„Lebst du noch?“ fragt sie, ohne sich zu bewegen. Ich stehe stumm, das

Haupt auf die Brust gesenkt.

„Gib mir meinen Dolch zurück,“ fährt sie fort, „dir nützt er so nichts.

Du hast ja nicht einmal den Mut, dir das Leben zu nehmen.“

„Ich habe ihn nicht mehr,“ erwiderte ich, zitternd, vom Frost

geschüttelt.

Sie überfliegt mich mit einem stolzen, höhnischen Blick.

„Du hast ihn wohl im Arno verloren?“ Sie zuckte die Achseln.

„Meinetwegen. Nun und warum bist du nicht fort?“

Ich murmelte etwas, was weder sie noch ich selbst verstehen konnte.

„O! du hast kein Geld,“ rief sie, „da!“ und sie warf mir mit einer

unsäglich geringschätzenden Bewegung ihre Börse zu.

Ich hob sie nicht auf.

Wir schwiegen beide geraume Zeit.

„Du willst also nicht fort?“

„Ich kann nicht.“

* *

*

Wanda fährt ohne mich in die Cascine, sie ist im Theater ohne mich,

sie empfängt Gesellschaft, die Negerin bedient sie. Niemand fragt nach

mir. Ich irre unstät im Garten umher, wie ein Tier, das seinen Herrn

verloren hat.

Im Gebüsch liegend, sehe ich ein paar Sperlingen zu, die um ein

Samenkorn kämpfen.

Da rauscht ein Frauengewand.

Wanda nähert sich, in einem dunklen Seidenkleide, züchtig bis zum Halse

geschlossen, mit ihr der Grieche. Sie sind im lebhaften Gespräche, doch

kann ich kein Wort davon verstehen. Jetzt stampft er mit dem Fuße, daß

der Kies ringsum auseinanderstäubt, und haut mit der Reitpeitsche in

die Luft. Wanda schrickt zusammen.

Fürchtet sie, daß er sie schlägt?

Sind sie so weit?

* *

*

Er hat sie verlassen, sie ruft ihn, er hört sie nicht, er will sie

nicht hören.

Wanda nickt traurig mit dem Kopfe und setzt sich auf die nächste

Steinbank; sie sitzt lange in Gedanken versunken. Ich sehe ihr mit

einer Art boshafter Freude zu, endlich raffe ich mich gewaltsam auf und

trete höhnisch vor sie hin. Sie fährt empor und zittert am ganzen Leibe.

„Ich komme, Ihnen nur Glück zu wünschen,“ sage ich, mich verneigend,

„ich sehe, gnädige Frau, Sie haben Ihren Herrn gefunden.“

„Ja, Gott sei gedankt!“ ruft sie, „keinen neuen Sklaven, ich habe deren

genug gehabt: einen Herrn. Das Weib braucht einen Herrn und betet ihn

an.“

„Du betest ihn also an, Wanda!“ schrie ich auf, „diesen rohen Menschen

--“

„Ich liebe ihn so, wie ich noch niemand geliebt habe.“

„Wanda!“ -- ich ballte die Fäuste, aber schon kamen mir die Tränen und

der Taumel der Leidenschaft ergriff mich, ein süßer Wahnsinn. „Gut, so

wähle ihn, nimm ihn zum Gatten, er soll dein Herr sein, ich aber will

dein Sklave bleiben, solange ich lebe.“

„Du willst mein Sklave sein, auch dann?“ sprach sie, „das wäre pikant,

ich fürchte aber, er wird es nicht dulden.“

„Er?“

„Ja, er ist jetzt schon eifersüchtig auf dich,“ rief sie, „er auf dich!

er verlangte von mir, daß ich dich sofort entlasse, und als ich ihm

sagte, wer du bist --“

„Du hast ihm gesagt --“ wiederholte ich starr.

„Alles habe ich ihm gesagt,“ erwiderte sie, „unsere ganze Geschichte

erzählt, alle deine Seltsamkeiten, alles -- und er -- statt zu lachen

-- wurde zornig und stampfte mit dem Fuße.“

„Und drohte, dich zu schlagen?“

Wanda sah zu Boden und schwieg.

„Ja, ja,“ sprach ich mit höhnischer Bitterkeit, „du fürchtest dich vor

ihm, Wanda!“ -- ich warf mich ihr zu Füßen und umschlang erregt ihre

Knie -- „ich will ja nichts von dir, nichts, als immer in deiner Nähe

sein, dein Sklave! -- ich will dein Hund sein --“

„Weißt du, daß du mich langweilst?“ sprach Wanda apathisch.

Ich sprang auf. Alles kochte in mir.

„Jetzt bist du nicht mehr grausam, jetzt bist du gemein!“ sprach ich,

jedes Wort scharf und herb betonend.

„Das steht bereits in Ihrem Briefe,“ entgegnete Wanda mit einem stolzen

Achselzucken, „ein Mann von Geist soll sich nie wiederholen.“

„Wie handelst du an mir!“ brach ich los, „wie nennst du das?“

„Ich könnte dich züchtigen,“ entgegnete sie höhnisch, „aber ich ziehe

vor, dir diesmal statt mit Peitschenhieben mit Gründen zu antworten.

Du hast kein Recht, mich anzuklagen, war ich nicht jederzeit ehrlich

gegen dich? Habe ich dich nicht mehr als einmal gewarnt? Habe ich dich

nicht herzlich, ja leidenschaftlich geliebt und habe ich dir etwa

verheimlicht, daß es gefährlich ist, sich mir hinzugeben, sich vor mir

zu erniedrigen, daß ich beherrscht sein will? Du aber wolltest mein

Spielzeug sein, mein Sklave! Du fandest den höchsten Genuß darin, den

Fuß, die Peitsche eines übermütigen, grausamen Weibes zu fühlen. Was

willst du also jetzt?

In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie

geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu

mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt

bin, und nun bist du noch unmännlich, schwach und elend genug, mich

anzuklagen.“

„Ja, ich bin schuldig,“ sprach ich, „aber habe ich nicht gelitten

dafür? Laß es jetzt genug sein, ende das grausame Spiel.“

„Das will ich auch,“ entgegnete sie mit einem seltsamen, falschen Blick!

„Wanda!“ rief ich heftig, „treibe mich nicht auf das Äußerste, du

siehst, daß ich wieder Mann bin.“

„Strohfeuer,“ erwiderte sie, „das einen Augenblick Lärm macht und

ebenso schnell verlöscht, wie es aufgeflammt ist. Du glaubst mich

einzuschüchtern und bist mir nur lächerlich. Wärst du der Mann gewesen,

für den ich dich anfangs hielt, ernst, gedankenvoll, streng, ich hätte

dich treu geliebt und wäre dein Weib geworden. Das Weib verlangt nach

einem Manne, zu dem es aufblicken kann, einen -- der so wie du --

freiwillig seinen Nacken darbietet, damit es seine Füße darauf setzen

kann, braucht es als willkommenes Spielzeug und wirft ihn weg, wenn es

seiner müde ist.“

„Versuch’ es nur, mich wegzuwerfen,“ sprach ich höhnisch, „es gibt

Spielzeug, das gefährlich ist.“

„Fordere mich nicht heraus,“ rief Wanda, ihre Augen begannen zu

funkeln, ihre Wangen röteten sich.

„Wenn ich dich nicht besitzen soll,“ fuhr ich mit von Wut erstickter

Stimme fort, „so soll dich auch kein anderer besitzen.“

„Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ höhnte sie, dann faßte sie

mich bei der Brust; sie war in diesem Augenblicke ganz bleich vor Zorn,

„fordere mich nicht heraus,“ fuhr sie fort, „ich bin nicht grausam,

aber ich weiß selbst nicht, wie weit ich noch kommen kann, und ob es

dann noch eine Grenze gibt.“

„Was kannst du mir Ärgeres tun, als ihn zu deinem Geliebten, deinem

Gatten machen?“ antwortete ich, immer mehr aufflammend.

„Ich kann dich zu seinem Sklaven machen,“ entgegnete sie rasch, „bist

du nicht in meiner Hand? habe ich nicht den Vertrag? Aber freilich, für

dich wird es nur ein Genuß sein, wenn ich dich binden lasse und zu ihm

sage:

„Machen Sie jetzt mit ihm, was Sie wollen.“

[Illustration]

„Weib, bist du toll!“ schrie ich auf.

„Ich bin sehr vernünftig,“ sagte sie ruhig, „ich warne dich zum letzten

Male. Leiste mir jetzt keinen Widerstand, jetzt, wo ich so weit

gegangen bin, kann ich leicht noch weiter gehen. Ich fühle eine Art Haß

auf dich, ich würde dich mit wahrer Lust von ihm totpeitschen sehen,

aber noch bezähme ich mich, noch --“

Meiner kaum mehr mächtig, faßte ich sie beim Handgelenke und riß sie zu

Boden, so daß sie vor mir auf den Knien lag.

„Severin!“ rief sie, auf ihrem Gesichte malten sich Wut und Schrecken.

„Ich töte dich, wenn du sein Weib wirst,“ drohte ich, die Töne kamen

heiser und dumpf aus meiner Brust, „du bist mein, ich lasse dich nicht,

ich habe dich zu lieb,“ dabei umklammerte ich sie und drückte sie an

mich und meine Rechte griff unwillkürlich nach dem Dolche, der noch in

meinem Gürtel stak.

Wanda heftete einen großen, ruhigen, unbegreiflichen Blick auf mich.

„So gefällst du mir,“ sprach sie gelassen, „jetzt bist du Mann, und ich

weiß in diesem Augenblicke, daß ich dich noch liebe.“

„Wanda“ -- mir kamen vor Entzücken die Tränen, ich beugte mich über sie

und bedeckte ihr reizendes Gesichtchen mit Küssen und sie -- plötzlich

in lautes, mutwilliges Lachen ausbrechend -- rief: „Hast du jetzt genug

von deinem Ideal, bist du mit mir zufrieden?“

„Wie?“ -- stammelte ich -- „es ist nicht dein Ernst.“

„Es ist mein Ernst,“ fuhr sie heiter fort, „daß ich dich lieb habe,

dich allein, und du -- du kleiner, guter Narr, hast nicht gemerkt, daß

alles nur Scherz und Spiel war -- und wie schwer es mir wurde, dir

oft einen Peitschenhieb zu geben, wo ich dich eben gerne beim Kopfe

genommen und abgeküßt hätte. Aber jetzt ist es genug, nicht wahr? Ich

habe meine grausame Rolle besser durchgeführt, als du erwartet hast,

nun wirst du wohl zufrieden sein, dein kleines, gutes, kluges und auch

ein wenig hübsches Weibchen zu haben -- nicht? -- Wir wollen recht

vernünftig leben und --“

„Du wirst mein Weib!“ rief ich in überströmender Seligkeit.

„Ja -- dein Weib -- du lieber, teurer Mann,“ flüsterte Wanda, indem sie

meine Hände küßte.

Ich zog sie an meine Brust empor.

„So, nun bist du nicht mehr Gregor, mein Sklave,“ sprach sie, „jetzt

bist du wieder mein lieber Severin, mein Mann --“

„Und er? -- du liebst ihn nicht?“ fragte ich erregt.

„Wie konntest du nur glauben, daß ich den rohen Menschen liebe -- aber

du warst ganz verblendet -- mir war bang um dich --“

„Ich hätte mir fast das Leben genommen um deinetwillen.“

„Wirklich?“ rief sie, „ach! ich zittere noch bei dem Gedanken, daß du

schon im Arno warst --“

„Du aber hast mich errettet,“ entgegnete ich zärtlich, „du schwebtest

über den Gewässern und lächeltest, und dein Lächeln rief mich zurück

ins Leben.“

* *

*

Es ist ein seltsames Gefühl, das ich habe, wie ich sie jetzt in

meinen Armen halte, und sie ruht stumm an meiner Brust und läßt

sich von mir küssen und lächelt; mir ist es, als wäre ich plötzlich

aus Fieberphantasien erwacht, oder ein Schiffbrüchiger, der tagelang

mit den Wogen gekämpft hat, die ihn jeden Augenblick zu verschlingen

drohten, und endlich an das Land geworfen wurde.

* *

*

„Ich hasse dieses Florenz, wo du so unglücklich warst,“ sprach sie, als

ich ihr gute Nacht sagte, „ich will sofort abreisen, morgen schon, du

wirst die Güte haben, einige Briefe für mich zu schreiben, und während

du damit beschäftigt bist, fahre ich in die Stadt und mache meine

Abschiedsbesuche. Ist’s dir so recht?“

„Gewiß, mein liebes, gutes, schönes Weib.“

* *

*

Sie klopfte früh am Morgen an meine Türe und fragte, wie ich

geschlafen. Ihre Liebenswürdigkeit ist wahrhaft entzückend, ich hätte

nie gedacht, daß ihr die Sanftmut so gut läßt.

* *

*

Nun ist sie mehr als vier Stunden fort, ich bin mit meinen Briefen

längst fertig und sitze in der Galerie und blicke auf die Straße

hinaus, ob ich nicht ihren Wagen in der Ferne entdecke. Mir wird ein

wenig bange um sie, und doch habe ich weiß Gott keinen Anlaß mehr zu

Zweifeln oder Befürchtungen; aber es liegt da auf meiner Brust und ich

werde es nicht los. Vielleicht sind es die Leiden vergangener Tage, die

noch ihren Schatten in meine Seele werfen.

* *

*

Da ist sie, strahlend von Glück, von Zufriedenheit.

„Nun, ist alles nach Wunsch gegangen?“ fragte ich sie, zärtlich ihre

Hand küssend.

„Ja, mein Herz,“ erwidert sie, „und wir reisen heute nacht, hilf mir

meine Koffer packen.“

* *

*

[Illustration]

Gegen Abend bittet sie mich, selbst auf die Post zu fahren und ihre

Briefe zu besorgen. Ich nehme ihren Wagen und bin in einer Stunde

zurück.

„Die Herrin hat nach Ihnen gefragt,“ spricht die Negerin lächelnd, als

ich die breite Marmortreppe hinaufsteige.

„War jemand da?“

„Niemand,“ erwiderte sie und kauert sich wie eine schwarze Katze auf

den Stufen nieder.

Ich gehe langsam durch den Saal und stehe jetzt vor der Türe ihres

Schlafgemaches.

Warum klopft mir das Herz? Ich bin doch so glücklich.

Leise öffnend, schlage ich die Portière zurück. Wanda liegt auf der

Ottomane, sie scheint mich nicht zu bemerken. Wie schön sie ist in dem

Kleide von silbergrauer Seide, das sich verräterisch an ihre herrlichen

Formen anschließt und ihre wunderbare Büste und ihre Arme unverhüllt

läßt. Ihr Haar ist mit einem schwarzen Sammetbande durchschlungen und

aufgebunden. Im Kamin lodert ein mächtiges Feuer, die Ampel wirft ihr

rotes Licht, das ganze Zimmer schwimmt im Blut.

„Wanda!“ sage ich endlich.

„O Severin!“ ruft sie freudig, „ich habe dich mit Ungeduld erwartet,“

sie springt auf und schließt mich in ihre Arme; dann setzt sie sich

wieder in die üppigen Polster und will mich zu sich ziehen, ich gleite

indes sanft zu ihren Füßen nieder und lege mein Haupt in ihren Schoß.

„Weißt du, daß ich heute sehr verliebt in dich bin?“ flüstert sie und

streicht mir ein paar lose Härchen aus der Stirne und küßt mich auf die

Augen.

„Wie schön deine Augen sind, sie haben mir immer am besten an dir

gefallen, heute aber machen sie mich förmlich trunken. Ich vergehe“ --

sie dehnte ihre herrlichen Glieder und blinzelte mich durch die roten

Wimpern zärtlich an.

„Und du -- du bist kalt -- du hältst mich wie ein Stück Holz; warte

nur, ich will dich noch verliebt machen!“ rief sie und hing wieder

schmeichelnd und kosend an meinen Lippen.

„Ich gefalle dir nicht mehr, ich muß wieder einmal grausam gegen dich

sein, ich bin heute offenbar zu gut gegen dich; weißt du was, Närrchen,

ich werde dich ein wenig peitschen --“

„Aber Kind --“

„Ich will es.“

„Wanda!“

„Komm, laß dich binden,“ fuhr sie fort und sprang mutwillig durch das

Zimmer, „ich will dich recht verliebt sehen, verstehst du? Da sind die

Stricke. Ob ich es noch kann?“

Sie begann damit, mir die Füße zu fesseln, dann band sie mir die Hände

fest auf den Rücken und endlich schnürte sie mir die Arme wie einem

Delinquenten zusammen.

„So,“ sprach sie in heiterem Eifer, „kannst du dich noch rühren?“

„Nein.“

„Gut --“

Sie machte hierauf aus einem starken Seile eine Schlinge, warf sie mir

über den Kopf und ließ sie bis zu den Hüften hinabgleiten, dann zog sie

sie fest zusammen und band mich an die Säule.

Mich faßte in diesem Augenblicke ein seltsamer Schauer.

„Ich habe das Gefühl, wie wenn ich hingerichtet würde,“ sagte ich leise.

„Du sollst auch heute einmal ordentlich gepeitscht werden!“ rief Wanda.

„Aber nimm die Pelzjacke dazu,“ sagte ich, „ich bitte dich.“

„Dies Vergnügen kann ich dir schon machen,“ antwortete sie, holte ihre

Kazabaika und zog sie lächelnd an, dann stand sie, die Arme auf der

Brust verschränkt, vor mir und betrachtete mich mit halbgeschlossenen

Augen.

„Kennst du die Geschichte vom Ochsen des Dionys?“ fragte sie.

„Ich erinnere mich nur dunkel, was ist damit?“

„Ein Höfling ersann für den Tyrannen von Syrakus ein neues

Marterwerkzeug, einen eisernen Ochsen, in welchen der zum Tode

Verurteilte gesperrt und in ein mächtiges Feuer gesetzt wurde.

Sobald nun der eiserne Ochse zu glühen begann, und der Verurteilte

in seinen Qualen aufschrie, klang sein Jammern wie das Gebrüll eines

Ochsen.

Dionys lächelte dem Erfinder gnädig zu und ließ, um auf der Stelle

einen Versuch mit seinem Werk zu machen, ihn selbst zuerst in den

eisernen Ochsen sperren.

Die Geschichte ist sehr lehrreich.

So warst du es, der mir die Selbstsucht, den Übermut, die Grausamkeit

eingeimpft hat, und +du sollst ihr erstes Opfer werden+. Ich finde

jetzt in der Tat Vergnügen daran, einen Menschen, der denkt und fühlt

und will, wie ich, einen Mann, der an Geist und Körper stärker ist,

wie ich, in meiner Gewalt zu haben, zu mißhandeln, und ganz besonders

einen Mann, der mich liebt.

Liebst du mich noch?“

„Bis zum Wahnsinn!“ rief ich.

„Um so besser,“ erwiderte sie, „um so mehr Genuß wirst du bei dem

haben, was ich jetzt mit dir anfangen will.“

„Was hast du nur?“ fragte ich, „ich verstehe dich nicht, in deinen

Augen blitzt es heute wirklich wie Grausamkeit und du bist so seltsam

schön -- so ganz ‚Venus im Pelz‘.“

Wanda legte, ohne mir zu antworten, die Arme um meinen Nacken und küßte

mich. Mich ergriff in diesem Augenblicke wieder der volle Fanatismus

meiner Leidenschaft.

„Nun, wo ist die Peitsche?“ fragte ich.

Wanda lachte und trat zwei Schritte zurück.

„Du willst also durchaus gepeitscht werden?“ rief sie, indem sie den

Kopf übermütig in den Nacken warf.

„Ja.“

Auf einmal war Wandas Gesicht vollkommen verändert, wie vom Zorne

entstellt, sie schien mir einen Moment sogar häßlich.

„Also peitschen Sie ihn!“ rief sie laut.

In demselben Augenblicke steckte der schöne Grieche seinen schwarzen

Lockenkopf durch die Gardinen ihres Himmelbettes. Ich war anfangs

sprachlos, starr. Die Situation war entsetzlich komisch, ich hätte

selbst laut aufgelacht, wenn sie nicht zugleich so verzweifelt traurig,

so schmachvoll für mich gewesen wäre.

Das übertraf meine Phantasie. Es lief mir kalt über den Rücken, als

mein Nebenbuhler heraustrat in seinen Reitstiefeln, seinem engen,

weißen Beinkleid, seinem knappen Samtrock, und mein Blick auf seine

athletischen Glieder fiel.

„Sie sind in der Tat grausam,“ sprach er, zu Wanda gekehrt.

„Nur genußsüchtig,“ entgegnete sie mit wildem Humor, „der Genuß macht

allein das Dasein wertvoll, wer genießt, der scheidet schwer vom

Leben, wer leidet oder darbt, grüßt den Tod wie einen Freund; wer

aber genießen will, muß das Leben heiter nehmen, im Sinne der Antike,

er muß sich nicht scheuen, auf Kosten anderer zu schwelgen, er darf

nie Erbarmen haben, er muß andere vor seinen Wagen, vor seinen Pflug

spannen, wie Tiere; Menschen, die fühlen, die genießen möchten, wie er,

zu seinen Sklaven machen, sie ausnützen in seinem Dienste, zu seinen

Freuden, ohne Reue; nicht fragen, ob ihnen auch wohl dabei geschieht,

ob sie zugrunde gehen. Er muß immer vor Augen haben: wenn sie mich

so in der Hand hätten, wie ich sie, täten sie mir dasselbe, und ich

müßte mit meinem Schweiße, meinem Blute, meiner Seele ihre Genüsse

bezahlen. So war die Welt der Alten, Genuß und Grausamkeit, Freiheit

und Sklaverei gingen von jeher Hand in Hand; Menschen, welche gleich

olympischen Göttern leben wollen, müssen Sklaven haben, welche sie

in ihre Fischteiche werfen, und Gladiatoren, die sie während ihres

üppigen Gastmahls kämpfen lassen und sich nichts daraus machen, wenn

dabei etwas Blut auf sie spritzt.“

Ihre Worte brachten mich vollends zu mir.

„Binde mich los!“ rief ich zornig.

„Sind Sie nicht mein Sklave, mein Eigentum?“ erwiderte Wanda, „soll ich

Ihnen den Vertrag zeigen?“

„Binde mich los!“ drohte ich laut, „sonst --“ ich riß an den Stricken.

„Kann er sich losreißen?“ fragte sie, „denn er hat gedroht, mich zu

töten.“

„Seien Sie ruhig,“ sprach der Grieche, meine Fesseln prüfend.

„Ich rufe um Hilfe,“ begann ich wieder.

„Es hört Sie niemand,“ entgegnete Wanda, „und niemand wird mich

hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen

ein frivoles Spiel zu treiben,“ fuhr sie fort, mit satanischem Hohne

die Phrasen meines Briefes an sie wiederholend.

„Finden Sie mich in diesem Augenblicke bloß grausam und unbarmherzig,

oder bin ich im Begriffe, +gemein+ zu werden? Was? Lieben Sie mich

noch oder hassen und verachten Sie mich bereits? Hier ist die Peitsche“

-- sie reichte sie dem Griechen, der sich mir rasch näherte.

„Wagen Sie es nicht!“ rief ich, vor Entrüstung bebend, „von Ihnen dulde

ich nichts --“

„Das glauben Sie nur, weil ich keinen Pelz habe,“ erwiderte der

Grieche mit einem frivolen Lächeln, und nahm seinen kurzen Zobelpelz

vom Bette.

„Sie sind köstlich!“ rief Wanda, gab ihm einen Kuß und half ihm in den

Pelz hinein.

„Darf ich ihn wirklich peitschen?“ fragte er.

„Machen Sie mit ihm, was Sie wollen,“ entgegnete Wanda.

„Bestie!“ stieß ich empört hervor.

Der Grieche heftete seinen kalten Tigerblick auf mich und versuchte

die Peitsche, seine Muskeln schwollen, während er ausholte und sie

durch die Luft pfeifen ließ, und ich war gebunden wie Marsyas und mußte

sehen, wie sich Apollo anschickte, mich zu schinden.

Mein Blick irrte im Zimmer umher und blieb auf der Decke haften, wo

Simson zu Delilas Füßen von den Philistern geblendet wird. Das Bild

erschien mir in diesem Augenblicke wie ein Symbol, ein ewiges Gleichnis

der Leidenschaft, der Wollust, der Liebe des Mannes zum Weibe. „Ein

jeder von uns ist am Ende ein Simson,“ dachte ich, „und wird zuletzt

wohl oder übel von dem Weibe, das er liebt, verraten, sie mag ein

Tuchmieder tragen oder einen Zobelpelz.“

„Nun sehen Sie zu,“ rief der Grieche, „wie ich ihn dressieren werde.“

Er zeigte die Zähne und sein Gesicht bekam jenen blutgierigen Ausdruck,

der mich gleich das erste Mal an ihm erschreckt hatte.

[Illustration]

Und er begann mich zu peitschen -- so unbarmherzig, so furchtbar, daß

ich unter jedem Hiebe zusammenzuckte und vor Schmerz am ganzen Leibe

zu zittern begann, ja die Tränen liefen mir über die Wangen, während

Wanda in ihrer Pelzjacke auf der Ottomane lag, auf den Arm gestützt,

mit grausamer Neugier zusah und sich vor Lachen wälzte.

Das Gefühl, vor einem angebeteten Weibe von dem glücklichen Nebenbuhler

mißhandelt zu werden, ist nicht zu beschreiben, ich verging vor Scham

und Verzweiflung.

Und das Schmachvollste war, daß ich in meiner jämmerlichen Lage, unter

Apollos Peitsche und bei meiner Venus grausamem Lachen anfangs eine Art

phantastischen, übersinnlichen Reiz empfand, aber Apollo peitschte mir

die Poesie heraus, Hieb für Hieb, bis ich endlich in ohnmächtiger Wut

die Zähne zusammenbiß und mich, meine wollüstige Phantasie, Weib und

Liebe verfluchte.

Ich sah jetzt auf einmal mit entsetzlicher Klarheit, wohin die blinde

Leidenschaft, die Wollust, seit Holofernes und Agamemnon den Mann

geführt hat, in den Sack, in das Netz des verräterischen Weibes, in

Elend, Sklaverei und Tod.

Mir war es, wie das Erwachen aus einem Traum.

Schon floß mein Blut unter seiner Peitsche, ich krümmte mich wie ein

Wurm, den man zertritt, aber er peitschte fort ohne Erbarmen und sie

lachte fort ohne Erbarmen, während sie die gepackten Koffer schloß, in

ihren Reisepelz schlüpfte, und lachte noch, als sie an seinem Arme die

Treppe hinab, in den Wagen stieg.

Dann war es einen Augenblick stille.

Ich lauschte atemlos.

Jetzt fiel der Schlag zu, die Pferde zogen an -- noch einige Zeit das

Rollen des Wagens -- dann war alles vorbei.

* *

*

Einen Augenblick dachte ich daran, Rache zu nehmen, ihn zu töten, aber

ich war ja durch den elenden Vertrag gebunden, mir blieb also nichts

übrig, als mein Wort zu halten und meine Zähne zusammenzubeißen.

* *

*

Die erste Empfindung nach der grausamen Katastrophe meines Lebens war

die Sehnsucht nach Mühen, Gefahren und Entbehrungen. Ich wollte Soldat

werden und nach Asien gehen oder Algier, aber mein Vater, der alt und

krank war, verlangte nach mir.

So kehrte ich still in die Heimat zurück und half ihm zwei Jahre seine

Sorgen tragen und die Wirtschaft führen und lernte, was ich bisher

nicht gekannt, und mich jetzt gleich einem Trunk frischen Wassers

labte, +arbeiten+ und +Pflichten erfüllen+. Dann starb mein

Vater, und ich wurde Gutsherr, ohne daß sich dadurch etwas geändert

hätte. Ich habe mir selbst die spanischen Stiefel angelegt und lebe

hübsch vernünftig weiter, wie wenn der Alte hinter mir stünde und mit

seinen großen, klugen Augen über meine Schulter blicken würde.

Eines Tages kam eine Kiste an, von einem Briefe begleitet. Ich erkannte

Wandas Schrift.

Seltsam bewegt öffnete ich ihn und las.

„+Mein Herr!+

Jetzt, wo mehr als drei Jahre seit jener Nacht in Florenz

verflossen sind, darf ich Ihnen noch einmal gestehen, daß ich Sie

sehr geliebt habe, Sie selbst aber haben mein Gefühl erstickt durch

Ihre phantastische Hingebung, durch Ihre wahnsinnige Leidenschaft.

Von dem Augenblicke an, wo Sie mein Sklave waren, fühlte ich, daß

Sie nicht mehr mein Mann werden konnten, aber ich fand es pikant,

Ihnen Ihr Ideal zu verwirklichen und Sie vielleicht -- während ich

mich köstlich amüsierte -- zu heilen.

Ich habe den starken Mann gefunden, dessen ich bedurfte und mit dem

ich so glücklich war, wie man es nur auf dieser komischen Lehmkugel

sein kann.

Aber mein Glück war, wie jedes menschliche, nur von kurzer Dauer.

Er ist, vor einem Jahre etwa, im Duell gefallen und ich lebe

seitdem in Paris, wie eine Aspasia.

Und Sie? -- Ihrem Leben wird es gewiß nicht an Sonnenschein fehlen,

wenn Ihre Phantasie die Herrschaft über Sie verloren hat und jene

Eigenschaften bei Ihnen hervorgetreten sind, welche mich anfangs so

sehr anzogen, die Klarheit des Gedankens, die Güte des Herzens und

vor allem -- +der sittliche Ernst+.

Venus im Pelz · 第 9 / 10 段