Der roemische Senat, welcher der eminenten Tuechtigkeit sich oeffnete

und im besten Sinn die Nation vertrat, durfte ihr auch vertrauen und

brauchte die Beamten nicht zu fuerchten. Der karthagische Senat dagegen

beruhte auf einer eifersuechtigen Kontrolle der Verwaltung durch die

Regierung und vertrat ausschliesslich die vornehmen Familien; sein Wesen

war das Misstrauen noch oben wie nach unten und darum konnte er weder

sicher sein, dass das Volk ihm folgte, wohin er fuehrte, noch unbesorgt

vor Usurpationen der Beamten. Daher der feste Gang der roemischen

Politik, die im Unglueck keinen Schritt zurueckwich und die Gunst des

Glueckes nicht verscherzte durch Fahrlaessigkeit und Halbheit; waehrend

die Karthager vom Kampf abstanden, wo eine letzte Anstrengung

vielleicht alles gerettet haette, und, der grossen nationalen Aufgaben

ueberdruessig oder vergessen, den halbfertigen Bau einstuerzen liessen,

um nach wenigen Jahren von vorn zu beginnen. Daher ist der tuechtige

Beamte in Rom regelmaessig im Einverstaendnis mit seiner Regierung,

in Karthago haeufig in entschiedener Fehde mit den Herren daheim und

gedraengt, sich ihnen verfassungswidrig zu widersetzen und mit der

opponierenden Reformpartei gemeinschaftliche Sache zu machen. Karthago

wie Rom beherrschten ihre Stammgenossen und zahlreiche stammfremde

Gemeinden. Aber Rom hatte einen Distrikt nach dem andern in sein

Buergerrecht aufgenommen und den latinischen Gemeinden selbst gesetzlich

Zugaenge zu demselben eroeffnet; Karthago schloss von Haus aus sich

ab und liess den abhaengigen Distrikten nicht einmal die Hoffnung auf

dereinstige Gleichstellung. Rom goennte den stammverwandten Gemeinden

Anteil an den Fruechten des Sieges, namentlich an den gewonnenen

Domaenen, und suchte in den uebrigen untertaenigen Staaten durch

materielle Beguenstigung der Vornehmen und Reichen wenigstens eine

Partei in das Interesse Roms zu ziehen; Karthago behielt nicht bloss

fuer sich, was die Siege einbrachten, sondern entriss sogar den Staedten

besten Rechts die Handelsfreiheit. Rom nahm der Regel nach nicht einmal

den unterworfenen Gemeinden die Selbstaendigkeit ganz und legte keiner

eine feste Steuer auf; Karthago sandte seine Voegte ueberall hin

und belastete selbst die altphoenikischen Staedte mit schwerem Zins,

waehrend die unterworfenen Staemme faktisch als Staatssklaven behandelt

wurden. So war im karthagisch-afrikanischen Staatsverband nicht eine

einzige Gemeinde mit Ausnahme von Utica, die nicht durch den Sturz

Karthagos politisch und materiell sich verbessert haben wuerde; in dem

roemisch-italischen nicht eine einzige, die bei der Auflehnung gegen

ein Regiment, das die materiellen Interessen sorgfaeltig schonte und die

politische Opposition wenigstens nirgend durch aeusserste Massregeln zum

Kampf herausforderte, nicht noch mehr zu verlieren gehabt haette als

zu gewinnen. Wenn die karthagischen Staatsmaenner meinten, die

phoenikischen Untertanen durch die groessere Furcht vor den empoerten

Libyern, die saemtlichen Besitzenden durch das Zeichengeld an das

karthagische Interesse geknuepft zu haben, so uebertrugen sie einen

kaufmaennischen Kalkuel dahin, wo er nicht hingehoert; die Erfahrung

bewies, dass die roemische Symmachie trotz ihrer scheinbar loseren

Fuegung gegen Pyrrhos zusammenhielt wie eine Mauer aus Felsenstuecken,

die karthagische dagegen wie Spinneweben zerriss, sowie ein feindliches

Heer den afrikanischen Boden betrat. So geschah es bei den Landungen.

von Agathokles und von Regulus und ebenso im Soeldnerkrieg; von dem

Geiste, der in Afrika herrschte, zeugt zum Beispiel, dass die libyschen

Frauen den Soeldnern freiwillig ihren Schmuck steuerten zum Kriege gegen

Karthago. Nur in Sizilien scheinen die Karthager milder aufgetreten zu

sein und darum auch bessere Ergebnisse erlangt zu haben. Sie gestatteten

ihren Untertanen hier verhaeltnismaessige Freiheit im Handel mit dem

Ausland und liessen sie ihren inneren Verkehr wohl von Anfang an und

ausschliesslich mit Metallgeld treiben, ueberhaupt bei weitem freier

sich bewegen, als dies den Sarden und Libyern erlaubt ward. Waere

Syrakus in ihre Haende gefallen, so haette sich freilich dies

bald geaendert; indes dazu kam es nicht, und so bestand, bei der

wohlberechneten Milde des karthagischen Regiments und bei der unseligen

Zerrissenheit der sizilischen Griechen, in Sizilien in der Tat eine

ernstlich phoenikisch gesinnte Partei - wie denn zum Beispiel noch nach

dem Verlust der Insel an die Roemer Philinos von Akragas die Geschichte

des grossen Krieges durchaus im phoenikischen Sinne schrieb. Aber im

ganzen mussten doch auch die Sizilianer als Untertanen wie als Hellenen

ihren phoenikischen Herren wenigstens ebenso abgeneigt sein wie den

Roemern die Samniten und Tarentiner. Finanziell ueberstiegen die

karthagischen Staatseinkuenfte ohne Zweifel um vieles die roemischen;

allein dies glich zum Teil sich wieder dadurch aus, dass die Quellen der

karthagischen Finanzen, Tribute und Zoelle weit eher und eben, wenn man

sie am noetigsten brauchte, versiegten als die roemischen, und dass

die karthagische Kriegfuehrung bei weitem kostspieliger war als die

roemische. Die militaerischen Hilfsmittel der Roemer und Karthager waren

sehr verschieden, jedoch in vieler Beziehung nicht ungleich abgewogen.

Die karthagische Buergerschaft betrug noch bei Eroberung der Stadt

700000 Koepfe mit Einschluss der Frauen und Kinder ^4 und mochte am

Ende des fuenften Jahrhunderts wenigstens ebenso zahlreich sein; sie

vermochte im fuenften Jahrhundert im Notfall ein Buergerheer von 40 000

Hopliten auf die Beine zu bringen. Ein ebenso starkes Buergerheer

hatte Rom schon im Anfang des fuenften Jahrhunderts unter gleichen

Verhaeltnissen ins Feld geschickt; seit den grossen Erweiterungen des

Buergergebiets im Laufe des fuenften Jahrhunderts musste die Zahl der

waffenfaehigen Vollbuerger mindestens sich verdoppelt haben. Aber

weit mehr noch als der Zahl der Waffenfaehigen nach war Rom in dem

Effektivstand des Buergermilitaers ueberlegen. So sehr die karthagische

Regierung auch es sich angelegen sein liess, die Buerger zum

Waffendienst zu bestimmen, so konnte sie doch weder dem Handwerker

und Fabrikarbeiter den kraeftigen Koerper des Landmanns geben noch den

angeborenen Widerwillen der Phoeniker vor dem Kriegswerk ueberwinden. Im

fuenften Jahrhundert focht in den sizilischen Heeren noch eine "heilige

Schar" von 2500 Karthagern als Garde des Feldherrn; im sechsten findet

sich in den karthagischen Heeren, zum Beispiel in dem spanischen, mit

Ausnahme der Offiziere nicht ein einziger Karthager. Dagegen standen die

roemischen Bauern keineswegs bloss in den Musterrollen, sondern auch auf

den Schlachtfeldern. Aehnlich verhielt es sich mit den Stammverwandten

der beiden Gemeinden; waehrend die Latiner den Roemern nicht mindere

Dienste leisteten als ihre Buergertruppen, waren die Libyphoeniker

ebensowenig kriegstuechtig wie die Karthager und begreiflicherweise noch

weit weniger kriegslustig, und so verschwinden auch sie aus den Heeren,

indem die zuzugspflichtigen Staedte ihre Verbindlichkeit vermutlich mit

Geld abkauften. In dem eben erwaehnten spanischen Heer von etwa 15000

Mann bestand nur eine einzige Reiterschar von 450 Mann und auch diese

nur zum Teil aus Libyphoenikern. Den Kern der karthagischen Armeen

bildeten die libyscher. Untertanen, aus deren Rekruten sich unter

tuechtigen Offizieren ein gutes Fussvolk bilden liess und deren leichte

Reiterei in ihrer Art unuebertroffen war. Dazu kamen die Mannschaften

der mehr oder minder abhaengigen Voelkerschaften Libyens und Spaniens

und die beruehmten Schleuderer von den Balearen, deren Stellung zwischen

Bundeskontingenten und Soeldnerscharen die Mitte gehalten zu haben

scheint; endlich im Notfall die im Ausland angeworbene Soldateska. Ein

solches Heer konnte der Zahl nach ohne Muehe fast auf jede beliebige

Staerke gebracht werden und auch an Tuechtigkeit der Offiziere, an

Waffenkunde und Mut faehig sein, mit dem roemischen sich zu messen;

allein nicht bloss verstrich, wenn Soeldner angenommen werden mussten,

ehe dieselben bereit standen, eine gefaehrlich lange Zeit, waehrend die

roemische Miliz jeden Augenblick auszuruecken imstande war, sondern,

was die Hauptsache ist, waehrend die karthagischen Heere nichts

zusammenhielt als die Fahnenehre und der Vorteil, fanden sich die

roemischen durch alles vereinigt, was sie an das gemeinsame Vaterland

band. Dem karthagischen Offizier gewoehnlichen Schlages galten seine

Soeldner, ja selbst die libyschen Bauern ungefaehr soviel wie heute im

Krieg die Kanonenkugeln; daher Schaendlichkeiten, wie zum Beispiel der

Verrat der libyschen Truppen durch ihren Feldherrn Himilko 358 (396),

der einen gefaehrlichen Aufstand der Libyer zur Folge hatte, und daher

jener zum Sprichwort gewordene Ruf der "punischen Treue", der den

Karthagern nicht wenig geschadet hat. Alles Unheil, welches Fellah- und

Soeldnerheere ueber einen Staat bringen koennen, hat Karthago in vollem

Masse erfahren und mehr als einmal seine bezahlten Knechte

gefaehrlicher erfunden als seine Feinde.

--------------------------------------------------- ^4 Man hat an der

Richtigkeit dieser Zahl gezweifelt und mit Ruecksicht auf den Raum

die moegliche Einwohnerzahl auf hoechstens 250000 Koepfe berechnet.

Abgesehen von der Unsicherheit derartiger Berechnungen, namentlich

in einer Handelsstadt mit sechsstoeckigen Haeusern, ist dagegen zu

erinnern, dass die Zaehlung wohl politisch zu verstehen ist, nicht

staedtisch, ebenso wie die roemischen Zensuszahlen, und dass dabei

also alle Karthager gezaehlt sind, mochten sie in der Stadt oder in

der Umgegend wohnen oder im untertaenigen Gebiet oder im Ausland sich

aufhalten. Solcher Abwesenden gab es natuerlich eine grosse Zahl in

Karthago; wie denn ausdruecklich berichtet wird, dass in Gades aus

gleichem Grunde die Buergerliste stets eine weit hoehere Ziffer wies

als die der in Gades ansaessigen Buerger war.

---------------------------------------------- Die Maengel dieses

Heerwesens konnte die karthagische Regierung nicht verkennen und

suchte sie allerdings auf jede Weise wieder einzubringen. Man hielt

auf gefuellte Kassen und gefuellte Zeughaeuser, um jederzeit Soeldner

ausstatten zu koennen. Man wandte grosse Sorgfalt auf das, was bei den

Alten die heutige Artillerie vertrat: den Maschinenbau, in welcher Waffe

wir die Karthager den Sikelioten regelmaessig ueberlegen finden, und die

Elefanten, seit diese im Kriegswesen die aelteren Streitwagen verdraengt

hatten; in den Kasematten Karthagos befanden sich Stallungen fuer 300

Elefanten. Die abhaengigen Staedte zu befestigen, konnte man freilich

nicht wagen und musste es geschehen lassen, dass jedes in Afrika

gelandete feindliche Heer mit dem offenen Lande auch die Staedte

und Flecken gewann; recht im Gegensatz zu Italien, wo die meisten

unterworfenen Staedte ihre Mauern behalten hatten und eine Kette

roemischer Festungen die ganze Halbinsel beherrschte. Dagegen fuer die

Befestigung der Hauptstadt bot man auf, was Geld und Kunst vermochten;

und mehrere Male rettete den Staat nichts als die Staerke der

karthagischen Mauern, waehrend Rom politisch und militaerisch so

gesichert war, dass es eine foermliche Belagerung niemals erfahren hat.

Endlich das Hauptbollwerk des Staats war die Kriegsmarine, auf die man

die groesste Sorgfalt verwandte. Im Bau wie in der Fuehrung der Schiffe

waren die Karthager den Griechen ueberlegen; in Karthago zuerst baute

man Schiffe mit mehr als drei Ruderverdecken, und die karthagischen

Kriegsfahrzeuge, in dieser Zeit meistens Fuenfdecker, waren in der

Regel bessere Segler als die griechischen, die Ruderer, saemtlich

Staatssklaven, die nicht von den Galeeren kamen, vortrefflich

eingeschult und die Kapitaene gewandt und furchtlos. In dieser Beziehung

war Karthago entschieden den Roemern ueberlegen, die mit den wenigen

Schiffen der verbuendeten Griechen und den wenigeren eigenen nicht

imstande waren, sich in der offenen See auch nur zu zeigen gegen die

Flotte, die damals unbestritten das westliche Meer beherrschte. Fassen

wir schliesslich zusammen, was die Vergleichung der Mittel der beiden

grossen Maechte ergibt, so rechtfertigt sich wohl das Urteil eines

einsichtigen und unparteiischen Griechen, dass Karthago und Rom, da der

Kampf zwischen ihnen begann, im allgemeinen einander gewachsen waren.

Allein wir koennen nicht unterlassen hinzuzufuegen, dass Karthago wohl

aufgeboten hatte, was Geist und Reichtum vermochten, um kuenstliche

Mittel zum Angriff und zur Verteidigung sich zu erschaffen, aber dass

es nicht imstande gewesen war, die Grundmaengel des fehlenden eigenen

Landheers und der nicht auf eigenen Fuessen stehenden Symmachie in

irgend ausreichender Weise zu ersetzen. Dass Rom nur in Italien,

Karthago nur in Libyen ernstlich angegriffen werden konnte, liess sich

nicht verkennen; und ebensowenig, dass Karthago auf die Dauer einem

solchen Angriff nicht entgehen konnte. Die Flotten waren in jener Zeit

der Kindheit der Schiffahrt noch nicht bleibendes Erbgut der Nationen,

sondern liessen sich herstellen, wo es Baeume, Eisen und Wasser gab;

dass selbst maechtige Seestaaten nicht imstande waren, den zur See

schwaecheren Feinden die Landung zu wehren, war einleuchtend und in

Afrika selbst mehrfach erprobt worden. Seit Agathokles den Weg dahin

gezeigt hatte, konnte auch ein roemischer General ihn finden, und

waehrend in Italien mit dem Einruecken einer Invasionsarmee der Krieg

begann, war er in Libyen im gleichen Fall zu Ende und verwandelte sich

in eine Belagerung, in der, wenn nicht besondere Zufaelle eintraten,

auch der hartnaeckigste Heldenmut endlich unterliegen musste. 2. Kapitel

Der Krieg um Sizilien zwischen Rom und Karthago Seit mehr als einem

Jahrhundert verheerte die Fehde zwischen den Karthagern und den

syrakusanischen Herren die schoene sizilische Insel. Von beiden Seiten

ward der Krieg gefuehrt einerseits mit politischem Propagandismus, indem

Karthago Verbindungen unterhielt mit der aristokratisch-republikanischen

Opposition in Syrakus, die syrakusanischen Dynasten mit

der Nationalpartei in den Karthago zinspflichtig gewordenen

Griechenstaedten; anderseits mit Soeldnerheeren, mit welchen Timoleon

und Agathokles ebensowohl ihre Schlachten schlugen wie die phoenikischen

Feldherren. Und wie man auf beiden Seiten mit gleichen Mitteln focht,

ward auch auf beiden Seiten mit gleicher, in der okzidentalischen

Geschichte beispielloser Ehr- und Treulosigkeit gestritten. Die

unterliegende Partei waren die Syrakusier. Noch im Frieden von 440 (314)

hatte Karthago sich beschraenkt auf das Drittel der Insel westlich von

Herakleia, Minoa und Himera und hatte ausdruecklich die Hegemonie

der Syrakusier ueber saemtliche oestliche Staedte anerkannt. Pyrrhos'

Vertreibung aus Sizilien und Italien (479 275) liess die bei weitem

groessere Haelfte der Insel und vor allem das wichtige Akragas in

Karthagos Haenden; den Syrakusiern blieb nichts als Tauromenion und der

Suedosten der Insel. In der zweiten grossen Stadt an der Ostkueste, in

Messana, hatte eine fremdlaendische Soldatenschar sich festgesetzt

und behauptete die Stadt, unabhaengig von den Syrakusiern wie von den

Karthagern. Es waren kampanische Landsknechte, die in Messana geboten.

Das bei den in und um Capua angesiedelten Sabellern eingerissene wueste

Wesen (I, 368) hatte im vierten und fuenften Jahrhundert aus Kampanien

gemacht, was spaeter Aetolien, Kreta, Lakonien waren: den allgemeinen

Werbeplatz fuer die soeldnersuchenden Fuersten und Staedte. Die von

den kampanischen Griechen dort ins Leben gerufene Halbkultur, die

barbarische Ueppigkeit des Lebens in Capua und den uebrigen kampanischen

Staedten, die politische Ohnmacht, zu der die roemische Hegemonie sie

verurteilte, ohne ihnen doch durch ein straffes Regiment die Verfuegung

ueber sich selbst vollstaendig zu entziehen - alles dies trieb die

kampanische Jugend scharenweise unter die Fahnen der Werbeoffiziere; und

es versteht sich, dass der leichtsinnige und gewissenlose Selbstverkauf

hier wie ueberall die Entfremdung von der Heimat, die Gewoehnung an

Gewalttaetigkeit und Soldatenunfug und die Gleichgueltigkeit gegen den

Treuebruch im Gefolge hatte. Warum eine Soeldnerschar sich der ihrer

Hut anvertrauten Stadt nicht fuer sich selbst bemaechtigen solle,

vorausgesetzt nur, dass sie dieselbe zu behaupten imstande sei,

leuchtete diesen Kampanern nicht ein - hatten doch die Samniten in Capua

selbst, die Lucaner in einer Reihe griechischer Staedte ihre Herrschaft

in nicht viel ehrenhafterer Weise begruendet. Nirgend luden die

politischen Verhaeltnisse mehr zu solchen Unternehmungen ein als in

Sizilien; schon die waehrend des Peloponnesischen Krieges nach Sizilien

gelangten kampanischen Hauptleute hatten in Entella und Aetna in solcher

Art sich eingenistet. Etwa um das Jahr 470 (284) setzte ein kampanischer

Trupp, der frueher unter Agathokles gedient hatte und nach dessen Tode

(465 289) das Raeuberhandwerk auf eigene Rechnung trieb, sich fest in

Messana, der zweiten Stadt des griechischen Siziliens und dem Hauptsitz

der antisyrakusanischen Partei in dem noch von Griechen beherrschten

Teile der Insel. Die Buerger wurden erschlagen oder vertrieben, die

Frauen und Kinder und die Haeuser derselben unter die Soldaten verteilt

und die neuen Herren der Stadt, die "Marsmaenner", wie sie sich nannten,

oder die Mamertiner wurden bald die dritte Macht der Insel, deren

nordoestlichen Teil sie in den wuesten Zeiten nach Agathokles' Tode sich

unterwarfen. Die Karthager sahen nicht ungern diese Vorgaenge, durch

welche die Syrakusier anstatt einer stammverwandten und in der Regel

ihnen verbuendeten oder untertaenigen Stadt einen neuen und maechtigen

Gegner in naechster Naehe erhielten; mit karthagischer Hilfe behaupteten

die Mamertiner sich gegen Pyrrhos und der unzeitige Abzug des Koenigs

gab ihnen ihre ganze Macht zurueck. Es ziemt der Historie weder, den

treulosen Frevel zu entschuldigen, durch den sie der Herrschaft sich

bemaechtigten, noch zu vergessen, dass der Gott, der die Suende der

Vaeter straft bis ins vierte Glied, nicht der Gott der Geschichte

ist. Wer sich berufen fuehlt, die Suenden anderer zu richten, mag die

Menschen verdammen; fuer Sizilien konnte es heilbringend sein, dass hier

eine streitkraeftige und der Insel eigene Macht sich zu bilden anfing,

die schon bis achttausend Mann ins Feld zu stellen vermochte und die

allmaehlich sich in den Stand setzte, den Kampf, welchem die trotz der

ewigen Kriege sich immer mehr der Waffen entwoehnenden Hellenen nicht

mehr gewachsen waren, zu rechter Zeit gegen die Auslaender mit eigenen

Kraeften aufzunehmen. Zunaechst indes kam es anders. Ein junger

syrakusanischer Offizier, der durch seine Abstammung aus dem Geschlechte

Gelons und durch seine engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum Koenig

Pyrrhos ebenso sehr wie durch die Auszeichnung, mit der er in dessen

Feldzuegen gefochten hatte, die Blicke seiner Mitbuerger wie die der

syrakusanischen Soldateska auf sich gelenkt hatte, Hieron, des Hierokles

Sohn, ward durch eine militaerische Wahl an die Spitze des mit den

Buergern hadernden Heeres gerufen (479/80 275/74). Durch seine kluge

Verwaltung, sein adliges Wesen und seinen maessigen Sinn gewann er

schnell sich die Herzen der syrakusanischen, des schaendlichsten

Despotenunfugs gewohnten Buergerschaft und ueberhaupt der sizilischen

Griechen. Er entledigte sich, freilich auf treulose Weise, des

unbotmaessigen Soeldnerheeres, regenerierte die Buergermiliz und

versuchte, anfangs mit dem Titel als Feldherr, spaeter als Koenig,

mit den Buergertruppen und frischen und lenksameren Geworbenen die

tiefgesunkene hellenische Macht wiederherzustellen. Mit den Karthagern,

die im Einverstaendnis mit den Griechen den Koenig Pyrrhos von der

Insel vertrieben hatten, war damals Friede; die naechsten Feinde der

Syrakusier waren die Mamertiner, die Stammgenossen der verhassten, vor

kurzem ausgerotteten Soeldner, die Moerder ihrer griechischen Wirte,

die Schmaelerer des syrakusanischen Gebiets, die Zwingherren und

Brandschatzer einer Menge kleinerer griechischer Staedte. Im Bunde

mit den Roemern, die eben um diese Zeit gegen die Bundes-, Stamm- und

Frevelgenossen der Mamertiner, die Kampaner in Rhegion, ihre Legionen

schickten, wandte Hieron sich gegen Messana. Durch einen grossen Sieg,

nach welchem Hieron zum Koenig der Sikelioten ausgerufen ward (484 270),

gelang es, die Mamertiner in ihre Staedte einzuschliessen, und nachdem

die Belagerung einige Jahre gewaehrt hatte, sahen die Mamertiner sich

aufs aeusserste gebracht und ausserstande, die Stadt gegen Hieron

laenger mit eigenen Kraeften zu behaupten. Dass eine Uebergabe auf

Bedingungen nicht moeglich war und das Henkerbeil, das die rheginischen

Kampaner in Rom getroffen hatte, ebenso sicher in Syrakus der

messanischen wartete, leuchtete ein; die einzige Rettung war die

Auslieferung der Stadt entweder an die Karthager oder an die Roemer,

denen beiden hinreichend gelegen sein musste an der Eroberung des

wichtigen Platzes, um ueber alle anderen Bedenken hinwegzusehen. Ob es

vorteilhafter sei, den Herren Afrikas oder den Herren Italiens sich zu

ergeben, war zweifelhaft; nach langem Schwanken entschied sich

endlich die Majoritaet der kampanischen Buergerschaft, den Besitz

der meerbeherrschenden Festung den Roemern anzutragen. Es war ein

weltgeschichtlicher Moment von der tiefsten Bedeutung, als die Boten

der Mamertiner im roemischen Senat erschienen. Zwar was alles an dem

ueberschreiten des schmalen Meerarms hing, konnte damals niemand ahnen;

aber dass an diese Entscheidung, wie sie immer ausfiel, ganz andere und

wichtigere Folgen sich knuepfen wuerden als an irgendeinen der bisher

vom Senat gefassten Beschluesse, musste jedem der ratschlagenden Vaeter

der Stadt offenbar sein. Streng rechtliche Maenner freilich mochten

fragen, wie es moeglich sei, ueberhaupt zu ratschlagen; wie man daran

denken koenne, nicht bloss das Buendnis mit Hieron zu brechen, sondern,

nachdem eben erst die rheginischen Kampaner mit gerechter Haerte von

den Roemern bestraft worden waren, jetzt ihre nicht weniger schuldigen

sizilischen Spiessgesellen zum Buendnis und zur Freundschaft von Staats

wegen zuzulassen und sie der verdienten Strafe zu entziehen. Man gab

damit ein Aergernis, das nicht bloss den Gegnern Stoff zu Deklamationen

liefern, sondern auch sittliche Gemueter ernstlich empoeren musste.

Allein wohl mochte auch der Staatsmann, dem die politische Moral

keineswegs bloss eine Phrase war, zurueckfragen, wie man roemische

Buerger, die den Fahneneid gebrochen und roemische Bundesgenossen

hinterlistig gemordet hatten, gleichstellen koenne mit Fremden, die

gegen Fremde gefrevelt haetten, wo jenen zu Richtern, diesen zu Raechern

die Roemer niemand bestellt habe. Haette es sich nur darum gehandelt,

ob die Syrakusaner oder die Mamertiner in Messana geboten, so konnte

Rom allerdings sich diese wie jene gefallen lassen. Rom strebte nach

dem Besitz Italiens, wie Karthago nach dem Siziliens; schwerlich

gingen beider Maechte Plaene damals weiter. Allein eben darin lag es

begruendet, dass jede an ihrer Grenze eine Mittelmacht zu haben und

zu halten wuenschte - so die Karthager Tarent, die Roemer Syrakus

und Messana - und dass sie, als dies unmoeglich geworden war, die

Grenzplaetze lieber sich goennten als der anderen Grossmacht. Wie

Karthago in Italien versucht hatte, als Rhegion und Tarent von den

Römische Geschichte — Buch 3 · 第 2 / 51 段