durchgeführt, waren doch nicht ohne Nutzen für uns. Wir übten unser
Gedächtnis und unsern Körper und erlangten mehr Geschmeidigkeit im
Sprechen und Betragen, als man sonst in so frühen Jahren gewinnen kann.
Für mich aber war jene Zeit besonders Epoche, mein Geist richtete
sich ganz nach dem Theater, und ich fand kein größer Glück, als
Schauspiele zu lesen, zu schreiben und zu spielen.
Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort; man hatte mich dem
Handelsstand gewidmet und zu unserm Nachbar auf das Comptoir getan;
aber eben zu selbiger Zeit entfernte sich mein Geist nur gewaltsamer
von allem, was ich für ein niedriges Geschäft halten mußte. Der Bühne
wollte ich meine ganze Tätigkeit widmen, auf ihr mein Glück und meine
Zufriedenheit finden.
Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das sich unter meinen Papieren
finden muß, in welchem die Muse der tragischen Dichtkunst und eine
andere Frauengestalt, in der ich das Gewerbe personifiziert hatte,
sich um meine werte Person recht wacker zanken. Die Erfindung ist
gemein, und ich erinnere mich nicht, ob die Verse etwas taugen; aber
ihr sollt es sehen, um der Furcht, des Abscheues, der Liebe und der
Leidenschaft willen, die darin herrschen. Wie ängstlich hatte ich die
alte Hausmutter geschildert mit dem Rocken im Gürtel, mit Schlüsseln
an der Seite, Brillen auf der Nase, immer fleißig, immer in Unruhe,
zänkisch und haushältisch, kleinlich und beschwerlich! Wie kümmerlich
beschrieb ich den Zustand dessen, der sich unter ihrer Rute bücken und
sein knechtisches Tagewerk im Schweiße des Angesichtes verdienen
sollte!
Wie anders trat jene dagegen auf! Welche Erscheinung ward sie dem
bekümmerten Herzen! Herrlich gebildet, in ihrem Wesen und Betragen
als eine Tochter der Freiheit anzusehen. Das Gefühl ihrer selbst gab
ihr Würde ohne Stolz; ihre Kleider ziemten ihr, sie umhüllten jedes
Glied, ohne es zu zwängen, und die reichlichen Falten des Stoffes
wiederholten wie ein tausendfaches Echo die reizenden Bewegungen der
Göttlichen. Welch ein Kontrast! Und auf welche Seite sich mein Herz
wandte, kannst du leicht denken. Auch war nichts vergessen, um meine
Muse kenntlich zu machen. Kronen und Dolche, Ketten und Masken, wie
sie mir meine Vorgänger überliefert hatten, waren ihr auch hier
zugeteilt. Der Wettstreit war heftig, die Reden beider Personen
kontrastierten gehörig, da man im vierzehnten Jahre gewöhnlich das
Schwarze und Weiße recht nah aneinander zu malen pflegt. Die Alte
redete, wie es einer Person geziemt, die eine Stecknadel aufhebt, und
jene wie eine, die Königreiche verschenkt. Die warnenden Drohungen
der Alten wurden verschmäht; ich sah die mir versprochenen Reichtümer
schon mit dem Rücken an: enterbt und nackt übergab ich mich der Muse,
die mir ihren goldnen Schleier zuwarf und meine Blöße bedeckte.-Hätte
ich denken können, o meine Geliebte!" rief er aus, indem er Marianen
fest an sich drückte, "daß eine ganz andere, eine lieblichere Gottheit
kommen, mich in meinem Vorsatz stärken, mich auf meinem Wege begleiten
würde; welch eine schönere Wendung würde mein Gedicht genommen haben,
wie interessant würde nicht der Schluß desselben geworden sein! Doch
es ist kein Gedicht, es ist Wahrheit und Leben, was ich in deinen
Armen finde; laß uns das süße Glück mit Bewußtsein genießen!"
Durch den Druck seines Armes, durch die Lebhaftigkeit seiner erhöhten
Stimme war Mariane erwacht und verbarg durch Liebkosungen ihre
Verlegenheit: denn sie hatte auch nicht ein Wort von dem letzten Teile
seiner Erzählung vernommen, und es ist zu wünschen, daß unser Held für
seine Lieblingsgeschichten aufmerksamere Zuhörer künftig finden möge.
I. Buch, 9. Kapitel
Neuntes Kapitel
So brachte Wilhelm seine Nächte im Genusse vertraulicher Liebe, seine
Tage in Erwartung neuer seliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als
ihn Verlangen und Hoffnung zu Marianen hinzog, fühlte er sich wie neu
belebt, er fühlte, daß er ein anderer Mensch zu werden beginne; nun
war er mit ihr vereinigt, die Befriedigung seiner Wünsche ward eine
reizende Gewohnheit. Sein Herz strebte, den Gegenstand seiner
Leidenschaft zu veredeln, sein Geist, das geliebte Mädchen mit sich
emporzuheben. In der kleinsten Abwesenheit ergriff ihn ihr Andenken.
War sie ihm sonst notwendig gewesen, so war sie ihm jetzt
unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menschheit an sie geknüpft
war. Seine reine Seele fühlte, daß sie die Hälfte, mehr als die
Hälfte seiner selbst sei. Er war dankbar und hingegeben ohne Grenzen.
Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang täuschen; sie teilte die
Empfindung seines lebhaften Glücks mit ihm. Ach! wenn nur nicht
manchmal die kalte Hand des Vorwurfs ihr über das Herz gefahren wäre!
Selbst an dem Busen Wilhelms war sie nicht sicher davor, selbst unter
den Flügeln seiner Liebe. Und wenn sie nun gar wieder allein war und
aus den Wolken, in denen seine Leidenschaft sie emportrug, in das
Bewußtsein ihres Zustandes herabsank, dann war sie zu bedauern. Denn
Leichtsinn kam ihr zu Hülfe, solange sie in niedriger Verworrenheit
lebte, sich über ihre Verhältnisse betrog oder vielmehr sie nicht
kannte; da erschienen ihr die Vorfälle, denen sie ausgesetzt war, nur
einzeln: Vergnügen und Verdruß lösten sich ab, Demütigung wurde durch
Eitelkeit, und Mangel oft durch augenblicklichen Überfluß vergütet;
sie konnte Not und Gewohnheit sich als Gesetz und Rechtfertigung
anführen, und so lange ließen sich alle unangenehmen Empfindungen von
Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage abschütteln. Nun aber hatte das
arme Mädchen sich Augenblicke in eine bessere Welt hinübergerückt
gefühlt, hatte wie von oben herab aus Licht und Freude ins öde,
Verworfene ihres Lebens heruntergesehen, hatte gefühlt, welche elende
Kreatur ein Weib ist, das mit dem Verlangen nicht zugleich Liebe und
Ehrfurcht einflößt, und fand sich äußerlich und innerlich um nichts
gebessert. Sie hatte nichts, was sie aufrichten konnte. Wenn sie in
sich blickte und suchte, war es in ihrem Geiste leer, und ihr Herz
hatte keinen Widerhalt. Je trauriger dieser Zustand war, desto
heftiger schloß sich ihre Neigung an den Geliebten fest; ja die
Leidenschaft wuchs mit jedem Tage, wie die Gefahr, ihn zu verlieren,
mit jedem Tage näherrückte.
Dagegen schwebte Wilhelm glücklich in höheren Regionen, ihm war auch
eine neue Welt aufgegangen, aber reich an herrlichen Aussichten. Kaum
ließ das Übermaß der ersten Freude nach, so stellte sich das hell vor
seine Seele, was ihn bisher dunkel durchwühlt hatte. "Sie ist dein!
Sie hat sich dir hingegeben! Sie, das geliebte, gesuchte, angebetete
Geschöpf, dir auf Treu und Glauben hingegeben; aber sie hat sich
keinem Undankbaren überlassen." Wo er stand und ging, redete er mit
sich selbst; sein Herz floß beständig über, und er sagte sich in einer
Fülle von prächtigen Worten die erhabensten Gesinnungen vor. Er
glaubte den hellen Wink des Schicksals zu verstehen, das ihm durch
Marianen die Hand reichte, sich aus dem stockenden, schleppenden
bürgerlichen Leben herauszureißen, aus dem er schon so lange sich zu
retten gewünscht hatte. Seines Vaters Haus, die Seinigen zu verlassen
schien ihm etwas Leichtes. Er war jung und neu in der Welt, und sein
Mut, in ihren Weiten nach Glück und Befriedigung zu rennen, durch die
Liebe erhöht. Seine Bestimmung zum Theater war ihm nunmehr klar; das
hohe Ziel, das er sich vorgesteckt sah, schien ihm näher, indem er an
Marianens Hand hinstrebte, und in selbstgefälliger Bescheidenheit
erblickte er in sich den trefflichen Schauspieler, den Schöpfer eines
künftigen Nationaltheaters, nach dem er so vielfältig hatte seufzen
hören. Alles, was in den innersten Winkeln seiner Seele bisher
geschlummert hatte, wurde rege. Er bildete aus den vielerlei Ideen
mit Farben der Liebe ein Gemälde auf Nebelgrund, dessen Gestalten
freilich sehr ineinanderflossen; dafür aber auch das Ganze eine desto
reizendere Wirkung tat.
I. Buch, 10. Kapitel
Zehntes Kapitel
Er saß nun zu Hause, kramte unter seinen Papieren und rüstete sich zur
Abreise. Was nach seiner bisherigen Bestimmung schmeckte, ward
beiseite gelegt; er wollte bei seiner Wanderung in die Welt auch von
jeder unangenehmen Erinnerung frei sein. Nur Werke des Geschmacks,
Dichter und Kritiker, wurden als bekannte Freunde unter die Erwählten
gestellt; und da er bisher die Kunstrichter sehr wenig genutzt hatte,
so erneuerte sich seine Begierde nach Belehrung, als er seine Bücher
wieder durchsah und fand, daß die theoretischen Schriften noch meist
unaufgeschnitten waren. Er hatte sich, in der völligen Überzeugung
von der Notwendigkeit solcher Werke, viele davon angeschafft und mit
dem besten Willen in keines auch nur bis in die Hälfte sich
hineinlesen können.
Dagegen hatte er sich desto eifriger an Beispiele gehalten und in
allen Arten, die ihm bekannt worden waren, selbst Versuche gemacht.
Werner trat herein, und als er seinen Freund mit den bekannten Heften
beschäftigt sah, rief er aus: "Bist du schon wieder über diesen
Papieren? Ich wette, du hast nicht die Absicht, eins oder das andere
zu vollenden! Du siehst sie durch und wieder durch und beginnst
allenfalls etwas Neues."
"Zu vollenden ist nicht die Sache des Schülers, es ist genug, wenn er
sich übt."
"Aber doch fertigmacht, so gut er kann."
"Und doch ließe sich wohl die Frage aufwerfen, ob man nicht eben gute
Hoffnung von einem jungen Menschen fassen könne, der bald gewahr wird,
wenn er etwas Ungeschicktes unternommen hat, in der Arbeit nicht
fortfährt und an etwas, das niemals einen Wert haben kann, weder Mühe
noch Zeit verschwenden mag."
"Ich weiß wohl, es war nie deine Sache, etwas zustande zu bringen, du
warst immer müde, eh es zur Hälfte kam. Da du noch Direktor unsers
Puppenspiels warst, wie oft wurden neue Kleider für die
Zwerggesellschaft gemacht, neue Dekorationen ausgeschnitten? Bald
sollte dieses, bald jenes Trauerspiel aufgeführt werden, und höchstens
gabst du einmal den fünften Akt, wo alles recht bunt durcheinanderging
und die Leute sich erstachen."
"Wenn du von jenen Zeiten sprechen willst, wer war denn schuld, daß
wir die Kleider, die unsern Puppen angepaßt und auf den Leib
festgenäht waren, heruntertrennen ließen und den Aufwand einer
weitläufigen und unnützen Garderobe machten? Warst du's nicht, der
immer ein neues Stück Band zu verhandeln hatte, der meine Liebhaberei
anzufeuern und zu nützen wußte?"
Werner lachte und rief aus: "Ich erinnere mich immer noch mit Freuden,
daß ich von euren theatralischen Feldzügen Vorteil zog wie Lieferanten
vom Kriege. Als ihr euch zur Befreiung Jerusalems rüstetet, machte
ich auch einen schönen Profit wie ehemals die Venezianer im ähnlichen
Falle. Ich finde nichts vernünftiger in der Welt, als von den
Torheiten anderer Vorteil zu ziehen."
"Ich weiß nicht, ob es nicht ein edleres Vergnügen wäre, die Menschen
von ihren Torheiten zu heilen."
"Wie ich sie kenne, möchte das wohl ein eitles Bestreben sein. Es
gehört schon etwas dazu, wenn ein einziger Mensch klug und reich
werden soll, und meistens wird er es auf Unkosten der andern."
"Es fällt mir eben recht der 'Jüngling am Scheidewege' in die Hände",
versetzte Wilhelm, indem er ein Heft aus den übrigen Papieren
herauszog, "das ist doch fertig geworden, es mag übrigens sein, wie es
will."
"Leg es beiseite, wirf es ins Feuer!" versetzte Werner. "Die
Erfindung ist nicht im geringsten lobenswürdig; schon vormals ärgerte
mich diese Komposition genug und zog dir den Unwillen des Vaters zu.
Es mögen ganz artige Verse sein; aber die Vorstellungsart ist
grundfalsch. Ich erinnere mich noch deines personifizierten Gewerbes,
deiner zusammengeschrumpften, erbärmlichen Sibylle. Du magst das Bild
in irgendeinem elenden Kramladen aufgeschnappt haben. Von der
Handlung hattest du damals keinen Begriff; ich wüßte nicht, wessen
Geist ausgebreiteter wäre, ausgebreiteter sein müßte als der Geist
eines echten Handelsmannes. Welchen Überblick verschafft uns nicht
die Ordnung, in der wir unsere Geschäfte führen! Sie läßt uns
jederzeit das Ganze überschauen, ohne daß wir nötig hätten, uns durch
das Einzelne verwirren zu lassen. Welche Vorteile gewährt die
doppelte Buchhaltung dem Kaufmanne! Es ist eine der schönsten
Erfindungen des menschlichen Geistes, und ein jeder gute Haushalter
sollte sie in seiner Wirtschaft einführen."
"Verzeih mir", sagte Wilhelm lächelnd, "du fängst von der Form an, als
wenn das die Sache wäre; gewöhnlich vergeßt ihr aber auch über eurem
Addieren und Bilanzieren das eigentliche Fazit des Lebens."
"Leider siehst du nicht, mein Freund, wie Form und Sache hier nur eins
ist, eins ohne das andere nicht bestehen könnte. Ordnung und Klarheit
vermehrt die Lust zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der übel
haushält, befindet sich in der Dunkelheit sehr wohl; er mag die Posten
nicht gerne zusammenrechnen, die er schuldig ist. Dagegen kann einem
guten Wirte nichts angenehmer sein, als sich alle Tage die Summe
seines wachsenden Glückes zu ziehen. Selbst ein Unfall, wenn er ihn
verdrießlich überrascht, erschreckt ihn nicht; denn er weiß sogleich,
was für erworbene Vorteile er auf die andere Waagschale zu legen hat.
Ich bin überzeugt, mein lieber Freund, wenn du nur einmal einen
rechten Geschmack an unsern Geschäften finden könntest, so würdest du
dich überzeugen, daß manche Fähigkeiten des Geistes auch dabei ihr
freies Spiel haben können."
"Es ist möglich, daß mich die Reise, die ich vorhabe, auf andere
Gedanken bringt."
"O gewiß! Glaube mir, es fehlt dir nur der Anblick einer großen
Tätigkeit, um dich auf immer zu dem Unsern zu machen; und wenn du
zurückkommst, wirst du dich gern zu denen gesellen, die durch alle
Arten von Spedition und Spekulation einen Teil des Geldes und
Wohlbefindens, das in der Welt seinen notwendigen Kreislauf führt, an
sich zu reißen wissen. Wirf einen Blick auf die natürlichen und
künstlichen Produkte aller Weltteile, betrachte, wie sie wechselsweise
zur Notdurft geworden sind! Welch eine angenehme, geistreiche
Sorgfalt ist es, alles, was in dem Augenblicke am meisten gesucht wird
und doch bald fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was
er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsichtig in
Vorrat zu setzen und den Vorteil jedes Augenblickes dieser großen
Zirkulation zu genießen! Dies ist, dünkt mich, was jedem, der Kopf
hat, eine große Freude machen wird."
Wilhelm schien nicht abgeneigt, und Werner fuhr fort: "Besuche nur
erst ein paar große Handelsstädte, ein paar Häfen, und du wirst gewiß
mit fortgerissen werden. Wenn du siehst, wie viele Menschen
beschäftigt sind; wenn du siehst, wo so manches herkommt, wo es
hingeht, so wirst du es gewiß auch mit Vergnügen durch deine Hände
gehen sehen. Die geringste Ware siehst du im Zusammenhange mit dem
ganzen Handel, und eben darum hältst du nichts für gering, weil alles
die Zirkulation vermehrt, von welcher dein Leben seine Nahrung zieht."
Werner, der seinen richtigen Verstand in dem Umgange mit Wilhelm
ausbildete, hatte sich gewöhnt, auch an sein Gewerbe, an seine
Geschäfte mit Erhebung der Seele zu denken, und glaubte immer, daß er
es mit mehrerem Rechte tue als sein sonst verständiger und geschätzter
Freund, der, wie es ihm schien, auf das Unreellste von der Welt einen
so großen Wert und das Gewicht seiner ganzen Seele legte. Manchmal
dachte er, es könne gar nicht fehlen, dieser falsche Enthusiasmus
müsse zu überwältigen und ein so guter Mensch auf den rechten Weg zu
bringen sein. In dieser Hoffnung fuhr er fort: "Es haben die Großen
dieser Welt sich der Erde bemächtiget, sie leben in Herrlichkeit und
Überfluß. Der kleinste Raum unsers Weltteils ist schon in Besitz
genommen, jeder Besitz befestigt, Ämter und andere bürgerliche
Geschäfte tragen wenig ein; wo gibt es nun noch einen rechtmäßigeren
Erwerb, eine billigere Eroberung als den Handel? Haben die Fürsten
dieser Welt die Flüsse, die Wege, die Häfen in ihrer Gewalt und nehmen
von dem, was durch- und vorbeigeht, einen starken Gewinn: sollen wir
nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen und durch unsere Tätigkeit
auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die teils das Bedürfnis, teils
der Übermut den Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir
versichern, wenn du nur deine dichterische Einbildungskraft anwenden
wolltest, so könntest du meine Göttin als eine unüberwindliche
Siegerin der deinigen kühn entgegenstellen. Sie führt freilich lieber
den Ölzweig als das Schwert; Dolch und Ketten kennt sie gar nicht:
aber Kronen teilet sie auch ihren Lieblingen aus, die, es sei ohne
Verachtung jener gesagt, von echtem, aus der Quelle geschöpftem Golde
und von Perlen glänzen, die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre
immer geschäftigen Diener geholt hat."
Wilhelmen verdroß dieser Ausfall ein wenig, doch verbarg er seine
Empfindlichkeit; denn er erinnerte sich, daß Werner auch seine
Apostrophen mit Gelassenheit anzuhören pflegte. Übrigens war er billig
genug, um gerne zu sehen, wenn jeder von seinem Handwerk aufs beste
dachte; nur mußte man ihm das seinige, dem er sich mit Leidenschaft
gewidmet hatte, unangefochten lassen.
"Und dir", rief Werner aus, "der du an menschlichen Dingen so
herzlichen Anteil nimmst, was wird es dir für ein Schauspiel sein,
wenn du das Glück, das mutige Unternehmungen begleitet, vor deinen
Augen den Menschen wirst gewährt sehen! Was ist reizender als der
Anblick eines Schiffes, das von einer glücklichen Fahrt wieder anlangt,
das von einem reichen Fange frühzeitig zurückkehrt! Nicht der
Verwandte, der Bekannte, der Teilnehmer allein, ein jeder fremde
Zuschauer wird hingerissen, wenn er die Freude sieht, mit welcher der
eingesperrte Schiffer ans Land springt, noch ehe sein Fahrzeug es ganz
berührt, sich wieder frei fühlt und nunmehr das, was er dem falschen
Wasser entzogen, der getreuen Erde anvertrauen kann. Nicht in Zahlen
allein, mein Freund, erscheint uns der Gewinn; das Glück ist die
Göttin der lebendigen Menschen, und um ihre Gunst wahrhaft zu
empfinden, muß man leben und Menschen sehen, die sich recht lebendig
bemühen und recht sinnlich genießen."
I. Buch, 11. Kapitel
Elftes Kapitel
Es ist nun Zeit, daß wir auch die Väter unsrer beiden Freunde näher
kennenlernen; ein paar Männer von sehr verschiedener Denkungsart,
deren Gesinnungen aber darin übereinkamen, daß sie den Handel für das
edelste Geschäft hielten und beide höchst aufmerksam auf jeden Vorteil
waren, den ihnen irgend eine Spekulation bringen konnte. Der alte
Meister hatte gleich nach dem Tode seines Vaters eine kostbare
Sammlung von Gemälden, Zeichnungen, Kupferstichen und Antiquitäten ins
Geld gesetzt, sein Haus nach dem neuesten Geschmacke von Grund aus
aufgebaut und möbliert und sein übriges Vermögen auf alle mögliche
Weise gelten gemacht. Einen ansehnlichen Teil davon hatte er dem
alten Werner in die Handlung gegeben, der als ein tätiger Handelsmann
berühmt war und dessen Spekulationen gewöhnlich durch das Glück
begünstigt wurden. Nichts wünschte aber der alte Meister so sehr, als
seinem Sohne Eigenschaften zu geben, die ihm selbst fehlten, und
seinen Kindern Güter zu hinterlassen, auf deren Besitz er den größten
Wert legte. Zwar empfand er eine besondere Neigung zum Prächtigen, zu
dem, was in die Augen fällt, das aber auch zugleich einen innern Wert
und eine Dauer haben sollte. In seinem Hause mußte alles solid und
massiv sein, der Vorrat reichlich, das Silbergeschirr schwer, das
Tafelservice kostbar; dagegen waren die Gäste selten, denn eine jede
Mahlzeit ward ein Fest, das sowohl wegen der Kosten als wegen der
Unbequemlichkeit nicht oft wiederholt werden konnte. Sein Haushalt
ging einen gelassenen und einförmigen Schritt, und alles, was sich
darin bewegte und erneuerte, war gerade das, was niemandem einigen
Genuß gab.
Ein ganz entgegengesetztes Leben führte der alte Werner in einem
dunkeln und finstern Hause. Hatte er seine Geschäfte in der engen
Schreibstube am uralten Pulte vollendet, so wollte er gut essen und
womöglich noch besser trinken, auch konnte er das Gute nicht allein
genießen: neben seiner Familie mußte er seine Freunde, alle Fremden,
die nur mit seinem Hause in einiger Verbindung standen, immer bei
Tische sehen; seine Stühle waren uralt, aber er lud täglich jemanden
ein, darauf zu sitzen. Die guten Speisen zogen die Aufmerksamkeit der
Gäste auf sich, und niemand bemerkte, daß sie in gemeinem Geschirr
aufgetragen wurden. Sein Keller hielt nicht viel Wein, aber der
ausgetrunkene ward gewöhnlich durch einen bessern ersetzt.
So lebten die beiden Väter, welche öfter zusammenkamen, sich wegen
gemeinschaftlicher Geschäfte beratschlagten und eben heute die
Versendung Wilhelms in Handelsangelegenheiten beschlossen.
"Er mag sich in der Welt umsehen", sagte der alte Meister, "und
zugleich unsre Geschäfte an fremden Orten betreiben; man kann einem
jungen Menschen keine größere Wohltat erweisen, als wenn man ihn
zeitig in die Bestimmung seines Lebens einweiht. Ihr Sohn ist von
seiner Expedition so glücklich zurückgekommen, hat seine Geschäfte so
gut zu machen gewußt, daß ich recht neugierig bin, wie sich der
meinige beträgt; ich fürchte, er wird mehr Lehrgeld geben als der
Ihrige."
Der alte Meister, welcher von seinem Sohne und dessen Fähigkeiten
einen großen Begriff hatte, sagte diese Worte in Hoffnung, daß sein
Freund ihm widersprechen und die vortrefflichen Gaben des jungen
Mannes herausstreichen sollte. Allein hierin betrog er sich; der alte
Werner, der in praktischen Dingen niemandem traute als dem, den er
geprüft hatte, versetzte gelassen: "Man muß alles versuchen; wir
können ihn ebendenselben Weg schicken, wir geben ihm eine Vorschrift,
wonach er sich richtet; es sind verschiedene Schulden einzukassieren,
alte Bekanntschaften zu erneuern, neue zu machen. Er kann auch die
Spekulation, mit der ich Sie neulich unterhielt, befördern helfen;
denn ohne genaue Nachrichten an Ort und Stelle zu sammeln, läßt sich
dabei wenig tun."
"Er mag sich vorbereiten", versetzte der alte Meister, "und so bald
als möglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd für ihn her, das sich
zu dieser Expedition schickt?"
"Wir werden nicht weit danach suchen. Ein Krämer in H***, der uns
noch einiges schuldig, aber sonst ein guter Mann ist, hat mir eins an
Zahlungs Statt angeboten; mein Sohn kennt es, es soll ein recht
brauchbares Tier sein."
"Er mag es selbst holen, mag mit dem Postwagen hinüberfahren, so ist
er übermorgen beizeiten wieder da, man macht ihm indessen den
Mantelsack und die Briefe zurechte, und so kann er zu Anfang der
künftigen Woche aufbrechen."
Wilhelm wurde gerufen, und man machte ihm den Entschluß bekannt. Wer
war froher als er, da er die Mittel zu seinem Vorhaben in seinen
Händen sah, da ihm die Gelegenheit ohne sein Mitwirken zubereitet
worden! So groß war seine Leidenschaft, so rein seine Überzeugung, er
handle vollkommen recht, sich dem Drucke seines bisherigen Lebens zu
entziehen und einer neuen, edlern Bahn zu folgen, daß sein Gewissen
sich nicht im mindesten regte, keine Sorge in ihm entstand, ja daß er
vielmehr diesen Betrug für heilig hielt. Er war gewiß, daß ihn Eltern
und Verwandte in der Folge für diesen Schritt preisen und segnen
sollten, er erkannte den Wink eines leitenden Schicksals an diesen
zusammentreffenden Umständen.
Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis zur Stunde, in der er
seine Geliebte wiedersehen sollte! Er saß auf seinem Zimmer und
überdachte seinen Reiseplan, wie ein künstlicher Dieb oder Zauberer in
der Gefangenschaft manchmal die Füße aus den festgeschlossenen Ketten
herauszieht, um die Überzeugung bei sich zu nähren, daß seine Rettung
möglich, ja noch näher sei, als kurzsichtige Wächter glauben.