Aber die Stubenmagd hörte sie nicht und so blieb sie denn in der dunklen

Schürzentasche, bis sie oben in der Bodenkammer in einen noch dunkleren

Koffer eingeschlossen wurde. Da lag sie bis zum Sonntag, wo sich die

Stubenmagd anputzte, die Scheere wieder in die Tasche steckte und ausging.

Eine Stunde darauf befand sie sich in einer ganz andren Gegend der Stadt

und in den Händen einer jungen Stickerin.

-- Ach, das ist ja eine kleine prächtige Scheere! rief diese, sie

betrachtend und fuhr mit den Fingern in die beiden schönen Elfenbeinringe.

-- Ja, das will ich meinen! sagte die Scheere; aber viel Nutzen werden Sie

nicht von mir haben, denn ich bin nur gewohnt, mit sehr vornehmen Fingern

umzugehen, und wenn meine Freundin, die Gräfin, wüßte -- -- --

-- O, das wollen wir doch sehen! sagte die Stickerin und benutzte sie

gleich bei ihrer Arbeit. Siehst Du, fuhr sie fort, es geht ganz gut, und

wir werden auch schon Freundinnen werden!

-- Das glaube ich nicht, antwortete die Scheere, denn wir haben eine zu

ungleiche Erziehung; und dann ist auch das Zeug, das Sie hier sticken,

lange nicht zart genug; so grobe Arbeit bin ich gar nicht gewohnt!

Aber es ging Alles doch recht gut und die Scheere fügte sich endlich in

ihr Schicksal.

-- Was Sie für ein niedliches Wesen sind! sagte eines Tages der

Stickpfriem, der neben ihr auf dem Tische lag und auch ganz hübsch war,

denn er war von ganz blitzblankem Stahl und hatte einen Kopf von rothen

Corallen, in welchen ein Gesicht geschnitten war. Auch hatte er Augen, in

denen ein paar vergißmeinnichtblaue Perlen saßen.

-- Ja, man findet meines Gleichen auch so leicht nicht! antwortete die

Scheere stolz.

-- _Ich_ bin aber auch nicht übel, fuhr der Stickpfriem fort; sehen

Sie nur, wie schlank und blank ich bin, und dann betrachten Sie nur mein

Gesicht; es hat recht aristokratische Züge, nicht wahr!

-- Es ist mir nur zu roth, antwortete die Scheere; im Uebrigen sind Sie

ganz passabel.

-- Meinen Sie nicht, daß wir ein recht hübsches Paar geben würden?

fragte der Stickpfriem.

-- Ein Paar? Wohin denken Sie? rief die Scheere. Nein, wenn ich mich hätte

verändern wollen, so hätte ich es schon längst thun können.

-- Ei, sind Sie denn so spröde, meine Gnädige? fragte der Stickpfriem.

-- Nein, das nicht; aber ich will mich nicht übereilen, denn verheirathen

kann ich mich jederzeit; es fehlt mir, Gott sei Dank, nicht an Anträgen!

-- Wenn das nur gewiß ist! sagte der Stickpfriem zweifelnd.

-- Was Sie sich denken! rief die Scheere sehr vornehm. Ich habe schon

so viel Anträge gehabt, daß ich sie gar nicht zählen kann; noch

ganz zuletzt bei meiner Freundin, der Gräfin, mußte ich einen solchen

ablehnen. Der Vater der Gräfin hatte nämlich sieben ganz feine und noble

Rasirmesser, die wohnten alle in _einem_ Hause, das inwendig ganz mit

rothem Sammet austapezirt und mit einem großen Trumeau versehen war. Es

waren sieben Brüder, alle von sehr guter Herkunft; der Eine hieß Lundi,

der Andre Mardi, der Dritte Mecredi u. s. w. Alle wollten sie mich

gern haben, und namentlich ist der Jüngste, er heißt Samedi, recht

unglücklich um meinetwillen geworden; aber ich wollte keinen Unfrieden

zwischen den Brüdern anstiften, sonst hätte ich ihn wohl genommen, denn

Platz hätte der junge Samedi in seinem hübschen Häuschen wohl noch für

eine Frau gehabt. Der Arme ist nun aus Gram ganz rostig geworden, zu gar

nichts mehr zu gebrauchen und wird es wohl nicht mehr lange machen.

Dem armen Stickpfriem that dieser Korb recht weh. Er wiederholte noch

einmal seinen Antrag, bekam aber wieder eine abschlägliche Antwort. Das

schmerzte ihn so, daß er klare Thränen vergoß und sich seine beiden

blauen Vergißmeinnichtsaugen aus dem Kopfe weinte. Jetzt war er also

blind, und da sie sehr herzlos war, konnte er nicht einmal erwarten, daß

die Scheere ihn jetzt aus Mitleid nehmen werde.

Vierzehn Tage hindurch verschloß er den Gram in seiner Brust, dann aber

konnte er es nicht länger aushalten.

-- Ich muß meinem Leben ein Ende machen, wenn Sie sich meiner nicht

erbarmen wollen, klagte er der Scheere. Blind bin ich nun schon um

Ihretwillen geworden, das Leben hat also gar keinen Reiz mehr für mich!

-- Das bedaure ich sehr! antwortete die Scheere recht herzlos. Aber wer

kann für seine Gefühle!

Der Stickpfriem faßte innerlich den Entschluß, nunmehr vom Leben zu

scheiden, und da er gerade am offnen Fenster lag, so sprang er hinaus, um

entweder auf dem Steinpflaster das Genick zu brechen oder in den Wellen des

Rinnsteins seinen Tod zu finden.

Und richtig geschah das erstere. Er brach den Hals und der schöne

Corallenkopf sprang mitten auseinander.

-- Da sieht man wieder, wohin eine unglückliche Liebe führen kann! sagte

die Scheere, ihm nachblickend. Wer hat ihn auch geheißen, sich in mich zu

verlieben! Weiß Gott, _ich_ konnte ihm doch nicht helfen!

Darauf schaute sie in den kleinen Spiegel, der neben dem Nadelkissen

angebracht war, und fand sich sehr schön.

-- Es ist kein Wunder, wenn sich Alles in mich verliebt! sagte sie; aber

umsonst bin ich auch nicht so schön!

Inzwischen ward es Abend. Der Nähtisch wurde zugeklappt, und die Scheere

meinte: Nun, da es dunkel ist, kannst Du schlafen! -- -- -- Und sie

schlief und dachte mit keinem Gedanken an den unglücklichen Stickpfriem.

Am Morgen aber wartete sie vergebens, daß der Nähtisch geöffnet werden

solle. Tage vergingen, der Tisch aber blieb verschlossen, so daß der armen

Scheere endlich schon ganz bange wurde. Sie wußte ja nicht, daß ihre

Herrin, die Stickerin, in der Nacht gestorben war, daß Leute gekommen, die

das Zimmer versiegelten, und acht Tage lang kein Mensch hereinkam.

Endlich am neunten Tage ward der Nähtisch geöffnet. Die Scheere sah zu

ihrer Verwunderung wohl zwanzig Menschen im Zimmer und Einer war unter

ihnen, der einen Hammer in der Hand hielt; es war der Auctionator, der den

kleinen Nachlaß der Stickerin versteigerte.

Alles wurde nun zu Spottpreisen verkauft, und die schöne Scheere fiel --

man denke sich! -- für zwei Groschen einer armen Nähterin zu.

-- Fassen Sie mich nicht an! rief ihr die Scheere zu; ich passe gar nicht

für Sie; es war auch schon unter meiner Würde, als ich mich bei einer

Stickerin aufhielt. Sie wissen gar nicht, wer ich bin, sonst hätten Sie

viel mehr für mich gegeben. Wenn meine Freundin, die Gräfin, hier gewesen

wäre, sie hätte hundert Thaler für mich bezahlt!

Um den Händen der Nähterin zu entgehen, machte die Scheere einen Sprung

vom Tisch, und -- o weh! -- sie brach einen von ihren Elfenbeinringen!

-- Wie Schade! rief die Nähterin. Aber das läßt sich noch flicken!

Sie nahm die Scheere und das Stück, welches aus dem Ring gebrochen war und

ging zu einem Drechsler, der mußte einen andern Ring einsetzen.

So kam die Scheere zu der Nähterin. Schön war sie noch immer, obgleich

sie schon geflickt war.

Bei der Nähterin machte sie nun die Bekanntschaft eines Federmessers,

das eine recht niedliche Perlemutterschale und auf derselben ein

Vergißmeinnicht von Neusilber hatte.

Das Unglück wollte, daß auch das Federmesser sich in die Scheere

verliebte und sie fragte, ob sie nicht ein Paar werden wollten.

-- Ach, dann hätte ich wohl auf Sie zu warten brauchen! rief die Scheere

hochmüthig. Aber ich will Ihnen doch einen guten Rath geben: es sind schon

Viele um meinetwillen an gebrochenem Herzen gestorben; sehen Sie sich nur

vor, daß es Ihnen nicht auch so geht, es sollte mir Leid um Sie thun!

-- So? Na, da wäre ich doch neugierig! rief das Federmesser. Erzählen Sie

mir doch!

Und nun erzählte die Scheere von dem jungen Samedi, der um ihretwillen

ganz rostig geworden und wenn er noch lebe, es gewiß nicht lange mehr

machen werde, und von dem Stickpfriem, der sich um ihretwillen die beiden

Vergißmeinnichtaugen ausgeweint und sich endlich aus unglücklicher Liebe

zum Fenster hinausgestürzt habe.

-- Sie haben also alle Ursache, auf Ihrer Hut zu sein, schloß die Scheere

ihre Erzählung, zumal Sie _auch_ ein Vergißmeinnicht tragen, das mich

lebhaft an den armen Stickpfriem erinnert. -- Ich bin zu schön, als daß

sich ein Federmesser auf mich Hoffnung machen könnte! setzte sie stolz

hinzu.

-- Nun, mit Ihrer Schönheit geht es doch noch an; es giebt noch viel

Schönere als Sie. Sehen Sie doch nur, Sie sind ja schon geflickt! sagte

das Federmesser auf den einen Ring zeigend.

-- Das ist kein Fehler, entgegnete die Scheere; das ist so Mode, es sieht

interessant aus... Vergessen Sie mich nur, denn sonst bricht Ihnen am Ende

auch noch das Herz; Beispiele sind da!

-- Ich werde mich hüten! antwortete das Federmesser verletzt, denn

eine zurückgewiesene Liebe ist kein Spaß, die kann die besten Freunde

erzürnen; davon sind auch schon Beispiele da.

So redeten die Scheere und das Federmesser von dem Augenblick ab kein Wort

mehr mit einander, und wenn die Scheere nach der Ursache dieser Feindschaft

gefragt wurde, antwortete sie, das Federmesser sei verwegen genug gewesen,

das Auge zu ihr zu erheben, und da sie ihm einen Korb habe geben müssen,

so seien sie böse auf einander geworden. Die Scheere hätte über diesen

kitzlichen Punkt auch wohl lieber schweigen können, aber sie war ja ein

Frauenzimmer.

Als das Quartal zu Ende ging, konnte die Nähterin ihre Miethe nicht

bezahlen, mußte über Hals und Kopf ausziehen, und der Hauswirth nahm ihre

Sachen in Beschlag, unter diesen auch die kleine Scheere, die nun in die

rauhen Hände einer Schlosserfrau wanderte, an welche sie verschenkt wurde.

Diese Frau hatte viele Kinder, die immer mit der hübschen Scheere spielten

und ihr endlich beide Ringe abbrachen. Der Schlosser wußte indeß zu

helfen und machte ihr ein paar Ringe von Draht, so daß sie wenigstens noch

zu gebrauchen war.

-- Das ist das Loos des Schönen! Jetzt ist mein ganzer Stolz dahin!

seufzte die Scheere und weinte; ich glaube nicht, daß ich dies lange

überleben werde!

Aber man stirbt doch nicht immer sogleich vom Gram. Die Scheere lebte

noch weiter und _hatte_ sie keine Elfenbeinringe mehr, so prahlte sie doch

damit, daß sie welche _gehabt_ hatte, und erzählte einer knöchernen

Nadelbüchse alle Tage von den vielen Eroberungen, die sie gemacht, von

dem unglücklichen jungen Samedi, dem Stickpfriem und dem Federmesser,

von welchem letzteren sie der Nadelbüchse vorlog, es habe sich aus

unglücklicher Liebe zu ihr vergiftet.

-- Man muß nicht Alles glauben, was die Leute prahlen! sagte die

Nadelbüchse zum Troste für sich selbst, denn um _sie_ hatte sich noch nie

Jemand ein Leid's angethan.

Eines Tages nun hatten die Kinder draußen vor der Hausthür mit der

Scheere gespielt und ließen sie auf der Straße liegen. Ein Mädchen kam

vorbei, nahm sie mit und brachte sie ihren Eltern. So kam die Scheere in

das Haus eines Sattlers.

-- Wie ordinär es hier nach Leder riecht! sagte die Scheere, als sie in

der Arbeitsstube des Sattlers neben mehren Werkzeugen lag. Diesen Geruch

ertrage ich nicht, meine Nerven sind für eine solche Atmosphäre viel zu

fein!

-- Nur nicht so zimperlich, Fräulein Scheere! rief eine kleine Zange neben

ihr; wirst's schon gewohnt werden, und so fein siehst Du mir auch eben

nicht aus, daß Du etwas Besseres wärest als wir Andern!

-- O ja, ich bin aus sehr vornehmem Hause! Gott, wenn meine Freundin, die

Gräfin, wüßte, daß ich _hier_ bin! -- -- -- Uebrigens habe ich gar

nicht die Ehre, Sie zu kennen, antwortete die Scheere, sich umdrehend.

-- -- -- Das ist gar kein Umgang für eine gebildete Scheere, wie Du

bist! sagte sie zu sich selbst; die Zangen haben immer ein so böses Maul!

Da erblickte sie auf ihrer andren Seite eine Sattlerahle, die ein ganz

neues Heft hatte. Sie wollte ihren Augen nicht trauen, als sie in derselben

den ehemaligen Stickpfriem erkannte.

-- Gott, wie ist der Arme heruntergekommen! sagte sie für sich

-- -- -- -- Aber ist's denn möglich, sind Sie noch am Leben? Sie

glauben nicht, wie mich das freut! rief sie dem ehemaligen Stickpfriem zu.

So können wir ja jetzt unsere alte Bekanntschaft erneuern!

Aber der ehemalige Stickpfriem erkannte sie nicht mehr oder wollte sie

nicht mehr kennen; er war nämlich seit jener unglücklichen Geschichte

ganz tiefsinnig geworden und jedesmal wenn er ein Stück Leder vor sich

sah, bohrte er sich tief hinein aus reinem Lebensüberdruß. So war er denn

dem Leder recht gefährlich.

Die Scheere dachte nun bei sich: im Grunde sieht er doch noch ganz

reputirlich aus; vielleicht könnte doch noch ein Paar aus uns werden! --

Sie ließ sich dies auch ganz gut merken, er aber haßte Alles, was ihn

umgab, und von der Scheere wollte er erst recht nichts wissen. Ja, die

Letztere vergaß sich in ihrer Heirathssucht, um nur an den Mann zu kommen,

so weit, daß sie ihm ganz unzweideutige Anerbietungen machte, und daß die

Zange sich genöthigt sah, ihren Mund aufzuthun und den übrigen Werkzeugen

zu erzählen, ein solches Frauenzimmer sei ihr noch gar nicht vorgekommen,

man müsse auf seinen Ruf bedacht sein und sich ja nicht mit ihr abgeben,

denn sie habe dem ehemaligen Stickpfriem Heirathsanträge gemacht, vor

denen jedes sittsame Frauenzimmer erröthen müsse.

So kam es denn, daß Keiner mit ihr umgehen wollte und die Scheere immer

allein blieb. Einmal wurde ihr aber doch die Zeit lang, sie mischte sich

unter die Andern, wurde von diesen jedoch so gedrängt und gestoßen, daß

sie auf die Erde fiel und ihre eine Spitze brach.

-- Das ist mein Letztes! rief die Scheere, vor Schmerz laut aufschreiend.

Schickt nur schnell nach dem Doctor, sonst bin ich gar nicht mehr zu

heilen!

-- Bring' das schlechte Ding auf den Boden und wirf es zu dem alten Eisen!

sagte die Sattlerfrau, ihrer Tochter die Scheere gebend. Diese trug sie auf

den Boden und warf sie in einen Kasten, in welchem lauter alte verrostete

eiserne Werkzeuge lagen.

-- Die müssen hier alle von recht altem Adel sein, sagte die Scheere, sich

in dem großen, offenen Kasten umschauend; sie sehen alle so ehrwürdig

verrostet aus!

Mit diesem Gedanken tröstete sich die Scheere und fing alsbald an, ihren

Nachbarn, alten verrosteten Nägeln, Feilen und Haken, von ihren früheren

Eroberungen zu erzählen. Die aber waren alle sehr mürrisch und sprachen

Tage lang kein Wort. Endlich wurde auch die Scheere immer stiller, denn

es regnete durch das Dach in den offenen Kasten, und als sie sich eines

Morgens besah, war sie über und über voll Rostflecken.

-- Ich glaube, ich fange _auch_ schon an, alt zu werden, sagte die

Scheere zu sich; es wird wohl Zeit, daß ich mich mit höheren Dingen

beschäftige! --

Und da wurde denn die Scheere _fromm_ und sprach den ganzen Tag hindurch

von nichts als vom ewigen Himmelreich. --

Die zehn Rosen vom Sinai.

Hoch oben auf dem Berge Sinai da wächst seit Jahrtausenden ein großer,

unendlicher Rosenstock, der breitet seine Zweige hoch über das ganze

Weltall; die Gerechten und Frommen erkennen den Himmelsschimmer seiner

Blüthen an dem Glanze des Morgen- und dem Purpurscheine des Abendlichtes

und beten unter dem Blüthendom, ja selbst die schwarzen Stämme des

Aequators kennen schon den Rosenstock und beugen sich unter seinen heiligen

Blüthenschauer.

Dieser Rosenstock lebt ewig -- ewig und unzählich wachsen seine Blumen,

und jedesmal wenn ein Kind geboren wird, dann fallen aus einer der zehn

Rosen des Sinai zehn Samenkörner herab in des Kindes Brust. Dort keimen

sie, wenn die Mutter an der Wiege sitzt, sie schlagen ihre Wurzeln, wenn

der Säugling in süßem Schlummer lächelt, und der Engel zu Häupten des

Kindes pflegt ihre ersten Keime.

Das Kind aber wächst und in seiner Brust entwickeln sich langsam die

Knospen und gießen ihren sanften Schimmer über des Kindes Wangen. Gute

Eltern wachen über die Rosen in seiner Brust, gute Lehren befruchten sie,

daß sie gedeihen und zur vollen Blüthe kommen.

An jenem Tage aber, wo das Kind zum ersten Male an den Tisch des Herrn

tritt, da bethauen sich die zehn Knospen mit den Freudenthränen der

Eltern, unter dem fruchtbringenden Hauch eines göttlichen Evangeliums

schwellen sie zu vollen üppigen Rosen, und Christi Blut, das über

des Kindes Lippen fließt, färbt die Rosen mit dem wunderschönsten

Purpurglanz.

So werden die Rosen bis zur Blüthe gepflegt; mit ihnen tritt der Knabe in

die Welt, die ihm nicht immer nur Sonnenschein bietet und wohl Demjenigen,

der ihren Keim unversehrt erhält, wenn unter den Stürmen des Lebens die

eine oder die andere der Rosen traurig das Haupt senkt und ihm klagend

zuruft: »willst Du mich denn sterben lassen?«

In der Brust des _bösen_ Kindes hingegen wollen die Rosen keine Wurzeln

fassen; der Engel, der an seinem Bette sitzt, sie zu pflegen, wendet

trauernd sein Antlitz ab und kehrt endlich zu _Dem_ zurück, der ihn als

Gärtner gesandt. Und an der Stelle der Rosen beginnt nun das Unkraut zu

wuchern, aus diesem wächst mit dem Kinde selbst ein Dorn empor, der immer

größer wird, und um seinen Stamm windet sich eine Schlange, die auch die

letzte Rosenblüthe erstickt. -- Also folgen auch die Rosen dem Engel in

seine Heimath zurück und auf dem Grabe des Kindes wächst dereinst nur

der Dorn, und an dem großen Rosenbaum _droben_ welkt jene Blüthe, aus der

einst die zehn Körner in seine Brust gefallen, denn sie trauert um eine

verlorene Seele.

Am Sarge des _guten_ Kindes jedoch flicht der Engel zehn weiße Rosen um

die bleiche Stirn desselben zu einem Kranze; die Rosen folgen ihm in das

Grab, schlagen dort neue Wurzeln, wachsen aus dem Hügel und sagen der

Welt: »hier ruht ein gutes Kind!« -- Und das Abendroth leuchtet doppelt

schön über dem Grabe, der große Rosenbaum droben rauscht mit seinen

Blättern, in seinen Zweigen sitzen Millionen von Engeln, die empfangen mit

lieblichem Gesang den Bruder, der ihnen die Seele des guten Kindes, einen

neuen Gespielen hinauf bringt.

Die zehn Rosen aber sind die Rosen vom Sinai, _die zehn Gebote Gottes_.

Das Sperlingsnest.

Es war ein wunderschöner Sommermorgen. Die Sonne spiegelte sich in dem

großen Teiche, der mitten im Dorfe lag und auf dem wohl zehn alte Enten

mit ihren Familien umherschwammen, die Dorfjugend spielte auf dem freien

Platze vor dem Herrenhause, die Bäume streckten ihre mit süßen Früchten

beladenen Zweige über den alten von Brombeerranken durchwachsenen Zaun,

vor dem Bauernhause las ein alter Mann mit schneeweißem Haar und einer

großen Brille auf der Nase in der Bibel und vor des Pfarrers Hause

spielten seine Kinder mit einem weißen Zicklein, das die tollsten

Kapriolen machte, obwohl es Kirchzeit war, in der man sich hübsch sittsam

und still verhalten soll.

Der Pfarrer war nicht zu Hause, denn er stand in der Kirche auf der

Kanzel und predigte der Dorfgemeinde, man solle nur _Gutes_ thun; ja der

ehrwürdige Mann hielt eine so wunderschöne Predigt, daß die Gemeinde

nach dem Schluß derselben ganz gerührt nach Hause ging.

Draußen an dem großen Kirchfenster, dicht an einer der kleinen,

zerbrochenen Scheiben hing ein Sperlingsnest, darin saß die Mutter mit

ihren Jungen, die nun bald flügge waren. Die Sperlingsmutter horchte sehr

andächtig auf die Predigt, denn sie war ausnahmsweise sehr fromm, und

das war kein Wunder, denn wenn man in einer Kirche wohnt, kann selbst ein

Sperling wohl fromm werden.

-- Was ist _das Gute_, von dem der Pfarrer sagte? so fragten die Jungen die

Sperlingsmutter, als die Predigt zu Ende war.

-- Das werde ich Euch später sagen, denn jetzt seid Ihr noch zu dumm, es

zu begreifen, sagte die Sperlingsmutter, ganz gerührt von der Predigt.

Am Abend fragten die Jungen wieder, was das Gute sei, und die

Sperlingsmutter gab ihnen dieselbe Antwort.

Den nächsten Morgen flogen die Jungen aus dem Nest und kratzten dem armen

Büdner seine Wintersaat aus.

-- War das gut? fragten sie die Mutter, als sie nach Hause kamen.

-- Nein, antwortete diese, das war _nicht_ gut.

Am zweiten Morgen flogen die Jungen aus dem Nest und bissen die zarten

Schwalben, die sich auf einer Dachröhre im Fliegen übten.

-- War das gut? fragten sie die Mutter, als sie nach Hause kamen.

-- Nein, antwortete diese, das war _nicht_ gut.

-- Aber was ist _denn_ gut? fragten sie wieder.

-- Das werde ich euch sagen, wenn ihr das Gelbe an den Schnäbeln abgelegt

habt, denn jetzt seid ihr noch zu dumm, antwortete die Sperlingsmutter.

Am dritten Morgen flogen die Jungen aus dem Nest und fraßen dem Küster

alle seine schönen Melonen an.

-- War das gut? fragten sie die Mutter, als sie wieder nach Hause kamen.

-- Nein, das war _nicht_ gut.

Am vierten Morgen erwachten die Jungen in ihrem Nest, als die Mutter schon

ausgeflogen war, um Frühstück für sie zu besorgen. Zu ihrem Schrecken

sahen sie ein Netz über ihr Nest ausgebreitet und vor ihnen stand ein

rothköpfiger Knabe auf der Leiter, der das ganze Nest aushob.

Die Sperlingsmutter kam gerade nach Hause, umflog den bösen Knaben und

rief ängstlich: piep, piep! als sie das Unglück sah.

Da aber kam der Küster des Weges, er nahm dem rothköpfigen Knaben das

Nest ab, stieg die Leiter hinauf und setzte es wieder an seinen Platz.

-- Ach, das ist gut, das ist gut! riefen die Jungen, noch zitternd vor

Schreck.

-- Seht ihr! sprach die Sperlingsmutter. Jetzt wißt Ihr mit einem Male,

was _gut_ ist. Ihr habt gestern dem Küster alle seine schönen Melonen

angefressen, und doch hat er euch Gutes gethan. Macht's künftig ebenso! --

Kinder wissen überhaupt immer, was gut ist, sie _wollen_ es oft nur nicht

wissen.

Christ ist geboren!

-- Es ist sehr unrecht von dem Pfarrer, daß er da drüben in der Kirche

immer von der Vergeltung Gottes bis in's unendlichste Glied spricht und

auch stets so schlecht von den Dornen redet! sagte der Dornbusch, der vor

dem verfallenen Stallgemäuer der Schloßruine, der Dorfkirche gegenüber

stand. Es ist sehr unrecht von ihm, denn er kann ja z. B. nicht wissen,

was es mit _mir_ für eine Bewandtniß hat! -- Auf dem Blutsacker bei

Golgatha, da stand vor bald 2000 Jahren mein Stammbaum, ein Kreuzdorn,

aus dessen Zweigen flochten sie die Dornenkrone des Heilands. Der Pfarrer

drüben aber weiß nicht, daß ich von diesem Kreuzdorn stamme, daß alle

directen Abkommen desselben rothe Blüten treiben, in der Christnacht

blutige Thränen weinen, und daß wir Dornen uns ewig verjüngen wie

Christi Lehre, denn wir sind ja mit ihr verflochten!

So sprach der Dornbusch. Und da fuhr der Wind in seine Zweige und

schüttelte sie, daß Schnee von denselben fiel.

-- Freilich, _die_ Bewandtniß muß man kennen! seufzte der Dornbusch.

Es war nun aber heute Christabend und darum stellte der Dornbusch seine

frommen Betrachtungen an, die er indeß auch an andern Tagen hegen mochte,

wenn es mit seiner Abkunft wirklich »die Bewandtniß« hatte, deren er

sich rühmte. Inzwischen ward es dunkler, der Mond ging auf und die Häuser

warfen dichte Schatten auf die Schneedecke, die über der gefrorenen

Dorfstraße lag. In der Kirche läutete man zur Vesper und der fromme

Pfarrer schritt daher, um die Abendpredigt zu halten.

-- Da geht er gleichgültig an mir vorüber! sagte der Dornbusch.

Natürlich: er kennt ja meine Bewandtniß nicht! Und die Uebrigen eilen

auch alle an mir vorbei in die Kirche, und wenn der Herr Gott nicht in's

Verborgene schauen könnte, er würde seine Gläubigen an den Fußspuren

erkennen, die von den Häusern in die Kirche führen. Aber er kennt sie

Alle, denn er selbst leitet ja ihre Spuren... _Ich_ jedoch kenne Zwei im

Dorfe, die nicht heute und nicht das ganze Jahr in die Kirche gehen, weil

sie gottlos sind: es ist der finstre Schloßherr und der wilde Steffen, den

der Erstere gestern aus seiner Hütte gejagt, weil er den Miethzins nicht

bezahlt, und dessen armes Weib mit ihren halbnackten Kindern nun hier in

dem verfallenen Stalle liegt, vor dem ich Wache halte. -- Ich muß mich

doch einmal nach der armen Frau und dem kranken Kinde umschauen! sagte

der Dornbusch und reckte seine Zweige, um in das zerbrochene Fenster zu

blicken.

Aber es war dunkel drinnen und der Nachtwind ächzte an den feuchten

Wänden und durch das offene Fenster.

-- Ach Gott, das arme Weib ist so gut und doch so elend! Hier in dem Stalle

sind Jammer und Zähneklappern heute die Christbescheerung. Das ist doch zu

traurig! seufzte der Dornbusch.

Und drüben in der Kirche begann die Orgel mit den feierlichen Tönen.

-- Christ ist geboren! sang die Gemeinde dazu von dem Chor und von den

Bänken. -- Christ ist geboren! rief auch der Wächter vom Thurm herab.

In der Mondnacht: Märchen · 第 5 / 7 段