Der andre Tag war ein Sonntag, ein trüber, grauer Tag, an dem die Sonne

nicht durchkommen konnte. Der Wind war still geworden.

Da tat sich alles zusammen, was von Fischern zu Hause war. Sie holten

die Totenangeln vom Strandvogt, machten die Leinen klar und segelten mit

den Booten nach dem Fahrwasser hinaus, um die ertrunkene Frau zu

fischen. Die ganze Tide trieben sie zwischen Teufelsbrücke und Godefroo

auf und ab.

Klaus Mewes, Kap Horn und Störtebeker waren auch mit ihrem Boot dabei.

Sie sprachen aber wenig.

Als es Flut geworden war und das Fahrwasser sich mit Schiffen füllte,

schlichen alle Boote mit müden Segeln nach dem Deich zurück. Sie hatten

die Tote nicht gefunden. Die Elbe hielt sie fest.

* * * * *

Drei Tage später lief der Wind raum, das heißt auf Finkenwärder:

nördlich. Da zog Klaus Mewes getrost seine Segel auf und hievte den

Anker, um zu fahren. Lustig flatterte die Flagge über der Besansgaffel

und über dem Toppsegel drehte sich der Flögel wie ein bunter Vogel.

Gesa stand unter den Linden und winkte mit der Hand.

Störtebeker lag noch mit seinem Kahn längsseits des Ewers, als wenn er

der Lotse wäre, der das Schiff aus dem Hafen zu bringen hätte. Als Hein

seinen Tamp loswerfen wollte, machte er Lärm und hielt darum an, daß sie

ihn ein Stück schleppten. Sein Vater bewilligte es. Sie warfen ihm ein

längeres Tau zu, das er im Stevenring befestigen mußte, und zogen dann

mit ihm los.

»So geiht he god, Vadder,« rief er vergnügt, als der Ewer recht an den

Wind kam und gute Fahrt machte, und freute sich über den Schaum vor

seinem Bug und über die großen Segel, die ihn beschatteten.

Bidewind war der Laertes ein besonders schnelles Schiff. Er zog mächtig

davon und hatte den Neß bald hinter sich. Störtebeker sollte abschwenken

und umkehren, er wollte aber noch nicht, und weil das Wetter gut war,

tat sein Vater ihm den Gefallen und nahm ihn noch weiter mit.

Junge, was für eine Fahrt! Der Kahn lag mit dem Achterdollbaum fast mit

dem Wasser gleich und Störtebeker mußte aufmerksam mit dem Riemen

steuern, damit er sich trocken hielt.

Im Buxtehuder Loch aber ging die Herrlichkeit zu Ende: er mußte das Tau

losmachen und zurückbleiben.

Die Fahrensleute standen auf dem Achterdeck und winkten.

»Adjüst, Störtebeker!«

»Jüst, Vadder, kumm man bald mit en grote Reis wedder!« ... »Adjüst,

Störtebeker!« ... »Jüst, Kap Horn, lot di de Tied man ne lang duern!«

... »Adjüst, Klaus Störtebeker!« ... »Jüst, Hein Klütjenbacker, pett di

man keenen Nudelkassen innen Foot!« ... »Wauwauwauwau!« ... »Jüst,

Seemann, fall man ne ober Burd!«

Dann rannte ihm der Ewer davon.

Er blieb auf der Ducht sitzen und sah ihm nach. Wenn sie winkten,

schwenkte er seine griese Wollmütze. Erst als die braunen Segel bei

Schulau um die Huk waren, griff er zu den Riemen und guckte sich nach

Finkenwärder um.

Warum hatten sie ihn nicht mit nach See genommen?

Fünfzehnter Stremel.

Sinne, öffnet eure Tore!

Grabbe.

Die Äquinoktien!

Herbsttagundnachtgleiche!

Die bösen Tage sind angebrochen: Land und See stehen in großer Angst.

Ringsum lauern die grauen Stürme, die die Natur brechen und die

Sonnenkraft tot machen sollen: wie Schwerter an Zwirnsfäden hängen sie

an den Wolken: jeden Tag und jede Stunde können sie fallen.

Wie im Bann liegt der Deich an stillen Tagen, wie im Krampf bebt er bei

unruhigem Wetter. In vielen Häusern liegt die Bibel jeden Abend

aufgeschlagen auf dem Tisch. Mehr als sonst noch achten die Frauen auf

Wind und Wetter, und die Finkenwärder Nachrichten mit der Cuxhavener

Meldung über die hinter der Alten Liebe liegenden Ewer und Kutter reißt

eine der andern aus den Händen. Jeder Ankömmling aber wird befragt:

Weest nix van Jan af oder hest Hinnik ne sehn oder hett Paul ne bi jo

fischt? Wie beben sie, wenn abends eine schwere Wolkenwand seewärts auf

der Elbe steht oder wenn die Winde im Schornstein sausen!

In dieser Zeit werden keine Hochzeiten gefeiert. Es ist eine stille,

bange Zeit.

Glücklich preist sich die Frau, deren Mann seinen Ewer anbinden und

auflegen kann: das können und wollen aber nur wenige, denn die Zeiten

sind schon nicht mehr danach, daß man mit dem Sommerfang auskäme: es muß

auch Winters gefischt und verdient werden.

Ein furchtbarer Ernst umkrallt die Segel, die den Stürmen

entgegenfahren.

* * * * *

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank, hundertfünfzig Seemeilen hinter

Helgoland auf der Höhe von Hornsriff. Mit der abnehmenden Sonnenwärme

haben die Fische die seichten Küsten verlassen und sind nach der Mitte

der Nordsee, in die Tiefe geschwommen, wo das Wasser wärmer und der

Grund stiller ist. Wer noch einen guten Streek tun will, der muß

Helgoland und Neuwerk weit hinter sich lassen und sich schutzlos der

weiten See anvertrauen. Die Schollen müssen aus den Stürmen herausgeholt

werden.

Es sind nur die größten Kutter und die stärksten Ewer, die diesen

Winterfang betreiben können: die andern liegen scharenweise zu Cuxhaven

und warten auf den Hering.

Klaus Mewes fischt auf der Doggerbank.

Sein Ewer ist gut, seine Segel sind stark, seine Leute sind erprobt und

für sich selbst kann er auch einstehen: so kurrt er getrost zwischen den

Engländern und Holländern und läßt seine deutsche Flagge im Winde wehen.

Es verschlägt ihm nichts, wenn die See einmal so grob wird, daß er

reffen muß, oder wenn der Wind es so gut meint, daß er das Netz

einhieven und treiben lassen muß: gefischt wird doch wieder, und wer die

Wache hat, der singt in jeden Wind hinein, denn die Fröhlichkeit von

Klaus Mewes erfüllt das ganze Schiff. Nichts fehlt ihnen, als der kleine

Klaus Störtebeker, von dem sie noch jeden Tag sprechen.

Im Süden segeln zwei schwere Finkenwärder Austernkutter, als wenn sie

binnen wollen: aber Klaus Mewes meint, sie tun es, weil sie die Reise

haben, guckt Heben und Wetterglas an und fischt weiter. Gegen Abend

kreuzt nur noch ein holländischer Logger bei ihm, aber er ist noch ohne

Mißtrauen und geht geruhig zu Koje.

In der Nacht ruft Kap Horn, der die Wache hat, zum Reffen. Sie

verkleinern die Segel durch teilweises Zusammenrollen und Festbinden,

denn es ist stur geworden, dann geht Klaus Mewes aber noch wieder zu

Bett, um noch einen Stremel zu schlafen, und Hein Mück tut dasselbe,

denn das Wetterglas ist schon öfters gefallen, und auf Kap Horn, den

Altbefahrenen, können sie sich verlassen wie auf den Deich bei

springender Tide.

Nach einer Stunde ruft der Knecht abermals. Es ist zu stur geworden und

er muß befürchten, daß der jagende Ewer die Kurrleine abreiße. Klaus

Mewes guckt in den Wind und ist damit einverstanden, daß sie einziehen.

In schwerer Arbeit bergen sie die Kurre und die gefangenen Fische, dann

schickt er die Leute zu Koje und übernimmt selbst die Wache. Im Sturm

gehört das Ruder ihm, dem Schiffer!

* * * * *

Bis gegen Morgen hielt er den Ewer allein, immer scharf am Winde, so daß

die Segel eben zwischen Klappern und Vollfallen standen, und hatte keine

Haverei, so viel Wasser er auch überbekam und so stark der Ewer auch

stampfte und schlingerte. Der Wind war Nordwest zum Westen und wehte

etwa in Stärke 8 nach dem alten englischen Admiral Beaufort.

Da mit einem Male legte er sich gänzlich -- ganz still wurde die Luft.

Mit schlaffen, schlagenden Segeln, furchtbar knarrenden Gaffeln und

donnernden Schoten dümpelte der Ewer in der hohen Dünung.

Klaus Mewes rief seine Leute, denn er traute dieser Stille nicht. Sie

machten sich klar zum Sturm, der kommen mußte, denn das Wetterglas fiel

rasend. Kurrbaum und Kurre wurden unter Deck verstaut, das Boot wurde

ausgepackt und mit doppelten Ketten umwunden, damit es nicht über Bord

gehe, das Bugspriet wurde eingezogen und Plichten und Luken wurden

geschalkt. Auch sich selbst machten die Seefischer sturmbereit, dann

steckten sie das zweite Reff in die Segel -- und dann kam der Sturm

wieder, diesmal aber von der andern Seite und furchtbarer an Gewalt. Es

trommelte und pfiff im Südwesten, als wenn ein Heer in der Schlacht zum

Stürmen lärmte, der weiße Geifer floß aus dem Maul des Untieres, das

brüllend auf sie zukam und sich wütend auf sie warf, daß die Masten sich

bogen und Hein Mück laut aufschrie. Einen Augenblick schien es, als wenn

der Ewer dem ersten, gräßlichen Anprall nicht standhielte, als wenn er

umkippte, aber es schien nur so, denn Klaus Mewes war auf der Hut und

riß ihn auf. Wie brauste es in den Lüften, wie erhob sich die See, wie

tanzte der Ewer! Wenn er mit dem Kopf tauchte, stand er mit dem

Achtersteven so hoch, daß es aussah, als überschlüge er sich, und erhob

er den Bug hoch aus der See, so zeigte er das tränenüberströmte Gesicht

eines Riesen: das Wasser rann ihm aus den Klüsenaugen und über die

Backen. Wenn nur die Masten nicht über Bord gingen, wenn nur die Luken

nicht zerschlagen wurden!

Südweststurm --

Noch vor Mittag mußten sie das dritte und letzte Reff einstecken, denn

der Ewer konnte die Segel nicht mehr tragen. Sie standen nun allemann an

Deck, mit Tauen festgebunden: Klaus Mewes unverzagt am Ruder, das er

nicht los ließ. Als die Seen immer naseweiser wurden, scherte Kap Horn

einige starke Taue kreuz und quer über Deck, von Wanten zu Wanten und

von der Winsch nach der Besan, damit sie überall einen Halt fänden, wenn

sie stolpern sollten.

Die Flagge war in Fetzen zerrissen. Klaus Mewes sah es wohl, aber er

tröstete sich, daß es in Hamburg ja noch mehr Flaggen zu kaufen gäbe,

und ließ sich nicht unruhig machen, so wenig wie Seemann, der

unbekümmert im Nachthaus ruhte. Er hatte schon andre Stürme erlebt und

überstanden.

Der Wind wurde aber immer wilder und ochsiger, die schlimmen Regenflagen

jagten einander und die See kochte immer furchtbarer. Der Ewer wollte es

auch mit dem gerefften Großsegel nicht mehr tun: sie mußten es wegnehmen

und dafür den kleinen Klüver als Sturmsegel setzen, statt der Besan aber

den dreieckigen Nackenhut. Als die Sturzseen über den Ewer brachen und

alles zu Wasser machten, wurde Hein in die Koje geschickt, damit er

nicht über Bord spüle, und Klaus Mewes blieb mit Kap Horn allein an

Deck. Noch war keine Angst in sein Herz gekommen, so toll es auch im

Wirbel ging, noch stand er fest, so glatt auch das Deck war und so

schwer auch die Wogen über den Setzbord schlugen! Noch immer lachte er

des Sturmes und wünschte seinen Jungen herbei, damit er ihm zeigen

könne, was Klüsen heiße. Auch als die Fock knallend aus den Lieken flog,

verzog er nicht das Gesicht, denn er hatte noch eine Fock. Ohne sich zu

besinnen, sprang er die Treppe hinunter, riß das Segel aus der

Dielenkoje und holte es mit zwei Reffen auf. So ging es wieder einige

Stunden gut, bis es Abend wurde und die Nacht jählings hereinbrach, eine

sternenlose, sargdunkle Nacht. Da ritt der Sturm mit elf bis zwölf

Windstärken sein schweißbedecktes, mit weitgeöffneten Nüstern und

fliegender Mähne einherbrausendes Roß, die Nordsee, und selbst die

Sturmsegel, die winzigen Lappen, wollten nicht mehr halten. Wenn sie

nicht alles Tuch in die Winde fliegen sehen wollten, mußten die Segel

gänzlich abgeschlagen werden.

Dann wendeten sie das letzte Mittel an, das ihnen noch blieb, sie

machten die Sturmanker zurecht. Backbords schäkelten sie einen unklaren

Anker auf dreißig Faden Kette und steckten sie an siebzig Faden

Kurrleine, steuerbords taten sie zwei von den eisernen Kurrenkugeln auf

fünfzig Faden Kette. Dieses Notgewicht sollte den Ewer mit dem Kopf am

Winde halten und verhüten, daß er dwars schlüge und von den Seen

kopfheister geworfen würde. Es ging auch alles klar: der Ewer lag gut am

Winde. Dicht war er auch noch, wie die Peilung der Pumpen ergab.

So jagte der Sturm sie die ganze Nacht; er wirbelte den Ewer vor sich

her wie der Jäger das Wild, das er lahm geschossen hat. Die ganze Nacht

trieben sie auf der wilden, hungrigen See, durchnäßt und ermattet, aber

in eiserner Wachsamkeit. Sie waren allein auf der Doggerbank, nirgends

war ein Schiff zu sichten und sie sahen kein anderes Licht als die

Strahlen des Elmsfeuers, das in Büscheln auf den Toppen der Masten und

an den Blöcken der Gaffeln geisterhaft glomm, bis eine Hagelflage es

verlöschte.

Gegen Morgen, als sie etwas gegessen hatten und der Junge wieder mit an

Deck stand, weil es schien, als flaute der Sturm ab, bekam der Ewer eine

schwere Sturzsee über, die wie ein Felsen gegen den Steven schlug und

verheerend über das Deck brandete und schäumte. Die Fischer fühlten sich

emporgehoben und verloren den Grund unter den Füßen, sie mußten

schwimmen und spülten hin und her, daß sie glaubten, der Ewer sei schon

in die Tiefe gedrückt. Es war nichts mehr zu machen!

Klaus Mewes hatte sich gerade wieder aufgerichtet -- da schrie er

gellend auf, denn eine schwere, kreißende, ungeheure See hing wie ein

Berg, wie ein Eisberg steil über ihm und senkte sich ehern. »Holt jo

fast, holt jo fast!« rief er schrill, aber der Lärm des Wassers und des

Windes drängte ihm die Worte in den Mund zurück und erstickte sie. Dann

schleuderte die See ihn wie Gerümpel zur Seite und warf ihn gegen das

Nachthaus, daß ihm Hören und Sehen vergehen wollte.

Als der Ewer die Sturzsee überstanden hatte und sich wieder mit den

kleinern Dwarsläufern abriß, hing Kap Horn mit zerrissenem Ölzeug und

blutendem Gesicht in Lee an den Wanten, von Hein Mück war aber nichts

mehr zu sehen und mit ihm war auch das Boot vom Deck verschwunden:

zerrissen lagen die Ketten auf den Luken. Sie suchten die See mit den

Augen ab und warfen den Rettungsring über Bord, aber obgleich es schon

einigermaßen hell geworden war, konnten sie doch weder Hein Mück, noch

das Boot entdecken. Nur wilde, graue See war ringsum: der Junge war weg

...

»Dat duert bloß en Ogenblick, denn ist ut,« sagte Kap Horn tröstend, der

nach achtern gekommen war und sich bei seinem Schiffer hingestellt

hatte.

Klaus Mewes gab keine Antwort, er blickte immer noch über die See und

suchte seinen Speisemeister. Was sollte er sagen, wenn die Mutter

angeweint kam und ihn fragte, wo er ihren Jungen gelassen hätte?

* * * * *

»Goh man dol, Kap Horn, hier up Deck ist nix mihr,« rief Klaus, aber Kap

Horn schüttelte den Kopf und blieb bei ihm. Wenn es zum Sterben gehen

sollte -- und es sah ja so aus, wollte er nicht in der verschlossenen

Kajüte ersticken, sondern frei in der See ertrinken: bis es aber so weit

war, wollte er bei seinem Schiffer ausharren.

Klaus Mewes gab noch nichts verloren, wenn er auch nicht mehr lachte,

sondern ein ernstes Gesicht machte. Wie ein Wiking trotzte er der See,

wie ein Löwe verteidigte er seinen Posten am Ruder, wie ein Hagen hielt

er aus. Er verband seinem Knecht die blutende Stirn und streichelte

Seemann das nasse Fell, er sah von Zeit zu Zeit die Pumpen nach, er

lotete gewissenhaft und tat alles, was sich noch tun ließ bei solcher

Gelegenheit. Er dachte an Hein Mück und dessen arme Mutter, an

Störtebeker und an Gesa, aber an Bleiben dachte er nicht.

Ein englischer Trawler kam in Sicht, ein Huller, das erste Schiff seit

zwei Tagen. Aber der lag beigedreht und hatte genug mit sich selbst zu

tun. Dennoch hätte er vielleicht geholfen, wenn Klaus Mewes die

Notflagge gezeigt hätte, aber Klaus Mewes dachte nicht daran. Sich von

einem Ingelschmann ins Schlepptau nehmen lassen! Gott schall mi

bewohren, dachte er und ließ John Bull stiemen, der dann auch wieder aus

den Augen kam.

Sie trieben ja gut, ins Skagerrak hinein! Nördlich genug, um von Jütland

freizuscheren, hatten sie nur mit der norwegischen Küste zu tun -- und

die war noch weit weg.

»Ik gläuf, wi kommt dorch,« sagte der Knecht. Etwas verwundert sah der

Schiffer ihn an. »Wat schullen wi ne dörkommen!« antwortete er, »wi weut

doch ne blieben!«

Und er ging in die Kajüte, um etwas zu essen und zu trinken. Danach

mußte Kap Horn hinunter, damit er nicht flau würde.

Am späten Nachmittag aber wurde der Wind, der zeitweilig etwas schwächer

gewesen war, zum Orkan! Das Fahrzeug arbeitete gewaltig und steckte mehr

unter als über dem Wasser. Von allen Seiten sauste die wilde Dünung über

Deck. Und siehe, siehe: eine Grundsee, die der Sturm in der Tiefe

aufgerüttelt hatte und die mit Sand geschwängert und mit Muscheln und

Steinen beladen war, schoß herauf, richtete sich urgewaltig auf und lief

dem Ewer nach, der nicht von der Stelle konnte. Bleischwer stürzte sie

sich auf das Achterdeck und drückte es nieder, daß der Steven steil aus

dem Wasser sprang und die Ketten rissen, dann packte sie den Ewer mit

ihren Tigerkrallen an den Seiten und warf ihn dermaßen auf das Wasser,

daß er nicht wieder aufstehen konnte.

Kap Horn kam nicht wieder an die Oberfläche, er fühlte, daß er den einen

Arm nicht bewegen konnte, und sank langsam in die Tiefe. Da gab er den

Kampf und das Leben auf, der alte Janmaat, und legte sich in seines

Gottes Hände: er hätte noch mit seinem Schiffer fischen und segeln

können, hätte bei Hochzeiten am Deich auf seiner Harmonika spielen und

den kleinen Klaus Störtebeker mit zu einem rechten Fischermann machen

können, aber wenn es sein mußte, ging es wohl auch ohne ihn. Er hörte

nicht mehr das Sausen des Wassers: eine große, tiefe Stille legte sich

um ihn ... ganz in der Weite klangen Glocken ...

Klaus Mewes war es gelungen, die schweren Seestiefel loszuwerden, die

ihn in die Tiefe ziehen wollten, wie seinen Knecht. So tauchte er wieder

auf und versuchte, zu schwimmen. »Kap Horn, neem büst du?« schrie er in

den Sturm hinein und rang schwer mit der Dünung, die ihn furchtbar hin

und her warf. Beständig liefen ihm die Seen über den Kopf, so daß er

viel bitteres Wasser schlucken mußte.

Er sah, wie der Ewer versank, wie die Masten sich noch einmal

aufrichteten und dann untertauchten, daß kein Topp und kein Flögel mehr

zu sehen waren. Blasen schossen steil aus dem Wasser, dann aber strich

der Sturm mit unwirscher Hand über die Stelle hin und machte sie wieder

so kraus, wie die ganze See war.

Klaus Mewes war allein: sein Knecht und sein Junge, sein Hund und sein

Ewer waren ertrunken, er trieb in der wilden Dünung von Skagen: nirgends

war ein Schiff, nirgends ein Halt. Er dachte, eine Luke oder ein Brett

des untergegangenen Ewers zu finden und sich daran festzuhalten, aber er

konnte nichts sehen.

»Geef di, geef di, Klaus Mees!« brüllte die See, aber er gab sich nicht,

mit aller Kraft hielt er sich oben, denn er wollte noch nicht sterben

und er konnte noch nicht sterben. Was sollte aus seinem Jungen werden,

den keiner verstand als er? Wie die Sturzseen über den Ewer hergefallen

waren, so würden sie am Deich über ihn herfallen und alles zerstören

wollen, was er in ihm erbaut hatte: die schöne Furchtlosigkeit, die

Liebe zur Seefischerei, das Vertrauen auf die eigene Kraft, die Freude

am Sturm: alles würden sie ermorden wollen! Ob Störtebeker schon stark

genug war, alles zu ertragen? Oder ob er wie ein armer Hase den vielen

Hunden erlag, ob er den Sommer auf See vergaß und sich zu einem

Schneider oder Schuster machen ließ! »Gesa, Gesa, lot mi den Jungen!«

rief er in den Sturm hinein. Er sah seine Frau vor sich, jung und

blühend, und dennoch keine Fischerfrau, ewig bange und ewig unruhig: sie

hatte nicht viel von ihm gehabt, weil sie nicht mitkonnte. Der einsame,

ringende Schwimmer sah auch seine Schuld, er wußte, daß er oft hart mit

ihr gewesen war, als er mondelang nach der Weser fuhr und ihr den Jungen

abwendig gemacht, als er ihre Angst verlacht hatte, -- aber Reue fühlte

er nicht. Sie würde weinen, aber die Ruhe würde in ihr Herz kommen und

sie würde ihren Mann erkennen lernen. Brot hatte sie: einen Zeugladen,

wie ihn die andern Witfrauen aufmachen mußten, um sich zu ernähren,

brauchte sie nicht.

Klaus Mewes fühlte, daß seine Arme ermatteten und daß er es nicht mehr

lange machen konnte. Noch einmal ließ er sich von einer Wogenriesin

emporheben und blickte von ihrem Gipfel wie vom Steven seines Ewers über

die See, die er so sehr geliebt hatte, dann gab er es auf. Es paßte

nicht zu seinem Wesen, sich im letzten Augenblicke klein zu machen und

mit den Seen um die paar Minuten zu handeln. Er konnte doch sterben!

Er schrie nicht auf, noch wimmerte er, er warf sein Leben auch nicht dem

Schicksal trotzig vor die Füße, wie ein Junge. Groß und königlich, wie

er gelebt hatte, starb er, als ein tapferer Held, der weiß, daß er zu

seines Gottes Freude gelebt hat und daß er zu den Helden kommen wird.

Mit einem Lachen auf den Lippen versank er, denn er sah einen

glänzenden, neuen Kutter mit leuchtenden, weißen Segeln und bunten

Kränzen in den Toppen vor sich, der stolz dahinsegelte, und am Ruder

stand ein lachender Junggast, sein Junge, sein Störtebeker ... grüßend

winkte er mit der Hand ... fahr glücklich, Junge, fahr glücklich, sieh

zu, daß du dein fröhliches Herz behältst, fahr glücklich! Guten Wind und

mooi Fang, mien Jung! ...

Dann ging die gewaltige Dünung des Skagerraks über ihn hinweg. -- -- --

--

* * * * *

Thees, der Segelmacher, hat es nachher oft genug erzählt, wie es an

demselben Tage unsichtbar an dem Segel gerissen hätte, bei dem er gerade

zu tun hatte. Als er genau zusah, war es Klaus Mewes seine Fock, an der

unsichtbare Hände wie in höchster Not zerrten. Thees sah eine Weile zu,

dann fragte er erschüttert: »Brukst du dat Seil, Klaus? Is de anner Fock

di woll tweireten?« und versuchte, das Tuch glatt zu ziehen, als das

aber nicht gehen wollte, legte er die Arbeit hin und ging hinaus. Der

Wind blies wie nichts Gutes und die hochflutende Elbe ging wie eine

breite See in Schaum und Gischt. In Seestiefeln und Ölzeug, den

Südwester im Nacken, liefen die Seefischer hin und her und steuerten der

gemeinen Not: sie zogen die Boote und Jollen auf den Deich, damit sie

nicht voll Wasser schlügen, sie kämpften sich nach den Ewern und Kuttern

hinaus, auf denen niemand an Bord war, und steckten mehr Ketten aus,

damit die Fahrzeuge nicht vertrieben, sie schleppten Sandsäcke herbei

und verstopften die Löcher im Deich, damit das Land keine Haverei hätte.

»Is Klaus Mees bihus?« fragte der Segelmacher. »Ne, de is buten,«

erwiderte Jan Lanker, der lustige. »Denn weet ik genog,« sagte Thees

nickend und ging langsam nach seinem Boden zurück. Als er das Segel

wieder übers Knie legte, lag es ganz still -- das Zerren hatte

aufgehört. »Brukst du dat Seil nu ne mihr, Klaus?« fragte er leise und

wollte weiternähen, aber da brach ihm die Nadel ab. Seine Augen weiteten

sich, als wenn er etwas sähe, dann stand er auf, rollte das Segel

schweigend zusammen, legte es in die Ecke und ging an Hinnik Külpers

Besan.

* * * * *

Gesa stand in der Küche hinter der Waschbalje und rubbelte Störtebekers

Kleibüxen, die voll Schlick und Schmeer saßen und gar nicht rein zu

kriegen waren. Ihr Herz war voll Angst und Sorge und sie horchte bange

auf den Sturm, der das Haus vom Deich werfen wollte, denn sie wußte

nicht, ob Klaus einen Hafen hätte, oder ob er draußen sei. Wie wehte es!

Plötzlich fuhr sie zusammen und drehte sich jäh um, denn an der Tür

hatte es gescharrt, sie hatte es deutlich gehört. Stand der Hund, der

Seemann, draußen und begehrte Einlaß, war er vorausgelaufen und kam

Klaus nach, lag der Ewer schon am Bollwerk? Hastig trocknete sie die

Hände ab, um die Tür zu öffnen, da stand ihr das Herz still und ihre

Knie bebten, denn die Tür war von selbst aufgegangen und auf der

Schwelle stand ihr Mann, als wäre er dem Wasser entstiegen. Sein Gesicht

war totenweiß, sein Haar war wirr und seine Augen waren müde und

glanzlos. Niemals hatte Gesa ihn so gesehen. In starrer Angst sah sie

ihn an. Sie wollte ihm entgegengehen und ihm die Hand geben, aber sie

vermochte nicht, die Füße voreinander zu setzen, sie wollte ihn fragen,

ob etwas passiert wäre, ob er Haverei gehabt hätte, aber ihre Zunge war

gelähmt und sie konnte keinen Laut herausbringen.

»Gesa,« sagte die furchtbare Gestalt leise und hob die Hand, da schrie

Gesa laut auf und sank zu Boden.

* * * * *

Störtebeker hatte es hild: er war mit den andern Jungen am Westerdeich

zugange, mit einem großen Knüppel bewaffnet, und schlug die Ratten und

Mäuse und Maulwürfe tot, die angeschwommen kamen, als das Wasser den

niedrigen Katendeich überflutete und das weite Land des Neßbauern

überschwemmte, der auf seiner Wurt wie auf einem Eiland saß und im

Kuhstall Fische fangen konnte. Diese Rattenjagd war etwas für

Störtebeker, dazu hatte er Lust. Eifrig lief er am Deich auf und ab und

befreite ihn von den Plagegeistern. Junge, Junge, dat wür wat!

Seefahrt ist not! · 第 16 / 19 段