Ja, Liebste, es ist mir gar nicht bange. Was mit so viel Fröhlichkeit

begonnen wird, muß ein glückliches Ende erreichen. Ich habe nie

gezweifelt, daß man sein Fortkommen in der Welt finden könne, wenn es

einem Ernst ist, und ich fühle Mut genug, für zwei, ja für mehrere

einen reichlichen Unterhalt zu gewinnen. Die Welt ist undankbar,

sagen viele; ich habe noch nicht gefunden, daß sie undankbar sei, wenn

man auf die rechte Art etwas für sie zu tun weiß. Mir glüht die ganze

Seele bei dem Gedanken, endlich einmal aufzutreten und den Menschen in

das Herz hineinzureden, was sie sich so lange zu hören sehnen. Wie

tausendmal ist es freilich mir, der ich von der Herrlichkeit des

Theaters so eingenommen bin, bang durch die Seele gegangen, wenn ich

die Elendesten gesehen habe sich einbilden, sie könnten uns ein großes,

treffliches Wort ans Herz reden! Ein Ton, der durch die Fistel

gezwungen wird, klingt viel besser und reiner; es ist unerhört, wie

sich diese Bursche in ihrer groben Ungeschicklichkeit versündigen.

Das Theater hat oft einen Streit mit der Kanzel gehabt; sie sollten,

dünkt mich, nicht miteinander hadern. Wie sehr wäre zu wünschen, daß

an beiden Orten nur durch edle Menschen Gott und Natur verherrlicht

würden! Es sind keine Träume, meine Liebste! Wie ich an deinem

Herzen habe fühlen können, daß du in Liebe bist, so ergreife ich auch

den glänzenden Gedanken und sage--ich will's nicht aussagen, aber

hoffen will ich, daß wir einst als ein Paar gute Geister den Menschen

erscheinen werden, ihre Herzen aufzuschließen, ihre Gemüter zu

berühren und ihnen himmlische Genüsse zu bereiten, so gewiß mir an

deinem Busen Freuden gewährt waren, die immer himmlisch genannt werden

müssen, weil wir uns in jenen Augenblicken aus uns selbst gerückt,

über uns selbst erhaben fühlen.

Ich kann nicht schließen; ich habe schon zuviel gesagt und weiß nicht,

ob ich dir schon alles gesagt habe, alles, was dich angeht: denn die

Bewegung des Rades, das sich in meinem Herzen dreht, sind keine Worte

vermögend auszudrücken.

Nimm dieses Blatt indes, meine Liebe! Ich habe es wieder durchgelesen

und finde, daß ich von vorne anfangen sollte; doch enthält es alles,

was du zu wissen nötig hast, was dir Vorbereitung ist, wenn ich bald

mit Fröhlichkeit der süßen Liebe an deinen Busen zurückkehre. Ich

komme mir vor wie ein Gefangener, der in einem Kerker lauschend seine

Fesseln abfeilt. Ich sage gute Nacht meinen sorglos schlafenden

Eltern!--Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! Für diesmal schließ ich;

die Augen sind mir zwei-, dreimal zugefallen; es ist schon tief in der

Nacht."

I. Buch, 17. Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, seinen Brief schön gefaltet

in der Tasche, sich zu Marianen hinsehnte; auch war es kaum düster

geworden, als er sich wider seine Gewohnheit nach ihrer Wohnung

hinschlich. Sein Plan war: sich auf die Nacht anzumelden, seine

Geliebte auf kurze Zeit wieder zu verlassen, ihr, eh er wegginge, den

Brief in die Hand zu drücken und, bei seiner Rückkehr in tiefer Nacht

ihre Antwort, ihre Einwilligung zu erhalten oder durch die Macht

seiner Liebkosungen zu erzwingen. Er flog in ihre Arme und konnte

sich an ihrem Busen kaum wieder fassen. Die Lebhaftigkeit seiner

Empfindungen verbarg ihm anfangs, daß sie nicht wie sonst mit

Herzlichkeit antwortete; doch konnte sie einen ängstlichen Zustand

nicht lange verbergen; sie schützte eine Krankheit, eine Unpäßlichkeit

vor; sie beklagte sich über Kopfweh, sie wollte sich auf den Vorschlag,

daß er heute nacht wiederkommen wolle, nicht einlassen. Er ahnte

nichts Böses, drang nicht weiter in sie, fühlte aber, daß es nicht die

Stunde sei, ihr seinen Brief zu übergeben. Er behielt ihn bei sich,

und da verschiedene ihrer Bewegungen und Reden ihn auf eine höfliche

Weise wegzugehen nötigten, ergriff er im Taumel seiner ungenügsamen

Liebe eines ihrer Halstücher, steckte es in die Tasche und verließ

wider Willen ihre Lippen und ihre Türe. Er schlich nach Hause, konnte

aber auch da nicht lange bleiben, kleidete sich um und suchte wieder

die freie Luft.

Als er einige Straßen auf und ab gegangen war, begegnete ihm ein

Unbekannter, der nach einem gewissen Gasthofe fragte; Wilhelm erbot

sich, ihm das Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte sich nach dem

Namen der Straße, nach den Besitzern verschiedener großen Gebäude, vor

denen sie vorbeigingen, sodann nach einigen Polizeieinrichtungen der

Stadt, und sie waren in einem ganz interessanten Gespräche begriffen,

als sie am Tore des Wirtshauses ankamen. Der Fremde nötigte seinen

Führer, hineinzutreten und ein Glas Punsch mit ihm zu trinken;

zugleich gab er seinen Namen an und seinen Geburtsort, auch die

Geschäfte, die ihn hierhergebracht hätten, und ersuchte Wilhelmen um

ein gleiches Vertrauen. Dieser verschwieg ebensowenig seinen Namen

als seine Wohnung.

"Sind Sie nicht ein Enkel des alten Meisters, der die schöne

Kunstsammlung besaß?" fragte der Fremde.

"Ja, ich bin's. Ich war zehn Jahre, als der Großvater starb, und es

schmerzte mich lebhaft, diese schönen Sachen verkaufen zu sehen."

"Ihr Vater hat eine große Summe Geldes dafür erhalten."

"Sie wissen also davon?"

"O ja, ich habe diesen Schatz noch in Ihrem Hause gesehen. Ihr

Großvater war nicht bloß ein Sammler, er verstand sich auf die Kunst,

er war in einer frühern, glücklichen Zeit in Italien gewesen und hatte

Schätze von dort mit zurückgebracht, welche jetzt um keinen Preis mehr

zu haben wären. Er besaß treffliche Gemälde von den besten Meistern;

man traute kaum seinen Augen, wenn man seine Handzeichnungen durchsah;

unter seinen Marmorn waren einige unschätzbare Fragmente; von Bronzen

besaß er eine sehr instruktive Suite; so hatte er auch seine Münzen

für Kunst und Geschichte zweckmäßig gesammelt; seine wenigen

geschnittenen Steine verdienten alles Lob; auch war das Ganze gut

aufgestellt, wenngleich die Zimmer und Säle des alten Hauses nicht

symmetrisch gebaut waren."

"Sie können denken, was wir Kinder verloren, als alle die Sachen

heruntergenommen und eingepackt wurden. Es waren die ersten traurigen

Zeiten meines Lebens. Ich weiß noch, wie leer uns die Zimmer vorkamen,

als wir die Gegenstände nach und nach verschwinden sahen, die uns von

Jugend auf unterhalten hatten und die wir ebenso unveränderlich

hielten als das Haus und die Stadt selbst."

"Wenn ich nicht irre, so gab Ihr Vater das gelöste Kapital in die

Handlung eines Nachbars, mit dem er eine Art Gesellschaftshandel

einging."

"Ganz richtig! und ihre gesellschaftlichen Spekulationen sind ihnen

wohl geglückt; sie haben in diesen zwölf Jahren ihr Vermögen sehr

vermehrt und sind beide nur desto heftiger auf den Erwerb gestellt;

auch hat der alte Werner einen Sohn, der sich viel besser zu diesem

Handwerke schickt als ich."

"Es tut mir leid, daß dieser Ort eine solche Zierde verloren hat, als

das Kabinett Ihres Großvaters war. Ich sah es noch kurz vorher, ehe

es verkauft wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, daß der

Kauf zustande kam. Ein reicher Edelmann, ein großer Liebhaber, der

aber bei so einem wichtigen Handel sich nicht allein auf sein eigen

Urteil verließ, hatte mich hierher geschickt und verlangte meinen Rat.

Sechs Tage besah ich das Kabinett, und am siebenten riet ich meinem

Freunde, die ganze geforderte Summe ohne Anstand zu bezahlen. Sie

waren als ein munterer Knabe oft um mich herum; Sie erklärten mir die

Gegenstände der Gemälde und wußten überhaupt das Kabinett recht gut

auszulegen."

"Ich erinnere mich einer solchen Person, aber in Ihnen hätte ich sie

nicht wiedererkannt."

"Es ist auch schon eine geraume Zeit, und wir verändern uns doch mehr

oder weniger. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, ein

Lieblingsbild darunter, von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten."

"Ganz richtig! es stellte die Geschichte vor, wie der kranke

Königssohn sich über die Braut seines Vaters in Liebe verzehrt."

"Es war eben nicht das beste Gemälde, nicht gut zusammengesetzt, von

keiner sonderlichen Farbe, und die Ausführung durchaus manieriert."

"Das verstand ich nicht und versteh es noch nicht; der Gegenstand ist

es, der mich an einem Gemälde reizt, nicht die Kunst."

"Da schien Ihr Großvater anders zu denken; denn der größte Teil seiner

Sammlung bestand aus trefflichen Sachen, in denen man immer das

Verdienst ihres Meisters bewunderte, sie mochten vorstellen, was sie

wollten; auch hing dieses Bild in dem äußersten Vorsaale, zum Zeichen,

daß er es wenig schätzte."

"Da war es eben, wo wir Kinder immer spielen durften und wo dieses

Bild einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte, den mir selbst

Ihre Kritik, die ich übrigens verehre, nicht auslöschen könnte, wenn

wir auch jetzt vor dem Bilde stünden. Wie jammerte mich, wie jammert

mich noch ein Jüngling, der die süßen Triebe, das schönste Erbteil,

das uns die Natur gab, in sich verschließen und das Feuer, das ihn und

andere erwärmen und beleben sollte, in seinem Busen verbergen muß, so

daß sein Innerstes unter ungeheuren Schmerzen verzehrt wird! Wie

bedaure ich die Unglückliche, die sich einem andern widmen soll, wenn

ihr Herz schon den würdigen Gegenstand eines wahren und reinen

Verlangens gefunden hat!"

"Diese Gefühle sind freilich sehr weit von jenen Betrachtungen

entfernt, unter denen ein Kunstliebhaber die Werke großer Meister

anzusehen pflegt; wahrscheinlich würde Ihnen aber, wenn das Kabinett

ein Eigentum Ihres Hauses geblieben wäre, nach und nach der Sinn für

die Werke selbst aufgegangen sein, so daß Sie nicht immer nur sich

selbst und Ihre Neigung in den Kunstwerken gesehen hätten."

"Gewiß tat mir der Verkauf des Kabinetts gleich sehr leid, und ich

habe es auch in reifern Jahren öfters vermißt; wenn ich aber bedenke,

daß es gleichsam so sein mußte, um eine Liebhaberei, um ein Talent in

mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben wirken sollten, als

jene leblosen Bilder je getan hätten, so bescheide ich mich dann gern

und verehre das Schicksal, das mein Bestes und eines jeden Bestes

einzuleiten weiß."

"Leider höre ich schon wieder das Wort Schicksal von einem jungen

Manne aussprechen, der sich eben in einem Alter befindet, wo man

gewöhnlich seinen lebhaften Neigungen den Willen höherer Wesen

unterzuschieben pflegt."

"So glauben Sie kein Schicksal? Keine Macht, die über uns waltet und

alles zu unserm Besten lenkt?"

"Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort,

auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich sind,

einigermaßen denkbar zu machen suche; hier ist nur die Frage, welche

Vorstellungsart zu unserm Besten gereicht. Das Gewebe dieser Welt ist

aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen

stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt

das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu

lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und

unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt

zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem

Notwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zufälligen

eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine

Religion sei. Heißt das etwas weiter, als seinem eignen Verstande

entsagen und seinen Neigungen unbedingten Raum geben? Wir bilden uns

ein, fromm zu sein, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch

angenehme Zufälle determinieren lassen und endlich dem Resultate eines

solchen schwankenden Lebens den Namen einer göttlichen Führung geben."

"Waren Sie niemals in dem Falle, daß ein kleiner Umstand Sie

veranlaßte, einen gewissen Weg einzuschlagen, auf welchem bald eine

gefällige Gelegenheit Ihnen entgegenkam und eine Reihe von

unerwarteten Vorfällen Sie endlich ans Ziel brachte, das Sie selbst

noch kaum ins Auge gefaßt hatten? Sollte das nicht Ergebenheit in das

Schicksal, Zutrauen zu einer solchen Leitung einflößen?"

"Mit diesen Gesinnungen könnte kein Mädchen ihre Tugend, niemand sein

Geld im Beutel behalten; denn es gibt Anlässe genug, beides

loszuwerden. Ich kann mich nur über den Menschen freuen, der weiß,

was ihm und andern nütze ist, und seine Willkür zu beschränken

arbeitet. Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der

Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will.

Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen; nur die Fähigkeit dazu

wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein."

Dieses und mehreres wurde noch unter ihnen abgehandelt; endlich

trennten sie sich, ohne daß sie einander sonderlich überzeugt zu haben

schienen, doch bestimmten sie auf den folgenden Tag einen Ort der

Zusammenkunft.

Wilhelm ging noch einige Straßen auf und nieder; er hörte Klarinetten,

Waldhörner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durchreisende

Spielleute machten eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit ihnen,

und um ein Stück Geld folgten sie ihm zu Marianens Wohnung. Hohe

Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause, darunter stellte er seine

Sänger; er selbst ruhte auf einer Bank in einiger Entfernung und

überließ sich ganz den schwebenden Tönen, die in der rasenden Nacht um

ihn säuselten. Unter den holden Sternen hingestreckt, war ihm sein

Dasein wie ein goldner Traum. "Sie hört auch diese Flöten", sagte er

in seinem Herzen; "sie fühlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht

wohlklingend macht; auch in der Entfernung sind wir durch diese

Melodien zusammengebunden, wie in jeder Entfernung durch die feinste

Stimmung der Liebe. Ach! zwei liebende Herzen, sie sind wie zwei

Magnetuhren; was in der einen sich regt, muß auch die andere mit

bewegen, denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die

sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich

von ihr zu trennen? Und doch, ich werde fern von ihr sein, werde

einen Heilort für unsere Liebe suchen und werde sie immer mit mir

haben.

Wie oft ist mir's geschehen, daß ich, abwesend von ihr, in Gedanken an

sie verloren, ein Buch, ein Kleid oder sonst etwas berührte und

glaubte, ihre Hand zu fühlen, so ganz war ich mit ihrer Gegenwart

umkleidet. Und jener Augenblicke mich zu erinnern, die das Licht des

Tages wie das Auge des kalten Zuschauers fliehen, die zu genießen

Götter den schmerzlosen Zustand der reinen Seligkeit zu verlassen sich

entschließen dürften!--Mich zu erinnern?--Als wenn man den Rausch des

Taumelkelchs in der Erinnerung erneuern könnte, der unsere Sinne, von

himmlischen Banden umstrickt, aus aller ihrer Fassung reißt.--Und ihre

Gestalt--" Er verlor sich im Andenken an sie, seine Ruhe ging in

Verlangen über, er umfaßte einen Baum, kühlte seine heiße Wange an der

Rinde, und die Winde der Nacht saugten begierig den Hauch auf, der aus

dem reinen Busen bewegt hervordrang. Er fühlte nach dem Halstuch, das

er von ihr mitgenommen hatte, es war vergessen, es steckte im vorigen

Kleide. Seine Lippen lechzten, seine Glieder zitterten vor Verlangen.

Die Musik hörte auf, und es war ihm, als wär er aus dem Elemente

gefallen, in dem seine Empfindungen bisher emporgetragen wurden.

Seine Unruhe vermehrte sie, da seine Gefühle nicht mehr von den

sanften Tönen genährt und gelindert wurden. Er setzte sich auf ihre

Schwelle nieder und war schon mehr beruhigt. Er küßte den messingen

Ring, womit man an ihre Türe pochte, er küßte die Schwelle, über die

ihre Füße aus- und eingingen, und erwärmte sie durch das Feuer seiner

Brust. Dann saß er wieder eine Weile stille und dachte sie hinter

ihren Vorhängen, im weißen Nachtkleide mit dem roten Band um den Kopf,

in süßer Ruhe und dachte sich selbst so nahe zu ihr hin, daß ihm

vorkam, sie müßte nun von ihm träumen. Seine Gedanken waren lieblich

wie die Geister der Dämmerung; Ruhe und Verlangen wechselten in ihm;

die Liebe lief mit schaudernder Hand tausendfältig über alle Saiten

seiner Seele; es war, als wenn der Gesang der Sphären über ihm stille

stünde, um die leisen Melodien seines Herzens zu belauschen.

Hätte er den Hauptschlüssel bei sich gehabt, der ihm sonst Marianens

Türe öffnete, er würde sich nicht gehalten haben, würde ins Heiligtum

der Liebe eingedrungen sein. Doch er entfernte sich langsam,

schwankte halb träumend unter den Bäumen hin, wollte nach Hause und

ward immer wieder umgewendet; endlich, als er's über sich vermochte,

ging und an der Ecke noch einmal zurücksah, kam es ihm vor, als wenn

Marianens Türe sich öffnete und eine dunkle Gestalt sich herausbewegte.

Er war zu weit, um deutlich zu sehen, und eh er sich faßte und recht

aufsah, hatte sich die Erscheinung schon in der Nacht verloren; nur

ganz weit glaubte er sie wieder an einem weißen Hause vorbeistreifen

zu sehen. Er stund und blinzte, und ehe er sich ermannte und

nacheilte, war das Phantom verschwunden. Wohin sollt er ihm folgen?

Welche Straße hatte den Menschen aufgenommen, wenn es einer war?

Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem Winkel erhellte, gleich

darauf mit geblendeten Augen die vorigen Gestalten, den Zusammenhang

der Pfade in der Finsternis vergebens sucht, so war's vor seinen Augen,

so war's in seinem Herzen. Und wie ein Gespenst der Mitternacht, das

ungeheure Schrecken erzeugt, in folgenden Augenblicken der Fassung für

ein Kind des Schreckens gehalten wird und die fürchterliche

Erscheinung Zweifel ohne Ende in der Seele zurückläßt, so war auch

Wilhelm in der größten Unruhe, als er, an einen Eckstein gelehnt, die

Helle des Morgens und das Geschrei der Hähne nicht achtete, bis die

frühen Gewerbe lebendig zu werden anfingen und ihn nach Hause trieben.

Er hatte, wie er zurückkam, das unerwartete Blendwerk mit den

triftigsten Gründen beinahe aus der Seele vertrieben; doch die schöne

Stimmung der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine Erscheinung

zurückdachte, war auch dahin. Sein Herz zu letzen, ein Siegel seinem

wiederkehrenden Glauben aufzudrücken, nahm er das Halstuch aus der

vorigen Tasche. Das Rauschen eines Zettels, der herausfiel, zog ihm

das Tuch von den Lippen; er hob auf und las:

"So hab ich dich lieb, kleiner Narre! Was war dir auch gestern?

Heute nacht komm ich zu dir. Ich glaube wohl, daß dir's leid tut, von

hier wegzugehen; aber habe Geduld; auf die Messe komm ich dir nach.

Höre, tu mir nicht wieder die schwarzgrünbraune Jacke an, du siehst

drin aus wie die Hexe von Endor. Hab ich dir nicht das weiße

Negligè darum geschickt, daß ich ein weißes Schäfchen in meinen

Armen haben will? Schick mir deine Zettel immer durch die alte

Sibylle; die hat der Teufel selbst zur Iris bestellt."

Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre-Buch 1"

von Johann Wolfgang von Goethe.

*** x-header ***

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 1 · 第 5 / 5 段