona bis zur Kueste im Besitz; zwischen ihnen und den westlichen
Gebirgen sassen die Cenomanen (um Brescia und Cremona), die selten
mit der keltischen Nation hielten und wohl stark mit Venetern gemischt
waren, und die Insubrer (um Mailand), dieser der bedeutendste der
italischen Keltengaue und in stetiger Verbindung nicht bloss mit den
kleineren, in den Alpentaelern zerstreuten Gemeinden teils keltischer,
teils anderer Abkunft, sondern auch mit den Keltengauen jenseits der
Alpen. Die Pforten der Alpen, der maechtige, auf fuenfzig deutsche
Meilen schiffbare Strom, die groesste und fruchtbarste Ebene des
damaligen zivilisierten Europas, waren nach wie vor in den Haenden der
Erbfeinde des italischen Namens, die, wohl gedemuetigt und geschwaecht,
doch immer noch kaum dem Namen nach abhaengig und immer noch unbequeme
Nachbarn, in ihrer Barbarei verharrten und duenngesaet in den weiten
Flaechen ihre Herden- und Plunderwirtschaft fortfuehrten. Man durfte
erwarten, dass die Roemer eilen wuerden, sich dieser Gebiete zu
bemaechtigen; um so mehr als die Kelten allmaehlich anfingen, ihrer
Niederlagen in den Feldzuegen von 471 und 472 (283 282) zu vergessen und
sich wieder zu regen, ja was noch bedenklicher war, die transalpinischen
Kelten aufs neue begannen, diesseits der Alpen sich zu zeigen. In der
Tat hatten bereits im Jahre 516 (238) die Boier den Krieg erneuert und
deren Herren Atis und Galatas, freilich ohne Auftrag der Landesgemeinde,
die Transalpiner aufgefordert, mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu
machen; zahlreich waren diese dem Ruf gefolgt und im Jahre 518 (236)
lagerte ein Keltenheer vor Ariminum, wie Italien es lange nicht gesehen
hatte. Die Roemer, fuer den Augenblick viel zu schwach, um die Schlacht
zu versuchen, schlossen Waffenstillstand und liessen, um Zeit zu
gewinnen, Boten der Kelten nach Rom gehen, die im Senat die Abtretung
von Ariminum zu fordern wagten - es schien, als seien die Zeiten des
Brennus wiedergekehrt. Aber ein unvermuteter Zwischenfall machte
dem Krieg ein Ende, bevor er noch recht begonnen hatte. Die Boier,
unzufrieden mit den ungebetenen Bundesgenossen und wohl fuer ihr eigenes
Gebiet fuerchtend, gerieten in Haendel mit den Transalpinern; es kam
zwischen den beiden Keltenheeren zu offener Feldschlacht, und nachdem
die boischen Haeuptlinge von ihren eigenen Leuten erschlagen waren,
kehrten die Transalpiner heim. Damit waren die Boier den Roemern in die
Haende gegeben, und es hing nur von diesen ab, sie gleich den Senonen
auszutreiben und wenigstens bis an den Po vorzudringen; allein es ward
vielmehr denselben gegen die Abtretung einiger Landstriche der Friede
gewaehrt (518 236). Das mag damals geschehen sein, weil man eben den
Wiederausbruch des Kriegs mit Karthago erwartete; aber nachdem dieser
durch die Abtretung Sardiniens abgewandt worden war, forderte es die
richtige Politik der roemischen Regierung, das Land bis an die Alpen
so rasch und so vollstaendig wie moeglich in Besitz zu nehmen. Die
bestaendigen Besorgnisse der Kelten vor einer solchen roemischen
Invasion sind darum hinreichend gerechtfertigt; indes die Roemer
beeilten sich eben nicht. So begannen denn die Kelten ihrerseits den
Krieg, sei es, dass die roemischen Ackerverteilungen an der Ostkueste
(522 232), obwohl zunaechst nicht gegen sie gerichtet, sie besorgt
gemacht hatten, sei es, dass sie die Unvermeidlichkeit eines Krieges mit
Rom um den Besitz der Lombardei begriffen, sei es, was vielleicht das
Wahrscheinlichste ist, dass das ungeduldige Kelterwolk wieder einmal
des Sitzens muede war und eine neue Heerfahrt zu ruesten beliebte. Mit
Ausschluss der Cenomanen, die mit den Venetern hielten und sich fuer die
Roemer erklaerten, traten dazu saemtliche italische Kelten zusammen,
und ihnen schlossen sich unter den Fuehrern Concolitanus und Aneroestus
zahlreich die Kelten des oberen Rhonetals oder vielmehr deren
Reislaeufer an ^8. Mit 50000 zu Fuss und 20000 zu Ross oder zu Wagen
kaempfenden Streitern rueckten die Fuehrer der Kelten auf den Apennin
zu (529 225). Von dieser Seite hatte man in Rom sich des Angriffs nicht
versehen und nicht erwartet, dass die Kelten mit Vernachlaessigung
der roemischen Festungen an der Ostkueste und des Schutzes der eigenen
Stammesgenossen geradeswegs gegen die Hauptstadt vorzugehen wagen
wuerden. Nicht gar lange vorher hatte ein aehnlicher Keltenschwarm in
ganz gleicher Weise Griechenland ueberschwemmt; die Gefahr war ernst
und schien noch ernster, als sie war. Der Glaube, dass Roms Untergang
diesmal unvermeidlich und der roemische Boden vom Verhaengnis gallisch
zu werden bestimmt sei, war selbst in Rom unter der Menge so allgemein
verbreitet, dass sogar die Regierung es nicht unter ihrer Wuerde hielt,
den krassen Aberglauben des Poebels durch einen noch krasseren zu bannen
und zur Erfuellung des Schicksalspruchs einen gallischen Mann und eine
gallische Frau auf dem roemischen Markt lebendig begraben zu lassen.
Daneben traf man ernstlichere Anstalten. Von den beiden konsularischen
Heeren, deren jedes etwa 25000 Mann zu Fuss und 1100 Reiter zaehlte,
stand das eine unter Gaius Atilius Regulus in Sardinien, das zweite
unter Lucius Aemilius Papus bei Ariminum; beide erhielten Befehl,
sich so schnell wie moeglich nach dem zunaechst bedrohten Etrurien
zu begeben. Schon hatten gegen die mit Rom verbuendeten Cenomanen und
Veneter die Kelten eine Besatzung in der Heimat zuruecklassen muessen;
jetzt ward auch der Landsturm der Umbrer angewiesen, von den heimischen
Bergen herab in die Ebene der Boier einzuruecken und dem Feinde auf
seinen eigenen Aeckern jeden erdenklichen Schaden zuzufuegen. Die
Landwehr der Etrusker und Sabiner sollte den Apennin besetzen und
womoeglich sperren, bis die regulaeren Truppen eintreffen koennten. In
Rom bildete sich eine Reserve von 50000 Mann; durch ganz Italien, das
diesmal in Rom seinen rechten Vorkaempfer sah, wurde die dienstfaehige
Mannschaft verzeichnet, Vorraete und Kriegsmaterial zusammengebracht.
--------------------------------------------- ^8 Dieselben, die Polybios
bezeichnet als "die Kelten in den Alpen und an der Rhone, die man
wegen ihrer Reislaeuferei Gaesaten (Landsknechte) nenne", werden in
den kapitolinischen Fasten Germani genannt. Moeglich ist es, dass die
gleichzeitige Geschichtschreibung hier nur Kelten genannt und erst
die historische Spekulation der caesarischen und augustischen Zeit die
Redaktoren jener Fasten bewogen hat, daraus "Germanen" zu machen.
Wofern dagegen die Nennung der Germanen in den Fasten auf gleichzeitige