mit dem Stubben, auf den sie sich geflüchtet hatte, zu Wasser mußte, da
rief es mit einem Male hinter ihm: »Höh, Störtebeker!« und als er sich
schnell umdrehte, sah er seinen Vater auf dem Deich stehen und winken.
»Hödjihöh, Vadder,« rief er freudig, sah noch einmal nach der Ratte,
dann aber warf er den Staken hin, denn das Takelzeug ging ihn nun nichts
mehr an: sein Vater war gekommen!
Wo war er geblieben? Eben stand er doch noch oben und lachte -- nun war
er weg? Störtebeker lachte und glaubte, daß er sich versteckt hätte, wie
er es immer machte, er sprang den Deich hinan und suchte ihn im
Binnendeich hinter den Eschen und Rosenbüschen, aber er konnte ihn nicht
wieder ausfindig machen. »Vadder, neem büst du?« rief er, aber er bekam
keine Antwort. Da nahm er an, er wäre schon nach Hause gegangen, und
lief in Sprüngen nach dem Neß. Er guckte über das Wasser -- der Ewer war
nicht da, aber das hatte nichts zu sagen, denn der konnte ja noch an St.
Pauli liegen, oder sein Vater konnte von Cuxhaven oder von der Weser mit
der Eisenbahn übergereist sein.
»Mudder, is Vadder ne hier?« rief er schon auf der Diele und stürmte
suchend in die Küche, überholte hastig die Schlafkammer und suchte die
Dönß ab.
»Och, mien arme Jung, woneem schull dien Vadder woll wesen,« klagte
seine Mutter und sah tränenüberströmten Gesichts von ihrem Psalmenbuch
auf, in dem sie gelesen hatte.
»Eben wür he annen Westerdiek,« lachte er und stieg auf den Stuhl, um
aus dem Fenster in den Hof hinunter zu sehen. »Ik will em woll gewohr
warrn, den Versteekspeeler den!«
Da wurde sie aufmerksam. »Keen wür annen Westerdiek?« fragte sie tonlos.
»Vadder!« rief Störtebeker, »he stünn boben uppen Diek un lach un wink.
As ik to rupleep, wür he batz weg.«
Da zog sie ihn jäh an sich, daß er sich nicht wehren konnte, und
jammerte: »Vadder is bleben, Klaus, du hest keen Vadder mihr, mien
Jung!«
Er schüttelte den Kopf. »Dat is ne wohr, Mudder,« sagte er bestimmt,
»dat hest du dräumt. Vadder kann ne blieben und blifft ne, dat hett he
sülben to mi seggt. Vadder kummt jümmer wedder!«
Sie weinte nur noch heftiger.
»Stopp, ik will em woll finnen,« rief er und lief wieder in den Wind
hinaus, um seinen Vater zu suchen, den er doch ganz gewiß auf dem
Westerdeich gesehen hatte. Gesa rief ihm nach, aber er hörte nicht
darauf.
* * * * *
Auch die Uhr war stehen geblieben. Auf halb fünf stand sie: das war die
Todesstunde von Klaus Mewes.
Gesa hat die Uhr niemals wieder aufgedreht, niemals wieder angestoßen.
Wie die unsichtbare Hand sie angehalten hat, ist sie stehen geblieben.
* * * * *
Zufall? Gaukelei der Sinne?
Alle Seebevölkerung weiß, daß die Fahrensleute in der Stunde, in der sie
auf See ertrinken, mächtig sind, an Land, in ihrem Hause, zu rufen oder
zu schreien, zu klopfen oder zu scharren, auf dem Nebelhorn zu blasen,
die Bilder an der Wand zu Boden zu werfen, die Uhr anzuhalten oder in
Lebensgestalt zu erscheinen.
* * * * *
H. F. 7, Jan Sloo, kam den anderen Tag von der Hoof, das heißt von
Cuxhaven, übergereist, wo sein Ewer mit zerrissenen Segeln und
gebrochenem Großmast hinter der Alten Liebe lag, und erzählte, daß er
ein solches Wetter noch nicht erlebt hätte, auf See wenigstens noch
nicht, es wäre ganz furchtbar hart gewesen. Als Gesa aber in der
Dämmerung zu ihm ins Haus kam, mit einem dunkeln Tuch um den Kopf, mit
bleichen Backen und verweinten, geröteten Augen, und ihn nach ihrem Mann
fragte, sprach er anders; da war es draußen gar nicht so schlimm
gewesen, sie hatten nur etwas krauses Wasser gehabt und so was Gutes.
Ihren Klaus hatte er zwar nicht gesehen und er hatte auch nichts von ihm
gehört, aber da war alles in der Reihe, der fischte gewiß mit einem Reff
im Segel weiter, um erst die Eiskisten zu füllen und dann gleich eine
gute Reise zu machen. Da brauchte sie sich keine Gedanken zu machen: der
kam wieder, so gewiß wie zwei mal zwei vier waren, wenn nicht heute
noch, dann morgen oder übermorgen. Wenn er den Wind ausgehalten hatte,
hatte Klaus mit seinem viel größeren Ewer ihn siebenmal ausgehalten. Da
konnte sie ganz geruhig sein. So tröstete der Seefischer sie in seiner
Unbeholfenheit, bis sie kopfschüttelnd hinausging, denn sie merkte, daß
er nicht die Wahrheit sagen wollte. Er sah lange Zeit aus dem Fenster
auf das Wasser hinaus, dann sagte er langsam zu seiner Frau: »Inne Nurd
schallt noch mihr weiht hebben, as neem wi ween sünd -- un ik gläuf,
Klaus Mees is inne Nurd wesen.«
* * * * *
Als ein schwarzer Tag mit Kreuzen steht der Tag im Kalender der
Wasserkante, denn er hat viel Unglück und Haverei gebracht.
Die Eiderdeiche waren an drei Stellen gebrochen, weite Strecken der
Marsch standen tief unter Wasser, viel Vieh war in den Fluten ertrunken,
Häuser waren abgedeckt, Scheunen waren umgeweht, starke Bäume waren
entwurzelt. Auf Scharhörn war eine große englische Bark gestrandet und
mit Mann und Maus spurlos verschwunden, beim zweiten Feuerschiff war ein
Lotsenschoner umgekippt und dwars von der Kugelbake guckte der Mast
einer gesunkenen Jalk aus dem Wasser, Cuxhaven aber lag bis an den
Leuchtturm voll von haverierten Schiffen.
Von Finkenwärder wurden noch sieben vermißt, fünf Kutter und zwei Ewer,
darunter Klaus Mewes. Tag für Tag lauerten sie am Deich auf sie und
sprachen die Tage von nichts anderm als von ihnen: alles andre mußte
zurücktreten, bis sie Gewißheit über das Schicksal der sieben Fahrzeuge,
der einundzwanzig Menschen hatten. Um den sie sich am wenigsten sorgten,
das war Klaus Mewes, denn ein Mann wie Klaus Mewes, ein Fischermann wie
kein zweiter, mit dem großen, seetüchtigen Ewer unter den Füßen und
guten, befahrenen Leuten an Bord, der blieb nicht so leicht, der mußte
ja wiederkommen; der hatte schon viele schwere Stürme bestanden und sich
immer oben gehalten. Mehr bangten sie um den andern Ewer mit den
geflickten Segeln und um die Kutter mit ihren blutjungen, dreisten
Schiffern und den wenig befahrenen, butenländischen Leuten: die mochten
ihre Last gehabt haben, nicht aber Klaus Mewes.
Es kam aber anders, als sie dachten, denn der alte Ewer und die Kutter
kamen nach und nach alle binnen, wenn auch kein Fahrzeug ohne Haverei
war. Nur der eine Ewer, Klaus Mewes, wollte sich nicht wieder angeben,
weder auf der Weser noch auf der Elbe.
Tag um Tag verging und aus Tagen wurde eine Woche, wurden Wochen und
Klaus Mewes kam nicht wieder. Drei Sonntage tat Bodemann von der Kanzel
herab Fürbitte für ihn und die beiden Leute und er betete stark und
ergreifend, daß es wie ein großes Weinen durch die Kirche ging, denn der
Untergang dieses großen, fröhlichen Seefischers ging ihm sehr nahe. Wer
mag noch Fischer sein, wenn solche Männer bleiben, dachte er.
Dann mußte die Hoffnung aufgegeben werden: Klaus Mewes war verschollen.
Sie mußten es endlich glauben, daß sie seine Flagge nicht mehr flattern
sehen würden, daß er nicht mehr lachenden Gesichts den Deich
entlangkommen konnte, daß Kap Horn nicht mehr bei den Hochzeiten
aufspielte und daß Hein Mück nicht mehr mit den Mädchen tanzte. Was für
ein Mann Klaus Mewes gewesen war, merkten die meisten erst jetzt! Gut
und fröhlich war er gewesen, jedem hatte er ein freundliches Wort
gegönnt, auf Fische war es ihm nie angekommen, wo er helfen konnte, da
hatte er geholfen, mit Rat und Tat, vielen war er in ihrer harten
Fischerei ein Trost gewesen, der junge, lustige Fischermann, der lachend
gefahren war, singend gefischt hatte und jubelnd aufgekommen war. Bei
ihm an Bord hatte die Lebensfreude das Wort gehabt; er war ein
Seefischer aus Lust gewesen, nicht aus Gewohnheit, Zwang oder Not, wie
so manche es waren.
Auf dem Neß war es nun wirklich so, wie Klaus Mewes damals auf den
Watten gesehen hatte: alle Fenster waren dicht verhängt und vor der
verschlossenen Tür, auf den Stufen, auf der Bank und auf den Kastetten
standen der Hahn und die Hühner und warteten hungrig auf ihr Futter. Im
Hause war es halb dunkel, kein Sonnenstrahl kam mehr in die Stuben, die
Klaus Mewes mit seinem Lachen erfüllt hatte. Verhängt waren der Spiegel
und das große Bild des Ewers. Gesa schlich nur noch wie ein Gespenst
durch die stillen, totenstillen Räume. Meistens saß sie in der
dämmerigen Küche und starrte vor sich hin oder sie weinte. Ihre Tür
schloß sie zu, denn sie wollte keinen Menschen sehen. Die vielen Frauen,
die Tag für Tag kamen, nach ihr zu sehen und sie zu trösten (denn nun
Gesa schwarze Kleider trug und Witfrau geworden war, galt sie für eine
Finkenwärderin), mußten gewöhnlich umkehren, ohne sie gesehen und ihren
Kaffee geschmeckt zu haben. Auf dem Deich ließ sie sich selten sehen,
denn sie konnte den Anblick des vielen Wassers nicht mehr ertragen,
konnte keine Ewer mehr vorbeisegeln sehen, ohne daß ihr die Augen
übergingen.
* * * * *
Und Klaus Störtebeker? Der saß wohl bei ihr, in der dunkeln Küche, und
weinte mit?
Nein, das tat er nicht! Er weinte nicht, denn er glaubte nicht, daß sein
Vater untergegangen war, daß der Ewer nicht wiederkommen konnte, daß er
Kap Horn und Hein Mück und Seemann nicht wiedersehen sollte! Sein Vater
war nicht weg, der lebte und fischte noch! Der kam wieder, ganz gewiß
kam er wieder, die Reise dauerte diesmal nur etwas länger, weil sie so
viel vor Wind hinter Wangeroog liegen mußten, aber wieder kam er ganz
gewiß, er hatte es ja selbst gesagt. Felsenfest war das Vertrauen des
Jungen auf dieses Wort seines Vaters und unerschütterlich war sein
Glaube.
»Störtebeker, dien Vadder is bleben,« sagten die andern Jungen zu ihm,
aber er schüttelte geruhig den Kopf und antwortete: »Wat weet ji dorvan
af?« -- »Doch, Vadder hett dat seggt!« -- »Denn segg dien Vadder man,
dat is ne wohr. Vadder kann ne blieben un is ne bleben, Vadder kummt
wedder,« sagte Störtebeker bestimmt und ging davon. Seine Mutter
tröstete er jeden Morgen und jeden Abend: »Schree doch ne, Mudder, gläuf
doch ne, wat Vadder weg is; de is ne weg, de kummt wedder,« aber er
erreichte damit nur, daß sie noch heftiger weinte.
Widerwillig trug er schwarze Strümpfe und ein dunkles Halstuch: sein
Vater würde ihn auslachen, wenn er kam, meinte er mißmutig.
Jeden Tag, der grau aus dem Hamburger Dunst stieg und golden in die Elbe
versank, lag er mit seinem Kahn auf dem Wasser. Er wriggte weit hinaus,
bis hinter Blankenese, und wartete und wartete. Immer waren seine Augen
im Westen und suchten die Elbe ab, suchten den Ewer, suchten den Vater.
Große Dampfer mahlten an ihm vorbei und die Lotsen drohten ihm mit den
Fäusten, aus dem Fahrwasser zu gehen, aber er dachte: ich habe hier
ebensoviel Recht als ihr, und kümmerte sich nicht darum. Die Dünung warf
den Kahn wie eine Nußschale auf und ab: Störtebeker ging nicht vom
Fleck. Wenn ein Ewer oder Kutter aufkam, wriggte er hin und fragte nach
seinem Vater.
»Hest Vadder ne sehn, Jannis?«
»Höh, Blankneeser, hett H. F. 125 ne bi di fischt?«
Aber immer bekam er ein Kopfschütteln und ein Nein und den guten Rat,
nach Hause zu schippern, den er aber nicht befolgte. Zuletzt kannten ihn
alle. »Kiek, dor is wedder Klaus Mees sien lütjen Jungen,« sagten die
Schiffer zu den Knechten, wenn sie den Kahn in Sicht bekamen. Bei Wind
und Wetter, bei Nebel und Sonnenschein, bei Regen und Brise dümpelte und
trieb Störtebeker vor Blankenese und wartete auf seinen Vater. Starr
blickte er nach Westen, wo immer wieder Segel erschienen, wo immer
wieder Schiffe auftauchten. Einmal mußte sein Vater doch gewiß dabei
sein, einmal mußte er ihn doch hergucken können! So viele Schiffe!
»Is keen Breef van Vadder kommen,« fragte er abends, denn sie konnten ja
auch nach der Weser gesegelt sein, wenn es gerade so gepaßt hätte.
»Junge, gläufst du noch jümmer, wat Vadder wedderkummt?« fragte Gesa
bekümmert.
»Ganz gewiß gläuf ik dat, Mudder! Vadder kummt wedder!«
Als er wieder einmal dwars von Blankenese lauerte, kam hinter Schulau
ein grüner Ewer in Sicht, der ganz so aussah wie sein Vater. Er dachte,
er wäre es, und eine große Freude kam über ihn, daß ihm die blanken
Tränen in die Augen traten. Hastig zog er seinen Draggen auf, den er
ausgeworfen hatte, und wriggte dem Ewer entgegen, so schnell er nur
schippern konnte. Wenn die Nummer zu lesen oder der Ewer sonst zu
erkennen war, wollte er sich barfuß ausziehen, damit sein Vater die
alten schwarzen Strümpfe gar nicht erst zu sehen bekam, dann wollte er
die Flagge aufsetzen, die unter der Achterducht im Dollenkasten steckte,
und solange rufen und winken, bis sein Vater ihn gewahr wurde. Und dann
wollte er längseit wriggen und überklettern und seinem Vater steuern
helfen, wollte Kap Horn Gutentag sagen und Hein Mück ein bißchen ärgern,
wollte mit Seemann spielen und nach den Segeln hinaufgucken, wie er
immer getan hatte. Ach -- er wollte noch viel mehr und stand in Gedanken
schon längst an Bord: als er aber bis Wittenbergen gekommen war, sah er
einen fremden Ewer vor sich und kehrte traurig um.
* * * * *
Alle Fischerleute, Seefischer und Elbfischer, haben den Jungen draußen
auf der Elbe gesehen und sind von ihm nach seinem Vater gefragt worden.
Die Jollen nahmen ihn oft ins Schlepptau und brachten ihn wieder an den
Laden, wenn er sich zu weit hinabgewagt hatte und nicht gegen den Strom
oder Wind konnte. Alle ermahnten ihn, nicht wieder so weit zu fahren,
sondern am Bollwerk zu bleiben: sein Vater könne nicht wiederkommen,
nach dem brauche er nicht mehr zu fragen oder zu suchen.
Aber Störtebeker hörte nicht auf sie und glaubte ihnen nicht: mit der
nächsten Tide fuhr er wieder elbabwärts und suchte seinen Vater. Oft
hungerte ihn, er zitterte vor Frost, wenn der Wind wehte oder der Regen
ihn bis auf die Haut durchnäßt hatte, aber er wriggte immer wieder,
immer wieder nach Blankenese hinunter und guckte den Schiffen entgegen.
Sein Vater kam wieder: von dieser Hoffnung ging er nicht ab -- und er
wollte der erste sein, der ihn gewahr wurde.
Die Bunge hing zerrissen an den Wicheln und der Aalkorb verrottete im
Gras, denn er hatte sich der Fischerei gänzlich begeben. Kluß, die alte
Krähe, lag eines Morgens tot im Kasten: sie war verhungert: er grub sie
im Garten ein und stellte den Käfig in die Ecke. Die Kaninchen
verschenkte seine Mutter an andre Knaben, weil er sich nicht mehr darum
bekümmerte: gleichgültig ließ er es geschehen, denn es war ihm einerlei
geworden, ob er Viehwerk hatte oder nicht: erst mußte sein Vater wieder
da sein, erst mußte der große Ewer wieder über den Deich schauen! Dann
kam auch all das andre wieder an die Reihe.
In der gewissen Zuversicht: diese Tide kommt Vater! -- lief er nach
seinem nordischen Kahn und nahm den Kurs auf Blankenese.
Gesa, die ein seltner Gast auf dem Deiche geworden war, merkte zuerst
nichts von diesen weiten Fahrten, sie dachte, er wäre am Westerdeich
zugange, und achtete nicht sonderlich darauf, ob er zu früh oder zu spät
oder überhaupt nicht zum Essen kam, denn sie selbst hatte auch keine
rechte Tageszeit mehr und ging wie eine Schlafwandlerin umher, wie in
tiefen, schweren Träumen.
Bis Störtebeker eines Abends nicht nach Hause kam, weil es nebelig
geworden war und er sich auf der Elbe, zwischen Kranz und Wittenbergen,
verirrt hatte. Da wachte sie auf und rief und suchte, sie klopfte den
Westerdeich ab und lief ängstlich über die Weiden. Als sie ihn nirgends
finden konnte, jammerte sie den Deich entlang. Da hörte sie von den
Fischern, wie ihr Junge seine Tage verbrachte, daß er ständig mit dem
Kahn im Fahrwasser zugange war und auf seinen Vater wartete. Sie
erschrak sehr und es fiel ihr schwer aufs Herz, daß sie sich in all den
Tagen und Wochen nicht um ihn gekümmert hatte. Wenn er nun ertrunken
war!
Gott im Heben, gib ihn mir wieder, betete sie, ich will ihn dann nicht
mehr aus den Augen lassen!
Die Fischer machten ihre Boote klar und gingen in der Nacht zu fünfen
auf die Suche, obgleich es so dick geworden war, daß sie einen Kompaß
mitnehmen mußten, wenn sie nicht verbiestern wollten. Sie segelten und
ruderten hin und her, bliesen auf dem Nebelhorn und riefen über das
stille, tote Wasser, aber es war nichts zu hören, noch zu sehen. Sie
wollten es schon aufgeben, da fand Karsten Husteen den Kahn vor der Este
und brachte den halberstarrten Störtebeker gegen Mitternacht nach dem
Neß. Gesa kam gelaufen und wollte ihn auf den Arm nehmen, aber er sprang
aus dem Boot, machte seinen Kahn an den Wicheln fest und ging allein
nach Hause, denn er war doch kein kleines Kind mehr, das getragen werden
mußte!
»Morgen kummt Vadder gewiß,« tröstete er seine Mutter, als er sich das
klamme Zeug auszog, sie aber wußte vor Schmerz und Freude und innerster
Aufregung nicht, was sie machen, ob sie ihn streicheln oder schlagen
sollte: packte ihn ins Bett, begrub ihn in Kissen und unter Decken und
kochte ihm Kamillentee, obwohl er sagte, daß ihm gar nichts fehle.
Sie lag die ganze Nacht schlaflos, horchte auf seinen Atem und erschrak,
wenn er einmal hustete. Mehr noch als die Sorge aber waren ihre Gedanken
schuld daran, daß sie nicht einschlafen konnte. Sie riß sich schwer ab,
dann aber erwuchs in der Stille der Nacht etwas in ihrer Seele, das ihr
als eine heilige Pflicht, als eine Aufgabe von Gott erschien: den Jungen
vom Wasser abzubringen, zu verhüten, daß er mit seinem Kahn ertränke, zu
verhindern, daß er ein Seefischer würde und zu Schaden und frühem Tode
käme, wie sein armer Vater, dafür zu sorgen, daß er sein Brot in Frieden
und auf dem Trockenen verdienen und essen könnte und nicht auf der
wilden See umherzutreiben brauchte! Dazu war sie von der Geest in dieses
Fischerhaus gekommen, sie erkannte es jetzt: um das Geschlecht der Mewes
vor dem Untergange zu bewahren, um es wieder landfest und lebendig zu
machen! Das hatten die starren Augen ihres Mannes an jenem schrecklichen
Nachmittag von ihr gewollt: sie fühlte es und hörte es, was sie hatten
sagen wollen: ich habe verspielt, Gesa, nun tu du das deine, daß der
Junge es einmal besser habe; bewahr ihn vor dem Schicksal seines Vaters,
laß ihn nicht nach See! Das hatte ihr Mann sagen wollen, das war es
gewesen! »Jo, Klaus, dat will ik,« flüsterte sie vor sich hin, »du
schallst dien Rauh hebben!« Starr richtete sie sich aus den Kissen auf
und gelobte es dem Toten und sich. Sie wußte, daß es schwer halten
würde, daß sie streng und hart sein müßte, denn der Junge saß voll von
diesem Seegift, wie sie es nannte, und war ein Trotzkopf sondergleichen,
aber ihr zähes, niedersächsisches Blut übernahm es. Sie wollte sich um
ihn bekümmern und mit Ernst und Geduld auf seine Schritte achten, um ihn
dem Wasser fernzuhalten und ihn vor dem Geschick seines Vaters zu
bewahren. Das war ihre Lebensaufgabe nun! Den Vater von der Schiffahrt
abzuziehen, hatte sie nicht vermocht, aber der Junge, der noch so jung
war, mußte noch zu biegen und zu lenken sein, wenn ein fester Wille
dahinter stand. Sie konnte keinen wieder nach See segeln sehen, sie
konnte es nicht ...
Nun begann ein erbitterter Kampf zwischen Mutter und Kind, ein Kampf um
die See. Gleich am andern Morgen bekam Störtebeker eine große
Strafpredigt, bis er ganz geduckt dasaß und nichts mehr sagte. Als seine
Mutter dann aber weiterging und davon sprach, daß sein Vater nicht
wiederkommen konnte, daß er auf dem Grunde der See lag, da richtete er
sich wieder auf und sagte, das sei nicht wahr, sein Vater sei nicht weg,
sie wüßten alle nichts davon! Sein Vater käme wieder: dabei blieb er und
davon ging er nicht ab. Der Ewer könne nicht umkippen und sein Vater
könne nicht ertrinken: er glaubte es nicht und wenn sie es auch alle
zusammen sagten!
Gesa hatte ihm streng untersagt, wieder nach dem Fahrwasser zu
schippern, aber als er nachher auf dem Deich stand und über das Wasser
blickte und so viele Ewer und Kutter aufkommen sah, da dachte er, sein
Vater müßte gewiß kommen und er müßte ihm entgegenfahren. Und als seine
Mutter hinterm Hause war und die Schweine fütterte, da machte er seinen
Kahn los und wriggte wieder weg, um seinen Vater zu holen. Wenn er den
Ewer mitbrächte, würde sie sich schon freuen und nicht mehr schelten:
mit dem Gedanken tröstete er sich, als er die Reihe der Segel absuchte.
Auf der Rückfahrt hatte er wegen des scharfen Ostwindes sehr zu pulen
und kam deshalb erst spät am Abend zurück.
»Klaus, worüm büst du nu wedder wegschippert?« fragte Gesa erregt,
»wullt du ober Burd fallen oder scheut de Dampers di inne Grund jogen?«
Störtebeker pustete den Kaffee, der zu heiß war, und biß von seinem
Brotknuß ab, ohne etwas zu erwidern.
»Junge, du Egenbuck! Wat büst du förn Jungen! Dien Mudder hett di woll
gornix mihr to seggen?« fragte sie bebend.
»Du weest doch ganz god, wat ik up Vadder teuft hebb,« erwiderte er
geruhig und setzte abweisend hinzu: »Nu lot mi doch tofreeden, Mudder!«
Da konnte Gesa sich nicht mehr halten: der Zorn überschrie alles andre
in ihr und sie schlug ihn sehr. Er stand still und ließ sich schlagen,
weder wehrte er sich, noch lief er weg, noch schrie er: fest biß er die
Zähne aufeinander, um keinen Laut von sich zu geben.
Den andern Tag holte sie ihn mehr als einmal mit dem Stock vom Bollwerk
zurück, sodaß er nicht entkommen konnte, aber den Morgen darauf
flüchtete er wieder vom Deich und blieb den ganzen Tag auf der Elbe. Wie
wünschte er seinen Vater herbei! Wenn er doch käme, der grüne Ewer!
Sonst gab es heute abend ja wieder etwas mit dem Stock! Aber sein Vater
kam nicht, und er mußte schließlich doch zurückwriggen. Er hatte den
ganzen Tag nichts gegessen, nur aus der Elbe getrunken hatte er, und war
sehr hungrig. Triefend von Regen, stand er auf der Schwelle und guckte
seine Mutter an, die schon bei der Lampe saß, als wenn er sagen wollte:
nu hau mi man wedder!
* * * * *
Sie ließ ihn nun nicht mehr aus den Augen und hielt ihn auch einige Tage
fest. Streng achtete sie darauf, daß ihn niemand mehr Störtebeker
nannte, daß er wieder Klaus Mewes gerufen wurde: sie ging selbst nach
dem alten Schulmeister Möhlmann hinunter, damit es den Kindern verboten
würde, den Jungen Störtebeker zu nennen: aber damit erreichte sie nur
das Gegenteil von dem, was sie wollte, denn nun riefen die Jungen erst
recht Störtebeker.
Eines Tages fand sie ihn am Binnendeich sitzen. Mit geschlossenen Augen
hockte er auf einem Hummerkasten von Grimsby und stieß mit den Füßen
gegen ein Brett, das zwischen den Kurrbäumen steckte, so daß es
regelmäßig knarrte. Sie trat näher, und als sie sein glückliches Gesicht
sah, fragte sie ihn weich: »Wat schall dat denn, Klaus?« Er schüttelte
erst heftig den Kopf, als wenn er nicht gestört werden wollte, dann aber
besann er sich und sagte leise: »Mok de Ogen ok mol to, Mudder!« -- »Wat
schall dat denn, Junge?« -- »Moks doch mol to, Mudder, och man to!« --
»Ik hebbs jo all to, Klaus.« -- »Ganz fast?« -- »Jo, ganz fast!« --
»Denn sünd wi up See, Mudder,« sagte er verträumt, »kannst hürn, wat dat
boben unsen Kupp gnarrt? Dat deit de Gaffel, wenn de Eber oberholt,
Mudder! ... Twee Stünnen hebbt wi de Kurr all ut, Mudder, gliek möt wi
intehn, denn schallst mol sehn, wat denn en Leben ward, wat denn de
Meben anflegen kommt! ... Kannst Seemann dor blangen den Kumpaß liggen
sehn? Dor slöppt he jümmer inne Fohrt, Mudder ... Kiek, dor steiht Kap
Horn! Paß up, gliek holt he sien Harmonika ut de Koi un speelt een up --
dat hürt sik up See veel beter an as an Land, Mudder, ne? ... Hein Mück
schillt Kantüffeln, gliek gifft brodte Schullen, de scheut ober smecken
... Kannst sehn, Mudder, dor achter dat Land, dat hoge, rode? Dat is
Hilchland! ...«
So verlor Störtebeker sich weit in seine Seefahrt und erzählte immerzu.
Gesa saß auf dem Kurrbaum, der die eingeschnitzten Zeichen H. F. 125
trug, und hörte zu, während ihre Augen sich verdunkelten. »Woneem is
Vadder denn?« fragte sie zuletzt erschüttert.
»Vadder?« rief er verwundert, »Vadder? De steiht hier jo bi uns ant Rur,
de hett jo de Wacht! Hür mol, wat he lachen kann!«
Da wandte sie sich ab und ging ins Haus zurück, er aber saß noch lange
und horchte auf das Rauschen der Eschen wie auf Meeresbrausen.
* * * * *
Manchmal wachte Gesa nachts auf und hörte ihn im Traum sprechen: immer
war er dann auf See bei seinem Vater.