Wanda hat eine allerliebste kleine Villa auf einem der reizenden Hügel

an dem linken Ufer des Arno, gegenüber der Cascine, entdeckt und für

den Winter gemietet. Dieselbe liegt in einem hübschen Garten mit

reizenden Laubgängen, Grasplätzen und einer herrlichen Camelienflur.

Sie hat nur ein Stockwerk und ist im italienischen Stile im Viereck

erbaut; die eine Front entlang läuft eine offene Galerie, eine Art

Loggia mit Gypsabgüssen antiker Statuen, von der steinerne Stufen in

den Garten hinabführen. Aus der Galerie gelangt man in ein Badezimmer

mit einem herrlichen Marmorbassin, aus dem eine Wendeltreppe in das

Schlafgemach der Herrin führt.

Wanda bewohnt das erste Stockwerk allein.

Mir wurde ein Zimmer ebener Erde angewiesen, es ist sehr hübsch und hat

sogar einen Kamin.

Ich habe den Garten durchstreift und auf einem runden Hügel einen

kleinen Tempel entdeckt, dessen Tor ich verschlossen fand; aber das Tor

hat eine Ritze, und wie ich das Auge an dieselbe lege, sehe ich auf

weißem Piedestal die Liebesgöttin stehen.

Mich ergreift ein leiser Schauer. Mir ist, als lächle sie mir zu: „Bist

du da? Ich habe dich erwartet.“

* *

*

Es ist Abend. Eine hübsche kleine Zofe bringt mir den Befehl, vor

der Herrin zu erscheinen. Ich steige die breite Marmortreppe empor,

gehe durch den Vorsaal, einen großen mit verschwenderischer Pracht

eingerichteten Salon und klopfe an die Türe des Schlafgemachs. Ich

klopfe sehr leise, denn der Luxus, den ich überall entfaltet sehe,

beängstigt mich, und so werde ich nicht gehört und stehe einige Zeit

vor der Türe. Mir ist zumute, als stände ich vor dem Schlafgemach

der großen Katharina und als müßte sie jeden Augenblick im grünen

Schlafpelz mit dem roten Ordensbande auf der bloßen Brust und mit ihren

kleinen, weißen, gepuderten Löckchen heraustreten.

Ich klopfe wieder. Wanda reißt ungeduldig den Flügel auf.

„Warum so spät?“ fragt sie.

„Ich stand vor der Türe, du hast mein Klopfen nicht gehört,“ entgegne

ich schüchtern. Sie schließt die Türe, hängt sich in mich ein und führt

mich zu der rotdamastenen Ottomane, auf der sie geruht hat. Die ganze

Einrichtung des Zimmers, Tapeten, Vorhänge, Portieren, Himmelbett,

alles ist von rotem Damast, und die Decke bildet ein herrliches

Gemälde, Simson und Delila.

Wanda empfängt mich in einem betörenden Deshabillee, das weiße

Atlasgewand fließt leicht und malerisch an ihrem schlanken Leib herab

und läßt Arme und Büste bloß, welche sich weich und nachlässig in die

dunklen Felle des großen grünsamtenen Zobelpelzes schmiegen. Ihr rotes

Haar fällt, halb offen, von Schnüren schwarzer Perlen gehalten, über

den Rücken bis zur Hüfte herab.

„Venus im Pelz,“ flüstre ich, während sie mich an ihre Brust zieht und

mit ihren Küssen zu ersticken droht. Dann spreche ich kein Wort mehr

und denke auch nicht mehr, alles geht unter in einem Meere niegeahnter

Seligkeit.

Wanda machte sich endlich sanft los und betrachtete sich, auf den einen

Arm gestützt. Ich war zu ihren Füßen herabgesunken, sie zog mich an

sich und spielte mit meinem Haare.

„Liebst du mich noch?“ fragte sie, ihr Auge verschwamm in süßer

Leidenschaft.

„Du fragst!“ rief ich.

„Erinnerst du dich noch deines Schwures,“ fuhr sie mit einem reizenden

Lächeln fort, „nun, da alles eingerichtet, alles bereit ist, frage ich

dich noch einmal: ist es wirklich dein Ernst, mein Sklave zu werden?“

„Bin ich es denn nicht bereits?“ fragte ich erstaunt.

„Du hast die Dokumente noch nicht unterschrieben.“

„Dokumente -- was für Dokumente?“

„Ah! ich sehe, du denkst nicht mehr daran,“ sagte sie, „also lassen wir

es bleiben.“

„Aber Wanda,“ sprach ich, „du weißt ja, daß ich keine größere Seligkeit

kenne, als dir zu dienen, dein Sklave zu sein, und daß ich alles um

das Gefühl geben würde, mich ganz in deiner Hand zu wissen, mein Leben

sogar --“

„Wie du schön bist,“ flüsterte sie, „wenn du so begeistert bist, wenn

du so leidenschaftlich sprichst. Ach! ich bin mehr als je in dich

verliebt und da soll ich herrisch sein gegen dich und strenge und

grausam, ich fürchte, ich werde es nicht können.“

„Mir ist nicht bange darum,“ entgegnete ich lächelnd, „wo hast du also

die Dokumente?“

„Hier,“ sie zog sie halb verschämt aus ihrem Busen hervor und reichte

sie mir.

„Damit du das Gefühl hast, ganz in meiner Hand zu sein, habe ich

noch ein zweites Dokument aufgesetzt, in welchem du erklärst, daß du

entschlossen bist, dir das Leben zu nehmen. Ich kann dich dann sogar

töten, wenn ich will.“

„Gib.“

Während ich die Dokumente entfaltete und zu lesen begann, holte Wanda

Tinte und Feder, dann setzte sie sich zu mir, legte den Arm um meinen

Nacken und blickte über meine Schultern in das Papier.

Das erste lautete:

=Vertrag zwischen Frau Wanda von Dunajew und Herrn Severin von

Kusiemski.=

Herr Severin von Kusiemski hört mit dem heutigen Tage auf, der

Bräutigam der Frau Wanda von Dunajew zu sein und verzichtet auf

alle seine Rechte als Geliebter; er verpflichtet sich dagegen mit

seinem Ehrenworte als Mann und Edelmann, fortan der +Sklave+

derselben zu sein und zwar so lange sie ihm nicht selbst die

Freiheit zurückgibt.

Er hat als der Sklave der Frau von Dunajew den Namen Gregor zu

führen, unbedingt jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, jedem ihrer

Befehle zu gehorchen, seiner Herrin mit Unterwürfigkeit zu

begegnen, jedes Zeichen ihrer Gunst als eine außerordentliche Gnade

anzusehen.

Frau von Dunajew darf ihren Sklaven nicht allein bei dem geringsten

Versehen oder Vergehen nach Gutdünken strafen, sondern sie hat

auch das Recht, ihn nach Laune oder nur zu ihrem Zeitvertreib zu

mißhandeln, wie es ihr eben gefällt, ja sogar zu töten, wenn es ihr

beliebt, kurz, er ist ihr unbeschränktes Eigentum.

Sollte Frau von Dunajew ihrem Sklaven je die Freiheit schenken, so

hat Herr Severin von Kusiemski alles, was er als Sklave erfahren

oder erduldet, zu vergessen und +nie und niemals, unter keinen

Umständen und in keiner Weise an Rache oder Wiedervergeltung zu

denken+.

Frau von Dunajew verspricht dagegen, als seine Herrin so oft als

möglich im Pelz zu erscheinen, besonders wenn sie gegen ihren

Sklaven grausam sein wird.“

Unter dem Vertrage stand das Datum des heutigen Tages.

Das zweite Dokument entielt nur wenige Worte.

„Seit Jahren des Daseins und seiner Täuschungen überdrüssig, habe ich

meinem wertlosen Leben freiwillig ein Ende gemacht.“

Mich faßte ein tiefes Grauen, als ich zu Ende war, noch war es Zeit,

noch konnte ich zurück, aber der Wahnsinn der Leidenschaft, der Anblick

des schönen Weibes, das aufgelöst an meiner Schulter lehnte, rissen

mich fort.

„Dieses hier mußt du zuerst abschreiben, Severin,“ sprach Wanda, auf

das zweite Dokument deutend, „es muß vollkommen in deinen Schriftzügen

abgefaßt sein, bei dem Vertrage ist das natürlich nicht nötig.“

Ich kopierte rasch die wenigen Zeilen, in denen ich mich als

Selbstmörder bezeichnete, und gab sie Wanda. Sie las und legte sie dann

lächelnd auf den Tisch.

„Nun, hast du den Mut, das zu unterzeichnen?“ fragte sie, den Kopf

neigend, mit einem feinen Lächeln.

Ich nahm die Feder.

„Laß mich zuerst,“ sprach Wanda, „dir zittert die Hand, fürchtest du

dich so sehr vor deinem Glück?“

Sie nahm den Vertrag und die Feder -- ich blickte im Kampfe mit

mir selbst einen Augenblick empor und jetzt erst fiel mir, wie auf

vielen Gemälden italienischer und holländischer Schule, der durchaus

unhistorische Charakter des Deckengemäldes auf, der demselben ein

seltsames, für mich geradezu unheimliches Gepräge gab. Delila, eine

üppige Dame mit flammendem roten Haare, liegt halb entkleidet in einem

dunklen Pelzmantel auf einer roten Ottomane und beugt sich lächelnd

zu Simson herab, den die Philister niedergeworfen und gebunden

haben. Ihr Lächeln ist in seiner spöttischen Koketterie von wahrhaft

infernalischer Grausamkeit, ihr Auge, halb geschlossen, begegnet jenem

Simsons, das noch im letzten Blicke mit wahnsinniger Liebe an dem ihren

hängt, denn schon kniet einer der Feinde auf seiner Brust, bereit, ihm

das glühende Eisen hineinzustoßen.

„So --“ rief Wanda, „du bist ja ganz verloren, was hast du nur, es

bleibt ja doch alles beim Alten, auch wenn du unterschrieben hast,

kennst du mich denn noch immer nicht, Herzchen?“

Ich blickte in den Vertrag. Da stand in großen kühnen Zügen ihr Name.

Noch einmal schaute ich in ihr zauberkräftiges Auge, dann nahm ich die

Feder und unterschrieb rasch den Vertrag.

„Du hast gezittert,“ sprach Wanda ruhig, „soll ich dir die Feder

führen?“

Sie faßte in demselben Augenblick sanft meine Hand, und da stand mein

Name auch auf dem zweiten Papier. Wanda sah beide Dokumente noch einmal

an und schloß sie dann in den Tisch, welcher zu Häupten der Ottomane

stand.

„So -- nun gib mir noch deinen Paß und dein Geld.“

Ich ziehe meine Brieftasche hervor und reiche sie ihr, sie blickt

hinein, nickt und legt sie zu dem Übrigen, während ich vor ihr knie und

mein Haupt in süßer Trunkenheit an ihrer Brust ruhen lasse.

Da stößt sie mich plötzlich mit dem Fuße von sich, springt auf und

zieht die Glocke, auf deren Ton drei junge, schlanke Negerinnen,

wie aus Ebenholz geschnitzt und ganz in roten Atlas gekleidet,

hereintreten, jede einen Strick in der Hand.

[Illustration]

Jetzt begreife ich auf einmal meine Lage und will mich erheben, aber

Wanda, welche, hoch aufgerichtet, ihr kaltes, schönes Antlitz mit

den finsteren Brauen, den höhnischen Augen mir zugewendet, als

Herrin gebietend vor mir steht, winkt mit der Hand, und ehe ich noch

recht weiß, was mit mir geschieht, haben mich die Negerinnen zu Boden

gerissen, mir Beine und Hände fest zusammengeschnürt und die Arme wie

einem, der hingerichtet werden soll, auf den Rücken gebunden, so daß

ich mich kaum bewegen kann.

„Gib mir die Peitsche, Haydée,“ befiehlt Wanda mit unheimlicher Ruhe.

Die Negerin reicht sie kniend der Gebieterin.

„Und nimm mir den schweren Pelz ab,“ fährt diese fort, „er hindert

mich.“

Die Negerin gehorchte.

„Die Jacke dort!“ befahl Wanda weiter.

Haydée brachte rasch die hermelinbesetzte Kazabaika, welche auf dem

Bette lag, und Wanda schlüpfte mit zwei unnachahmlich reizenden

Bewegungen hinein.

„Bindet ihn an die Säule hier.“

Die Negerinnen heben mich auf, schlingen ein dickes Seil um meinen Leib

und binden mich stehend an eine der massiven Säulen, welche den Himmel

des breiten italienischen Bettes tragen.

Dann sind sie auf einmal verschwunden, wie wenn die Erde sie

verschlungen hätte.

Wanda tritt rasch auf mich zu, das weiße Atlasgewand fließt ihr in

langer Schleppe wie Silber, wie Mondlicht nach, ihre Haare lodern

gleich Flammen auf dem weißen Pelz der Jacke; jetzt steht sie vor mir,

die linke Hand in die Seite gestemmt, in der Rechten die Peitsche, und

stößt ein kurzes Lachen aus.

„Jetzt hat das Spiel zwischen uns aufgehört,“ spricht sie mit herzloser

Kälte, „jetzt ist es Ernst, du Tor! den ich verlache und verachte, der

sich +mir+, dem übermütigen, launischen Weibe, in wahnsinniger

Verblendung als Spielzeug hingegeben. Du bist nicht mehr mein

Geliebter, sondern +mein Sklave+, auf Tod und Leben meiner Willkür

preisgegeben.

Du sollst mich kennen lernen!

Vor allem wirst du mir jetzt einmal im Ernste die Peitsche kosten, ohne

daß du etwas verschuldet hast, damit du begreifst, was dich erwartet,

wenn du dich ungeschickt, ungehorsam oder widerspenstig zeigst.“

Sie schürzte hierauf mit wilder Grazie den pelzbesetzten Ärmel auf und

hieb mich über den Rücken.

Ich zuckte zusammen, die Peitsche schnitt wie ein Messer in mein

Fleisch.

„Nun, wie gefällt dir das?“ rief sie.

Ich schwieg.

„Wart’ nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der

Peitsche,“ drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen.

Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen

Rücken, meine Arme, meinen Nacken, ich biß die Zähne zusammen, um nicht

aufzuschreien. Jetzt traf sie mich ins Gesicht, das warme Blut rann mir

herab, sie aber lachte und peitschte fort.

„Jetzt erst versteh ich dich,“ rief sie dazwischen, „es ist wirklich

ein Genuß, einen Menschen so in seiner Gewalt zu haben und noch dazu

einen Mann, der mich liebt -- du liebst mich doch? -- Nicht -- Oh! ich

zerfleische dich noch, so wächst mir bei jedem Hiebe das Vergnügen;

nun krümme dich doch ein wenig, schreie, wimmere! Bei mir sollst du

kein Erbarmen finden.“

Endlich scheint sie müde.

Sie wirft die Peitsche weg, streckt sich auf der Ottomane aus und

klingelt.

Die Negerinnen treten ein.

„Bindet ihn los.“

[Illustration]

Wie sie mir das Seil lösen, schlage ich wie ein Stück Holz zu Boden.

Die schwarzen Weiber lachen und zeigen die weißen Zähne.

„Löst ihm die Stricke an den Füßen.“

Es geschieht. Ich kann mich erheben.

„Komm zu mir, Gregor.“

Ich nähere mich dem schönen Weibe, das mir noch nie so verführerisch

erschien wie heute in seiner Grausamkeit, in seinem Hohne.

„Noch einen Schritt,“ gebietet Wanda, „knie nieder und küsse mir den

Fuß.“

Sie streckt den Fuß unter dem weißen Atlassaum hervor und ich

übersinnlicher Tor presse meine Lippen darauf.

„Du wirst mich jetzt einen ganzen Monat nicht sehen, Gregor,“ spricht

sie ernst, „damit ich dir fremd werde, du dich leichter in deine neue

Stellung mir gegenüber findest; du wirst während dieser Zeit im Garten

arbeiten und meine Befehle erwarten. Und nun marsch, Sklave!“

* *

*

Ein Monat ist in monotoner Regelmäßigkeit, in schwerer Arbeit, in

schwermütiger Sehnsucht vergangen, in Sehnsucht nach ihr, die mir alle

diese Leiden bereitet. Ich bin dem Gärtner zugewiesen, helfe ihm die

Bäume, die Hecken stutzen, die Blumen umsetzen, die Beete umgraben, die

Kieswege kehren, teile seine grobe Kost und sein hartes Lager, bin mit

den Hühnern auf und gehe mit den Hühnern zur Ruhe, und höre von Zeit

zu Zeit, daß unsere Herrin sich amüsiert, daß sie von Anbetern umringt

ist, und einmal höre ich sogar ihr mutwilliges Lachen bis in den Garten

hinab.

Ich komme mir so dumm vor. Bin ich es bei diesem Leben geworden oder

war ich es schon vorher? Der Monat geht zu Ende, übermorgen -- was wird

sie nun mit mir beginnen, oder hat sie mich vergessen, und ich kann bis

zu meinem seligen Ende Hecken stutzen und Bukette binden?

* *

*

Ein schriftlicher Befehl.

„Der Sklave Gregor wird hiermit zu meinem persönlichen Dienst befohlen.

Wanda Dunajew.“

* *

*

Mit klopfendem Herzen teile ich am nächsten Morgen die damastene

Gardine und trete in das Schlafgemach meiner Göttin, das noch von

holdem Halbdunkel erfüllt ist.

„Bist du es, Gregor?“ fragt sie, während ich vor dem Kamin knie und

Feuer mache. Ich erzitterte bei dem Tone der geliebten Stimme. Sie

selbst kann ich nicht sehen, sie ruht unnahbar hinter den Vorhängen des

Himmelbettes.

„Ja, gnädige Frau,“ antworte ich.

„Wie spät?“

„Neun Uhr vorbei.“

„Das Frühstück.“

Ich eile es zu holen und knie dann mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette

nieder.

„Hier ist das Frühstück, Herrin.“

Wanda schlägt die Vorhänge zurück und seltsam, wie ich sie in ihren

weißen Kissen mit dem aufgelösten flutenden Haare sehe, erscheint sie

mir im ersten Augenblick vollkommen fremd, ein schönes Weib; aber die

geliebten Züge sind es nicht, dieses Antlitz ist hart und hat einen

unheimlichen Ausdruck von Müdigkeit, von Übersättigung.

Oder habe ich für dies alles früher kein Auge gehabt?

Sie heftet die grünen Augen mehr neugierig als drohend oder etwa

mitleidig auf mich und zieht den dunklen Schlafpelz, in dem sie ruht,

träge über die entblößte Schulter herauf.

In diesem Augenblicke ist sie so reizend, so sinnverwirrend, daß ich

mein Blut zu Kopf und Herzen steigen fühle, und das Brett in meiner

Hand zu schwanken beginnt. Sie bemerkt es und greift nach der Peitsche,

die auf ihrem Nachttisch liegt.

„Du bist ungeschickt, Sklave,“ sagte sie, die Stirne runzelnd.

Ich senke den Blick zur Erde und halte das Brett, so fest ich nur kann,

und sie nimmt ihr Frühstück und gähnt und dehnt ihre üppigen Glieder in

dem herrlichen Pelz.

* *

*

Sie hat geklingelt. Ich trete ein.

„Diesen Brief an den Fürsten Corsini.“

Ich eile in die Stadt, übergebe den Brief dem Fürsten, einem jungen

schönen Mann mit glühenden schwarzen Augen und bringe ihr von

Eifersucht verzehrt die Antwort.

„Was ist dir?“ fragt sie hämisch lauernd, „du bist so entsetzlich

bleich.“

„Nichts, Herrin, ich bin nur etwas rasch gegangen.“

* *

*

Beim Dejeuner ist der Fürst an ihrer Seite, und ich bin verurteilt,

sie und ihn zu bedienen, während sie scherzen und ich für beide gar

nicht auf der Welt bin. Einen Augenblick wird es mir schwarz vor den

Augen, ich schenke eben Bordeaux in sein Glas und schütte ihn über das

Tischtuch, über ihre Robe.

„Wie ungeschickt,“ ruft Wanda und gibt mir eine Ohrfeige, der Fürst

lacht und sie lacht gleichfalls und mir schießt das Blut ins Gesicht.

* *

*

Nach dem Dejeuner fährt sie in die Cascine. Sie kutschiert selbst den

kleinen Wagen mit den hübschen englischen Braunen, ich sitze hinter ihr

und sehe wie sie kokettiert und lächelnd dankt, wenn sie von einem der

vornehmen Herren gegrüßt wird.

Wie ich ihr aus dem Wagen helfe, stützt sie sich leicht auf meinen

Arm, die Berührung durchzuckt mich elektrisch. Ach! das Weib ist doch

wunderbar und ich liebe sie mehr als je.

* *

*

Zum Diner um sechs abends ist eine kleine Gesellschaft von Damen und

Herren da. Ich serviere und diesmal schütte ich keinen Wein über das

Tischtuch.

Eine Ohrfeige ist doch eigentlich mehr als zehn Vorlesungen, man

begreift dabei so schnell, besonders wenn es eine kleine volle

Frauenhand ist, die uns belehrt.

* *

*

Nach dem Diner fährt sie in die Pergola; wie sie die Treppe hinabkommt

in ihrem schwarzen Samtkleide, mit dem großen Kragen von Hermelin, ein

Diadem aus weißen Rosen im Haare, sieht sie wahrhaft blendend aus.

Ich öffne den Schlag, helfe ihr in den Wagen. Vor dem Theater springe

ich vom Bock, sie stützt sich beim Aussteigen auf meinen Arm, welcher

unter der süßen Last erbebt. Ich öffne ihr die Türe der Loge und warte

dann im Gange. Vier Stunden dauert die Vorstellung, während welcher

sie die Besuche ihrer Kavaliere empfängt und ich die Zähne vor Wut

zusammenbeiße.

* *

*

Es ist weit über Mitternacht, als die Klingel der Herrin zum letzten

Male tönt.

„Feuer!“ befiehlt sie kurz, und wie es im Kamine prasselt, „Tee“.

Als ich mit dem Samowar zurückkehre, hat sie sich bereits entkleidet

und schlüpft eben mit Hilfe der Negerin in ihr weißes Negligée.

Haydée entfernt sich hierauf.

„Gib mir den Schlafpelz,“ sagt Wanda, ihre schönen Glieder schläfrig

dehnend. Ich hebe ihn vom Fauteuil und halte ihn, während sie langsam

träge in die Ärmel schlüpft. Dann wirft sie sich in die Polster der

Ottomane.

„Ziehe mir die Schuhe aus und dann die Samtpantoffel an.“

Ich knie nieder und ziehe an dem kleinen Schuh, welcher mir widersteht.

„Rasch! rasch!“ ruft Wanda, „du tust mir weh! warte nur -- ich werde

dich noch abrichten.“ Sie schlägt mich mit der Peitsche, schon ist es

gelungen!

„Und jetzt marsch!“ noch ein Fußtritt -- dann darf ich zur Ruhe gehen.

* *

*

Heute habe ich sie zu einer Soirée begleitet. Im Vorzimmer befahl sie

mir, ihr den Pelz abzunehmen, dann trat sie mit einem stolzen Lächeln,

ihres Sieges gewiß, in den glänzend erleuchteten Saal, und ich konnte

wieder Stunde auf Stunde in trüben einförmigen Gedanken verrinnen

sehen; von Zeit zu Zeit tönte Musik zu mir heraus, wenn die Türe einen

Augenblick geöffnet blieb. Ein paar Lakaien versuchten ein Gespräch

mit mir einzuleiten, da ich aber nur wenige Worte Italienisch spreche,

gaben sie es bald auf.

Ich schlafe endlich ein und träume, daß ich Wanda in einem wütenden

Anfall von Eifersucht morde und zum Tode verurteilt werde, ich sehe

mich an das Brett geschnallt, das Beil fällt, ich fühle es im Nacken,

aber ich lebe noch --

Da schlägt mich der Henker ins Gesicht --

Nein, es ist nicht der Henker, es ist Wanda, welche zornig vor mir

steht und ihren Pelz verlangt. Ich bin im Augenblick bei ihr und helfe

ihr hinein.

Es ist doch ein Genuß, einem schönen üppigen Weibe einen Pelz

umzugeben, zu sehen, zu fühlen, wie ihr Nacken, ihre herrlichen Glieder

sich in die köstlichen weichen Felle schmiegen, und die wogenden

Locken aufzuheben und über den Kragen zu legen, und dann wenn sie ihn

abwirft und die holde Wärme und ein leichter Duft ihres Leibes hängen

an den goldenen Haarspitzen des Zobels -- es ist um die Sinne zu

verlieren!

* *

*

Endlich ein Tag ohne Gäste, ohne Theater, ohne Gesellschaft. Ich atme

auf. Wanda sitzt in der Galerie und liest, für mich scheint sie keinen

Auftrag zu haben. Mit der Dämmerung, dem silbernen Abendnebel zieht sie

sich zurück. Ich bediene sie beim Diner, sie speist allein, aber sie

hat keinen Blick, keine Silbe für mich, nicht einmal -- eine Ohrfeige.

Ach! wie sehne ich mich nach einem Schlag von ihrer Hand.

Mir kommen die Tränen, ich fühle, wie tief sie mich erniedrigt hat, so

tief, daß sie es nicht einmal der Mühe wert findet, mich zu quälen, zu

mißhandeln.

Ehe sie zu Bette geht, ruft mich ihre Klingel.

„Du wirst heute nacht bei mir schlafen, ich habe die vorige Nacht

abscheuliche Träume gehabt und fürchte mich, allein zu sein. Nimm dir

ein Polster von der Ottomane und lege dich auf das Bärenfell zu meinen

Füßen.“

Hierauf verlöschte Wanda die Lichter, so daß nur eine kleine Ampel von

der Decke herab das Zimmer beleuchtete, und stieg in das Bett. „Rühre

dich nicht, damit du mich nicht weckst.“

Ich tat, wie sie befohlen hatte, aber ich konnte lange nicht

einschlafen; ich sah das schöne Weib, schön wie eine Göttin, in ihrem

dunklen Schlafpelz ruhen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem

Nacken, von ihren roten Haaren überflutet; ich hörte, wie sich ihre

herrliche Brust in tiefem regelmäßigen Atemholen hob, und jedesmal,

wenn sie sich nur regte, war ich wach und lauschte, ob sie meiner

bedürfe.

Aber sie bedurfte meiner nicht.

Ich hatte keine andere Aufgabe zu erfüllen, keine höhere Bedeutung für

sie, als ein Nachtlicht oder ein Revolver, den man sich zum Bette legt.

* *

*

Bin ich toll oder ist sie es? Entspringt dies alles in einem

erfinderischen mutwilligen Frauengehirne, in der Absicht, meine

übersinnlichen Phantasien zu übertreffen, oder ist dies Weib wirklich

eine jener neronischen Naturen, welche einen teuflischen Genuß darin

finden, Menschen, welche denken und empfinden und einen Willen haben

wie sie selbst, gleich einem Wurme unter dem Fuße zu haben?

Was habe ich erlebt!

Als ich mit dem Kaffeebrett vor ihrem Bette niederkniete, legte Wanda

plötzlich die Hand auf meine Schulter und tauchte ihre Augen tief in

die meinen.

„Was du für schöne Augen hast,“ sprach sie leise, „und jetzt erst

recht, seitdem du leidest. Bist du recht unglücklich?“

Ich senkte den Kopf und schwieg.

„Severin! liebst du mich noch,“ rief sie plötzlich leidenschaftlich,

„kannst du mich noch lieben?“ und sie riß mich mit solcher Gewalt an

sich, daß das Brett umklappte, die Kannen und Tassen zu Boden fielen

und der Kaffee über den Teppich lief.

„Wanda -- meine Wanda,“ schrie ich auf und preßte sie heftig an mich

und bedeckte ihren Mund, ihr Antlitz, ihre Brust mit Küssen. „Das ist

ja mein Elend, daß ich dich immer mehr, immer wahnsinniger liebe, je

mehr du mich mißhandelst, je öfter du mich verratest! o! ich werde noch

sterben vor Schmerz und Liebe und Eifersucht.“

„Aber ich habe dich ja noch gar nicht verraten, Severin,“ erwiderte

Wanda lächelnd.

„Nicht? Wanda! Um Gotteswillen! scherze nicht so unbarmherzig mit mir,“

rief ich. „Habe ich nicht selbst den Brief zum Fürsten --“

„Allerdings, eine Einladung zum Dejeuner.“

„Du hast, seitdem wir in Florenz sind --“

„Dir die Treue vollkommen bewahrt,“ entgegnete Wanda, „ich schwöre es

dir bei allem, was mir heilig ist. Ich habe alles nur getan, um deine

Phantasie zu erfüllen, nur deinetwegen.

„Aber ich werde mir einen Anbeter nehmen, sonst ist die Sache nur halb,

und du machst mir am Ende noch Vorwürfe, daß ich nicht grausam genug

gegen dich war. Mein lieber, schöner Sklave! Heute aber sollst du

wieder einmal Severin, sollst du ganz nur mein Geliebter sein. Ich habe

deine Kleider nicht fortgegeben, du findest sie hier im Kasten, ziehe

dich so an, wie du damals warst in dem kleinen Karpathenbade, wo wir

uns so innig liebten; vergiß alles, was seitdem geschehen ist, o, du

wirst es leicht vergessen in meinen Armen, ich küsse dir allen Kummer

weg.“

Venus im Pelz · 第 6 / 10 段