schöne Ketten und Armspangen, eine mit Gold ausgeschlagene Equipage mit
vier Schimmeln, miethete sich stattliche Lakaien, die einen dreieckigen
Tressenhut auf hatten und so viel Goldschnüre auf dem Leibe trugen, daß
man die Farbe ihrer Röcke nicht unterscheiden konnte, und so fuhr sie
dann in eine große Hauptstadt, in welcher der König lebte und sehr viele
vornehme Leute wohnten.
Hier gab sie sich für eine Gräfin von altem Adel aus, kaufte sich eins
der prächtigsten Häuser, gab glänzende Bälle und Feste und sah Barone,
Grafen und Fürsten bei sich, die ihr das viele Geld verzehren halfen.
So ging das Alles gut; aber natürlich kam sie bei diesem Leben ihren
Geldsäcken bald auf den Boden. Der Reichthum jedoch hatte schon ihr Herz
so schlecht gemacht, daß sie sich vor gar keiner Missethat mehr scheute.
Um wieder frisches Geld zu heben, lockte sie sich Abends fremde Kinder ins
Haus, denen zeigte sie alle ihre schönen Sachen und gab ihnen Confect, das
mit einem Schlaftrunk gefüllt war. Wenn nun diese Kinder einschliefen,
so schnitt sie dieselben in den Finger, setzte ihnen einen Augenblick den
Däumling auf, den sie dann sorgfältig wieder verschloß, und das Blut der
Kinder wurde zu lauter Goldstücken. Viele arme Kinder hatte sie nun schon
ums Leben gebracht wie die kleine Meta.
Endlich war wieder einmal ihr Geld erschöpft. Mehre Tage schaute sie aus,
ob sie nicht einige Kinder in der Nähe sehen könne; aber es ließ sich
kein solches blicken, denn in der Stadt ging das Gespräch, man habe schon
mehrmals kleine Kinder in dieses Haus gehen, aber nie wieder herauskommen
sehen, deshalb hüteten alle Eltern ihre Kinder vor der Nähe dieses
Hauses. Allerdings sagten die Leute dies einander nicht laut, denn behüte,
wer konnte es wohl wagen, einer so reichen und mächtigen Dame so etwas
laut nachzusagen; aber was sich die Leute nicht laut erzählten, das
erzählten sie sich doch leise und auch die Eltern der armen, umgebrachten
Kinder wagten es nicht, eine so hohe Dame öffentlich zu beschuldigen.
Genug: es kam kein Kind mehr in die Nähe der Alten. In ihrer Verzweiflung
machte sie daher eines Nachts kurzen Proceß, schnitt sich selbst in den
Finger, setzte den Däumling auf, nahm ihn wieder ab und hörte zu ihrer
Freude alsbald die doppelten Goldstücke klappern.
Als sie nun glaubte, es seien ihrer vorläufig genug, setzte sie den
Däumling wieder auf. Da aber bekam sie einen erschrecklichen Schmerz in
die Hand; es brannte ihr in allen Fingern, als sitze lebendiges Feuer
darin und dieser Schmerz zuckte ihr durch alle Glieder. Eilig lief sie zum
Waschbecken und steckte die Hand hinein, um den Schmerz zu kühlen; aber
Alles half nichts; der Schmerz wurde ärger und ärger.
Sie warf den Däumling wüthend in die Ecke, der aber fing an zu lachen
und rief: Etsch! Siehst Du, Alte, jetzt hast Du Dich selbst angeführt; du
mußt sterben!
Da erinnerte sich die Alte der Worte, welche ihr Meta gesagt hatte,
nämlich: daß die Wunde nie wieder heile, wenn man den Däumling einmal
vom Finger genommen.
Eine entsetzliche Angst überfiel sie; alle ihre Diener mußten zusammen
kommen und noch in der Nacht zu den Aerzten laufen. Diese kamen auch, wohl
zwanzig an der Zahl. Einer von ihnen war immer klüger als der andre,
und wollte noch ein besseres Mittel wissen; indeß die Wunde ward immer
schlimmer, der Schmerz immer ärger, trotz all den Aerzten, Professoren und
Medicinalräthen der Welt, die sie zusammen holen ließ, und ehe der zehnte
Tag verstrichen, war der kalte Brand dazu gekommen; die Hand wurde ihr
abgenommen, aber da schlug der Brand in ihren Arm und als der zwölfte Tag
gekommen war, starb sie unter den schrecklichsten Schmerzen.
Kaum war sie nun todt, da stellten sich wohl ein Dutzend vornehmer Personen
ein, mit denen sie näheren Umgang gehabt und die sie bei ihren Lebzeiten
für ihre Verwandten ausgegeben hatte. Diese erklärten, sie seien die
Erben der seligen Gräfin und wollten sich in ihren schönen Palast, in die
glänzenden Möbeln, Equipagen, Pferde etc. theilen.
Als nun aber diese Theilung gerichtlich vor sich gehen sollte und die
Richter und die Erben in dem großen Saale versammelt waren, saß der
kleine Däumling, der nun wieder seine Freiheit hatte, in einem Blumentopf
versteckt auf dem Fenster und rief immer: »Sie war ja gar keine Gräfin,
und Ihr seid auch gar nicht ihre Erben; aber ich weiß Eine, die ihre
rechte Erbin ist, und die kann jeden Tag hier sein!«
Die Richter und die falschen Erben horchten hoch auf, wußten jedoch nicht,
woher die Stimme kam, und setzten ihr Geschäft ruhig fort; der Däumling
aber saß immer in seinem Versteck und wiederholte seine Worte alle Tage.
Am letzten Tage nun, als die Theilung zu Ende gehen sollte, rief er: »Ihr
seid Alle falsche Erben; die einzige rechte Erbin ist eben vor das Haus
gefahren und kann jeden Augenblick hier sein!«
Und wieder horchten die Richter und die Erben hoch auf. Da öffnete sich
die Thür und ein wunderschönes Mädchen in einem von Gold und Silber
gewirkten Kleide trat ein; sie war so überaus schön, daß es sich gar
nicht beschreiben läßt, aber bleich war sie, sehr bleich, und wir wissen
auch, warum sie so bleich, denn sie war ja die schöne Meta, die von den
Däumlingen hergeschickt worden, um die Erbschaft ihrer Stiefmutter in
Empfang zu nehmen.
Meta faßte sich ein Herz und erklärte den Richtern und den falschen
Erben, daß _sie_ die rechte Erbin, nämlich die Stieftochter der
Verstorbenen sei; dieser Reichthum gehöre _ihr_, da er aus _ihrem_
Herzblut gekommen sei, und ihn in Empfang zu nehmen, sei sie erschienen.
Gleichzeitig erzählte sie ihnen auch, wer die Todte eigentlich gewesen und
wie sich Alles zugetragen habe.
Aber die Richter schüttelten ungläubig den Kopf, und die falschen Erben
erklärten sie für eine Lügnerin und Betrügerin und verlangten sogar von
den Richtern, sie solle als eine solche eingesperrt werden.
Die Richter hingegen erklärten, das könnten sie nicht verantworten, wenn
aber Meta wirklich die Stieftochter der Verstorbenen sei, so solle sie dies
durch Zeugen beweisen.
Die Erben bestanden jedoch auf ihrem Willen und da sie lauter vornehme
Leute waren, so gaben die Richter ihnen endlich nach, und die arme Meta
wurde in ein Gefängniß geführt, wo man ihr sagte: sie habe nun vier
Wochen Frist, ihre Rechte durch glaubwürdige Zeugen zu beweisen, wenn sie
das aber nicht könne, so werde sie als eine Betrügerin zu schwerer Strafe
verurtheilt werden. Damit schlossen sie die Gefängnißthür und Meta war
allein.
Da hatte sich nun die gute Meta eine schöne Suppe eingebrockt! Sie fühlte
sich so unglücklich, so verlassen, und wie sollte sie wohl der Strafe
entgehen, da sie ja keine Zeugen aufbringen konnte!
Plötzlich hörte sie leise an's Fenster klopfen; sie öffnete und siehe
da: die sechs Däumlinge, welche sie in einem stattlichen Wagen bis zu
dieser Stadt geführt hatten, stiegen durch das Fenster herein.
-- Ich wußte ja, daß Ihr mich nicht verlassen würdet! rief Meta erfreut
und trocknete ihre Thränen.
Die Däumlinge aber meinten, das sei eine böse Geschichte, aus der sie
Meta mit allen Ehren herausziehen müßten, denn eine solche Wendung der
Dinge hätten sie nicht erwartet.
Nun hielten sie einen Rath und noch an demselben Tage wurde ein Bote nach
dem Dorfe geschickt, in welchem Meta früher gelebt hatte. Dieses Dorf aber
war so weit, daß der Bote erst in drei Wochen frühestens wieder zurück
sein konnte. Meta mußte sich daher in Geduld fassen; die Däumlinge thaten
alles Mögliche, ihr die Gefangenschaft zu erleichtern, und die Richter
gestatteten ihr, alle Tage zwei Stunden in dem Hofe des Gefängnisses
spazieren zu gehen.
Bei solchen Gelegenheiten wurde sie nun von Manchen gesehen und alsbald
verbreitete sich der Ruf von ihrer wunderbaren Schönheit in der ganzen
Hauptstadt.
Auch der einzige Sohn des Königs, der Kronprinz, hörte davon und war
neugierig, die seltene Schönheit zu sehen. Er ließ sich daher eines Tages
in das Gefängniß und an ein Fenster führen, von welchem aus er Meta
im Hofe sehen konnte. Lange schaute er sie an; dann aber wandte er sich
plötzlich vom Fenster, trat mit seinem Begleiter vor die Thür, stieg
in den Wagen und fuhr davon. Wahrscheinlich mochte ihm Meta doch nicht so
schön erschienen sein, wie er sie dem Gerüchte nach erwartet hatte.
Eine Woche verstrich, zwei, drei und vier Wochen verstrichen. Da kam der
lange erwartete Bote am Tage vor Ablauf der Frist zurück; aber Zeugen
brachte er nicht mit, denn im Dorfe hatten ihm Alle gesagt, die kleine Meta
sei schon vor sechs Jahren gestorben.
Meta weinte wieder und rang in ihrem Gefängniß verzweifelt ihre Hände;
die Däumlinge aber suchten sie zu trösten und sagten ihr: sie solle sich
nur ruhig von den Richtern verurtheilen lassen, denn wenn sie auch in einen
Kerker von Eisen und Granit geworfen würde, so wollten sie Meta dennoch
befreien, das sei für sie gar kein Kunststück.
Und der Morgen kam, an welchem Meta als eine Betrügerin vor die Richter
geführt und verurtheilt werden sollte. Meta weinte wiederum bitterlich,
die Däumlinge aber warfen sich ins Geheim lächelnde Blicke zu und sagten
ihr, sie solle nur ganz unbesorgt sein, denn es sei nicht Alles so schlimm,
wie es aussehe. Meta aber wäre so gern bei den Menschen geblieben, denn
wenn es ihr bei den Däumlingen auch sehr wohl erging, so liebte sie doch
die freie Natur und die Sonne und die Sterne so sehr, die sie unter der
Erde sechs Jahre lang nicht hatte sehen können.
Da hörte sie einen Wagen vorfahren.
-- Jetzt holt man mich! rief sie erschreckt.
-- Ja, antworteten die Däumlinge, innerlich lachend; man holt Dich, aber
es ist doch nicht Alles so schlimm, wie es aussieht.
Die Thür ging auf. Meta barg ängstlich das Gesicht in den Händen. Aber
anstatt der Richter oder der Gefängnißknechte trat, von vier Hofherren
mit Orden auf der Brust begleitet, der Kronprinz herein. Der ging auf Meta
zu, nahm ihre Hand und sagte zu ihr: er habe sie neulich im Gefängnißhofe
gesehen und seiner Mutter, der Königin, von ihr gesagt. Diese sei nun
willens, sie zu ihrer Hofdame zu machen, und habe ihm den Auftrag gegeben,
sie abzuholen. Sie solle also mit ihm kommen, sein Wagen stehe vor der
Thür.
Gleichzeitig hängte ihr einer der Hofherren einen kostbaren Mantel von
Hermelin und dunkelrothem Sammet um und der Kronprinz führte die schöne
Meta hinab in den Wagen, wo er neben ihr Platz nahm.
Nach einigen Minuten hielten sie vor einem Palast, der war mit Blumen
und Kränzen ausgeschmückt, zahllose Herren und Damen, alle wunderschön
geputzt, hatten sich versammelt. Der Kronprinz aber führte Meta zu einem
Thron, auf welchem sein Vater und seine Mutter saßen; diese umarmten und
küßten Meta und nannten sie _ihre Tochter_.
Jetzt wußte die verwirrte Meta endlich, woran sie war, denn ehe sie sich
dessen versah, wurde Hochzeit gehalten und sie war die Frau des schönen
Kronprinzen.
So wurde die kleine Meta Kronprinzessin und nach einigen Jahren eine große
und glückliche Königin. Bleich aber ist sie immer geblieben -- das kam
daher, weil sie sich als Kind in den Finger geschnitten; hätte sie das
nicht gethan, so wäre allerdings nicht geschehen, was ich hier erzählt,
aber da dieses nicht alle Tage passirt und es überhaupt noch nicht
erwiesen, ob diese Geschichte wahr ist, so nehme man lieber seine Finger in
Acht, das ist das Sicherste.
Warum der Storch immer so geht.
Auf einem spitzen Felsen im Steyrischen Hochgebirge horstete ein Adler mit
seiner Frau und einer einzigen Tochter, die seine größte Freude war.
Das Adlerfräulein war auch schon in dem Alter, daß sie recht gut
heirathen konnte, und das hätte sie auch sicherlich gethan, wenn in der
ganzen Umgegend noch eine zweite Adlerfamilie gewesen wäre. Aber die war
nicht da.
Diesen Umstand benutzten nun der junge Storch, der unten im Bauernhofe ein
eignes Nest hatte, und der Sohn einer Eulenfamilie, welche in dem alten
verfallenen Kloster ganz in der Nähe wohnte. Beide suchten sich dem
Adlerfräulein angenehm zu machen und wollten sie gern heirathen.
Eines Tages also putzte sich der Storch die Federn sehr fein, polirte sich
den Schnabel und die Beine, daß sie glänzten wie Karfunkelstein, und flog
dann zum Adler hinauf. Der saß gerade mit seiner Tochter und speiste einen
Rehbraten zu Abend. Storch mußte an der Mahlzeit Theil nehmen, und als
sie gegessen und sich die Schnäbel mit der Serviette gewischt hatten,
da meinte der Storch, daß es nun wohl die beste Zeit sei, die Werbung
anzubringen. Er faßte sich also ein Herz und hielt bei dem Adlervater um
die Hand seiner Tochter an.
Der Vater rollte seine großen Augen sehr und sagte, das komme ihm ganz
unerwartet und wie schmeichelhaft ihm auch diese Werbung sei, so müsse er
doch den Storch auf Verschiedenes aufmerksam machen, womit seine Tochter
gewiß ganz einverstanden sei.
Erstens, meinte er, werde es dem jungen Herrn Storch wohl bekannt sein,
daß die Familie der Adler, wie schon der Name andeute, vom ältesten
und reinsten Adel sei; die Adler seien alle _adlich_ und ihr Urvater sei
bekanntlich noch mehre Tage vor Adam erschaffen worden, wohingegen die
Störche nur bürgerlicher Herkunft seien und ja auch stets bei den Bauern
wohnten. Indeß, sagte er weiter, er sei nicht stolz und wolle also von
diesem Punkte ganz absehen. Aber ein Vater müsse immer auf Anstand halten
und deshalb könne er es nicht zugeben, daß seine Tochter einen Mann
mit so langen nackten Beinen heirathe, mit denen er sich ja in keiner
Gesellschaft von gutem Ton sehen lassen dürfe. Er als Vater müsse sich
also gegen diese Heirath erklären und sei überzeugt, daß seine Tochter
ihm hierin beipflichte, denn er habe sie stets nach den Grundsätzen des
feinsten Anstandes erzogen.
Dabei warf der Vater einen Blick auf seine Tochter; diese machte ein sehr
sprödes, zimperliches Gesicht und sagte: »ja, lieber Vater, Du hast ganz
Recht!«
Man kann sich denken, wie dem armen Storch zu Muthe war, als er diesen Korb
bekam.
Aber der Vater fuhr fort:
-- Da hat sich auch schon der Sohn der Frau Eule hier in der Nachbarschaft
gemeldet und ich muß sagen, daß mir der junge Herr Eule recht sehr
gefällt, denn er hat Geschmack und trägt namentlich seine Beinkleider
nach der neuesten Mode bis über die Füße. Aber wie sehr erwünscht es
mir auch wäre, meine Tochter mit einem geistlichen Herrn zu vermählen
(denn seine Familie wohnt schon seit Menschengedenken in der Abtei hier
nebenan) so hat er doch einen großen Fehler: er ist nicht solide genug, er
hat zu viel noble Passionen, verschläft den ganzen Tag und schwärmt
die ganze Nacht umher. Aus diesem Grunde kann ich auch ihm meine einzige
Tochter nicht geben!
Während der Vater noch sprach, kam gerade der junge Herr Eule aus seiner
Wohnung, setzte sich auf das Dach des Klosters, gähnte und schaute umher,
ob denn die langweilige Sonne _noch_ nicht untergegangen sei. Man sah es
dem Nachtschwärmer an, daß er soeben erst aufgestanden war.
Storch musterte prüfend von weitem den Anzug des Herrn Eule, dem die
Federn so hübsch bis tief auf die Fußspitzen gewachsen waren, betrachtete
dann seine eigenen dünnen Beine und mußte gestehen, daß ihm jener Anzug
wohl gefalle. Wenn _der_ also nobel und in der Mode sei, meinte er, so
wäre es ihm ein Leichtes, sich auch Beinkleider anzuschaffen.
Der Adlervater sagte, wenn er _das_ könne, so lasse sich über die Sache
weiter sprechen, und Storch erklärte, er werde morgen früh pünktlich
um 10 Uhr unten auf der Wiese in seinem neuen Anzuge spazieren gehen,
der Adler und seine Tochter sollten nur von ihrem Horst aus hinabsehen, so
würden sie ihn bemerken.
So weit war man einig und der Storch empfahl sich mit einem tiefen
Bückling, wie er ihn gewöhnlich macht.
Noch an demselben Abend traf der Storch den Bauern, als er vom Felde kam.
Er ging auf ihn zu und fragte ihn, ob er ihm nicht ein paar Beinkleider
borgen könne.
-- Hoho!? Was willst _Du_ denn mit Beinkleidern? rief der Bauer und
erklärte ihm, für so dünne Beine habe er keine Beinkleider. Indeß ließ
er sich doch überreden, ging in das Haus, brachte dem Storch eine weite
Pluderhose und sagte ihm, er solle mit derselben ja nicht nach seiner
Gewohnheit in den Sumpf gehen, damit sie nicht schmutzig werde, denn sie
gehöre seinem Sohn.
Storch flog mit dem Beinkleid in sein Nest, probirte das Ding hier an und
meinte, es werde schon gehen, man müsse sich ja an Alles erst gewöhnen.
Am andern Morgen saßen der Adler und seine Tochter auf dem Rande des
Felsens und schauten neugierig aus, ob der Storch noch nicht auf der Wiese
zu sehen sei. Und richtig, da kam er angewackelt!
Aber, meines Lebens, wie sah der Storch aus! Er hatte so weite Hosen an,
als hätte er einen ganzen Sack mit Aepfeln darin stecken, und hob dabei
die Beine so hoch und machte so lange Schritte, daß der Adler und seine
Tochter sich vor Lachen nicht zu bergen wußten.
Der Storch war aber auch in einer jämmerlichen Lage! Er hatte es sich so
schön gedacht, Hosen zu tragen, und was geschah? Kaum kam er auf der
Wiese daher spaziert, als sämmtliche Frösche und Kröten laut zu lachen
anfingen. Sie hüpften ihm nach und damit er sie nicht kriegen könne,
sprangen sie ihm von unten in seine weiten Pluderhosen und in die Taschen
hinein, machten sich da über ihn lustig und riefen:
»Etsch, etsch, Klappermann,
Quak, quak, hat Hosen an!«
So ging es immerfort und um ihn her stimmten alle Frösche auf der Wiese
mit ein, daß dem armen Storch ganz übel und schlimm dabei wurde. Aber er
sah, daß der Adler und seine Tochter oben saßen, und dachte: »blamiren
darfst Du Dich nicht; Du mußt wenigstens Deine Ehre retten!«
Deshalb machte er immer höhere Schritte, um die garstigen Frösche
herauszuschütteln. Die aber tanzten um seine nackten Beine und riefen
immerfort: »quak, quak, hat Hosen an!« Daher war er denn nur froh, daß
er bald die Ecke des Felsens erreichte, hinter welcher ihn der Adler nicht
sehen konnte.
Aber ehe er diese noch erreicht hatte, hörte er den Adler und seine
Tochter laut auflachen, und als hätte sie sich mit den Fröschen
verabredet, rief ihm die Tochter zu:
»Klappermann hat Hosen an!«
Das war nun allerdings sehr unartig von ihr, aber warum hatte der Storch
auch Hosen angezogen!
Dies war dem Storch denn doch zu schimpflich; er ließ alle Liebesgedanken
fahren, und kaum war er um die Ecke, als er das Beinkleid den Fröschen
preisgab und hinter dem Felsen herumflog, so daß ihn niemand bemerken
konnte.
An demselben Abend noch hatte der Storch sein Nest verlassen und war nach
dem Süden gezogen, und die Bauern meinten, nun werde es wohl bald Winter
werden, denn jetzt habe sich auch der letzte Storch auf die Reise begeben.
Seit jener Zeit aber kann der Storch gar nicht anders als so gehen.
Jeder nach seiner Weise.
Draußen in der Abendluft schwärmte ein großer Brummer, der kam an das
offene Fenster eines reichen Mannes, flog in das Zimmer und machte hier
einen Mordspectakel, wie es die Brummer zu thun pflegen. Bald summte er in
der einen, bald in der andern Ecke, bald an dieser, bald an jener Seite
und bald wieder stieß er sich den Kopf an den Fensterscheiben, der dumme
Brummer, der keine Ahnung davon hatte, daß es Glaser in der Welt gebe.
-- Summ, summ, summ! ging es im Zimmer; summ, summ! an den Fenstern; summ,
summ! in allen Ecken. Ihm war das Zimmer viel zu eng und hätt' er es sich
recht überlegt, so wäre er lieber draußen geblieben.
Plötzlich fing der Theekessel auf dem Tisch an zu singen, denn das
Kohlenbecken unter ihm machte ihm das Leben recht heiß, und der Theekessel
meinte, der wilde Brummer sei doch ein recht glückliches Thier, der habe
Flügel und könne fliegen, wohin er wolle.
-- Simm, simm, simm! klagte der arme Theekessel, als die Abendkühle ins
Fenster drang, denn er stand wirklich auf Kohlen.
Brummer hörte den Theekessel; er setzte sich oben auf den Rand des Ofens,
von wo aus er das Zimmer übersehen konnte, und horchte, wer hier außer
ihm im Zimmer noch singen möge.
Da erblickte er den Theekessel und machte sich wieder auf den Weg.
-- Summ, summ, summ ... supp! Da saß er auf der Tischdecke und glotzte den
Theekessel groß an.
-- Was machst Du denn da für eine dumme Musik? sagte er zu dem Theekessel,
nachdem er sich einige Male unwillig mit den Vorderfüßen über den dicken
Kopf gefahren war.
-- Simm, simm, simm! sang der Theekessel, denn ihm war ja so heiß.
-- Das ist gar nichts gesagt! fuhr der Brummer fort; wenn Du Dir
einbildest, Du könntest singen, so thust Du mir wirklich sehr leid.
-- Ich _muß_ ja singen, wenn ich heiß werde, antwortete der Theekessel;
das ist so meine Gewohnheit... Simm, simm! sang der Theekessel.
-- Du _mußt_ singen? Wo liegt denn die Nothwendigkeit, wenn _ich_
hier schon singe? Ich gehöre zu den Singvögeln, sagte der Brummer und
spazierte näher, als wäre er ein ganzer Polizeimeister.
-- Laß mich in Ruhe! rief der Theekessel.
-- Willst Du zugeben, daß ich besser singen kann als Du? fragte der
Brummer.
-- Jeder nach seiner Weise! antwortete der Theekessel; wenn es darauf
ankommt, singe ich doch höher als Du.
-- Das ist nicht wahr, Du einfältiger Theekessel! Gieb nur Acht, ich will
es Dir beweisen!
Damit flog der Brummer auf, wirthschaftete im Zimmer hin und her und sang
so hoch er konnte; aber es war doch immer nur die alte Tonart.
-- Nun, was sagst Du jetzt? fragte er, sich wieder auf den Tisch setzend.
-- Ich will nicht mit Dir streiten, aber ich kann doch höher singen; das
ist so meine Natur... Simm, simm, simm! rief der Theekessel und sang die
höchsten Töne, denn je heißer ihm ward, desto höher mußte er singen.
-- Oho! So hoch kann ich auch! Was ist wohl die Natur gegen die Kunst! rief
der Brummer.
Und abermals flog er auf, aber es ging doch immer nur summ, summ! Der gute
Brummer sang einen erschrecklichen Baß. Der Theekessel jedoch stimmte noch
höher mit ein und ließ dabei aus dem kleinen Loch in seinem Deckel den
Dampf in die Höhe steigen.
Brummer sah wohl ein, daß er nicht so hoch kommen könne, aber er wollte
es doch nicht zugestehen.
-- Laß uns noch einmal von vorn anfangen, sagte er; ich werde anstimmen!
Und wieder flog er auf und machte summ, summ, und der Theekessel ließ
seinen Dampf aufsteigen und machte simm, simm! noch einmal so hoch als
vorhin.
Das war dem Brummer doch zu toll; in seinem Aerger umkreiste er den
Theekessel.
-- Komm mir um Gotteswillen nicht zu nahe, denn ich bin sehr heiß! warnte
ihn der Theekessel.
Brummer aber war zu böse; er glaubte nicht anders, als daß der Theekessel
aus dem kleinen Loch singe durch welches er den Dampf aufsteigen ließ, und
umschwärmte dieses immer enger.
-- Bleib mir vom Leibe! rief der Theekessel. Brummer aber besaß einen
entsetzlichen Künstlerneid und ließ sich nicht warnen.
-- Summ, summ, summ ... supp! Da saß er auf dem kleinen Loch, durch
welches der heiße Dampf ausströmte, und im nächsten Augenblick lag er
todt auf der Tischdecke.
-- Simm, simm! Ich kann nicht dafür. Jeder nach seiner Weise! sagte der
Theekessel.
Brummer aber lag auf dem Rücken und streckte die Beine von sich. Da liegt
er noch.
Lebenslauf der Scheere.
Eine kleine Scheere lag am Fenster einer jungen Gräfin und ließ sich von
der schönen Morgensonne bescheinen. Sie war sehr hübsch und hatte ein
paar Ringe vom feinsten Elfenbein.
-- Nein, wie schön ich doch bin! rief sie aus, wenn ein Sonnenstrahl recht
hell auf sie schien, daß es durch die ganze Stube blitzte. Man sollte
glauben, ich sei von purem Gold!... Aber was sage ich! Stahl ist ja noch
viel edler als Gold, denn so wie ich blitzt kein Gold auf der ganzen
Welt!... Aber ich bin auch eine sehr vornehme Scheere, und ich kann wohl
sagen, daß meine Freundin, die junge Gräfin, recht viel von mir hält!
Während sie so da lag, kam die Stubenmagd herein. Sie sah die schöne
Scheere, auf welche sie schon längst ein Auge geworfen hatte, blickte
vorsichtig im Zimmer umher, um sich zu überzeugen, ob sie auch allein sei,
nahm die Scheere und steckte sie in die Schürzentasche. Weg war sie!
-- Willst Du mich wohl wieder hinlegen! rief die Scheere. Ich werde Dir
doch nichts nutzen können, denn ich bin es gar nicht gewohnt, mit so
groben Händen umzugehen; ich breche sogleich entzwei, wenn mich ein andrer
als meine Freundin, die Gräfin, anfaßt.