Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben,

drohten mir die Knie zu brechen.

Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten

heraus.

„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“

„Einen Brief --“

„An mich?“

Ich nickte.

„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.

„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“

„+Ich wiederhole es Ihnen+,“ sprach sie.

„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich

reichte ihr den Brief.

„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen,

daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir als +Mann+

genügen oder nicht, und zum +Sklaven+ sind Sie jedenfalls gut

genug.“

„Gnädige Frau!“ rief ich empört.

„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den

Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre

Angelegenheiten binnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen

nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“

„Wanda --“

„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort

abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei

mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie

heißen von nun an nicht mehr Severin, sondern +Gregor+.“

Ich bebte vor Wut und doch -- ich kann es leider nicht leugnen -- auch

vor Genuß und prickelnder Aufregung.

„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich

verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er

mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche --“

„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so

besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein

Sklave.“

„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von

Ehre unmöglich --“

„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß

Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen

haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem

zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“

Ich wendete mich zur Türe.

„Noch nicht -- du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie

mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und

ich -- ich Dilettant -- ich Esel -- ich elender Sklave -- preßte sie

mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen

Lippen.

Noch ein gnädiges Kopfnicken.

Dann war ich entlassen.

* *

*

Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen,

denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und

der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit

voller Gewalt hereingebrochen.

Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.

Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten

Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art,

wie sie die große Katharina zu tragen liebte.

„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.

„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.

„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer

Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier

fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem

Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, -- mein Sklave, mein Diener.

Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“

Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und sie hereingetreten war,

fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich

dir?“

„Du --“

„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.

„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“

Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder

-- hier neben meinem Sessel.“

Ich gehorchte.

„Küss’ mir die Hand.“

Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.

„Und den Mund --“

Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne,

grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden

Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück -- die Lider wie

im Traum geschlossen -- bis nach Mitternacht.

* *

*

Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur

Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine

Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu

einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem

geahnt werden konnte.

[Illustration]

Noch ging alles gut. Ich saß an Wandas Seite, und sie plauderte auf

das Liebenswürdigste und Geistreichste mit mir, wie mit einem guten

Freunde, über Italien, über Pisemskis neuen Roman und Wagnerische

Musik. Sie trug auf der Reise eine Art Amazone, ein Kleid von

schwarzem Tuche und eine kurze Jacke von gleichem Stoffe mit dunklem

Pelzbesatz, welche sich knapp an ihre schlanken Formen schlossen und

dieselben prächtig hoben, darüber einen dunklen Reisepelz. Das Haar,

in einen antiken Knoten geschlungen, ruhte unter einer kleinen dunklen

Pelzmütze, von welcher ein schwarzer Schleier ringsum herabfiel. Wanda

war sehr gut aufgelegt, steckte mir Bonbons in den Mund, frisierte

mich, löste mein Halstuch und schlang es in eine reizende, kleine

Masche, deckte ihren Pelz über meine Knie, um dann verstohlen die

Finger meiner Hand zusammenzupressen, und wenn unser jüdischer Kutscher

einige Zeit konsequent vor sich hinnickte, gab sie mir sogar einen Kuß

und ihre kalten Lippen hatten dabei jenen frischen, frostigen Duft

einer jungen Rose, welche im Herbste einsam zwischen kahlen Stauden

und gelben Blättern blüht, und deren Kelch der erste Reif mit kleinen,

eisigen Diamanten behangen hat.

* *

*

Das ist die Kreisstadt. Wir steigen vor dem Bahnhofe aus. Wanda wirft

ihren Pelz ab und mir mit einem reizenden Lächeln über den Arm, dann

geht sie die Karten lösen.

Wie sie zurückkehrt, ist sie vollkommen verändert.

„Hier ist dein Billett, Gregor,“ spricht sie in dem Tone, in welchem

hochmütige Damen zu ihren Lakaien sprechen.

„Ein Billett dritter Klasse,“ erwidere ich mit komischem Entsetzen.

„Natürlich,“ fährt sie fort, „nun gib aber acht, du steigst erst dann

ein, wenn ich im Coupé bin und deiner nicht mehr bedarf. Auf jeder

Station hast du zu meinem Waggon zu eilen und nach meinen Befehlen zu

fragen. Versäume dies ja nicht. Und nun gib mir meinen Pelz.“

Nachdem ich ihr demütig wie ein Sklave hineingeholfen, suchte sie,

von mir gefolgt, ein leeres Coupé erster Klasse auf, sprang auf meine

Schulter gestützt hinein und ließ sich von mir die Füße in Bärenfelle

einhüllen und auf die Wärmflasche setzen.

Dann nickte sie mir zu und entließ mich. Ich stieg langsam in einen

Waggon dritter Klasse, der mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm, wie

die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war, und hatte nun

Muße, über die Rätsel des menschlichen Daseins nachzudenken, und über

das größte dieser Rätsel -- +das Weib+.

* *

*

So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und

erwarte mit abgezogener Mütze ihre Befehle. Sie wünscht bald einen

Kaffee, bald ein Glas Wasser, einmal ein kleines Souper, ein anderesmal

ein Becken mit warmem Wasser, um sich die Hände zu waschen, so geht

es fort, sie läßt sich von ein paar Kavalieren, die in ihr Coupé

gestiegen sind, den Hof machen; ich sterbe vor Eifersucht und muß

Sätze machen wie ein Springbock, um jedesmal das Verlangte rasch zur

Stelle zu schaffen und den Zug nicht zu versäumen. So bricht die Nacht

herein. Ich kann weder einen Bissen essen noch schlafen, atme dieselbe

verzwiebelte Luft mit polnischen Bauern, Handelsjuden und gemeinen

Soldaten, und sie liegt, wenn ich die Stufen ihres Coupé ersteige,

in ihrem behaglichen Pelz auf den Polstern ausgestreckt, mit den

Tierfellen bedeckt, eine orientalische Despotin, und die Herren sitzen

gleich indischen Göttern aufrecht an der Wand und wagen kaum zu atmen.

* *

*

In Wien, wo sie einen Tag bleibt, um Einkäufe zu machen, und vor allem

eine Reihe luxuriöser Toiletten anzuschaffen, fährt sie fort, mich als

ihren Bedienten zu behandeln. Ich gehe hinter ihr, respektvoll zehn

Schritte entfernt, sie reicht mir, ohne mich nur eines freundlichen

Blickes zu würdigen, die Pakete und läßt mich zuletzt wie einen Esel

beladen nachkeuchen.

Vor der Abfahrt nimmt sie alle meine Kleider, um sie an die Kellner

des Hotels zu verschenken, und befiehlt mir, ihre Livree anzuziehen,

ein Krakusenkostüm in ihren Farben, hellblau mit rotem Aufschlag und

viereckiger, roter Mütze, mit Pfauenfedern verziert, das mir gar nicht

übel steht.

Die silbernen Knöpfe tragen ihr Wappen. Ich habe das Gefühl, als wäre

ich verkauft oder hätte meine Seele dem Teufel verschrieben.

* *

*

Mein schöner Teufel führte mich in einer Tour von Wien bis Florenz,

statt der leinenen Masuren und fettlockigen Juden leisten mir

jetzt krausköpfige Contadini, ein prächtiger Sergeant des ersten

italienischen Grenadierregiments und ein armer deutscher Maler,

Gesellschaft. Der Tabakdampf riecht jetzt nicht mehr nach Zwiebel,

sondern nach Salami und Käse.

Es ist wieder Nacht geworden. Ich liege auf meinem hölzernen Ruhebette

auf der Folter, Arme und Beine sind mir wie zerbrochen. Aber poetisch

ist die Geschichte doch, die Sterne funkeln ringsum, der Sergeant hat

ein Gesicht wie Apollo von Belvedere, und der deutsche Maler singt ein

wunderbares deutsches Lied:

„Nun alle Schatten dunkeln

Und Stern auf Stern erwacht,

Welch Hauch der heißen Sehnsucht

Flutet durch die Nacht!“

„Durch das Meer der Träume

Steuert ohne Ruh’,

Steuert meine Seele

Deiner Seele zu.“

Und ich denke an die schöne Frau, die königlich ruhig in ihren weichen

Pelzen schläft.

* *

*

Florenz! Getümmel, Geschrei, zudringliche Fachini und Fiaker. Wanda

wählt einen Wagen und weist die Träger ab.

„Wozu hätte ich denn einen Diener,“ spricht sie, „Gregor -- hier ist

der Schein -- hole das Gepäck.“

Sie wickelt sich in ihren Pelz und sitzt ruhig im Wagen, während

ich die schweren Koffer, einen nach dem anderen herbeitrage. Unter

dem letzten breche ich einen Augenblick zusammen, ein freundlicher

Carabiniere mit intelligentem Gesicht steht mir bei. Sie lacht.

„Der muß schwer sein,“ sagte sie, „denn in dem sind alle meine Pelze.“

Ich steige auf den Bock und wische mir die hellen Tropfen von der

Stirne. Sie nennt das Hotel, der Fiaker treibt sein Pferd an. In

wenigen Minuten halten wir vor der glänzend erleuchteten Einfahrt.

„Sind Zimmer da?“ fragt sie den Portier.

„Ja, Madame.“

„Zwei für mich, eines für meinen Diener, alle mit Öfen.“

„Zwei elegante, Madame, beide mit Kaminen für Sie,“ entgegnete der

Garçon, der herbeigeeilt ist, „und eines ohne Heizung für den

Bedienten.“

„Zeigen Sie mir die Zimmer.“

Sie besichtigt sie, dann sagt sie kurzweg: „Gut. Ich bin zufrieden,

machen Sie nur rasch Feuer, der Diener kann im ungeheizten Zimmer

schlafen.“

Ich sehe sie nur an.

„Bringe die Koffer herauf, Gregor,“ befiehlt sie, ohne meine Blicke zu

beachten, „ich mache indes Toilette und gehe in den Speisesaal hinab.

Du kannst dann auch etwas zu Nacht essen.“

Während sie in das Nebenzimmer geht, schleppe ich die Koffer herauf,

helfe dem Garçon, der mich über meine „Herrschaft“ in schlechtem

Französisch auszufragen versucht, in ihrem Schlafzimmer Feuer machen

und sehe einen Augenblick mit stillem Neide den flackernden Kamin, das

duftige, weiße Himmelbett, die Teppiche, mit denen der Boden belegt

ist. Dann steige ich müde und hungrig eine Treppe hinab und verlange

etwas zu essen. Ein gutmütiger Kellner, der österreichischer Soldat

war und sich alle Mühe gibt, mich deutsch zu unterhalten, führt mich

in den Speisesaal und bedient mich. Eben habe ich nach sechsunddreißig

Stunden den ersten frischen Trunk getan, den ersten warmen Bissen auf

der Gabel, als sie hereintritt.

Ich erhebe mich.

[Illustration]

„Wie können Sie mich in ein Speisezimmer führen, in dem mein Bedienter

ißt,“ fährt sie den Garçon an, vor Zorn flammend, dreht sich um und

geht hinaus.

Ich danke indes dem Himmel, daß ich wenigstens ruhig weiteressen kann.

Hierauf steige ich vier Treppen zu meinem Zimmer empor, in dem bereits

mein kleiner Koffer steht und ein schmutziges Öllämpchen brennt, es

ist ein schmales Zimmer ohne Kamin, ohne Fenster, mit einem kleinen

Luftloch. Es würde mich -- wenn es nicht so hundekalt wäre -- an die

venetianischen Bleikammern erinnern. Ich muß unwillkürlich laut lachen,

so daß es widerhallt und ich über mein eigenes Gelächter erschrecke.

Plötzlich wird die Türe aufgerissen und der Garçon mit einer

theatralischen Geste, echt italienisch, ruft: „Sie sollen zu Madame

hinabkommen, augenblicklich!“ Ich nehme meine Mütze, stolpere einige

Stufen hinab, komme endlich glücklich im ersten Stockwerke vor ihrer

Türe an und klopfe.

„Herein!“

* *

*

Ich trete ein, schließe und bleibe an der Türe stehen.

Wanda hat es sich bequem gemacht, sie sitzt im Negligé von weißer

Mousseline und Spitzen auf einem kleinen, roten Samtdiwan, die Füße auf

einem Polster von gleichem Stoffe und hat ihren Pelzmantel umgeworfen,

denselben, in dem sie mir zuerst als Göttin der Liebe erschien.

Die gelben Lichter der Armleuchter, die auf dem Trumeau stehen, ihre

Reflexe in dem großen Spiegel und die roten Flammen des Kaminfeuers

spielen herrlich auf dem grünen Samt, dem dunkelbraunen Zobel des

Mantels, auf der weißen, glatt gespannten Haut und in dem roten,

flammenden Haare der schönen Frau, welche mir ihr helles, aber kaltes

Antlitz zukehrt und ihre kalten, grünen Augen auf mir ruhen läßt.

„Ich bin mit dir zufrieden, Gregor,“ begann sie.

Ich verneigte mich.

„Komm näher.“

Ich gehorchte.

„Noch näher,“ sie blickte hinab und strich mit der Hand über den

Zobel. „Venus im Pelz empfängt ihren Sklaven. Ich sehe, daß Sie doch

mehr sind als ein gewöhnlicher Phantast, Sie bleiben mindestens hinter

Ihren Träumen nicht zurück, Sie sind der Mann, was Sie sich auch

einbilden mögen, und wäre es das Tollste, auszuführen; ich gestehe,

das gefällt mir, das imponiert mir. Es liegt Stärke darin, und nur

die Stärke achtet man. Ich glaube sogar, Sie würden in ungewöhnlichen

Verhältnissen, in einer großen Zeit, das was Ihre Schwäche scheint,

als eine wunderbare Kraft offenbaren. Unter den ersten Kaisern wären

Sie ein Märtyrer, zur Zeit der Reformation ein Anabaptist, in der

französischen Revolution einer jener begeisterten Girondisten geworden,

die mit der Marseillaise auf den Lippen die Guillotine bestiegen. So

aber sind Sie mein Sklave, mein --“

Sie sprang plötzlich auf, so daß der Pelz herabsank, und schlang die

Arme mit sanfter Gewalt um meinen Hals.

„Mein geliebter Sklave, Severin, o! wie ich dich liebe, wie ich dich

anbete, wie schmuck du in dem Krakauerkostüme aussiehst, aber du wirst

heute Nacht frieren in dem elenden Zimmer da oben ohne Kamin, soll ich

dir meinen Pelz geben, mein Herzchen, den großen da --“

Sie hob ihn rasch auf, warf ihn mir auf die Schultern und hatte mich,

ehe ich mich versah, vollkommen darin eingewickelt.

„Ah! wie gut das Pelzwerk dir zu Gesichte steht, deine noblen Züge

treten erst recht hervor. Sobald du nicht mehr mein Sklave bist, wirst

du einen Samtrock tragen mit Zobel, verstehst du, sonst ziehe ich nie

mehr eine Pelzjacke an --“

Und wieder begann sie mich zu streicheln, zu küssen und zog mich

endlich auf den kleinen Samtdiwan nieder.

„Du gefällst dir, glaube ich, in dem Pelze,“ sagte sie, „gib ihn mir,

rasch, rasch, sonst verliere ich ganz das Gefühl meiner Würde.“

Ich legte den Pelz um sie, und Wanda schlüpfte mit dem rechten Arme in

den Ärmel.

„So ist es auf dem Bilde von Titian. Nun aber genug des Scherzes. Sieh

doch nicht immer so unglücklich drein, das macht mich traurig, du bist

ja vorläufig nur für die Welt mein Diener, mein Sklave bist du noch

nicht, du hast den Vertrag noch nicht unterzeichnet, du bist noch frei,

kannst mich jeden Augenblick verlassen; du hast deine Rolle herrlich

gespielt. Ich war entzückt, aber hast du es nicht schon satt, findest

du mich nicht abscheulich? Nun, so sprich doch -- ich befehle es dir.“

„Muß ich es dir gestehen, Wanda?“ begann ich.

„Ja, du mußt.“

„Und wenn du es dann auch mißbrauchst,“ fuhr ich fort, „ich bin

verliebter als je in dich, und ich werde dich immer mehr, immer

fanatischer verehren, anbeten, je mehr du mich mißhandelst, so wie du

jetzt gegen mich warst, entzündest du mein Blut, berauschest du alle

meine Sinne“ -- ich preßte sie an mich und hing einige Augenblicke

an ihren feuchten Lippen -- „du schönes Weib,“ rief ich dann, sie

betrachtend, und riß in meinem Enthusiasmus den Zobelpelz von ihren

Schultern und preßte meinen Mund auf ihren Nacken.

„Du liebst mich also, wenn ich grausam bin,“ sprach Wanda, „geh jetzt!

-- du langweilst mich -- hörst du nicht --“

Sie gab mir eine Ohrfeige, daß es mir in dem Auge blitzte und im Ohr

läutete.

„Hilf mir in meinen Pelz, Sklave.“

Ich half, so gut ich konnte.

„Wie ungeschickt,“ rief sie, und kaum hatte sie ihn an, schlug sie mich

wieder ins Gesicht. Ich fühlte es, wie ich mich entfärbte.

„Habe ich dir weh getan?“ fragte sie und legte die Hand sanft auf mich.

„Nein, nein,“ rief ich.

„Du darfst dich allerdings nicht beklagen, du willst es ja so; nun, gib

mir noch einen Kuß.“

Ich schlang die Arme um sie, und ihre Lippen sogen sich an den meinen

fest, und wie sie in dem großen, schweren Pelze an meiner Brust lag,

hatte ich ein seltsames, beklemmendes Gefühl, wie wenn mich ein wildes

Tier, eine Bärin umarmen würde, und mir war es, als müßte ich jetzt

ihre Krallen in meinem Fleische fühlen. Aber für diesmal entließ mich

die Bärin gnädig.

Die Brust von lachenden Hoffnungen erfüllt, stieg ich in mein elendes

Bedientenzimmer und warf mich auf mein hartes Bett.

„Das Leben ist doch eigentlich urkomisch,“ dachte ich mir, „vor kurzem

hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und

jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche

die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch

die Teufel auf Eisfelder treiben lassen.

Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern

geschlafen.“

* *

*

Ich bin heute Nacht mit einem Schrei aus dem Schlafe aufgeschreckt,

ich habe von einem Eisfelde geträumt, auf dem ich mich verirrt hatte

und vergebens den Ausweg suchte. Plötzlich kam ein Eskimo in einem mit

Renntier bespannten Schlitten und hatte das Gesicht des Garçons, der

mir das ungeheizte Zimmer angewiesen.

„Was suchen Sie hier, Monsieur?“ rief er, „hier ist der Nordpol.“

Im nächsten Augenblicke war er verschwunden, und Wanda flog auf kleinen

Schlittschuhen über die Eisfläche heran, ihr weißer Atlasrock flatterte

und knisterte, der Hermelin ihrer Jacke und Mütze, vor allem aber ihr

Antlitz schimmerte weißer als der weiße Schnee, sie schoß auf mich zu,

schloß mich in ihre Arme und begann mich zu küssen, plötzlich fühlte

ich mein Blut warm an mir herabrieseln.

„Was tust du?“ fragte ich entsetzt.

Sie lachte, und wie ich sie jetzt ansah, war es nicht mehr Wanda,

sondern eine große, weiße Bärin, welche ihre Tatzen in meinen Leib

bohrte.

Ich schrie verzweifelt auf und hörte ihr teuflisches Gelächter noch,

als ich erwacht war und erstaunt im Zimmer herumsah.

* *

*

Früh am Morgen stand ich bereits an Wandas Türe, und als der Garçon den

Kaffee brachte, nahm ich ihm denselben und servierte ihn meiner schönen

Herrin. Sie hatte bereits Toilette gemacht und sah prächtig aus, frisch

und rosig, lächelte mir freundlich zu und rief mich zurück, als ich

mich respektvoll entfernen wollte.

„Nimm auch rasch dein Frühstück, Gregor,“ sprach sie, „wir gehen dann

sofort Wohnungen suchen, ich will so kurz als möglich im Hotel bleiben,

hier sind wir furchtbar geniert, und wenn ich etwas länger mit dir

plaudre, heißt es gleich: die Russin hat mit ihrem Bedienten ein

Liebesverhältnis, man sieht, die Rasse der Katharina stirbt nicht aus.“

Eine halbe Stunde später gingen wir aus, Wanda in ihrem Tuchkleide,

ihrer russischen Mütze, ich in meinem Krakauerkostüm. Wir erregten

Aufsehen. Ich ging etwa zehn Schritte entfernt hinter ihr und machte

ein finsteres Gesicht, während ich jede Sekunde in lautes Lachen

auszubrechen fürchtete. Es gab kaum eine Straße, in der nicht an

einem der hübschen Häuser eine kleine Tafel mit dem „~Camere

ammobiliate~“ prangte. Wanda sendete mich jedesmal die Treppe

hinauf, und nur wenn ich die Meldung machte, daß die Wohnung ihren

Absichten zu entsprechen scheine, stieg sie selbst empor. So war ich um

Mittag herum bereits so müde, wie ein Jagdhund nach einer Parforcejagd.

Wieder traten wir in ein Haus und wieder verließen wir es, ohne eine

passende Wohnung gefunden zu haben. Wanda war bereits etwas ärgerlich.

Plötzlich sagte sie zu mir: „Severin, der Ernst, mit dem du deine Rolle

spielst, ist reizend, und der Zwang, den wir uns auferlegt haben, regt

mich geradezu auf, ich halte es nicht mehr aus, du bist zu lieb, ich

muß dir einen Kuß geben. Komm in ein Haus hinein.“

„Aber gnädige Frau --“ wendete ich ein.

„Gregor!“ sie trat in die nächste offene Flur, ging einige Stufen der

dunklen Stiege hinauf, schlang dann mit heißer Zärtlichkeit die Arme um

mich und küßte mich.

[Illustration]

„Ach! Severin, du warst sehr klug, du bist als Sklave weit

gefährlicher, als ich dachte, ja, ich finde dich unwiderstehlich, ich

fürchte, ich werde mich noch einmal in dich verlieben.“

„Liebst du mich denn nicht mehr?“ fragte ich, von einem jähen Schrecken

ergriffen.

Sie schüttelte ernsthaft den Kopf, küßte mich aber wieder mit ihren

schwellenden, köstlichen Lippen.

Wir kehrten in das Hotel zurück. Wanda nahm das Gabelfrühstück und

gebot mir, ebenfalls rasch etwas zu essen.

Ich wurde aber selbstverständlich nicht so rasch bedient wie sie, und

so geschah es, daß ich eben den zweiten Bissen meines Beefsteaks zum

Munde führte, als der Garçon eintrat und mit seiner theatralischen

Geste rief: „Augenblicklich zu Madame.“

Ich nahm einen raschen und schmerzlichen Abschied von meinem Frühstück

und eilte müde und hungrig Wanda nach, welche bereits in der Straße

stand.

„Für so grausam habe ich Sie doch nicht gehalten, Herrin,“ sagte ich

vorwurfsvoll, „daß Sie mich nach allen diesen Fatiguen nicht einmal

ruhig essen lassen.“

Wanda lachte herzlich. „Ich dachte, du bist fertig,“ sprach sie, „aber

es ist auch so gut. Der Mensch ist zum Leiden geboren und du ganz

besonders. Die Märtyrer haben auch keine Beefsteaks gegessen.“

Ich folgte ihr grollend, in meinen Hunger verbissen.

„Ich habe die Idee, eine Wohnung in der Stadt zu nehmen, aufgegeben,“

fuhr Wanda fort, „man findet schwer ein ganzes Stockwerk, in dem man

abgeschlossen ist und tun kann, was man will. Bei einem so seltsamen,

phantastischen Verhältnisse, wie es das unsere ist, muß alles

zusammenstimmen. Ich werde eine ganze Villa mieten und -- nun, warte

nur, du wirst staunen. Ich erlaube dir jetzt, dich satt zu essen und

dich dann etwas in Florenz umzusehen. Vor dem Abend komme ich nicht

nach Hause. Wenn ich dich dann brauche, werde ich dich schon rufen

lassen.“

* *

*

Ich habe den Dom gesehen, den Palazzo vecchio, die Loggia di Lanzi und

bin dann lange am Arno gestanden. Immer wieder ließ ich meinen Blick

auf dem herrlichen, altertümlichen Florenz ruhen, dessen runde Kuppeln

und Türme sich weich in den blauen, wolkenlosen Himmel zeichneten, auf

den prächtigen Brücken, durch deren weite Bogen der schöne, gelbe Fluß

seine lebhaften Wellen trieb, auf den grünen Hügeln, welche, schlanke

Zypressen und weitläufige Gebäude, Paläste oder Klöster tragend, die

Stadt umgeben.

Es ist eine andere Welt, in der wir uns befinden, eine heitere,

sinnliche und lachende. Auch die Landschaft hat nichts von dem Ernst,

der Schwermut der unseren. Da ist weithin, bis zu den letzten weißen

Villen, die im hellgrünen Gebirge zerstreut sind, kein Fleckchen, das

die Sonne nicht in das hellste Licht setzen würde, und die Menschen

sind weniger ernst wie wir, und mögen weniger denken, sie sehen aber

alle aus, wie wenn sie glücklich wären.

Man behauptet auch, daß man im Süden leichter stirbt.

Mir ahnt jetzt, daß es eine Schönheit gibt ohne Stachel und eine

Sinnlichkeit ohne Qual.

Venus im Pelz · 第 5 / 10 段