gewinnen und nur durch Zufall daran gehindert worden war, so bot jetzt
in Sizilien sich fuer Rom die Gelegenheit dar, die Stadt Messana in
seine Symmachie zu ziehen; schlug man sie aus, so durfte man nicht
erwarten, dass die Stadt selbstaendig blieb oder syrakusanisch
ward, sondern man warf sie selbst den Phoenikern in die Arme. War es
gerechtfertigt, die Gelegenheit entschluepfen zu lassen, die sicher so
nicht wiederkehrte, sich des natuerlichen Brueckenkopfs zwischen Italien
und Sizilien zu bemaechtigen und ihn durch eine tapfere und aus guten
Gruenden zuverlaessige Besatzung zu sichern? gerechtfertigt, mit dem
Verzicht auf Messana die Herrschaft ueber den letzten freien Pass
zwischen der Ost- und Westsee und die Handelsfreiheit Italiens
aufzuopfern? Zwar liessen sich gegen die Besetzung Messanas auch
Bedenken anderer Art geltend machen, als die der Gefuehls- und
Rechtlichkeitspolitik waren. Dass sie zu einem Kriege mit Karthago
fuehren musste, war das geringste derselben; so ernst ein solcher war,
Rom hatte ihn nicht zu fuerchten. Aber wichtiger war es, dass man mit
dem Ueberschreiten der See abwich von der bisherigen rein italischen und
rein kontinentalen Politik; man gab das System auf, durch welches die
Vaeter Roms Groesse gegruendet hatten, um ein anderes zu erwaehlen,
dessen Ergebnisse vorherzusagen niemand vermochte. Es war einer der
Augenblicke, wo die Berechnung aufhoert und wo der Glaube an den eigenen
Stern und an den Stern des Vaterlandes allein den Mut gibt, die Hand
zu fassen, die aus dem Dunkel der Zukunft winkt, und ihr zu folgen, es
weiss keiner wohin. Lange und ernst beriet der Senat ueber den Antrag
der Konsuln, die Legionen den Mamertinern zu Hilfe zu fuehren; er kam
zu keinem entscheidenden Beschluss. Aber in der Buergerschaft, an welche
die Sache verwiesen ward, lebte das frische Gefuehl der durch eigene
Kraft gegruendeten Grossmacht. Die Eroberung Italiens gab den Roemern,
wie die Griechenlands den Makedoniern, wie die Schlesiens den Preussen,
den Mut, eine neue politische Bahn zu betreten; formell motiviert war
die Unterstuetzung der Mamertiner durch die Schutzherrschaft, die Rom
ueber saemtliche Italiker ansprach. Die ueberseeischen Italiker wurden
in die italische Eidgenossenschaft aufgenommen ^1 und auf Antrag der
Konsuln von der Buergerschaft beschlossen, ihnen Hilfe zu senden (489
265). --------------------------------------------- ^1 Die Mamertiner
traten voellig in dieselbe Stellung zu Rom wie die italischen Gemeinden,
verpflichteten sich, Schiffe zu stellen (Cic. Verr. 5, 19, 50) und
besassen, wie die Muenzen beweisen, das Recht der Silberpraegung nicht.
--------------------------------------------- Es kam darauf an, wie die
beiden durch diese Intervention der Roemer in die Angelegenheiten der
Insel zunaechst betroffenen und beide bisher dem Namen nach mit Rom
verbuendeten sizilischen Maechte dieselbe aufnehmen wuerden. Hieron
hatte Grund genug, die an ihn ergangene Aufforderung der Roemer, gegen
ihre neuen Bundesgenossen in Messana die Feindseligkeiten einzustellen,
ebenso zu behandeln, wie die Samniten und die Lucaner in gleichem Fall
die Besetzung von Capua und Thurii aufgenommen hatten und den Roemern
mit einer Kriegserklaerung zu antworten; blieb er indes allein, so
war ein solcher Krieg eine Torheit und von seiner vorsichtigen und
gemaessigten Politik konnte man erwarten, dass er in das Unvermeidliche
sich fuegen werde, wenn Karthago sich ruhig verhielt. Unmoeglich schien
dies nicht. Eine roemische Gesandtschaft ging jetzt (489 265), sieben
Jahre nach dem Versuch der phoenikischen Flotte, sich Tarents zu
bemaechtigen, nach Karthago, um Aufklaerung wegen dieser Vorgaenge zu
verlangen; die nicht unbegruendeten, aber halb vergessenen Beschwerden
tauchten auf einmal wieder auf - es schien nicht ueberfluessig, unter
anderen Kriegsvorbereitungen auch die diplomatische Ruestkammer mit
Kriegsgruenden zu fuellen und fuer die kuenftigen Manifeste sich,
wie die Roemer es pflegten, die Rolle des angegriffenen Teils zu
reservieren. Wenigstens das konnte man mit vollem Rechte sagen, dass die
beiderseitigen Unternehmungen auf Tarent und auf Messana der Absicht
und dem Rechtsgrund nach vollkommen gleichstanden und nur der zufaellige
Erfolg den Unterschied machte. Karthago vermied den offenen Bruch. Die
Gesandten brachten nach Rom die Desavouierung des karthagischen
Admirals zurueck, der den Versuch auf Tarent gemacht hatte, nebst
den erforderlichen falschen Eiden; auch die karthagischen
Gegenbeschuldigungen, die natuerlich nicht fehlten, waren gemaessigt
gehalten und unterliessen es, die beabsichtigte Invasion Siziliens
als Kriegsgrund zu bezeichnen. Sie war es indes; denn wie Rom die
italischen, so betrachtete Karthago die sizilischen Angelegenheiten als
innere, in die eine unabhaengige Macht keinen Eingriff gestatten kann,
und war entschlossen, hiernach zu handeln. Nur ging die phoenikische
Politik einen leiseren Gang, als der der offenen Kriegsdrohung war.
Als die Vorbereitungen zu der roemischen Hilfesendung an die Mamertiner
endlich so weit gediehen waren, dass die Flotte, gebildet aus den
Kriegsschiffen von Neapel, Tarent, Velia und Lokri, und die Vorhut des
roemischen Landheeres unter dem Kriegstribun Gaius Claudius in Rhegion
erschienen (Fruehling 490 264), kam ihnen von Messana die unerwartete
Botschaft, dass die Karthager im Einverstaendnis mit der antiroemischen
Partei in Messana, als neutrale Macht einen Frieden zwischen Hieron und
den Mamertinern vermittelt haetten; dass die Belagerung also aufgehoben
sei und dass im Hafen von Messana eine karthagische Flotte, in der Burg
karthagische Besatzung liege, beide unter dem Befehl des Admirals
Hanno. Die jetzt vom karthagischen Einfluss beherrschte mamertinische
Buergerschaft liess, unter verbindlichem Dank fuer die schleunig
gewaehrte Bundeshilfe, den roemischen Befehlshabern anzeigen, dass
man sich freue, derselben nicht mehr zu beduerfen. Der gewandte
und verwegene Offizier, der die roemische Vorhut befehligte, ging
nichtsdestoweniger mit seinen Truppen unter Segel. Die Karthager wiesen
die roemischen Schiffe zurueck und brachten sogar einige derselben auf;
doch sandte der karthagische Admiral, eingedenk der strengen Befehle,
keine Veranlassung zum Ausbruch der Feindseligkeiten zugeben, den guten
Freunden jenseits der Meerenge dieselben zurueck. Es schien fast, als
haetten die Roemer vor Messana sich ebenso nutzlos kompromittiert wie
die Karthager vor Tarent. Aber Claudius liess sich nicht abschrecken,
und bei einem zweiten Versuch gelang die Landung. Kaum angelangt, berief
er die Buergerschaft zur Versammlung, und auf seinen Wunsch erschien in
derselben gleichfalls der karthagische Admiral, noch immer waehnend,
den offenen Bruch vermeiden zu koennen. Allein in der Versammlung
selbst bemaechtigten die Roemer sich seiner Person, und Hanno sowie
die schwache und fuehrerlose phoenikische Besatzung auf der Burg waren
kleinmuetig genug, jener, seinen Truppen den Befehl zum Abzug zu geben,
diese, dem Befehl des gefangenen Feldherrn nachzukommen und mit ihm die
Stadt zu raeumen. So war der Brueckenkopf der Insel in den Haenden
der Roemer. Die karthagischen Behoerden, mit Recht erzuernt ueber
die Torheit und Schwaeche ihres Feldherrn, liessen ihn hinrichten und
erklaerten den Roemern den Krieg. Vor allem galt es, den verlorenen
Platz wiederzugewinnen. Eine starke karthagische Flotte, gefuehrt von
Hanno, Hannibals Sohn, erschien auf der Hoehe von Messana. Waehrend
sie selber die Meerenge sperrte, begann die von ihr ans Land gesetzte
karthagische Armee die Belagerung von der Nordseite; Hieron, der nur auf
das Losschlagen der Karthager gewartet hatte, um den Krieg gegen Rom zu
beginnen, fuehrte sein kaum zurueckgezogenes Heer wieder gegen
Messana und uebernahm den Angriff auf die Suedseite der Stadt. Allein
mittlerweile war auch der roemische Konsul Appius Claudius Caudex mit
dem Hauptheer in Rhegion erschienen, und in einer dunklen Nacht gelang
die Ueberfahrt trotz der karthagischen Flotte. Kuehnheit und Glueck
waren mit den Roemern; die Verbuendeten, nicht gefasst auf einen Angriff
des gesamten roemischen Heeres und daher nicht vereinigt, wurden von den
aus der Stadt ausrueckenden roemischen Legionen einzeln geschlagen
und damit die Belagerung aufgehoben. Den Sommer ueber behauptete das
roemische Heer das Feld und machte sogar einen Versuch auf Syrakus;
allein nachdem dieser gescheitert war und auch die Belagerung von
Echetla (an der Grenze der Gebiete von Syrakus und Karthago) mit Verlust
hatte aufgegeben werden muessen, kehrte das roemische Heer zurueck nach
Messana und von da unter Zuruecklassung einer starken Besatzung nach
Italien. Die Erfolge dieses ersten ausseritalischen Feldzugs der Roemer
moegen daheim der Erwartung nicht ganz entsprochen haben, da der Konsul
nicht triumphierte; indes konnte das kraeftige Auftreten der Roemer in
Sizilien nicht verfehlen, auf die Griechen daselbst grossen Eindruck
zu machen. Im folgenden Jahre betraten beide Konsuln und ein doppelt so
starkes Heer ungehindert die Insel. Der eine derselben, Marcus Valerius
Maximus, seitdem von diesem Feldzug "der von Messana" (Messalla)
genannt, erfocht einen glaenzenden Sieg ueber die verbuendeten Karthager
und Syrakusaner; und als nach dieser Schlacht das phoenikische Heer
nicht mehr gegen die Roemer das Feld zu halten wagte, da fielen nicht
bloss Alaesa, Kentoripa und ueberhaupt die kleineren griechischen
Staedte den Roemern zu, sondern Hieron selbst verliess die karthagische
Partei und machte Frieden und Buendnis mit den Roemern (491 263). Er
folgte einer richtigen Politik, indem er, sowie sich gezeigt hatte, dass
es den Roemern mit dem Einschreiten in Sizilien Ernst war, sich sofort
ihnen anschloss, als es noch Zeit war, den Frieden ohne Abtretungen und
Opfer zu erkaufen. Die sizilischen Mittelstaaten, Syrakus und Messana,
die eine eigene Politik nicht durchfuehren konnten und nur zwischen
roemischer und karthagischer Hegemonie zu waehlen hatten, mussten
jedenfalls die erstere vorziehen, da die Roemer damals sehr
wahrscheinlich noch nicht die Insel fuer sich zu erobern beabsichtigten,
sondern nur sie nicht von Karthago erobern zu lassen, und auf alle
Faelle anstatt des karthagischen Tyrannisier- und Monopolisiersystems
von Rom eine leidlichere Behandlung und Schutz der Handelsfreiheit zu
erwarten war. Hieron blieb seitdem der wichtigste, standhafteste und
geachtetste Bundesgenosse der Roemer auf der Insel. Fuer die Roemer war
hiermit das naechste Ziel erreicht. Durch das Doppelbuendnis mit Messana
und Syrakus und den festen Besitz der ganzen Ostkueste war die Landung
auf der Insel und die bis dahin sehr schwierige Unterhaltung der Heere
gesichert und verlor der bisher bedenkliche und unberechenbare Krieg
einen grossen Teil seines waglichen Charakters. Man machte denn auch
fuer denselben nicht groessere Anstrengungen als fuer die Kriege in
Samnium und Etrurien; die zwei Legionen, die man fuer das naechste
Jahr (492 262) nach der Insel hinuebersandte, reichten aus, um im
Einverstaendnis mit den sizilischen Griechen die Karthager ueberall
in die Festungen zurueckzutreiben. Der Oberbefehlshaber der Karthager,
Hannibal, Gisgons Sohn, warf mit dem Kern seiner Truppen sich in
Akragas, um diese wichtigste karthagische Landstadt aufs aeusserste
zu verteidigen. Unfaehig, die feste Stadt zu stuermen, blockierten
die Roemer sie mit verschanzten Linien und einem doppelten Lager; die
Eingeschlossenen, die bis 50000 Koepfe zaehlten, litten bald Mangel
am Notwendigen. Zum Entsatz landete der karthagische Admiral Hanno bei
Herakleia und schnitt seinerseits der roemischen Belagerungsarmee die
Zufuhr ab. Auf beiden Seiten war die Not gross; man entschloss
sich endlich zu einer Schlacht, um aus den Bedraengnissen und der
Ungewissheit herauszukommen. In dieser zeigte sich die numidische
Reiterei ebensosehr der roemischen ueberlegen wie der phoenikischen
Infanterie das roemische Fussvolk; das letztere entschied den Sieg,
allein die Verluste auch der Roemer waren sehr betraechtlich. Der Erfolg
der gewonnenen Schlacht ward zum Teil dadurch verscherzt, dass es nach
der Schlacht waehrend der Verwirrung und der Ermuedung der Sieger der
belagerten Armee gelang, aus der Stadt zu entkommen und die Flotte zu
erreichen; dennoch war der Sieg von Bedeutung. Akragas fiel dadurch in
die Haende der Roemer und damit war die ganze Insel in ihrer Gewalt mit
Ausnahme der Seefestungen, in denen der karthagische Feldherr Hamilkar,
Hannos Nachfolger im Oberbefehl, sich bis an die Zaehne verschanzte und
weder durch Gewalt noch durch Hunger zu vertreiben war. Der Krieg
spann von da an sich nur fort durch die Ausfaelle der Karthager aus
den sizilischen Festungen und durch ihre Landungen an den italischen
Kuesten. In der Tat empfanden die Roemer erst jetzt die wirklichen
Schwierigkeiten des Krieges. Wenn die karthagischen Diplomaten, wie
erzaehlt wird, vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten die Roemer warnten,
es nicht bis zum Bruche zu treiben, denn wider ihren Willen koenne kein
Roemer auch nur die Haende sich im Meer waschen, so war diese Drohung
wohl begruendet. Die karthagische Flotte beherrschte ohne Nebenbuhler
die See und hielt nicht bloss die sizilischen Kuestenstaedte im Gehorsam
und mit allem Notwendigen versehen, sondern bedrohte auch Italien mit
einer Landung, weswegen schon 492 (262) dort eine konsularische Armee
hatte zurueckbleiben muessen. Zwar zu einer groesseren Invasion kam es
nicht; allein wohl landeten kleinere karthagische Abteilungen an den
italischen Kuesten und brandschatzten die Bundesgenossen und,
was schlimmer als alles Uebrige war, der Handel Roms und seiner
Bundesgenossen war voellig gelaehmt; es brauchte nicht lange so
fortzugehen, um Caere, Ostia, Neapel, Tarent, Syrakus
vollstaendig zugrunde zu richten, waehrend die Karthager ueber die
Kontributionssummen und den reichen Kaperfang die ausbleibenden
sizilischen Tribute leicht verschmerzten. Die Roemer erfuhren jetzt, was
Dionysios, Agathokles und Pyrrhos erfahren hatten, dass es ebenso leicht
war, die Karthager aus dem Felde zu schlagen, als schwierig, sie zu
ueberwinden. Man sah es ein, dass alles darauf ankam, eine Flotte
zu schaffen und beschloss eine solche von zwanzig Drei- und hundert
Fuenfdeckern herzustellen. Die Ausfuehrung indes dieses energischen
Beschlusses war nicht leicht. Zwar die aus den Rhetorschulen stammende
Darstellung, die glauben machen moechte, als haetten damals zuerst
die Roemer die Ruder ins Wasser getaucht, ist eine kindische Phrase;
Italiens Handelsmarine musste um diese Zeit sehr ausgedehnt sein, und
auch an italischen Kriegsschiffen fehlte es keineswegs. Aber es waren
dies Kriegsbarken und Dreidecker, wie sie in frueherer Zeit ueblich
gewesen waren; Fuenfdecker, die nach dem neueren, besonders von Karthago
ausgehenden System des Seekrieges fast ausschliesslich in der Linie
verwendet wurden, hatte man in Italien noch nicht gebaut. Die Massregel
der Roemer war also ungefaehr derart, wie wenn jetzt ein Seestaat von
Fregatten und Kuttern uebergehen wollte zum Bau von Linienschiffen; und
eben wie man heute in solchem Fall womoeglich ein fremdes Linienschiff
zum Muster nehmen wuerde, ueberwiesen auch die Roemer ihren
Schiffsbaumeistern eine gestrandete karthagische Pentere als Modell.
Ohne Zweifel haetten die Roemer, wenn sie gewollt haetten, mit Hilfe der
Syrakusaner und Massalioten schneller zum Ziele gelangen koennen;
allein ihre Staatsmaenner waren zu einsichtig, um Italien durch
eine nichtitalische Flotte verteidigen zu wollen. Dagegen wurden
die italischen Bundesgenossen stark angezogen sowohl fuer die
Schiffsoffiziere, die man groesstenteils aus der italischen
Handelsmarine genommen haben wird, als fuer die Matrosen, deren Name
(socii navales) beweist, dass sie eine Zeitlang ausschliesslich von den
Bundesgenossen gestellt wurden; daneben wurden spaeter Sklaven, die der
Staat und die reicheren Familien lieferten, und bald auch die aermere
Klasse der Buerger verwandt. Unter solchen Verhaeltnissen, und wenn man
teils den damaligen, verhaeltnismaessig niedrigen Stand des Schiffsbaus,
teils die roemische Energie wie billig in Anschlag bringt, wird es
begreiflich, dass die Roemer die Aufgabe, an der Napoleon gescheitert
ist, eine Kontinental- in eine Seemacht umzuwandeln, innerhalb eines
Jahres loesten und ihre Flotte von hundertundzwanzig Segeln in der
Tat im Fruehjahr 494 (260) vom Stapel lief. Freilich kam dieselbe der
karthagischen an Zahl und Segeltuechtigkeit keineswegs gleich; und
es fiel dies um so mehr ins Gewicht, als die Seetaktik dieser
Zeit vorwiegend im Manoevrieren bestand. Dass Schwergeruestete und
Bogenschuetzen vom Verdeck herab fochten, oder dass Wurfmaschinen von
demselben aus arbeiteten, gehoerte zwar auch zum Seegefecht dieser Zeit;
allein der gewoehnliche und eigentlich entscheidende Kampf bestand im
Niedersegeln der feindlichen Schiffe, zu welchem Zwecke die Vorderteile
mit schweren Eisenschnaebeln versehen waren; die kaempfenden Schiffe
pflegten einander zu umkreisen, bis dem einen oder dem andern der Stoss
gelang, der gewoehnlich entschied. Deshalb befanden sich unter der
Bemannung eines gewoehnlichen griechischen Dreideckers von etwa 200 Mann
nur etwa zehn Soldaten, dagegen 170 Ruderer, 50 bis 60 fuer jedes
Deck; die des Fuenfdeckers zaehlte etwa 300 Ruderer, und Soldaten
nach Verhaeltnis. Man kam auf den gluecklichen Gedanken, das, was
den roemischen Schiffen bei ihren ungeuebten Schiffsoffizieren und
Rudermannschaften an Manoevrierfaehigkeit notwendig abgehen musste,
dadurch zu ersetzen, dass man den Soldaten im Seegefecht wiederum eine
bedeutendere Rolle zuteilte. Man brachte auf dem Vorderteil des Schiffes
eine fliegende Bruecke an, welche nach vorn wie nach beiden Seiten hin
niedergelassen werden konnte; sie war zu beiden Seiten mit Brustwehren
versehen und hatte Raum fuer zwei Mann in der Front. Wenn das feindliche
Schiff zum Stoss auf das roemische heransegelte oder, nachdem der Stoss
vermieden war, demselben zur Seite lag, schlug diese Bruecke auf dessen
Verdeck nieder und mittels eines eisernen Stachels in dasselbe ein;
wodurch nicht bloss das Niedersegeln verhindert, sondern es auch den
roemischen Schiffssoldaten moeglich ward, ueber die Bruecke auf das
feindliche Verdeck hinueberzugehen und dasselbe wie im Landgefecht zu
erstuermen. Eine eigene Schiffsmiliz ward nicht gebildet, sondern nach
Beduerfnis die Landtruppen zu diesem Schiffsdienst verwandt; es kommt
vor, dass in einer grossen Seeschlacht, wo freilich die roemische Flotte
zugleich die Landungsarmee an Bord hat, bis 120 Legionarier auf den
einzelnen Schiffen fechten. So schufen sich die Roemer eine Flotte,
die der karthagischen gewachsen war. Diejenigen irren, die aus dem
roemischen Flottenbau ein Feenmaerchen machen, und verfehlen ueberdies
ihren Zweck; man muss begreifen um zu bewundern. Der Flottenbau der
Roemer war eben gar nichts als ein grossartiges Nationalwerk, wo durch
Einsicht in das Noetige und Moegliche, durch geniale Erfindsamkeit,
durch Energie in Entschluss und Ausfuehrung das Vaterland aus einer
Lage gerissen ward, die uebler war, als sie zunaechst schien. Der Anfang
indes war den Roemern nicht guenstig. Der roemische Admiral, der Konsul
Gnaeus Cornelius Scipio, der mit den ersten siebzehn segelfertigen
Fahrzeugen nach Messana in See gegangen war (494 260), meinte auf der
Fahrt Lipara durch einen Handstreich wegnehmen zu koennen. Allein eine
Abteilung der bei Panormos stationierten karthagischen Flotte sperrte
den Hafen der Insel, in dem die roemischen Schiffe vor Anker gegangen
waren, und nahm die ganze Eskadre mit dem Konsul ohne Kampf gefangen.
Indes dies schreckte die Hauptflotte nicht ab, sowie die Vorbereitungen
beendigt waren, gleichfalls nach Messana unter Segel zu gehen. Auf
der Fahrt laengs der italischen Kueste traf sie auf ein schwaecheres
karthagisches Rekognoszierungsgeschwader, dem sie das Glueck hatte,
einen den ersten roemischen mehr als aufwiegenden Verlust zuzufuegen,
und traf also gluecklich und siegreich im Hafen von Messana ein, wo der
zweite Konsul Gaius Duilius das Kommando an der Stelle seines gefangenen
Kollegen uebernahm. An der Landspitze von Mylae, nordwestlich von
Messana, traf die karthagische Flotte, die unter Hannibal von Panormos
herankam, auf die roemische, welche hier ihre erste groessere Probe
bestand. Die Karthager, in den schlecht segelnden und unbehilflichen
roemischen Schiffen eine leichte Beute erblickend, stuerzten sich in
aufgeloester Linie auf dieselben; aber die neu erfundenen Enterbruecken
bewaehrten sich vollkommen. Die roemischen Schiffe fesselten und
stuermten die feindlichen, wie sie einzeln heransegelten; es war
ihnen weder von vorn, noch von den Seiten beizukommen, ohne dass die
gefaehrliche Bruecke sich niedersenkte auf das feindliche Verdeck. Als
die Schlacht zu Ende war, waren gegen fuenfzig karthagische Schiffe,
fast die Haelfte der Flotte, von den Roemern versenkt oder genommen,
unter den letzteren das Admiralsschiff Hannibals, einst das des Koenigs
Pyrrhos. Der Gewinn war gross; noch groesser der moralische Eindruck.
Rom war ploetzlich eine Seemacht geworden und hatte das Mittel in der
Hand, den Krieg, der endlos sich hinauszuspinnen und dem italischen
Handel den Ruin zu drohen schien, energisch zu Ende zu fuehren. Es
gab dazu einen doppelten Weg. Man konnte entweder Karthago auf den
italischen Inseln angreifen und ihm die Kuestenfestungen Siziliens und
Sardiniens eine nach der andern entreissen, was vielleicht durch gut
kombinierte Operationen zu Lande und zur See ausfuehrbar war; war dies
durchgesetzt, so konnte entweder mit Karthago auf Grund der Abtretung
dieser Inseln Friede geschlossen, oder, wenn dies misslang oder nicht
genuegte, der zweite Akt des Krieges nach Afrika verlegt werden. Oder
man konnte die Inseln vernachlaessigen und sich gleich mit aller Macht
auf Afrika werfen, nicht in Agathokles' abenteuernder Art die
Schiffe hinter sich verbrennend und alles setzend auf den Sieg eines
verzweifelten Haufens, sondern durch eine starke Flotte die Verbindungen
der afrikanischen Invasionsarmee mit Italien deckend; in diesem Falle
liess sich entweder von der Bestuerzung der Feinde nach den ersten
Erfolgen ein maessiger Friede erwarten oder, wenn man wollte, mit
aeusserster Gewalt den Feind zu vollstaendiger Ergebung noetigen. Man
waehlte zunaechst den ersten Operationsplan. Im Jahre nach der Schlacht
von Mylae (495 259) erstuermte der Konsul Lucius Scipio den Hafen Aleria
auf Korsika - wir besitzen noch den Grabstein des Feldherrn, der dieser
Tat gedenkt - und machte aus Korsika eine Seestation gegen Sardinien.
Ein Versuch, sich auf der Nordkueste dieser Insel in Ulbia festzusetzen,
misslang, da es der Flotte an Landungstruppen fehlte. Im folgenden Jahre
(496 258) ward er zwar mit besserem Erfolg wiederholt und die offenen
Flecken an der Kueste gepluendert; aber zu einer bleibenden Festsetzung
der Roemer kam es nicht. Ebensowenig kam man in Sizilien vorwaerts.
Hamilkar fuehrte energisch und geschickt den Krieg nicht bloss
mit Waffen zu Lande und zur See, sondern auch mit der politischen
Propaganda; von den zahllosen kleinen Landstaedten fielen jaehrlich
einige von den Roemern ab und mussten den Phoenikern muehsam wieder
entrissen werden, und in den Kuestenfestungen behaupteten die Karthager