war der Tat nach von der Seeseite entsetzt, denn wenn auch die Truemmer

der roemischen Flotte in ihre fruehere Stellung zurueckkehrten, so war

diese doch jetzt viel zu schwach, um den nie ganz geschlossenen Hafen

ernstlich zu versperren, und konnte vor dem Angriff der karthagischen

Schiffe sich selbst nur retten durch den Beistand des Landheers. Die

eine Unvorsichtigkeit eines unerfahrenen und frevelhaft leichtsinnigen

Offiziers hatte alles vereitelt, was in dem langen und aufreibenden

Festungskrieg muehsam erreicht worden war; und was dessen Uebermut noch

an Kriegsschiffen den Roemern gelassen hatte, ging kurz darauf durch den

Unverstand seines Kollegen zugrunde. Der zweite Konsul, Lucius Iunius

Pullus, der den Auftrag erhalten hatte, die fuer das Heer in Lilybaeon

bestimmten Zufuhren in Syrakus zu verladen und die Transportflotte

laengs der suedlichen Kueste der Insel mit der zweiten roemischen

Flotte von 120 Kriegsschiffen zu geleiten, beging, statt seine Schiffe

zusammenzuhalten, den Fehler, den ersten Transport allein abgehen zu

lassen und erst spaeter mit dem zweiten zu folgen. Als der karthagische

Unterbefehlshaber Karthalo, der mit hundert auserlesenen Schiffen die

roemische Flotte im Hafen von Lilybaeon blockierte, davon Nachricht

erhielt, wandte er sich nach der Suedkueste der Insel, schnitt die

beiden roemischen Geschwader, sich zwischen sie legend, voneinander ab

und zwang sie, an den unwirtlichen Gestaden von Gela und Kamarina

in zwei Nothaefen sich zu bergen. Die Angriffe der Karthager wurden

freilich von den Roemern tapfer zurueckgewiesen mit Hilfe der hier

wie ueberall an der Kueste schon seit laengerer Zeit errichteten

Strandbatterien; allein da an Vereinigung und Fortsetzung der Fahrt fuer

die Roemer nicht zudenken war, konnte Karthago die Vollendung seines

Werkes den Elementen ueberlassen. Der naechste grosse Sturm vernichtete

denn auch beide roemische Flotten auf ihren schlechten Reeden

vollstaendig, waehrend der phoenikische Admiral auf der hohen See mit

seinen unbeschwerten und gut gefuehrten Schiffen ihm leicht entging. Die

Mannschaft und die Ladung gelang es den Roemern indes groesstenteils zu

retten (505 249). Der roemische Senat war ratlos. Der Krieg waehrte nun

ins sechzehnte Jahr, und von dem Ziele schien man im sechzehnten weiter

ab zu sein als im ersten. Vier grosse Flotten waren in diesem Kriege

zugrunde gegangen, drei davon mit roemischen Heeren an Bord; ein viertes

ausgesuchtes Landheer hatte der Feind in Libyen vernichtet, ungerechnet

die zahllosen Opfer, die die kleinen Gefechte zur See, die in Sizilien

die Schlachten und mehr noch der Postenkrieg und die Seuchen gefordert

hatten. Welche Zahl von Menschenleben der Krieg wegraffte, ist daraus

zuerkennen, dass die Buergerrolle bloss von 502 (252) auf 507 (247) um

etwa 40000 Koepfe, den sechsten Teil der Gesamtzahl, sank; wobei die

Verluste der Bundesgenossen, die die ganze Schwere des Seekriegs und

daneben der Landkrieg mindestens in gleichem Verhaeltnis wie die Roemer

traf, noch nicht mit eingerechnet sind. Von der finanziellen Einbusse

ist es nicht moeglich, sich eine Vorstellung zu machen; aber sowohl der

unmittelbare Schaden an Schiffen und Material als der mittelbare

durch die Laehmung des Handels muessen ungeheuer gewesen sein. Allein

schlimmer als dies alles war die Abnutzung aller Mittel, durch die man

den Krieg hatte endigen wollen. Man hatte eine Landung in Afrika mit

frischen Kraeften, im vollen Siegeslauf versucht und war gaenzlich

gescheitert. Man hatte Sizilien Stadt um Stadt zu erstuermen

unternommen; die geringeren Plaetze waren gefallen, aber die beiden

gewaltigen Seeburgen Lilybaeon und Drepana standen unbezwinglicher als

je zuvor. Was sollte man beginnen? In der Tat, der Kleinmut behielt

gewissermassen Recht. Die Vaeter der Stadt verzagten; sie liessen die

Sachen eben gehen, wie sie gehen mochten, wohl wissend, dass ein ziel-

und endlos sich hinspinnender Krieg fuer Italien verderblicher war als

die Anstrengung des letzten Mannes und des letzten Silberstuecks, aber

ohne den Mut und die Zuversicht zu dem Volk und zu dem Glueck, um zu

den alten, nutzlos vergeudeten neue Opfer zu fordern. Man schaffte

die Flotte ab; hoechstens foerderte man die Kaperei und stellte den

Kapitaenen, die auf ihre eigene Hand den Korsarenkrieg zu beginnen

bereit waren, zu diesem Behuf Kriegsschiffe des Staates zur Verfuegung.

Der Landkrieg ward dem Namen nach fortgefuehrt, weil man eben nicht

anders konnte; allein man begnuegte sich, die sizilischen Festungen zu

beobachten, und was man besass, notduerftig zu behaupten, was dennoch,

seit die Flotte fehlte, ein sehr zahlreiches Heer und aeusserst

kostspielige Anstalten erforderte. Wenn jemals, so war jetzt die Zeit

gekommen, wo Karthago den gewaltigen Gegner zu demuetigen imstande war.

Dass auch dort die Erschoepfung der Kraefte gefuehlt ward, versteht

sich; indes wie die Sachen standen, konnten die phoenikischen Finanzen

unmoeglich so im Verfall sein, dass die Karthager den Krieg, der

ihnen hauptsaechlich nur Geld kostete, nicht haetten offensiv und

nachdruecklich fortfuehren koennen. Allein die karthagische Regierung

war eben nicht energisch, sondern schwach und laessig, wenn nicht ein

leichter und sicherer Gewinn oder die aeusserste Not sie trieb. Froh,

der roemischen Flotte los zu sein, liess man toericht auch die eigene

verfallen und fing an, nach dem Beispiel der Feinde sich zu Lande und

zur See auf den kleinen Krieg in und um Sizilien zu beschraenken. So

folgten sechs tatenlose Kriegsjahre (506-511 248-243), die ruhmlosesten,

welche die roemische Geschichte dieses Jahrhunderts kennt, und ruhmlos

auch fuer das Volk der Karthager. Indes ein Mann von diesen dachte und

handelte anders als seine Nation. Hamilkar, genannt Barak oder Barkas,

das ist der Blitz, ein junger, vielversprechender Offizier, uebernahm

im Jahre 507 (247) den Oberbefehl in Sizilien. Es fehlte in seiner Armee

wie in jeder karthagischen an einer zuverlaessigen und kriegsgeuebten

Infanterie; und die Regierung, obwohl sie vielleicht eine solche zu

schaffen imstande und auf jeden Fall es zu versuchen verpflichtet

gewesen waere, begnuegte sich, den Niederlagen zuzusehen und hoechstens

die geschlagenen Feldherren ans Kreuz heften zu lassen. Hamilkar

beschloss, sich selber zu helfen. Er wusste es wohl, dass seinen

Soeldnern Karthago so gleichgueltig war wie Rom, und dass er von seiner

Regierung nicht phoenikische oder libysche Konskribierte, sondern im

besten Fall die Erlaubnis zu erwarten hatte, mit seinen Leuten das

Vaterland auf eigene Faust zu retten, vorausgesetzt, dass es nichts

koste. Allein er kannte auch sich und die Menschen. An Karthago lag

seinen Soeldnern freilich nichts; aber der echte Feldherr vermag es, den

Soldaten an die Stelle des Vaterlandes seine eigene Persoenlichkeit zu

setzen, und ein solcher war der junge General. Nachdem er die Seinigen

im Postenkrieg vor Drepana und Lilybaeon gewoehnt hatte, dem Legionaer

ins Auge zu sehen, setzte er auf dem Berge Eirkte (Monte Pellegrino bei

Palermo), der gleich einer Festung das umliegende Land beherrscht, sich

mit seinen Leuten fest und liess sie hier haeuslich mit ihren Frauen

und Kindern sich einrichten und das platte Land durchstreifen, waehrend

phoenikische Kaper die italische Kueste bis Cumae brandschatzten. So

ernaehrte er seine Leute reichlich, ohne von den Karthagern Geld zu

begehren, und bedrohte, mit Drepana die Verbindung zur See unterhaltend,

das wichtige Panormos in naechster Naehe mit Ueberrumpelung. Nicht

bloss vermochten die Roemer nicht, ihn von seinem Felsen zu vertreiben,

sondern nachdem an der Eirkte der Kampf eine Weile gedauert hatte, schuf

sich Hamilkar eine zweite aehnliche Stellung am Eryx. Diesen Berg, der

auf der halben Hoehe die gleichnamige Stadt, auf der Spitze den Tempel

der Aphrodite trug, hatten bis dahin die Roemer in Haenden gehabt und

von da aus Drepana beunruhigt. Hamilkar nahm die Stadt weg und belagerte

das Heiligtum, waehrend die Roemer von der Ebene her ihn ihrerseits

blockierten. Die von den Roemern auf den verlorenen Posten des Tempels

gestellten keltischen Ueberlaeufer aus dem karthagischen Heer, ein

schlimmes Raubgesindel, das waehrend dieser Belagerung den Tempel

pluenderte und Schaendlichkeiten aller Art veruebte, verteidigten die

Felsenspitze mit verzweifeltem Mut; aber auch Hamilkar liess sich

nicht wieder aus der Stadt verdraengen und hielt mit der Flotte und

der Besatzung von Drepana stets sich zur See die Verbindung offen. Der

sizilische Krieg schien eine immer unguenstigere Wendung fuer die Roemer

zu nehmen. Der roemische Staat kam in demselben um sein Geld und seine

Soldaten und die roemischen Feldherren um ihr Ansehen: es war schon

klar, dass dem Hamilkar kein roemischer General gewachsen war, und die

Zeit liess sich berechnen, wo auch der karthagische Soeldner sich dreist

wuerde messen koennen mit dem Legionaer. Immer verwegener zeigten sich

die Kaper Hamilkars an der italischen Kueste - schon hatte gegen eine

dort gelandete karthagische Streifpartei ein Praetor ausruecken muessen.

Noch einige Jahre, so tat Hamilkar von Sizilien aus mit der Flotte, was

spaeter auf dem Landweg von Spanien aus sein Sohn unternahm. Indes

der roemische Senat verharrte in seiner Untaetigkeit; die Partei der

Kleinmuetigen hatte einmal in ihm die Mehrzahl. Da entschlossen sich

eine Anzahl einsichtiger und hochherziger Maenner, den Staat auch ohne

Regierungsbeschluss zu retten und dem heillosen Sizilischen Krieg ein

Ende zu machen. Die gluecklichen Korsarenfahrten hatten wenn nicht den

Mut der Nation gehoben, doch in engeren Kreisen die Energie und die

Hoffnung geweckt; man hatte sich schon in Geschwader zusammengetan,

Hippo an der afrikanischen Kueste niedergebrannt, den Karthagern

vor Panormos ein glueckliches Seegefecht geliefert. Durch

Privatunterzeichnung, wie sie auch wohl in Athen, aber nie in so

grossartiger Weise vorgekommen ist, stellten die vermoegenden und

patriotisch gesinnten Roemer eine Kriegsflotte her, deren Kern die fuer

den Kaperdienst gebauten Schiffe und die darin geuebten Mannschaften

abgaben und die ueberhaupt weit sorgfaeltiger hergestellt wurde, als

dies bisher bei dem Staatsbau geschehen war. Diese Tatsache, dass

eine Anzahl Buerger im dreiundzwanzigsten Jahre eines schweren Krieges

zweihundert Linienschiffe mit einer Bemannung von 60000 Matrosen

freiwillig dem Staate darboten, steht vielleicht ohne Beispiel da in den

Annalen der Geschichte. Der Konsul Gaius Lutatius Catulus, dem die Ehre

zuteil ward, diese Flotte in die sizilische See zu fuehren, fand dort

kaum einen Gegner; die paar karthagischen Schiffe, mit denen Hamilkar

seine Korsarenzuege gemacht, verschwanden vor der Uebermacht, und

fast ohne Widerstand besetzten die Roemer die Haefen von Lilybaeon

und Drepana, deren Belagerung zu Wasser und zu Lande jetzt energisch

begonnen ward. Karthago war vollstaendig ueberrumpelt; selbst die beiden

Festungen, schwach verproviantiert, schwebten in grosser Gefahr. Man

ruestete daheim an einer Flotte, aber so eilig man tat, ging das Jahr zu

Ende, ohne dass in Sizilien karthagische Segel sich gezeigt haetten; und

als endlich im Fruehjahr 513 (241) die zusammengerafften Schiffe auf der

Hoehe von Drepana erschienen, war es doch mehr eine Transport- als eine

schlagfertige Kriegsflotte zu nennen. Die Phoeniker hatten gehofft,

ungestoert landen, die Vorraete ausschiffen und die fuer ein Seegefecht

erforderlichen Truppen an Bord nehmen zu koennen; allein die roemischen

Schiffe verlegten ihnen den Weg und zwangen sie, da sie von der heiligen

Insel (jetzt Maritima) nach Drepana segeln wollten, bei der kleinen

Insel Aegusa (Favignana), die Schlacht anzunehmen (10. Maerz 513 241).

Der Ausgang war keinen Augenblick zweifelhaft, die roemische Flotte, gut

gebaut und bemannt und, da die vor Drepana erhaltene Wunde den Konsul

Catulus noch an das Lager fesselte, von dem tuechtigen Praetor Publius

Valerius Falto vortrefflich gefuehrt, warf im ersten Augenblick die

schwer beladenen, schlecht und schwach bemannten Schiffe der Feinde;

fuenfzig wurden versenkt, mit siebzig eroberten fuhren die Sieger ein

in den Hafen von Lilybaeon. Die letzte grosse Anstrengung der roemischen

Patrioten hatte Frucht getragen; sie brachte den Sieg und mit ihm den

Frieden. Die Karthager kreuzigten zunaechst den ungluecklichen Admiral,

was die Sache nicht anders machte, und schickten alsdann dem sizilischen

Feldherrn unbeschraenkte Vollmacht, den Frieden zu schliessen. Hamilkar,

der, seine siebenjaehrige Heldenarbeit durch fremde Fehler vernichtet

sah, fuegte hochherzig sich in das Unvermeidliche, ohne darum weder

seine Soldatenehre noch sein Volk noch seine Entwuerfe aufzugeben.

Sizilien freilich war nicht zu halten, seit die Roemer die See

beherrschten, und dass die karthagische Regierung, die ihre leere Kasse

vergeblich durch ein Staatsanlehen in Aegypten zu fuellen versucht

hatte, auch nur einen Versuch noch machen wuerde, die roemische Flotte

zu ueberwaeltigen, liess sich nicht erwarten. Er gab also die Insel

auf. Dagegen ward die Selbstaendigkeit und Integritaet des karthagischen

Staats und Gebiets ausdruecklich anerkannt in der ueblichen Form, dass

Rom sich verpflichtete, nicht mit der karthagischen, Karthago, nicht mit

der roemischen Bundesgenossenschaft, das heisst mit den beiderseitigen

untertaenigen und abhaengigen Gemeinden, in Sonderbuendnis zu treten

oder Krieg zu beginnen oder in diesem Gebiet Hoheitsrechte auszuueben

oder Werbungen vorzunehmen ^4. Was die Nebenbedingungen anlangt, so

verstand sich die unentgeltliche Rueckgabe der roemischen Gefangenen und

die Zahlung einer Kriegskontribution von selbst; dagegen die Forderung

des Catulus, dass Hamilkar die Waffen und die roemischen Ueberlaeufer

ausliefern solle, wies der Karthager entschlossen zurueck, und mit

Erfolg. Catulus verzichtete auf das zweite Begehren und gewaehrte den

Phoenikern freien Abzug aus Sizilien gegen das maessige Loesegeld von

18 Denaren (4 Taler) fuer den Mann.

----------------------------------------------------- ^4 Dass die

Karthager versprechen mussten, keine Kriegsschiffe in das Gebiet der

roemischen Symmachie - also auch nicht nach Syrakus, vielleicht selbst

nicht nach Massalia - zu senden (Zon. 8, 17), klingt glaublich

genug; allein der Text des Vertrages schweigt davon (Polyb. 3,

27). ----------------------------------------------------- Wenn den

Karthagern die Fortfuehrung des Krieges nicht wuenschenswert erschien,

so hatten sie Ursache, mit diesen Bedingungen zufrieden zu sein. Es kann

sein, dass das natuerliche Verlangen, dem Vaterland mit dem Triumph auch

den Frieden zu bringen, die Erinnerung an Regulus und den wechselvollen

Gang des Krieges, die Erwaegung, dass ein patriotischer Aufschwung,

wie er zuletzt den Sieg entschieden hatte, sich nicht gebieten noch

wiederholen laesst, vielleicht selbst Hamilkars Persoenlichkeit

mithalfen, den roemischen Feldherrn zu solcher Nachgiebigkeit zu

bestimmen. Gewiss ist es, dass man in Rom mit dem Friedensentwurf

unzufrieden war und die Volksversammlung, ohne Zweifel unter dem

Einfluss der Patrioten, die die letzte Schiffsruestung durchgesetzt

hatten, anfaenglich die Ratifikation verweigerte. In welchem Sinne dies

geschah, wissen wir nicht und vermoegen also nicht zu entscheiden, ob

die Opponenten den Frieden nur verwarfen, um dem Feinde noch einige

Konzessionen mehr abzudringen, oder ob sie sich erinnerten, dass Regulus

von Karthago den Verzicht auf die politische Unabhaengigkeit gefordert

hatte, und entschlossen waren, den Krieg fortzufuehren, bis man an

diesem Ziel stand und es sich nicht mehr um Frieden handelte, sondern

um Unterwerfung. Erfolgte die Weigerung in dem ersten Sinne, so war

sie vermutlich fehlerhaft; gegen den Gewinn Siziliens verschwand jedes

andere Zugestaendnis, und es war bei Hamilkars Entschlossenheit und

erfinderischem Geist sehr gewagt, die Sicherung des Hauptgewinns an

Nebenzwecke zu setzen. Wenn dagegen die gegen den Frieden opponierende

Partei in der vollstaendigen politischen Vernichtung Karthagos das

einzige fuer die roemische Gemeinde genuegende Ende des Kampfes

erblickte, so zeigte sie politischen Takt und Ahnung der kommenden

Dinge; ob aber auch Roms Kraefte noch ausreichten, um den Zug des

Regulus zu erneuern und soviel nachzusetzen, als erforderlich war, um

nicht bloss den Mut, sondern die Mauern der maechtigen Phoenikerstadt zu

brechen, ist eine andere Frage, welche in dem einen oder dem andern Sinn

zu beantworten jetzt niemand wagen kann. Schliesslich uebertrug man die

Erledigung der wichtigen Frage einer Kommission, die in Sizilien an

Ort und Stelle entscheiden sollte. Sie bestaetigte im wesentlichen den

Entwurf; nur ward die fuer die Kriegskosten von Karthago zu zahlende

Summe erhoeht auf 3200 Talente (5« Mill. Taler), davon ein Drittel

gleich, der Rest in zehn Jahreszielern zu entrichten. Wenn ausser der

Abtretung von Sizilien auch noch die der Inseln zwischen Italien und

Sizilien in den definitiven Traktat aufgenommen ward, so kann hierin

nur eine redaktionelle Veraenderung gefunden werden; denn dass Karthago,

wenn es Sizilien hingab, sich die laengst von der roemischen Flotte

besetzte Insel Lipara nicht konnte vorbehalten wollen, versteht sich

von selbst, und dass man mit Ruecksicht auf Sardinien und Korsika

absichtlich eine zweideutige Bestimmung in den Vertrag gesetzt habe,

ist ein unwuerdiger und unwahrscheinlicher Verdacht. So war man endlich

einig. Der unbesiegte Feldherr einer ueberwundenen Nation stieg herab

von seinen langverteidigten Bergen und uebergab den neuen Herren der

Insel die Festungen, die die Phoeniker seit wenigstens vierhundert

Jahren in ununterbrochenem Besitz gehabt hatten und von deren Mauern

alle Stuerme der Hellenen erfolglos abgeprallt waren. Der Westen hatte

Frieden (513 241). Verweilen wir noch einen Augenblick bei dem Kampfe,

welcher die roemische Grenze vorrueckte ueber den Meeresring, der die

Halbinsel einfasst. Es ist einer der laengsten und schwersten, welchen

die Roemer gefuehrt haben; die Soldaten, welche die entscheidende

Schlacht schlugen, waren, als er begann, zum guten Teil noch nicht

geboren. Dennoch und trotz der unvergleichlich grossartigen Momente,

die er darbietet, ist kaum ein anderer Krieg zu nennen, den die Roemer

militaerisch sowohl wie politisch so schlecht und so unsicher gefuehrt

haben. Es konnte das kaum anders sein; er steht inmitten eines

Wechsels der politischen Systeme, zwischen der nicht mehr ausreichenden

italischen Politik und der noch nicht gefundenen des Grossstaats. Der

roemische Senat und das roemische Kriegswesen waren unuebertrefflich

organisiert fuer die rein italische Politik. Die Kriege, welche diese

hervorrief, waren reine Kontinentalkriege und ruhten stets auf der

in der Mitte der Halbinsel gelegenen Hauptstadt als der letzten

Operationsbasis und demnaechst auf der roemischen Festungskette. Die

Aufgaben waren vorzugsweise taktisch, nicht strategisch; Maersche und

Operationen zaehlten nur an zweiter Stelle, an erster die Schlachten;

der Festungskrieg war in der Kindheit; die See und der Seekrieg kamen

kaum einmal beilaeufig in Betracht. Es ist begreiflich, zumal wenn man

nicht vergisst, dass in den damaligen Schlachten bei dem Vorherrschen

der blanken Waffe wesentlich das Handgemenge entschied, dass

eine Ratsversammlung diese Operationen zu dirigieren und wer eben

Buergermeister war, die Truppen zu befehligen imstande war. Auf einen

Schlag war das alles umgewandelt. Das Schlachtfeld dehnte sich aus

in unabsehbare Ferne, in unbekannte Landstriche eines andern Erdteils

hinein und hinaus ueber weite Meeresflaechen; jede Welle war dem Feinde

eine Strasse, von jedem Hafen konnte man seinen Anmarsch erwarten. Die

Belagerung der festen Plaetze, namentlich der Kuestenfestungen, an der

die ersten Taktiker Griechenlands gescheitert waren, hatten die Roemer

jetzt zum erstenmal zu versuchen. Man kam nicht mehr aus mit dem

Landheer und mit dem Buergermilizwesen. Es galt, eine Flotte zu schaffen

und, was schwieriger war, sie zu gebrauchen, es galt, die wahren

Angriffs- und Verteidigungspunkte zu finden, die Massen zu vereinigen

und zu richten, auf lange Zeit und weite Ferne die Zuege zu berechnen

und ineinanderzupassen; geschah dies nicht, so konnte auch der taktisch

weit schwaechere Feind leicht den staerkeren Gegner besiegen. Ist es ein

Wunder, dass die Zuegel eines solchen Regiments der Ratversammlung und

den kommandierenden Buergermeistern entschluepften? Offenbar wusste man

beim Beginn des Krieges nicht, was man begann; erst im Laufe des Kampfes

draengten die Unzulaenglichkeiten des roemischen Systems eine nach der

anderen sich auf: der Mangel einer Seemacht, das Fehlen einer festen

militaerischen Leitung, die Unzulaenglichkeit der Feldherren, die

vollstaendige Unbrauchbarkeit der Admirale. Zum Teil half man ihnen ab

durch Energie und durch Glueck; so dem Mangel einer Flotte. Aber auch

diese gewaltige Schoepfung war ein grossartiger Notbehelf und ist es

zu allen Zeiten geblieben. Man bildete eine roemische Flotte, aber

man nationalisierte sie nur dem Namen nach und behandelte sie stets

stiefmuetterlich: der Schiffsdienst blieb gering geschaetzt neben dem

hochgeehrten Dienst in den Legionen, die Seeoffiziere waren grossenteils

italische Griechen, die Bemannung Untertanen oder gar Sklaven und

Gesindel. Der italische Bauer war und blieb wasserscheu; unter den drei

Dingen, die Cato in seinem Leben bereute, war das eine, dass er einmal

zu Schiff gefahren sei, wo er zu Fuss habe gehen koennen. Es lag dies

zum Teil wohl in der Natur der Sache, da die Schiffe Rudergaleeren waren

und der Ruderdienst kaum geadelt werden kann; allein, eigene Seelegionen

wenigstens haette man bilden und auf die Errichtung eines roemischen

Seeoffizierstandes hinwirken koennen. Man haette, den Impuls der Nation

benutzend, allmaehlich darauf ausgehen sollen, eine nicht bloss durch

die Zahl, sondern durch Segelfaehigkeit und Routine bedeutende Seemacht

herzustellen, wozu in dem waehrend des langen Krieges entwickelten

Kaperwesen ein wichtiger Anfang schon gemacht war; allein es geschah

nichts derart von der Regierung. Dennoch ist das roemische Flottenwesen

in seiner unbehilflichen Grossartigkeit noch die genialste Schoepfung

dieses Krieges und hat wie im Anfang so zuletzt fuer Rom den Ausschlag

gegeben. Viel schwieriger zu ueberwinden waren diejenigen Maengel, die

sich ohne Aenderung der Verfassung nicht beseitigen liessen. Dass der

Senat je nach dem Stande der in ihm streitenden Parteien von einem

System der Kriegfuehrung zum andern absprang und so unglaubliche Fehler

beging, wie die Raeumung von Clupea und die mehrmalige Einziehung der

Flotte waren; dass der Feldherr des einen Jahres sizilische Staedte

belagerte und sein Nachfolger, statt dieselben zur Uebergabe zu zwingen,

die afrikanische Kueste brandschatzte oder ein Seetreffen zu liefern

fuer gut fand; dass ueberhaupt der Oberbefehl jaehrlich von Rechts wegen

wechselte - das alles liess sich nicht abstellen, ohne Verfassungsfragen

anzuregen, deren Loesung schwieriger war als der Bau einer Flotte, aber

freilich ebensowenig zu vereinigen mit den Forderungen eines solchen

Krieges. Vor allen Dingen aber wusste niemand noch in die neue

Kriegfuehrung sich zu finden, weder der Senat noch die Feldherren.

Regulus' Feldzug ist ein Beispiel davon, wie seltsam man in dem Gedanken

befangen war, dass die taktische Ueberlegenheit alles entscheide. Es

gibt nicht leicht einen Feldherrn, dem das Glueck so wie ihm die Erfolge

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 5 / 51 段