„Weil sie heuchelt,“ sagte ich, „ich achte nur eine Frau, die

tugendhaft ist oder offen dem Genusse lebt.“

„So wie ich,“ entgegnete Wanda scherzend, „aber siehst du, mein Kind,

die Frau kann das nur in den seltensten Fällen. Sie kann weder so

heiter sinnlich, noch so geistig frei sein, wie der Mann, ihre Liebe

ist stets ein aus Sinnlichkeit und geistiger Neigung gemischter

Zustand. Ihr Herz verlangt darnach, den Mann dauernd zu fesseln,

während sie selbst dem Wechsel unterworfen ist; so kommt ein Zwiespalt,

kommt Lüge und Trug, meist gegen ihren Willen, in ihr Handeln, in ihr

Wesen und verdirbt ihren Charakter.“

„Gewiß ist es so,“ sagte ich, „der transszendentale Charakter, welchen

die Frau der Liebe aufdrücken will, führt sie zum Betrug.“

„Aber die Welt verlangt ihn auch,“ fiel mir Wanda in das Wort, „sieh

diese Frau an, sie hat in Lemberg ihren Mann und ihren Liebhaber und

hier hat sie einen neuen Anbeter gefunden, und sie betrügt sie alle und

ist doch von allen verehrt und von der Welt geachtet.“

„Meinetwegen,“ rief ich, „sie soll dich nur aus dem Spiele lassen, aber

sie behandelt dich ja wie eine Ware.“

„Warum nicht?“ unterbrach mich das schöne Weib lebhaft. „Jede Frau hat

den Instinkt, die Neigung, aus ihren Reizen Nutzen zu ziehen, und es

hat viel für sich, sich ohne Liebe, ohne Genuß hinzugeben, man bleibt

hübsch kaltblütig dabei und kann seinen Vorteil wahrnehmen.“

„Wanda, du sagst das?“

„Warum nicht,“ sprach sie, „merk’ dir überhaupt, was ich dir jetzt

sage: +fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das du liebst+, denn die

Natur des Weibes birgt mehr Gefahren, als du glaubst. Die Frauen

sind weder so +gut+, wie ihre Verehrer und Verteidiger, noch so

+schlecht+, wie ihre Feinde sie machen. +Der Charakter der Frau ist

die Charakterlosigkeit.+ Die beste Frau sinkt momentan in den Schmutz,

die schlechteste erhebt sich unerwartet zu großen, guten Handlungen

und beschämt ihre Verächter. Kein Weib ist so gut oder so böse, daß es

nicht jeden Augenblick sowohl der teuflischsten, als der göttlichsten,

der schmutzigsten, wie der reinsten Gedanken, Gefühle, Handlungen fähig

wäre. Das Weib ist eben, trotz allen Fortschritten der Zivilisation,

so geblieben, wie es aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, es hat

den Charakter des +Wilden+, welcher sich treu und treulos, großmütig

und grausam zeigt, je nach der Regung, die ihn gerade beherrscht. Zu

allen Zeiten hat nur ernste, tiefe Bildung den sittlichen Charakter

geschaffen; so folgt der Mann, auch wenn er selbstsüchtig, wenn er

böswillig ist, stets +Prinzipien+, das Weib aber folgt immer nur

+Regungen+. Vergiß das nie und fühle dich nie sicher bei dem Weibe, das

du liebst.“

* *

*

Die Freundin ist fort. Endlich ein Abend mit ihr allein. Es ist, als

hätte Wanda alle Liebe, welche sie mir entzogen hat, für diesen einen

seligen Abend aufgespart, so gütig, so innig, so voll der Gnaden ist

sie.

Welche Seligkeit, an ihren Lippen zu hängen, in ihren Armen

hinzusterben und dann, wie sie so ganz aufgelöst, so ganz mir

hingegeben an meiner Brust ruht und unsere Augen wonnetrunken

ineinander tauchen.

Ich kann es noch nicht glauben, nicht fassen, daß dieses Weib mein ist,

ganz mein.

„In einem Punkte hat sie doch recht,“ begann Wanda, ohne sich zu regen,

ohne nur die Augen zu öffnen, wie im Schlaf.

„Wer?“

Sie schwieg.

„Deine Freundin?“

Sie nickte. „Ja, sie hat recht, du bist kein Mann, du bist ein

Phantast, ein reizender Anbeter, und wärst gewiß ein unbezahlbarer

Sklave, aber als Gatten kann ich dich mir nicht denken.“

Ich erschrak.

„Was hast du? du zitterst?“

„Ich bebe bei dem Gedanken, wie leicht ich dich verlieren kann,“

erwiderte ich.

„Nun, bist du deshalb jetzt weniger glücklich?“ entgegnete sie, „raubt

es dir etwas von deinen Freuden, daß ich vor dir anderen gehört habe,

daß mich andere nach dir besitzen werden, und würdest du weniger

genießen, wenn ein anderer mit dir zugleich glücklich wäre?“

„Wanda!“

„Siehst du,“ fuhr sie fort, „das wäre ein Ausweg. Du willst mich nie

verlieren, mir bist du lieb und sagst mir geistig so zu, daß ich immer

mit dir leben möchte, wenn ich neben dir --“

„Welch ein Gedanke!“ schrie ich auf, „ich empfinde eine Art Grauen vor

dir.“

„Und liebst du mich weniger?“

„Im Gegenteil.“

Wanda hatte sich auf ihren linken Arm aufgerichtet. „Ich glaube,“

sprach sie, „daß man, um einen Mann für immer zu fesseln, ihm vor allem

nicht treu sein darf. Welche brave Frau ist je so angebetet worden, wie

eine Hetäre?“

„In der Tat liegt in der Treulosigkeit eines geliebten Weibes ein

schmerzhafter Reiz, die höchste Wollust.“

„Auch für dich?“ fragte Wanda rasch.

„Auch für mich.“

„Wenn ich dir also dies Vergnügen mache?“ rief Wanda spöttisch.

„So werde ich entsetzlich leiden, dich aber um so mehr anbeten,“

entgegnete ich, „nur dürftest du mich nie betrügen, sondern müßtest die

dämonische Größe haben, mir zu sagen: ich werde dich allein lieben,

aber jeden glücklich machen, der mir gefällt.“

Wanda schüttelte den Kopf. „Mir widerstrebt der Betrug, ich bin

ehrlich, aber welcher Mann erliegt nicht unter der Wucht der Wahrheit.

Wenn ich dir sagen würde: dies sinnlich heitere Leben, dies Heidentum

ist mein Ideal, würdest du die Kraft haben, es zu ertragen?“

„Gewiß. Ich will alles von dir ertragen, nur dich nicht verlieren. Ich

fühle ja, wie wenig ich dir eigentlich bin.“

„Aber Severin --“

„Es ist doch so,“ sprach ich, „und eben deshalb --“

„Deshalb möchtest du --“ sie lächelte schelmisch -- „hab’ ich es

erraten?“

„Dein Sklave sein!“ rief ich, „dein willenloses, unbeschränktes

Eigentum, mit dem du nach Belieben schalten kannst, und das dir daher

nie zur Last werden kann. Ich möchte, während du das Leben in vollen

Zügen schlürfst, in üppigem Luxus gebettet das heitere Glück, die Liebe

des Olymps genießest, dir dienen, dir die Schuhe an- und ausziehen.“

„Eigentlich hast du nicht so unrecht,“ erwiderte Wanda, „denn nur als

mein Sklave könntest du es ertragen, daß ich andere liebe, und dann,

die Freiheit des Genusses der antiken Welt ist nicht denkbar ohne

Sklaverei. O! es muß ein Gefühl von Gottähnlichkeit geben, wenn man

Menschen vor sich knien, zittern sieht. Ich will Sklaven haben, hörst

du, Severin?“

„Bin ich nicht dein Sklave?“

„Hör’ mich also,“ sprach Wanda aufgeregt, meine Hand fassend, „ich will

dein sein, so lange ich dich liebe.“

„Einen Monat?“

„Vielleicht auch zwei.“

„Und dann?“

„Dann bist du mein Sklave.“

„Und du?“

„Ich? was fragst du noch? ich bin eine Göttin und steige manchmal

leise, ganz leise und heimlich aus meinem Olymp zu dir herab.“

„Aber was ist dies alles,“ sprach Wanda, den Kopf in beide Hände

gestützt, den Blick in die Weite verloren, „eine goldene Phantasie,

welche nie wahr werden kann.“ Eine unheimliche, brütende Schwermut war

über ihr ganzes Wesen ausgegossen; so hatte ich sie noch nie gesehen.

„Und warum unausführbar?“ begann ich.

„Weil es bei uns keine Sklaverei gibt.“

„So gehen wir in ein Land, wo sie noch besteht, in den Orient, in die

Türkei,“ sagte ich lebhaft.

„Du wolltest -- Severin -- im Ernste,“ entgegnete Wanda. Ihre Augen

brannten.

„Ja, ich will im Ernste dein Sklave sein,“ fuhr ich fort, „ich will,

daß deine Gewalt über mich durch das Gesetz geheiligt, daß mein Leben

in deiner Hand ist, nichts auf dieser Welt mich vor dir schützen oder

retten kann. O! welche Wollust, wenn ich mich ganz nur von deiner

Willkür, deiner Laune, einem Winke deines Fingers abhängig fühle. Und

dann -- welche Seligkeit, -- wenn du einmal gnädig bist, wenn der

Sklave die Lippen küssen darf, an denen für ihn Tod und Leben hängt!“

Ich kniete nieder und lehnte meine heiße Stirne an ihre Knie.

„Du fieberst, Severin,“ sprach Wanda erregt, „und du liebst mich

wirklich so unendlich?“ Sie schloß mich an ihre Brust und bedeckte mich

mit Küssen.

„Willst du also?“ begann sie zögernd.

„Ich schwöre dir hier, bei Gott und meiner Ehre, ich bin dein Sklave,

wo und wann du willst, sobald du es befiehlst,“ rief ich, meiner kaum

mehr mächtig.

„Und wenn ich dich beim Worte nehme?“ rief Wanda.

„Tu es.“

„Es hat einen Reiz für mich,“ sprach sie hierauf, „der kaum

seinesgleichen hat, einen Mann, der mich anbetet und den ich von ganzer

Seele liebe, mir so ganz hingegeben, von meinem Willen, meiner Laune

abhängig zu wissen, diesen Mann als Sklaven zu besitzen, während ich --“

Sie sah mich seltsam an.

„Wenn ich recht frivol werde, so bist du schuld --“ fuhr sie fort --

„ich glaube beinahe, du fürchtest dich jetzt schon vor mir, aber ich

habe deinen Schwur.“

„Und ich werde ihn halten.“

„Dafür laß mich sorgen,“ entgegnete sie. „Jetzt finde ich Genuß darin,

jetzt soll es bei Gott nicht lange mehr beim Phantasieren bleiben.

Du wirst mein Sklave, und ich -- ich werde versuchen, ‚+Venus im

Pelz+‘ zu sein.“

* *

*

Ich dachte diese Frau endlich zu kennen, zu verstehen, und ich sehe

nun, daß ich wieder von vorne anfangen kann. Mit welchem Widerwillen

nahm sie noch vor kurzem meine Phantasien auf und mit welchem Ernste

betreibt sie jetzt die Ausführung derselben.

Sie hat einen Vertrag entworfen, durch den ich mich bei Ehrenwort und

Eid verbinde, ihr Sklave zu sein, so lange sie es will.

Den Arm um meinen Nacken geschlungen, liest sie mir das unerhörte,

unglaubliche Dokument vor, nach jedem Satze macht ein Kuß den

Schlußpunkt.

„Aber der Vertrag enthält nur Pflichten für mich,“ sprach ich, sie

neckend.

„Natürlich,“ entgegnete sie mit großem Ernste, „du hörst auf, mein

Geliebter zu sein, ich bin also aller Pflichten, aller Rücksichten

gegen dich entbunden. Meine Gunst hast du dann als eine Gnade

anzusehen, Recht hast du keines mehr und darfst daher auch keines

geltend machen. Meine Macht über dich darf keine Grenzen haben.

Bedenke, Mann, du bist ja dann nicht viel besser als ein Hund, ein

lebloses Ding; du bist meine Sache, mein Spielzeug, das ich zerbrechen

kann, sobald es mir eine Stunde Zeitvertreib verspricht. Du bist nichts

und ich bin alles. Verstehst du?“ Sie lachte und küßte mich wieder und

doch überlief mich eine Art Schauer.

„Erlaubst du mir nicht einige Bedingungen --“ begann ich.

„Bedingungen?“ sie runzelte die Stirne. „Ah! du hast bereits Furcht,

oder bereust gar, doch das kommt alles zu spät, ich habe deinen Eid,

dein Ehrenwort. Aber laß hören.“

„Zuerst möchte ich in unserem Vertrag aufgenommen wissen, daß du dich

nie ganz von mir trennst, und dann, daß du mich nie der Roheit eines

deiner Anbeter preisgibst --“

„Aber Severin,“ rief Wanda mit bewegter Stimme, Tränen in den Augen,

„du kannst glauben, daß ich dich, einen Mann, der mich so liebt, der

sich so ganz in meine Hand gibt --“ sie stockte.

„Nein! nein!“ sprach ich, ihre Hände mit Küssen bedeckend, „ich fürchte

nichts von dir, was mich entehren könnte, vergib mir den häßlichen

Augenblick.“

Wanda lächelte selig, legte ihre Wange an die meine und schien

nachzusinnen.

„Etwas hast du vergessen,“ flüsterte sie jetzt schelmisch, „das

Wichtigste.“

„Eine Bedingung?“

„Ja, daß ich immer im Pelz erscheinen muß,“ rief Wanda, „aber dies

verspreche ich dir so, ich werde ihn schon deshalb tragen, weil er mir

das Gefühl einer Despotin gibt, und ich will sehr grausam gegen dich

sein, verstehst du?“

„Soll ich den Vertrag unterzeichnen?“ fragte ich.

„Noch nicht,“ sprach Wanda, „ich werde vorher deine Bedingungen

hinzufügen, und überhaupt wirst du ihn erst an Ort und Stelle

unterzeichnen.“

„In Konstantinopel?“

„Nein. Ich habe es mir überlegt. Welchen Wert hat es für mich, dort

einen Sklaven zu haben, wo jeder Sklaven hat; ich will, hier in unserer

gebildeten, nüchternen, philisterhaften Welt, ich +allein einen

Sklaven haben+, und zwar einen Sklaven, den nicht das Gesetz, nicht

mein Recht oder rohe Gewalt, sondern ganz allein die Macht meiner

Schönheit und meines Wesens willenlos in meine Hand gibt. Das finde

ich pikant. Jedenfalls gehen wir in ein Land, wo man uns nicht kennt,

und wo du daher ohne Anstand vor der Welt als mein Diener auftreten

kannst. Vielleicht nach Italien, nach Rom oder Neapel.“

* *

*

Wir saßen auf Wandas Ottomane, sie in der Hermelinjacke, das offene

Haar wie eine Löwenmähne über den Rücken, und sie hing an meinen Lippen

und sog mir die Seele aus dem Leibe. Mir wirbelte der Kopf, das Blut

begann mir zu sieden, mein Herz pochte heftig gegen das ihre.

„Ich will ganz in deiner Hand sein, Wanda,“ rief ich plötzlich, von

jenem Taumel der Leidenschaft ergriffen, in dem ich kaum mehr klar

denken oder frei beschließen kann, „ohne jede Bedingung, ohne jede

Beschränkung deiner Gewalt über mich, ich will mich auf Gnade und

Ungnade deiner Willkür überliefern.“ Während ich dies sprach, war ich

von der Ottomane zu ihren Füßen herabgesunken und blickte trunken zu

ihr empor.

„Wie schön du jetzt bist,“ rief sie, „dein Auge wie in einer Verzückung

halb gebrochen, entzückt mich, reißt mich hin, dein Blick müßte

wunderbar sein, wenn du totgepeitscht würdest, im Verenden. Du hast das

Auge eines Märtyrers.“

* *

*

Manchmal wird mir doch etwas unheimlich, mich so ganz, so bedingungslos

in die Hand eines Weibes zu geben. Wenn sie meine Leidenschaft, ihre

Macht mißbraucht?

Nun dann erlebe ich, was seit Kindesbeinen meine Phantasie

beschäftigte, mich stets mit süßem Grauen erfüllte. Törichte Besorgnis!

Es ist ein mutwilliges Spiel, das sie mit mir treibt, mehr nicht.

Sie liebt mich ja, und sie ist so gut, eine noble Natur, jeder

Treulosigkeit unfähig; aber es liegt dann in ihrer Hand -- +sie kann,

wenn sie will+ -- welcher Reiz in diesem Zweifel, dieser Furcht.

* *

*

Jetzt verstehe ich die Manon l’Escault und den armen Chevalier, der sie

auch noch als die Maitresse eines anderen, ja auf dem Pranger anbetet.

Die Liebe kennt keine Tugend, kein Verdienst, sie liebt und vergibt und

duldet alles, weil sie muß; nicht unser Urteil leitet uns, nicht die

Vorzüge oder Fehler, welche wir entdecken, reizen uns zur Hingebung

oder schrecken uns zurück.

Es ist eine süße, wehmütige, geheimnisvolle Gewalt, die uns treibt, und

wir hören auf zu denken, zu empfinden, zu wollen, wir lassen uns von

ihr treiben und fragen nicht wohin?

* *

*

Auf der Promenade erschien heute zum erstenmal ein russischer Fürst,

welcher durch seine athletische Gestalt, seine schöne Gesichtsbildung,

den Luxus seines Auftretens allgemeines Aufsehen erregte. Die Damen

besonders staunten ihn wie ein wildes Tier an, er aber schritt finster,

niemand beachtend, von zwei Dienern, einem Neger ganz in roten

Atlas gekleidet und einem Tscherkessen in voller blitzender Rüstung

begleitet, durch die Alleen. Plötzlich sah er Wanda, heftete seinen

kalten durchdringenden Blick auf sie, ja wendete den Kopf nach ihr, und

als sie vorüber war, blieb er stehen und sah ihr nach.

Und sie -- sie verschlang ihn nur mit ihren funkelnden grünen Augen --

und bot alles auf, ihm wieder zu begegnen.

Die raffinierte Koketterie, mit der sie ging, sich bewegte, ihn ansah,

schnürte mir den Hals zusammen. Als wir nach Hause gingen, machte ich

eine Bemerkung darüber. Sie runzelte die Stirne.

„Was willst du denn,“ sprach sie, „der Fürst ist ein Mann, der mir

gefallen könnte, der mich sogar blendet, und ich bin frei, ich kann

tun, was ich will --“

„Liebst du mich denn nicht mehr --“ stammelte ich erschrocken.

„Ich liebe nur dich,“ entgegnete sie, „aber ich werde mir von dem

Fürsten den Hof machen lassen.“

„Wanda!“

„Bist du nicht mein Sklave?“ sagte sie ruhig. „Bin ich nicht Venus, die

grausame nordische Venus im Pelz?“

Ich schwieg; ich fühlte mich von ihren Worten förmlich zermalmt, ihr

kalter Blick drang mir wie ein Dolch in das Herz.

„Du wirst sofort den Namen, die Wohnung, alle Verhältnisse des Fürsten

erfragen, verstehst du?“ fuhr sie fort.

„Aber --“

„Keine Einwendung. Gehorche!“ rief Wanda mit einer Strenge, die ich bei

ihr nie für möglich gehalten hätte. „Komme mir nicht unter die Augen,

ehe du alle meine Fragen beantworten kannst.“

Erst Nachmittag konnte ich Wanda die gewünschten Auskünfte bringen.

Sie ließ mich wie einen Bedienten vor sich stehen, während sie mir im

Fauteuil zurückgelehnt lächelnd zuhörte. Dann nickte sie, sie schien

zufrieden.

„Gib mir den Fußschemel!“ befahl sie kurz.

Ich gehorchte und blieb, nachdem ich ihn vor sie gestellt und sie ihre

Füße darauf gesetzt hatte, vor ihr knien.

„Wie wird dies enden?“ fragte ich nach einer kurzen Pause traurig.

Sie brach in ein mutwilliges Gelächter aus. „Es hat ja noch gar nicht

angefangen.“

„Du bist herzloser, als ich dachte,“ erwiderte ich verletzt.

„Severin,“ begann Wanda ernst. „Ich habe noch nichts getan, nicht das

Geringste, und du nennst mich schon herzlos. Wie wird das werden, wenn

ich deine Phantasien erfülle, wenn ich ein lustiges, freies Leben

führe, einen Kreis von Anbetern um mich habe, und ganz dein Ideal, dir

Fußtritte und Peitschenhiebe gebe?“

„Du nimmst meine Phantasie zu ernst.“

„Zu ernst? Sobald ich sie ausführe, kann ich doch nicht beim Scherze

stehen bleiben,“ entgegnete sie, „du weißt, wie verhaßt mir jedes

Spiel, jede Komödie ist. Du hast es so gewollt. War es meine Idee oder

die deine? Habe ich dich dazu verführt oder hast du meine Einbildung

erhitzt? Nun ist es mir allerdings Ernst.“

„Wanda,“ erwiderte ich liebevoll, „höre mich ruhig an. Wir lieben uns

so unendlich, wir sind so glücklich, willst du unsere ganze Zukunft

einer Laune opfern?“

„Es ist keine Laune mehr!“ rief sie.

„Was denn?“ fragte ich erschrocken.

„Es lag wohl in mir,“ sprach sie ruhig, gleichsam nachsinnend,

„vielleicht wäre es nie an das Licht getreten, aber du hast es geweckt,

entwickelt, und jetzt, wo es zu einem mächtigen Trieb geworden ist, wo

es mich ganz erfüllt, wo ich einen Genuß darin finde, wo ich nicht mehr

anders kann und will, jetzt willst du zurück -- du -- bist du ein Mann?“

„Liebe, teure Wanda!“ ich begann sie zu streicheln, zu küssen.

„Laß mich -- du bist kein Mann --“

„Und du!“ brauste ich auf.

„Ich bin eigensinnig,“ sagte sie, „das weißt du. Ich bin nicht im

Phantasieren stark und im Ausführen schwach wie du; wenn ich mir etwas

vornehme, führe ich es aus, und um so gewisser, je mehr Widerstand ich

finde. Laß mich!“

Sie stieß mich von sich und stand auf.

„Wanda!“ Ich erhob mich gleichfalls und stand ihr Aug’ in Auge

gegenüber.

„Du kennst mich jetzt,“ fuhr sie fort, „ich warne dich noch einmal. Du

hast noch die Wahl. Ich zwinge dich nicht, mein Sklave zu werden.“

„Wanda,“ antwortete ich bewegt, mir traten Tränen in die Augen, „du

weißt nicht, wie ich dich liebe.“

Sie zuckte verächtlich die Lippen.

„Du irrst dich, du machst dich häßlicher, als du bist, deine Natur ist

viel zu gut, zu nobel --“

„Was weißt du von meiner Natur,“ unterbrach sie mich heftig, „du sollst

mich noch kennen lernen.“

„Wanda!“

„Entschließe dich, willst du dich fügen, unbedingt?“

„Und wenn ich nein sage.“

„Dann --“

Sie trat kalt und höhnisch auf mich zu, und wie sie jetzt vor mir

stand, die Arme auf der Brust verschränkt, mit dem bösen Lächeln um die

Lippen, war sie in der Tat das despotische Weib meiner Phantasie und

ihre Züge erschienen hart, und in ihrem Blicke lag nichts, was Güte

oder Erbarmen versprach. „Gut --“ sprach sie endlich.

„Du bist böse,“ sagte ich, „du wirst mich peitschen.“

„O nein!“ entgegnete sie, „ich werde dich gehen lassen. Du bist frei.

Ich halte dich nicht.“

„Wanda -- mich, der dich so liebt --“

„Ja, Sie, mein Herr, der Sie mich anbeten,“ rief sie verächtlich, „aber

ein Feigling, ein Lügner, ein Wortbrüchiger sind. Verlassen Sie mich

augenblicklich --“

„Wanda! --“

„Mensch!“

Mir stieg das Blut zum Herzen. Ich warf mich zu ihren Füßen und begann

zu weinen.

„Noch Tränen!“ sie begann zu lachen. O! Dieses Lachen war furchtbar.

„Gehen Sie -- ich will Sie nicht mehr sehen.“

„Mein Gott!“ rief ich außer mir. „Ich will ja alles tun, was du

befiehlst, dein Sklave sein, deine Sache, mit der du nach Willkür

schaltest -- nur stoße mich nicht von dir -- ich gehe zugrunde -- ich

kann nicht leben ohne dich,“ ich umfaßte ihre Knie und bedeckte ihre

Hand mit Küssen.

„Ja, du mußt Sklave sein, die Peitsche fühlen -- denn ein Mann bist du

nicht,“ sprach sie ruhig, und das war es, was mir so an das Herz griff,

daß sie nicht im Zorne, ja nicht einmal erregt, sondern mit voller

Überlegung zu mir sprach. „Ich kenne dich jetzt, deine Hundenatur, die

anbetet, wo sie mit Füßen getreten wird und um so mehr, je mehr sie

mißhandelt wird. Ich kenne dich jetzt, du aber sollst mich erst kennen

lernen.“

Sie ging mit großen Schritten auf und ab, während ich vernichtet auf

meinen Knien liegen blieb, das Haupt war mir herabgesunken, die Tränen

rannen mir herab.

„Komm zu mir,“ herrschte mir Wanda zu, sich auf der Ottomane

niederlassend. Ich folgte ihrem Wink und setzte mich zu ihr. Sie sah

mich finster an, dann wurde ihr Auge plötzlich, gleichsam von innen

heraus erhellt, sie zog mich lächelnd an ihre Brust und begann mir die

Tränen aus den Augen zu küssen.

* *

*

Das eben ist das Humoristische meiner Lage, daß ich, wie der Bär in

Lilis Park, fliehen kann und nicht will, daß ich alles dulde, sobald

sie droht, mir die Freiheit zu geben.

* *

*

Wenn sie nur einmal wieder die Peitsche in die Hand nehmen würde! Diese

Liebenswürdigkeit, mit der sie mich behandelt, hat etwas Unheimliches

für mich. Ich komme mir wie eine kleine, gefangene Maus vor, mit der

eine schöne Katze zierlich spielt, jeden Augenblick bereit, sie zu

zerreißen, und mein Mausherz droht mir zu zerspringen.

Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?

* *

*

Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen

zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen

Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand

mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?

Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir

verleben selige Tage.

* *

*

Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen,

in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing

mit seltsamer Befriedigung an mir.

„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann

große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf,

so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein

übersinnlicher Schlemihl sein kann.“

„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.

Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“

flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben.

Wir wollen vernünftig sein, willst du?“

Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges,

wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine

Träne fiel auf ihre Hand herab.

„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“

* *

*

Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen.

Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen

und schien sie mit seinen elektrischen, grauen Augen durchbohren zu

wollen, sie aber -- ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien

und ihre Füße küssen mögen -- sie schien ihn nicht zu bemerken,

sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen

leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem

liebreizenden Lächeln zu mir.

* *

*

Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden

Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?

„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle

stand.

„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen,

gib es auf, mich zu quälen --“ flehte ich.

„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual

ist,“ warf Wanda ein.

„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“

„+Nie, Severin+,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.

„Was ist das?“

Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.

„+Du bist kein Mann für mich.+“

Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag,

langsam zurück und verließ das Gemach, und sie -- sie rief mich nicht

zurück.

* *

*

Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und

wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser

Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie

ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.

Venus im Pelz · 第 4 / 10 段