beschreiben kann, ich fühlte mein Herz schlagen, als sie lachend zum
ersten Hiebe ausholte und die Peitsche durch die Luft pfiff und er
unter ihr leicht zusammenzuckte, und dann, als sie mit halb geöffnetem
Munde, so daß ihre Zähne zwischen den roten Lippen blitzten, auf ihn
lospeitschte, und ehe er sie mit seinen rührenden, blauen Augen um
Gnade zu bitten schien -- es ist nicht zu beschreiben.
* *
*
Sie sitzt ihm jetzt allein. Er arbeitet an ihrem Kopfe.
Mich hat sie im Nebenzimmer hinter dem schweren Türvorhang postiert, wo
ich nicht gesehen werden kann und alles sehe.
Was sie nur hat.
Fürchtet sie sich vor ihm? wahnsinnig genug hat sie ihn gemacht, oder
soll es eine neue Folter für mich werden? Mir zittern die Knie.
Sie sprechen zusammen. Er dämpft seine Stimme so sehr, daß ich nichts
verstehen kann, und sie antwortet ebenso. Was soll das heißen? Besteht
ein Einverständnis zwischen ihnen?
Ich leide furchtbar, mir droht das Herz zu springen.
Jetzt kniet er vor ihr, er umschlingt sie und preßt seinen Kopf an ihre
Brust -- und sie -- die Grausame -- sie lacht -- und jetzt höre ich,
wie sie laut ausruft:
„Ah! Sie brauchen wieder die Peitsche.“
„Weib! Göttin! hast du denn kein Herz -- kannst du nicht lieben,“ ruft
der Deutsche, „weißt du nicht einmal, was das heißt, lieben, sich
in Sehnsucht, in Leidenschaft verzehren, kannst du dir nicht einmal
denken, was ich leide? Hast du denn kein Erbarmen für mich?“
„Nein!“ erwidert sie stolz und spöttisch, „aber die Peitsche.“
Sie zieht sie rasch aus der Tasche ihres Pelzes und schlägt ihn mit dem
Stiel ins Gesicht. Er richtet sich auf und weicht um ein paar Schritte
zurück.
„Können Sie jetzt wieder malen?“ frägt sie gleichgültig. Er antwortet
ihr nicht, sondern tritt wieder vor die Staffelei und ergreift Pinsel
und Palette.
Sie ist wunderbar gelungen, es ist ein Porträt, das an Ähnlichkeit
seinesgleichen sucht, und scheint zugleich ein Ideal, so glühend, so
übernatürlich, so teuflisch, möchte ich sagen, sind die Farben.
Der Maler hat eben alle seine Qualen, seine Anbetung und seinen Fluch
in das Bild hineingemalt.
* *
*
Jetzt malt er mich, wir sind täglich einige Stunden allein. Heute
wendet er sich plötzlich zu mir mit seiner vibrierenden Stimme und sagt:
„Sie lieben dieses Weib?“
„Ja.“
„Ich liebe sie auch.“ Seine Augen schwammen in Tränen. Er schwieg
einige Zeit und malte weiter.
„Bei uns in Deutschland ist ein Berg, in dem sie wohnt,“ murmelte er
dann vor sich hin, „sie ist eine Teufelin.“
* *
*
Das Bild ist fertig. Sie wollte ihm dafür zahlen, großmütig, wie
Königinnen zahlen.
„O! Sie haben mich bereits bezahlt,“ sprach er ablehnend mit einem
schmerzlichen Lächeln.
Ehe er ging, öffnete er geheimnisvoll seine Mappe und ließ mich
hineinblicken -- ich erschrak. Ihr Kopf sah mich gleichsam lebendig wie
aus einem Spiegel an.
„Den nehme ich mit,“ sprach er, „der ist mein, den kann sie mir nicht
entreißen, ich habe ihn mir sauer genug verdient.“
* *
*
„Mir ist eigentlich doch leid um den armen Maler,“ sagte sie heute zu
mir, „es ist albern, so tugendhaft zu sein, wie ich es bin. Meinst du
nicht auch?“
Ich wagte nicht, ihr eine Antwort zu geben.
„O, ich vergaß, daß ich mit einem Sklaven spreche, ich muß hinaus, ich
will mich zerstreuen, will vergessen.“
„Schnell, meinen Wagen!“
* *
*
Eine neue phantastische Toilette, russische Halbstiefel von
veilchenblauem Samt, mit Hermelin besetzt, eine Robe von gleichem
Stoff, durch schmale Streifen und Kokarden desselben Pelzwerkes
emporgehalten und geschürzt, ein entsprechender, anliegender kurzer
Paletot, gleichfalls reich mit Hermelin ausgeschlagen und gefüttert;
eine hohe Mütze von Hermelinpelz im Stile Katharinas II., mit
kleinem Reiherbusch, der von einer Brillanten-Agraffe gehalten wird,
das rote Haar aufgelöst über den Rücken. So steigt sie auf den Bock und
kutschiert selbst, ich nehme den Platz hinter ihr ein. Wie sie in die
Pferde peitscht. Das Gespann fliegt wie rasend dahin.
Sie will heute offenbar Aufsehen erregen, erobern, und das gelingt ihr
vollständig. Heute ist sie die Löwin der Cascine. Man grüßt sie aus den
Wagen; auf dem Pfade für die Fußgeher bilden sich Gruppen, welche von
ihr sprechen. Doch niemand wird von ihr beachtet, hie und da der Gruß
eines älteren Kavaliers mit einem leichten Kopfnicken erwidert.
Da sprengt ein junger Mann auf schlankem wilden Rappen heran; wie
er Wanda sieht, pariert er sein Pferd und läßt es im Schritte gehen
-- schon ist er ganz nahe -- er hält und läßt sie vorbei, und jetzt
erblickt auch sie ihn -- die Löwin den Löwen. Ihre Augen begegnen sich
-- und wie sie an ihm vorbeijagt, kann sie sich von der magischen
Gewalt der seinen nicht losreißen und wendet den Kopf nach ihm.
Mir steht das Herz still bei diesem halb staunenden, halb verzückten
Blick, mit dem sie ihn verschlingt, aber er verdient ihn.
Er ist bei Gott ein schöner Mann. Nein, mehr, er ist ein Mann, wie
ich noch nie einen lebendig gesehen habe. Im Belvedere steht er in
Marmor gehauen, mit derselben schlanken und doch eisernen Muskulatur,
demselben Antlitz, denselben wehenden Locken, und was ihn so
eigentümlich schön macht, ist, daß er keinen Bart trägt. Wenn er minder
feine Hüften hätte, könnte man ihn für ein verkleidetes Weib halten,
und der seltsame Zug um den Mund, die Löwenlippe, welche die Zähne
etwas sehen läßt und dem schönen Gesichte momentan etwas Grausames
verleiht --
Apollo, der den Marsyas schindet.
Er trägt hohe schwarze Stiefel, eng anliegende Beinkleider von weißem
Leder, einen kurzen Pelzrock, in der Art, wie ihn die italienischen
Reiteroffiziere tragen, von schwarzem Tuche mit Astrachanbesatz und
reicher Verschnürung, auf den schwarzen Locken ein rotes Fez.
Jetzt verstehe ich den männlichen Eros und bewundere den Sokrates, der
einem solchen Alcibiades gegenüber tugendhaft blieb.
* *
*
So aufgeregt habe ich meine Löwin noch nie gesehen. Ihre Wangen
loderten, als sie vor der Treppe ihrer Villa vom Wagen sprang, die
Stufen hinaufeilte und mich mit einem gebieterischen Wink ihr folgen
hieß.
Mit großen Schritten in ihrem Gemache auf und ab eilend, begann sie mit
einer Hast, die mich erschreckte.
[Illustration]
„Du wirst erfahren, wer der Mann in den Cascinen war, heute noch,
sofort. --
O welch ein Mann! Hast du ihn gesehen? Was sagst du? Sprich.“
„Der Mann ist schön,“ erwiderte ich dumpf.
„Er ist so schön --“ sie hielt inne und stützte sich auf die Lehne
eines Sessels -- „daß es mir den Atem benommen hat.“
„Ich begreife den Eindruck, den er dir gemacht hat,“ antworte ich;
meine Phantasie riß mich wieder im wilden Wirbel fort -- „ich selbst
war außer mir, und ich kann mir denken --“
„Du kannst dir denken,“ lachte sie auf, „daß dieser Mann mein Geliebter
ist, und daß er dich peitscht, und es dir ein Genuß ist, von ihm
gepeitscht zu werden.
Geh jetzt, geh.“
* *
*
Ehe es Abend war, hatte ich ihn ausgekundschaftet.
Wanda war noch in voller Toilette, als ich zurückkehrte, sie lag auf
der Ottomane, das Gesicht in den Händen vergraben, das Haar verwirrt,
gleich einer roten Löwenmähne.
„Wie nennt er sich?“ fragte sie mit unheimlicher Ruhe.
„Alexis Papadopolis.“
„Ein Grieche also.“
Ich nickte.
„Er ist sehr jung?“
„Kaum älter als du selbst. Man sagt, er sei in Paris gebildet und
nennt ihn einen Atheisten. Er hat auf Candia gegen die Türken gekämpft
und soll sich dort nicht weniger durch seinen Rassehaß und seine
Grausamkeit, wie durch seine Tapferkeit ausgezeichnet haben.“
„Also alles in allem, ein Mann,“ rief sie mit funkelnden Augen.
„Gegenwärtig lebt er in Florenz,“ fuhr ich fort, „er soll enorm reich
sein --“
„Um das habe ich nicht gefragt,“ fiel sie mir rasch und schneidend ins
Wort.
„Der Mann ist gefährlich. Fürchtest du dich nicht vor ihm? Ich fürchte
mich vor ihm. Hat er eine Frau?“
„Nein.“
„Eine Geliebte?“
„Auch nicht.“
„Welches Theater besucht er?“
„Heute abend ist er im Theater Nicolini, wo die geniale Virginia Marini
und Salvini, der erste lebende Künstler Italiens, vielleicht Europas,
spielen.“
„Sieh, daß du eine Loge bekommst -- rasch! rasch!“ befahl sie.
„Aber Herrin --“
„Willst du die Peitsche kosten?“
* *
*
„Du kannst im Parterre warten,“ sprach sie, als ich ihr Opernglas und
Affiche auf die Logenbrüstung gelegt hatte und eben den Schemel zurecht
schob.
Da stehe ich nun und muß mich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken
vor Neid und Wut -- nein, Wut ist nicht das Wort dafür, vor Todesangst.
Ich sehe sie im blauen Moirékleide, mit dem großen Hermelinmantel um
die bloßen Schultern in ihrer Loge und ihn ihr gegenüber. Ich sehe,
wie sie sich gegenseitig mit den Augen verschlingen, wie für sie beide
heute die Bühne, Goldonis Pamela, Salvini, die Marini, das Publikum,
ja die Welt untergegangen ist -- und ich, was bin ich in diesem
Augenblicke? --
* *
*
Heute besucht sie den Ball bei dem griechischen Gesandten. Weiß sie,
daß sie ihn dort trifft?
Sie hat sich wenigstens darnach angezogen. Ein schweres meergrünes
Seidenkleid schließt sich plastisch an ihre göttlichen Formen und zeigt
Büste und Arme unverhüllt; in dem Haare, das einen einzigen flammenden
Knoten bildet, blüht eine weiße Seerose, von der grünes Schilf, mit
einzelnen losen Flechten vermischt, auf den Nacken herabfällt. Keine
Spur mehr von Erregung, von jener zitternden Fieberhaftigkeit in ihrem
Wesen, sie ist ruhig, so ruhig, daß mir das Blut dabei erstarrt, und
ich mein Herz unter ihrem Blicke kalt werden fühle. Langsam, mit müder
träger Majestät, steigt sie die Marmorstufen hinauf, läßt ihre kostbare
Umhüllung herabgleiten und tritt nachlässig in den Saal, den Rauch von
hundert Kerzen mit silbernem Nebel gefüllt hat.
Einige Augenblicke sehe ich ihr wie verloren nach, dann hebe ich ihren
Pelz auf, der, ohne daß ich es wußte, meinen Händen entsunken war. Er
ist noch warm von ihren Schultern.
Ich küsse die Stelle, und Tränen füllen meine Augen.
* *
*
Da ist er.
In seinem, mit dunklem Zobel verschwenderisch ausgeschlagenen schwarzen
Samtrock, ein schöner, übermütiger Despot, der mit Menschenleben und
Menschenseelen spielt. Er steht im Vorsaal, sieht stolz umher und läßt
seine Augen unheimlich lange auf mir ruhen.
Mich faßt unter seinem eisigen Blick wieder jene entsetzliche
Todesangst, die Ahnung, daß dieser Mann sie fesseln, sie berücken, sie
unterjochen kann, und ein Gefühl von Scham seiner wilden Männlichkeit
gegenüber, von Neid, von Eifersucht.
Wie ich mich so recht als den verschraubten schwächlichen
Geistesmenschen fühle! Und was das Schmachvollste ist: ich möchte ihn
hassen und kann es nicht. Und wie kommt es, daß auch er mich, gerade
mich unter dem Schwarm von Dienern herausgefunden hat.
Er winkt mich mit einer unnachahmlichen vornehmen Kopfbewegung zu sich,
und ich -- ich folge seinem Winke -- gegen meinen Willen.
„Nimm mir den Pelz ab,“ befiehlt er ruhig.
Ich zittere am ganzen Leibe vor Empörung, aber ich gehorche, demütig
wie ein Sklave.
* *
*
Ich harre die ganze Nacht im Vorsaal, wie im Fieber phantasierend.
Seltsame Bilder schweben meinem innern Auge vorbei, ich sehe, wie sie
sich begegnen -- den ersten langen Blick -- ich sehe sie in seinen
Armen durch den Saal schweben, trunken, mit halbgeschlossenen Lidern
an seiner Brust liegen -- ich sehe ihn im Heiligtum der Liebe, nicht
als Sklaven, als Herrn auf der Ottomane liegend und sie zu seinen
Füßen, ich sehe mich ihn kniend bedienen, das Teebrett in meiner Hand
schwanken und ihn nach der Peitsche greifen. Jetzt sprechen die Diener
von ihm.
Es ist ein Mann wie ein Weib, er weiß, daß er schön ist und benimmt
sich darnach; er wechselt vier bis fünfmal im Tage seine kokette
Toilette, gleich einer eitlen Kurtisane.
In Paris erschien er zuerst in Frauenkleidern, und die Herren
bestürmten ihn mit Liebesbriefen. Ein durch seine Kunst und
Leidenschaft gleich berühmter italienischer Sänger drang bis in seine
Wohnung und drohte, vor ihm auf den Knien, sich das Leben zu nehmen,
wenn er ihn nicht erhöre.
„Ich bedaure,“ erwiderte er lächelnd, „ich würde Sie mit Vergnügen
begnadigen, aber so bleibt nichts übrig, als Ihr Todesurteil zu
vollstrecken, denn ich bin -- ein Mann.“
* *
*
Der Saal hat sich schon bedeutend geleert -- sie aber denkt offenbar
noch gar nicht daran, aufzubrechen.
Schon dringt der Morgen durch die Jalousien.
Endlich rauscht ihr schweres Gewand, das ihr gleich grünen Wellen
nachfließt, sie kommt Schritt für Schritt im Gespräche mit ihm.
Ich bin für sie kaum mehr auf der Welt, sie nimmt sich nicht einmal
mehr die Mühe, mir einen Befehl zu erteilen.
„Den Mantel für Madame,“ befiehlt er, er denkt natürlich gar nicht
daran, sie zu bedienen.
Während ich ihr den Pelz umgebe, steht er mit gekreuzten Armen neben
ihr. Sie aber stützt, als ich ihr auf meinen Knien liegend die
Pelzschuhe anziehe, die Hand leicht auf seine Schulter und frägt:
„Wie war das mit der Löwin?“
„Wenn der Löwe, den sie gewählt, mit dem sie lebt, von einem anderen
angegriffen wird,“ erzählte der Grieche, „legt sich die Löwin ruhig
nieder und sieht dem Kampfe zu, und wenn ihr Gatte unterliegt, sie
hilft ihm nicht -- sie sieht ihn gleichgültig unter den Klauen des
Gegners in seinem Blute enden und folgt dem Sieger, dem Stärkeren, das
ist die Natur des Weibes.“
Meine Löwin sah mich in diesem Augenblicke rasch und seltsam an.
Mich schauerte es, ich weiß nicht warum, und das rote Frühlicht tauchte
mich und sie und ihn in Blut.
* *
*
Sie ging nicht zu Bette, sondern warf nur ihre Balltoilette ab und
löste ihr Haar, dann befahl sie mir, Feuer zu machen, und saß beim
Kamine und starrte in die Glut.
„Bedarfst du noch meiner, Herrin?“ fragte ich, die Stimme versagte mir
bei dem letzten Worte.
Wanda schüttelte den Kopf.
Ich verließ das Gemach, ging durch die Galerie und setzte mich auf die
Stufen nieder, welche von derselben in den Garten hinabführen. Vom Arno
her wehte ein leichter Nordwind frische feuchte Kühle, die grünen Hügel
standen weithin in rosigem Nebel, goldner Duft schwebte um die Stadt,
die runde Kuppel des Domes.
An dem blaßblauen Himmel zitterten noch einzelne Sterne.
Ich riß meinen Rock auf und preßte die glühende Stirne gegen den
Marmor. Alles, was bis jetzt gewesen, erschien mir als ein kindisches
Spiel; nun aber war es Ernst, furchtbarer Ernst.
Ich ahnte eine Katastrophe, ich sah sie vor mir, ich konnte sie mit
Händen greifen, aber mir fehlte der Mut, ihr zu begegnen, meine Kraft
war gebrochen. Und wenn ich ehrlich bin, nicht die Schmerzen, die
Leiden, die über mich hereinbrechen konnten, nicht die Mißhandlungen,
die mir vielleicht bevorstanden, schreckten mich.
Ich fühle nun eine Furcht, die Furcht, sie, die ich mit einer Art
Fanatismus liebte, zu verlieren, diese aber so gewaltig, so zermalmend,
daß ich plötzlich wie ein Kind zu schluchzen begann.
* *
*
Den Tag über blieb sie in ihrem Zimmer eingeschlossen und ließ sich von
der Negerin bedienen. Als der Abendstern in dem blauen Äther aufglühte,
sah ich sie durch den Garten gehen, und da ich ihr behutsam von weitem
folgte, in den Tempel der Venus treten. Ich schlich ihr nach und
blickte durch die Ritze der Türe.
Sie stand vor dem hehren Bilde der Göttin, wie betend die Hände
gefaltet, und das heilige Licht des Sternes der Liebe warf seine blauen
Strahlen über sie.
* *
*
Nachts auf meinem Lager faßte mich die Angst, sie zu verlieren, die
Verzweiflung mit einer Gewalt, welche mich zum Helden, zum Libertiner
machte. Ich entzündete die kleine, rote Öllampe, welche unter einem
Heiligenbilde im Korridor hängt, und trat, das Licht mit einer Hand
dämpfend, in ihr Schlafgemach.
Die Löwin war endlich matt gehetzt, zu Tode gejagt, in ihren Polstern
eingeschlafen, sie lag auf dem Rücken, die Fäuste geballt, und atmete
schwer. Ein Traum schien sie zu beängstigen. Langsam zog ich die Hand
zurück und ließ das volle, rote Licht auf ihr wunderbares Antlitz
fallen.
Doch sie erwachte nicht.
Ich stellte die Lampe sachte zu Boden, sank vor Wandas Bette nieder und
legte meinen Kopf auf ihren weichen, glühenden Arm.
Sie bewegte sich einen Augenblick, doch sie erwachte auch jetzt nicht.
Wie lange ich so lag, mitten in der Nacht, in entsetzlichen Qualen
versteinert, ich weiß es nicht.
Endlich faßte mich ein heftiges Zittern und ich konnte weinen -- meine
Tränen flossen über ihren Arm. Sie zuckte mehrmals zusammen, endlich
fuhr sie empor, strich mit der Hand über die Augen und blickte auf mich.
„Severin,“ rief sie, mehr erschreckt als zornig.
Ich fand keine Antwort.
„Severin,“ fuhr sie leise fort, „was ist dir? Bist du krank?“
Ihre Stimme klang so teilnehmend, so gut, so liebevoll, daß sie mir
wie mit glühenden Zangen in die Brust griff und ich laut zu schluchzen
begann.
„Severin!“ begann sie von neuem, „du armer unglücklicher Freund.“ Ihre
Hand strich sanft über meine Locken. „Mir ist leid, sehr leid um dich;
aber ich kann dir nicht helfen, ich weiß beim besten Willen keine
Arznei für dich.“
„O! Wanda, muß es denn sein?“ stöhnte ich in meinem Schmerze auf.
„Was, Severin? Wovon sprichst du?“
„Liebst du mich denn gar nicht mehr?“ fuhr ich fort, „fühlst du nicht
ein wenig Mitleid mit mir? Hat der fremde, schöne Mann dich schon ganz
an sich gerissen?“
[Illustration]
„Ich kann nicht lügen,“ entgegnete sie sanft nach einer kleinen Pause,
„er hat mir einen Eindruck gemacht, den ich nicht fassen kann, unter
dem ich selbst leide und zittere, einen Eindruck, wie ich ihn von
Dichtern geschildert gefunden habe, wie ich ihn auf der Bühne sah,
aber für ein Gebilde der Phantasie hielt. O! das ist ein Mann wie ein
Löwe, stark und schön und stolz und doch weich, nicht roh wie unsere
Männer im Norden. Mir tut es leid um dich, glaub’ mir, Severin; aber
ich muß ihn besitzen, was sage ich? ich muß mich ihm hingeben, wenn er
mich will.“
„Denk an deine Ehre, Wanda, die du bisher so makellos bewahrt hast,“
rief ich, „wenn ich dir schon nichts mehr bedeute.“
„Ich denke daran,“ erwiderte sie, „ich will stark sein, so lange ich
kann, ich will --“ sie barg ihr Gesicht verschämt in den Polstern --
„ich will sein Weib werden -- wenn er mich will.“
„Wanda!“ schrie ich, wieder von jener Todesangst erfaßt, die mir
jedesmal den Atem, die Besinnung raubte; „du willst sein Weib werden,
du willst ihm gehören für immer, o! stoße mich nicht von dir! Er liebt
dich nicht --“
„Wer sagt dir das!“ rief sie aufflammend.
„Er liebt dich nicht,“ fuhr ich leidenschaftlich fort, „ich aber liebe
dich, ich bete dich an, ich bin dein Sklave, ich will mich treten
lassen von dir, dich auf meinen Armen durch das Leben tragen.“
„Wer sagt dir, daß er mich nicht liebt!“ unterbrach sie mich heftig.
„O! sei mein,“ flehte ich, „sei mein! Ich kann ja nicht mehr sein,
nicht leben ohne dich. Hab doch Erbarmen, Wanda, Erbarmen!“
Sie sah mich an, und jetzt war es wieder jener kalte, herzlose Blick,
jenes böse Lächeln.
„Du sagst ja, daß er mich nicht liebt,“ sprach sie höhnisch; „nun gut,
tröste dich also damit.“ Zugleich wendete sie sich auf die andere Seite
und kehrte mir schnöd’ den Rücken.
„Mein Gott, bist du denn kein Weib aus Fleisch und Blut, hast du kein
Herz wie ich!“ rief ich, während sich meine Brust wie im Krampfe hob.
„Du weißt es ja,“ entgegnete sie boshaft, „ich bin ein Weib aus Stein,
‚+Venus im Pelz+‘, dein Ideal, knie nur und bete mich an.“
„Wanda!“ flehte ich, „Erbarmen!“
Sie begann zu lachen. Ich drückte mein Gesicht in ihre Polster und ließ
die Tränen, in denen sich mein Schmerz löste, herabströmen.
Lange Zeit war alles stille, dann richtete sich Wanda langsam auf.
„Du langweilst mich,“ begann sie.
„Wanda!“
„Ich bin schläfrig, laß mich schlafen.“
„Erbarmen,“ flehte ich, „stoß mich nicht von dir, es wird dich kein
Mann, es wird dich keiner so lieben, wie ich.“
„Laß mich schlafen,“ -- sie kehrte mir den Rücken.
Ich sprang auf, riß den Dolch, der neben ihrem Bette hing, aus der
Scheide und setzte ihn auf meine Brust.
„Ich töte mich hier vor deinen Augen,“ murmelte ich dumpf.
„Tu, was du willst,“ erwiderte Wanda mit vollkommener Gleichgültigkeit,
„aber laß mich schlafen.“
Dann gähnte sie laut. „Ich bin sehr schläfrig.“
Einen Augenblick stand ich versteinert, dann begann ich zu lachen und
wieder laut zu weinen, endlich steckte ich den Dolch in meinen Gürtel
und warf mich wieder vor ihr auf die Knie.
„Wanda -- höre mich doch nur an, nur noch wenige Augenblicke,“ bat ich.
„Ich will schlafen! hörst du nicht,“ schrie sie zornig, sprang von
ihrem Lager und stieß mich mit dem Fuße von sich, „vergißt du, daß
ich deine Herrin bin?“ und als ich mich nicht von der Stelle rührte,
ergriff sie die Peitsche und schlug mich. Ich erhob mich -- sie traf
mich noch einmal -- und diesmal ins Gesicht.
„Mensch, Sklave!“
Mit geballter Faust gegen den Himmel deutend, verließ ich, plötzlich
entschlossen, ihr Schlafgemach. Sie warf die Peitsche weg und brach in
ein helles Gelächter aus -- und ich kann mir auch denken, daß ich in
meiner theatralischen Attitude recht komisch war.
* *
*
Entschlossen, mich von dem herzlosen Weibe loszureißen, das mich so
grausam behandelt hat und nun im Begriffe ist, mich zum Lohne für meine
sklavische Anbetung, für alles, was ich von ihr geduldet, noch treulos
zu verraten, packe ich meine wenigen Habseligkeiten in ein Tuch, dann
schreibe ich an sie:
„+Gnädige Frau+!“
„Ich habe Sie geliebt wie ein Wahnsinniger, ich habe mich Ihnen
hingegeben, wie noch nie ein Mann einem Weibe, Sie aber haben meine
heiligsten Gefühle mißbraucht und mit mir ein freches, frivoles
Spiel getrieben. Solange Sie jedoch nur grausam und unbarmherzig
waren, konnte ich Sie noch lieben, jetzt aber sind Sie im Begriffe,
+gemein+ zu werden. Ich bin nicht mehr der Sklave, der sich
von Ihnen treten und peitschen läßt. Sie selbst haben mich frei
gemacht, und ich verlasse eine Frau, die ich nur noch hassen und
+verachten+ kann.
+Severin Kusiemski+.“
Diese Zeilen übergebe ich der Mohrin und eile dann, so rasch ich nur
kann, davon. Atemlos erreiche ich den Bahnhof, da fühle ich einen
heftigen Stich im Herzen -- ich halte -- ich beginne zu weinen -- O!
es ist schmachvoll -- ich will fliehen und kann nicht. Ich kehre um --
wohin? -- zu ihr -- die ich verabscheue und anbete zu gleicher Zeit.
Wieder besinne ich mich. Ich kann nicht zurück. Ich darf nicht zurück.
Wie soll ich aber Florenz verlassen? Mir fällt ein, daß ich ja kein
Geld habe, keinen Groschen. Nun also zu Fuß, ehrlich betteln ist
besser, als das Brot einer Kurtisane essen.
Aber ich kann ja nicht fort.
Sie hat mein Wort, mein Ehrenwort. Ich muß zurück. Vielleicht entbindet
sie mich dessen.
Nach einigen raschen Schritten bleibe ich wieder stehen.
Sie hat mein Ehrenwort, meinen Schwur, daß ich ihr Sklave bin, solange
sie es will, solange sie mir nicht selbst die Freiheit schenkt; aber
ich kann mich ja töten.
Ich gehe durch die Cascine an den Arno hinab, ganz hinab, wo sein
gelbes Wasser eintönig plätschernd ein paar verlorene Weiden bespült
-- dort sitze ich und schließe meine Rechnung mit dem Dasein ab --
ich lasse mein ganzes Leben an mir vorüberziehen und finde es recht
erbärmlich, einzelne Freuden, unendlich viel Gleichgültiges und
Wertloses, dazwischen reich gesäte Schmerzen, Leiden, Beängstigungen,
Enttäuschungen, gescheiterte Hoffnungen, Gram, Sorge und Trauer.
Ich dachte an meine Mutter, die ich so sehr geliebt und an
entsetzlicher Krankheit dahinsiechen sah, an meinen Bruder, der voll
Ansprüche auf Genuß und Glück in der Blüte seiner Jugend starb,
ohne nur seine Lippen an den Becher des Lebens gesetzt zu haben --
ich dachte an meine tote Amme, die Spielgenossen meiner Kindheit,
die Freunde, welche mit mir gestrebt und gelernt, sie alle, welche
die kalte, tote, gleichgültige Erde deckt; ich dachte an meinen
Turteltäuber, der nicht selten mir, statt seinem Weibchen, gurrend
Verbeugungen machte -- alles Staub zum Staube zurückgekehrt.
Ich lachte laut auf und gleite in das Wasser -- im selben Augenblicke
aber halte ich mich an einer Weidenrute fest, die über den gelben
Wellen hängt -- und ich sehe das Weib, das mich elend gemacht hat, vor
mir, sie schwebt über dem Wasserspiegel, von der Sonne durchleuchtet,
als wäre sie durchsichtig, rote Flammen um Haupt und Nacken, und wendet
mir ihr Antlitz zu und lächelt.
[Illustration]
* *
*
Da bin ich wieder, triefend, durchnäßt, glühend vor Scham und Fieber.
Die Negerin hat meinen Brief übergeben, so bin ich gerichtet, verloren,
in der Hand eines herzlosen, beleidigten Weibes.
Nun, sie soll mich töten, ich, ich kann es nicht, und doch will ich
nicht länger leben.
Wie ich um das Haus herumgehe, steht sie in der Galerie, über die
Brüstung gelehnt, das Gesicht im vollen Lichte der Sonne, mit den
grünen Augen blinzelnd.