Und der Dornbusch hatte Recht. Drinnen in dem alten verödeten Stalle lag

ein armes Weib auf den Knien und betete. Heiße Thränen rannen über ihre

Wangen, krampfhaft hatte sie die Hände gefaltet, starr heftete sie das

Auge auf das Stroh, das sich in der alten steinernen Krippe befand, denn

in dieser Krippe lag ihr Jüngstgebornes, ein halbjähriges krankes Kind,

zitternd von Fieberfrost und Kälte.

Der Mond schien durch die Fensteröffnung auf diese Gruppe, mitleidig

fielen seine Strahlen auf das kranke Kind; aber sie konnten es nicht

wärmen und die Mutterbrust vermochte dies auch nicht mehr, denn sie war ja

selbst so eisig. Und durch die Spalten des morschen Daches, dessen Lücken

der Schnee deckte, fielen zu Hunderttausenden die kleinen glitzernden

Schneesternchen herab und spielten in den Mondstrahlen. Aber auch sie

leuchteten und wärmten doch nicht.

-- Heiland der Erde, der Du in dieser Nacht geboren wardst, der Du lebtest

und starbst für uns Alle, der Du heute in einer Krippe lagest wie dieses

arme, hülflose Geschöpf, rette, o rette mein krankes Kind! -- So betete

das unglückliche Weib, und die kalten Händchen des Kindes streckten sich

jammernd nach der Mutter aus. _Ihre_ Kraft aber war gebrochen, ermattet

ließ sie die Stirn auf den eisigen Rand der Steinkrippe sinken, ihr Auge

schloß sich, ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Tage und Nächte

hindurch hatte sie gewacht, Tage und Nächte des tiefsten Elends hatte

sie verlebt; jetzt aber brach sie zusammen und der Schlummer erbarmte sich

ihres Jammers.

-- Du armes Weib, wo ist Dein Gatte? Du armes Kind, wo ist Dein Vater?

sagte mitleidig der Dornbusch draußen, in's Fenster schauend.

Ja, wo war der Gatte, wo war der Vater? -- Der wilde Steffen, wie man

ihn im Dorfe nannte, war, wie gesagt, gestern Abend mit Weib und Kind

aus seiner Hütte gejagt worden; er hatte bei seinen Nachbarn ein Obdach

gesucht, die aber hatten von ihm nichts wissen wollen, denn sie fürchteten

sich vor dem gottlosen Steffen, der nie gut gethan, wie sie sagten. Und so

war er denn mit den Seinen in das verlassene Stallgemäuer gezogen. --

Am Morgen aber war er racheschnaubend fortgeeilt und vergebens hatte sein

Weib, ein Unglück befürchtend, ihn zurückzuhalten gesucht. --

Wo war der wilde Steffen? -- Die Glocken läuteten, die Orgel tönte, die

Gemeinde sang fromme Lithurgien in der Kirche und der brave Pfarrer stand

auf der Kanzel und predigte, der Heiland sei geboren.

Droben in dem alten Schlosse aber in einem großen, unheimlichen

Gemache saß neben dem längst erloschenen Kamin ein Mann mit finstern,

abstoßenden Gesichtszügen. Es war der Schloßherr, ein hartherziger Mann,

den man fürchtete, so weit seine Grenzen reichten. Das Licht vor ihm auf

dem Tische war tief herabgebrannt; sein Antlitz war starr und regungslos,

sein Auge geschlossen. Es schien, als schlafe er, aber er war so

entsetzlich bleich.

Und während nun unten in den Hofgebäuden die Dienerschaft sich den

Christbaum schmückte, schlich ein Mann die Treppe hinauf und durch den

finstern Corridor. Leise öffnete er die Thür des großen Gemaches, leise

trat er herein und neben den Sessel, in welchem der Gutsherr schlummerte.

Das Auge des Fremden leuchtete in wilder Gluth, ein Hohnlachen entstellte

seine verwitterten Züge. _Einen_ Blick that er scheu im Zimmer umher.

Ein Messer glänzte hoch in seiner Rechten, die Linke packte die Hand des

schlafenden Gutsherrn. Das Messer zuckte -- --

-- Christ ist geboren! sang man in der Kirche drüben.

Der wilde Steffen fuhr entsetzt zurück, die Hand des Gutsherrn war eisig

kalt; er hatte eine Leiche gefaßt.

-- Christ ist geboren! rief auch der Thürmer herab, denn die Predigt war

zu Ende und die Gemeinde eilte nach Hause.

Das Messer entsank Steffens Hand; noch einmal starrte er die Leiche an;

es war ihm, als schlage sie strafend das kalte Auge auf. Sein Antlitz mit

beiden Händen verhüllend, stürzte Steffen fort. Niemand hatte ihn in

das Haus schleichen sehen, Niemand sah ihn jetzt vor dem verödeten Stalle

verweilen und durch das Fenster starren -- Niemand außer dem Dornbusch.

Fürchterlich bleich schaute Steffen in das Innere des Stalles; dort sah

er sein Weib knien, ebenso regungslos wie die Leiche dort oben im Schlosse,

nur schöner, und mild und rein wie die Unschuld, das Kind in der Krippe.

Da rannte Steffen fort, sich selbst unbewußt stürzte er durch die offne

Kirchthür und sank ohnmächtig an den Stufen des Altares nieder.

Der Pfarrer aber ging soeben nach Hause, um den Seinigen die

Christbescheerung zu bereiten. Er kam an dem Dornbusch vorüber und sah

zwei kleine Knaben unter demselben im Schnee sitzen. Sie froren und bargen

ihre rothen Händchen in den Lumpen.

-- Nimm sie mit Dir! sagte der Dornbusch zum Pfarrer, es sind die Kinder

des wilden Steffen; sie wagen sich nicht hinein aus Furcht, daß der Vater

sie schlage, wenn sie mit leeren Händen nach Hause kommen! -- Nimm sie mit

Dir, denn _ich_ kann sie nicht erwärmen; ich bin ja selber arm und nackt!

Wir wissen nicht, war es der Dornbusch oder das Herz des Pfarrers, das also

sprach; er aber nahm die Kinder mit sich in sein Haus.

-- So; nun habe ich doch _eine_ Sorge weniger! sagte der Dornbusch zu sich

selbst. Jetzt zünden sie hier -- und da -- und dort schon den Christbaum

an! Wie schade, daß ich dort nicht unter den Fenstern stehe, denn hier in

dem öden Stalle wird's nichts zu sehen geben.

Aber der Dornbusch irrte, denn das Innere des Stalles erhellte sich alsbald

mit tausendfachem Licht. Noch immer kniete das arme Weib mit geschlossenen

Augen da, aber das kranke Kind es wachte und streckte lächelnd seine

kleinen Arme aus; denn das Dach öffnete sich und herabschwebten, von einer

Lichtwolke umgeben, zwei wunderliebliche Engel, von denen der Eine einen

kleinen Christbaum mit unzähligen Lichtern, der Andre aber köstliche

Geschenke trug. Und es ward warm in dem Stall und das Licht warf einen

solchen Schein über die Straße, daß der Dornbusch sich verwunderte.

-- Es ist doch keine Hütte so schlecht, wo heute nicht Christus wäre!

sagte er.

Die Engel aber schwebten herab und während der Eine den Christbaum

bescheerte, trat der Andre zu dem kranken Kinde und legte heilend seine

Hand auf dessen Brust. Dann schwebten sie wieder hinauf und verschwanden;

in dem Stalle aber blieb es Licht.

Inzwischen lag der wilde Steffen auf den kalten Altarstufen. Endlich kam

er jedoch wieder zum Bewußtsein. Er hob den Kopf vom Stein; er hatte ein

wunderbares Gesicht im Traume gehabt, denn er hatte zwei liebliche Engel

gesehen, die segnend ihm zur Seite traten; und jetzt eben noch, da er

erwachte, sah er sie neben sich stehen, er fühlte, wie jeder von den

Engeln sein warmes Händchen in die seinige legte und sie ihn zur Kirche

hinausführten.

Steffen war es, als träumte er noch, als werde er im Schlafe von den

beiden kleinen Engeln vor die Kirche und zu dem Stalle geführt, in welchem

er sein armes Weib, seine jammernden Kinder wußte. Willig ließ er sich

führen; als er aber unter sein ödes Dach trat und er hier Alles warm,

licht und hell sah, als er die Christbescheerung gewahrte, da rieb er sich

die Augen, er starrte auf die Engel hinab, die ihn hierher geführt und nah

an seiner Seite standen. Steffen erkannte in ihnen seine beiden ältesten

Knaben, festlich und schön gekleidet, wie er sie nie gesehen.

Noch immer glaubte er, es sei ein Traum. Er hob die beiden Kinder in seine

Arme; er hielt und küßte sie -- -- Nein, _das_ konnte kein Traum sein!

-- Christ ist geboren! rief der Wächter vom Thurm herab.

-- Ja, ja, er ist geboren, und auch _in mir_ ist er es! rief Steffen aus

und mit den beiden Knaben im Arme stürzte er zu seinem Weibe; er umschlang

sie, drückte sie an sich und rief: Hanna, erwache! Christ ist ja geboren!

Und sie schlug die Augen auf und schaute verwundert umher.

-- Wie ist mir denn? rief sie. Bist _Du_ es wirklich, Steffen? -- -- Und

dieses Licht hier? -- Ist es denn wahr, was mir träumte? -- Zwei Engel sah

ich kommen, sie trugen einen Christbaum und schöne Geschenke, und der Eine

trat an die Krippe hier und legte heilend die Hand auf meines Kindes Brust!

-- -- Ja, ja, es ist wahr! Es lebt! jauchzte sie, nahm das lächelnde Kind

aus der Krippe und drückte es an die Brust. -- -- Es ist wahr, Steffen!

rief sie, das Kind in seine Arme legend. Der Heiland ist geboren, er hat

mir auch _mein_ Kind nicht sterben lassen!

Und während sie Alle die Christbescheerung anstaunten, trat der Pfarrer

hinter dem Christbaum hervor, denn er war es, der durch seine beiden

kleinen Töchter die Weihnachtsbescheerung gesandt, er war es, der den

wilden Steffen an den Stufen des Altars hatte hinsinken sehen, er war es,

der seine Knaben festlich gekleidet und sie zu dem Vater in die Kirche

geführt hatte.

-- Christ ist geboren, sagte der Pfarrer, und Er will, daß er heute

auch in der kleinsten Hütte nicht fehle. Wo er aber zum _ersten_ Male

eingekehrt, das ist in _Eurem Herzen_, Steffen; wahrt ihn dort wohl, denn

Ihr wisset, es ist im Himmel mehr Freude über einen Sünder, als über

neun und neunzig Gerechte! --

Und der Dornbusch schaute noch immer ins Fenster, es rauschte vor Freuden

in seinen Aesten, und wie es der Kreuzdorn in jeder Christnacht thut,

trieben seine Zweige purpurrothe Augen, die weinten blutige Thränen in den

Schnee.

Am andern Morgen aber ging Steffen mit Weib und Kindern zur Kirche; und die

Leute des Dorfes gingen in Festkleidern an dem Dornbusch vorüber, und als

sie den Schnee unter ihm gleichsam mit rothen Perlen bestreut sahen, riefen

sie:

-- Seht nur, der Kreuzdorn hat in der Nacht rothe Blüten getragen!

-- Ja, antwortete der Kreuzdorn, denn Christ ist ja geboren! Wir Dornen,

wir wissen es, denn wir haben ihn ja im Tode gekrönt, und Ihr Menschen,

Ihr müßt es auch wissen, denn er ward ja für Euch gekreuziget.

Der Kalendermann.

Jetzt muß ich Euch schnell noch ein Neujahrsmärchen erzählen; hört also

zu:

Ihr kennt doch Alle den Kalendermann, der immer schon ein ganzes Jahr

voraus den Kalender macht und darin das Wetter bestimmt, ehe der liebe Gott

noch an dasselbe gedacht hat, welcher übrigens dem Kalender zu Liebe das

Jahr hindurch auch nicht einen einzigen Regentropfen mehr oder weniger

fallen läßt, als er für gut hält. Der Kalendermann thut den ganzen Tag

hindurch nichts Andres, als daß er Sonne, Mond und Sterne betrachtet und

aus ihnen seine Prophezeiung macht. Er wohnt ganz oben auf dem Dach eines

großen Hauses, das man die Sternwarte nennt, sein Zimmer hat Fenster rund

herum, damit er nur ja nach allen Seiten ausschauen kann, und vor dem einen

derselben steht ein riesengroßes Fernrohr, das aussieht wie jene Sorte von

Kanonen, die man Feldschlangen nennt.

An den Wänden hat er Erd- und Himmelskarten hangen, Globen, Barometer,

Thermometer, mathematische Instrumente aller Art stehen und hangen in

seinem Zimmer umher, und Gott mag wissen, was er sonst noch für curiose

Dinge um sich hat, die er zum Kalendermachen gebraucht. Auf der Nase hat

er eine große Brille sitzen, Stunden lang guckt er oft Nachts durch sein

langes Fernrohr zu den Sternen hinauf und thut, als könne er dem lieben

Herr Gott in seinen Himmel schauen; _der_ aber läßt Niemanden in seine

Geheimnisse blicken, und wenn der Kalendermann so recht andächtig zum

dunklen Horizont hinaufschaut und einen besonderen Stern ins Auge gefaßt

hat, so machen ihm die lieben Engel vor dem Schlafengehen noch einen

Streich; wuppdich! lassen sie ihm den Stern vor der Nase verschwinden und

der arme Mann kann ihn sich wieder suchen, was übrigens nicht so leicht

ist. Man nennt das eine Sternschnuppe.

Aber ich wollte Euch ja erzählen, wie es dem Kalendermann in der

Neujahrsnacht erging!

Es war gerade am Schluß eines Jahres, in welchem er, was das Wetter

anbetraf, wieder einmal recht tüchtig gelogen hatte. Wenn in seinem

Kalender schönes Wetter stand, goß der Regen vom Himmel herab; wenn er

Unwetter prophezeit hatte, war der schönste Sonnenschein, und so Alles

umgekehrt; kurz der Kalender hatte sich erschrecklich blamirt.

Es war nun also Neujahrsnacht. Der Kalendermann schlief oben in seinem

Zimmer, von seinem weiten Schlafrock umhüllt, in einem großen Lehnstuhl.

Auch in dieser Nacht hatte er Stunden lang die Sterne beobachtet, bis die

Engel sie ihm plötzlich alle vor der Nase ausgeputzt, was ihn verdrossen

hatte. Mich dünkt auch: wenn Einer das ganze Jahr hindurch Sterne guckt so

kann er sie in der Neujahrsnacht doch einmal in Ruhe lassen. --

Während nun seine Studirlampe ganz matt auf dem Tische brannte und

große Lust hatte, es wie die Sterne zu machen und auszugehen, mußte der

Kalendermann in seinem Lehnstuhl einen sehr lebhaften Traum haben, denn er

bewegte fortwährend die Arme und wackelte hin und her; dabei war ihm die

Brille von der Nase und das Käppchen von dem kahlen Schädel gefallen.

Vielleicht mochte ihm träumen, daß um's Jahr die Welt untergehe; dem

Kalendermann kann man Alles zutrauen!

Während er nun so schlafend mit dem Kopfe wackelte, thaten sich plötzlich

um ihn her die Fenster auf und durch jedes derselben stieg ein ganz

wunderlicher Geist herein. Zwei von ihnen waren ganz grün, denn sie waren

so mit Grünzeug behangen, daß man den ganzen Winter hindurch eine Ziege

damit hätte füttern können; der dritte war halb grün, halb gelb,

man hätte ihn für einen Strohmann halten können, wenn er nicht lauter

Trauben, Pfirsiche und Weintrauben im Haare gehabt hätte, die andre

vernünftige Leute viel lieber in die Speisekammer oder in den Mund

stecken, und der vierte endlich war ganz grau und weiß und sah recht

bärbeißig aus; auch blieben ihm die andern Drei immer einige Schritte vom

Leibe, wozu sie wohl ihre Gründe gehabt haben mögen.

Diese vier Geister waren nun die vier Jahreszeiten, die dem Kalendermann

ihren Neujahrsbesuch machen wollten. Aber sie mußten wohl alle Vier

nicht in den friedlichsten Absichten kommen, denn sie waren böse auf den

Kalendermann, weil er in seinem Kalender so viel dummes Zeug prophezeit

hatte, daß es von ihnen gar nicht mehr mit anzusehen war. Die Jahreszeiten

haben ja bekanntlich auch ihre Launen!

-- So, da sind wir jetzt, sagte der Griesgram, der Winter, als sie den

Kalendermann umstanden, der im Schlafe gar keine Ahnung von seinen Gästen

hatte und mit den Armen immerfort gesticulirte, als sei er allein im

Zimmer. -- Was fangen wir nun mit dem Patron an? setzte der Winter hinzu,

indem er seine mit Reif bedeckten Fausthandschuhe schüttelte.

-- Wir müssen ihm einmal einen Streich spielen, damit er Respect vor uns

bekommt! sagte der lustige Frühling.

-- Nein, wir wollen ihm lieber ganz ernstlich die Leviten lesen, damit er

uns in Zukunft nicht wieder lächerlich macht! sagte der besonnene Herbst.

-- Nein, nein, einen Streich, einen tüchtigen Possen! fiel der Sommer

ein, der ja bekanntlich immer mit dem Frühling an einem Strange zieht. --

Strafe muß sein, und deshalb sind wir ja gekommen -- -- -- Bin _ich_

so schlecht gewesen, wie Du mich gemacht hast, Du Sternegucker? rief der

Sommer, dem Kalendermann ins Gesicht schauend und ihm einen Nasenstüber

gebend.

-- Habe _ich_ alle Wiesen und Felder ertränkt, Du Ofenhocker? rief der

Frühling, dem Beispiel seines Collegen folgend.

-- Habe _ich_ so viel gehagelt und geregnet, daß die ganze Weinlese

verdorben ist, Du Wassertrinker? rief der Herbst, seine feuchten Locken

über dem Kalendermann schüttelnd, daß ihm gewiß träumte, er sitze

unter einer Dachtraufe.

-- Bin _ich_ so hart und unbarmherzig gewesen, daß die armen Vögel

aus der Luft gefallen sind, Du Unglücksprophet? fragte der Winter, den

Fausthandschuh ausziehend und ihm über die Wangen fahrend, daß den

schlafenden Kalendermann ein Schauder bis in die Fußspitzen durchlief.

Der arme Wetterprophet aber saß noch immer da und schlief; er mochte wohl

im Traume sehen, was um ihn her vorging, denn er wand sich und stöhnte in

seinem Lehnstuhl, als wäre ihm all das Unwetter des verflossenen Jahres in

die Glieder gefahren.

-- Nun laßt uns nachdenken, was für eine Strafe wir über ihn verhängen!

sagte der Frühling, und da setzten sie sich alle Vier um den armen Sünder

und hielten einen großen Rath, in welchem sie beschlossen, es solle ihm

Jeder ein Andenken zurücklassen, damit er wisse, wer bei ihm gewesen sei.

Gesagt, gethan. Der Frühling stand auf, trat zu dem Kalendermann und baute

ihm unter jede seiner Augenwölbungen ein kleines Schwalbennest; in

jedem saßen zwei ganz kleine, junge Schwalben, die piepten und schrien,

streckten ihre Hintertheile zum Nest heraus und machten ihm etwas -- nun,

Ihr wißt ja! -- gerade in seine weite Kravate.

-- So, sagte der Frühling, jetzt kannst Du in Deinen Kalender schreiben,

daß _eine_ Schwalbe noch lange keinen Frühling macht!

Und der Sommer trat zu ihm und ließ ihm eine große Gurke an seine Nase

und dichtes, grünes Spargelkraut aus den beiden Taschen seines Schlafrocks

wachsen.

-- So, sagte er. Der Sommer läßt grüßen! Da hast Du Spargel und

Gurkensallat auf einmal; laß sie Dir gut schmecken!

Und der Herbst trat zu ihm und ließ ihm eine essigsaure Weintraube an

jedes Ohr, ein paar große Astern aus seinen Westentaschen und einen

kleinen Zwetschenbaum aus jedem seiner neben ihm stehenden Stiefel wachsen.

-- So, sagte er; das schenkt Dir der Herbst, und wenn Dir _selbst_ die

Trauben auch sauer sind, so läßt er sie für Andre doch desto süßer

reifen!

Und auch der Winter trat zu ihm; er machte ihm eine Schlittenbahn auf

seinen glatten Schädel, setzte ihm in jede seiner Hände einen kleinen

Schneemann, zog ihm die Morgenschuhe aus und schnallte ihm dafür

Schlittschuhe an; alsdann überzog er den ganzen Boden mit einer Eisdecke,

ließ seine Waschschüssel dick voll Eis frieren und blies mit seinem

kalten Athem das Feuer im Kamin aus.

-- So, sagte er. Der Winter läßt grüßen; jetzt hast Du Gefrornes für

das ganze Jahr!... Und dann ging er zur Stubenthür und schrieb mit seinen

weißen Fingern große Schneebuchstaben an dieselbe.

Eine Minute später waren sie auf demselben Wege wieder verschwunden.

Nun dauerte es auch nicht so lange, da erwachte der Kalendermacher. Ein

Fieberfrost schüttelte ihn und zugleich ging es ihm so heiß durch die

Adern, daß er nicht wußte, ob er im Backofen oder im Eise stecke; ihn

schwitzte und fror zugleich, denn alle Jahreszeiten wirkten ja mit einem

Male auf ihn ein.

-- Herr Gott im Himmel, was ist das? rief er aufspringend. So ist mir ja

noch nie zu Muthe gewesen! Aber ebenso schnell lag er am Boden, denn er

wußte ja nicht, daß er seine Morgenschuhe nicht mehr anhatte... Wie ist

das möglich! rief er; bin ich etwa im Traum Schlittschuh gelaufen?...

Damit schleuderte er die letzteren von sich und ebenso die Schneemänner,

die ihm wie ein paar Puppen in die Hände gewachsen waren. Er faßte sich

nach den Augen, da aber fingen die jungen Schwalben an zu piepen; er griff

sich nach der Nase und faßte die große Gurke, die mit jeder Minute in

die Länge und Breite wuchs; er griff nach den Ohren und da schwollen die

schönsten Trauben; er fuhr sich mit den Händen über den Schädel, da war

die schönste Schlittenbahn; und dabei schwitzte und fror ihn noch immer

ganz entsetzlich.

In seiner Angst rannte er zum Waschbecken, um seine glühenden Hände zu

feuchten, aber das Wasser war dick zugefroren und als er das Eis anfaßte,

durchschauderte ihn wieder ein jäher Frost, so daß ihm die Zähne im

Munde klapperten. Da eilte er zum Ofen, um sich zu wärmen; aber der war

eisig kalt.

Jetzt litt es ihn nicht mehr im Zimmer; er mußte hinaus auf die Straße,

um sich Luft zu verschaffen. Aber als er seine Stiefel anziehen wollte,

lächelten ihn die schönsten kleinen Zwetschenbäume an... Ganz wild

rannte er im Zimmer umher; überall _um_ ihn war es Winter, _in_ und _an_

ihm Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugleich; der Arme hatte seinen

ganzen Kalender im Leibe.

Endlich kam er vor den Spiegel... Himmel, da erblickte er die ganze

Bescheerung, und vor Allem die große Gurke, die ihm an die Nase gewachsen

war. Entsetzt sank er in den Lehnstuhl zurück und verfiel in eine tiefe

Ohnmacht.

Am Morgen spät, als schon die Neujahrsglocken zur Kirche läuteten,

erwachte der arme Kalendermann aus seiner Betäubung. Ihn fror

erschrecklich, denn er hatte in der Nacht, als er mit dem Sternegucken

fertig gewesen, das Fenster zu schließen vergessen; der kalte Wind blies

herein und das Feuer im Kamin war längst erloschen.

Noch von dem bösen Traume zitternd, öffnete er die Augen. Nichts war

zu sehen von Allem, was er im Traum erlebt hatte; die große Gurke, die

Schlittenbahn, die Trauben, die Schneemänner, die Schwalben und die

Zwetschenbäume... Alles war verschwunden.

-- Also war es nur ein Traum... Gott sei Dank! rief der Kalendermann und

rieb sich die Augen.... Nein, und dennoch war es _kein_ Traum! setzte er,

die Stubenthür anstarrend, hinzu. Und richtig, dort an der Thür stand mit

weißen Buchstaben groß und breit geschrieben:

»_Du Narr, Du machst zwar den Kalender,_

_Doch's Wetter macht der liebe Gott!_«

Der Kalendermann sprang auf; er rieb und rieb an der Thür und verbrauchte

vergeblich zehn Wischtücher, um die häßliche Schrift fortzureiben; die

aber war nicht zu löschen und sie steht heute und diesen Tag noch da....

Ob sie 'was nutzen und der Kalendermann sich diese Lehre merken wird, das

müssen wir nun erleben.

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Verlagsbericht

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Wanderungen durch die Werkstätten des Gewerbfleißes; in Bildern aus

den Beschäftigungen des Menschen.

Mit #85 Illustrationen# und colorirtem Titelbild.

In der Mondnacht: Märchen · 第 6 / 7 段