„Der Herbst meldet sich,“ begann sie, „die Nächte sind schon recht

kalt. Ich fürchte, Ihnen zu mißfallen, aber ich kann meinen Pelz nicht

abwerfen, ehe das Zimmer nicht warm genug ist.“

„Mißfallen -- Schalk! -- Sie wissen doch --“ ich schlang den Arm um sie

und küßte sie.

„Freilich weiß ich, aber woher haben Sie diese große Vorliebe für den

Pelz?“

„Sie ist mir angeboren,“ erwiderte ich, „ich zeigte sie schon als

Kind. Übrigens übt Pelzwerk auf alle nervösen Naturen eine aufregende

Wirkung, welche auf ebenso allgemeinen als natürlichen Gesetzen

beruht. Es ist ein physischer Reiz, welcher wenigstens ebenso

seltsam prickelnd ist, und dem sich niemand ganz entziehen kann. Die

Wissenschaft hat in neuester Zeit eine gewisse Verwandtschaft zwischen

Elektrizität und Wärme nachgewiesen, verwandt sind ja jedenfalls ihre

Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Die heiße Zone erzeugt

leidenschaftlichere Menschen, eine warme Atmosphäre Aufregung. Genau

so die Elektrizität. Daher der hexenhaft wohltätige Einfluß, welchen

die Gesellschaft von +Katzen+ auf reizbare geistige Menschen übt

und diese langgeschwänzten Grazien der Tierwelt, diese niedlichen,

funkensprühenden, elektrischen Batterien zu den Lieblingen eines

Mahomed, Kardinal Richelieu, Crebillon, Rousseau, Wieland gemacht hat.“

„Eine Frau, die also einen Pelz trägt,“ rief Wanda, „ist also nichts

anderes als eine große Katze, eine verstärkte elektrische Batterie?“

„Gewiß,“ erwiderte ich, „und so erkläre ich mir auch die symbolische

Bedeutung, welche der Pelz als Attribut der Macht und Schönheit bekam.

In diesem Sinne nahmen ihn in früheren Zeiten Monarchen und ein

gebietender Adel durch Kleiderordnungen ausschließlich für sich in

Anspruch und große Maler für die Königinnen der Schönheit. So fand ein

Raphael für die göttlichen Formen der Fornarina, Titian für den rosigen

Leib seiner Geliebten keinen köstlicheren Rahmen als dunklen Pelz.“

„Ich danke für die gelehrt erotische Abhandlung,“ sprach Wanda, „aber

Sie haben mir nicht alles gesagt, Sie verbinden noch etwas ganz Apartes

mit dem Pelz.“

„Allerdings,“ rief ich, „ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, daß im

Leiden ein seltsamer Reiz für mich liegt, daß nichts so sehr im stande

ist, meine Leidenschaft anzufachen als die Tyrannei, die Grausamkeit,

und vor allem die Treulosigkeit eines schönen Weibes. Und dieses Weib,

dieses seltsame Ideal aus der Ästhetik des Häßlichen, die Seele eines

Nero im Leibe einer Phryne, kann ich mir nicht ohne Pelz denken.“

„Ich begreife,“ warf Wanda ein, „er gibt einer Frau etwas Herrisches,

Imponierendes.“

„Es ist nicht das allein,“ fuhr ich fort, „Sie wissen, daß ich ein

‚+Übersinnlicher+‘ bin, daß bei mir alles mehr in der Phantasie

wurzelt und von dort seine Nahrung empfängt. Ich war früh entwickelt

und überreizt, als ich mit zehn Jahren etwa die Legenden der Märtyrer

in die Hand bekam; ich erinnere mich, daß ich mit einem Grauen, das

eigentlich Entzücken war, las, wie sie im Kerker schmachteten, auf den

Rost gelegt, mit Pfeilen durchschossen, in Pech gesotten, wilden Tieren

vorgeworfen, an das Kreuz geschlagen wurden, und das Entsetzlichste mit

einer Art Freude litten. Leiden, grausame Qualen erdulden, erschien

mir fortan als ein Genuß, und ganz besonders durch ein schönes Weib,

da sich mir von jeher alle Poesie, wie alles Dämonische im Weibe

konzentrierte. Ich trieb mit demselben einen förmlichen Kultus.

Ich sah in der Sinnlichkeit etwas Heiliges, ja das einzig Heilige, in

dem Weibe und seiner Schönheit etwas Göttliches, indem die wichtigste

Aufgabe des Daseins: die Fortpflanzung der Gattung vor allem ihr Beruf

ist; ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, die +Isis+,

und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm

gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich

stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre

Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden.

Ich beneidete König Gunther, den die gewaltige Brunhilde in der

Brautnacht band; den armen Troubadour, den seine launische Herrin in

Wolfsfelle nähen ließ, um ihn dann gleich einem Wild zu jagen; ich

beneidete den Ritter Ctirad, den die kühne Amazone Scharka durch List

im Walde bei Prag gefangen nahm, auf die Burg Divin schleppte, und

nachdem sie sich einige Zeit mit ihm die Zeit vertrieben hatte, auf das

Rad flechten ließ --“

„Abscheulich!“ rief Wanda, „ich würde Ihnen wünschen, daß Sie einem

Weibe dieser wilden Rasse in die Hände fielen, im Wolfsfell, unter

den Zähnen der Rüden oder auf dem Rade würde Ihnen schon die Poesie

vergehen.“

„Glauben Sie? ich glaube nicht.“

„Sie sind wirklich nicht ganz gescheit.“

„Möglich. Aber hören Sie weiter, ich las fortan mit einer wahren Gier

Geschichten, in denen die furchtbarsten Grausamkeiten geschildert, und

sah mit besonderer Lust Bilder, Stiche, auf denen sie zur Darstellung

kamen, und alle die blutigen Tyrannen, die je auf einem Throne saßen,

die Inquisitoren, welche die Ketzer foltern, braten, schlachten

ließen, alle jene Frauen, welche in den Blättern der Weltgeschichte

als wollüstig, schön und gewalttätig verzeichnet sind, wie Libussa,

Lucretia Borgia, Agnes von Ungarn, Königin Margot, Isabeau, die

Sultanin Roxolane, die russischen Zarinnen des vorigen Jahrhunderts,

alle sah ich in Pelzen oder hermelinverbrämten Roben.“

„Und so erweckt Ihnen jetzt der Pelz Ihre seltsamen Phantasien,“ rief

Wanda, und sie begann zu gleicher Zeit sich mit ihrem prächtigen

Pelzmantel kokett zu drapieren, so daß die dunklen glänzenden

Zobelfelle entzückend um ihre Büste, ihre Arme spielten. „Nun, wie ist

Ihnen jetzt zumute, fühlen Sie sich schon halb gerädert?“

Ihre grünen durchdringenden Augen ruhten mit einem seltsamen,

höhnischen Behagen auf mir, als ich mich von Leidenschaften übermannt

vor ihr niederwarf und die Arme um sie schlang.

„Ja -- Sie haben in mir meine Lieblingsphantasie erweckt,“ rief ich,

„die lange genug geschlummert.“

„Und diese wäre?“ sie legte die Hand auf meinen Nacken.

Mich ergriff unter dieser kleinen warmen Hand, unter ihrem Blick, der

zärtlich forschend durch die halbgeschlossenen Lider auf mich fiel,

eine süße Trunkenheit.

„+Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich

liebe, das ich anbete!+“

„Und das Sie dafür mißhandelt!“ unterbrach mich Wanda lachend.

„Ja, das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es

einem andern gehört.“

„Und das, wenn Sie durch Eifersucht wahnsinnig gemacht, dem beglückten

Nebenbuhler entgegentreten, in seinem Übermute so weit geht, Sie an

denselben zu verschenken und seiner Roheit preiszugeben. Warum nicht?

Gefällt Ihnen das Schlußtableau weniger?“

Ich sah Wanda erschreckt an.

„Sie übertreffen meine Träume.“

„Ja, wir Frauen sind erfinderisch,“ sprach sie, „geben Sie acht, wenn

Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer

behandelt, als Ihnen lieb ist.“

„Ich fürchte, ich habe mein Ideal bereits gefunden!“ rief ich, und

preßte mein glühendes Antlitz in ihren Schoß.

„Doch nicht in mir?“ rief Wanda, warf den Pelz ab und sprang lachend

im Zimmer herum; sie lachte noch, als ich die Treppe hinabstieg, und

als ich nachdenkend im Hofe stand, hörte ich noch oben ihr mutwilliges

ausgelassenes Gelächter.

* *

*

„Soll ich Ihnen also Ihr Ideal verkörpern?“ sprach Wanda schelmisch,

als wir uns heute im Parke trafen.

Anfangs fand ich keine Antwort. In mir kämpften die widersprechendsten

Empfindungen. Sie ließ sich indes auf eine der steinernen Bänke nieder

und spielte mit einer Blume.

„Nun -- soll ich?“

Ich kniete nieder und faßte ihre Hände.

„Ich bitte Sie noch einmal, werden Sie meine Frau, mein treues,

ehrliches Weib; können Sie das nicht, dann seien Sie mein Ideal, aber

dann ganz, ohne Rückhalt, ohne Milderung.“

„Sie wissen, daß ich in einem Jahre Ihnen meine Hand reichen will,

wenn Sie der Mann sind, den ich suche,“ entgegnete Wanda sehr ernst,

„aber ich glaube, Sie würden mir dankbarer sein, wenn ich Ihnen Ihre

Phantasie verwirkliche. Nun, was ziehen Sie vor?“

„Ich glaube, daß alles das, was mir in meiner Einbildung vorschwebt, in

Ihrer Natur liegt.“

„Sie täuschen sich.“

„Ich glaube,“ fuhr ich fort, „daß es Ihnen Vergnügen macht, einen Mann

ganz in Ihrer Hand zu haben, zu quälen --“

„Nein, nein!“ rief sie lebhaft, „oder doch“ -- sie sann nach. „Ich

verstehe mich selbst nicht mehr,“ fuhr sie fort, „aber ich muß Ihnen

ein Geständnis machen. Sie haben meine Phantasie verdorben, mein

Blut erhitzt, ich fange an, an allem dem Gefallen zu finden, die

Begeisterung, mit der Sie von einer Pompadour, einer Katharina II. und

von all den anderen selbstsüchtigen, frivolen und grausamen Frauen

sprechen, reißt mich hin, senkt sich in meine Seele und treibt mich,

diesen Frauen ähnlich zu werden, welche trotz ihrer Schlechtigkeit, so

lange sie lebten, sklavisch angebetet wurden und noch im Grabe Wunder

wirken.

Am Ende machen Sie aus mir noch eine Miniaturdespotin, eine Pompadour

zum Hausgebrauche.“

„Nun denn,“ sprach ich erregt, „wenn dies in Ihnen liegt, dann geben

Sie sich dem Zuge Ihrer Natur hin, nur nichts Halbes; können Sie nicht

ein braves, treues Weib sein, so seien Sie ein Teufel.“

Ich war übernächtig, aufgeregt, die Nähe der schönen Frau ergriff mich

wie ein Fieber, ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber ich erinnere

mich, daß ich ihre Füße küßte und zuletzt ihren Fuß aufhob und auf

meinen Nacken setzte. Sie aber zog ihn rasch zurück und erhob sich

beinahe zornig.

„Wenn Sie mich lieben, Severin,“ sprach sie rasch, ihre Stimme klang

scharf und gebieterisch, „so sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen.

Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich --“ sie

lächelte und setzte sich wieder.

„Es ist mein voller Ernst,“ rief ich halb phantasierend, „ich bete Sie

so sehr an, daß ich alles von Ihnen dulden will um den Preis, mein

ganzes Leben in Ihrer Nähe sein zu dürfen.“

„Severin, ich warne Sie noch einmal.“

„Sie warnen mich vergebens. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, nur

stoßen Sie mich nicht ganz von sich.“

„Severin,“ entgegnete Wanda, „ich bin ein leichtsinniges, junges Weib,

es ist gefährlich für Sie, sich mir so ganz hinzugeben, Sie werden am

Ende in der Tat mein Spielzeug; wer schützt Sie dann, daß ich Ihren

Wahnsinn nicht mißbrauche?“

„Ihr edles Wesen.“

„Gewalt macht übermütig.“

„So sei übermütig,“ rief ich, „tritt mich mit Füßen.“

Wanda schlang ihre Arme um meinen Nacken, sah mir in die Augen und

schüttelte den Kopf.

„Ich fürchte, ich werde es nicht können, aber ich will es versuchen,

dir zu lieb, denn ich liebe dich, Severin, wie ich noch keinen Mann

geliebt habe.“

* *

*

Sie nahm heute plötzlich Hut und Shawl und ich mußte sie in den Bazar

begleiten. Dort ließ sie sich Peitschen zeigen, lange Peitschen an

kurzem Stiel, wie man sie für Hunde hat.

„Diese dürften genügen,“ sprach der Verkäufer.

„Nein, sie sind viel zu klein,“ erwiderte Wanda mit einem Seitenblick

auf mich, „ich brauche eine große --“

„Für eine Bulldogge wohl?“ meinte der Kaufmann.

„Ja,“ rief sie, „in der Art, wie man sie in Rußland hatte für

widerspenstige Sklaven.“

Sie suchte und wählte endlich eine Peitsche, bei deren Anblick es mich

etwas unheimlich beschlich.

„Nun adieu, Severin,“ sagte sie, „ich habe noch einige Einkäufe, bei

denen Sie mich nicht begleiten dürfen.“

Ich verabschiedete mich und machte einen Spaziergang, auf dem Rückwege

sah ich Wanda aus dem Gewölbe eines Kürschners heraustreten. Sie winkte

mir.

„Überlegen Sie sich’s noch,“ begann sie vergnügt, „ich habe Ihnen

nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß mich vorzüglich Ihr ernstes,

sinnendes Wesen gefesselt hat; es reizt mich nun freilich, den ernsten

Mann mir ganz hingegeben, ja geradezu verzückt zu meinen Füßen zu sehen

-- ob aber dieser Reiz auch anhalten wird? Das Weib liebt den Mann, den

Sklaven mißhandelt es und stößt ihn zuletzt noch mit dem Fuße weg.“

„Nun, so stoße mich mit dem Fuße fort, wenn du mich satt hast,“

entgegnete ich, „ich will dein Sklave sein.“

„Ich sehe, daß gefährliche Anlagen in mir schlummern,“ sagte Wanda,

nachdem wir wieder einige Schritte gegangen waren, „du weckst sie

und nicht zu deinem Besten, du verstehst es, die Genußsucht, die

Grausamkeit, den Übermut so verlockend zu schildern -- was wirst du

sagen, wenn ich mich darin versuche und wenn ich es zuerst an dir

versuche, wie Dionys, welcher den Erfinder des eisernen Ochsen zuerst

in demselben braten ließ, um sich zu überzeugen, ob sein Jammern, sein

Todesröcheln auch wirklich wie das Brüllen eines Ochsen klinge.“

„Vielleicht bin ich so ein weiblicher Dionys?“

„Sei es,“ rief ich, „dann ist meine Phantasie erfüllt. Ich gehöre dir

im Guten oder Bösen, wähle du selbst. Mich treibt das Schicksal, das in

meiner Brust ruht -- dämonisch -- übermächtig.“

* *

*

„+Mein Geliebter!+

Ich will dich heute und morgen nicht sehen und übermorgen erst am

Abend, und dann +als meinen Sklaven+.

Deine Herrin

+Wanda+.“

„Als meinen Sklaven“ war unterstrichen. Ich las das Billett, das ich

früh am Morgen erhielt, noch einmal, ließ mir dann einen Esel, ein

echtes Gelehrtentier, satteln und ritt in das Gebirge, um meine

Leidenschaft, meine Sehnsucht in der großartigen Karpathennatur zu

betäuben.

* *

*

Da bin ich wieder, müde, hungrig, durstig und vor allem verliebt. Ich

kleide mich rasch um und klopfe wenige Augenblicke darnach an ihre Türe.

„Herein!“

Ich trete ein. Sie steht mitten im Zimmer, in einer weißen Atlasrobe,

welche wie Licht an ihr herunterfließt, und einer Kazabaika von

scharlachrotem Atlas mit reichem, üppigem Hermelinbesatz, in dem

gepuderten, schneeigen Haar ein kleines Diamantendiadem, die Arme auf

der Brust gekreuzt, die Brauen zusammengezogen.

„Wanda!“ Ich eile auf sie zu, will den Arm um sie schlingen, sie

küssen; sie tritt einen Schritt zurück und mißt mich von oben bis unten.

„Sklave!“

„Herrin!“ Ich knie nieder und küsse den Saum ihres Gewandes.

„So ist es recht.“

„O! wie schön du bist.“

„Gefall’ ich dir?“ Sie trat vor den Spiegel und betrachtete sich mit

stolzem Wohlgefallen.

„Ich werde noch wahnsinnig!“

Sie zuckte verächtlich mit der Unterlippe und sah mich mit

halbgeschlossenen Lidern spöttisch an.

„Gib mir die Peitsche.“

Ich blickte im Zimmer umher.

„Nein,“ rief sie, „bleib nur knien!“ Sie schritt zum Kamine, nahm die

Peitsche vom Sims und ließ sie, mich mit einem Lächeln betrachtend,

durch die Luft pfeifen, dann schürzte sie den Ärmel ihrer Pelzjacke

langsam auf.

„Wunderbares Weib!“ rief ich.

„Schweig, Sklave!“ sie blickte plötzlich finster, ja wild und hieb mich

mit der Peitsche; im nächsten Augenblicke schlang sie jedoch den Arm

zärtlich um meinen Nacken und bückte sich mitleidig zu mir. „Habe ich

dir weh getan?“ fragte sie halb verschämt, halb ängstlich.

„Nein!“ entgegnete ich, „und wenn es wäre, mir sind Schmerzen, die du

mir bereitest, ein Genuß. Peitsche mich nur, wenn es dir ein Vergnügen

macht.“

„Aber es macht mir kein Vergnügen.“

Wieder ergriff mich jene seltsame Trunkenheit.

„Peitsche mich,“ bat ich, „peitsche mich ohne Erbarmen.“

Wanda schwang die Peitsche und traf mich zweimal. „Hast du jetzt genug?“

„Nein.“

„Im Ernste, nein?“

„Peitsche mich, ich bitte dich, es ist mir ein Genuß.“

„Ja, weil du gut weißt, daß es nicht Ernst ist,“ erwiderte sie, „daß

ich nicht das Herz habe, dir weh zu tun. Mir widerstrebt das ganze rohe

Spiel. Wäre ich wirklich das Weib, das seinen Sklaven peitscht, du

würdest dich entsetzen.“

„Nein, Wanda,“ sprach ich, „ich liebe dich mehr als mich selbst, ich

bin dir hingegeben auf Tod und Leben, du kannst im Ernste mit mir

anfangen, was dir beliebt, ja, was dir nur dein Übermut eingibt.“

„Severin!“

„Tritt mich mit Füßen!“ rief ich und warf mich, das Antlitz zur Erde,

vor ihr nieder.

„Ich hasse alles, was Komödie ist,“ sprach Wanda ungeduldig.

„Nun, so mißhandle mich im Ernste.“

Eine unheimliche Pause.

„Severin, ich warne dich noch ein letztes Mal,“ begann Wanda.

„Wenn du mich liebst, so sei grausam gegen mich,“ flehte ich, das Auge

zu ihr erhoben.

„Wenn ich dich liebe?“ wiederholte Wanda. „Nun gut!“ sie trat zurück

und betrachtete mich mit einem finsteren Lächeln. „+So sei denn mein

Sklave und fühle, was es heißt, in die Hände eines Weibes gegeben zu

sein.+“ Und in demselben Augenblicke gab sie mir einen Fußtritt.

„Nun, wie behagt dir das, Sklave?“

Dann schwang sie die Peitsche.

„Richte dich auf!“

Ich wollte mich erheben. „Nicht so,“ gebot sie, „auf die Knie.“

Ich gehorchte und sie begann mich zu peitschen.

Die Hiebe fielen rasch und kräftig auf meinen Rücken, meine Arme, ein

jeder schnitt in mein Fleisch und brannte hier fort, aber die Schmerzen

entzückten mich, denn sie kamen ja von ihr, die ich anbetete, für die

ich jede Stunde bereit war, mein Leben zu lassen.

[Illustration]

Jetzt hielt sie inne. „Ich fange an, Vergnügen daran zu finden,“ sprach

sie, „für heute ist es genug, aber mich ergreift eine teuflische

Neugier, zu sehen, wie weit deine Kraft reicht, eine grausame

Lust, dich unter meiner Peitsche beben, sich krümmen zu sehen und

endlich dein Stöhnen, dein Jammern zu hören und so fort, bis du um

Gnade bittest und ich ohne Erbarmen fortpeitsche, bis dir die Sinne

schwinden. Du hast gefährliche Elemente in meiner Natur geweckt. Nun

aber steh’ auf.“

Ich ergriff ihre Hand, um sie an meine Lippen zu drücken.

„Welche Frechheit.“

Sie stieß mich mit dem Fuße von sich.

„Aus meinen Augen, Sklave!“

* *

*

Nachdem ich die Nacht wie im Fieber in wirren Träumen gelegen, bin ich

erwacht. Es dämmert kaum.

Was ist wahr von dem, was in meiner Erinnerung schwebt? was habe ich

erlebt und was nur geträumt? Gepeitscht bin ich worden, das ist gewiß,

ich fühle noch jeden einzelnen Hieb, ich kann die roten, brennenden

Streifen an meinem Leib zählen. Und sie hat mich gepeitscht. Ja, jetzt

weiß ich alles.

Meine Phantasie ist Wahrheit geworden. Wie ist mir? Hat mich die

Wirklichkeit meines Traumes enttäuscht?

Nein, ich bin nur etwas müde, aber ihre Grausamkeit erfüllt mich mit

Entzücken. Oh! wie ich sie liebe, sie anbete! Ach! dies alles drückt

nicht im entferntesten aus, was ich für sie empfinde, wie ich mich

ganz ihr hingegeben fühle. Welche Seligkeit, ihr Sklave zu sein.

* *

*

Sie ruft mich vom Balkon. Ich eile die Treppe hinauf. Da steht sie auf

der Schwelle und bietet mir freundlich die Hand. „Ich schäme mich,“

sagte sie, während ich sie umschlinge und sie den Kopf an meiner Brust

birgt.

„Wie?“

„Suchen Sie die häßliche Szene von gestern zu vergessen,“ sprach sie

mit bebender Stimme, „ich habe Ihnen Ihre tolle Phantasie erfüllt,

jetzt wollen wir vernünftig sein und glücklich und uns lieben, und in

einem Jahre bin ich Ihre Frau.“

„Meine Herrin,“ rief ich, „und ich Ihr Sklave!“

„Kein Wort mehr von Sklaverei, von Grausamkeit und Peitsche,“

unterbrach mich Wanda, „ich passiere Ihnen von dem allen nichts mehr,

als die Pelzjacke; kommen Sie und helfen Sie mir hinein.“

* *

*

Die kleine Bronzeuhr, auf welcher ein Amor steht, der eben seinen Pfeil

abgeschossen hat, schlug Mitternacht.

Ich stand auf, ich wollte fort.

Wanda sagte nichts, aber sie umschlang mich und zog mich auf die

Ottomane zurück und begann mich von neuem zu küssen, und diese stumme

Sprache hatte etwas so Verständliches, so Überzeugendes --

Und sie sagte noch mehr, als ich zu verstehen wagte, eine solche

schmachtende Hingebung lag in Wandas ganzem Wesen und welche wollüstige

Weichheit in ihren halbgeschlossenen, dämmernden Augen, in der unter

dem weißen Puder leicht schimmernden roten Flut ihres Haares, in dem

weißen und roten Atlas, welcher bei jeder Bewegung um sie knisterte,

dem schwellenden Hermelin der Kazabaika, in den sie sich nachlässig

schmiegte.

„Ich bitte dich,“ stammelte ich, „aber du wirst böse sein.“

„Mache mit mir, was du willst,“ flüsterte sie.

„Nun, so tritt mich, ich bitte dich, ich werde sonst verrückt.“

„Habe ich dir nicht verboten,“ sprach Wanda strenge, „aber du bist

unverbesserlich.“

„Ach! ich bin so entsetzlich verliebt.“ Ich war in die Knie gesunken

und preßte mein glühendes Gesicht in ihren Schoß.

„Ich glaube wahrhaftig,“ sagte Wanda, nachsinnend, „dein ganzer

Wahnsinn ist nur eine dämonische, ungesättigte Sinnlichkeit. +Unsere

Unnatur muß solche Krankheiten erzeugen.+ Wärst du weniger

tugendhaft, so wärst du vollkommen vernünftig.“

„Nun, so mach’ mich gescheit,“ murmelte ich. Meine Hände wühlten in

ihrem Haare und in dem schimmernden Pelz, welcher sich, wie eine vom

Mondlicht beglänzte Welle, alle Sinne verwirrend, auf ihrer wogenden

Brust hob und senkte.

Und ich küßte sie -- nein, sie küßte mich, so wild, so unbarmherzig,

als wenn sie mich mit ihren Küssen morden wollte. Ich war wie im

Delirium, meine Vernunft hatte ich längst verloren, aber ich hatte

endlich auch keinen Atem mehr. Ich suchte mich loszumachen.

„Was ist dir?“ fragte Wanda.

„Ich leide entsetzlich.“

„Du leidest?“ -- sie brach in ein lautes, mutwilliges Lachen aus.

„Du kannst lachen!“ stöhnte ich, „ahnst du denn nicht --“

Sie war auf einmal ernst, richtete meinen Kopf mit ihren Händen auf und

zog mich dann mit einer heftigen Bewegung an ihre Brust.

„Wanda!“ stammelte ich.

„Richtig, es macht dir ja Vergnügen, zu leiden,“ sprach sie und begann

von neuem zu lachen, „aber warte nur, ich will dich schon vernünftig

machen.“

„Nein, ich will nicht weiter fragen,“ rief ich, „ob du mir für immer

oder nur für einen seligen Augenblick gehören willst, ich will mein

Glück genießen; jetzt bist du mein und besser dich verlieren, als dich

nie besitzen.“

„So bist du vernünftig,“ sagte sie und küßte mich wieder mit ihren

mörderischen Lippen, und ich riß den Hermelin, die Spitzenhülle

auseinander und ihre bloße Brust wogte gegen die meine.

Dann vergingen mir die Sinne. --

Ich erinnere mich erst wieder auf den Augenblick, wo ich Blut von

meiner Hand tropfen sah und sie apathisch fragte: „Hast du mich

gekratzt?“

„Nein, ich glaube, ich habe dich gebissen.“

* *

*

Es ist doch merkwürdig, wie jedes Verhältnis des Lebens ein anderes

Gesicht bekommt, sobald eine neue Person hinzutritt.

Wir haben herrliche Tage zusammen verlebt, wir besuchten die Berge,

die Seen, wir lasen zusammen und ich vollendete Wandas Bild. Und wie

liebten wir uns, wie lächelnd war ihr reizendes Antlitz.

Da kommt eine Freundin, eine geschiedene Frau, etwas älter, etwas

erfahrener und etwas weniger gewissenhaft als Wanda, und schon macht

sich ihr Einfluß in jeder Richtung geltend.

Wanda runzelte die Stirne und zeigt mir gegenüber eine gewisse Ungeduld.

Liebt sie mich nicht mehr?

* *

*

Seit beinahe vierzehn Tagen dieser unerträgliche Zwang. Die Freundin

wohnt bei ihr, wir sind nie allein. Ein Kreis von Herren umgibt die

beiden jungen Frauen. Ich spiele als Liebender mit meinem Ernste,

meiner Schwermut eine alberne Rolle. Wanda behandelt mich wie einen

Fremden.

Heute, bei einem Spaziergange, blieb sie mit mir zurück. Ich sah, daß

es mit Absicht geschah und jubelte. Was sagte sie mir aber.

„Meine Freundin begreift nicht, wie ich Sie lieben kann, sie findet Sie

weder schön noch sonst besonders anziehend, und dazu unterhält sie mich

vom Morgen bis in die Nacht hinein mit dem glänzenden frivolen Leben

in der Hauptstadt, mit den Ansprüchen, welche ich machen könnte, den

großen Partien, welche ich finden, den vornehmen, schönen Anbetern,

welche ich fesseln müßte. Aber was hilft dies alles, ich liebe Sie

einmal.“

Mir verging einen Augenblick der Atem, dann sagte ich: „Ich wünsche

bei Gott nicht, Ihrem Glück im Wege zu sein, Wanda. Nehmen Sie auf

mich keine Rücksicht mehr.“ Dabei zog ich meinen Hut ab und ließ sie

vorangehen. Sie sah mich erstaunt an, erwiderte jedoch keine Silbe.

Als ich aber auf dem Rückwege wieder zufällig in ihre Nähe kam, drückte

sie mir verstohlen die Hand und ihr Blick traf mich so warm, so

glückverheißend, daß alle Qualen dieser Tage im Augenblick vergessen,

alle Wunden geheilt waren.

Jetzt weiß ich wieder so recht, wie ich sie liebe.

* *

*

„Meine Freundin hat sich über dich beklagt,“ sagte mir Wanda heute.

„Sie mag fühlen, daß ich sie verachte.“

„Weshalb verachtest du sie denn, kleiner Narr?“ rief Wanda und nahm

mich mit beiden Händen bei den Ohren.

Venus im Pelz · 第 3 / 10 段