Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und

gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.

Vierzehnter Stremel.

Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht

zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war

umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und

die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich

auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der

Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der

ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den

Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht,

weil er es nicht wollte.

Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten

ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See

gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf

Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören

spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen

Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den

Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen

war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!

Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und

streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu

vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine

Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte,

und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!

Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit

aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem

Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm:

das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.

Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach

erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach

und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie

ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen

Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und

Wetterdingen (»dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du

Kiekinnewilt,« hieß es herrisch) -- und das ließen sie sich bald nicht

mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.

Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr

selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie

sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die

Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die

See vergäße: so wenig kannte sie ihn.

Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief

ins Haus: »Vadder kummt up!« Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes,

ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging

sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das

Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen

Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein

Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn

ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.

Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und

dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen

wuchsen und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch

die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.

Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen.

Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und

hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.

Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang

über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord

wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten

Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein

Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.

»Höh, Vadder!«

So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: »Höh, Vadder!

Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!«

Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen

zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen

und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der

trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht

um ihn bekümmere, -- und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr

verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am

Wasser stand und Ausguck hielt!

»Gohn den Draggen! Fock dol!« scholl es dann über Deck und das Echo am

Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm

geworden: »Gohn den Draggen! Fock dol!« Da gewahrte auch Seemann seinen

Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn

sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? -- und er stellte sich

mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die

Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.

Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das

Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter.

Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu

lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig

zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel

zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde

aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es

jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt

geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!

»Mien Kohn ne vergeten, Vadder!« rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum

Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte

der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die

vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben

von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und

stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich

einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen

Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken

aus der Kapp und stieg ins Boot.

Endlich kamen sie an: Hein Mück wriggte, wie es ihm als Jungen zukam,

Seemann stand auf der vordersten Ducht als Lotse, Klaus Mewes und Kap

Horn saßen im Mittel auf der Mastenducht und der Kahn schleppte an der

Kette nach.

Es wurde aber auch hohe Zeit, denn Störtebeker hatte schon mehrmals

seine Hand ins Wasser gesteckt und wenn es noch länger gedauert hätte,

hätte er sich nackt ausgezogen und wäre nach dem Ewer geschwommen.

»Seemann, Seemann, biet mi doch ne de Nees af,« lachte er nun und wehrte

dem Hunde, dann griff er nach seinen großen Stiefeln und trug sie im

Triumph den Deich hinan, der Herold der langsam nachkommenden

Seefischer. Seemann, der auch etwas tragen wollte, hatte sich ein

Stückchen Segeltuches aus dem Boot geschnüffelt und schleppte sich damit

ab.

Da war große Freude auf dem Neß: erst tranken sie köstlichen Kaffee in

der Küche, und die gelben Birnen und rotbackigen Äpfel, die sich leicht

im Winde wiegten, lachten sie von draußen an. Und köstlich war die

Fragerei von Störtebeker nach dem Wetter und nach dem Fang: er hörte

nicht eher auf, bis er die ganze Reise von Streek zu Streek wie ein

buntes Bilderbuch vor sich ausgebreitet sah.

Gesa wunderte sich auch sehr über seine große Munterkeit und sie sah

Klaus mehrmals bedeutsam an; er wußte aber nicht, was sie damit sagen

wollte.

Nach dem Kaffee hängte Störtebeker mit Hein Mück die Scharben auf, dann

versorgte er die Nachbarschaft mit Schollen vom letzten Hol und half die

Fische zumachen, die sie selbst braten wollten, denn er konnte schon

Flossen und Steerte abschneiden. Alle seine Unlust war verweht und

verflogen: er lebte und lachte wieder. Er schipperte mit seinem Vater,

in dessen Augen auch ein Leuchten stand, an Bord und ging wieder auf

seinem großen, schönen Ewer umher, er pumpte und schruppte, er bewegte

das Ruder, als wenn er steuerte, er drehte die Winsch, um sich an das

Einziehen der Kurre erinnern zu lassen, er kletterte in die Wanten, als

wenn er den dicken Neuwerker Feuerturm an der Kimmung suchen wollte, er

blickte nach dem Kompaß und nach allem.

Den Abend saß er oben im Wipfel des Lindenbaumes vor der Tür und piepte

wie ein Sperling, während sein Vater und seine Mutter, Kap Horn und der

Jäger in der Dämmerung auf der Bank saßen, nach den Lichtern auf der

Elbe guckten und in geruhigem Gespräch verweilten. Als der Spatz aber

gar nicht ins Nest wollte, ergriff Klaus Mewes ihn zuletzt an den

nackten Beinen, zog ihn herunter und steckte ihn in die Kapuze.

* * * * *

In der Nacht um zwei lief der Wecker ab. Klaus Mewes und Störtebeker

standen auf und zogen sich an, dann gingen sie im Dunkel den Deich

entlang nach der Neßkule, in der der Kahn lag. Es war nebelig und

naßkalt. Die Bäume tropften und in den Pappeln saß ein Flüstern, wie die

Seen es an sich haben, wenn sie um den Steven glucken. Auf den Feldern

braute der Fuchs.

Störtebeker trug ein dickes, wollenes Halstuch und hatte seine großen

Stiefel an. Sie kletterten schweigend in das Fahrzeug und stießen vom

Lande ab. Der Junge wriggte. Neben ihnen rauschte das Reet und in der

Schleuse murmelte das Wasser. Auf der Wisch lagen die schwarzen Kühe

regungslos im Gras und erwarteten den Morgen. Eine wilde Ente flog auf

und verschwand surrend.

Als sie die Elbe erreicht hatten, wurde es noch kälter. Der fliegende

Nebel wischte seine feuchten Hände an ihnen ab und ließ sie erschauern.

Klaus Mewes saß in Gedanken auf der Ducht und hörte auf das Knarren des

Riemens, als wenn es etwas zu bedeuten hätte. Eine Jolle, die kein Licht

brennen hatte, ging mit ihrem hohen, dunkeln Segel wie ein Gespenst

vorbei, dann stieg der Ewer groß und schwarz vor ihnen auf, daß Klaus

Mewes erbebte, denn er meinte, ein fremdes Schiff vor sich zu haben.

Sie kletterten an Bord und weckten die Leute, die in den Kojen

schliefen. Die Laterne wurde angesteckt; dann suchten sie Körbe und

Hummerkasten her und packten die Fische aus dem Eis. Das Boot wurde klar

gemacht, der Mast aufgesetzt und das Segel gehißt, sie verstauten die

Körbe und Kasten zwischen den Duchten, dann versank der Ewer wieder in

Nacht und Schweigen, Klaus Mewes und sein Junge aber segelten mit dem

Boot nach dem Fahrwasser hinaus. Es war mittlerweile Flut geworden,

sodaß sie trotz des schwachen Windes gute Fahrt machen konnten. Sie

saßen beide auf der Achterducht und jeder hatte eine Hand auf dem

Helmholz des Ruders liegen. Große, hohe, leere Kohlendampfer, die von

oben kamen, mahlten an ihnen vorbei und zwangen das Boot, sich tief

hinter ihnen zu verneigen. Die Schrauben hauten halb aus dem Wasser und

wirbelten den Schaum hoch auf. Vor und hinter ihnen segelten viele

Jalken und Jollen, Boote und Ewer, aber obgleich Klaus Mewes manches

Fahrzeug erkannte, rief er doch keins an, denn ihm war zum Schweigen

zumute.

Machte es der Herbst, der sich ankündigte, dachte er der Stürme, die ihm

bevorstanden, oder kam es von dem Jungen her, der neben ihm saß? Er

konnte es nicht deuten.

Als der Morgen graute, kamen sie zu St. Pauli an und legten Tamp,

setzten ihre Fische in die Halle und warteten den Beginn der

Versteigerung ab. Um sechs schallte die Glocke laut durch das Gewölbe

und rief die Fischhändler, die Höker und die Weiber zusammen, der

Auktionator erhob seine Stimme und ein Hammerschlag folgte dem andern,

denn bei den Fischen gibt es kein langes Besinnen. Der große und der

kleine Klaus standen vor ihren Kavelingen und warteten, bis die Reihe an

sie kam und Gustav Platzmann ihre Fische verklopfte, die großen Zungen,

die Mittelzungen, die kleinen, die Kleiße und Steinbutte, die Schollen

und Rochen, die Petermännchen und Knurrhähne. Störtebeker mußte sich

bannig wundern, denn als er dachte, nun ginge der Handel an, da war

schon alles verkauft und die Händler standen bereits auf andern Kisten,

aber auch Klaus Mewes machte sich seine Gedanken darüber, daß alles so

schnell gegangen war. Was er in langen, mühseligen Streeken, an

stürmischen Tagen und in dunkeln Nächten dem Meere abgewonnen hatte, was

er Fisch für Fisch in der Hand gehabt und sorgsam auf Eis gebettet

hatte, das wurde hier in einer Minute mit drei Hammerschlägen abgetan.

»Nu goh man hin un hol man frische Fisch, Klaus Mewes« -- und damit

basta.

Die Abrechnung konnte er erst später bekommen -- sie hatten deshalb noch

viel Zeit. Als sie die Fische der andern Ewer und Kutter besehen hatten,

guckten sie nach Altona hinüber und schauten den Elbjollen in die

Bünnen, dann kehrten sie bei Eierkohrs an der Ecke der Schellfischallee

ein und tranken Kaffee. Und weil es schien, als wenn die Weiser der Uhr

festgebunden wären, stiefelten sie sogar noch nach der Reeperbahn

hinauf. Aber da war noch alles tot, der Kasper schlief noch: sie guckten

denn auch nur eben bei Umlauff und Hagenbeck und beim Panoptikum in die

Fenster und gingen dann zurück nach dem Fischmarkt.

»Non, Klaus, schall de Jung nu wedder mit no See?« fragte Jan Tiemann,

der Elbfischer.

»Ne, Jan, he is bloß mol mit to Markt,« sagte Klaus Mewes.

»Jä, jä, Klaus, dat magst du woll seggen. Is ok all to winnig buten, is

to ruselig, Klaus! Is keen Gelegenheit mihr för son lütje Geutjen,

Klaus!«

Klaus Mewes nickte halb, Störtebeker aber sah den Elbfischer feindselig

an und dachte: Wat weest du Buttpedder dorvan af?

Als sie später mit der Ebbe hinunterkreuzten, inmitten der vielen

Dreuchewer, die unter Segel waren, war Klaus Mewes seiner Gedanken ledig

und blickte wieder fröhlich über die Elbe. Und Störtebeker sah ihn von

der Seite an und wollte fragen, was er schon gestern am Bollwerk fragen

wollte und was ihm seitdem schwer auf dem Herzen lag: ob er wieder mit

an Bord solle, wieder mit nach See. Sie hatten eine schöne Reise

gemacht, das hatte er in der Halle wohl gehört: konnte es da nicht sein,

daß sein Vater ja sagte? Aber so viele Male er auch ansetzte, er brachte

die Worte doch nicht heraus: im letzten Augenblick stotterte er und

fragte nach einem nahen Schiff oder nach etwas anderm. Klaus Mewes

fühlte wohl die Not seines Jungen, aber er tat, als sei er ganz

unbefangen.

So segelten sie die Elbe hinunter.

Nach dem Essen legte der Schiffer die Abrechnung von St. Pauli auf den

Tisch, daß sie jeder sehen konnte, und der Knecht bekam dreizehn

Prozent, der Junge neun Prozent des Erlöses. Klaus Mewes, der gute Leute

hatte und ein glücklicher Seefischer war, konnte ein Prozent mehr geben

als die andern Fischer, und er tat es gern.

* * * * *

Wenn ich ein Fischer wäre, ließe ich meine Segel nicht von Thees to

Baben machen. Ich ginge zu Jakob von Cölln am östlichen Norderelbdeich

oder zu Kai Kröger auf der Müggenburg, aber zu Thees to Baben ginge ich

nicht. Tief im Mittelalter mit seinen Hexen und Teufeln sitzt der Mann

noch, der kleine, krumme Segelmacher. Wie übernatürlich lodert es in

seinen dunkeln Augen, wie zuckt es um seinen Mund, wenn er spricht, wie

wirr ist sein Haar! Überall sieht er es spuken, allerwärts wittert er

Unglück und ewig hat er es mit den Hexen zu tun. Wie unheimlich ist sein

Tun, wenn er Segel näht: erst legt er die Karten, um den rechten Tag und

die rechte Stunde für die Arbeit herauszuklamüstern, und dann rutscht er

wie ein Magier auf dem Segeltuch umher, murmelt unverständlich vor sich

hin, spricht mit den Reffbändern wie mit Menschen und streicht sonderbar

über die Lieken, um die Hexen zu bannen. Er weiß, welche Segel zerreißen

und welche Fahrensleute bleiben: alle Schiffsuntergänge der letzten

vierzig Jahre hat er im Kopf. Mir graut vor ihm.

* * * * *

Jan Hinnik und Jan Harm, die beiden redseligen Wattenfischer, saßen auf

dem Segelboden und erzählten sich etwas mit ihm. Thees to Baben hockte

auf einem neuen Großsegel, wie der Schah von Persien auf seinem Teppich,

und verklarte ihnen sein Steckenpferd, das Leben von Doktor Faust, der

sich dem Teufel verschrieben hatte und dafür alles bekommen konnte, was

er haben wollte: Gold und Silber und Edelsteine, schöne Mädchen und das

Feinste zu essen und zu trinken.

Da kam Klaus Mewes mit seinem Jungen lachend über die Deichbrücke zur

Tür herein, bot den Fahrensleuten die Tageszeit und fragte den

Segelmacher, was er für den neuen Klüver zu bezahlen hätte.

Thees lächelte eigentümlich und sagte: »Du kummst ok jümmer, wenn ik di

ne bruken kann, Klaus Mees. Ik wür hier so scheun mit Dokter Faust inne

Gangen un nu frogst du, wat de Klüber löppt un ik mütt upstohn un an to

reken fangen!«

»Dorüm kannst du doch wieder vertillen, Thees,« lachte Klaus.

»Ne, ne, di vertill ik nix,« antwortete der Segelmacher, der

aufgestanden war und sein Buch suchte, »di vertill ik nix, du lachst jo

doch bloß ober sowat; du meenst, dat gifft bloß dat, wat du vör Ogen

sühst: aber ich sage dir: irre dich nicht, Klaus Mewes! Schall ik di mol

de Kortjen leggen?«

»Ne, lot man, Thees,« wehrte der Seefischer heiter ab, »ik gläuf ne an

Hexen.«

»Wat he guchelt, de grote Klaus Mees!« wandte der Alte sich an die

beiden Wattenläufer, »wat he glüst, as wenn he ne blieben kunn!«

»Man keen Bangen,« rief Klaus sicher, »ik blief ok ne!« Und Störtebeker,

der auch einmal zu Wort kommen wollte, setzte nachdrücklich hinzu:

»Vadder kann ne blieben, he kummt jümmer wedder!«

»Do ik ok, mien Jung!«

Der Segelmacher aber blickte ihn über seine Brille hinweg an und sagte

mit veränderter Stimme: »Dat hett dien Vadder ok seggt, Klaus Mees! De

kunn ok ne blieben! Thees, sä he troß to mi: van tein blifft jümmer bloß

een: ik hür ober to de negen, de glücklich fohrt. Jä, un de See is em

doch ober worden, is em doch ober worden, Klaus Mees, un de See, dat

gläuf man, is noch jümmer hungerig no Ebers un Kutters!«

»Dat vertill man ole Wieber, de keen Tähnen mihr hebbt,« erwiderte Klaus

Mewes unerschüttert, »wi könt noch fix bieten un lot uns ne oberdübeln!

Wat ist mit den Klüber? Kannst dien egen Schrift ne lesen?«

Der Segelmacher schüttkopfte und strich sich mit der Hand über die

Augen, dann begann er wieder in seinem Hauptbuch zu suchen und zu

blättern, aber er kam wieder zu keinem Ergebnis und sagte zuletzt, er

sei wieder behext, die Hexen stünden hinter ihm und hielten ihm die

Augen zu, damit er das Konto nicht finden solle. »Betohl anner Reis,

Klaus Mees, dat löppt jo ne weg!«

»Och wat, kiek man mol eulich to, Thees,« mahnte der Fischer, »ik kann

ne jeden Dag langsen Diek slarpen üm dienenhalben.«

»Ungläubig wie Thomas und ungeduldig wie Maleachi,« sagte Thees und

vertiefte sich von neuem in seine doppelte Buchführung. Das dauerte

Klaus zu lange, er trat näher und sah ihm über die Schulter. Plötzlich

rief er: »Hier steiht dat jo doch, Thees, kiek hier: Klaus Mewes, ein

Klüfer 98 Mark.«

Der Segelmacher erschrak und starrte die drei Reihen an. Dann sagte er

wie in Gedanken: »Dat is jo all dörstreken, Klaus: keen hett dat denn

don?«

»Dat hest du woll sülben mol innen vullen Galopp don?« lachte Klaus,

»betohlt hebb ik gewiß noch ne.« Und er zählte das Geld auf. »Sühso,

Thees, till no, wat dat ok stimmt!«

Der Segelmacher schob es aber von sich und sagte, er könne es nicht

nehmen, das Geld gehöre ihm nicht.

»Kumm, Störtebeker!«

Klaus Mewes hatte das Lavieren des Alten satt, er wollte auch noch nach

Peter Fick hin: deshalb verabschiedete er sich kurz und trat aus der

Segel- und Teerluft des Bodens in den frischen Westwind hinaus.

»Dat is jo en bannigen Quarkbüdel, Vadder,« sagte Störtebeker, als sie

draußen waren. Klaus Mewes gab nicht gleich Antwort, denn es ging ihm

doch etwas durch den Sinn, dann aber sagte er: »Jo, de hett allerhand

Grabben.«

Sie gingen westwärts.

Mit einem Male griff Störtebeker nach seines Vaters Hand, was er sonst

nur selten tat.

»Vadder ...«

»Non?«

»Och -- nix ... Du bliffst doch gewiß ne, Vadder?«

»Ne, mien Jung, ik blief ne!« rief Klaus Mewes und suchte seinen Ewer

auf dem Wasser.

* * * * *

Thees to Baben, der griese Segelmacher, sah ihm nach, und nachher, als

die Gäste ihn verlassen hatten, um Abendbrot zu essen, nahm er sein Buch

nochmals vor und besah forschend die Striche, die über Klaus Mewes und

seinen Klüver gingen. Er konnte nicht begreifen, wie sie dahin gekommen

waren, denn er strich die Reihen nur dann durch, wenn der Fischermann

bezahlt hatte oder -- wenn er geblieben war.

Kopfschüttelnd klappte er zuletzt das Buch wieder zu und steckte das

Geld, das immer noch auf der Fensterbank lag, unter scheuen

Seitenblicken ein.

* * * * *

Klaus Mewes konnte jetzt sehr gut die Elbe finden: nach zwei Wochen lag

er wieder vor dem Neß. Stürme hatten ihn einige Tage hinter List

festgehalten und er hatte nur wenig gefangen, aber Störtebeker freute

sich, ging wieder mit nach Hamburg hinauf und half an Bord, wo er nur

konnte. Sie gingen diesmal mit dem Ewer zu Markt, weil es stark wehte.

Die deutsche Flagge war gänzlich zerrissen: Klaus kaufte deshalb auf dem

Pinnasberg eine neue und setzte sie in den Knopf. Als sie gegen Mittag

die Elbe hinunterkreuzten, hatten sie zu pulen, denn der Wind war

aufgefrischt und die Elbe ging in Hemdsmauen.

Bei Teufelsbrücke, dwars vom Beek, gerieten sie in eine gewaltige

Hagelflage hinein, die sich mit wildem Ungestüm auf die Segel warf. Aber

der Ewer, von dem besten Fischermann gesteuert, wehrte sich wie ein

Stier und wies dem Wind die Hörner.

Plötzlich rief Kap Horn: »U, kiek« und sprang nach vorn. Da trieb eine

Fischerjolle kieloben. Klaus Mewes setzte hastig das Ruder fest und

stürzte auch nach dem Steven. »Dor drifft een!« schrie Kap Horn und wies

leewärts. »Denn fot man gau de Boot mit an,« schrillte Klaus, »Hein,

inne Wind den Eber!«

So schnell es ging, warfen sie das Boot vom Deck, die Riemen nach und

sprangen über den Setzbord. »Hilpt uns, hilpt uns!« rief es

todesängstlich an Backbord, aber der Hagel ließ wenig Sicht zu: sie

konnten niemand erblicken. »Liek vörut mütt dat ween,« rief Klaus,

»roon, wat du kannst, Kap Horn!« Der Südwester war ihm in den Nacken

geweht und die scharfen Körner flogen ihm in das Gesicht, aber er ließ

den Riemen nicht los. »Holt jo, wi kommt! Wi kommt!« gröhlte er, so laut

er konnte.

»Hilpt uns!«

»Dor drifft een! Roon an, roon an, he buddelt weg!«

Klaus riß den Riemen ein und sprang über die Duchten nach dem Steven, er

beugte sich blitzschnell über den Dollbaum und ergriff den Ertrinkenden

bei den Haaren. Und als er ihn hatte, ließ er ihn nicht mehr los. Kap

Horn stand neben ihm und sie zogen den gänzlich ermatteten Fischer in

das Boot. Hans Danker war es, der Lüttfischer.

»Neem is Trino?« fragte Klaus dringend und spähte umher, denn er hatte

die Frau in Altona an Bord stehen sehen. »Kiek mol to, Kap Horn, wat se

dor drifft!«

Hans Danker aber ächzte dumpf: »De is wegsackt! Harrn ji mi ok doch

verdrinken loten!« »So, un dien Kinner?« fragte Klaus, er blieb aber

noch eine ganze Zeit auf der Stelle; sie ruderten hin und her und riefen

und suchten, um die Frau zu finden.

Hein Mück zeigte sich als ein umsichtiger Fahrensmann: als die beiden

abstießen, warf er sofort Anker, ließ die Fock fallen und machte das

Ruder los, so daß der Ewer mit den klappernden großen Segeln keinen

Schaden nehmen konnte und die Flage gut überstand. Störtebeker stand an

den Wanten und starrte nach dem Boot. Als es sichtiger wurde, kamen von

allen Seiten Jollen und Ewer heran, auch vom Deich segelten Boote

herbei. Da überließ Klaus Mewes denen das Suchen, nahm den gänzlich

gebrochenen Fischer an Bord, richtete die gekenterte Jolle mit der

Tallje auf und schleppte sie durch Gerd Eitzens Loch nach dem Bollwerk.

Von ihm und Kap Horn gestützt, wankte der Fischermann seinem Hause zu.

Der Deich war schwarz von Menschen und viele Frauen weinten.

Die vier Kinder kamen ihnen entgegen. Das älteste Mädchen fing laut an

zu weinen, als es seinen Vater so ankommen sah, und jammerte: »Vadder,

Vadder, neem hest du uns Mudder loten?« Da stöhnte Hans Danker furchtbar

auf und wollte sich losreißen, um wieder zu Wasser zu gehen, aber Klaus

Mewes und Kap Horn hielten ihn fest, redeten ihm freundlich zu und

brachten ihn mit vieler Mühe ins Haus hinein, wo sie ihn der Obhut der

Nachbarn anvertrauten.

Störtebeker stand auf dem Deich und sah alles mit an.

* * * * *

Seefahrt ist not! · 第 15 / 19 段