Endlich schlug die nächtliche Stunde; er entfernte sich aus seinem

Hause, schüttelte allen Druck ab und wandelte durch die stillen Gassen.

Auf dem großen Platze hub er seine Hände gen Himmel, fühlte alles

hinter und unter sich; er hatte sich von allem losgemacht. Nun dachte

er sich in den Armen seiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem

blendenden Theatergerüste, er schwebte in einer Fülle von Hoffnungen,

und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des Nachtwächters, daß er noch

auf dieser Erde wandle.

Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, und wie schön! wie

lieblich! In dem neuen weißen Negligè empfing sie ihn, er

glaubte sie noch nie so reizend gesehen zu haben. So weihte sie das

Geschenk des abwesenden Liebhabers in den Armen des gegenwärtigen ein,

und mit wahrer Leidenschaft verschwendete sie den ganzen Reichtum

ihrer Liebkosungen, welche ihr die Natur eingab, welche die Kunst sie

gelehrt hatte, an ihren Liebling, und man frage, ob er sich glücklich,

ob er sich selig fühlte.

Er entdeckte ihr, was vorgegangen war, und ließ ihr im allgemeinen

seinen Plan, seine Wünsche sehen. Er wolle unterzukommen suchen, sie

alsdann abholen, er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versagen.

Das arme Mädchen aber schwieg, verbarg ihre Tränen und drückte den

Freund an ihre Brust, der, ob er gleich ihr Verstummen auf das

günstigste auslegte, doch eine Antwort gewünscht hätte, besonders da

er sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freundlichste fragte, ob

er sich denn nicht Vater glauben dürfe. Aber auch darauf antwortete

sie nur mit einem Seufzer, einem Kusse.

I. Buch, 12. Kapitel

Zwölftes Kapitel

Den andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer Betrübnis; sie fand

sich sehr allein, mochte den Tag nicht sehen, blieb im Bette und

weinte. Die Alte setzte sich zu ihr, suchte ihr einzureden, sie zu

trösten; aber es gelang ihr nicht, das verwundete Herz so schnell zu

heilen. Nun war der Augenblick nahe, dem das arme Mädchen wie dem

letzten ihres Lebens entgegengesehen hatte. Konnte man sich auch in

einer ängstlichern Lage fühlen? Ihr Geliebter entfernte sich, ein

unbequemer Liebhaber drohte zu kommen, und das größte Unheil stand

bevor, wenn beide, wie es leicht möglich war, einmal zusammentreffen

sollten.

"Beruhige dich, Liebchen", rief die Alte, "verweine mir deine schönen

Augen nicht! Ist es denn ein so großes Unglück, zwei Liebhaber zu

besitzen? Und wenn du auch deine Zärtlichkeit nur dem einen schenken

kannst, so sei wenigstens dankbar gegen den andern, der, nach der Art,

wie er für dich sorgt, gewiß dein Freund genannt zu werden verdient."

"Es ahnte meinem Geliebten", versetzte Mariane dagegen mit Tränen,

"daß uns eine Trennung bevorstehe; ein Traum hat ihm entdeckt, was wir

ihm so sorgfältig zu verbergen suchen. Er schlief so ruhig an meiner

Seite. Auf einmal höre ich ihn ängstliche, unvernehmliche Töne

stammeln. Mir wird bange, und ich wecke ihn auf. Ach! mit welcher

Liebe, mit welcher Zärtlichkeit, mit welchem Feuer umarmt' er mich!

"O Mariane!" rief er aus, "welchem schrecklichen Zustande hast du mich

entrissen! Wie soll ich dir danken, daß du mich aus dieser Hölle

befreit hast? Mir träumte", fuhr er fort, "ich befände mich, entfernt

von dir, in einer unbekannten Gegend; aber dein Bild schwebte mir vor;

ich sah dich auf einem schönen Hügel, die Sonne beschien den ganzen

Platz; wie reizend kamst du mir vor! Aber es währte nicht lange, so

sah ich dein Bild hinuntergleiten, immer hinuntergleiten; ich streckte

meine Arme nach dir aus, sie reichten nicht durch die Ferne. Immer

sank dein Bild und näherte sich einem großen See, der am Fuße des

Hügels weit ausgebreitet lag, eher ein Sumpf als ein See. Auf einmal

gab dir ein Mann die Hand; er schien dich hinaufführen zu wollen, aber

leitete dich seitwärts und schien dich nach sich zu ziehen. Ich rief,

da ich dich nicht erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte

ich gehen, so schien der Boden mich festzuhalten; konnt ich gehen, so

hinderte mich das Wasser, und sogar mein Schreien erstickte in der

beklemmten Brust."--So erzählte der Arme, indem er sich von seinem

Schrecken an meinem Busen erholte und sich glücklich pries, einen

fürchterlichen Traum durch die seligste Wirklichkeit verdrängt zu

sehen."

Die Alte suchte soviel möglich durch ihre Prose die Poesie ihrer

Freundin ins Gebiet des gemeinen Lebens herunterzulocken und bediente

sich dabei der guten Art, welche Vogelstellern zu gelingen pflegt,

indem sie durch ein Pfeifchen die Töne derjenigen nachzuahmen suchen,

welche sie bald und häufig in ihrem Garne zu sehen wünschen. Sie

lobte Wilhelmen, rühmte seine Gestalt, seine Augen, seine Liebe. Das

arme Mädchen hörte ihr gerne zu, stand auf, ließ sich ankleiden und

schien ruhiger. "Mein Kind, mein Liebchen", fuhr die Alte

schmeichelnd fort, "ich will dich nicht betrüben, nicht beleidigen,

ich denke dir nicht dein Glück zu rauben. Darfst du meine Absicht

verkennen, und hast du vergessen, daß ich jederzeit mehr für dich als

für mich gesorgt habe? Sag mir nur, was du willst; wir wollen schon

sehen, wie wir es ausführen."

"Was kann ich wollen?" versetzte Mariane; "ich bin elend, auf mein

ganzes Leben elend; ich liebe ihn, der mich liebt, sehe, daß ich mich

von ihm trennen muß, und weiß nicht, wie ich es überleben kann.

Norberg kommt, dem wir unsere ganze Existenz schuldig sind, den wir

nicht entbehren können. Wilhelm ist sehr eingeschränkt, er kann

nichts für mich tun."

"Ja, er ist unglücklicherweise von jenen Liebhabern, die nichts als

ihr Herz bringen, und eben diese haben die meisten Prätensionen."

"Spotte nicht! Der Unglückliche denkt sein Haus zu verlassen, auf das

Theater zu gehen, mir seine Hand anzubieten."

"Leere Hände haben wir schon viere."

"Ich habe keine Wahl", fuhr Mariane fort, "entscheide du! Stoße mich

da oder dorthin, nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag ich ein Pfand

im Busen, das uns noch mehr aneinanderfesseln sollte; das bedenke und

entscheide: wen soll ich lassen? Wem soll ich folgen?"

Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: "Daß doch die Jugend immer

zwischen den Extremen schwankt! Ich finde nichts natürlicher, als

alles zu verbinden, was uns Vergnügen und Vorteil bringt. Liebst du

den einen, so mag der andere bezahlen; es kommt nur darauf an, daß wir

klug genug sind, sie beide auseinanderzuhalten."

"Mache, was du willst, ich kann nichts denken; aber folgen will ich."

"Wir haben den Vorteil, daß wir den Eigensinn des Direktors, der auf

die Sitten seiner Truppe stolz ist, vorschützen können. Beide

Liebhaber sind schon gewohnt, heimlich und vorsichtig zu Werke zu

gehen. Für Stunde und Gelegenheit will ich sorgen; nur mußt du

hernach die Rolle spielen, die ich dir vorschreibe. Wer weiß, welcher

Umstand uns hilft. Käme Norberg nur jetzt, da Wilhelm entfernt ist!

Wer wehrt dir, in den Armen des einen an den andern zu denken? Ich

wünsche dir zu einem Sohne Glück; er soll einen reichen Vater haben."

Mariane war durch diese Vorstellungen nur für kurze Zeit gebessert.

Sie konnte ihren Zustand nicht in Harmonie mit ihrer Empfindung, ihrer

Überzeugung bringen; sie wünschte diese schmerzlichen Verhältnisse zu

vergessen, und tausend kleine Umstände mußten sie jeden Augenblick

daran erinnern.

I. Buch, 13. Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Wilhelm hatte indessen die kleine Reise vollendet und überreichte, da

er seinen Handelsfreund nicht zu Hause fand, das Empfehlungsschreiben

der Gattin des Abwesenden. Aber auch diese gab ihm auf seine Fragen

wenig Bescheid; sie war in einer heftigen Gemütsbewegung und das ganze

Haus in großer Verwirrung.

Es währte jedoch nicht lange, so vertraute sie ihm (und es war auch

nicht zu verheimlichen), daß ihre Stieftochter mit einem Schauspieler

davongegangen sei, mit einem Menschen, der sich von einer kleinen

Gesellschaft vor kurzem losgemacht, sich im Orte aufgehalten und im

Französischen Unterricht gegeben habe. Der Vater, außer sich vor

Schmerz und Verdruß, sei ins Amt gelaufen, um die Flüchtigen verfolgen

zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, schmähte den Liebhaber, so

daß an beiden nichts Lobenswürdiges übrigblieb, beklagte mit vielen

Worten die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, und setzte

Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der sich und sein heimliches

Vorhaben durch diese Sibylle gleichsam mit prophetischem Geiste voraus

getadelt und gestraft fühlte. Noch stärkern und innigern Anteil mußte

er aber an den Schmerzen des Vaters nehmen, der aus dem Amte zurückkam,

mit stiller Trauer und halben Worten seine Expedition der Frau

erzählte und, indem er nach eingesehenem Briefe das Pferd Wilhelmen

vorführen ließ, seine Zerstreuung und Verwirrung nicht verbergen

konnte.

Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen und sich aus einem

Hause zu entfernen, in welchem ihm unter den gegebenen Umständen

unmöglich wohl werden konnte; allein der gute Mann wollte den Sohn

eines Hauses, dem er so viel schuldig war, nicht unbewirtet und ohne

ihn eine Nacht unter seinem Dache behalten zu haben, entlassen.

Unser Freund hatte ein trauriges Abendessen eingenommen, eine unruhige

Nacht ausgestanden und eilte frühmorgens, so bald als möglich sich von

Leuten zu entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren Erzählungen

und Äußerungen auf das empfindlichste gequält hatten.

Er ritt langsam und nachdenkend die Straße hin, als er auf einmal eine

Anzahl bewaffneter Leute durchs Feld kommen sah, die er an ihren

weiten und langen Röcken, großen Aufschlägen, unförmlichen Hüten und

plumpen Gewehren, an ihrem treuherzigen Gange und dem bequemen Tragen

ihres Körpers sogleich für ein Kommando Landmiliz erkannte. Unter

einer alten Eiche hielten sie stille, setzten ihre Flinten nieder und

lagerten sich bequem auf dem Rasen, um eine Pfeife zu rauchen.

Wilhelm verweilte bei ihnen und ließ sich mit einem jungen Menschen,

der zu Pferde herbeikam, in ein Gespräch ein. Er mußte die Geschichte

der beiden Entflohenen, die ihm nur zu sehr bekannt war, leider noch

einmal, und zwar mit Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den

Eltern sonderlich günstig waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, daß

man hierher gekommen sei, die jungen Leute wirklich in Empfang zu

nehmen, die in dem benachbarten Städtchen eingeholt und angehalten

worden waren. Nach einiger Zeit sah man von ferne einen Wagen

herbeikommen, der von einer Bürgerwache mehr lächerlich als

fürchterlich umgeben war. Ein unförmlicher Stadtschreiber ritt voraus

und komplimentierte mit dem gegenseitigem Aktuarius (denn das war der

junge Mann, mit dem Wilhelm gesprochen hatte) an der Grenze mit großer

Gewissenhaftigkeit und wunderlichen Gebärden, wie es etwa Geist und

Zauberer, der eine inner-, der andere außerhalb des Kreises, bei

gefährlichen nächtlichen Operationen tun mögen.

Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war indes auf den Bauerwagen

gerichtet, und man betrachtete die armen Verirrten nicht ohne

Mitleiden, die auf ein paar Bündeln Stroh beieinander saßen, sich

zärtlich anblickten und die Umstehenden kaum zu bemerken schienen.

Zufälligerweise hatte man sich genötigt gesehen, sie von dem letzten

Dorfe auf eine so unschickliche Art fortzubringen, indem die alte

Kutsche, in welcher man die Schöne transportierte, zerbrochen war.

Sie erbat sich bei dieser Gelegenheit die Gesellschaft ihres Freundes,

den man, in der Überzeugung, er sei auf einem kapitalen Verbrechen

betroffen, bis dahin mit Ketten beschwert nebenhergehen lassen. Diese

Ketten trugen denn freilich nicht wenig bei, den Anblick der

zärtlichen Gruppe interessanter zu machen, besonders weil der junge

Mann sie mit vielem Anstand bewegte, indem er wiederholt seiner

Geliebten die Hände küßte.

"Wir sind sehr unglücklich!" rief sie den Umstehenden zu; "aber nicht

so schuldig, wie wir scheinen. So belohnen grausame Menschen treue

Liebe, und Eltern, die das Glück ihrer Kinder gänzlich vernachlässigen,

reißen sie mit Ungestüm aus den Armen der Freude, die sich ihrer nach

langen, trüben Tagen bemächtigte!"

Indes die Umstehenden auf verschiedene Weise ihre Teilnahme zu

erkennen gaben, hatten die Gerichte ihre Zeremonien absolviert; der

Wagen ging weiter, und Wilhelm, der an dem Schicksal der Verliebten

großen Teil nahm, eilte auf dem Fußpfade voraus, um mit dem Amtmanne,

noch ehe der Zug ankäme, Bekanntschaft zu machen. Er erreichte aber

kaum das Amthaus, wo alles in Bewegung und zum Empfang der Flüchtlinge

bereit war, als ihn der Aktuarius einholte und durch eine umständliche

Erzählung, wie alles gegangen, besonders aber durch ein weitläufiges

Lob seines Pferdes, das er erst gestern vom Juden getauscht, jedes

andere Gespräch verhinderte.

Schon hatte man das unglückliche Paar außen am Garten, der durch eine

kleine Pforte mit dem Amthause zusammenhing, abgesetzt und sie in der

Stille hineingeführt. Der Aktuarius nahm über diese schonende

Behandlung von Wilhelmen ein aufrichtiges Lob an, ob er gleich

eigentlich dadurch nur das vor dem Amthause versammelte Volk necken

und ihm das angenehme Schauspiel einer gedemütigten Mitbürgerin

entziehen wollte.

Der Amtmann, der von solchen außerordentlichen Fällen kein

sonderlicher Liebhaber war, weil er meistenteils dabei einen und den

andern Fehler machte und für den besten Willen gewöhnlich von

fürstlicher Regierung mit einem derben Verweise belohnt wurde, ging

mit schweren Schritten nach der Amtsstube, wohin ihm der Aktuarius,

Wilhelm und einige angesehene Bürger folgten.

Zuerst ward die Schöne vorgeführt, die, ohne Frechheit, gelassen und

mit Bewußtsein ihrer selbst hereintrat. Die Art, wie sie gekleidet

war und sich überhaupt betrug, zeigte, daß sie ein Mädchen sei, die

etwas auf sich halte. Sie fing auch, ohne gefragt zu werden, über

ihren Zustand nicht unschicklich zu reden an.

Der Aktuarius gebot ihr zu schweigen und hielt seine Feder über dem

gebrochenen Blatte. Der Amtmann setzte sich in Fassung, sah ihn an,

räusperte sich und fragte das arme Kind, wie ihr Name heiße und wie

alt sie sei.

"Ich bitte Sie, mein Herr", versetzte sie, "es muß mir gar wunderbar

vorkommen, daß Sie mich um meinen Namen und mein Alter fragen, da Sie

sehr gut wissen, wie ich heiße und daß ich so alt wie Ihr ältester

Sohn bin. Was Sie von mir wissen wollen und was Sie wissen müssen,

will ich gern ohne Umschweife sagen.

Seit meines Vaters zweiter Heirat werde ich zu Hause nicht zum besten

gehalten. Ich hätte einige hübsche Partien tun können, wenn nicht

meine Stiefmutter aus Furcht vor der Ausstattung sie zu vereiteln

gewußt hätte. Nun habe ich den jungen Melina kennenlernen, ich habe

ihn lieben müssen, und da wir die Hindernisse voraussahen, die unserer

Verbindung im Wege stunden, entschlossen wir uns, miteinander in der

weiten Welt ein Glück zu suchen, das uns zu Hause nicht gewährt schien.

Ich habe nichts mitgenommen, als was mein eigen war; wir sind nicht

als Diebe und Räuber entflohen, und mein Geliebter verdient nicht, daß

er mit Ketten und Banden belegt herumgeschleppt werde. Der Fürst ist

gerecht, er wird diese Härte nicht billigen. Wenn wir strafbar sind,

so sind wir es nicht auf diese Weise."

Der alte Amtmann kam hierüber doppelt und dreifach in Verlegenheit.

Die gnädigsten Ausputzer summten ihm schon um den Kopf, und die

geläufige Rede des Mädchens hatte ihm den Entwurf des Protokolls

gänzlich zerrüttet. Das Übel wurde noch größer, als sie bei

wiederholten ordentlichen Fragen sich nicht weiter einlassen wollte,

sondern sich auf das, was sie eben gesagt, standhaft berief.

"Ich bin keine Verbrecherin", sagte sie. "Man hat mich auf

Strohbündeln zur Schande hierhergeführt; es ist eine höhere

Gerechtigkeit, die uns wieder zu Ehren bringen soll."

Der Aktuarius hatte indessen immer ihre Worte nachgeschrieben und

flüsterte dem Amtmanne zu: er solle nur weitergehen; ein förmliches

Protokoll würde sich nachher schon verfassen lassen.

Der Alte nahm wieder Mut und fing nun an, nach den süßen Geheimnissen

der Liebe mit dürren Worten und in hergebrachten, trockenen Formeln

sich zu erkundigen.

Wilhelmen stieg die Röte ins Gesicht, und die Wangen der artigen

Verbrecherin belebten sich gleichfalls durch die reizende Farbe der

Schamhaftigkeit. Sie schwieg und stockte, bis die Verlegenheit selbst

zuletzt ihren Mut zu erhöhen schien.

"Seien Sie versichert", rief sie aus, "daß ich stark genug seien würde,

die Wahrheit zu bekennen, wenn ich auch gegen mich selbst sprechen

müßte; sollte ich nun zaudern und stocken, da sie mir Ehre macht? Ja,

ich habe ihn von dem Augenblicke an, da ich seiner Neigung und seiner

Treue gewiß war, als meinen Ehemann angesehen; ich habe ihm alles

gerne gegönnt, was die Liebe fordert und was ein überzeugtes Herz

nicht versagen kann. Machen Sie nun mit mir, was Sie wollen. Wenn

ich einen Augenblick zu gestehen zauderte, so war die Furcht, daß mein

Bekenntnis für meinen Geliebten schlimme Folgen haben könnte, allein

daran Ursache."

Wilhelm faßte, als er ihr Geständnis hörte, einen hohen Begriff von

den Gesinnungen des Mädchens, indes sie die Gerichtspersonen für eine

freche Dirne erkannten und die gegenwärtigen Bürger Gott dankten, daß

dergleichen Fälle in ihren Familien entweder nicht vorgekommen oder

nicht bekannt geworden waren.

Wilhelm versetzte seine Mariane in diesem Augenblicke vor den

Richterstuhl, legte ihr noch schönere Worte in den Mund, ließ ihre

Aufrichtigkeit noch herzlicher und ihr Bekenntnis noch edler werden.

Die heftigste Leidenschaft, beiden Liebenden zu helfen, bemächtigte

sich seiner. Er verbarg sie nicht und bat den zaudernden Amtmann

heimlich, er möchte doch der Sache ein Ende machen, es sei ja alles so

klar als möglich und bedürfe keiner weitern Untersuchung.

Dieses half so viel, daß man das Mädchen abtreten, dafür aber den

jungen Menschen, nachdem man ihm vor der Türe die Fesseln abgenommen

hatte, hereinkommen ließ. Dieser schien über sein Schicksal mehr

nachdenkend. Seine Antworten waren gesetzter, und wenn er von einer

Seite weniger heroische Freimütigkeit zeigte, so empfahl er sich

hingegen durch Bestimmtheit und Ordnung seiner Aussage.

Da auch dieses Verhör geendiget war, welches mit dem vorigen in allem

übereinstimmte, nur daß er, um das Mädchen zu schonen, hartnäckig

leugnete, was sie selbst schon bekannt hatte, ließ man auch sie

endlich wieder vortreten, und es entstand zwischen beiden eine Szene,

welche ihnen das Herz unsers Freundes gänzlich zu eigen machte.

Was nur in Romanen und Komödien vorzugehen pflegt, sah er hier in

einer unangenehmen Gerichtsstube vor seinen Augen: den Streit

wechselseitiger Großmut, die Stärke der Liebe im Unglück.

"Ist es denn also wahr", sagte er bei sich selbst, "daß die

schüchterne Zärtlichkeit, die vor dem Auge der Sonne und der Menschen

sich verbirgt und nur in abgesonderter Einsamkeit, in tiefem

Geheimnisse zu genießen wagt, wenn sie durch einen feindseligen Zufall

hervorgeschleppt wird, sich alsdann mutiger, stärker, tapferer zeigt

als andere, brausende und großtuende Leidenschaften?"

Zu seinem Troste schloß sich die ganze Handlung noch ziemlich bald.

Sie wurden beide in leidliche Verwahrung genommen, und wenn es möglich

gewesen wäre, so hätte er noch diesen Abend das Frauenzimmer zu ihren

Eltern hinübergebracht. Denn er setzte sich fest vor, hier ein

Mittelsmann zu werden und die glückliche und anständige Verbindung

beider Liebenden zu befördern.

Er erbat sich von dem Amtmanne die Erlaubnis, mit Melina allein zu

reden, welche ihm denn auch ohne Schwierigkeit verstattet wurde.

I. Buch, 14. Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Das Gespräch der beiden neuen Bekannten wurde gar bald vertraut und

lebhaft. Denn als Wilhelm dem niedergeschlagnen Jüngling sein

Verhältnis zu den Eltern des Frauenzimmers entdeckte, sich zum Mittler

anbot und selbst die besten Hoffnungen zeigte, erheiterte sich das

traurige und sorgenvolle Gemüt des Gefangnen, er fühlte sich schon

wieder befreit, mit seinen Schwiegereltern versöhnt, und es war nun

von künftigem Erwerb und Unterkommen die Rede.

"Darüber werden Sie doch nicht in Verlegenheit sein", versetzte

Wilhelm; "denn Sie scheinen mir beiderseits von der Natur bestimmt, in

dem Stande, den Sie gewählt haben, Ihr Glück zu machen. Eine

angenehme Gestalt, eine wohlklingende Stimme, ein gefühlvolles Herz!

Können Schauspieler besser ausgestattet sein? Kann ich Ihnen mit

einigen Empfehlungen dienen, so wird es mir viel Freude machen."

"Ich danke Ihnen von Herzen", versetzte der andere; "aber ich werde

wohl schwerlich davon Gebrauch machen können, denn ich denke, wo

möglich nicht auf das Theater zurückzukehren."

"Daran tun Sie sehr übel", sagte Wilhelm nach einer Pause, in welcher

er sich von seinem Erstaunen erholt hatte; denn er dachte nicht anders,

als daß der Schauspieler, sobald er mit seiner jungen Gattin befreit

worden, das Theater aufsuchen werde. Es schien ihm ebenso natürlich

und notwendig, als daß der Frosch das Wasser sucht. Nicht einen

Augenblick hatte er daran gezweifelt und mußte nun zu seinem Erstaunen

das Gegenteil erfahren.

"Ja", versetzte der andere, "ich habe mir vorgenommen, nicht wieder

auf das Theater zurückzukehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung,

sie sei auch, welche sie wolle, anzunehmen, wenn ich nur eine erhalten

kann."

"Das ist ein sonderbarer Entschluß, den ich nicht billigen kann; denn

ohne besondere Ursache ist es niemals ratsam, die Lebensart, die man

ergriffen hat, zu verändern, und überdies wüßte ich keinen Stand, der

so viel Annehmlichkeiten, so viel reizende Aussichten darböte, als den

eines Schauspielers."

"Man sieht, daß Sie keiner gewesen sind", versetzte jener.

Darauf sagte Wilhelm: "Mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem

Zustande zufrieden, in dem er sich befindet! Er wünscht sich immer

den seines Nächsten, aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnt."

"Indes bleibt doch ein Unterschied", versetzte Melina, "zwischen dem

Schlimmen und dem Schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld macht mich so

handeln. Ist wohl irgend ein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer

und mühseliger in der Welt? Beinahe wäre es ebensogut, vor den Türen

zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mitgenossen und der

Parteilichkeit des Direktors, von der veränderlichen Laune des

Publikums auszustehen! Wahrhaftig, man muß ein Fell haben wie ein Bär,

der in Gesellschaft von Affen und Hunden an der Kette herumgeführt

und geprügelt wird, um bei dem Tone eines Dudelsacks vor Kindern und

Pöbel zu tanzen."

Wilhelm dachte allerlei bei sich selbst, was er jedoch dem guten

Menschen nicht ins Gesicht sagen wollte. Er ging also nur von ferne

mit dem Gespräch um ihn herum. Jener ließ sich desto aufrichtiger und

weitläufiger heraus.--"Täte es nicht not", sagte er, "daß ein Direktor

jedem Stadtrate zu Füßen fiele, um nur die Erlaubnis zu haben, vier

Wochen zwischen der Messe ein paar Groschen mehr an einem Orte

zirkulieren zu lassen. Ich habe den unsrigen, der soweit ein guter

Mann war, oft bedauert, wenn er mir gleich zu anderer Zeit Ursache zu

Mißvergnügen gab. Ein guter Akteur steigert ihn, die schlechten kann

er nicht loswerden; und wenn er seine Einnahme einigermaßen der

Ausgabe gleichsetzen will, so ist es dem Publikum gleich zuviel, das

Haus steht leer, und man muß, um nur nicht gar zugrunde zu gehen, mit

Schaden und Kummer spielen. Nein, mein Herr! da Sie sich unsrer, wie

Sie sagen, annehmen mögen, so bitte ich Sie, sprechen Sie auf das

ernstlichste mit den Eltern meiner Geliebten! Man versorge mich hier,

man gebe mir einen kleinen Schreiber- oder Einnehmerdienst, und ich

will mich glücklich schätzen."

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 1 · 第 3 / 5 段