dem Versprechen, morgen ganz früh die Eltern anzugehen und zu sehen,
was er ausrichten könne. Kaum war er allein, so mußte er sich in
folgenden Ausrufungen Luft machen: "Unglücklicher Melina, nicht in
deinem Stande, sondern in dir liegt das Armselige, über das du nicht
Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf
ein Handwerk, eine Kunst oder irgendeine Lebensart ergriffe, müßte
nicht wie du seinen Zustand unerträglich finden? Wer mit einem
Talente zu einem Talente geboren ist, findet in demselben sein
schönstes Dasein! Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlichkeit! Nur
der innere Trieb, die Lust, die Liebe helfen uns Hindernisse
überwinden, Wege bahnen und uns aus dem engen Kreise, worin sich
andere kümmerlich abängstigen, emporheben. Dir sind die Bretter
nichts als Bretter, und die Rollen, was einem Schulknaben sein Pensum
ist. Die Zuschauer siehst du an, wie sie sich selbst an Werkeltagen
vorkommen. Dir könnte es also freilich einerlei sein, hinter einem
Pult über linierten Büchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und Reste
herauszustochern. Du fühlst nicht das zusammenbrennende,
zusammentreffende Ganze, das allein durch den Geist erfunden,
begriffen und ausgeführt wird; du fühlst nicht, daß in den Menschen
ein besserer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhält, wenn er
nicht geregt wird, von der Asche täglicher Bedürfnisse und
Gleichgültigkeit tiefer bedeckt und doch so spät und fast nie erstickt
wird. Du fühlst in deiner Seele keine Kraft, ihn aufzublasen, in
deinem eignen Herzen keinen Reichtum, um dem Erweckten Nahrung zu
geben. Der Hunger treibt dich, die Unbequemlichkeiten sind dir
zuwider, und es ist dir verborgen, daß in jedem Stande diese Feinde
lauern, die nur mit Freudigkeit und Gleichmut zu überwinden sind. Du
tust wohl, dich in jene Grenzen einer gemeinen Stelle zu sehnen; denn
welche würdest du wohl ausfüllen, die Geist und Mut verlangt! Gib
einem Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geistlichen deine Gesinnungen,
und mit ebensoviel Recht wird er sich über das Kümmerliche seines
Standes beschweren können. Ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben,
die von allem Lebensgefühl so ganz verlassen waren, daß sie das ganze
Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles
und staubgleiches Dasein erklärt haben? Regten sich lebendig in
deiner Seele die Gestalten wirkender Menschen, wärmte deine Brust ein
teilnehmendes Feuer, verbreitete sich über deine ganze Gestalt die
Stimmung, die aus dem Innersten kommt, wären die Töne deiner Kehle,
die Worte deiner Lippen lieblich anzuhören, fühltest du dich genug in
dir selbst, so würdest du dir gewiß Ort und Gelegenheit aufsuchen,
dich in andern fühlen zu können."
Unter solchen Worten und Gedanken hatte sich unser Freund ausgekleidet
und stieg mit einem Gefühle des innigsten Behagens zu Bette. Ein
ganzer Roman, was er an der Stelle des Unwürdigen morgenden Tages tun
würde, entwickelte sich in seiner Seele, angenehme Phantasien
begleiteten ihn in das Reich des Schlafes sanft hinüber und überließen
ihn dort ihren Geschwistern, den Träumen, die ihn mit offenen Armen
aufnahmen und das ruhende Haupt unsers Freundes mit dem Vorbilde des
Himmels umgaben.
Am frühen Morgen war er schon wieder erwacht und dachte seiner
vorstehenden Unterhandlung nach. Er kehrte in das Haus der
verlassenen Eltern zurück, wo man ihn mit Verwunderung aufnahm. Er
trug sein Anbringen bescheiden vor und fand gar bald mehr und weniger
Schwierigkeiten, als er vermutet hatte. Geschehen war es einmal, und
wenngleich außerordentlich strenge und harte Leute sich gegen das
Vergangene und Nichtzuändernde mit Gewalt zu setzen und das Übel
dadurch zu vermehren pflegen, so hat dagegen das Geschehene auf die
Gemüter der meisten eine unwiderstehliche Gewalt, und was unmöglich
schien, nimmt sogleich, als es geschehen ist, neben dem Gemeinen
seinen Platz ein. Es war also bald ausgemacht, daß der Herr Melina
die Tochter heiraten sollte; dagegen sollte sie wegen ihrer Unart kein
Heiratsgut mitnehmen und versprechen, das Vermächtnis einer Tante noch
einige Jahre gegen geringe Interessen in des Vaters Händen zu lassen.
Der zweite Punkt, wegen einer bürgerlichen Versorgung, fand schon
größere Schwierigkeiten. Man wollte das ungeratene Kind nicht vor
Augen sehen, man wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menschen
mit einer so angesehenen Familie, welche sogar mit einem
Superintendenten verwandt war, sich durch die Gegenwart nicht
beständig aufrücken lassen; man konnte ebensowenig hoffen, daß die
fürstlichen Kollegien ihm eine Stelle anvertrauen würden. Beide
Eltern waren gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr eifrig dafür
sprach, weil er dem Menschen, den er geringschätzte, die Rückkehr auf
das Theater nicht gönnte und überzeugt war, daß er eines solchen
Glückes nicht wert sei, konnte mit allen seinen Argumenten nichts
ausrichten. Hätte er die geheimen Triebfedern gekannt, so würde er
sich die Mühe gar nicht gegeben haben, die Eltern überreden zu wollen.
Denn der Vater, der seine Tochter gerne bei sich behalten hätte,
haßte den jungen Menschen, weil seine Frau selbst ein Auge auf ihn
geworfen hatte, und diese konnte in ihrer Stieftochter eine glückliche
Nebenbuhlerin nicht vor Augen leiden. Und so mußte Melina wider
seinen Willen mit seiner jungen Braut, die schon größere Lust bezeigte,
die Welt zu sehen und sich der Welt sehen zu lassen, nach einigen
Tagen abreisen, um bei irgendeiner Gesellschaft ein Unterkommen zu
finden.
I. Buch, 15. Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Glückliche Jugend! Glückliche Zeiten des ersten Liebesbedürfnisses!
Der Mensch ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergötzt,
die Unkosten des Gespräches allein trägt und mit der Unterhaltung
wohl zufrieden ist, wenn der unsichtbare Gegenpart auch nur die
letzten Silben der ausgerufenen Worte wiederholt.
So war Wilhelm in den frühern, besonders aber in den spätern Zeiten
seiner Leidenschaft für Marianen, als er den ganzen Reichtum seines
Gefühls auf sie hinübertrug und sich dabei als einen Bettler ansah,
der von ihren Almosen lebte. Und wie uns eine Gegend reizender, ja
allein reizend vorkommt, wenn sie von der Sonne beschienen wird, so
war auch alles in seinen Augen verschönert und verherrlicht, was sie
umgab, was sie berührte.
Wie oft stand er auf dem Theater hinter den Wänden, wozu er sich das
Privilegium von dem Direktor erbeten hatte! Dann war freilich die
perspektivische Magie verschwunden, aber die viel mächtigere Zauberei
der Liebe fing erst an zu wirken. Stundenlang konnte er am
schmutzigen Lichtwagen stehen, den Qualm der Unschlittlampen einziehen,
nach der Geliebten hinausblicken und, wenn sie wieder hereintrat und
ihn freundlich ansah, sich in Wonne verloren dicht an dem Balken und
Lattengerippe in einen paradiesischen Zustand versetzt fühlen. Die
ausgestopften Lämmchen, die Wasserfälle von Zindel, die pappenen
Rosenstöcke und die einseitigen Strohhütten erregten in ihm liebliche
dichterische Bilder uralter Schäferwelt. Sogar die in der Nähe
häßlich erscheinenden Tänzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil
sie auf einem Brette mit seiner Vielgeliebten standen. Und so ist es
gewiß, daß Liebe, welche Rosenlauben, Myrtenwäldchen und Mondschein
erst beleben muß, auch sogar Hobelspänen und Papierschnitzeln einen
Anschein belebter Naturen geben kann. Sie ist eine so starke Würze,
daß selbst schale und ekle Brühen davon schmackhaft werden.
Solch einer Würze bedurft es freilich, um jenen Zustand leidlich, ja
in der Folge angenehm zu machen, in welchem er gewöhnlich ihre Stube,
ja gelegentlich sie selbst antraf.
In einem feinen Bürgerhause erzogen, war Ordnung und Reinlichkeit das
Element, worin er atmete, und indem er von seines Vaters Prunkliebe
einen Teil geerbt hatte, wußte er in den Knabenjahren sein Zimmer, das
er als sein kleines Reich ansah, stattlich auszustaffieren. Seine
Bettvorhänge waren in große Falten aufgezogen und mit Quasten
befestigt, wie man Thronen vorzustellen pflegt; er hatte sich einen
Teppich in die Mitte des Zimmers und einen feinern auf den Tisch
anzuschaffen gewußt; seine Bücher und Gerätschaften legte und stellte
er fast mechanisch so, daß ein niederländischer Maler gute Gruppen zu
seinen Stilleben hätte herausnehmen können. Eine weiße Mütze hatte er
wie einen Turban zurechtgebunden und die Ärmel seines Schlafrocks nach
orientalischem Kostüme kurz stutzen lassen. Doch gab er hiervon die
Ursache an, daß die langen, weiten Ärmel ihn im Schreiben hinderten.
Wenn er abends ganz allein war und nicht mehr fürchten durfte, gestört
zu werden, trug er gewöhnlich eine seidene Schärpe um den Leib, und er
soll manchmal einen Dolch, den er sich aus einer alten Rüstkammer
zugeeignet, in den Gürtel gesteckt und so die ihm zugeteilten
tragischen Rollen memoriert und probiert, ja in ebendem Sinne sein
Gebet kniend auf dem Teppich verrichtet haben.
Wie glücklich pries er daher in früheren Zeiten den Schauspieler, den
er im Besitz so mancher majestätischen Kleider, Rüstungen und Waffen
und in steter Übung eines edlen Betragens sah, dessen Geist einen
Spiegel des Herrlichsten und Prächtigsten, was die Welt an
Verhältnissen, Gesinnungen und Leidenschaften hervorgebracht,
darzustellen schien. Ebenso dachte sich Wilhelm auch das häusliche
Leben eines Schauspielers als eine Reihe von würdigen Handlungen und
Beschäftigungen, davon die Erscheinung auf dem Theater die äußerste
Spitze sei, etwa wie ein Silber, das vom Läuterfeuer lange
herumgetrieben worden, endlich farbig-schön vor den Augen des
Arbeiters erscheint und ihm zugleich andeutet, daß das Metall nunmehr
von allen fremden Zusätzen gereiniget sei.
Wie sehr stutzte er daher anfangs, wenn er sich bei seiner Geliebten
befand und durch den glücklichen Nebel, der ihn umgab, nebenaus auf
Tische, Stühle und Boden sah. Die Trümmer eines augenblicklichen,
leichten und falschen Putzes lagen, wie das glänzende Kleid eines
abgeschuppten Fisches, zerstreut in wilder Unordnung durcheinander.
Die Werkzeuge menschlicher Reinlichkeit, als Kämme, Seife, Tücher,
waren mit den Spuren ihrer Bestimmung gleichfalls nicht versteckt.
Musik, Rollen und Schuhe, Wäsche und italienische Blumen, Etuis,
Haarnadeln, Schminktöpfchen und Bänder, Bücher und Strohhüte, keines
verschmähte die Nachbarschaft des andern, alle waren durch ein
gemeinschaftliches Element, durch Puder und Staub, vereinigt. Jedoch
da Wilhelm in ihrer Gegenwart wenig von allem andern bemerkte, ja
vielmehr ihm alles, was ihr gehörte, sie berührt hatte, lieb werden
mußte, so fand er zuletzt in dieser verworrenen Wirtschaft einen Reiz,
den er in seiner stattlichen Prunkordnung niemals empfunden hatte. Es
war ihm--wenn er hier ihre Schnürbrust wegnahm, um zum Klavier zu
kommen, dort ihre Röcke aufs Bette legte, um sich setzen zu können,
wenn sie selbst mit unbefangener Freimütigkeit manches Natürliche, das
man sonst gegen einen andern aus Anstand zu verheimlichen pflegt, vor
ihm nicht zu verbergen suchte--es war ihm, sag ich, als wenn er ihr
mit jedem Augenblicke näher würde, als wenn eine Gemeinschaft zwischen
ihnen durch unsichtbare Bande befestigt würde.
Nicht ebenso leicht konnte er die Aufführung der übrigen Schauspieler,
die er bei seinen ersten Besuchen manchmal bei ihr antraf, mit seinen
Begriffen vereinigen. Geschäftig im Müßiggange, schienen sie an ihren
Beruf und Zweck am wenigsten zu denken; über den poetischen Wert eines
Stückes hörte er sie niemals reden und weder richtig noch unrichtig
darüber urteilen; es war immer nur die Frage: "Was wird das Stück
machen? Ist es ein Zugstück? Wie lange wird es spielen? Wie oft
kann es wohl gegeben werden?" und was Fragen und Bemerkungen dieser
Art mehr waren. Dann ging es gewöhnlich auf den Direktor los, daß er
mit der Gage zu karg und besonders gegen den einen und den andern
ungerecht sei, dann auf das Publikum, daß es mit seinem Beifall selten
den rechten Mann belohne, daß das deutsche Theater sich täglich
verbessere, daß der Schauspieler nach seinen Verdiensten immer mehr
geehrt werde und nicht genug geehrt werden könne. Dann sprach man
viel von Kaffeehäusern und Weingärten und was daselbst vorgefallen,
wieviel irgendein Kamerad Schulden habe und Abzug leiden müsse, von
Disproportion der wöchentlichen Gage, von Kabalen einer Gegenpartei;
wobei denn doch zuletzt die große und verdiente Aufmerksamkeit des
Publikums wieder in Betracht kam und der Einfluß des Theaters auf die
Bildung einer Nation und der Welt nicht vergessen wurde.
Alle diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche unruhige Stunde
gemacht hatten, kamen ihm gegenwärtig wieder ins Gedächtnis, als ihn
sein Pferd langsam nach Hause trug und er die verschiedenen Vorfälle,
die ihm begegnet waren, überlegte. Die Bewegung, welche durch die
Flucht eines Mädchens in eine gute Bürgerfamilie, ja in ein ganzes
Städtchen gekommen war, hatte er mit Augen gesehen; die Szenen auf der
Landstraße und im Amthause, die Gesinnungen Melinas, und was sonst
noch vorgegangen war, stellten sich ihm wieder dar und brachten seinen
lebhaften, vordringenden Geist in eine Art von sorglicher Unruhe, die
er nicht lange ertrug, sondern seinem Pferde die Sporen gab und nach
der Stadt zu eilte.
Allein auch auf diesem Wege rannte er nur neuen Unannehmlichkeiten
entgegen. Werner, sein Freund und vermutlicher Schwager, wartete auf
ihn, um ein ernsthaftes, bedeutendes und unerwartetes Gespräch mit ihm
anzufangen.
Werner war einer von den geprüften, in ihrem Dasein bestimmten Leuten,
die man gewöhnlich kalte Leute zu nennen pflegt, weil sie bei Anlässen
weder schnell noch sichtlich auflodern; auch war sein Umgang mit
Wilhelmen ein anhaltender Zwist, wodurch sich ihre Liebe aber nur
desto fester knüpfte: denn ungeachtet ihrer verschiedenen Denkungsart
fand jeder seine Rechnung bei dem andern. Werner tat sich darauf
etwas zugute, daß er dem vortrefflichen, obgleich gelegentlich
ausschweifenden Geist Wilhelms mitunter Zügel und Gebiß anzulegen
schien, und Wilhelm fühlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er
seinen bedächtlichen Freund in warmer Aufwallung mit sich fortnahm.
So übte sich einer an dem andern, sie wurden gewohnt, sich täglich zu
sehen, und man hätte sagen sollen, das Verlangen, einander zu finden,
sich miteinander zu besprechen, sei durch die Unmöglichkeit, einander
verständlich zu werden, vermehrt worden. Im Grunde aber gingen sie
doch, weil sie beide gute Menschen waren, nebeneinander, miteinander
nach einem Ziel und konnten niemals begreifen, warum denn keiner den
andern auf seine Gesinnung reduzieren könne.
Werner bemerkte seit einiger Zeit, daß Wilhelms Besuche seltner wurden,
daß er in Lieblingsmaterien kurz und zerstreut abbrach, daß er sich
nicht mehr in lebhafte Ausbildung seltsamer Vorstellungen vertiefte,
an welcher sich freilich ein freies, in der Gegenwart des Freundes
Ruhe und Zufriedenheit findendes Gemüt am sichersten erkennen läßt.
Der pünktliche und bedächtige Werner suchte anfangs den Fehler in
seinem eignen Betragen, bis ihn einige Stadtgespräche auf die rechte
Spur brachten und einige Unvorsichtigkeiten Wilhelms ihn der Gewißheit
näher führten. Er ließ sich auf eine Untersuchung ein und entdeckte
gar bald, daß Wilhelm vor einiger Zeit eine Schauspielerin öffentlich
besucht, mit ihr auf dem Theater gesprochen und sie nach Hause
gebracht habe; er wäre trostlos gewesen, wenn ihm auch die nächtlichen
Zusammenkünfte bekannt geworden wären, denn er hörte, daß Mariane ein
verführerisches Mädchen sei, die seinen Freund wahrscheinlich ums Geld
bringe und sich noch nebenher von dem unwürdigsten Liebhaber
unterhalten lasse.
Sobald er seinen Verdacht soviel möglich zur Gewißheit erhoben,
beschloß er einen Angriff auf Wilhelmen und war mit allen Anstalten
völlig in Bereitschaft, als dieser eben verdrießlich und verstimmt von
seiner Reise zurückkam.
Werner trug ihm noch denselbigen Abend alles, was er wußte, erst
gelassen, dann mit dem dringenden Ernste einer wohldenkenden
Freundschaft vor, ließ keinen Zug unbestimmt und gab seinem Freunde
alle die Bitterkeiten zu kosten, die ruhige Menschen an Liebende mit
tugendhafter Schadenfreude so freigebig auszuspenden pflegen. Aber
wie man sich denken kann, richtete er wenig aus. Wilhelm versetzte
mit inniger Bewegung, doch mit großer Sicherheit: "Du kennst das
Mädchen nicht! Der Schein ist vielleicht nicht zu ihrem Vorteil, aber
ich bin ihrer Treue und Tugend so gewiß als meiner Liebe."
Werner beharrte auf seiner Anklage und erbot sich zu Beweisen und
Zeugen. Wilhelm verwarf sie und entfernte sich von seinem Freunde
verdrießlich und erschüttert wie einer, dem ein ungeschickter Zahnarzt
einen schadhaften festsitzenden Zahn gefaßt und vergebens daran
geruckt hat.
Höchst unbehaglich fand sich Wilhelm, das schöne Bild Marianens erst
durch die Grillen der Reise, dann durch Werners Unfreundlichkeit in
seiner Seele getrübt und beinahe entstellt zu sehen. Er griff zum
sichersten Mittel, ihm die völlige Klarheit und Schönheit
wiederherzustellen, indem er nachts auf den gewöhnlichen Wegen zu ihr
hineilte. Sie empfing ihn mit lebhafter Freude; denn er war bei
seiner Ankunft vorbeigeritten, sie hatte ihn diese Nacht erwartet, und
es läßt sich denken, daß alle Zweifel bald aus seinem Herzen
vertrieben wurden. Ja, ihre Zärtlichkeit schloß sein ganzes Vertrauen
wieder auf, und er erzählte ihr, wie sehr sich das Publikum, wie sehr
sich sein Freund an ihr versündiget.
Mancherlei lebhafte Gespräche führten sie auf die ersten Zeiten ihrer
Bekanntschaft, deren Erinnerung eine der schönsten Unterhaltungen
zweier Liebenden bleibt. Die ersten Schritte, die uns in den
Irrgarten der Liebe bringen, sind so angenehm, die ersten Aussichten
so reizend, daß man sie gar zu gern in sein Gedächtnis zurückruft.
Jeder Teil sucht einen Vorzug vor dem andern zu behalten, er habe
früher, uneigennütziger geliebt, und jedes wünscht in diesem
Wettstreite lieber überwunden zu werden als zu überwinden.
Wilhelm wiederholte Marianen, was sie schon so oft gehört hatte, daß
sie bald seine Aufmerksamkeit von dem Schauspiel ab und auf sich
allein gezogen habe, daß ihre Gestalt, ihr Spiel, ihre Stimme ihn
gefesselt; wie er zuletzt nur die Stücke, in denen sie gespielt,
besucht habe, wie er endlich aufs Theater geschlichen sei, oft, ohne
von ihr bemerkt zu werden, neben ihr gestanden habe; dann sprach er
mit Entzücken von dem glücklichen Abende, an dem er eine Gelegenheit
gefunden, ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen und ein Gespräch
einzuleiten.
Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, daß sie ihn so lange nicht
bemerkt hätte; sie behauptete, ihn schon auf dem Spaziergange gesehen
zu haben, und bezeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er am selbigen
Tage angehabt; sie behauptete, daß er ihr damals vor allen andern
gefallen und daß sie seine Bekanntschaft gewünscht habe.
Wie gern glaubte Wilhelm das alles! Wie gern ließ er sich überreden,
daß sie zu ihm, als er sich ihr genähert, durch einen
unwiderstehlichen Zug hingeführt worden, daß sie absichtlich zwischen
die Kulissen neben ihn getreten sei, um ihn näher zu sehen und
Bekanntschaft mit ihm zu machen, und daß sie zuletzt, da seine
Zurückhaltung und Blödigkeit nicht zu überwinden gewesen, ihm selbst
Gelegenheit gegeben und ihn gleichsam genötigt habe, ein Glas Limonade
herbeizuholen.
Unter diesem liebevollen Wettstreit, den sie durch alle kleinen
Umstände ihres kurzen Romans verfolgten, vergingen ihnen die Stunden
sehr schnell, und Wilhelm verließ völlig beruhigt seine Geliebte mit
dem festen Vorsatze, sein Vorhaben unverzüglich ins Werk zu richten.
I. Buch, 16. Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Was zu seiner Abreise nötig war, hatten Vater und Mutter besorgt; nur
einige Kleinigkeiten, die an der Equipage fehlten, verzögerten seinen
Aufbruch um einige Tage. Wilhelm benutzte diese Zeit, um an Marianen
einen Brief zu schreiben, wodurch er die Angelegenheit endlich zur
Sprache bringen wollte, über welche sie sich mit ihm zu unterhalten
bisher immer vermieden hatte. Folgendermaßen lautete der Brief:
"Unter der lieben Hülle der Nacht, die mich sonst in deinen Armen
bedeckte, sitze ich und denke und schreibe an dich, und was ich sinne
und treibe, ist nur um deinetwillen. O Mariane! mir, dem
glücklichsten unter den Männern, ist es wie einem Bräutigam, der
ahnungsvoll, welch eine neue Welt sich in ihm und durch ihn entwickeln
wird, auf den festlichen Teppichen steht und während der heiligen
Zeremonien sich gedankenvoll lüstern vor die geheimnisreichen Vorhänge
versetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegensäuselt.
Ich habe über mich gewonnen, dich in einigen Tagen nicht zu sehen; es
war leicht in Hoffnung einer solchen Entschädigung, ewig mit dir zu
sein, ganz der Deinige zu bleiben! Soll ich wiederholen, was ich
wünsche? Und doch ist es nötig; denn es scheint, als habest du mich
bisher nicht verstanden.
Wie oft habe ich mit leisen Tönen der Treue, die, weil sie alles zu
halten wünscht, wenig zu sagen wagt, an deinem Herzen geforscht nach
dem Verlangen einer ewigen Verbindung. Verstanden hast du mich gewiß:
denn in deinem Herzen muß ebender Wunsch keimen; vernommen hast du
mich in jedem Kusse, in der anschmiegenden Ruhe jener glücklichen
Abende. Da lernt ich deine Bescheidenheit kennen, und wie vermehrte
sich meine Liebe! Wo eine andere sich künstlich betragen hätte, um
durch überflüssigen Sonnenschein einen Entschluß in dem Herzen ihres
Liebhabers zur Reife zu bringen, eine Erklärung hervorzulocken und ein
Versprechen zu befestigen, eben da ziehst du dich zurück, schließest
die halbgeöffnete Brust deines Geliebten wieder zu und suchst durch
eine anscheinende Gleichgültigkeit deine Beistimmung zu verbergen;
aber ich verstehe dich! Welch ein Elender müßte ich sein, wenn ich an
diesen Zeichen die reine, uneigennützige, nur für den Freund besorgte
Liebe nicht erkennen wollte! Vertraue mir und sei ruhig! Wir gehören
einander an, und keins von beiden verläßt oder verliert etwas, wenn
wir füreinander leben.
Nimm sie hin, diese Hand! feierlich noch dies überflüssige Zeichen!
Alle Freuden der Liebe haben wir empfunden, aber es sind neue
Seligkeiten in dem bestätigten Gedanken der Dauer. Frage nicht, wie?
Sorge nicht! Das Schicksal sorgt für die Liebe, und um so gewisser,
da Liebe genügsam ist.
Mein Herz hat schon lange meiner Eltern Haus verlassen; es ist bei dir,
wie mein Geist auf der Bühne schwebt. O meine Geliebte! Ist wohl
einem Menschen so gewährt, seine Wünsche zu verbinden, wie mir? Kein
Schlaf kommt in meine Augen, und wie eine ewige Morgenröte steigt
deine Liebe und dein Glück vor mir auf und ab.
Kaum daß ich mich halte, nicht auffahre, zu dir hinrenne und mir deine
Einwilligung erzwinge und gleich Morgen frühe weiter in die Welt nach
meinem Ziele hinstrebe.--Nein, ich will mich bezwingen! Ich will nicht
unbesonnen törichte, verwegene Schritte tun; mein Plan ist entworfen,
und ich will ihn ruhig ausführen.
Ich bin mit Direktor Serlo bekannt, meine Reise geht gerade zu ihm, er
hat vor einem Jahre oft seinen Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit
und Freude am Theater gewünscht, und ich werde ihm gewiß willkommen
sein; denn bei eurer Truppe möchte ich aus mehr als einer Ursache
nicht eintreten; auch spielt Serlo so weit von hier, daß ich anfangs
meinen Schritt verbergen kann. Einen leidlichen Unterhalt finde ich
da gleich; ich sähe mich in dem Publiko um, lerne die Gesellschaft
kennen und hole dich nach.
Mariane, du siehst, was ich über mich gewinnen kann, um dich gewiß zu
haben; denn dich so lange nicht zu sehen, dich in der weiten Welt zu
wissen! recht lebhaft darf ich mir's nicht denken. Wenn ich mir dann
aber wieder deine Liebe vorstelle, die mich vor allem sichert, wenn du
meine Bitte nicht verschmähst, ehe wir scheiden, und du mir deine Hand
vor dem Priester reichst, so werde ich ruhig gehen. Es ist nur eine
Formel unter uns, aber eine so schöne Formel, der Segen des Himmels zu
dem Segen der Erde. In der Nachbarschaft, im Ritterschaftlichen, geht
es leicht und heimlich an.
Für den Anfang habe ich Geld genug; wir wollen teilen, es wird für uns
beide hinreichen; ehe das verzehrt ist, wird der Himmel weiterhelfen.