Endlich bat sie mit holdem Lächeln: „Zieh dich jetzt an, auch ich will
Toilette machen; soll ich meine Pelzjacke nehmen? Ja, ja, ich weiß
schon, geh nur!“
Als ich zurückkam, stand sie in ihrer weißen Atlasrobe, der roten mit
Hermelin besetzten Kazabaika, das Haar weiß gepudert, ein kleines
Diamantendiadem über der Stirne, in der Mitte des Zimmers. Einen
Augenblick erinnerte sie mich unheimlich an Katharina II., aber
sie ließ mir keine Zeit zu Erinnerungen, sie zog mich zu sich auf die
Ottomane und wir verbrachten zwei selige Stunden; sie war jetzt nicht
die strenge, launische Herrin, sie war ganz nur die feine Dame, die
zärtliche Geliebte. Sie zeigte mir Photographien, Bücher, welche eben
erschienen waren, und sprach mit mir über dieselben mit so viel Geist
und Klarheit und Geschmack, daß ich mehr als einmal entzückt ihre
Hand an die Lippen führte. Sie ließ mich dann ein paar Gedichte von
Lermontow vortragen, und als ich recht im Feuer war -- legte sie die
kleine Hand liebevoll auf die meine und fragte, während ein holdes
Vergnügen auf ihren weichen Zügen, in ihrem sanften Blicke lag, „bist
du glücklich?“
„Noch nicht.“
Sie legte sich hierauf in die Polster zurück und öffnete langsam ihre
Kazabaika.
Ich aber deckte den Hermelin rasch wieder über ihre halbentblößte
Brust. „Du machst mich wahnsinnig,“ stammelte ich.
„So komm.“
Schon lag ich in ihren Armen, schon küßte sie mich wie eine Schlange
mit der Zunge; da flüsterte sie noch einmal: „Bist du glücklich?“
„Unendlich!“ rief ich.
Sie lachte auf; es war ein böses, gellendes Gelächter, bei dem es mich
kalt überrieselte.
„Früher träumtest du, der Sklave, das Spielzeug eines schönen Weibes
zu sein, jetzt bildest du dir ein, ein freier Mensch, ein Mann, mein
Geliebter zu sein, du Thor! Ein Wink von mir, und du bist wieder
Sklave. -- Auf die Knie.“
Ich sank von der Ottomane herab zu ihren Füßen, mein Auge hing noch
zweifelnd an dem ihren.
„Du kannst es nicht glauben,“ sprach sie, mich mit auf der Brust
verschränkten Armen betrachtend, „ich langweile mich, und du bist eben
gut genug, mir ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben. Sieh mich nicht
so an --“
Sie trat mich mit dem Fuße.
„Du bist eben, was ich will, ein Mensch, ein Ding, ein Tier --“
Sie klingelte. Die Negerinnen traten ein.
„Bindet ihm die Hände auf den Rücken.“
Ich blieb knien und ließ es ruhig geschehen. Dann führten sie mich in
den Garten hinab bis zu dem kleinen Weinberg, der ihn gegen den Süden
begrenzt. Zwischen den Traubengeländen war Mais angebaut gewesen, da
und dort ragten noch einzelne dürre Stauden. Seitwärts stand ein Pflug.
Die Negerinnen banden mich an einen Pflock und unterhielten sich damit,
mich mit ihren goldenen Haarnadeln zu stechen. Es dauerte jedoch nicht
lange, so kam Wanda, die Hermelinmütze auf dem Kopf, die Hände in den
Taschen ihrer Jacke, sie ließ mich losbinden, mir die Arme auf den
Rücken schnüren, mir ein Joch auf den Nacken setzen und mich in den
Pflug spannen.
Dann stießen mich ihre schwarzen Teufelinnen in den Acker, die eine
führte den Pflug, die andere lenkte mich mit dem Seil, die dritte trieb
mich mit der Peitsche an, und Venus im Pelz stand zur Seite und sah zu.
* *
*
Wie ich ihr am nächsten Tage das Diner serviere, sagt Wanda: „Bringe
noch ein Gedeck, ich will, daß du heute mit mir speisest,“ und als ich
ihr gegenüber Platz nehmen will: „Nein, zu mir, ganz nahe zu mir.“
[Illustration]
Sie ist in bester Laune, gibt mir Suppe mit ihrem Löffel, füttert
mich mit ihrer Gabel, legt dann den Kopf wie ein spielendes Kätzchen
auf den Tisch und kokettiert mit mir. Es will das Unglück, daß ich
Haydée, welche statt mir die Gerichte bringt, etwas länger ansehe, als
es vielleicht nötig ist; mir fällt erst jetzt ihre edle, beinahe
europäische Gesichtsbildung, die herrliche, statuenhafte Büste, wie aus
schwarzem Marmor gemeißelt, auf. Die schöne Teufelin bemerkt, daß sie
mir gefällt, und blökt lächelnd die Zähne -- kaum hat sie das Gemach
verlassen, so springt Wanda vor Zorn flammend auf.
„Was, du wagst es, vor mir ein anderes Weib so anzusehen! sie gefällt
dir am Ende besser wie ich, sie ist noch dämonischer.“
Ich erschrecke, so habe ich sie noch nie gesehen, sie ist plötzlich
bleich bis in die Lippen und zittert am ganzen Leibe -- Venus im
Pelz ist eifersüchtig auf ihren Sklaven -- sie reißt die Peitsche
vom Nagel herab und haut mich ins Gesicht, dann ruft sie die
schwarzen Dienerinnen, läßt mich durch sie binden und in den Keller
herabschleppen, wo sie mich in ein dunkles, feuchtes, unterirdisches
Gewölbe, einen förmlichen Kerker werfen.
Dann fällt die Türe in das Schloß, Riegel werden vorgeschoben, ein
Schlüssel singt im Schloß. Ich bin gefangen, begraben.
* *
*
Da liege ich nun, ich weiß nicht wie lange, gebunden wie ein Kalb,
das zur Schlachtbank geschleppt wird, auf einem Bund feuchten Strohs,
ohne Licht, ohne Speise, ohne Trank, ohne Schlaf -- sie ist imstande
und läßt mich verhungern, wenn ich nicht früher erfriere. Die Kälte
schüttelt mich. Oder ist es das Fieber. Ich glaube, ich fange an,
dieses Weib zu hassen.
* *
*
Ein roter Streifen, wie Blut, schwimmt über dem Boden, es ist Licht,
das durch die Türe fällt, jetzt wird sie geöffnet.
Wanda erscheint an der Schwelle, in ihren Zobelpelz gehüllt, und
leuchtet mit einer Fackel hinein.
[Illustration]
„Lebst du noch?“ fragt sie.
„Kommst du, mich zu töten?“ antworte ich mit matter, heiserer Stimme.
Mit zwei hastigen Schritten ist Wanda bei mir, kniet an meinem Lager
nieder und nimmt meinen Kopf in ihren Schoß. -- „Bist du krank -- wie
deine Augen glühen, liebst du mich? Ich will, daß du mich liebst.“
Sie zieht einen kurzen Dolch hervor, ich schrecke zusammen, wie seine
Klinge mir vor den Augen blitzt, ich glaube wirklich, daß sie mich
töten will. Sie aber lacht und durchschneidet die Stricke, die mich
fesseln.
* *
*
Sie läßt mich jetzt jeden Abend nach dem Diner kommen, läßt sich von
mir vorlesen und bespricht mit mir allerhand anziehende Fragen und
Gegenstände. Dabei scheint sie ganz verwandelt, es ist, als schäme
sie sich der Wildheit, die sie mir verraten, der Roheit, mit welcher
sie mich behandelt hat. Eine rührende Sanftmut verklärt ihr ganzes
Wesen, und wenn sie mir zum Abschied die Hand reicht, dann liegt in
ihrem Auge jene übermenschliche Gewalt der Güte und Liebe, welche uns
Tränen entlockt, bei der wir alle Leiden des Daseins vergessen und alle
Schrecken des Todes.
* *
*
Ich lese ihr die Manon l’Escault. Sie fühlt die Beziehung, sie spricht
zwar kein Wort, aber sie lächelt von Zeit zu Zeit, und endlich klappt
sie das kleine Buch zu.
„Wollen Sie nicht weiter lesen, gnädige Frau?“
„Heute nicht. Heute spielen wir selbst Manon l’Escault. Ich habe ein
Rendezvous in den Cascinen und Sie, mein lieber Chevalier, werden mich
zu demselben begleiten; ich weiß, Sie tun es, nicht?“
„Sie befehlen.“
„Ich befehle nicht, ich bitte Sie darum,“ spricht sie mit
unwiderstehlichem Liebreiz, dann steht sie auf, legt die Hände auf
meine Schultern und sieht mich an. „Diese Augen!“ ruft sie aus, „ich
liebe dich so, Severin, du weißt nicht, wie ich dich liebe.“
„Ja,“ entgegne ich bitter, „so sehr, daß Sie einem anderen ein
Rendezvous geben.“
„Das tue ich ja nur, um dich zu reizen,“ antwortet sie lebhaft, „ich
muß Anbeter haben, damit ich dich nicht verliere, ich will dich nie
verlieren, niemals, hörst du, denn ich liebe nur dich, dich allein.“
Sie hing leidenschaftlich an meinen Lippen.
„O! könnte ich dir, wie ich möchte, meine ganze Seele im Kusse hingeben
-- so -- nun aber komme.“
Sie schlüpfte in einen einfachen, schwarzen Samtpaletot und umhüllte
ihr Haupt mit einem dunklen Baschlik. Dann ging sie rasch durch die
Galerie und stieg in den Wagen.
„Gregor wird mich fahren,“ rief sie dem Kutscher zu, der sich befremdet
zurückzog.
Ich stieg auf den Bock und peitschte zornig in die Pferde.
In den Cascinen, dort, wo die Hauptallee zu einem dichten Laubgang
wird, stieg Wanda aus. Es war Nacht, nur einzelne Sterne blickten durch
die grauen Wolken, welche über den Himmel zogen. Am Arno stand ein
Mann in einem dunklen Mantel und einem Räuberhut und blickte in die
gelben Wellen. Wanda schritt rasch durch das Gebüsch zur Seite und
schlug ihn auf die Achsel. Ich sah noch, wie er sich zu ihr wendete,
ihre Hand faßte -- dann verschwanden sie hinter der grünen Wand.
Eine qualvolle Stunde. Endlich raschelt es seitwärts im Laube, sie
kehrten zurück.
Der Mann begleitet sie an den Wagen. Das Licht der Laterne fällt voll
und grell auf ein unendlich jugendliches, sanftes und schwärmerisches
Gesicht, das ich nie gesehen habe, und spielt in langen, blonden Locken.
Sie reicht ihm die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßt, dann winkt sie
mir und im Nu fliegt der Wagen längs der langen Laubwand, die wie eine
grüne Tapete gegen den Fluß zu steht, davon.
Man läutet an der Gartenpforte. Ein bekanntes Gesicht. Der Mann aus den
Cascinen.
„Wen darf ich melden?“ frage ich französisch. Der Angeredete schüttelt
beschämt den Kopf.
„Verstehen Sie vielleicht etwas deutsch?“ fragt er schüchtern.
„Jawohl. Ich bitte also um Ihren Namen.“
„Ah! ich habe leider noch keinen,“ antwortet er verlegen -- „sagen Sie
Ihrer Herrin nur, der deutsche Maler aus den Cascinen wäre da und bäte
-- doch da ist sie selbst.“
Wanda war auf den Balkon herausgetreten und nickte dem Fremden zu.
„Gregor, führe den Herrn zu mir,“ rief sie mir zu.
Ich wies dem Maler die Treppe.
„Ich bitte, ich finde jetzt schon; ich danke, danke sehr,“ damit sprang
er die Stufen empor. Ich blieb unten stehen und sah dem armen Deutschen
mit tiefem Mitleid nach.
Venus im Pelz hat seine Seele in ihren roten Haarschlingen gefangen. Er
wird sie malen und dabei verrückt werden.
* *
*
Ein sonniger Wintertag, auf den Blättern der Baumgruppen, auf dem
grünen Plan der Wiese zittert es wie Gold. Die Kamelien am Fuße der
Galerie prangen im reichsten Knospenschmuck. Wanda sitzt in der Loggia
und zeichnet, der deutsche Maler aber steht ihr gegenüber, die Hände
wie anbetend ineinander gelegt und sieht ihr zu, nein, er blickt in ihr
Antlitz und ist ganz versunken in ihren Anblick, wie entrückt.
Sie aber sieht es nicht, sie sieht auch mich nicht, wie ich mit dem
Spaten in der Hand die Blumenbeete umgrabe, nur um sie zu sehen, ihre
Nähe zu fühlen, die wie Musik, wie Poesie auf mich wirkt.
* *
*
Der Maler ist fort. Es ist ein Wagnis, aber ich wage es. Ich trete zur
Galerie hin, ganz nahe und frage Wanda: „Liebst du den Maler, Herrin?“
Sie sieht mich an, ohne mir zu zürnen, schüttelt den Kopf, und endlich
lächelt sie sogar.
„Ich habe Mitleid mit ihm,“ antwortet sie, „aber ich liebe ihn
nicht. Ich liebe niemand. +Dich habe ich geliebt, so innig, so
leidenschaftlich, so tief wie ich nur lieben konnte+, aber jetzt
liebe ich auch dich nicht mehr, mein Herz ist öde, tot, und das macht
mich wehmütig.“
„Wanda!“ rief ich schmerzlich ergriffen.
„Auch du wirst mich bald nicht mehr lieben,“ fuhr sie fort, „sag’
es mir, wenn es einmal so weit ist, ich will dir dann die Freiheit
zurückgeben.“
„Dann bleibe ich mein ganzes Leben dein Sklave, denn ich bete dich an
und werde dich immer anbeten,“ rief ich, von jenem Fanatismus der Liebe
ergriffen, der mir schon wiederholt so verderblich war.
Wanda betrachtete mich mit einem seltsamen Vergnügen. „Bedenke es
wohl,“ sprach sie, „ich habe dich unendlich geliebt und war despotisch
gegen dich, um deine Phantasie zu erfüllen, jetzt zittert noch etwas
von jenem süßen Gefühl als innige Teilnahme für dich in meiner Brust,
wenn auch dies verschwunden ist, wer weiß, ob ich dich dann frei
gebe, ob ich dann nicht wirklich grausam, unbarmherzig, ja roh gegen
dich werde, ob es mir nicht eine diabolische Freude macht, während
ich gleichgültig bin oder einen anderen liebe, den Mann, der mich
abgöttisch anbetet, zu quälen, zu foltern, und an seiner Liebe für mich
sterben zu sehen. Bedenke das wohl!“
„Ich habe alles längst bedacht,“ erwiderte ich, wie im Fieber glühend,
„ich kann nicht sein, nicht leben ohne dich; ich sterbe, wenn du mir
die Freiheit gibst, laß mich dein Sklave sein, töte mich, aber stoße
mich nicht von dir.“
„Nun, so sei mein Sklave,“ erwiderte sie, „aber vergiß nicht, daß ich
dich nicht mehr liebe, und daß deine Liebe daher keinen größeren Wert
für mich hat, wie die Ähnlichkeit eines Hundes, und Hunde tritt man.“
* *
*
Heute habe ich die mediceische Venus besucht.
Es war noch zeitig, der kleine achteckige Saal der Tribuna wie ein
Heiligtum mit Dämmerlicht gefüllt, und ich stand, die Hände gefaltet,
in tiefer Andacht vor dem stummen Götterbilde.
Aber ich stand nicht lange.
Es war noch kein Mensch in der Galerie, nicht einmal ein Engländer,
und da lag ich auf meinen Knien und blickte auf den holden, schlanken
Leib, die knospende Brust, in das jungfräulich wollüstige Angesicht mit
den halbgeschlossenen Augen, auf die duftigen Locken, welche zu beiden
Seiten kleine Hörner zu verbergen scheinen.
* *
*
Die Klingel der Gebieterin.
Es ist Mittag. Sie aber liegt noch im Bett, die Arme im Nacken
verschlungen.
„Ich werde baden,“ spricht sie, „und du wirst mich bedienen. Schließe
die Türe.“
Ich gehorchte.
„Nun geh hinab und versichere dich, daß auch unten gesperrt ist.“
Ich stieg die Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Schlafgemache in das
Badezimmer führte, die Füße brachen mir, ich mußte mich auf das eiserne
Geländer stützen. Nachdem ich die Türe, welche in die Loggia und den
Garten mündete, verschlossen fand, kehrte ich zurück. Wanda saß jetzt
mit offenem Haar, in ihrem grünen Sammetpelz auf dem Bett. Bei einer
raschen Bewegung, welche sie machte, sah ich, daß sie nur mit dem Pelze
bekleidet war und erschrak, ich weiß nicht warum, so furchtbar, wie ein
zum Tode Verurteilter, welcher weiß, daß er dem Schafott entgegen geht,
doch beim Anblick desselben zu zittern beginnt.
„Komm, Gregor, nimm mich auf die Arme.“
„Wie, Herrin?“
„Nun, du sollst mich tragen, verstehst du nicht?“
Ich hob sie auf, so daß sie auf meinen Armen saß, während die ihren
sich um meinen Nacken schlangen, und wie ich so mit ihr die Treppe
langsam, Stufe für Stufe, hinabstieg und ihr Haar von Zeit zu Zeit
an meine Wange schlug und ihr Fuß sich leicht auf mein Knie stemmte,
da erbebte ich unter der schönen Last und dachte, ich müßte jeden
Augenblick unter ihr zusammenbrechen.
Das Badezimmer bestand aus einer weiten und hohen Rotunde, welche ihr
weiches, ruhiges Licht von oben durch die rote Glaskuppel bekam. Zwei
Palmen breiteten ihre großen Blätter als grünes Dach über ein Ruhebett
aus roten, sammetnen Polstern, von dem mit türkischen Teppichen belegte
Stufen in das weite Marmorbassin hinabführten, welches die Mitte
einnahm.
„Oben auf meinem Nachttisch liegt ein grünes Band,“ sagte Wanda,
während ich sie auf dem Ruhebett niederließ, „bringe es mir und bringe
mir auch die Peitsche.“
Ich flog die Treppe hinauf und zurück und legte beides kniend in die
Hand der Gebieterin, welche sich hierauf das schwere elektrische Haar
von mir in einen großen Knoten binden und mit dem grünen Sammetband
befestigen ließ. Dann bereitete ich das Bad und zeigte mich recht
ungeschickt dabei, da mir Hände und Füße den Dienst versagten, und
jedesmal, wenn ich das schöne Weib, das auf den rotsammetnen Polstern
lag und dessen holder Leib von Zeit zu Zeit, da und dort, aus dem
dunklen Pelzwerk hervorleuchtete, betrachten mußte -- denn es war nicht
mein Wille, es zwang mich eine magnetische Gewalt -- empfand ich,
wie alle Wollust, alle Lüsternheit nur in dem Halbverhüllten, pikant
Entblößten liegt, und ich empfand es noch lebhafter, als endlich das
Bassin gefüllt war und Wanda mit einer einzigen Bewegung den Pelzmantel
abwarf, und wie die Göttin in der Tribuna vor mir stand.
In diesem Augenblicke erschien sie mir in ihrer unverhüllten Schönheit
so heilig, so keusch, daß ich vor ihr, wie damals vor der Göttin, in
die Knie sank und meine Lippen andächtig auf ihren Fuß preßte.
Meine Seele, welche vor kurzem noch so wilde Wogen geschlagen, floß auf
einmal ruhig, und Wanda hatte jetzt auch nichts Grausames mehr für mich.
Sie stieg langsam die Stufen hinab, und ich konnte mit einer stillen
Freude, der kein Atom von Qual oder Sehnsucht beigemischt war, sie
betrachten, wie sie in der krystallenen Flut auf und ab tauchte, und
wie die Wellen, welche sie selbst erregte, gleichsam verliebt um sie
spielten.
Unser nihilistischer Ästhetiker hat doch recht: ein wirklicher Apfel
ist schöner als ein gemalter, und ein lebendiges Weib ist schöner als
eine Venus aus Stein.
Und als sie dann aus dem Bade stieg, und die silbernen Tropfen und das
rosige Licht rieselten nur so an ihr herab -- eine stumme Verzückung
umfing mich. Ich schlug die Linnen um sie, ihren herrlichen Leib
trocknend, und jene ruhige Seligkeit blieb mir jetzt auch, als sie
wieder, den einen Fuß auf mich, wie auf einen Schemel setzend, in dem
großen Sammetmantel auf den Polstern ruhte, die elastischen Zobelfelle
sich begehrlich an ihren kalten Marmorleib schmiegten, und der linke
Arm, auf den sie sich stützte, wie ein schlafender Schwan, in dem
dunklen Pelz des Ärmels lag, während ihre Rechte nachlässig mit der
Peitsche spielte.
[Illustration]
Zufällig glitt mein Blick über den massiven Spiegel an der Wand
gegenüber, und ich schrie auf, denn ich sah uns in seinem goldenen
Rahmen wie im Bilde, und dieses Bild war so wunderbar schön, so
seltsam, so phantastisch, daß mich eine tiefe Trauer bei dem Gedanken
faßte, daß seine Linien, seine Farben zerrinnen sollen wie Nebel.
„Was hast du?“ fragte Wanda.
Ich deutete auf den Spiegel.
„Ah! es ist in der Tat schön,“ rief sie aus, „schade, daß man den
Augenblick nicht festhalten kann.“
„Und warum nicht?“ fragte ich, „wird nicht jeder Künstler, auch der
berühmteste, stolz darauf sein, wenn du ihm gestattet, dich durch
seinen Pinsel zu verewigen?“
„Der Gedanke, daß diese außerordentliche Schönheit,“ fuhr ich, sie mit
Begeisterung betrachtend, fort, „diese herrliche Bildung des Gesichtes,
dieses seltsame Auge mit seinem grünen Feuer, dieses dämonische Haar,
diese Pracht des Leibes für die Welt verloren gehen sollen, ist
entsetzlich und faßt mich mit allen Schauern des Todes, der Vernichtung
an; dich aber soll die Hand des Künstlers ihr entreißen, du darfst
nicht wie wir anderen ganz und für immer untergehen, ohne eine Spur
deines Daseins zurückzulassen, dein Bild muß leben, wenn du selbst
schon längst zu Staub zerfallen bist, deine Schönheit muß über den Tod
triumphieren!“
Wanda lächelte.
„Schade, daß das heutige Italien keinen Titian oder Raphael hat,“
sprach sie, „indes vielleicht ersetzt die Liebe das Genie, wer weiß,
unser kleiner Deutscher?“ Sie sann nach.
„Ja -- er soll mich malen -- und ich werde dafür sorgen, daß ihm Amor
die Farben mischt.“
* *
*
Der junge Maler hat in ihrer Villa sein Atelier aufgeschlagen, sie
hat ihn vollkommen im Netz. Er hat eben eine Madonna angefangen, eine
Madonna mit rotem Haare und grünen Augen! Aus diesem Rasseweibe ein
Bild der Jungfräulichkeit machen, das kann nur der Idealismus eines
Deutschen. Der arme Bursche ist wirklich beinahe noch ein größerer Esel
als ich. Das Unglück ist nur, daß unsere Titania unsere Eselohren +zu
früh+ entdeckt hat.
Nun lacht sie über uns, und wie sie lacht, ich höre ihr übermütiges,
melodisches Lachen in seinem Studio, unter dessen offenem Fenster ich
stehe und eifersüchtig lausche.
„Sind Sie toll, mich -- ah! es ist nicht zu glauben, mich als Mutter
Gottes!“ -- rief sie und lachte wieder, „warten Sie nur, ich will Ihnen
ein anderes Bild von mir zeigen, ein Bild, das ich selbst gemalt habe,
sie sollen es mir kopieren.“
Ihr Kopf, im Sonnenlichte flammend, erschien am Fenster.
„Gregor!“
Ich eilte die Stufen hinauf, durch die Galerie in das Atelier.
„Führe ihn in das Badezimmer,“ befahl Wanda, während sie selbst
davoneilte.
Wenige Augenblicke und Wanda kam, nur mit dem Zobelpelz bekleidet, die
Peitsche in der Hand, die Treppe herab und streckte sich wie damals
auf den Sammetpolstern aus; ich lag zu ihren Füßen und sie setzte den
Fuß auf mich, und ihre Rechte spielte mit der Peitsche. „Sieh mich an,“
sprach sie, „mit deinem tiefen, fanatischen Blick -- so -- so ist es
recht.“
Der Maler war entsetzlich bleich geworden, er verschlang die Szene mit
seinen schönen, schwärmerischen, blauen Augen, seine Lippen öffneten
sich, aber blieben stumm.
„Nun, wie gefällt Ihnen das Bild?“
„Ja -- so will ich Sie malen,“ sprach der Deutsche, aber es war
eigentlich keine Sprache, es war ein beredtes Stöhnen, das Weinen einer
kranken, sterbenskranken Seele.
* *
*
Die Zeichnung mit der Kohle ist fertig, die Köpfe, die Fleischpartien
sind grundiert, ihr diabolisches Antlitz tritt bereits in einigen
kecken Strichen hervor, in dem grünen Auge blitzt Leben.
Wanda steht, die Arme auf der Brust verschränkt, vor der Leinwand.
„Das Bild soll, wie viele der venetianischen Schule, zugleich ein
Porträt und eine Historie werden,“ erklärt der Maler, der wieder
totenbleich ist.
„Und wie wollen Sie es dann nennen?“ fragte sie; „aber was ist Ihnen,
sind Sie krank?“
„Ich fürchte --“ antwortete er, mit einem verzehrenden Blicke auf das
schöne Weib im Pelz, „aber sprechen wir von dem Bilde.“
„Ja, sprechen wir von dem Bilde.“
[Illustration]
„Ich denke mir die Liebesgöttin, welche zu einem sterblichen Manne aus
dem Olymp herabgestiegen ist und auf dieser modernen Erde frierend
ihren hehren Leib in einem großen, schweren Pelz, und ihre Füße in dem
Schoße des Geliebten zu wärmen sucht; ich denke mir den Günstling einer
schönen Despotin, welche den Sklaven peitscht, wenn sie müde ist, ihn
zu küssen, und von ihm um so wahnsinniger geliebt wird, je mehr sie
ihn mit Füßen tritt, und so werde ich das Bild ‚+Venus im Pelz+‘
nennen.“
* *
*
Der Maler malt langsam. Um so rascher wächst seine Leidenschaft. Ich
fürchte, er nimmt sich am Ende noch das Leben. Sie spielt mit ihm und
gibt ihm Rätsel auf, und er kann sie nicht lösen und fühlt sein Blut
rieseln -- sie aber unterhält sich dabei.
Während der Sitzung nascht sie Bonbons, dreht aus den Papierhülsen
kleine Kugeln und bewirft ihn damit.
„Es freut mich, daß Sie so gut aufgelegt sind, gnädige Frau,“ spricht
der Maler, „aber Ihr Gesicht hat ganz jenen Ausdruck verloren, den ich
zu meinem Bilde brauche.“
„Jenen Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen,“ erwiderte sie
lächelnd, „gedulden Sie sich nur einen Augenblick.“
Sie richtet sich auf und versetzt mir einen Hieb mit der Peitsche; der
Maler blickt sie starr an, in seinem Antlitz malt sich ein kindliches
Staunen, mischt sich Abscheu und Bewunderung.
Während sie mich peitscht, gewinnt Wandas Antlitz immer mehr jenen
grausamen, höhnischen Charakter, der mich so unheimlich entzückt.
„Ist das jetzt jener Ausdruck, den Sie zu Ihrem Bilde brauchen?“ ruft
sie. Der Maler senkt verwirrt den Blick vor dem kalten Strahl ihres
Auges.
„Es ist der Ausdruck --“ stammelt er, „aber ich kann jetzt nicht malen
--“
„Wie?“ spricht Wanda spöttisch, „kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
„Ja --“ schreit der Deutsche wie im Wahnsinn auf -- „peitschen Sie mich
auch.“
„O! mit Vergnügen,“ erwidert sie, die Achseln zuckend, „aber wenn ich
peitschen soll, so will ich im Ernste peitschen.“
„Peitschen Sie mich tot,“ ruft der Maler.
„Lassen Sie sich also von mir binden?“ frägt sie lächelnd.
„Ja“ -- stöhnt er --
Wanda verließ für einen Augenblick das Gemach und kehrte mit den
Stricken zurück.
„Also -- haben Sie noch den Mut, sich Venus im Pelz, der schönen
Despotin, auf Gnade und Ungnade in die Hände zu geben?“ begann sie
jetzt spöttisch.
„Binden Sie mich,“ antwortete der Maler dumpf. Wanda band ihm die Hände
auf den Rücken, zog ihm einen Strick durch die Arme und einen zweiten
um seinen Leib und fesselte ihn so an das Fensterkreuz, dann schlug sie
den Pelz zurück, ergriff die Peitsche und trat vor ihn hin.