Unter allen Türen war, wie man leicht erachten kann, die Tür

Ver.04.29.93*END*

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Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 1

Johann Wolfgang von Goethe

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Das Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal

ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie

erwartete Marianen, ihre schöne Gebieterin, die heute im Nachspiele,

als junger Offizier gekleidet, das Publikum entzückte, mit größerer

Ungeduld als sonst, wenn sie ihr nur ein mäßiges Abendessen

vorzusetzen hatte; diesmal sollte sie mit einem Paket überrascht

werden, das Norberg, ein junger, reicher Kaufmann, mit der Post

geschickt hatte, um zu zeigen, daß er auch in der Entfernung seiner

Geliebten gedenke.

Barbara war als alte Dienerin, Vertraute, Ratgeberin, Unterhändlerin

und Haushälterin in Besitz des Rechtes, die Siegel zu eröffnen, und

auch diesen Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen,

als ihr die Gunst des freigebigen Liebhabers mehr als selbst Marianen

am Herzen lag. Zu ihrer größten Freude hatte sie in dem Paket ein

feines Stück Nesseltuch und die neuesten Bänder für Marianen, für sich

aber ein Stück Kattun, Halstücher und ein Röllchen Geld gefunden. Mit

welcher Neigung, welcher Dankbarkeit erinnerte sie sich des abwesenden

Norbergs! Wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bei Marianen seiner im

besten zu gedenken, sie zu erinnern, was sie ihm schuldig sei und was

er von ihrer Treue hoffen und erwarten müsse.

Das Nesseltuch, durch die Farbe der halbaufgerollten Bänder belebt,

lag wie ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stellung der Lichter

erhöhte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den

Tritt Marianens auf der Treppe vernahm und ihr entgegeneilte. Aber

wie sehr verwundert trat sie zurück, als das weibliche Offizierchen,

ohne auf die Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbeidrängte, mit

ungewöhnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und

Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den

feierlich angezündeten Lichtern keinen Blick gönnte.

"Was hast du, Liebchen?" rief die Alte verwundert aus. "Um 's Himmels

willen, Töchterchen, was gibt's? Sieh hier diese Geschenke! Von wem

können sie sein, als von deinem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt

dir das Stück Musselin zum Nachtkleide; bald ist er selbst da; er

scheint mir eifriger und freigebiger als jemals."

Die Alte kehrte sich um und wollte die Gaben, womit er auch sie

bedacht, vorweisen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend,

mit Leidenschaft ausrief: "Fort! Fort! heute will ich nichts von

allem diesen hören; ich habe dir gehorcht, du hast es gewollt, es sei

so! Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein,

mache mit mir, was du willst, aber bis dahin will ich mein sein, und

hättest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht

ausreden. Dieses ganze Mein will ich dem geben, der mich liebt und

den ich liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft

überlassen, als wenn sie ewig dauern sollte."

Der Alten fehlte es nicht an Gegenvorstellungen und Gründen; doch da

sie in fernerem Wortwechsel heftig und bitter ward, sprang Mariane auf

sie los und faßte sie bei der Brust. Die Alte lachte überlaut. "Ich

werde sorgen müssen", rief sie aus, "daß sie wieder bald in lange

Kleider kommt, wenn ich meines Lebens sicher sein will. Fort, zieht

Euch aus! Ich hoffe, das Mädchen wird mir abbitten, was mir der

flüchtige Junker Leids zugefügt hat; herunter mit dem Rock und immer

so fort alles herunter! Es ist eine unbequeme Tracht, und für Euch

gefährlich, wie ich merke. Die Achselbänder begeistern Euch."

Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Mariane riß sich los. "Nicht so

geschwind!" rief sie aus, "ich habe noch heute Besuch zu erwarten."

"Das ist nicht gut", versetzte die Alte. "Doch nicht den jungen,

zärtlichen, unbefiederten Kaufmannssohn?"--"Eben den", versetzte

Mariane.

"Es scheint, als wenn die Großmut Eure herrschende Leidenschaft werden

wollte", erwiderte die Alte spottend; "Ihr nehmt Euch der Unmündigen,

der Unvermögenden mit großem Eifer an. Es muß reizend sein, als

uneigennützige Geberin angebetet zu werden."

"Spotte, wie du willst. Ich lieb ihn! ich lieb ihn! Mit welchem

Entzücken sprech ich zum erstenmal diese Worte aus! Das ist diese

Leidenschaft, die ich so oft vorgestellt habe, von der ich keinen

Begriff hatte. Ja, ich will mich ihm um den Hals werfen! ich will ihn

fassen, als wenn ich ihn ewig halten wollte. Ich will ihm meine ganze

Liebe zeigen, seine Liebe in ihrem ganzen Umfang genießen."

"Mäßigt Euch", sagte die Alte gelassen, "mäßigt Euch! Ich muß Eure

Freude durch ein Wort unterbrechen: Norberg kommt! in vierzehn Tagen

kommt er! Hier ist sein Brief, der die Geschenke begleitet hat."

"Und wenn mir die Morgensonne meinen Freund rauben sollte, will ich

mir's verbergen. Vierzehn Tage! Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen,

was kann da nicht vorfallen, was kann sich da nicht verändern!"

Wilhelm trat herein. Mit welcher Lebhaftigkeit flog sie ihm entgegen!

mit welchem Entzücken umschlang er die rote Uniform! drückte er das

weiße Atlaswestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu beschreiben,

wem geziemt es, die Seligkeit zweier Liebenden auszusprechen! Die

Alte ging murrend beiseite, wir entfernen uns mit ihr und lassen die

Glücklichen allein.

I. Buch, 2. Kapitel

Zweites Kapitel

Als Wilhelm seine Mutter des andern Morgens begrüßte, eröffnete sie

ihm, daß der Vater sehr verdrießlich sei und ihm den täglichen Besuch

des Schauspiels nächstens untersagen werde. "Wenn ich gleich selbst",

fuhr sie fort, "manchmal gern ins Theater gehe, so möchte ich es doch

oft verwünschen, da meine häusliche Ruhe durch deine unmäßige

Leidenschaft zu diesem Vergnügen gestört wird. Der Vater wiederholt

immer wozu es nur nütze sei? Wie man seine Zeit nur so verderben

könne?"

"Ich habe es auch schon von ihm hören müssen", versetzte Wilhelm, "und

habe ihm vielleicht zu hastig geantwortet; aber um 's Himmels willen,

Mutter! ist denn alles unnütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den

Beutel bringt, was uns nicht den allernächsten Besitz verschafft?

Hatten wir in dem alten Hause nicht Raum genug? und war es nötig, ein

neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jährlich einen ansehnlichen

Teil seines Handelsgewinnes zur Verschönerung der Zimmer? Diese

seidenen Tapeten, diese englischen Mobilien, sind sie nicht auch

unnütz? Könnten wir uns nicht mit geringeren begnügen? Wenigstens

bekenne ich, daß mir diese gestreiften Wände, diese hundertmal

wiederholten Blumen, Schnörkel, Körbchen und Figuren einen durchaus

unangenehmen Eindruck machen. Sie kommen mir höchstens vor wie unser

Theatervorhang. Aber wie anders ist's, vor diesem zu sitzen! Wenn

man noch so lange warten muß, so weiß man doch, er wird in die Höhe

gehen, und wir werden die mannigfaltigsten Gegenstände sehen, die uns

unterhalten, aufklären und erheben."

"Mach es nur mäßig", sagte die Mutter, "der Vater will auch abends

unterhalten sein; und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende

trag ich, wenn er verdrießlich wird, die Schuld. Wie oft mußte ich

mir das verwünschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor

zwölf Jahren zum Heiligen Christ gab und das euch zuerst Geschmack am

Schauspiele beibrachte!"

"Schelten Sie das Puppenspiel nicht, lassen Sie sich Ihre Liebe und

Vorsorge nicht gereuen! Es waren die ersten vergnügten Augenblicke,

die ich in dem neuen, leeren Hause genoß; ich sehe es diesen

Augenblick noch vor mir, ich weiß, wie sonderbar es mir vorkam, als

man uns, nach Empfang der gewöhnlichen Christgeschenke, vor einer Türe

niedersetzen hieß, die aus einem andern Zimmer hereinging. Sie

eröffnete sich; allein nicht wie sonst zum Hin- und Widerlaufen, der

Eingang war durch eine unerwartete Festlichkeit ausgefüllt. Es baute

sich ein Portal in die Höhe, das von einem mystischen Vorhang verdeckt

war. Erst standen wir alle von ferne, und wie unsere Neugierde größer

ward, um zu sehen, was wohl Blinkendes und Rasselndes sich hinter der

halb durchsichtigen Hülle verbergen möchte, wies man jedem sein

Stühlchen an und gebot uns, in Geduld zu warten.

So saß nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der

Vorhang rollte in die Höhe und zeigte eine hochrot gemalte Aussicht in

den Tempel. Der Hohepriester Samuel erschien mit Jonathan, und ihre

wechselnden wunderlichen Stimmen kamen mir höchst ehrwürdig vor. Kurz

darauf betrat Saul die Szene, in großer Verlegenheit über die

Impertinenz des schwerlötigen Kriegers, der ihn und die Seinigen

herausgefordert hatte. Wie wohl ward es mir daher, als der

zwerggestaltete Sohn Isai mit Schäferstab, Hirtentasche und Schleuder

hervorhüpfte und sprach: "Großmächtigster König und Herr! es

entfalle keinem der Mut um deswillen; wenn Ihre Majestät mir erlauben

wollen, so will ich hingehen und mit dem gewaltigen Riesen in den

Streit treten."--Der erste Akt war geendet und die Zuschauer höchst

begierig zu sehen, was nun weiter vorgehen sollte; jedes wünschte, die

Musik möchte nur bald aufhören. Endlich ging der Vorhang wieder in

die Höhe. David weihte das Fleisch des Ungeheuers den Vögeln unter

dem Himmel und den Tieren auf dem Felde; der Philister sprach Hohn,

stampfte viel mit beiden Füßen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der

ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie dann nachher die

Jungfrauen sangen: "Saul hat tausend geschlagen, David aber

zehntausend!", der Kopf des Riesen vor dem kleinen Überwinder

hergetragen wurde und er die schöne Königstochter zur Gemahlin erhielt,

verdroß es mich doch bei aller Freude, daß der Glücksprinz so

zwergmäßig gebildet sei. Denn nach der Idee vom großen Goliath und

kleinen David hatte man nicht verfehlt, beide recht charakteristisch

zu machen. Ich bitte Sie, wo sind die Puppen hingekommen? Ich habe

versprochen, sie einem Freunde zu zeigen, dem ich viel Vergnügen

machte, indem ich ihn neulich von diesem Kinderspiel unterhielt."

"Es wundert mich nicht, daß du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst:

denn du nahmst gleich den größten Anteil daran. Ich weiß, wie du mir

das Büchlein entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest; ich

wurde es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David

von Wachs machtest, sie beide gegeneinander perorieren ließest, dem

Riesen endlich einen Stoß gabst und sein unförmliches Haupt auf einer

großen Stecknadel mit wächsernem Griff dem kleinen David in die Hand

klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche mütterliche Freude über

dein gutes Gedächtnis und deine pathetische Rede, daß ich mir sogleich

vornahm, dir die hölzerne Truppe nun selbst zu übergeben. Ich dachte

damals nicht, daß es mir so manche verdrießliche Stunde machen sollte."

"Lassen Sie sich's nicht gereuen", versetzte Wilhelm; "denn es haben

uns diese Scherze manche vergnügte Stunde gemacht."

Und mit diesem erbat er sich die Schlüssel, eilte, fand die Puppen und

war einen Augenblick in jene Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt

schienen, wo er sie durch die Lebhaftigkeit seiner Stimme, durch die

Bewegung seiner Hände zu beleben glaubte. Er nahm sie mit auf seine

Stube und verwahrte sie sorgfältig.

I. Buch, 3. Kapitel

Drittes Kapitel

Wenn die erste Liebe, wie ich allgemein behaupten höre, das Schönste

ist, was ein Herz früher oder später empfinden kann, so müssen wir

unsern Helden dreifach glücklich preisen, daß ihm gegönnt ward, die

Wonne dieser einzigen Augenblicke in ihrem ganzen Umfange zu genießen.

Nur wenig Menschen werden so vorzüglich begünstigt, indes die meisten

von ihren frühern Empfindungen nur durch eine harte Schule geführt

werden, in welcher sie, nach einem kümmerlichen Genuß, gezwungen sind,

ihren besten Wünschen entsagen und das, was ihnen als höchste

Glückseligkeit vorschwebte, für immer entbehren zu lernen.

Auf den Flügeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu

dem reizenden Mädchen erhoben; nach einem kurzen Umgange hatte er ihre

Neigung gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person, die er so sehr

liebte, ja verehrte: denn sie war ihm zuerst in dem günstigen Lichte

theatralischer Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur

Bühne verband sich mit der ersten Liebe zu einem weiblichen Geschöpfe.

Seine Jugend ließ ihn reiche Freuden genießen, die von einer

lebhaften Dichtung erhöht und erhalten wurden. Auch der Zustand

seiner Geliebten gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen

Empfindungen sehr zu Hülfe kam; die Furcht, ihr Geliebter möchte ihre

übrigen Verhältnisse vor der Zeit entdecken, verbreitete über sie

einen liebenswürdigen Anschein von Sorge und Scham, ihre Leidenschaft

für ihn war lebhaft, selbst ihre Unruhe schien ihre Zärtlichkeit zu

vermehren; sie war das lieblichste Geschöpf in seinen Armen.

Als er aus dem ersten Taumel der Freude erwachte und auf sein Leben

und seine Verhältnisse zurückblickte, erschien ihm alles neu, seine

Pflichten heiliger, seine Liebhabereien lebhafter, seine Kenntnisse

deutlicher, seine Talente kräftiger, seine Vorsätze entschiedener. Es

ward ihm daher leicht, eine Einrichtung zu treffen, um den Vorwürfen

seines Vaters zu entgehen, seine Mutter zu beruhigen und Marianens

Liebe ungestört zu genießen. Er verrichtete des Tags seine Geschäfte

pünktlich, entsagte gewöhnlich dem Schauspiel, war abends bei Tische

unterhaltend und schlich, wenn alles zu Bette war, in seinen Mantel

gehüllt, sachte zu dem Garten hinaus und eilte, alle Lindors und

Leanders im Busen, unaufhaltsam zu seiner Geliebten.

"Was bringen Sie?" fragte Mariane, als er eines Abends ein Bündel

hervorwies, das die Alte in Hoffnung angenehmer Geschenke sehr

aufmerksam betrachtete. "Sie werden es nicht erraten", versetzte

Wilhelm.

Wie verwunderte sich Mariane, wie entsetzte sich Barbara, als die

aufgebundene Serviette einen verworrenen Haufen spannenlanger Puppen

sehen ließ. Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen Drähte

auseinanderzuwickeln und jede Figur einzeln vorzuzeigen bemüht war.

Die Alte schlich verdrießlich beiseite.

Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwei Liebende zu unterhalten, und

so vergnügten sich unsre Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine

Truppe wurde gemustert, jede Figur genau betrachtet und belacht.

König Saul im schwarzen Samtrocke mit der goldenen Krone wollte

Marianen gar nicht gefallen; er sehe ihr, sagte sie, zu steif und

pedantisch aus. Desto besser behagte ihr Jonathan, sein glattes Kinn,

sein gelb und rotes Kleid und der Turban. Auch wußte sie ihn gar

artig am Drahte hin und her zu drehen, ließ ihn Reverenzen machen und

Liebeserklärungen hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel

nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm

das Brustschildchen anpries und erzählte, daß der Schillertaft des

Leibrocks von einem alten Kleide der Großmutter genommen sei. David

war ihr zu klein und Goliath zu groß; sie hielt sich an ihren Jonathan.

Sie wußte ihm so artig zu tun und zuletzt ihre Liebkosungen von der

Puppe auf unsern Freund herüberzutragen, daß auch diesmal wieder ein

geringes Spiel die Einleitung glücklicher Stunden ward.

Aus der Süßigkeit ihrer zärtlichen Träume wurden sie durch einen Lärm

geweckt, welcher auf der Straße entstand. Mariane rief der Alten, die,

nach ihrer Gewohnheit noch fleißig, die veränderlichen Materialien

der Theatergarderobe zum Gebrauch des nächsten Stückes anzupassen

beschäftigt war. Sie gab die Auskunft, daß eben eine Gesellschaft

lustiger Gesellen aus dem Italienerkeller nebenan heraustaumle, wo sie

bei frischen Austern, die eben angekommen, des Champagners nicht

geschont hätten.

"Schade", sagte Mariane, "daß es uns nicht früher eingefallen ist, wir

hätten uns auch was zugute tun sollen."

"Es ist wohl noch Zeit", versetzte Wilhelm und reichte der Alten einen

Louisdor hin. "Verschafft Sie uns, was wir wünschen, so soll Sie's

mit genießen."

Die Alte war behend, und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter

Tisch mit einer wohlgeordneten Kollation vor den Liebenden. Die Alte

mußte sich dazusetzen; man aß, trank und ließ sich's wohl sein.

In solchen Fällen fehlt es nie an Unterhaltung. Mariane nahm ihren

Jonathan wieder vor, und die Alte wußte das Gespräch auf Wilhelms

Lieblingsmaterie zu wenden. "Sie haben uns schon einmal", sagte sie,

"von der ersten Aufführung eines Puppenspiels am Weihnachtsabend

unterhalten; es war lustig zu hören. Sie wurden eben unterbrochen,

als das Ballett angehen sollte. Nun kennen wir das herrliche Personal,

das jene großen Wirkungen hervorbrachte."

"Ja", sagte Mariane, "erzähle uns weiter, wie war dir's zumute?"

"Es ist eine schöne Empfindung, liebe Mariane", versetzte Wilhelm,

"wenn wir uns alter Zeiten und alter unschädlicher Irrtümer erinnern,

besonders wenn es in einem Augenblick geschieht, da wir eine Höhe

glücklich erreicht haben, von welcher wir uns umsehen und den

zurückgelegten Weg überschauen können. Es ist so angenehm,

selbstzufrieden sich mancher Hindernisse zu erinnern, die wir oft mit

einem peinlichen Gefühle für unüberwindlich hielten, und dasjenige,

was wir jetzt entwickelt sind, mit dem zu vergleichen, was wir damals

unentwickelt waren. Aber unaussprechlich glücklich fühl ich mich

jetzt, da ich in diesem Augenblicke mit dir von dem Vergangnen rede,

weil ich zugleich vorwärts in das reizende Land schaue, das wir

zusammen Hand in Hand durchwandern können."

"Wie war es mit dem Ballett?" fiel die Alte ihm ein. "Ich fürchte, es

ist nicht alles abgelaufen, wie es sollte."

"O ja", versetzte Wilhelm, "sehr gut! Von jenen wunderlichen Sprüngen

der Mohren und Mohrinnen, Schäfer und Schäferinnen, Zwerge und

Zwerginnen ist mir eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes Leben

geblieben. Nun fiel der Vorhang, die Türe schloß sich, und die ganze

kleine Gesellschaft eilte wie betrunken und taumelnd zu Bette; ich

weiß aber wohl, daß ich nicht einschlafen konnte, daß ich noch etwas

erzählt haben wollte, daß ich noch viele Fragen tat und daß ich nur

ungern die Wärterin entließ, die uns zur Ruhe gebracht hatte.

Den andern Morgen war leider das magische Gerüste wieder verschwunden,

der mystische Schleier weggehoben, man ging durch jene Türe wieder

frei aus einer Stube in die andere, und so viel Abenteuer hatten keine

Spur zurückgelassen. Meine Geschwister liefen mit ihren Spielsachen

auf und ab, ich allein schlich hin und her, es schien mir unmöglich,

daß da nur zwo Türpfosten sein sollten, wo gestern so viel Zauberei

gewesen war. Ach, wer eine verlorne Liebe sucht, kann nicht

unglücklicher sein, als ich mir damals schien!"

Ein freudetrunkner Blick, den er auf Marianen warf, überzeugte sie,

daß er nicht fürchtete, jemals in diesen Fall kommen zu können.

I. Buch, 4. Kapitel

Viertes Kapitel

"Mein einziger Wunsch war nunmehr", fuhr Wilhelm fort, "eine zweite

Aufführung des Stücks zu sehen. Ich lag der Mutter an, und diese

suchte zu einer gelegenen Stunde den Vater zu bereden; allein ihre

Mühe war vergebens. Er behauptete, nur ein seltenes Vergnügen könne

bei den Menschen einen Wert haben, Kinder und Alte wüßten nicht zu

schätzen, was ihnen Gutes täglich begegnete.

Wir hätten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten

müssen, hätte nicht der Erbauer und heimliche Direktor des Schauspiels

selbst Lust gefühlt, die Vorstellung zu wiederholen und dabei in einem

Nachspiele einen ganz frisch fertig gewordenen Hanswurst zu

produzieren.

Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen Talenten begabt,

besonders in mechanischen Arbeiten geschickt, der dem Vater während

des Bauens viele wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm

reichlich beschenkt worden war, wollte sich am Christfeste der kleinen

Familie dankbar erzeigen und machte dem Hause seines Gönners ein

Geschenk mit diesem ganz eingerichteten Theater, das er ehmals in

müßigen Stunden zusammengebaut, geschnitzt und gemalt hatte. Er war

es, der mit Hülfe eines Bedienten selbst die Puppen regierte und mit

verstellter Stimme die verschiedenen Rollen hersagte. Ihm ward nicht

schwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus Gefälligkeit

zugestand, was er seinen Kindern aus Überzeugung abgeschlagen hatte.

Genug, das Theater ward wieder aufgestellt, einige Nachbarskinder

gebeten und das Stück wiederholt.

Hatte ich das erstemal die Freude der Überraschung und des Staunens,

so war zum zweiten Male die Wollust des Aufmerkens und Forschens groß.

Wie das zugehe, war jetzt mein Anliegen. Daß die Puppen nicht selbst

redeten, hatte ich mir schon das erstemal gesagt; daß sie sich nicht

von selbst bewegten, vermutete ich auch; aber warum das alles doch so

hübsch war und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten und sich

bewegten, und wo die Lichter und die Leute sein möchten, diese Rätsel

beunruhigten mich um desto mehr, je mehr ich wünschte, zugleich unter

den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich meine Hände verdeckt

im Spiel zu haben und als Zuschauer die Freude der Illusion zu

genießen.

Das Stück war zu Ende, man machte Vorbereitungen zum Nachspiel, die

Zuschauer waren aufgestanden und schwatzten durcheinander. Ich

drängte mich näher an die Türe und hörte inwendig am Klappern, daß man

mit Aufräumen beschäftigt sei. Ich hub den untern Teppich auf und

guckte zwischen dem Gestelle durch. Meine Mutter bemerkte es und zog

mich zurück; allein ich hatte doch soviel gesehen, daß man Freunde und

Feinde, Saul und Goliath und wie sie alle heißen mochten, in einen

Schiebkasten packte, und so erhielt meine halbbefriedigte Neugierde

frische Nahrung. Dabei hatte ich zu meinem größten Erstaunen den

Lieutenant im Heiligtume sehr geschäftig erblickt. Nunmehr konnte

mich der Hanswurst, sosehr er mit seinen Absätzen klapperte, nicht

unterhalten. Ich verlor mich in tiefes Nachdenken und war nach dieser

Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher. Nachdem ich etwas

erfahren hatte, kam es mir erst vor, als ob ich gar nichts wisse, und

ich hatte recht: denn es fehlte mir der Zusammenhang, und darauf kommt

doch eigentlich alles an."

I. Buch, 5. Kapitel

Fünftes Kapitel

"Die Kinder haben", fuhr Wilhelm fort, "in wohleingerichteten und

geordneten Häusern eine Empfindung, wie ungefähr Ratten und Mäuse

haben mögen: sie sind aufmerksam auf alle Ritzen und Löcher, wo sie zu

einem verbotenen Naschwerk gelangen können; sie genießen es mit einer

solchen verstohlnen, wollüstigen Furcht, die einen großen Teil des

kindischen Glücks ausmacht.

Ich war vor allen meinen Geschwistern aufmerksam, wenn irgend ein

Schlüssel steckenblieb. Je größer die Ehrfurcht war, die ich für die

verschlossenen Türen in meinem Herzen herumtrug, an denen ich wochen-

und monatelang vorbeigehen mußte und in die ich nur manchmal, wenn die

Mutter das Heiligtum öffnete, um etwas herauszuholen, einen

verstohlnen Blick tat, desto schneller war ich, einen Augenblick zu

benutzen, den mich die Nachlässigkeit der Wirtschafterinnen manchmal

treffen ließ.

Unter allen Türen war, wie man leicht erachten kann, die Türe der

Speisekammer diejenige, auf die meine Sinne am schärfsten gerichtet

waren. Wenig ahnungsvolle Freuden des Lebens glichen der Empfindung,

wenn mich meine Mutter manchmal hineinrief, um ihr etwas heraustragen

zu helfen, und ich dann einige gedörrte Pflaumen entweder ihrer Güte

oder meiner List zu danken hatte. Die aufgehäuften Schätze

übereinander umfingen meine Einbildungskraft mit ihrer Fülle, und

selbst der wunderliche Geruch, den so mancherlei Spezereien

durcheinander aushauchten, hatte so eine leckere Wirkung auf mich, daß

ich niemals versäumte, sooft ich in der Nähe war, mich wenigstens an

der eröffneten Atmosphäre zu weiden. Dieser merkwürdige Schlüssel

blieb eines Sonntagmorgens, da die Mutter von dem Geläute übereilt

ward und das ganze Haus in einer tiefen Sabbatstille lag, stecken.

Kaum hatte ich es bemerkt, als ich etlichemal sachte an der Wand hin-

und herging, mich endlich still und fein andrängte, die Türe öffnete

und mich mit einem Schritt in der Nähe so vieler langgewünschter

Glückseligkeit fühlte. Ich besah Kästen, Säcke, Schachteln, Büchsen,

Gläser mit einem schnellen, zweifelnden Blicke, was ich wählen und

nehmen sollte, griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen,

versah mich mit einigen getrockneten Äpfeln und nahm genügsam noch

eine eingemachte Pomeranzenschale dazu: mit welcher Beute ich meinen

Weg wieder rückwärtsglitschen wollte, als mir ein paar nebeneinander

stehende Kasten in die Augen fielen, aus deren einem Drähte, oben mit

Häkchen versehen, durch den übel verschlossenen Schieber heraushingen.

Ahnungsvoll fiel ich darüber her; und mit welcher überirdischen

Empfindung entdeckte ich, daß darin meine Helden- und Freudenwelt

aufeinandergepackt sei! Ich wollte die obersten aufheben, betrachten,

die untersten hervorziehen; allein gar bald verwirrte ich die leichten

Drähte, kam darüber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da die Köchin

in der benachbarten Küche einige Bewegungen machte, daß ich alles, so

gut ich konnte, zusammendrückte, den Kasten zuschob, nur ein

geschriebenes Büchelchen, worin die Komödie von David und Goliath

aufgezeichnet war, das obenauf gelegen hatte, zu mir steckte und mich

mit dieser Beute leise die Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete.

Von der Zeit an wandte ich alle verstohlenen einsamen Stunden darauf,

mein Schauspiel wiederholt zu lesen, es auswendig zu lernen und mir in

Gedanken vorzustellen, wie herrlich es sein müßte, wenn ich auch die

Gestalten dazu mit meinen Fingern beleben könnte. Ich ward darüber in

meinen Gedanken selbst zum David und Goliath. In allen Winkeln des

Bodens, der Ställe, des Gartens, unter allerlei Umständen studierte

ich das Stück ganz in mich hinein, ergriff alle Rollen und lernte sie

auswendig, nur daß ich mich meist an den Platz der Haupthelden zu

setzen pflegte und die übrigen wie Trabanten nur im Gedächtnisse

mitlaufen ließ. So lagen mir die großmütigen Reden Davids, mit denen

er den übermütigen Riesen Goliath herausforderte, Tag und Nacht im

Sinne; ich murmelte sie oft vor mich hin, niemand gab acht darauf als

der Vater, der manchmal einen solchen Ausruf bemerkte und bei sich

selbst das gute Gedächtnis seines Knaben pries, der von so wenigem

Zuhören so mancherlei habe behalten können.

Hierdurch ward ich immer verwegener und rezitierte eines Abends das

Stück zum größten Teile vor meiner Mutter, indem ich mir einige

Wachsklümpchen zu Schauspielern bereitete. Sie merkte auf, drang in

mich, und ich gestand.

Glücklicherweise fiel diese Entdeckung in die Zeit, da der Lieutenant

selbst den Wunsch geäußert hatte, mich in diese Geheimnisse einweihen

zu dürfen. Meine Mutter gab ihm sogleich Nachricht von dem

unerwarteten Talente ihres Sohnes, und er wußte nun einzuleiten, daß

man ihm ein Paar Zimmer im obersten Stocke, die gewöhnlich leer

standen, überließ, in deren einem wieder die Zuschauer sitzen, in dem

andern die Schauspieler sein, und das Proszenium abermals die Öffnung

der Türe ausfüllen sollte. Der Vater hatte seinem Freunde das alles

zu veranstalten erlaubt, er selbst schien nur durch die Finger zu

sehen, nach dem Grundsatze, man müsse die Kinder nicht merken lassen,

wie lieb man sie habe, sie griffen immer zu weit um sich; er meinte,

man müsse bei ihren Freuden ernst scheinen und sie ihnen manchmal

verderben, damit ihre Zufriedenheit sie nicht übermäßig und übermütig

mache."

I. Buch, 6. Kapitel

Sechstes Kapitel

"Der Lieutenant schlug nunmehr das Theater auf und besorgte das Übrige.

Ich merkte wohl, daß er die Woche mehrmals zu ungewöhnlicher Zeit

ins Haus kam, und vermutete die Absicht. Meine Begierde wuchs

unglaublich, da ich wohl fühlte, daß ich vor Sonnabends keinen Teil an

dem, was zubereitet wurde, nehmen durfte. Endlich erschien der

gewünschte Tag. Abends um fünf Uhr kam mein Führer und nahm mich mit

hinauf. Zitternd vor Freude trat ich hinein und erblickte auf beiden

Seiten des Gestelles die herabhängenden Puppen in der Ordnung, wie sie

auftreten sollten; ich betrachtete sie sorgfältig, stieg auf den Tritt,

der mich über das Theater erhub, so daß ich nun über der kleinen Welt

schwebte. Ich sah nicht ohne Ehrfurcht zwischen die Brettchen

hinunter, weil die Erinnerung, welche herrliche Wirkung das Ganze von

außen tue, und das Gefühl, in welche Geheimnisse ich eingeweiht sei,

mich umfaßten. Wir machten einen Versuch, und es ging gut.

Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen war, hielten wir

uns trefflich, außer daß ich in dem Feuer der Aktion meinen Jonathan

fallen ließ und genötigt war, mit der Hand hinunterzugreifen und ihn

zu holen: ein Zufall, der die Illusion sehr unterbrach, ein großes

Gelächter verursachte und mich unsäglich kränkte. Auch schien dieses

Versehn dem Vater sehr willkommen zu sein, der das große Vergnügen,

sein Söhnchen so fähig zu sehen, wohlbedächtig nicht an den Tag gab,

nach geendigtem Stücke sich gleich an die Fehler hing und sagte, es

wäre recht artig gewesen, wenn nur dies oder das nicht versagt hätte.

Mich kränkte das innig, ich ward traurig für den Abend, hatte aber am

kommenden Morgen allen Verdruß schon wieder verschlafen und war in dem

Gedanken selig, daß ich, außer jenem Unglück, trefflich gespielt habe.

Dazu kam der Beifall der Zuschauer, welche durchaus behaupteten:

obgleich der Lieutenant in Absicht der groben und feinen Stimme sehr

viel getan habe, so peroriere er doch meist zu affektiert und steif;

dagegen spreche der neue Anfänger seinen David und Jonathan

vortrefflich; besonders lobte die Mutter den freimütigen Ausdruck, wie

ich den Goliath herausgefordert und dem Könige den bescheidenen Sieger

vorgestellt habe.

Nun blieb zu meiner größten Freude das Theater aufgeschlagen, und da

der Frühling herbeikam und man ohne Feuer bestehen konnte, lag ich in

meinen Frei- und Spielstunden in der Kammer und ließ die Puppen wacker

durcheinanderspielen. Oft lud ich meine Geschwister und Kameraden

hinauf; wenn sie aber auch nicht kommen wollten, war ich allein oben.

Meine Einbildungskraft brütete über der kleinen Welt, die gar bald

eine andere Gestalt gewann.

Ich hatte kaum das erste Stück, wozu Theater und Schauspieler

geschaffen und gestempelt waren, etlichemal aufgeführt, als es mir

schon keine Freude mehr machte. Dagegen waren mir unter den Büchern

des Großvaters die "Deutsche Schaubühne" und verschiedene

italienisch-deutsche Opern in die Hände gekommen, in die ich mich sehr

vertiefte und jedesmal nur erst vorne die Personen überrechnete und

dann sogleich ohne weiteres zur Aufführung des Stückes schritt. Da

mußte nun König Saul in seinem schwarzen Samtkleide den Chaumigrem,

Cato und Darius spielen; wobei zu bemerken ist, daß die Stücke niemals

ganz, sondern meistenteils nur die fünften Akte, wo es an ein

Totstechen ging, aufgeführt wurden.

Auch war es natürlich, daß mich die Oper mit ihren mannigfaltigen

Veränderungen und Abenteuern mehr als alles anziehen mußte. Ich fand

darin stürmische Meere, Götter, die in Wolken herabkommen, und, was

mich vorzüglich glücklich machte, Blitze und Donner. Ich half mir mit

Pappe, Farbe und Papier, wußte gar trefflich Nacht zu machen, der

Blitz war fürchterlich anzusehen, nur der Donner gelang nicht immer,

doch das hatte so viel nicht zu sagen. Auch fand sich in den Opern

mehr Gelegenheit, meinen David und Goliath anzubringen, welches im

regelmäßigen Drama gar nicht angehen wollte. Ich fühlte täglich mehr

Anhänglichkeit für das enge Plätzchen, wo ich so manche Freude genoß;

und ich gestehe, daß der Geruch, den die Puppen aus der Speisekammer

an sich gezogen hatten, nicht wenig dazu beitrug.

Die Dekorationen meines Theaters waren nunmehr in ziemlicher

Vollkommenheit; denn daß ich von Jugend auf ein Geschick gehabt hatte,

mit dem Zirkel umzugehen, Pappe auszuschneiden und Bilder zu

illuminieren, kam mir jetzt wohl zustatten. Um desto weher tat es mir,

wenn mich gar oft das Personal an Ausführung großer Sachen hinderte.

Meine Schwestern, indem sie ihre Puppen aus- und ankleideten, erregten

in mir den Gedanken, meinen Helden auch nach und nach bewegliche

Kleider zu verschaffen. Man trennte ihnen die Läppchen vom Leibe,

setzte sie, so gut man konnte, zusammen, sparte sich etwas Geld,

kaufte neues Band und Flittern, bettelte sich manches Stückchen Taft

zusammen und schaffte nach und nach eine Theatergarderobe an, in

welcher besonders die Reifröcke für die Damen nicht vergessen waren.

Die Truppe war nun wirklich mit Kleidern für das größte Stück versehen,

und man hätte denken sollen, es würde nun erst recht eine Aufführung

der andern folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern öfter zu gehen

pflegt: sie fassen weite Plane, machen große Anstalten, auch wohl

einige Versuche, und es bleibt alles zusammen liegen. Dieses Fehlers

muß ich mich auch anklagen. Die größte Freude lag bei mir in der

Erfindung und in der Beschäftigung der Einbildungskraft. Dies oder

jenes Stück interessierte mich um irgendeiner Szene willen, und ich

ließ gleich wieder neue Kleider dazu machen. Über solchen Anstalten

waren die ursprünglichen Kleidungsstücke meiner Helden in Unordnung

geraten und verschleppt worden, daß also nicht einmal das erste große

Stück mehr aufgeführt werden konnte. Ich überließ mich meiner

Phantasie, probierte und bereitete ewig, baute tausend Luftschlösser

und spürte nicht, daß ich den Grund des kleinen Gebäudes zerstört

hatte."

Während dieser Erzählung hatte Mariane alle ihre Freundlichkeit gegen

Wilhelm aufgeboten, um ihre Schläfrigkeit zu verbergen. So scherzhaft

die Begebenheit von einer Seite schien, so war sie ihr doch zu einfach

und die Betrachtungen dabei zu ernsthaft. Sie setzte zärtlich ihren

Fuß auf den Fuß des Geliebten und gab ihm scheinbare Zeichen ihrer

Aufmerksamkeit und ihres Beifalls. Sie trank aus seinem Glase, und

Wilhelm war überzeugt, es sei kein Wort seiner Geschichte auf die Erde

gefallen. Nach einer kleinen Pause rief er aus, "Es ist nun an dir,

Mariane, mir auch deine ersten jugendlichen Freuden mitzuteilen. Noch

waren wir immer zu sehr mit dem Gegenwärtigen beschäftigt, als daß wir

uns wechselseitig um unsere vorige Lebensweise hätten bekümmern können.

Sage mir: unter welchen Umständen bist du erzogen? Welche sind die

ersten lebhaften Eindrücke, deren du dich erinnerst?"

Diese Fragen würden Marianen in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn

ihr die Alte nicht sogleich zu Hülfe gekommen wäre. "Glauben Sie

denn", sagte das kluge Weib, "daß wir auf das, was uns früh begegnet,

so aufmerksam sind, daß wir so artige Begebenheiten zu erzählen haben

und, wenn wir sie zu erzählen hätten, daß wir der Sache auch ein

solches Geschick zu geben wüßten?"

"Als wenn es dessen bedürfte!" rief Wilhelm aus. "Ich liebe dieses

zärtliche, gute, liebliche Geschöpf so sehr, daß mich jeder Augenblick

meines Lebens verdrießt, den ich ohne sie zugebracht habe. Laß mich

wenigstens durch die Einbildungskraft teil an deinem vergangenen Leben

nehmen! Erzähle mir alles, ich will dir alles erzählen. Wir wollen

uns wo möglich täuschen und jene für die Liebe verlornen Zeiten

wiederzugewinnen suchen."

"Wenn Sie so eifrig darauf bestehen, können wir Sie wohl befriedigen",

sagte die Alte. "Erzählen Sie uns nur erst, wie Ihre Liebhaberei zum

Schauspiele nach und nach gewachsen sei, wie Sie sich geübt, wie Sie

so glücklich zugenommen haben, daß Sie nunmehr für einen guten

Schauspieler gelten können. Es hat Ihnen dabei gewiß nicht an

lustigen Begebenheiten gemangelt. Es ist nicht der Mühe wert, daß wir

uns zur Ruhe legen, ich habe noch eine Flasche in Reserve; und wer

weiß, ob wir bald wieder so ruhig und zufrieden zusammensitzen?"

Mariane schaute mit einem traurigen Blick nach ihr auf, den Wilhelm

nicht bemerkte und in seiner Erzählung fortfuhr.

I. Buch, 7. Kapitel

Siebentes Kapitel

"Die Zerstreuungen der Jugend, da meine Gespanschaft sich zu vermehren

anfing, taten dem einsamen, stillen Vergnügen Eintrag. Ich war

wechselsweise bald Jäger, bald Soldat, bald Reiter, wie es unsre

Spiele mit sich brachten: doch hatte ich immer darin einen kleinen

Vorzug vor den andern, daß ich imstande war, ihnen die nötigen

Gerätschaften schicklich auszubilden. So waren die Schwerter meistens

aus meiner Fabrik; ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein

geheimer Instinkt ließ mich nicht ruhen, bis ich unsre Miliz ins

Antike umgeschaffen hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen

Büschen geschmückt, Schilde, sogar Harnische wurden gemacht, Arbeiten,

bei denen die Bedienten im Hause, die etwa Schneider waren, und die

Nähterinnen manche Nadel zerbrachen.

Einen Teil meiner jungen Gesellen sah ich nun wohlgerüstet; die

übrigen wurden auch nach und nach, doch geringer, ausstaffiert, und es

kam ein stattliches Korps zusammen. Wir marschierten in Höfen und

Gärten, schlugen uns brav auf die Schilde und auf die Köpfe; es gab

manche Mißhelligkeit, die aber bald beigelegt war.

Dieses Spiel, das die andern sehr unterhielt, war kaum etlichemal

getrieben worden, als es mich schon nicht mehr befriedigte. Der

Anblick so vieler gerüsteten Gestalten mußte in mir notwendig die

Ritterideen aufreizen, die seit einiger Zeit, da ich in das Lesen

alter Romane gefallen war, meinen Kopf anfüllten.

"Das befreite Jerusalem", davon mir Koppens Übersetzung in die Hände

fiel, gab meinen herumschweifenden Gedanken endlich eine bestimmte

Richtung. Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht lesen; es waren aber

Stellen, die ich auswendig wußte, deren Bilder mich umschwebten.

Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Tun und Lassen.

Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseins taten mehr

Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln anfing, als die

gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete.

Aber hundert- und hundertmal, wenn ich abends auf dem Altan, der

zwischen den Giebeln des Hauses angebracht ist, spazierte, über die

Gegend hinsah und von der hinabgewichenen Sonne ein zitternder Schein

am Horizont heraufdämmerte, die Sterne hervortraten, aus allen Winkeln

und Tiefen die Nacht hervordrang und der klingende Ton der Grillen

durch die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir die Geschichte

des traurigen Zweikampfs zwischen Tankred und Chlorinden vor.

Sosehr ich, wie billig, von der Partei der Christen war, stand ich

doch der heidnischen Heldin mit ganzem Herzen bei, als sie unternahm,

den großen Turm der Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tankred dem

vermeinten Krieger in der Nacht begegnet, unter der düstern Hülle der

Streit beginnt und sie gewaltig kämpfen!--Ich konnte nie die Worte

aussprechen:

"Allein das Lebensmaß Chlorindens ist nun voll,

Und ihre Stunde kommt,

in der sie sterben soll!",

daß mir nicht die Tränen in die Augen kamen, die reichlich flossen,

wie der unglückliche Liebhaber ihr das Schwert in die Brust stößt, der

Sinkenden den Helm löst, sie erkennt und zur Taufe bebend das Wasser

holt.

Aber wie ging mir das Herz über, wenn in dem bezauberten Walde

Tankredens Schwert den Baum trifft, Blut nach dem Hiebe fließt und

eine Stimme ihm in die Ohren tönt, daß er auch hier Chlorinden

verwunde, daß er vom Schicksal bestimmt sei, das, was er liebt,

überall unwissend zu verletzen!

Es bemächtigte sich die Geschichte meiner Einbildungskraft so, daß

sich mir, was ich von dem Gedichte gelesen hatte, dunkel zu einem

Ganzen in der Seele bildete, von dem ich dergestalt eingenommen war,

daß ich es auf irgendeine Weise vorzustellen gedachte. Ich wollte

Tankreden und Reinalden spielen und fand dazu zwei Rüstungen ganz

bereit, die ich schon gefertiget hatte. Die eine, von dunkelgrauem

Papier mit Schuppen, sollte den ernsten Tankred, die andere, von

Silber- und Goldpapier, den glänzenden Reinald zieren. In der

Lebhaftigkeit meiner Vorstellung erzählte ich alles meinen Gespanen,

die davon ganz entzückt wurden und nur nicht wohl begreifen konnten,

daß das alles aufgeführt, und zwar von ihnen aufgeführt werden sollte.

Diesen Zweifeln half ich mit vieler Leichtigkeit ab. Ich disponierte

gleich über ein paar Zimmer in eines benachbarten Gespielen Haus, ohne

zu berechnen, daß die alte Tante sie nimmermehr hergeben würde; ebenso

war es mit dem Theater, wovon ich auch keine bestimmte Idee hatte,

außer daß man es auf Balken setzen, die Kulissen von geteilten

spanischen Wänden hinstellen und zum Grund ein großes Tuch nehmen

müsse. Woher aber die Materialien und Gerätschaften kommen sollten,

hatte ich nicht bedacht.

Für den Wald fanden wir eine gute Auskunft: wir gaben einem alten

Bedienten aus einem der Häuser, der nun Förster geworden war, gute

Worte, daß er uns junge Birken und Fichten schaffen möchte, die auch

wirklich geschwinder, als wir hoffen konnten, herbeigebracht wurden.

Nun aber fand man sich in großer Verlegenheit, wie man das Stück, eh

die Bäume verdorrten, zustande bringen könne. Da war guter Rat teuer!

Es fehlte an Platz, am Theater, an Vorhängen. Die spanischen Wände

waren das einzige, was wir hatten.

In dieser Verlegenheit gingen wir wieder den Lieutenant an, dem wir

eine weitläufige Beschreibung von der Herrlichkeit machten, die es

geben sollte. Sowenig er uns begriff, so behilflich war er, schob in

eine kleine Stube, was sich von Tischen im Hause und der Nachbarschaft

nur finden wollte, aneinander, stellte die Wände darauf, machte eine

hintere Aussicht von grünen Vorhängen, die Bäume wurden auch gleich

mit in die Reihe gestellt.

Indessen war es Abend geworden, man hatte die Lichter angezündet, die

Mägde und Kinder saßen auf ihren Plätzen, das Stück sollte angehn, die

ganze Heldenschar war angezogen; nun spürte aber jeder zum erstenmal,

daß er nicht wisse, was er zu sagen habe. In der Hitze der Erfindung,

da ich ganz von meinem Gegenstande durchdrungen war, hatte ich

vergessen, daß doch jeder wissen müsse, was und wo er es zu sagen habe;

und in der Lebhaftigkeit der Ausführung war es den übrigen auch nicht

beigefallen: sie glaubten, sie würden sich leicht als Helden

darstellen, leicht so handeln und reden können wie die Personen, in

deren Welt ich sie versetzt hatte. Sie standen alle erstaunt, fragten

sich einander, was zuerst kommen sollte, und ich, der ich mich als

Tankred vornean gedacht hatte, fing, allein auftretend, einige Verse

aus dem Heldengedichte herzusagen an. Weil aber die Stelle gar zu

bald ins Erzählende überging und ich in meiner eignen Rede endlich als

dritte Person vorkam, auch der Gottfried, von dem die Sprache war,

nicht herauskommen wollte, so mußte ich unter großem Gelächter meiner

Zuschauer eben wieder abziehen: ein Unfall, der mich tief in der Seele

kränkte. Verunglückt war die Expedition; die Zuschauer saßen da und

wollten etwas sehen. Gekleidet waren wir; ich raffte mich zusammen

und entschloß mich kurz und gut, "David und Goliath" zu spielen.

Einige der Gesellschaft hatten ehemals das Puppenspiel mit mir

aufgeführt, alle hatten es oft gesehn; man teilte die Rollen aus, es

versprach jeder, sein Bestes zu tun, und ein kleiner drolliger Junge

malte sich einen schwarzen Bart, um, wenn ja eine Lücke einfallen

sollte, sie als Hanswurst mit einer Posse auszufüllen, eine Anstalt,

die ich, als dem Ernste des Stückes zuwider, sehr ungern geschehen

ließ. Doch schwur ich mir, wenn ich nur einmal aus dieser

Verlegenheit gerettet wäre, mich nie, als mit der größten Überlegung,

an die Vorstellung eines Stücks zu wagen."

I. Buch, 8. Kapitel

Achtes Kapitel

Mariane, vom Schlaf überwältigt, lehnte sich an ihren Geliebten, der

sie fest an sich drückte und in seiner Erzählung fortfuhr, indes die

Alte den Überrest des Weins mit gutem Bedachte genoß.

"Die Verlegenheit", sagte er, "in der ich mich mit meinen Freunden

befunden hatte, indem wir ein Stück, das nicht existierte, zu spielen

unternahmen, war bald vergessen. Meiner Leidenschaft, jeden Roman,

den ich las, jede Geschichte, die man mich lehrte, in einem

Schauspiele darzustellen, konnte selbst der unbiegsamste Stoff nicht

widerstehen. Ich war völlig überzeugt, daß alles, was in der

Erzählung ergötzte, vorgestellt eine viel größere Wirkung tun müsse;

alles sollte vor meinen Augen, alles auf der Bühne vorgehen. Wenn uns

in der Schule die Weltgeschichte vorgetragen wurde, zeichnete ich mir

sorgfältig aus, wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder

vergiftet wurde, und meine Einbildungskraft sah über Exposition und

Verwicklung hinweg und eilte dem interessanten fünften Akte zu. So

fing ich auch wirklich an, einige Stücke von hinten hervor zu

schreiben, ohne daß ich auch nur bei einem einzigen bis zum Anfange

gekommen wäre.

Zu gleicher Zeit las ich, teils aus eignem Antrieb, teils auf

Veranlassung meiner guten Freunde, welche in den Geschmack gekommen

waren, Schauspiele aufzuführen, einen ganzen Wust theatralischer

Produktionen durch, wie sie der Zufall mir in die Hände führte. Ich

war in den glücklichen Jahren, wo uns noch alles gefällt, wo wir in

der Menge und Abwechslung unsre Befriedigung finden. Leider aber ward

mein Urteil noch auf eine andere Weise bestochen. Die Stücke gefielen

mir besonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige,

die ich nicht in dieser angenehmen Täuschung durchlas; und meine

lebhafte Vorstellungskraft, da ich mich in alle Rollen denken konnte,

verführte mich zu glauben, daß ich auch alle darstellen würde;

gewöhnlich wählte ich daher bei der Austeilung diejenigen, welche sich

gar nicht für mich schickten, und, wenn es nur einigermaßen angehn

wollte, wohl gar ein paar Rollen.

Kinder wissen beim Spiele aus allem alles zu machen; ein Stab wird zur

Flinte, ein Stückchen Holz zum Degen, jedes Bündelchen zur Puppe und

jeder Winkel zur Hütte. In diesem Sinne entwickelte sich unser

Privattheater. Bei der völligen Unkenntnis unserer Kräfte unternahmen

wir alles, bemerkten kein quid pro quo und waren überzeugt, jeder müsse

uns dafür nehmen, wofür wir uns gaben. Leider ging alles einen so

gemeinen Gang, daß mir nicht einmal eine merkwürdige Albernheit zu

erzählen übrigbleibt. Erst spielten wir die wenigen Stücke durch, in

welchen nur Mannspersonen auftreten; dann verkleideten wir einige aus

unserm Mittel und zogen zuletzt die Schwestern mit ins Spiel. In

einigen Häusern hielt man es für eine nützliche Beschäftigung und lud

Gesellschaften darauf. Unser Artillerielieutenant verließ uns auch

hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen und gehen, deklamieren und

gestikulieren sollten; allein er erntete für seine Bemühung meistens

wenig Dank, indem wir die theatralischen Künste schon besser als er zu

verstehen glaubten.

Wir verfielen gar bald auf das Trauerspiel: denn wir hatten oft sagen

hören und glaubten selbst, es sei leichter, eine Tragödie zu schreiben

und vorzustellen, als im Lustspiele vollkommen zu sein. Auch fühlten

wir uns beim ersten tragischen Versuche ganz in unserm Elemente; wir

suchten uns der Höhe des Standes, der Vortrefflichkeit der Charaktere

durch Steifheit und Affektation zu nähern und dünkten uns durchaus

nicht wenig; allein vollkommen glücklich waren wir nur, wenn wir recht

rasen, mit den Füßen stampfen und uns wohl gar vor Wut und

Verzweiflung auf die Erde werfen durften.

Knaben und Mädchen waren in diesen Spielen nicht lange beisammen, als

die Natur sich zu regen und die Gesellschaft sich in verschiedene

kleine Liebesgeschichten zu teilen anfing, da denn meistenteils

Komödie in der Komödie gespielt wurde. Die glücklichen Paare drückten

sich hinter den Theaterwänden die Hände auf das zärtlichste; sie

verschwammen in Glückseligkeit, wenn sie einander, so bebändert und

aufgeschmückt, recht idealisch vorkamen, indes gegenüber die

unglücklichen Nebenbuhler sich vor Neid verzehrten und mit Trotz und

Schadenfreude allerlei Unheil anrichteten.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 1 · 第 1 / 5 段