ein armes Weib auf den Knien und betete. Heiße Thränen rannen über ihre
Wangen, krampfhaft hatte sie die Hände gefaltet, starr heftete sie das
Auge auf das Stroh, das sich in der alten steinernen Krippe befand, denn
in dieser Krippe lag ihr Jüngstgebornes, ein halbjähriges krankes Kind,
zitternd von Fieberfrost und Kälte.
Der Mond schien durch die Fensteröffnung auf diese Gruppe, mitleidig
fielen seine Strahlen auf das kranke Kind; aber sie konnten es nicht
wärmen und die Mutterbrust vermochte dies auch nicht mehr, denn sie war ja
selbst so eisig. Und durch die Spalten des morschen Daches, dessen Lücken
der Schnee deckte, fielen zu Hunderttausenden die kleinen glitzernden
Schneesternchen herab und spielten in den Mondstrahlen. Aber auch sie
leuchteten und wärmten doch nicht.
-- Heiland der Erde, der Du in dieser Nacht geboren wardst, der Du lebtest
und starbst für uns Alle, der Du heute in einer Krippe lagest wie dieses
arme, hülflose Geschöpf, rette, o rette mein krankes Kind! -- So betete
das unglückliche Weib, und die kalten Händchen des Kindes streckten sich
jammernd nach der Mutter aus. _Ihre_ Kraft aber war gebrochen, ermattet
ließ sie die Stirn auf den eisigen Rand der Steinkrippe sinken, ihr Auge
schloß sich, ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Tage und Nächte
hindurch hatte sie gewacht, Tage und Nächte des tiefsten Elends hatte
sie verlebt; jetzt aber brach sie zusammen und der Schlummer erbarmte sich
ihres Jammers.
-- Du armes Weib, wo ist Dein Gatte? Du armes Kind, wo ist Dein Vater?
sagte mitleidig der Dornbusch draußen, in's Fenster schauend.
Ja, wo war der Gatte, wo war der Vater? -- Der wilde Steffen, wie man
ihn im Dorfe nannte, war, wie gesagt, gestern Abend mit Weib und Kind
aus seiner Hütte gejagt worden; er hatte bei seinen Nachbarn ein Obdach
gesucht, die aber hatten von ihm nichts wissen wollen, denn sie fürchteten
sich vor dem gottlosen Steffen, der nie gut gethan, wie sie sagten. Und so
war er denn mit den Seinen in das verlassene Stallgemäuer gezogen. --
Am Morgen aber war er racheschnaubend fortgeeilt und vergebens hatte sein
Weib, ein Unglück befürchtend, ihn zurückzuhalten gesucht. --
Wo war der wilde Steffen? -- Die Glocken läuteten, die Orgel tönte, die
Gemeinde sang fromme Lithurgien in der Kirche und der brave Pfarrer stand
auf der Kanzel und predigte, der Heiland sei geboren.
Droben in dem alten Schlosse aber in einem großen, unheimlichen
Gemache saß neben dem längst erloschenen Kamin ein Mann mit finstern,
abstoßenden Gesichtszügen. Es war der Schloßherr, ein hartherziger Mann,
den man fürchtete, so weit seine Grenzen reichten. Das Licht vor ihm auf
dem Tische war tief herabgebrannt; sein Antlitz war starr und regungslos,
sein Auge geschlossen. Es schien, als schlafe er, aber er war so
entsetzlich bleich.
Und während nun unten in den Hofgebäuden die Dienerschaft sich den
Christbaum schmückte, schlich ein Mann die Treppe hinauf und durch den
finstern Corridor. Leise öffnete er die Thür des großen Gemaches, leise
trat er herein und neben den Sessel, in welchem der Gutsherr schlummerte.
Das Auge des Fremden leuchtete in wilder Gluth, ein Hohnlachen entstellte
seine verwitterten Züge. _Einen_ Blick that er scheu im Zimmer umher.
Ein Messer glänzte hoch in seiner Rechten, die Linke packte die Hand des
schlafenden Gutsherrn. Das Messer zuckte -- --
-- Christ ist geboren! sang man in der Kirche drüben.
Der wilde Steffen fuhr entsetzt zurück, die Hand des Gutsherrn war eisig
kalt; er hatte eine Leiche gefaßt.
-- Christ ist geboren! rief auch der Thürmer herab, denn die Predigt war
zu Ende und die Gemeinde eilte nach Hause.
Das Messer entsank Steffens Hand; noch einmal starrte er die Leiche an;
es war ihm, als schlage sie strafend das kalte Auge auf. Sein Antlitz mit
beiden Händen verhüllend, stürzte Steffen fort. Niemand hatte ihn in
das Haus schleichen sehen, Niemand sah ihn jetzt vor dem verödeten Stalle
verweilen und durch das Fenster starren -- Niemand außer dem Dornbusch.
Fürchterlich bleich schaute Steffen in das Innere des Stalles; dort sah
er sein Weib knien, ebenso regungslos wie die Leiche dort oben im Schlosse,
nur schöner, und mild und rein wie die Unschuld, das Kind in der Krippe.
Da rannte Steffen fort, sich selbst unbewußt stürzte er durch die offne
Kirchthür und sank ohnmächtig an den Stufen des Altares nieder.
Der Pfarrer aber ging soeben nach Hause, um den Seinigen die
Christbescheerung zu bereiten. Er kam an dem Dornbusch vorüber und sah
zwei kleine Knaben unter demselben im Schnee sitzen. Sie froren und bargen
ihre rothen Händchen in den Lumpen.
-- Nimm sie mit Dir! sagte der Dornbusch zum Pfarrer, es sind die Kinder
des wilden Steffen; sie wagen sich nicht hinein aus Furcht, daß der Vater
sie schlage, wenn sie mit leeren Händen nach Hause kommen! -- Nimm sie mit
Dir, denn _ich_ kann sie nicht erwärmen; ich bin ja selber arm und nackt!
Wir wissen nicht, war es der Dornbusch oder das Herz des Pfarrers, das also
sprach; er aber nahm die Kinder mit sich in sein Haus.
-- So; nun habe ich doch _eine_ Sorge weniger! sagte der Dornbusch zu sich
selbst. Jetzt zünden sie hier -- und da -- und dort schon den Christbaum
an! Wie schade, daß ich dort nicht unter den Fenstern stehe, denn hier in
dem öden Stalle wird's nichts zu sehen geben.
Aber der Dornbusch irrte, denn das Innere des Stalles erhellte sich alsbald
mit tausendfachem Licht. Noch immer kniete das arme Weib mit geschlossenen
Augen da, aber das kranke Kind es wachte und streckte lächelnd seine
kleinen Arme aus; denn das Dach öffnete sich und herabschwebten, von einer
Lichtwolke umgeben, zwei wunderliebliche Engel, von denen der Eine einen
kleinen Christbaum mit unzähligen Lichtern, der Andre aber köstliche
Geschenke trug. Und es ward warm in dem Stall und das Licht warf einen
solchen Schein über die Straße, daß der Dornbusch sich verwunderte.
-- Es ist doch keine Hütte so schlecht, wo heute nicht Christus wäre!
sagte er.
Die Engel aber schwebten herab und während der Eine den Christbaum
bescheerte, trat der Andre zu dem kranken Kinde und legte heilend seine
Hand auf dessen Brust. Dann schwebten sie wieder hinauf und verschwanden;
in dem Stalle aber blieb es Licht.
Inzwischen lag der wilde Steffen auf den kalten Altarstufen. Endlich kam
er jedoch wieder zum Bewußtsein. Er hob den Kopf vom Stein; er hatte ein
wunderbares Gesicht im Traume gehabt, denn er hatte zwei liebliche Engel
gesehen, die segnend ihm zur Seite traten; und jetzt eben noch, da er
erwachte, sah er sie neben sich stehen, er fühlte, wie jeder von den
Engeln sein warmes Händchen in die seinige legte und sie ihn zur Kirche
hinausführten.
Steffen war es, als träumte er noch, als werde er im Schlafe von den
beiden kleinen Engeln vor die Kirche und zu dem Stalle geführt, in welchem
er sein armes Weib, seine jammernden Kinder wußte. Willig ließ er sich
führen; als er aber unter sein ödes Dach trat und er hier Alles warm,
licht und hell sah, als er die Christbescheerung gewahrte, da rieb er sich
die Augen, er starrte auf die Engel hinab, die ihn hierher geführt und nah
an seiner Seite standen. Steffen erkannte in ihnen seine beiden ältesten
Knaben, festlich und schön gekleidet, wie er sie nie gesehen.
Noch immer glaubte er, es sei ein Traum. Er hob die beiden Kinder in seine
Arme; er hielt und küßte sie -- -- Nein, _das_ konnte kein Traum sein!
-- Christ ist geboren! rief der Wächter vom Thurm herab.
-- Ja, ja, er ist geboren, und auch _in mir_ ist er es! rief Steffen aus
und mit den beiden Knaben im Arme stürzte er zu seinem Weibe; er umschlang
sie, drückte sie an sich und rief: Hanna, erwache! Christ ist ja geboren!
Und sie schlug die Augen auf und schaute verwundert umher.
-- Wie ist mir denn? rief sie. Bist _Du_ es wirklich, Steffen? -- -- Und
dieses Licht hier? -- Ist es denn wahr, was mir träumte? -- Zwei Engel sah
ich kommen, sie trugen einen Christbaum und schöne Geschenke, und der Eine
trat an die Krippe hier und legte heilend die Hand auf meines Kindes Brust!
-- -- Ja, ja, es ist wahr! Es lebt! jauchzte sie, nahm das lächelnde Kind
aus der Krippe und drückte es an die Brust. -- -- Es ist wahr, Steffen!
rief sie, das Kind in seine Arme legend. Der Heiland ist geboren, er hat
mir auch _mein_ Kind nicht sterben lassen!
Und während sie Alle die Christbescheerung anstaunten, trat der Pfarrer
hinter dem Christbaum hervor, denn er war es, der durch seine beiden
kleinen Töchter die Weihnachtsbescheerung gesandt, er war es, der den
wilden Steffen an den Stufen des Altars hatte hinsinken sehen, er war es,
der seine Knaben festlich gekleidet und sie zu dem Vater in die Kirche
geführt hatte.
-- Christ ist geboren, sagte der Pfarrer, und Er will, daß er heute
auch in der kleinsten Hütte nicht fehle. Wo er aber zum _ersten_ Male
eingekehrt, das ist in _Eurem Herzen_, Steffen; wahrt ihn dort wohl, denn
Ihr wisset, es ist im Himmel mehr Freude über einen Sünder, als über
neun und neunzig Gerechte! --
Und der Dornbusch schaute noch immer ins Fenster, es rauschte vor Freuden
in seinen Aesten, und wie es der Kreuzdorn in jeder Christnacht thut,
trieben seine Zweige purpurrothe Augen, die weinten blutige Thränen in den
Schnee.
Am andern Morgen aber ging Steffen mit Weib und Kindern zur Kirche; und die
Leute des Dorfes gingen in Festkleidern an dem Dornbusch vorüber, und als
sie den Schnee unter ihm gleichsam mit rothen Perlen bestreut sahen, riefen
sie:
-- Seht nur, der Kreuzdorn hat in der Nacht rothe Blüten getragen!
-- Ja, antwortete der Kreuzdorn, denn Christ ist ja geboren! Wir Dornen,
wir wissen es, denn wir haben ihn ja im Tode gekrönt, und Ihr Menschen,
Ihr müßt es auch wissen, denn er ward ja für Euch gekreuziget.
Der Kalendermann.
Jetzt muß ich Euch schnell noch ein Neujahrsmärchen erzählen; hört also
zu:
Ihr kennt doch Alle den Kalendermann, der immer schon ein ganzes Jahr
voraus den Kalender macht und darin das Wetter bestimmt, ehe der liebe Gott
noch an dasselbe gedacht hat, welcher übrigens dem Kalender zu Liebe das
Jahr hindurch auch nicht einen einzigen Regentropfen mehr oder weniger
fallen läßt, als er für gut hält. Der Kalendermann thut den ganzen Tag
hindurch nichts Andres, als daß er Sonne, Mond und Sterne betrachtet und
aus ihnen seine Prophezeiung macht. Er wohnt ganz oben auf dem Dach eines
großen Hauses, das man die Sternwarte nennt, sein Zimmer hat Fenster rund
herum, damit er nur ja nach allen Seiten ausschauen kann, und vor dem einen
derselben steht ein riesengroßes Fernrohr, das aussieht wie jene Sorte von
Kanonen, die man Feldschlangen nennt.
An den Wänden hat er Erd- und Himmelskarten hangen, Globen, Barometer,
Thermometer, mathematische Instrumente aller Art stehen und hangen in
seinem Zimmer umher, und Gott mag wissen, was er sonst noch für curiose
Dinge um sich hat, die er zum Kalendermachen gebraucht. Auf der Nase hat
er eine große Brille sitzen, Stunden lang guckt er oft Nachts durch sein
langes Fernrohr zu den Sternen hinauf und thut, als könne er dem lieben
Herr Gott in seinen Himmel schauen; _der_ aber läßt Niemanden in seine
Geheimnisse blicken, und wenn der Kalendermann so recht andächtig zum
dunklen Horizont hinaufschaut und einen besonderen Stern ins Auge gefaßt
hat, so machen ihm die lieben Engel vor dem Schlafengehen noch einen
Streich; wuppdich! lassen sie ihm den Stern vor der Nase verschwinden und
der arme Mann kann ihn sich wieder suchen, was übrigens nicht so leicht
ist. Man nennt das eine Sternschnuppe.
Aber ich wollte Euch ja erzählen, wie es dem Kalendermann in der
Neujahrsnacht erging!
Es war gerade am Schluß eines Jahres, in welchem er, was das Wetter
anbetraf, wieder einmal recht tüchtig gelogen hatte. Wenn in seinem
Kalender schönes Wetter stand, goß der Regen vom Himmel herab; wenn er
Unwetter prophezeit hatte, war der schönste Sonnenschein, und so Alles
umgekehrt; kurz der Kalender hatte sich erschrecklich blamirt.
Es war nun also Neujahrsnacht. Der Kalendermann schlief oben in seinem
Zimmer, von seinem weiten Schlafrock umhüllt, in einem großen Lehnstuhl.
Auch in dieser Nacht hatte er Stunden lang die Sterne beobachtet, bis die
Engel sie ihm plötzlich alle vor der Nase ausgeputzt, was ihn verdrossen
hatte. Mich dünkt auch: wenn Einer das ganze Jahr hindurch Sterne guckt so
kann er sie in der Neujahrsnacht doch einmal in Ruhe lassen. --
Während nun seine Studirlampe ganz matt auf dem Tische brannte und
große Lust hatte, es wie die Sterne zu machen und auszugehen, mußte der
Kalendermann in seinem Lehnstuhl einen sehr lebhaften Traum haben, denn er
bewegte fortwährend die Arme und wackelte hin und her; dabei war ihm die
Brille von der Nase und das Käppchen von dem kahlen Schädel gefallen.
Vielleicht mochte ihm träumen, daß um's Jahr die Welt untergehe; dem
Kalendermann kann man Alles zutrauen!
Während er nun so schlafend mit dem Kopfe wackelte, thaten sich plötzlich
um ihn her die Fenster auf und durch jedes derselben stieg ein ganz
wunderlicher Geist herein. Zwei von ihnen waren ganz grün, denn sie waren
so mit Grünzeug behangen, daß man den ganzen Winter hindurch eine Ziege
damit hätte füttern können; der dritte war halb grün, halb gelb,
man hätte ihn für einen Strohmann halten können, wenn er nicht lauter
Trauben, Pfirsiche und Weintrauben im Haare gehabt hätte, die andre
vernünftige Leute viel lieber in die Speisekammer oder in den Mund
stecken, und der vierte endlich war ganz grau und weiß und sah recht
bärbeißig aus; auch blieben ihm die andern Drei immer einige Schritte vom
Leibe, wozu sie wohl ihre Gründe gehabt haben mögen.
Diese vier Geister waren nun die vier Jahreszeiten, die dem Kalendermann
ihren Neujahrsbesuch machen wollten. Aber sie mußten wohl alle Vier
nicht in den friedlichsten Absichten kommen, denn sie waren böse auf den
Kalendermann, weil er in seinem Kalender so viel dummes Zeug prophezeit
hatte, daß es von ihnen gar nicht mehr mit anzusehen war. Die Jahreszeiten
haben ja bekanntlich auch ihre Launen!
-- So, da sind wir jetzt, sagte der Griesgram, der Winter, als sie den
Kalendermann umstanden, der im Schlafe gar keine Ahnung von seinen Gästen
hatte und mit den Armen immerfort gesticulirte, als sei er allein im
Zimmer. -- Was fangen wir nun mit dem Patron an? setzte der Winter hinzu,
indem er seine mit Reif bedeckten Fausthandschuhe schüttelte.
-- Wir müssen ihm einmal einen Streich spielen, damit er Respect vor uns
bekommt! sagte der lustige Frühling.
-- Nein, wir wollen ihm lieber ganz ernstlich die Leviten lesen, damit er
uns in Zukunft nicht wieder lächerlich macht! sagte der besonnene Herbst.
-- Nein, nein, einen Streich, einen tüchtigen Possen! fiel der Sommer
ein, der ja bekanntlich immer mit dem Frühling an einem Strange zieht. --
Strafe muß sein, und deshalb sind wir ja gekommen -- -- -- Bin _ich_
so schlecht gewesen, wie Du mich gemacht hast, Du Sternegucker? rief der
Sommer, dem Kalendermann ins Gesicht schauend und ihm einen Nasenstüber
gebend.
-- Habe _ich_ alle Wiesen und Felder ertränkt, Du Ofenhocker? rief der
Frühling, dem Beispiel seines Collegen folgend.
-- Habe _ich_ so viel gehagelt und geregnet, daß die ganze Weinlese
verdorben ist, Du Wassertrinker? rief der Herbst, seine feuchten Locken
über dem Kalendermann schüttelnd, daß ihm gewiß träumte, er sitze
unter einer Dachtraufe.
-- Bin _ich_ so hart und unbarmherzig gewesen, daß die armen Vögel
aus der Luft gefallen sind, Du Unglücksprophet? fragte der Winter, den
Fausthandschuh ausziehend und ihm über die Wangen fahrend, daß den
schlafenden Kalendermann ein Schauder bis in die Fußspitzen durchlief.
Der arme Wetterprophet aber saß noch immer da und schlief; er mochte wohl
im Traume sehen, was um ihn her vorging, denn er wand sich und stöhnte in
seinem Lehnstuhl, als wäre ihm all das Unwetter des verflossenen Jahres in
die Glieder gefahren.
-- Nun laßt uns nachdenken, was für eine Strafe wir über ihn verhängen!
sagte der Frühling, und da setzten sie sich alle Vier um den armen Sünder
und hielten einen großen Rath, in welchem sie beschlossen, es solle ihm
Jeder ein Andenken zurücklassen, damit er wisse, wer bei ihm gewesen sei.
Gesagt, gethan. Der Frühling stand auf, trat zu dem Kalendermann und baute
ihm unter jede seiner Augenwölbungen ein kleines Schwalbennest; in
jedem saßen zwei ganz kleine, junge Schwalben, die piepten und schrien,
streckten ihre Hintertheile zum Nest heraus und machten ihm etwas -- nun,
Ihr wißt ja! -- gerade in seine weite Kravate.
-- So, sagte der Frühling, jetzt kannst Du in Deinen Kalender schreiben,
daß _eine_ Schwalbe noch lange keinen Frühling macht!
Und der Sommer trat zu ihm und ließ ihm eine große Gurke an seine Nase
und dichtes, grünes Spargelkraut aus den beiden Taschen seines Schlafrocks
wachsen.
-- So, sagte er. Der Sommer läßt grüßen! Da hast Du Spargel und
Gurkensallat auf einmal; laß sie Dir gut schmecken!
Und der Herbst trat zu ihm und ließ ihm eine essigsaure Weintraube an
jedes Ohr, ein paar große Astern aus seinen Westentaschen und einen
kleinen Zwetschenbaum aus jedem seiner neben ihm stehenden Stiefel wachsen.
-- So, sagte er; das schenkt Dir der Herbst, und wenn Dir _selbst_ die
Trauben auch sauer sind, so läßt er sie für Andre doch desto süßer
reifen!
Und auch der Winter trat zu ihm; er machte ihm eine Schlittenbahn auf
seinen glatten Schädel, setzte ihm in jede seiner Hände einen kleinen
Schneemann, zog ihm die Morgenschuhe aus und schnallte ihm dafür
Schlittschuhe an; alsdann überzog er den ganzen Boden mit einer Eisdecke,
ließ seine Waschschüssel dick voll Eis frieren und blies mit seinem
kalten Athem das Feuer im Kamin aus.
-- So, sagte er. Der Winter läßt grüßen; jetzt hast Du Gefrornes für
das ganze Jahr!... Und dann ging er zur Stubenthür und schrieb mit seinen
weißen Fingern große Schneebuchstaben an dieselbe.
Eine Minute später waren sie auf demselben Wege wieder verschwunden.
Nun dauerte es auch nicht so lange, da erwachte der Kalendermacher. Ein
Fieberfrost schüttelte ihn und zugleich ging es ihm so heiß durch die
Adern, daß er nicht wußte, ob er im Backofen oder im Eise stecke; ihn
schwitzte und fror zugleich, denn alle Jahreszeiten wirkten ja mit einem
Male auf ihn ein.
-- Herr Gott im Himmel, was ist das? rief er aufspringend. So ist mir ja
noch nie zu Muthe gewesen! Aber ebenso schnell lag er am Boden, denn er
wußte ja nicht, daß er seine Morgenschuhe nicht mehr anhatte... Wie ist
das möglich! rief er; bin ich etwa im Traum Schlittschuh gelaufen?...
Damit schleuderte er die letzteren von sich und ebenso die Schneemänner,
die ihm wie ein paar Puppen in die Hände gewachsen waren. Er faßte sich
nach den Augen, da aber fingen die jungen Schwalben an zu piepen; er griff
sich nach der Nase und faßte die große Gurke, die mit jeder Minute in
die Länge und Breite wuchs; er griff nach den Ohren und da schwollen die
schönsten Trauben; er fuhr sich mit den Händen über den Schädel, da war
die schönste Schlittenbahn; und dabei schwitzte und fror ihn noch immer
ganz entsetzlich.
In seiner Angst rannte er zum Waschbecken, um seine glühenden Hände zu
feuchten, aber das Wasser war dick zugefroren und als er das Eis anfaßte,
durchschauderte ihn wieder ein jäher Frost, so daß ihm die Zähne im
Munde klapperten. Da eilte er zum Ofen, um sich zu wärmen; aber der war
eisig kalt.
Jetzt litt es ihn nicht mehr im Zimmer; er mußte hinaus auf die Straße,
um sich Luft zu verschaffen. Aber als er seine Stiefel anziehen wollte,
lächelten ihn die schönsten kleinen Zwetschenbäume an... Ganz wild
rannte er im Zimmer umher; überall _um_ ihn war es Winter, _in_ und _an_
ihm Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugleich; der Arme hatte seinen
ganzen Kalender im Leibe.
Endlich kam er vor den Spiegel... Himmel, da erblickte er die ganze
Bescheerung, und vor Allem die große Gurke, die ihm an die Nase gewachsen
war. Entsetzt sank er in den Lehnstuhl zurück und verfiel in eine tiefe
Ohnmacht.
Am Morgen spät, als schon die Neujahrsglocken zur Kirche läuteten,
erwachte der arme Kalendermann aus seiner Betäubung. Ihn fror
erschrecklich, denn er hatte in der Nacht, als er mit dem Sternegucken
fertig gewesen, das Fenster zu schließen vergessen; der kalte Wind blies
herein und das Feuer im Kamin war längst erloschen.
Noch von dem bösen Traume zitternd, öffnete er die Augen. Nichts war
zu sehen von Allem, was er im Traum erlebt hatte; die große Gurke, die
Schlittenbahn, die Trauben, die Schneemänner, die Schwalben und die
Zwetschenbäume... Alles war verschwunden.
-- Also war es nur ein Traum... Gott sei Dank! rief der Kalendermann und
rieb sich die Augen.... Nein, und dennoch war es _kein_ Traum! setzte er,
die Stubenthür anstarrend, hinzu. Und richtig, dort an der Thür stand mit
weißen Buchstaben groß und breit geschrieben:
»_Du Narr, Du machst zwar den Kalender,_
_Doch's Wetter macht der liebe Gott!_«
Der Kalendermann sprang auf; er rieb und rieb an der Thür und verbrauchte
vergeblich zehn Wischtücher, um die häßliche Schrift fortzureiben; die
aber war nicht zu löschen und sie steht heute und diesen Tag noch da....
Ob sie 'was nutzen und der Kalendermann sich diese Lehre merken wird, das
müssen wir nun erleben.
Druck von C. E. Elbert in Leipzig.
Verlagsbericht
von
~Otto Spamer in Leipzig~.
Die nachstehenden, in den letzten Monaten erschienenen Schriften zeichnen
sich sämmtlich ebenso durch ihren innern Werth, wie tüchtige äußere
Ausstattung aus, und können sich Interessenten von dem Gesagten
durch Inansichtnahme derselben überzeugen; wozu ihnen jede renommirte
Buchhandlung des In- und Auslandes bereitwillig behülflich sein wird.
I.
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Beschäftigungen, die Thiere und ihre Lebensweisen. In Belehrungen und
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alphabetischer Reihe. -- 2. Lesebuch. -- 3. Fabelbuch. -- 4. Denk-
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Gegenwart.
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-- des Blitzableiters, -- des Luftballons, -- des Telegraphen, -- des
Telescops und Microscops, -- der Dampfmaschinen, -- der Eisenbahnen,
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Baumwollenmanufactur, -- die Daguerreotypie.
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Inhalt: Die Schifffahrt. -- Der Seecompaß und die Leuchtthürme. --
Die Dampfschifffahrt. -- Der Seeweg nach Ostindien. -- Die Entdeckung
von Amerika. -- Die Entdeckung von Oceanien. -- Die Entdeckungen am
Nord- und Südpol.
Band V. #Das Buch der Arbeit. I.#
Wanderungen durch die Werkstätten des Gewerbfleißes; in Bildern aus
den Beschäftigungen des Menschen.
Mit #85 Illustrationen# und colorirtem Titelbild.