schreiben Sallust 1. Kapitel Karthago Der semitische Stamm steht
inmitten und doch auch ausserhalb der Voelker der alten klassischen
Welt. Der Schwerpunkt liegt fuer jenen im Osten, fuer diese am
Mittelmeer, und wie auch Krieg und Wanderung die Grenze verschoben und
die Staemme durcheinanderwarfen, immer schied und scheidet ein tiefes
Gefuehl der Fremdartigkeit die indogermanischen Voelker von den
syrischen, israelitischen, arabischen Nationen. Dies gilt auch von
demjenigen semitischen Volke, das mehr als irgendein anderes gegen
Westen sich ausgebreitet hat, von den Phoenikern. Ihre Heimat ist der
schmale Kuestenstreif zwischen Kleinasien, dem syrischen Hochland und
Aegypten, die Ebene genannt, das heisst Kanaan. Nur mit diesem Namen hat
die Nation sich selber genannt - noch in der christlichen Zeit nannte
der afrikanische Bauer sich einen Kanaaniter; den Hellenen aber
hiess Kanaan das "Purpurland" oder auch das "Land der roten Maenner",
Phoenike, und Punier pflegten auch die Italiker, Phoeniker oder Punier
pflegen wir noch die Kanaaniter zu heissen. Das Land ist wohl geeignet
zum Ackerbau; aber vor allen Dingen sind die vortrefflichen Haefen und
der Reichtum an Holz und Metallen dem Handel guenstig, der hier, wo
das ueberreiche oestliche Festland hinantritt an die weithin sich
ausbreitende insel- und hafenreiche Mittellaendische See, vielleicht
zuerst in seiner ganzen Grossartigkeit dem Menschen aufgegangen ist.
Was Mut, Scharfsinn und Begeisterung vermoegen, haben die Phoeniker
aufgeboten, um dem Handel und was aus ihm folgt, der Schiffahrt,
Fabrikation, Kolonisierung, die volle Entwicklung zu geben und Osten
und Westen zu vermitteln. In unglaublich frueher Zeit finden wir sie
in Kypros und Aegypten, in Griechenland und Sizilien, in Afrika und
Spanien, ja sogar auf dem Atlantischen Meer und der Nordsee. Ihr
Handelsgebiet reicht von Sierra Leone und Cornwall im Westen bis
oestlich zur malabarischen Kueste; durch ihre Haende gehen das Gold und
die Perlen des Ostens, der tyrische Purpur, die Sklaven, das Elfenbein,
die Loewen- und Pardelfelle aus dem inneren Afrika, der arabische
Weihrauch, das Linnen Aegyptens, Griechenlands Tongeschirr und edle
Weine, das kyprische Kupfer, das spanische Silber, das englische Zinn,
das Eisen von Elba. Jedem Volke bringen die phoenikischen Schiffer, was
es brauchen kann oder doch kaufen mag, und ueberall kommen sie herum,
um immer wieder zurueckzukehren zu der engen Heimat, an der ihr Herz
haengt. Die Phoeniker haben wohl ein Recht, in der Geschichte genannt zu
werden neben der hellenischen und der latinischen Nation; aber auch
an ihnen und vielleicht an ihnen am meisten bewaehrt es sich, dass das
Altertum die Kraefte der Voelker einseitig entwickelte. Die grossartigen
und dauernden Schoepfungen, welche auf dem geistigen Gebiete innerhalb
des aramaeischen Stammes entstanden sind, gehoeren nicht zunaechst den
Phoenikern an; wenn Glauben und Wissen in gewissem Sinn den aramaeischen
Nationen vor allen anderen eigen und den Indogermanen erst aus dem Osten
zugekommen sind, so hat doch weder die phoenikische Religion noch die
phoenikische Wissenschaft und Kunst, soviel wir sehen, jemals unter
den aramaeischen einen selbstaendigen Rang eingenommen. Die religioesen
Vorstellungen der Phoeniker sind formlos und unschoen, und ihr
Gottesdienst schien Luesternheit und Grausamkeit mehr zu naehren als
zu baendigen bestimmt; von einer besonderen Einwirkung phoenikischer
Religion auf andere Voelker wird wenigstens in der geschichtlich
klaren Zeit nichts wahrgenommen. Ebensowenig begegnet eine auch nur
der italischen, geschweige denn derjenigen der Mutterlaender der Kunst
vergleichbare phoenikische Tektonik oder Plastik. Die aelteste Heimat
der wissenschaftlichen Beobachtung und ihrer praktischen Verwertung ist
Babylon oder doch das Euphratland gewesen: hier wahrscheinlich folgte
man zuerst dem Lauf der Sterne; hier schied und schrieb man zuerst die
Laute der Sprache; hier begann der Mensch ueber Zeit und Raum und
ueber die in der Natur wirkenden Kraefte zu denken; hierhin fuehren
die aeltesten Spuren der Astronomie und Chronologie, des Alphabets, der
Masse und Gewichte. Die Phoeniker haben wohl von den kunstreichen und
hoch entwickelten babylonischen Gewerken fuer ihre Industrie, von der
Sternbeobachtung fuer ihre Schiffahrt, von der Lautschrift und der
Ordnung der Masse fuer ihren Handel Vorteil gezogen und manchen
wichtigen Keim der Zivilisation mit ihren Waren vertrieben; aber dass
das Alphabet oder irgendein anderes jener genialen Erzeugnisse des
Menschengeistes ihnen eigentuemlich angehoere, laesst sich nicht
erweisen, und was durch sie von religioesen und wissenschaftlichen
Gedanken den Hellenen zukam, das haben sie mehr wie der Vogel das
Samenkorn als wie der Ackersmann die Saat ausgestreut. Die Kraft die
bildungsfaehigen Voelker, mit denen sie sich beruehrten, zu zivilisieren
und sich zu assimilieren, wie sie die Hellenen und selbst die Italiker
besitzen, fehlte den Phoenikern gaenzlich. Im Eroberungsgebiet der
Roemer sind vor der romanischen Zunge die iberischen und die keltischen
Sprachen verschollen; die Berber Afrikas reden heute noch dieselbe
Sprache wie zu den Zeiten der Hannos und der Barkiden. Aber vor allem
mangelt den Phoenikern, wie allen aramaeischen Nationen im Gegensatz zu
den indogermanischen, der staatenbildende Trieb, der geniale Gedanke
der sich selber regierenden Freiheit. Waehrend der hoechsten Bluete von
Sidon und Tyros ist das phoenikische Land der ewige Zankapfel der am
Euphrat und am Nil herrschenden Maechte und bald den Assyrern, bald den
Aegyptern untertan. Mit der halben Macht haetten hellenische Staedte
sich unabhaengig gemacht; aber die vorsichtigen sidonischen Maenner,
berechnend, dass die Sperrung der Karawanenstrassen nach dem Osten
oder der aegyptischen Haefen ihnen weit hoeher zu stehen komme als der
schwerste Tribut, zahlten lieber puenktlich ihre Steuern, wie es fiel
nach Ninive oder nach Memphis, und fochten sogar, wenn es nicht anders
sein konnte, mit ihren Schiffen die Schlachten der Koenige mit. Und wie
die Phoeniker daheim den Druck der Herren gelassen ertrugen, waren
sie auch draussen keineswegs geneigt, die friedlichen Bahnen der
kaufmaennischen mit der erobernden Politik zu vertauschen. Ihre
Niederlassungen sind Faktoreien; es liegt ihnen mehr daran, den
Eingeborenen Waren abzunehmen und zuzubringen, als weite Gebiete in
fernen Laendern zu erwerben und daselbst die schwere und langsame
Arbeit der Kolonisierung durchzufuehren. Selbst mit ihren Konkurrenten
vermeiden sie den Krieg; aus Aegypten, Griechenland, Italien, dem
oestlichen Sizilien lassen sie fast ohne Widerstand sich verdraengen und
in den grossen Seeschlachten, die in frueher Zeit um die Herrschaft im
westlichen Mittelmeer geliefert worden sind, bei Alalia (217 537) und
Kyme (280 474), sind es die Etrusker, nicht die Phoeniker, die die
Schwere des Kampfes gegen die Griechen tragen. Ist die Konkurrenz einmal
nicht zu vermeiden, so gleicht man sich aus, so gut es gehen will;
es ist nie von den Phoenikern ein Versuch gemacht worden, Caere oder
Massalia zu erobern. Noch weniger natuerlich sind die Phoeniker zum
Angriffskrieg geneigt. Das einzige Mal, wo sie in der aelteren Zeit
offensiv auf dem Kampfplatze erscheinen, in der grossen sizilischen
Expedition der afrikanischen Phoeniker, welche mit der Niederlage bei
Himera durch Gelon von Syrakus endigte (274 480), sind sie nur als
gehorsame Untertanen des Grosskoenigs und um der Teilnahme an dem
Feldzug gegen die oestlichen Hellenen auszuweichen, gegen die Hellepen
des Westens ausgerueckt; wie denn ihre syrischen Stammgenossen in der
Tat in demselben Jahr sich mit den Persern bei Salamis mussten
schlagen lassen. Es ist das nicht Feigheit; die Seefahrt in unbekannten
Gewaessern und mit bewaffneten Schiffen fordert tapfere Herzen, und dass
diese unter den Phoenikern zu finden waren, haben sie oft bewiesen.
Es ist noch weniger Mangel an Zaehigkeit und Eigenartigkeit des
Nationalgefuehls; vielmehr haben die Aramaeer mit einer Hartnaeckigkeit,
welche kein indogermanisches Volk je erreicht hat und welche uns
Okzidentalen bald mehr, bald weniger als menschlich zu sein duenkt, ihre
Nationalitaet gegen alle Lockungen der griechischen Zivilisation wie
gegen alle Zwangsmittel der orientalischen und okzidentalischen Despoten
mit den Waffen des Geistes wie mit ihrem Blute verteidigt. Es ist der
Mangel an staatlichem Sinn, der bei dem lebendigsten Stammgefuehl, bei
der treuesten Anhaenglichkeit an die Vaterstadt doch das eigenste
Wesen der Phoeniker bezeichnet. Die Freiheit lockte sie nicht und es
geluestete sie nicht nach der Herrschaft; "ruhig lebten sie", sagt das
Buch der Richter, "nach der Weise der Sidonier, sicher und wohlgemut und
im Besitz von Reichtum". Unter allen phoenikischen Ansiedlungen gediehen
keine schneller und sicherer als die von den Tyriern und Sidoniern an
der Suedkueste Spaniens und an der nordafrikanischen gegruendeten, in
welche Gegenden weder der Arm des Grosskoenigs noch die gefaehrliche
Rivalitaet der griechischen Seefahrer reichte, die Eingeborenen aber
den Fremdlingen gegenueberstanden wie in Amerika die Indianer den
Europaeern. Unter den zahlreichen und bluehenden phoenikischen Staedten
an diesen Gestaden ragte vor allem hervor die "Neustadt", Karthada oder,
wie die Okzidentalen sie nennen, Karchedon oder Karthago. Nicht die
frueheste Niederlassung der Phoeniker in dieser Gegend und urspruenglich
vielleicht schutzbefohlene Stadt des nahen Utica, der aeltesten
Phoenikerstadt in Libyen, ueberfluegelte sie bald ihre Nachbarn, ja
die Heimat selbst durch die unvergleichlich guenstige Lage und die rege
Taetigkeit ihrer Bewohner. Gelegen unfern der (ehemaligen) Muendung des
Bagradas (Medscherda), der die reichste Getreidelandschaft Nordafrikas
durchstroemt, auf einer fruchtbaren noch heute mit Landhaeusern
besetzten und mit Oliven- und Orangenwaeldern bedeckten Anschwellung des
Bodens, der gegen die Ebene sanft sich abdacht und an der Seeseite
als meerumflossenes Vorgebirg endigt, inmitten des grossen Hafens von
Nordafrika, des Golfes von Tunis, da wo dies schoene Bassin den besten
Ankergrund fuer groessere Schiffe und hart am Strande trinkbares
Quellwasser darbietet, ist dieser Platz fuer Ackerbau und Handel und
die Vermittlung beider so einzig guenstig, dass nicht bloss die tyrische
Ansiedlung daselbst die erste phoenikische Kaufstadt ward, sondern auch
in der roemischen Zeit Karthago, kaum wiederhergestellt, die dritte
Stadt des Kaiserreichs wurde und noch heute unter nicht guenstigen
Verhaeltnissen und an einer weit weniger gut gewaehlten Stelle dort eine
Stadt von hunderttausend Einwohnern besteht und gedeiht. Die agrikole,
merkantile, industrielle Bluete einer Stadt in solcher Lage und mit
solchen Bewohnern erklaert sich selbst; wohl aber fordert die Frage
eine Antwort, auf welchem Weg diese Ansiedlung zu einer politischen
Machtentwicklung gelangte, wie sie keine andere phoenikische Stadt
besessen hat. Dass der phoenikische Stamm seine politische Passivitaet
auch in Karthago nicht verleugnet hat, dafuer fehlt es keineswegs an
Beweisen. Karthago bezahlte bis in die Zeiten seiner Bluete hinab fuer
den Boden, den die Stadt einnahm, Grundzins an die einheimischen Berber,
den Stamm der Maxyer oder Maxitaner; und obwohl das Meer und die Wueste
die Stadt hinreichend schuetzten vor jedem Angriff der oestlichen
Maechte, scheint Karthago doch die Herrschaft des Grosskoenigs wenn auch
nur dem Namen nach anerkannt und ihm gelegentlich gezinst zu haben, um
sich die Handelsverbindungen mit Tyros und dem Osten zu sichern. Aber
bei allem guten Willen, sich zu fuegen und zu schmiegen, traten doch
Verhaeltnisse ein, die diese Phoeniker in eine energischere Politik
draengten. Vor dem Strom der hellenischen Wanderung, der sich
unaufhaltsam gegen Westen ergoss, der die Phoeniker schon aus dem
eigentlichen Griechenland und von Italien verdraengt hatte und eben sich
anschickte, in Sizilien, in Spanien, ja in Libyen selbst das gleiche
zu tun, mussten die Phoeniker doch irgendwo standhalten, wenn sie nicht
gaenzlich sich wollten erdruecken lassen. Hier, wo sie mit griechischen
Kaufleuten und nicht mit dem Grosskoenig zu tun hatten, genuegte
es nicht, sich zu unterwerfen, um gegen Schoss und Zins Handel und
Industrie in alter Weise fortzufuehren. Schon waren Massalia und Kyrene
gegruendet; schon das ganze oestliche Sizilien in den Haenden der
Griechen; es war fuer die Phoeniker die hoechste Zeit zu ernstlicher
Gegenwehr. Die Karthager nahmen sie auf; in langen und hartnaeckigen
Kriegen setzten sie dem Vordringen der Kyrenaeer eine Grenze und der
Hellenismus vermochte nicht sich westwaerts der Wueste von Tripolis
festzusetzen. Mit karthagischer Hilfe erwehrten ferner die phoenikischen
Ansiedler auf der westlichen Spitze Siziliens sich der Griechen
und begaben sich gern und freiwillig in die Klientel der maechtigen
stammverwandten Stadt. Diese wichtigen Erfolge, die ins zweite
Jahrhundert Roms fallen und die den suedwestlichen Teil des Mittelmeers
den Phoenikern retteten, gaben der Stadt, die sie erfochten hatte, von
selbst die Hegemonie der Nation und zugleich eine veraenderte politische
Stellung. Karthago war nicht mehr eine blosse Kaufstadt; sie zielte nach
der Herrschaft ueber Libyen und ueber einen Teil des Mittelmeers, weil
sie es musste. Wesentlich trug wahrscheinlich bei zu diesen Erfolgen
das Aufkommen der Soeldnerei, die in Griechenland etwa um die Mitte des
vierten Jahrhunderts der Stadt in Uebung kam, bei den Orientalen aber,
namentlich bei den Karern weit aelter ist und vielleicht eben durch die
Phoeniker emporkam. Durch das auslaendische Werbesystem ward der Krieg
zu einer grossartigen Geldspekulation, die eben recht im Sinn des
phoenikischen Wesens ist. Es war wohl erst die Rueckwirkung dieser
auswaertigen Erfolge, welche die Karthager veranlasste, in Afrika von
Miet- und Bitt- zum Eigenbesitz und zur Eroberung ueberzugehen. Erst um
300 Roms (450) scheinen die karthagischen Kaufleute sich des Bodenzinses
entledigt zu haben, den sie bisher den Einheimischen hatten entrichten
muessen. Dadurch ward eine eigene Ackerwirtschaft im grossen moeglich.
Von jeher hatten die Phoeniker es sich angelegen sein lassen, ihre
Kapitalien auch als Grundbesitzer zu nutzen und den Feldbau im grossen
Massstab zu betreiben durch Sklaven oder gedungene Arbeiter; wie denn
ein grosser Teil der Juden in dieser Art den tyrischen Kaufherren um
Tagelohn dienstbar war. Jetzt konnten die Karthager unbeschraenkt den
reichen libyschen Boden ausbeuten durch ein System, das dem der heutigen
Plantagenbesitzer verwandt ist: gefesselte Sklaven bestellten das Land -
wir finden, dass einzelne Buerger deren bis zwanzigtausend besassen.
Man ging weiter. Die ackerbauenden Doerfer der Umgegend - der Ackerbau
scheint bei den Libyern sehr frueh und wahrscheinlich schon vor der
phoenikischen Ansiedlung, vermutlich von Aegypten aus, eingefuehrt zu
sein - wurden mit Waffengewalt unterworfen und die freien libyschen
Bauern umgewandelt in Fellahs, die ihren Herren den vierten Teil der
Bodenfruechte als Tribut entrichteten und zur Bildung eines eigenen
karthagischen Heeres einem regelmaessigen Rekrutierungssystem
unterworfen wurden. Mit den schweifenden Hirtenstaemmen (nomades) an den
Grenzen waehrten die Fehden bestaendig; indes sicherte eine
verschanzte Postenkette das befriedete Gebiet und langsam wurden
jene zurueckgedraengt in die Wuesten und Berge oder gezwungen, die
karthagische Oberherrschaft anzuerkennen, Tribut zu zahlen und Zuzug zu
stellen. Um die Zeit des Ersten Punischen Krieges ward ihre grosse Stadt
Theveste (Tebessa, an den Quellen des Medscherda) von den Karthagern
erobert. Dies sind die "Staedte und Staemme (ethn/e/) der Untertanen",
die in den karthagischen Staatsvertraegen erscheinen; jenes die unfreien
libyschen Doerfer, dieses die untertaenigen Nomaden. Hierzu kam endlich
die Herrschaft Karthagos ueber die uebrigen Phoeniker in Afrika oder die
sogenannten Libyphoeniker. Es gehoerten zu diesen teils die von Karthago
aus an die ganze afrikanische Nord- und einen Teil der Nordwestkueste
gefuehrten kleineren Ansiedelungen, die nicht unbedeutend gewesen
sein koennen, da allein am Atlantischen Meer auf einmal 30000 solcher
Kolonisten sesshaft gemacht wurden, teils die besonders an der Kueste
der heutigen Provinz Constantine und des Beylik von Tunis zahlreichen
altphoenikischen Niederlassungen, zum Beispiel Hippo, spaeter regius
zugenannt (Bona), Hadrumetum (Susa), Klein-Leptis (suedlich von Susa) -
die zweite Stadt der afrikanischen Phoeniker -, Thapsus (ebendaselbst),
Gross-Leptis (Lebda westlich von Tripolis). Wie es gekommen ist, dass
sich all diese Staedte unter karthagische Botmaessigkeit begaben, ob
freiwillig, etwa um sich zu schirmen vor den Angriffen der Kyrenaeer und
Numidier, oder gezwungen, ist nicht mehr nachzuweisen; sicher aber
ist es, dass sie als Untertanen der Karthager selbst in offiziellen
Aktenstuecken bezeichnet werden, ihre Mauern hatten niederreissen
muessen und Steuer und Zuzug nach Karthago zu leisten hatten. Indes
waren sie weder der Rekrutierung noch der Grundsteuer unterworfen,
sondern leisteten ein Bestimmtes an Mannschaft und Geld, Klein-Leptis
zum Beispiel jaehrlich die ungeheure Summe von 465 Talenten (574000
Taler); ferner lebten sie nach gleichem Recht mit den Karthagern und
konnten mit ihnen in gleiche Ehe treten ^1. Einzig Utica war, wohl
weniger durch seine Macht als durch die Pietaet der Karthager gegen
ihre alten Beschuetzer, dem gleichen Schicksal entgangen und hatte seine
Mauern und seine Selbstaendigkeit bewahrt; wie denn die Phoeniker
fuer solche Verhaeltnisse eine merkwuerdige, von der griechischen
Gleichgueltigkeit wesentlich abstechende Ehrfurcht hegten. Selbst im
auswaertigen Verkehr sind es stets "Karthago und Utica", die zusammen
festsetzen und versprechen; was natuerlich nicht ausschliesst, dass
die weit groessere Neustadt der Tat nach auch ueber Utica die Hegemonie
behauptete. So ward aus der tyrischen Faktorei die Hauptstadt eines
maechtigen nordafrikanischen Reiches, das von der tripolitanischen
Wueste sich erstreckte bis zum Atlantischen Meer, im westlichen Teil
(Marokko und Algier) zwar mit zum Teil oberflaechlicher Besetzung der
Kuestensaeume sich begnuegend, aber in dem reicheren oestlichen, den
heutigen Distrikten von Constantine und Tunis, auch das Binnenland
beherrschend und seine Grenze bestaendig weiter gegen Sueden
vorschiebend; die Karthager waren, wie ein alter Schriftsteller
bezeichnend sagt, aus Tyriern Libyer geworden. Die phoenikische
Zivilisation herrschte in Libyen aehnlich wie in Kleinasien und Syrien
die griechische nach den Zuegen Alexanders, wenn auch nicht mit gleicher
Gewalt. An den Hoefen der Nomadenscheichs ward phoenikisch gesprochen
und geschrieben und die zivilisierteren einheimischen Staemme nahmen
fuer ihre Sprache das phoenikische Alphabet an ^2; sie vollstaendig zu
phoenikisieren lag indes weder im Geiste der Nation noch in der Politik
Karthagos. ---------------------------------------------- ^1 Die
schaerfste Bezeichnung dieser wichtigen Klasse findet sich in dem
karthagischen Staatsvertrag (Polyb. 7, 9), wo sie im Gegensatz
einerseits zu den Uticensern, anderseits zu den libyschen Untertanen
heissen: oi Karch /e/doni/o/n ?parch/e/ osoi tois aytois nomois
chr/o/ntai. Sonst heissen sie auch Bundes- symmachides poleis Diod. 20,
10) oder steuerpflichtige Staedte (Liv. 34, 62; Iust. 22, 7, 3). Ihr
Conubium mit den Karthagern erwaehnt Diodoros 20, 55; das Commercium
folgt aus den "gleichen Gesetzen". Dass die altphoenikischen Kolonien
zu den Libyphoenikern gehoeren, beweist die Bezeichnung Hippos als einer
libyphoenikischen Stadt (Liv. 25, 40); anderseits heisst es hinsichtlich
der von Karthago aus gegruendeten Ansiedlungen zum Beispiel im Periplus
des Hanno: "Es beschlossen die Karthager, dass Hanno jenseits der
Saeulen des Herkules schiffe und Staedte der Libyphoeniker gruende". Im
wesentlichen bezeichnen die Libyphoeniker bei den Karthagern nicht eine
nationale, sondern eine staatsrechtliche Kategorie. Damit kann es recht
wohl bestehen, dass der Name grammatisch die mit Libyern gemischten
Phoeniker bezeichnet (Liv. 21, 22, Zusatz zum Text des Polybios); wie
denn in der Tat wenigstens bei der Anlage sehr exponierter Kolonien den
Phoenikern haeufig Libyer beigegeben wurden (Diod. 13, 79; Cic. Scaur.
42). Die Analogie im Namen und im Rechtsverhaeltnis zwischen den
Latinern Roms und den Libyphoenikern Karthagos ist unverkennbar. ^2
Das libysche oder numidische Alphabet, das heisst dasjenige, womit die
Berber ihre nichtsemitische Sprache schrieben und schreiben, eines
der zahllosen aus dem aramaeischen Uralphabet abgeleiteten, scheint
allerdings diesem in einzelnen Formen naeher zu stehen als das
phoenikische; aber es folgt daraus noch keineswegs, dass die Libyer
die Schrift nicht von den Phoenikern, sondern von aelteren Einwanderern
erhielten, so wenig als die teilweise aelteren Formen der italischen
Alphabete diese aus dem griechischen abzuleiten verbieten. Vielmehr
wird die Ableitung des libyschen Alphabets aus dem phoenikischen einer
Periode des letzteren angehoeren, welche aelter ist als die, in der
die auf uns gekommenen Denkmaeler der phoenikischen Sprache geschrieben
wurden. ------------------------------------------------- Die Epoche,
in der diese Umwandlung Karthagos in die Hauptstadt von Libyen
stattgefunden hat, laesst sich um so weniger bestimmen, als die
Veraenderung ohne Zweifel stufenweise erfolgt ist. Der eben erwaehnte
Schriftsteller nennt als den Reformator der Nation den Hanno; wenn dies
derselbe ist, der zur Zeit des ersten Krieges mit Rom lebte, so kann
er nur als Vollender des neuen Systems angesehen werden, dessen
Durchfuehrung vermutlich das vierte und fuenfte Jahrhundert Roms
ausgefuellt hat. Mit dem Aufbluehen Karthagos Hand in Hand ging das
Sinken der grossen phoenikischen Staedte in der Heimat, von Sidon und
besonders von Tyros, dessen Bluete teils infolge innerer Bewegungen,
teils durch die Drangsale von aussen, namentlich die Belagerungen durch
Salmanassar im ersten, Nabukodrossor im zweiten, Alexander im fuenften
Jahrhundert Roms zugrunde gerichtet ward. Die edlen Geschlechter und
die alten Firmen von Tyros siedelten groesstenteils ueber nach der
gesicherten und bluehenden Tochterstadt und brachten dorthin ihre
Intelligenz, ihre Kapitalien und ihre Traditionen. Als die Phoeniker
mit Rom in Beruehrung kamen, war Karthago ebenso entschieden die erste
kanaanitische Stadt wie Rom die erste der latinischen Gemeinden. Aber
die Herrschaft ueber Libyen war nur die eine Haelfte der karthagischen
Macht; ihre See- und Kolonialherrschaft hatte gleichzeitig nicht minder
gewaltig sich entwickelt. In Spanien war der Hauptplatz der Phoeniker
die uralte tyrische Ansiedlung in Gades (Cadiz); ausserdem besassen sie
westlich und oestlich davon eine Kette von Faktoreien und im Innern das
Gebiet der Silbergruben, so dass sie etwa das heutige Andalusien und
Granada oder doch wenigstens die Kueste davon innehatten. Das Binnenland
den einheimischen kriegerischen Nationen abzugewinnen war man nicht
bemueht; man begnuegte sich mit dem Besitz der Bergwerke und der
Stationen fuer den Handel und fuer den Fisch- und Muschelfang und hatte
Muehe auch nur hier sich gegen die anwohnenden Staemme zu behaupten. Es
ist wahrscheinlich, dass diese Besitzungen nicht eigentlich karthagisch
waren, sondern tyrisch, und Gades nicht mitzaehlte unter den
tributpflichtigen Staedten Karthagos; doch stand es wie alle westlichen
Phoeniker tatsaechlich unter karthagischer Hegemonie, wie die von
Karthago den Gaditanern gegen die Eingeborenen gesandte Hilfe und
die Anlegung karthagischer Handelsniederlassungen westlich von Gades
beweist. Ebusus und die Balearen wurden dagegen von den Karthagern
selbst in frueher Zeit besetzt, teils der Fischereien wegen, teils als
Vorposten gegen die Massalioten, mit denen von hier aus die heftigsten
Kaempfe gefuehrt wurden. Ebenso setzten die Karthager schon am Ende
des zweiten Jahrhunderts Roms sich fest auf Sardinien, welches ganz
in derselben Art wie Libyen von ihnen ausgebeutet ward. Waehrend die
Eingeborenen sich in dem gebirgigen Innern der Insel der Verknechtung
zur Feldsklaverei entzogen wie die Numidier in Afrika an dem Saum der
Wueste, wurden nach Karalis (Cagliari) und anderen wichtigen Punkten
phoenikische Kolonien gefuehrt und die fruchtbaren Kuestenlandschaften
durch eingefuehrte libysche Ackerbauern verwertet. In Sizilien endlich
war zwar die Strasse von Messana und die groessere oestliche Haelfte der
Insel in frueher Zeit den Griechen in die Haende gefallen; allein den
Phoenikern blieben unter dem Beistand der Karthager teils die kleineren
Inseln in der Naehe, die Aegaten, Melite, Gaulos, Kossyra, unter denen
namentlich die Ansiedlung auf Malta reich und bluehend war, teils
die West- und Nordwestkueste Siziliens, wo sie von Motye, spaeter von
Lilybaeon aus die Verbindung mit Afrika, von Panormos und Soloeis aus
die mit Sardinien unterhielten. Das Innere der Insel blieb in dem
Besitz der Eingeborenen, der Elymer, Sikaner, Sikeler. Es hatte sich in
Sizilien, nachdem das weitere Vordringen der Griechen gebrochen war, ein
verhaeltnismaessig friedlicher Zustand hergestellt, den selbst die von
den Persern veranlasste Heerfahrt der Karthager gegen ihre griechischen
Nachbarn auf der Insel (274 480) nicht auf die Dauer unterbrach und
der im ganzen fortbestand bis auf die attische Expedition nach Sizilien
(339-341 415-413). Die beiden rivalisierenden Nationen bequemten sich,
einander zu dulden, und beschraenkten sich im wesentlichen jede auf ihr
Gebiet. Alle diese Niederlassungen und Besitzungen waren an sich wichtig
genug; allein noch von weit groesserer Bedeutung insofern, als sie
die Pfeiler der karthagischen Seeherrschaft wurden. Durch den Besitz
Suedspaniens, der Balearen, Sardiniens, des westlichen Sizilien und
Melites in Verbindung mit der Verhinderung hellenischer Kolonisierung,
sowohl an der spanischen Ostkueste als auf Korsika und in der Gegend der
Syrten machten die Herren der nordafrikanischen Kueste ihre See zu
einer geschlossenen und monopolisierten die westliche Meerenge. Nur
das Tyrrhenische und gallische Meer mussten die Phoeniker mit andern
Nationen teilen. Es war dies allenfalls zu ertragen, solange die
Etrusker und die Griechen sich hier das Gleichgewicht hielten; mit den
ersteren als den minder gefaehrlichen Nebenbuhlern trat Karthago
sogar gegen die Griechen in Buendnis. Indes als nach dem Sturz
der etruskischen Macht, den, wie es zu gehen pflegt bei derartigen
Notbuendnissen, Karthago wohl schwerlich mit aller Macht abzuwenden
bestrebt gewesen war, und nach der Vereitelung der grossen Entwuerfe
des Alkibiades Syrakus unbestritten dastand als die erste griechische
Seemacht, fingen begreiflicherweise nicht nur die Herren von Syrakus an,
nach der Herrschaft ueber Sizilien und Unteritalien und zugleich ueber
das Tyrrhenische und Adriatische Meer zu streben, sondern wurden auch
die Karthager gewaltsam in eine energischere Politik gedraengt. Das
naechste Ergebnis der langen und hartnaeckigen Kaempfe zwischen ihnen
und ihrem ebenso maechtigen als schaendlichen Gegner Dionysios von
Syrakus (348-389 406-365) war die Vernichtung oder Schwaechung der
sizilischen Mittelstaaten, die im Interesse beider Parteien lag und
die Teilung der Insel zwischen den Syrakusanern und den Karthagern. Die
bluehendsten Staedte der Insel: Selinus, Himera, Akragas, Gela, Messana,
wurden im Verlauf dieser heillosen Kaempfe von den Karthagern von Grund
aus zerstoert; nicht ungern sah Dionysios, wie das Hellenentum hier
zugrunde ging oder doch geknickt ward, um sodann, gestuetzt auf die
fremden, aus Italien, Gallien und Spanien angeworbenen Soeldner,
die veroedeten oder mit Militaerkolonien belegten Landschaften desto
sicherer zu beherrschen. Der Friede, der nach des karthagischen
Feldherrn Mago Sieg bei Kronion 371 (383) abgeschlossen ward und den
Karthagern die griechischen Staedte Thermae (das alte Himera), Egesta,
Herakleia Minoa, Selinus und einen Teil des Gebietes von Akragas bis an
den Halykos unterwarf, galt den beiden um den Besitz der Insel ringenden
Maechten nur als vorlaeufiges Abkommen; immer von neuem wiederholten
sich beiderseits die Versuche, den Nebenbuhler ganz zu verdraengen.
Viermal - zur Zeit des aelteren Dionysios 360 (394), in der Timoleons
410 (344), in der des Agathokles 445 (309), in der pyrrhischen 476
(278) - waren die Karthager Herren von ganz Sizilien bis auf Syrakus
und scheiterten an dessen festen Mauern; fast ebenso oft schienen
die Syrakusaner unter tuechtigen Fuehrern, wie der aeltere Dionysios,
Agathokles und Pyrrhos waren, ihrerseits ebenso nahe daran, die
Afrikaner von der Insel zu verdraengen. Mehr und mehr aber neigte sich
das Uebergewicht auf die Seite der Karthager, von denen regelmaessig der
Angriff ausging und die, wenn sie auch nicht mit roemischer Stetigkeit
ihr Ziel verfolgten, doch mit weit groesserer Planmaessigkeit und
Energie den Angriff betrieben als die von Parteien zerrissene und
abgehetzte Griechenstadt die Verteidigung. Mit Recht durften die
Phoeniker erwarten, dass nicht immer eine Pest oder ein fremder
Condottiere die Beute ihnen entreissen wuerde; und vorlaeufig war
wenigstens zur See der Kampf schon entschieden: Pyrrhos' Versuch, die
syrakusanische Flotte wiederherzustellen, war der letzte. Nachdem dieser
gescheitert war, beherrschte die karthagische Flotte ohne Nebenbuhler
das ganze westliche Mittelmeer; und ihre Versuche, Syrakus, Rhegion,
Tarent zu besetzen, zeigten, was man vermochte und wohin man zielte.
Hand in Hand damit ging das Bestreben, den Seehandel dieser Gegend
immer mehr sowohl dem Ausland wie den eigenen Untertanen gegenueber zu
monopolisieren; und es war nicht karthagische Art, vor irgendeiner zum
Zwecke fuehrenden Gewaltsamkeit zurueckzuscheuen. Ein Zeitgenosse
der Punischen Kriege, der Vater der Geographie Eratosthenes (479-560
275-194), bezeugt es, dass jeder fremde Schiffer, welcher nach Sardinien
oder nach der Gaditanischen Strasse fuhr, wenn er den Karthagern in
die Haende fiel, von ihnen ins Meer gestuerzt ward; und damit stimmt
es voellig ueberein, dass Karthago den roemischen Handelsschiffen die
spanischen, sardinischen und libyschen Haefen durch den Vertrag vom
Jahre 406 (348) freigab, dagegen durch den vom Jahre 448 (306) sie ihnen
mit Ausnahme des eigenen karthagischen saemtlich schloss. Die Verfassung
Karthagos bezeichnet Aristoteles, der etwa fuenfzig Jahre vor dein
Anfang des Ersten Punischen Krieges starb, als uebergegangen aus der
monarchischen in eine Aristokratie oder in eine zur Oligarchie sich
neigende Demokratie; denn mit beiden Namen benennt er sie. Die Leitung
der Geschaefte stand zunaechst bei dem Rat der Alten, welcher gleich
der spartanischen Gerusia bestand aus den beiden jaehrlich von der
Buergerschaft ernannten Koenigen und achtundzwanzig Gerusiasten, die
auch, wie es scheint, Jahr fuer Jahr von der Buergerschaft erwaehlt
wurden. Dieser Rat ist es, der im wesentlichen die Staatsgeschaefte
erledigt, zum Beispiel die Einleitungen zum Kriege trifft, die
Aushebungen und Werbungen anordnet, den Feldherrn ernennt und ihm
eine Anzahl Gerusiasten beiordnet, aus denen dann regelmaessig
die Unterbefehlshaber genommen werden; an ihn werden die Depeschen
adressiert. Ob neben diesem kleinen Rat noch ein grosser stand, ist
zweifelhaft; auf keinen Fall hatte er viel zu bedeuten. Ebensowenig
scheint den Koenigen ein besonderer Einfluss zugestanden zu haben;
hauptsaechlich funktionierten sie als Oberrichter, wie sie nicht
selten auch heissen (Schofeten, praetores). Groesser war die Gewalt des
Feldherrn; Isokrates, Aristoteles' aelterer Zeitgenosse, sagt, dass die
Karthager sich daheim oligarchisch, im Felde aber monarchisch regierten
und so mag das Amt des karthagischen Feldherrn mit Recht von roemischen
Schriftstellern als Diktatur bezeichnet werden, obgleich die
ihm beigegebenen Gerusiasten tatsaechlich wenigstens seine Macht
beschraenken mussten, und ebenso nach Niederlegung des Amtes ihn eine
den Roemern unbekannte ordentliche Rechenschaftslegung erwartete. Eine
feste Zeitgrenze bestand fuer das Amt des Feldherrn nicht, und es ist
derselbe also schon deshalb vom Jahrkoenig unzweifelhaft verschieden
gewesen, von dem ihn auch Aristoteles ausdruecklich unterscheidet; doch
war die Vereinigung mehrerer Aemter in einer Person bei den Karthagern
ueblich, und so kann es nicht befremden, dass oft derselbe Mann zugleich
als Feldherr und als Schofet erscheint. Aber ueber der Gerusia und
ueber den Beamten stand die Koerperschaft der Hundertvier-, kuerzer
Hundertmaenner oder der Richter, das Hauptbollwerk der karthagischen
Oligarchie. In der urspruenglichen karthagischen Verfassung fand
sie sich nicht, sondern sie war gleich dem spartanischen Ephorat
hervorgegangen aus der aristokratischen Opposition gegen die
monarchischen Elemente derselben. Bei der Kaeuflichkeit der Aemter und
der geringen Mitgliederzahl der hoechsten Behoerde drohte eine einzige
durch Reichtum und Kriegsruhm vor allen hervorleuchtende karthagische
Familie, das Geschlecht des Mago, die Verwaltung in Krieg und Frieden
und die Rechtspflege in ihren Haenden zu vereinigen; dies fuehrte
ungefaehr um die Zeit der Dezemvirn zu einer Aenderung der Verfassung
und zur Einsetzung dieser neuen Behoerde. Wir wissen, dass die
Bekleidung der Quaestur ein Anrecht gab zum Eintritt in die
Richterschaft, dass aber dennoch der Kandidat einer Wahl unterlag durch
gewisse sich selbst ergaenzende Fuenfmaennerschaften; ferner dass die
Richter, obwohl sie rechtlich vermutlich von Jahr zu Jahr gewaehlt
wurden, doch tatsaechlich laengere Zeit, ja lebenslaenglich im Amt
blieben, weshalb sie bei den Roemern und Griechen gewoehnlich Senatoren
genannt werden. So dunkel das einzelne ist, so klar erkennt man
das Wesen der Behoerde als einer aus aristokratischer Kooptation
hervorgehenden oligarchischen; wovon eine vereinzelte, aber
charakteristische Spur ist, dass in Karthago neben dem gemeinen
Buerger- ein eigenes Richterbad bestand. Zunaechst waren sie bestimmt
zu fungieren als politische Geschworene, die namentlich die Feldherren,
aber ohne Zweifel vorkommendenfalls auch die Schofeten und Gerusiasten
nach Niederlegung ihres Amtes zur Verantwortung zogen und nach
Gutduenken, oft in ruecksichtslos grausamer Weise, selbst mit dem
Tode bestraften. Natuerlich ging hier wie ueberall, wo die
Verwaltungsbehoerden unter Kontrolle einer anderen Koerperschaft
gestellt werden, der Schwerpunkt der Macht ueber von der kontrollierten
auf die kontrollierende Behoerde; und es begreift sich leicht, teils
dass die letztere allenthalben in die Verwaltung eingriff, wie denn zum
Beispiel die Gerusia wichtige Depeschen erst den Richtern vorlegt und
dann dem Volke, teils dass die Furcht vor der regelmaessig nach dem
Erfolg abgemessenen Kontrolle daheim den karthagischen Staatsmann wie
den Feldherrn in Rat und Tat laehmte. Die karthagische Buergerschaft
scheint, wenn auch nicht wie in Sparta ausdruecklich auf die passive
Assistenz bei den Staatshandlungen beschraenkt, doch tatsaechlich dabei
nur in einem sehr geringen Grade von Einfluss gewesen zu sein. Bei den
Wahlen in die Gerusia war ein offenkundiges Bestechungssystem Regel;
bei der Ernennung eines Feldherrn wurde das Volk zwar befragt, aber
wohl erst, wenn durch Vorschlag der Gerusia der Sache nach die Ernennung
erfolgt war; und in anderen Faellen ging man nur an das Volk, wenn die
Gerusia es fuer gut fand oder sich nicht einigen konnte. Volksgerichte
kannte man in Karthago nicht. Die Machtlosigkeit der Buergerschaft ward
wahrscheinlich wesentlich durch ihre politische Organisierung bedingt;
die karthagischen Tischgenossenschaften, die hierbei genannt und
den spartanischen Pheiditien verglichen werden, moegen oligarchisch
geleitete Zuenfte gewesen sein. Sogar ein Gegensatz zwischen
"Stadtbuergern" und "Handarbeitern" wird erwaehnt, der auf eine sehr
niedrige, vielleicht rechtlose Stellung der letzteren schliessen laesst.
Fassen wir die einzelnen Momente zusammen, so erscheint die karthagische
Verfassung als ein Kapitalistenregiment, wie es begreiflich ist bei
einer Buergergemeinde ohne wohlhabende Mittelklasse und bestehend
einerseits aus einer besitzlosen, von der Hand in den Mund lebenden
staedtischen Menge, anderseits aus Grosshaendlern, Plantagenbesitzern
und vornehmen Voegten. Das System, die heruntergekommenen Herren auf
Kosten der Untertanen wieder zu Vermoegen zu bringen, indem sie als
Schatzungsbeamte und Fronvoegte in die abhaengigen Gemeinden ausgesendet
werden, dieses unfehlbare Kennzeichen einer verrotteten staedtischen
Oligarchie, fehlt auch in Karthago nicht; Aristoteles bezeichnet es als
die wesentliche Ursache der erprobten Dauerhaftigkeit der karthagischen
Verfassung. Bis auf seine Zeit hatte in Karthago weder von oben noch
von unten eine nennenswerte Revolution stattgefunden; die Menge blieb
fuehrerlos infolge der materiellen Vorteile, welche die regierende
Oligarchie allen ehrgeizigen oder bedraengten Vornehmen zu bieten
imstande war und ward abgefunden mit den Brosamen, die in Form der
Wahlbestechung oder sonst von dem Herrentisch fuer sie abfielen. Eine
demokratische Opposition konnte freilich bei solchem Regiment nicht
mangeln; aber noch zur Zeit des Ersten Punischen Krieges war dieselbe
voellig machtlos. Spaeterhin, zum Teil unter dem Einfluss der erlittenen
Niederlagen, erscheint ihr politischer Einfluss im Steigen und in weit
rascherem, als gleichzeitig der der gleichartigen roemischen Partei:
die Volksversammlungen begannen in politischen Fragen die letzte
Entscheidung zu geben und brachen die Allmacht der karthagischen
Oligarchie. Nach Beendigung des Hannibalischen Krieges ward auf
Hannibals Vorschlag sogar durchgesetzt, dass kein Mitglied des Rates der
Hundert zwei Jahre nacheinander im Amte sein koenne und damit die volle
Demokratie eingefuehrt, welche allerdings nach der Lage der Dinge allein
Karthago zu retten vermochte, wenn es dazu ueberhaupt noch Zeit war.
In dieser Opposition herrschte ein maechtiger patriotischer und
reformierender Schwung; doch darf darueber nicht uebersehen werden,
auf wie fauler und morscher Grundlage sie ruhte. Die karthagische
Buergerschaft, die von kundigen Griechen der alexandrinischen verglichen
wird, war so zuchtlos, dass sie insofern es wohl verdient hatte,
machtlos zu sein; und wohl durfte gefragt werden, was da aus
Revolutionen fuer Heil kommen solle, wo, wie in Karthago, die Buben
sie machen halfen. In finanzieller Hinsicht behauptet Karthago in jeder
Beziehung unter den Staaten des Altertums den ersten Platz. Zur Zeit des
Peloponnesischen Krieges war diese phoenikische Stadt nach dem Zeugnis
des ersten Geschichtschreibers der Griechen allen griechischen Staaten
finanziell ueberlegen und werden ihre Einkuenfte denen des Grosskoenigs
verglichen; Polybios nennt sie die reichste Stadt der Welt. Von der
Intelligenz der karthagischen Landwirtschaft, welche Feldherren und
Staatsmaenner dort wie spaeter in Rom wissenschaftlich zu betreiben
und zu lehren nicht verschmaehten, legt ein Zeugnis ab die agronomische
Schrift des Karthagers Mago, welche von den spaeteren griechischen
und roemischen Landwirten durchaus als der Grundkodex der rationellen
Ackerwirtschaft betrachtet und nicht bloss ins Griechische uebersetzt,
sondern auch auf Befehl des roemischen Senats lateinisch bearbeitet
und den italischen Gutsbesitzern offiziell anempfohlen ward.
Charakteristisch ist die enge Verbindung dieser phoenikischen Acker- mit
der Kapitalwirtschaft; es wird als eine Hauptmaxime der phoenikischen
Landwirtschaft angefuehrt, nie mehr Land zu erwerben, als man intensiv
zu bewirtschaften vermoege. Auch der Reichtum des Landes an
Pferden, Rindern, Schafen und Ziegen, worin Libyen infolge seiner
Nomadenwirtschaft es nach Polybios' Zeugnis vielleicht allen uebrigen
Laendern der Erde damals zuvortat, kam den Karthagern zugute. Wie in der
Ausnutzung des Bodens die Karthager die Lehrmeister der Roemer waren,
wurden sie es auch in der Ausbeutung der Untertanen; durch diese floss
nach Karthago mittelbar die Grundrente "des besten Teils von Europa" und
der reichen, zum Teil, zum Beispiel in der Byzakitis und an der Kleinen
Syrte, ueberschwenglich gesegneten nordafrikanischen Landschaft. Der
Handel, der in Karthago von jeher als ehrenhaftes Gewerbe galt, und die
auf Grund des Handels aufbluehende Reederei und Fabrikation brachten
schon im natuerlichen Laufe der Dinge den dortigen Ansiedlern jaehrlich
goldene Ernten, und es ist frueher schon bezeichnet worden, wie man
durch ausgedehnte und immer gesteigerte Monopolisierung nicht bloss
aus dem Aus-, sondern auch aus dem Inland allen Handel des westlichen
Mittelmeeres und den ganzen Zwischenhandel zwischen dem Westen und
Osten mehr und mehr in diesem einzigen Hafen zu konzentrieren verstand.
Wissenschaft und Kunst scheinen in Karthago, wie spaeterhin in Rom,
zwar wesentlich durch hellenischen Einfluss bestimmt, aber nicht
vernachlaessigt worden zu sein; es gab eine ansehnliche phoenikische
Literatur und bei Eroberung der Stadt fanden sich reiche, freilich
nicht in Karthago geschaffene, sondern aus den sizilischen Tempeln
weggefuehrte Kunstschaetze und betraechtliche Bibliotheken vor. Aber
auch der Geist stand hier im Dienste des Kapitals; was von der
Literatur hervorgehoben wird, sind vornehmlich die agronomischen und
geographischen Schriften, wie das schon erwaehnte Werk des Mago und
der noch in Uebersetzung vorhandene, urspruenglich in einem der
karthagischen Tempel oeffentlich aufgestellte Bericht des Admirals
Hanno von seiner Beschiffung der westafrikanischen Kueste. Selbst die
allgemeine Verbreitung gewisser Kenntnisse und besonders der Kunde
fremder Sprachen ^3, worin das Karthago dieser Zeit ungefaehr mit dem
kaiserlichen Rom auf einer Linie gestanden haben mag, zeugt von der
durchaus praktischen Richtung, welche der hellenischen Bildung in
Karthago gegeben ward. Wenn es schlechterdings unmoeglich ist, von der
Kapitalmasse sich eine Vorstellung zu machen, die in diesem London des
Altertums zusammenstroemte, so kann wenigstens von den oeffentlichen
Einnahmequellen einigermassen einen Begriff geben, dass trotz des
kostspieligen Systems, nach dem Karthago sein Kriegswesen organisiert
hatte, und trotz der sorg- und treulosen Verwaltung des Staatsguts
dennoch die Beisteuern der Untertanen und die Zollgefaelle die Ausgaben
vollstaendig deckten und von den Buergern direkte Steuern nicht erhoben
wurden; ja dass noch nach dem Zweiten Punischen Kriege, als die Macht
des Staates schon gebrochen war, die laufenden Ausgaben und
eine jaehrliche Abschlagszahlung nach Rom von 340000 Talern ohne
Steuerausschreibung bloss durch eine einigermassen geregelte
Finanzwirtschaft gedeckt werden konnten und vierzehn Jahre nach
dem Frieden der Staat zur sofortigen Erlegung der noch uebrigen
sechsunddreissig Termine sich erbot. Aber es ist nicht bloss die
Summe der Einkuenfte, in der sich die Ueberlegenheit der karthagischen
Finanzwirtschaft ausspricht; auch die oekonomischen Grundsaetze einer
spaeteren und vorgeschritteneren Zeit finden wir hier allein unter
allen bedeutenderen Staaten des Altertums: es ist von auslaendischen
Staatsanleihen die Rede, und im Geldsystem finden wir neben Gold- und
Silber- ein dem Stoff nach wertloses Zeichengeld erwaehnt, welches in
dieser Weise sonst dem Altertum fremd ist. In der Tat, wenn der Staat
eine Spekulation waere, nie haette einer glaenzender seine Aufgabe
geloest als Karthago. ------------------------------------ ^3 Der
Wirtschafter auf dem Landgut, obwohl Sklave, muss dennoch, nach der
Vorschrift des karthagischen Agronomen Mago (bei Varro rast. 1, 17),
lesen koennen und einige Bildung besitzen. Im Prolog des Plautinischen
'Poeners' heisst es von dem Titelhelden: Die Sprachen alle kann er, aber
tut, als koenn' Er keine - ein Poener ist es durchaus; was wollt ihr
mehr? ------------------------------------- Vergleichen wir die Macht
der Karthager und der Roemer. Beide waren Acker- und Kaufstaedte und
lediglich dieses; die durchaus untergeordnete und durchaus praktische
Stellung von Kunst und Wissenschaft war in beiden wesentlich dieselbe,
nur dass in dieser Hinsicht Karthago weiter vorgeschritten war als
Rom. Aber in Karthago hatte die Geld- ueber die Grundwirtschaft, in Rom
damals noch die Grund- ueber die Geldwirtschaft das Uebergewicht,
und wenn die karthagischen Ackerwirte durchgaengig grosse Guts- und
Sklavenbesitzer waren, bebaute in dem Rom dieser Zeit die grosse Masse
der Buergerschaft noch selber das Feld. Die Mehrzahl der Bevoelkerung
war in Rom besitzend, das ist konservativ, in Karthago besitzlos und
dem Golde der Reichen wie dem Reformruf der Demokraten zugaenglich. In
Karthago herrschte schon die ganze, maechtigen Handelsstaedten eigene
Opulenz, waehrend Sitte und Polizei in Rom wenigstens aeusserlich noch
altvaeterische Strenge und Sparsamkeit aufrecht erhielten. Als die
karthagischen Gesandten von Rom zurueckkamen, erzaehlten sie ihren
Kollegen, dass das innige Verhaeltnis der roemischen Ratsherren
zueinander alle Vorstellung uebersteige; ein einziges silbernes
Tafelgeschirr reiche aus fuer den ganzen Rat und sei in jedem Haus,
wo man sie zu Gaste geladen, ihnen wieder begegnet. Der Spott ist
bezeichnend fuer die beiderseitigen wirtschaftlichen Zustaende. Beider
Verfassung war aristokratisch; wie der Senat in Rom regierten die
Richter in Karthago und beide nach dem gleichen Polizeisystem. Die
strenge Abhaengigkeit, in welcher die karthagische Regierungsbehoerde
den einzelnen Beamten hielt, der Befehl derselben an die Buerger, sich
des Erlernens der griechischen Sprache unbedingt zu enthalten und
mit einem Griechen nur vermittels des oeffentlichen Dolmetschers
zu verkehren, sind aus demselben Geiste geflossen wie das roemische
Regierungssystem; aber gegen die grausame Haerte und die ans Alberne
streifende Unbedingtheit solcher karthagischen Staatsbevormundung
erscheint das roemische Bruechen- und Ruegesystem mild und verstaendig.