Nun aber entstand in Einigen das Bedenken, daß es doch nicht geheuer sein

dürfte, so ohne Schutz durch den Rattengang zu marschiren, denn wenn sie

auch ihrer Viele waren, so konnte ja doch der Eine oder der Andere von den

Unthieren angefallen werden, denn sie hatten ja Alle so süßes Blut.

-- Vorsicht ist zu allen Dingen gut! sagte der furchtsame Schneider,

obgleich er doch mit einer großen Stopfnadel bewaffnet war; und da die

Furcht ansteckend ist, so beschlossen sie, daß der riesige Marzipan-Ritter

mit dem langen Spieß vorangehen und der schwarze Schornsteinfeger, vor dem

die Ratten gewiß Respect haben mußten, den Zug beschließen solle.

Aber der Marzipan-Ritter war nicht zu finden; überall suchten sie ihn,

bis er endlich an seinem alten Platz am untersten Zweige des Tannenbaums

entdeckt wurde.

Der arme Ritter, er konnte nicht von der Stelle, denn Bergmann, der

krummbeinige kleine Dachshund, war heute Morgen unter dem Tannenbaum hin

gelaufen, was ihm streng verboten worden, er wußte, was gut schmeckt, und

hatte im Vorbeigehen dem Ritter ein Bein abgebissen. Da mußte er nun wohl

zu Hause bleiben, denn wenn man ihn auch gern mitgenommen hätte, so konnte

er doch beim Balle nicht auf einem Beine tanzen, und dann hätten ihn

die Ratten ja auch ausgelacht, wenn er sie mit seinem einen Beine hätte

graulich machen wollen.

Aber wo in aller Welt sollte man jetzt einen Rattenvertilger hernehmen?

Amanda wußte abermals Rath. Sie ging zu der Schachtel mit Zinnsoldaten,

die neben Wilhelms großer Kanone stand, und klopfte höflich an.

-- Herein! sagte einer von den langen Gardisten in der Schachtel. Der

Deckel that sich auf und vor Amanda stand der Unterofficier in seiner

ganzen Länge da. Soldaten sind immer höflich gegen Damen, und so legte

denn der Unterofficier die Hand an seine Mütze und salutirte.

Amanda bat ihn mit einem tiefen Knix, er solle es doch ja nicht übel

nehmen, daß sie ihn so spät störe, auch wisse sie recht gut, daß sich

dies für sie als Dame überhaupt nicht wohl schicke, aber es handle sich

um die öffentliche Sicherheit, zu deren Schutze sie ja da seien. Hierauf

sagte sie ihm, daß sie eine Wasserpartie zu machen beabsichtigten und sie

ihn höflich bitten wolle, er möge doch so gütig sein, ihnen ein paar

Mann Soldaten mitzugeben; sie würde ihn gewiß nicht incommodirt haben,

aber Bergmann habe dem Ritter ein Bein abgebissen u. s. w.

-- Hm! hm! meinte der Unterofficier, sich den großen Schnurbart

streichend; das wird nicht angehen, dazu müssen wir erst die Erlaubniß

von unsrem Major haben, und der ist heute Mittag ausgeritten.

Amanda aber bat ihn doch gar zu sehr. Endlich sagte der Unterofficier, es

sei zwar gegen alle Disciplin, aber da er die Nothwendigkeit einsehe, so

wolle er die Sache auf seine eigne Kappe nehmen und ihnen sechs Soldaten

mitgeben, die er auch sogleich in Reih' und Glied aufmarschiren ließ.

So war denn Alles gut. Der Kellermeister rollte sein Weinfaß auf einen

kleinen Wagen und legte Citronen und Liqueurbonbons für die Bowle hinzu.

Amanda räumte ihre Küche aus und legte eine Terrine auf den Wagen, auch

Gläser und Teller so viele sie ihrer waren. Endlich wurden auch Biscuit,

Kuchen, Nüsse, Rosinen und Mandeln zum Dessert nicht vergessen.

Die Gesellschaft sollte nun Arm in Arm zu Zweien abmarschiren; als sie aber

an das Rattenloch kamen, fand es sich, daß dieses zu eng für Zwei war,

und sie mußten daher einen Gänsemarsch antreten.

Vorn, in der Mitte und zu Ende des Zuges gingen zwei Soldaten. Hinter den

beiden ersten kam die Musik: der Orgeldreher mit seinem Leierkasten, der

Nachtwächter mit seinem Tuthorn und der Knarre und der Postillon mit

seinem Posthorn. Herr Gott im Himmel, war das eine erschreckliche Musik!

Aber sie konnten doch nicht anders, denn sie hatten ja keine Noten!

Indeß hätten sie wenigstens alle drei eine und dieselbe Melodie spielen

können, denn der Orgeldreher leierte »o du lieber Augustin«, der

Nachtwächter tutete Feuerlärm und sang dazwischen »hört Ihr Herrn und

laßt Euch sagen« und der Postillon blies immerweg Schnengterengtengteng.

Es war eine gottlose Musik, aber es marschirte sich doch gut darnach, und

dann verscheuchte sie ja auch die Ratten, was eine sehr gute Eigenschaft an

aller Musik ist.

Also kam man unangefochten über den Hof und an den Teich, an dessen Ufer

das kleine Schiff lag, welches des Pächters Sohn immer auf dem Wasser

segeln ließ. Es waren auch hölzerne Matrosen auf demselben, die hatten

den Sylvesterabend etwas stark gefeiert und einige hatten über den Durst

getrunken und sich schon in ihren Kajüten zu Bett legen müssen. Die

andern aber brachen in ein lautes Hurrah aus, als sie die Gesellschaft

kommen sahen, sie brachten Alle aufs Schiff und zuletzt auch den Wagen mit

den Lebensmitteln. Gott sei Dank, daß der nicht vergessen wurde!

Die Matrosen hißten nun die Segel, das Schiff ging ab; die Soldaten

machten linksumschwenkt und marschirten trapp, trapp wieder durch das

Rattenloch zurück.

Nach einer Viertelstunde landete man an der Insel, lustig ging der Zug

in den Pavillon. Der Kellermeister, der auf Alles bedacht gewesen war,

zündete eine Menge Lichter an, daß es hell war wie am Tage; die Bowle

wurde bereitet und duftete süß wie reiner Maitrank. Der Kellermeister

spielte den Wirth, und da zufällig eine Marketenderin aus der

»Regimentstochter« sich unter der Gesellschaft befand, so mußte diese

die Gläser kredenzen.

Nun ging auch der Ball los. Der Nachtwächter, der Leiermann und der

Postillon kletterten auf einen Stuhl, den sie als Orchester benutzten und

schmetterten und bliesen und leierten, daß es eine Art hatte; freilich

konnte man dabei leicht aus dem Takt kommen, aber wer gern tanzt, dem ist

ja leicht gepfiffen.

Den Ball eröffnete der Tanzmeister mit einer feierlichen Polonäse und

beschloß ihn mit einem sinnreichen Cotillon.

Da war es denn Zeit geworden, wieder nach Hause zurück zu kehren. Man

bestieg das Schiff, landete glücklich und -- so viel Courage hatte ihnen

die Bowle gemacht! -- marschirte lustig ohne Soldatenbedeckung durch den

Rattengang, als spaziere man durch einen Rosensteig.

Schließlich versicherte man sich gegenseitig, daß man sich ganz

außerordentlich amusirt habe, und daß sie, wenn sie am nächsten

Sylvesterabend noch lebten und beisammen seien, wieder ein solches Fest

veranstalten wollten.

Mit diesem Versprechen begaben sich alle wieder an ihre respectiven

Plätze, nur der Kellermeister hatte des Guten zu viel gethan, er konnte

gar nicht mehr stehen und mußte unten am Fuße des Tannenbaums liegen

bleiben. Gott, wie schnarchte der dicke Kellermeister! Es war wirklich

unanständig.

Wohl hatte man sich zum nächsten Sylvesterabend wieder ein solches

Vergnügen verabredet, aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Als das

nächste Christfest kam, war Alles still im Hause; Linchen war bei den

Engeln droben und freute sich mit diesen an dem Christbaum, den ihnen

der liebe Gott bescheert, und an dem er gewiß viele tausend Sternlein

angezündet. Keiner wußte zu erzählen, wohin das Schicksal den dicken

Kellermeister, den schwarzen Schornsteinfeger und die Anderen verschlagen,

und die artigen Zinnsolden mochten längst im Kriege umgekommen sein.

Amanda saß verlassen im Glasschrank, man sah es ihr an, daß sie viel

Thränen darum geweint, daß Linchen sie nicht mit sich in den Himmel

genommen, wo es ja so schön sein muß; denn ihre Wangen waren ganz blaß

und abgehärmt, und wenn die Mutter zuweilen die bleiche Puppe anschaute,

dann weinte auch sie um das kleine Linchen, das jetzt bei den Engeln war.

Die kleine Meta.

In einem Dorfe dicht am Walde lebte eine alte Wittwe mit ihrer

Stieftochter.

Beide bewohnten ein kleines Häuschen am Ende des Dorfes an der

Waldscheide. Das Häuschen war so wunderhübsch, denn die großen Buchen

wölbten ihre grünen Zweige über das Dach und wilder Wein umrankte es

von allen Seiten. Oben in den Zweigen kletterte das Eichhorn und warf so

muthwillig die Bucheckern auf alle Vorübergehenden, namentlich auf den

dicken, wichtigen Schulzen, den es wohl nicht recht leiden konnte, und oben

in der Krone des Baumes hatte ein kleiner Blauspecht sein Nest, der lief

den ganzen Tag wie eine Maus an dem Baum auf und ab, als wenn er Wunder was

zu besorgen hätte, und pickte mit dem Schnabel in die Rinde, daß es in

dem Baum tickte wie in einem Uhrgehäuse.

Das sah nun Alles wol recht friedlich aus, aber drinnen in der Hütte

keifte die alte Stiefmutter den ganzen Tag und nichts war ihr nach Wunsch,

ja es war ihr ganz unwohl, wenn sie einmal nicht zanken konnte, und da sie

Niemanden außer der kleinen zwölfjährigen Meta bei sich hatte, so mußte

diese recht viel aushalten. War in der Nacht das Gemüse nicht gewachsen,

so war die arme Meta daran Schuld, hatten die Hühner keine Eier gelegt, so

war die arme Meta daran Schuld, war dem alten Gaul im Stalle sein Bein lahm

geworden, so war Meta daran Schuld -- kurz es gab in der ganzen weiten Welt

nichts, was die arme Meta nicht verbrochen hatte.

Aber Meta war ein artiges Kind und that Alles gern, wie ihr geheißen

wurde, das konnte ihr das ganze Dorf bezeugen, und wenn es der Stiefmutter

dennoch nicht gut genug war, so suchte sie es immer besser zu machen, bis

die Stiefmutter denn endlich wohl zufrieden sein mußte. Ebenso betete sie

jeden Abend beim Schlafengehen zum lieben Gott, daß er doch das Gemüse

wachsen, die Hühner recht viel Eier legen und dem alten Gaul seinen

Hinterfuß nicht steif werden lasse.

_Einen_ Fehler hatte die kleine Meta aber doch. Sie hatte von ihrem Pathen,

der zum Jahrmarkt gewesen war, ein kleines hübsches Federmesser geschenkt

bekommen, und mit diesem spielte und schnitzte sie trotz allen Verboten der

Stiefmutter, bis es denn das Unglück wollte, das sie sich eines Abends bis

tief auf den Knochen in den Finger schnitt.

Das war nun eine schöne Geschichte! Wenn es die böse Stiefmutter erfuhr,

so bekam sie ganz erschrecklich viel Schelte. Sie suchte daher, was sie an

Leinen finden konnte, und wickelte es um den Finger. Aber das Blut wollte

und wollte sich nicht stillen lassen, was sie auch dagegen thun mochte.

Damit nun ja kein Tröpfchen auf die Erde fallen sollte, hielt sie die

Wunde an den Mund und sog das Blut mit den Lippen auf.

Da, o weh, kam die Stiefmutter herein. Meta hielt in ihrer Angst schnell

den schlimmen Finger hinter sich und preßte ihn fest in die Hand.

-- Was hast Du denn da Rothes am Mund? fragte die Stiefmutter.

-- Ich habe im Garten Himbeeren gegessen, liebe Mutter! antwortete Meta,

ward aber dabei so roth, wie alle Himbeeren im Garten zusammen nicht waren.

-- Dahinter steckt etwas! dachte die Stiefmutter bei sich und kam näher.

-- Was ist das da auf der Erde? fragte die Stiefmutter, auf einen kleinen

Blutstropfen zeigend.

-- Das ist von der Farbe, mit der wir gestern die Blumentöpfe angestrichen

haben, antwortete Meta, und ihr Gesicht wurde wieder so roth, wie alle

Blumentöpfe zusammen nicht waren.

Nun höre nur Einer, wie die kleine Meta schon lügen konnte!

Aber die Stiefmutter ließ sich nichts weiß machen und es dauerte auch

nicht so lange, da war sie hinter die ganze Bescheerung gekommen. Nun

sagte sie der Kleinen sehr viel böse Worte: sie werde acht Tage lang

nicht arbeiten können, das dumme Federmesser solle in den Brunnen geworfen

werden u. s. w.

Was half das indeß Alles, der Finger blutete noch immer fort, alles Leinen

war umsonst, das Blut ließ sich nicht stillen.

Da lief die Stiefmutter in ihrer Angst zu der alten Nachbarin, die konnte

dicke Hälse und Backen, Geschwulste und Gott weiß, was sonst noch, an

Menschen und Thieren besprechen und galt im ganzen Dorfe für eine sehr

gelehrte Person, denn ihr Mann war Kuhhirte gewesen und hatte, während

er auf der Weide Strümpfe gestrickt, seine Tage hindurch an viele Dinge

denken können, an welche andre Leute, die nicht die Kühe hüten, zu

denken keine Zeit haben.

Also: die Nachbarin kam, besah Meta's Finger, murmelte lateinische oder

griechische oder hebräische Worte, die sie selbst nicht verstand, spuckte

(denn das darf beim Besprechen niemals vergessen werden) dreimal auf den

Finger und machte allerlei Kreuze und Zeichen und andern dummen Hocuspocus,

um das Blut zu stillen. Aber das Blut stand doch nicht still.

Als die Alte nun sah, daß ihre Kunst betteln ging, schüttelte sie den

Kopf, meinte, so etwas sei ihr doch ihre Lebtage noch nicht vorgekommen,

und begab sich sammt ihrer Sympathie unverrichteter Sache wieder nach

Hause.

Da lief die Stiefmutter in ihrer Angst zu dem Feldscherer des Dorfes, der

Morgens den Bauern die Bärte abkratzte und Nachmittags Menschen und Thiere

curirte und zur Ader ließ. Der Feldscherer kam, besah sich den Finger,

schüttelte auch mit dem Kopf und meinte: Hm! hm!

Aber damit war dem Finger wieder nicht geholfen und je mehr der Feldscherer

doctorte, desto mehr blutete der Finger.

Der Gregorius (so nannten sie im Dorfe den Chirurgus) meinte ebenfalls: so

etwas sei ihm noch gar nicht vorgekommen, er wolle nach Hause laufen und

von seiner unfehlbaren Salbe holen, _die_ müsse helfen.

Er ging, kam aber nicht wieder, denn er mochte wohl selbst an seine

unfehlbare Salbe nicht glauben.

Inzwischen saß die arme Meta ganz bleich auf dem Rande ihres Bettchens und

hielt den Finger über eine Schüssel. Die alte Stiefmutter war außer sich

vor Aerger und da sie diesen doch an irgend Etwas auslassen mußte, so nahm

sie das Federmesser, ging in den Hof und warf es in den Brunnen.

In demselben Augenblick aber hörte die kleine Meta eine ganz feine Stimme

-- und was sah sie? Auf dem Rande ihrer Schüssel saß rittlings ein

kleiner Däumling.

-- Kleine Meta, sagte er zu ihr, das Federmesser, das eben in unsren

Brunnen gefallen, hat mir da unten in unsrer Wohnung unter dem Brunnen

gesagt, es habe Dich, ohne selbst dafür zu können, in den Finger

geschnitten; Du seist aber ein so liebes, artiges Kind, und deshalb sollte

ich Dir doch helfen.

-- Du?... Aber wie kannst Du denn das? fragte Meta verwundert.

-- Davon sollst Du Dich sogleich überzeugen; höre nur zu! antwortete der

kleine Däumling. Sieh, wir sind der Däumlinge da unten im Brunnen sehr

viele und helfen guten Menschen sehr gerne, indem wir uns in Däumlinge

von Gemsleder verwandeln und uns auf ihre Finger setzen lassen; aber wir

müssen immer gewiß sein, daß wir nicht gemißbraucht werden, denn wir

haben eine geheime Kraft, die den Menschen gar zu leicht verführt, wenn

er davon hört. Setze mich also auf Deinen wunden Finger und das Blut wird

sogleich gestillt werden; nimm mich aber ja nicht eher wieder ab, als der

Finger ganz geheilt ist, denn sonst fängt der Finger gleich wieder an zu

bluten und jeder Bluttropfen wird zu einem blanken doppelten Goldstück.

Das Gold kann Dir aber dann nichts mehr nutzen, denn der Finger heilt nie

wieder und Du mußt sterben.

Man kann sich denken, wie froh die kleine Meta war, als ihr der kleine

possirliche Däumling von dem Schüsselrand auf den Arm hüpfte, auf diesem

bis zu ihrer Hand balancirte, sich im Nu in einen Däumling von Gemseleder

verwandelte und auf ihrem Finger saß. Mit einem Male war auch das böse

Blut gestillt.

Gleich darauf kam die Stiefmutter zurück, die dem Federmesser einen

tüchtigen Streich gespielt zu haben glaubte und gar keine Ahnung von der

Botschaft hatte, die das Federmesser da unten im Brunnen ausgerichtet.

-- Was hast Du denn da auf dem Finger sitzen? fragte sie die kleine Meta.

Diese war anfangs ein wenig verlegen, aber da es ja nichts Böses war und

ihr der Däumling auch nicht zu schweigen befohlen hatte, so erzählte sie

der Stiefmutter, was vorgefallen war.

Nun hätte Einer sehen sollen, was für Augen die alte Stiefmutter mit

ihrer Habichtsnase und dem spitzen Kinn machte, als sie von den blanken

doppelten Goldstücken hörte. _Die_ Augen hatten ganz gewiß nichts Gutes

zu bedeuten.

Da es schon dunkel geworden war, so sagte sie zu der kleinen Meta: sie

solle sich ins Bett legen, denn sie sehe so matt und angegriffen aus; sie

wolle ihr beim Auskleiden auch behilflich sein.

Das Letztere that sie nun ganz wider ihre Gewohnheit. Meta legte sich

ins Bett und die Stiefmutter ging hinaus und sagte: sie wolle nur den

Taubenschlag zumachen, dann gehe sie auch sogleich ins Bett.

Kaum war die arme Meta eingeschlafen, als die Stiefmutter leise wieder

hereinkam. Aber was hatte sie bei sich? Einen großen, großen Sack, in den

wohl drei Scheffel Erbsen hineingingen. Als sie sich nun überzeugt hatte,

daß Meta fest schlafe, legte sie den Sack vor Meta's Bett, so daß die

offene Seite nach oben gekehrt war, nahm die Hand der Kleinen vom Bette und

betrachtete sich den Däumling mit gierigen Augen.

-- Laß mich in Ruh, Alte! rief der Däumling; aber das half ihm nicht, die

Alte nahm ihn von Meta's Finger und trug ihn zappelnd in ihre Kommode, die

sie doppelt und dreimal verschloß. Dann kehrte sie zu der schlafenden Meta

zurück.

Am Bette aber ging es inzwischen: klapp, klapp! Ein Goldstück fiel nach

dem andern in den Sack. Mit funkelnden Augen setzte sich die Alte an Meta's

Bett und freute sich über die vielen Goldstücke, mit denen sich ihr Sack

füllte.

So ging es denn klapp, klapp! die ganze Nacht hindurch. Endlich fielen die

Goldstücke immer langsamer; aber auch Meta's kleines unschuldiges Herz

klopfte immer langsamer und als der erste matte Strahl der Morgensonne ins

Kämmerchen drang, da schwiegen die Goldstücke und auch Meta's Herzchen,

denn sie hatte sich verblutet und war todt.

Die Alte überschlug nun, wieviel Goldstücke wohl in dem Sacke seien;

ihrer Meinung nach mußten es wenigstens einige Tausend sein und da sie

alle doppelt, so war sie eine reiche Frau geworden.

Jetzt mußte aber der Sack bei Seite geschafft werden, und das war gewiß

nicht so leicht. Er sollte in die Speisekammer kommen; da er aber so schwer

war, daß wohl vier Männer daran zu tragen gehabt hätten, so nahm sie

von den Goldstücken immer eine halbe Schürze voll, trug diese in die

Speisekammer und schleppte so lange, bis auch nicht ein einziges mehr in

dem Sack war. Eine volle Stunde hatte sie zu der Arbeit gebraucht.

Was sollte sie nun mit der kleinen Meta anfangen, die todt auf dem Bette

lag und so bleich war, wie ein kleiner trauriger Engel, der vom lieben

Gott Schelte bekommen hat. Wenn sie aussagte, Meta habe sich in der Nacht

verblutet, so bekam sie die Leute im ganzen Dorf auf den Hals, weil sie

keine weitere Hilfe herbeigerufen hatte; aber was sollte sie anders sagen?

Da fiel ihr ein Gedanke ein. Sie wollte die todte Meta in den Brunnen

werfen und aussagen, Meta sei gestern in den Wald gegangen, um heilende

Kräuter für ihren Finger zu suchen, und nicht wiedergekommen.

So geschah es denn auch, sobald sie Meta heimlich in den Brunnen geworfen

und ihre Kleider bei Seite geschafft hatte. Und der Schulze bot die ganze

Dorfmannschaft auf, der Pächter und der Pfarrer schickten ihre Knechte,

die mußten den ganzen Tag hindurch nach der verlornen Meta im Walde

suchen. Aber sie fanden das Mädchen nicht, und _das_ hätte ihnen die

garstige Alte wohl vorher sagen können. Desto mehr jedoch weinte sie und

stellte sich untröstlich, die böse, alte Hexe!

Acht Tage darauf lud die Alte eines Abends ganz spät, als es recht dunkel

war, mehre Säcke und einen kleinen Kasten auf ihren Leiterwagen, mit dem

sie immer Gemüse zu Markt zu fahren pflegte, spannte ihren Gaul vor und

sagte den Nachbarn, sie wolle Kartoffeln nach der Stadt fahren, die schon

am Morgen ganz zeitig abgeliefert werden müßten. Das war aber gar nicht

wahr, denn in den Säcken hatte sie ihre Goldstücke und nur oben auf

lagen Kartoffeln, in dem Kästchen aber hielt sie den kleinen Däumling

verschlossen, den sie bewachte wie ihren Augapfel.

Sie verschloß und verriegelte ihre Hausthür, kutschirte ab und kein

Mensch hat sie wieder im Dorfe gesehen. Gott weiß, was für Absichten sie

hatte, aber in ihrem Hause konnte sie's nicht mehr aushalten, denn alle

Abende sah sie an dem Strick des Brunnens eine Menge kleiner gelber

Männchen auf und ab klettern, die waren so groß wie ein Daumen und riefen

ihr immer zu:

»Wart', Alte, das ist Dir nicht geschenkt,

Du hast ja die kleine Meta ertränkt.

Auch glücklich wirst Du nicht auf der Erd',

Denn Du hast unser Brüderchen eingesperrt!«

Wenn sie das hörte, da zitterte sie an Händen und Füßen und war nur

froh, daß die Nachbarn nicht so nahe wohnten, es mit anhören zu können.

Inzwischen war die kleine Meta in einem wunderschönen unterirdischen

Schlafzimmer erwacht, das war so hell erleuchtet wie am lichten Tage, denn

es brannten wohl hundert prächtige Kronleuchter von Bergkrystall darin.

Sie besah sich und fand sich auf einem Bette, dessen Laken so fein waren

wie Spinngewebe, die Bettstelle aber war von gediegenem Gold und Silber und

die Vorhänge des Bettes waren so weiß wie frischgefallener Schnee. Ueber

ihr aber bestand die Decke des Himmelbettes aus einem schönen Spiegel. In

_den_ schaute sie und erschrak, denn sie war ja so weiß wie die Kreide an

der Wand.

Meta richtete sich im Bette auf und blickte umher. Da sah sie denn durch

die Glasthür ihres Schlafgemaches mehre wunderschöne Säle, in denen

saßen wohl an fünfhundert kleiner gelber Männchen an langen silbernen

Tischen. Sie tranken gerade Kaffee und stippten Zwiebacke ein, so klein

wie Perlemutterknöpfchen. An Meta's Bette saßen sechs kleine Frauen, die

sagten, sie seien zu ihren Kammerzofen ernannt und hätten von dem Obersten

der Däumlinge den Auftrag, der kleinen Meta pünktlich Alles zu schaffen,

was sie verlangen werde.

Meta wollte jetzt wissen, wo sie sei. Man erzählte ihr, was die böse

Stiefmutter mit ihr gemacht und wie diese im Dorfe dann ausgesagt habe, sie

sei in den Wald gegangen und nicht wiedergekehrt. Meta weinte nun sehr und

wollte doch wieder zu ihrer Stiefmutter. Die Kammerzofen aber zeigten ihr

wunderschöne von Gold und Silber und himmelblau gestickte Kleider,

die schon für sie bereit lagen. Diese mußte sie anziehen und als das

geschehen war, führte man sie zu dem Könige der Däumlinge; der saß auf

einem Throne von Perlen, Rubinen und Diamanten und war so klein, daß man

ihn recht gut zum Zierrath auf die Kommode hätte stellen können.

Es war possirlich mit anzusehen, wie all die kleinen Däumlinge, an denen

sie vorbeikam, aufstanden, ihr einen Kratzfuß machten und dann ehrerbietig

den Saum ihres Kleides küßten.

Der König der Däumlinge aber empfing sie sehr freundlich, sie mußte vor

ihm niederknien, damit sie ihn recht hören könne, denn sie war wohl an

zehnmal größer als er sammt seinem Diamanten- und Rubinen-Thron. Er aber

sagte ihr: die Stiefmutter sei ganz plötzlich aus dem Dorfe verschwunden,

und wenn das auch nicht der Fall wäre, so hätte sie doch nicht wieder zu

ihr gehen können, da sie bei ihr des Lebens nicht mehr sicher sein würde;

Meta sei so unvorsichtig gewesen, ihr das Geheimniß des Däumlings zu

verrathen, der nun dafür büßen müsse, indem die Alte ihn eingeschlossen

halte und sorgfältig bewache, um ihn zur Sättigung ihrer Habsucht zu

mißbrauchen. Gehe sie aber wieder zu der alten Stiefmutter, so werde ihr

diese doch das Leben wieder nehmen, und _einmal_ könnten die Zwerge sie

nur vom Tode erretten.

Meta weinte nun bitterlich darüber, daß sie ihre schönen rothen Wangen

verloren habe.

-- Ja, sagte der König der Däumlinge achselzuckend, das kommt daher, daß

Du all Dein Blut verloren hast; Du wirst Dein ganzes Leben hindurch bleich

sein, aber da Du ein so gutes Kind bist, wollen wir dafür sorgen, daß Du

glücklich werdest. Einstweilen mußt Du nun bei uns bleiben.

So tröstete sich Meta denn und lebte sechs Jahre lang glücklich bei den

Däumlingen unter dem Brunnen; sie wurde auch größer und schöner, aber

bleich blieb sie doch.

Wollt Ihr nun wissen, was inzwischen aus der bösen Stiefmutter geworden

ist?

Die fuhr mit ihrem Gaul und ihren Kartoffelsäcken immer und immer fort,

bis sie in eine fremde Stadt kam. Dort fuhr sie vor ein großes Gasthaus

und sagte zu dem Wirth: sie sei eine sehr vornehme Dame, da sie aber viele

Schätze bei sich führe, so habe sie diese schlechten Kleider angezogen

und sich diesen unscheinbaren Wagen gekauft, um unterweges nicht von

Räubern angefallen und geplündert zu werden.

Als der Wirth ihre Säcke von Gold sah, glaubte er ihr aufs Wort, denn wenn

die Leute nur Geld sehen, so glauben sie ja Alles.

In der Mondnacht: Märchen · 第 3 / 7 段