Bürgermeister-Smidt-Straße zu besorgen hatte, machte er einen Umweg und
ging über den Alten Hafen, um die beiden Seefischer wiederzusehen und
dem großen Klaus Mewes, von dem sein alter Matrose ihm so viel erzählt
hatte, einen Godendag zu entbieten. Aber der Ewer war schon in der
Morgenfrühe nach See gesegelt, so daß Käppen Vinnen kein Glück damit
hatte.
* * * * *
Einmal hatten sie dicht beim ersten Feuerschiff eingezogen und waren
dabei, den Fang zu sichten und die Fische zu kehlen.
Störtebeker nahm die Knurrhähne aus, die er besser halten konnte als die
glatten Schollen und die schleimigen Zungen. Da sah er unter dem Tang
und den Seesternen einen besonders großen, dicken Steinbutt spaddeln. Er
zog ihn heraus und wies ihn herum: »Kiek mol, Vadder, wat förn scheunen
Steenbutt, rein en Stoot!«
Er stand dicht am Setzbord -- und der Ewer holte in diesem Augenblick
plötzlich weit über! -- da sackte er langsam nach hinten über und fiel
über Bord in die See hinein.
Mann über Bord!
Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich
jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin,
stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem
Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe
Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte
ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen
nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing
es an ihm.
Da schwamm der Junge. »Hol di, Klaus, fix roonen!« »Jo, Vadder!« Bevor
er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm
unter die Arme. »Lot den Butt doch los, Junge!« »Ne, Vadder!« Zum Glück
sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord
geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte
erlahmt waren.
Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt
und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen
wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen
und konnten sich verpusten.
Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. »Son scheunen Butt
schull ik wedder swümmen loten?« sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater,
dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf,
damit die Sonne und der Wind es trockneten.
»Up See mütten Kummer gewinnt warrn,« sagte er lachend zu Kap Horn, der
ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes
Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen
hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war's denn auch weiter: er
hatte bloß einmal über Bord gelegen.
Dreizehnter Stremel.
Is de Sommer all her? -- fragen die Frauen, die einander begegnen, denn
ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide
schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft
dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten
werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne
Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.
Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche
Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um
Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die
Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer
tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen
bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu
sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft,
sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe
haben etwas Formloses, Gespenstisches.
Wie Herbst ist der Tag.
* * * * *
»Stuten! Weu ok Stuten?«
Metta Greuns, die Stutenfrau, die von dem schriftgelehrten Jan Stihr,
der ein bißchen heilig ist, nicht mit Unrecht die Finkenwärder
Morgenpost genannt wird, kommt mit ihren mächtigen Kiepen den Deich
entlang, die fast größer sind als sie, und singt vor allen Türen.
»Wullt ok Stuten, Greta?« Oder Meetj oder Ilsbeeken oder Trina oder wie
die Frau gerade heißt. Zu verwundern ist es, daß sie bei den vierhundert
Häusern, die den Elbdeich krönen und die sie abzuklopfen hat, niemals
die Gesinen, Geeschen, Sillen, Oleitjen, Trinken, Angken, Wieschen und
Ginen miteinander verwechselt.
Nun hat sie den Neß erreicht, setzt die Körbe hin und atmet auf.
»Gesa, wullt ok Stuten hebben?« ruft sie ins Haus hinein. Die
Seefischerfrau kommt heraus, bietet ihr Guten Morgen und macht sich über
die gelichteten Kiepen her, um sich ihre Rundstücke und Überschnitte
auszusuchen, wobei sie deren Frische nach Frauenart durch Bekneifen
ermittelt.
Was für schöne Blumen die Gesa auch doch vor den Fenstern hat, denkt die
Stutenfrau, die sich zum Ausruhen auf die Bank unter den Lindenbäumen
gesetzt hat. Sie will doch sehen, daß sie von den dunkeln Blutstropfen
einmal einen Ableger bekomme. Diesmal aber noch nicht, denn sie hat
etwas andres auf dem Herzen. Als sie mit dem lokalen Teil und den
Nachbargebieten ins Reine gekommen ist, fragt sie teilnehmend:
»Diern, is dat wohr mit dien Jungen?«
Gesa schrickt zusammen, von böser Ahnung befallen. »Wat schall wohr
ween?« fragt sie hastig und wird weiß im Gesicht.
»Weest du dor noch nix af?«
»Ne, wat schall ik weeten?« stößt Gesa heraus, »ik weet bloß, wat he
gesund un munter an Burd is!«
»Non, non, non, denn ist jo man god, mien Diern! Wenn dut ne weest, denn
ist woll Snackeree vanne Lüd; de snackt sik jo eendeel trecht! Non, denn
ist jo man god!«
»Wat hebbt se denn doch woll bloß seggt, Metta?«
»Och, denn lot dat man. Harr ik dat weeten, denn harr ik di gorne so
verjogt, mien Diern! Föftein Penn giffst du ut: denn kriegst du jo noch
wat wedder! Wat is dat ok doch dick van Dook vanmorgen!«
Aber Gesa läßt sich nicht ablenken, sie will wissen, was erzählt worden
ist, und läßt der Witfrau keine Ruhe, bis sie es ihr sagt. Am Deich ist
erzählt worden, daß der kleine Klaus Störtebeker über Bord gekommen und
in der See ertrunken sei. Klaus Mewes sei ihm noch nachgesprungen, aber
er habe ihn nicht wiederkriegen können. Wann es gewesen sein soll, weiß
sie nicht, sie kann auch nicht sagen, welcher Seefischer es mitgebracht
hat, sie weiß nur, daß es erzählt worden ist.
»Schree man ne gliek, mien Diern,« tröstet sie, »is jo bloß Snackeree.«
Aber Gesa hört nicht mehr: weinend wankt sie in ihr Haus und bricht mit
einem lauten Aufschrei vor dem Herde zusammen. Ein starkes Schluchzen
erschüttert sie und es dauert lange, bis sie sich wieder erheben kann.
Dann sitzt sie strömenden Gesichts am Tisch.
Es ist gewiß, es ist gewiß! ruft es in ihr, Klaus ist weg! Das ist mehr
als bloßes Gespräch, es ist wahr! Sie hat keinen Jungen mehr, wie sie es
geträumt hat! Heftiger fließen ihre Tränen. Nun weiß sie auch mit einem
Male, warum ihr Mann nicht mehr nach der Elbe finden kann: dieser grelle
Blitz, der in ihre Seele gefallen ist, hat das Dunkel erhellt, das um
seine Fahrt lag: er kann ihr ohne den Jungen nicht unter die Augen
treten, er mag nicht sagen, daß er ihm über Bord gespült ist! Ob er nun
auch noch lacht, der lachende Seefischer, der so sehr an seinem Jungen
gehangen hat? Oder ob er ernst und still geworden ist, weil er seinen
Störtebeker verloren hat?
Gesa schluchzt wild auf. Warum hat sie es zugegeben, daß er mit zur See
kam? Warum hat sie darein gewilligt? Er war doch noch so klein und alles
in ihr schrie doch: Es geht nicht gut? Die Mutter, die ihr Kind aufgibt,
gibt sich selbst auf: das hast du getan, Gesa, klagt ihre Seele sie an.
Nun hatte der kleine Junge im bittern Salzwasser ertrinken müssen und
trieb ruhelos auf dem Meeresgrunde zwischen den Muscheln und Steinen
umher! So lange Zeit, neun Wochen fast, hatte sie ihn nicht mehr gesehen
und nun sollte sie ihn gar nicht mehr zu sehen bekommen! Sie konnte ihm
nicht einmal die Augen zudrücken und konnte ihm keine Blumen auf sein
Grab pflanzen!
Riesengroß liegt die Angst auf ihr, sie vermag sich ihrer nicht zu
erwehren. Stiller geworden, geruhiger, sagt sie sich hundertmal: nein,
nein, es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein, es ist Gerede des
Deiches, Schnackerei der Leute! Der Junge fällt nicht über Bord und
Klaus läßt ihn nicht ertrinken, eher ertrinkt er selbst mit! Nein, nein:
ihr kleiner Klaus lebt und lacht, wie sein großer Vater lebt und lacht,
und bei Wind und Sonnenschein fischen und segeln sie auf See, die beiden
Fahrensleute!
Aber die Angst geht nicht aus ihrer Seele: keine Hoffnung kann sie
verjagen. Sie öffnet die Kommodenschieblade und sucht die letzten Briefe
von Bremerhaven und Geestemünde heraus. In jedem steht, daß der Junge
gesund und munter ist -- und das sollte nicht wahr sein? Ein Mann wie
Klaus Mewes sollte lügen können? Gesa kann es nicht glauben und richtet
sich an diesen Briefen wieder auf, aber wie eine Schlafwandlerin geht
sie die Tage über Deich und Wurt, wartet auf den Briefträger und blickt
über die Elbe. Sie hat keinen Schlaf und keine Ruhe mehr, bis sie gewiß
weiß, daß ihr Junge lebt. Sie hat so viel an ihm gutzumachen, die arme
Mutter -- daß er wiederkäme! Daß er noch lebte! Den Nachbarinnen weicht
sie beharrlich aus: sie kann deren fragende Augen nicht ertragen und
will nichts hören und nichts sehen. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist
sie voll Hoffnung, aber nachts gibt sie wieder alles verloren. Ihre
Augen sind von dem vielen Weinen geschwollen und um ihren Mund hat sich
eine Falte gegraben. Wäre nicht das Viehzeug, das sein Futter und seine
Wartung verlangte, so hätte sie sich wohl eingeschlossen und wäre
tiefdenkern geworden.
* * * * *
Den fünften Tag hielt sie einen Brief mit dem Geestemünder Stempel in
der Hand und riß ihn jäh auf, daß Jan sie verwundert anguckte.
Sie las, daß Störtebeker gesund und munter wäre, dann aber kamen die
Zweifel wieder über sie, sie stöhnte auf und zerknüllte den Brief. »Dat
lügst du, Klaus Mees, he is verdrunken!« schrie ihre gemarterte Seele.
In der Nacht umbrauste der Wind das Haus, daß sie wenig Schlaf finden
konnte und keine klaren Gedanken zu fassen vermochte. Ihre Seele war
krank und wund und aus dem Rauschen der Linden und Eschen klang ihr die
klagende Stimme des Jungen.
Als der Morgen dämmerte, war sie entschlossen, mit der Eisenbahn nach
der Weser zu fahren und sich Gewißheit zu verschaffen. Sie mußte Ruhe
haben: sie konnte es nicht mehr aushalten. Da zog sie ihr
schwarzseidenes Kleid an und machte sich reisefertig. Als sie alles
bereit hatte -- es gehörte sehr viel dazu, denn sie war erst wenig mit
der Eisenbahn gefahren --, vertraute sie Haus und Hof dem alten Jäger
an, der gar nicht wußte, was los war und es auch nicht herausbekommen
konnte, denn sie sagte nur, daß sie etwas in der Stadt zu besorgen habe
und erst den andern Abend zurückkomme.
Die Frauen, die vor den Türen oder auf dem Deich standen, erwiderten
ihren Gruß in etwas langgezogenem Ton, der besagte: na, was hast du denn
vor, willst es uns nicht erzählen? Aber sie ging nicht darauf ein,
sondern machte, daß sie weiterkam, denn das, was Klaus Mewes ein Quell
der Freude und Erquickung war, den Deich entlang zu gehen, jeden
anzuholen und vor allen Türen stehen zu bleiben, erschien ihr, der
Ortsfremden, wie ein Spießrutenlaufen mit Hindernissen.
Wenn sie vorbei war, steckten die Frauen die Köpfe zusammen und sahen
ihr nach.
»Se hett jo man bloß den eenen Jungen,« hieß es dann.
Bei der Post dachte sie daran, ob es nicht besser wäre, nach Geestemünde
schlagen zu lassen und ihre Ankunft zu melden. Sie tat es aber nicht,
damit Klaus nicht nach See ginge, bevor sie da wäre. Er sollte nicht
wissen, daß sie unterwegs war. Wenn sie ihn nicht mehr antraf, konnte
sie gewiß bei den andern Ewern die Wahrheit erfahren.
Der Klapperkasten »Courier« paddelte langsam, aber sicher aus dem Fleet
und setzte sie zu St. Pauli ab. Dort stieg sie in die Pferdebahn und
fuhr nach dem Hannoverschen Bahnhof, den die Hamburger so gern den
Pariser nannten.
* * * * *
Der Bahnfahrt ungewohnt, kam sie am späten Nachmittag müde und
angegriffen zu Geestendorf an und fragte sich nach der Geeste. Sie
erreichte auch den Deich, sah im Westen und Norden die breite Außenweser
und ging nach der Kaje hinunter, an der die Fischerewer in langer
doppelter und dreifacher Reihe lagen, denn der Wind hatte viele von
ihnen hergeweht. Obgleich sie an weiter nichts dachte, als an ihren
Jungen und weiter nichts suchte als H. F. 125, sah sie doch, daß hier an
der Geeste eigentlich gar nichts Besonderes war; da waren Eisschuppen
und da Werften, hüben waren Holzstapel und drüben schmutzige, graue
Maschinenhäuser und weiter nichts als höchstens noch Kohlenhaufen: was
Klaus wohl hatte, daß er immer so gern nach der Weser segelte, wenn es
weiter nichts war als diese graue Ecke, die sich mit dem grünen Deich
doch nimmermehr vergleichen konnte?
Sie las die Nummern der Ewer und suchte den Laertes. Fragen mochte sie
nicht, obgleich einige Jungen an Deck standen. Da rief Jannis Sloo sie
an, der mit einem Norderneyer Schaluppenfischer sprach: »Süh, Gesa, ok
mol oberreist?«
Sie gab keine Antwort, sondern ging weiter. »Klaus liggt dor wieder
rup,« rief er ihr noch nach, »dor eben vörre Brügg, de Flagg dor, dat is
he.«
Die Flagge -- sie mußte bitter und schmerzlich lächeln: so wenig
Seefischerfrau war sie, daß sie nicht einmal an das allgemein bekannte
Zeichen des Ewers gedacht hatte. Ja, da wehte die deutsche Flagge auf
der Besan, wehte lustig und fröhlich, wie sie immer geweht hatte: aber
ihr tat sie diesmal weh, weil Klaus sie nicht einmal halbstock gesetzt
hatte.
Es wollte schon schummerig werden, als sie vor dem Ewer stand. Tief
aufatmend, hielt sie sich einen Augenblick am Pfahl fest. In ihren Ohren
sauste es und ihr Herz klopfte schmerzhaft: sollte sie nicht doch noch
umkehren?
In der Kajüte brannte schon Licht, weil die Schienkapp aber halb von der
Fock bedeckt war, konnte man von der Kaje aus niemand erkennen.
Wie willenlos schlich Gesa sich auf den Ewer und stieg die Treppe
hinunter. Dann stand sie auf der dunkeln Diele und blickte durch das
rautenförmige Türfenster in die erhellte Kajüte hinein.
Da war der Tisch aufgeklappt und die dampfende Klütjenpfanne stand
darauf, auf einem Tauring, und die Seefischer saßen im Kreise herum,
hatten die Gabeln in den Händen und langten tüchtig zu. Obenan saß Klaus
Mewes, groß und breit, da saß Kap Horn mit seinem Gelehrtengesicht und
erzählte von der großen Hitze im Roten Meer, da saß Hein Mück mit einem
Gesicht, das heißen sollte: un wenn du teinmol Kap Horn heest un vant
Rode Meer snacken kannst, dorüm büst un bliffst du doch en Butenlanner
vör mi --, da saß der griese Seemann und liebäugelte mit den gebratenen
Klößen, zwischen Seemann und Klaus Mewes aber saß mit lachendem Gesicht
der kleine Klaus Störtebeker und fragte in einemfort dazwischen.
Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme
hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter
auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die
Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst
kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem
einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn
fest, den Traum ...
Da rief Störtebeker: »Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol
mokst du de Brotklütjen to sult!« Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß
auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft
zu Ende.
»Klaus, mien Klaus!« schrie sie auf und sank um.
* * * * *
Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa
aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach
dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.
Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu
lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach
dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht
eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum
noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord
sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.
* * * * *
Es ging um Störtebeker.
Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter
Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und
schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte
Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so
leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen
Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und
Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das
der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und
gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich
doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu
werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der
Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf
und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief
beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst
verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört
zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor
dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen,
und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe
und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen
von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.
Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser
Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach
dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht
gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu
bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle,
mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.
Der schwerste Streek kam: er mußte es seinem Jungen sagen.
Als er rief, sagte Störtebeker hastig zu Kap Horn: »Un ik goh ne mit un
goh ne mit!« Dann trat er in den Lichtkreis.
Klaus Mewes studierte das Wetterglas, als er es ihm sagte.
Störtebeker erwiderte kein Wort. Er hatte das Gefühl, als ob sein Vater
ihn schlüge, und bei Schlägen sagte er nichts. Seemann richtete sich an
seinem Bein auf, als wenn er ihn trösten wolle: er wurde es gar nicht
gewahr. Hätte seine Mutter ihn in diesem Augenblick umarmt, er hätte
etwas Häßliches getan, aber sie war klug genug, es nicht zu tun.
Erst als er nachher draußen auf der Diele in der Segelkoje lag (denn in
seines Vaters Koje war kein Platz mehr für ihn und bei Kap Horn wollte
er nicht schlafen), löste sich der Bann und er wimmerte wie ein wundes
Tier, die ganze Nacht, weil sein Vater ihn nicht wieder mit nach See
haben wollte. Er glaubte, sie hörten ihn nicht, aber sein Vater, der
auch nicht schlafen konnte, hörte ihn wohl, und wenn er nicht gefürchtet
hätte, Gesa oder die Leute möchten es merken, so wäre er aufgestanden
und zu seinem Jungen in die Koje gekrochen.
In den Wanten brauste der Wind und schwerer Regen klatschte auf das
Deck.
Den andern Morgen half Störtebeker noch getreulich beim Pumpen, während
seine Mutter schon seine Sachen einpackte, die er mithaben sollte. Sie
hatte gelernt, wie die beiden genommen werden mußten, und handelte
danach.
Klaus Mewes ging auf dem Achterdeck auf und ab und guckte den Heben an,
aber ohne Teilnahme. Er hätte lieber einen schweren Sturm auf der großen
Fischerbank ausgestanden, als daß er nun seinen Jungen von Bord jagen
mußte wie einen unbrauchbaren, seekranken Koch! Im Traum hatte er
gesehen, daß Störtebeker sich im letzten Augenblick an den Wanten
angeklammert hatte: mit Gewalt hatte er ihm die Hände lösen müssen: dann
war er unter die Winsch gekrochen, zuletzt war er sogar in den
achtersten Mast geklettert und hatte gerufen: Holst du mi dol, Vadder,
denn riet ik dien Flagg twei! Da hatte der Wind stark aufgeheult und ihn
aufgeweckt.
Störtebeker half beim Deckschruppen und sprach mit dem Knecht und dem
Jungen, aber mit seinem Vater sprach er nicht. Als sähe er ihn nicht, so
tat er.
Da guckte Gesa aus der Kapp und rief: »Kumm, Klaus, du müß di klor
moken!« Sie war schon ganz angezogen, dunkel wie das Schicksal selbst.
Störtebeker tat, als wenn er nichts gehört hätte. »Dien Mudder hett di
ropen, Klaus, goh dol,« sagte Klaus Mewes ernst.
Da setzte der Junge die Pütze hin und sah ihn zum erstenmal wieder an.
»Schall ik würklich van Burd, Vadder?« fragte er mit heiserer Stimme.
Klaus Mewes nickte ernst.
Da ging der Junge schweigend in die Kajüte und ließ die Mutter mit ihm
machen, was sie wollte. Was sie ihm dabei erzählte, vom Deich und seinen
Spielkameraden, war ihm zuwider und er hörte deshalb auch kaum darauf.
Schließlich nahm er an Deck Abschied von dem Ewer und von Hein und Kap
Horn. »Hol di man fuchtig,« sagte Hein, ohne sich viel dabei zu denken,
Kap Horn aber, der tiefer sah und den Jammer des Jungen fühlte, gab ihm
die Hand und tröstete: »Nich bang wesen, Klaus Störtebeker, nich bang
wesen! Wi kriegt all nich unsen Willen! Annern Sommer kummst du wedder
mit no See!«
Störtebeker wandte sich ab, als wenn er sagen wollte: das glaubst du ja
doch selbst nicht!
»Adjüst, mien Seemann,« sagte er und streichelte dem Hund das struppige
Fell.
»De bringt di noch langs,« rief Klaus Mewes, der sich auch fertig
gemacht hatte, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.
Als sie den Deich erreicht hatten, sah Störtebeker noch einmal verloren
nach der Geeste und suchte die Flagge, aber er konnte sie nicht mehr
sehen, denn die Eisschuppen hatten sich dazwischengedrängt.
Nur von der meeresbreiten, grauen Weser konnte er noch einen Streifen
sehen.
Er sagte aber nichts.
* * * * *
Auf dem Bahnhof drängte Gesa zum Einsteigen, obwohl noch Zeit genug
vorhanden war. Sie suchte einen guten Fensterplatz in der Mitte des
Zuges aus und blickte mit ihrem Jungen aus dem Fenster. Die Lokomotive
pfiff und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung.
»Adjüst, mien Jung!«
»Adjüst, Vadder, jüst, Seemann!«
Störtebeker blickte noch lange Zeit starr aus dem Fenster und winkte,
bis Gesa ihn wortlos an sich zog. Da löste es sich in ihm und er legte
den Kopf auf ihren Schoß und weinte bitterlich. Da beide allein in dem
Abteil waren, sagte sie nichts dagegen, sondern strich ihm nur leise und
weich über das sonnenhelle Haar.
* * * * *
Klaus Mewes aber ging langsam und in Gedanken nach seinem Ewer zurück.
Seemann blieb manchmal fragend stehen, denn es ging nicht den richtigen
Weg. Erst als sie beim Petroleumhafen inmitten der hohen, weißen
Erdöltanks waren, merkte der Seefischer, daß er sich verlaufen hatte,
und ging über die Geleise zurück. Wie in eine Totenkammer trat er in
seine Kajüte und ließ sich müde auf die Kojenbank fallen, denn er hatte
einen schweren Streek hinter sich.
Was für einen sonderbaren Traum hast du gehabt, Klaus Mewes, sprach eine
Stimme in ihm, dir träumte, daß Gesa gekommen sei und den Jungen
mitgenommen hätte, und du weißt doch ganz gut, daß der kleine Klaus
Störtebeker vor der Weser über Bord gekommen und ertrunken ist: sie
haben es ja sogar schon am Deich laut erzählt!
Den Tag schmeckten ihm keine Arbeit und kein Essen, denn der Junge
fehlte ihm dabei. Überall guckten ihn die klaren, lachenden, blauen
Augen an. Ruhelos ging er vom Deck in die Kajüte und wieder nach oben,
als ob er etwas verloren hätte, das er nicht wiederfinden könne. Er war
gänzlich aus dem Kurs gekommen und hatte einen heißen Zorn auf sich, daß
er sich so hatte überteufeln und unterkriegen lassen.
Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die
halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker
fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst
jetzt so recht.
Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die
kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten
verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und
fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es
nicht verwinden noch vergessen würde.