Wie ein Amokläufer geht der Nordost die Sache an. Er faßt die schweren,

langsamen Seen des Südwestes beim Schopf und dreht sie geradezu um.

Furchtbar bearbeitet er sie mit seinen Fäusten, daß sie wild

durcheinander laufen.

Dat ward een beuse Nacht for mannich lütj Schipp, dat noch buten is,

will Kap Horn noch sagen, aber er kommt nicht mehr dazu, denn der Ewer

ist mitten in diesen Sturm und Aufruhr hineingeraten! Wie wild kommt der

Sturm über den kleinen Fischerewer! Erst springt er ihn an, wie der Löwe

ein Schaf, als wolle er ihn gleich beim ersten Anlauf kopfheister

werfen. Als ihm das nicht gelingt, legt er sich so hart auf die Segel,

daß sie den Ewer platt aufs Wasser drücken und er zittert und bebt, als

könne er sich nicht wieder aufrichten. In der Kajüte purzelt Hein gegen

den Ofen und Störtebeker gegen die Dielentür, an Deck aber klammern

Schiffer und Knecht sich an die Wanten an, um nicht über Bord zu spülen.

Dann geht Klaus dem Raubtier zu Leibe, das ihn überfallen hat. »Fock

dol!« gellt seine Stimme durch den Lärm. Kap Horn turnt nach vorn und

reißt sie herunter. »Seil dol!« schrillt es. Der Schiffer kettet das

Ruder an und stürzt nach den Fallen.

Rumms! Rumms! Dröhnend wirft der Sturm den Giekbaum gegen das Boot und

zerschlägt diesem Duchten und Dollbaum, er hebt ihn wieder und rammt

fürchterlich auf das Deck. Kap Horn wäre getroffen und getötet worden,

wenn Klaus ihn nicht beiseite gerissen hätte. Wieder ein harter Windstoß

-- da ein scharfer Knall: über dem zweiten Reff ist ein großes Loch in

das Großsegel gerissen. Gau, gau, Klaus Mees, oder dat ganze Seil geiht

innen Dutt!

Schon meinen sie, es geborgen zu haben, da greift das wilde Tier noch

einmal danach, zwängt sich mit aller Gewalt hinein und schwenkt es als

seine Fahne, dann aber gelingt es ihnen, es niederzuholen. Wütend heult

der geprellte Sturm durch die Wanten, an denen es nichts zu beißen gibt,

dann aber gewahrt er das Achtersegel, das noch steht, er macht einen

krummen Buckel -- und in Fetzen zerrissen, fliegt die dunkle Besan in

die Winde. Zwar ist der Ewer wieder aufgestanden, aber er ist jetzt ohne

Segel und gehorcht nicht mehr dem Ruder. Er ist ein Spielball der

brüllenden Seen.

Vor Topp und Takel lenzend, dümpelt und scheistert er in der wilden

Dünung und die hohen Seen rollen über ihn hinweg.

»Dor is en Licht!« ruft Kap Horn und weist über den Steven. Klaus blickt

nach der bezeichneten Richtung und sieht ein _Licht_ auf der See, hell

und tröstend. Ein unerschrockener, unauslöschlicher Weiser, reißt dort

das Elbfeuerschiff an seinen Ketten. Aber in welchem Kompaß? Klaus peilt

und als er »Nordost« ruft, da schüttelt der alte Matrose ernst den Kopf

und sieht ihn an, denn ein Ankreuzen gegen den schweren Sturm ist mit

dem Loch im Großsegel und ohne die Besan ein Ding der Unmöglichkeit. Die

Elbe ist nicht zu erreichen.

Den Ewer treiben lassen, geht aber auch nicht an, denn sie haben keinen

Platz: die gefährlichen Sandbänke der Westertill sind in bedrohlicher

Nähe und der Sturm muß sie gerade dahin werfen, wenn sie noch lange

zögern.

Es hilft nichts: sie dürfen es nicht mehr mit ansehen, sie müssen

handeln. Zurück müssen sie, zurück nach der Weser!

Wo ist dein Lachen geblieben, Klaus Mewes? Warum singst du nicht, der du

doch sonst im Sturm gesungen hast? Denkst du deines Jungen? Der sitzt

warm im Bauch des Ewers und lacht aus der Koje: So geiht he god! -- und

obgleich Hein Mück ihn stören will und sagt, es sei nichts Genaues,

bleibt er fröhlich und lacht sorglos: »Vadder is jo boben!«

An Deck ist das Halsen glücklich gelungen. Gezogen von der halb

aufgeholten, angebundenen Fock und dem als Sturmsegel gesetzten kleinen

Klüver am Großmast, geschoben von den immer gröber und ochsiger

werdenden Seen, wühlt der Ewer sich durch das kappelige Wasser.

Südwest liegt an.

Es ist eine böse Gelegenheit, denn Hagelschauer und Regenflagen benehmen

alle Sicht. So weit sie sehen können, ist kein Licht zu erblicken: sie

sind allein auf der See. Ihr Zeug ist durchnäßt, denn die Seen laufen

über den Setzbord, wie sie wollen.

Die Frau am Deich! In Klaus Mewes ist alles aufgestanden, nichts schläft

oder träumt in ihm, alles wacht. Wie der Deich bei der Sturmflut schwarz

ist von Menschen, so hat er seine Gedanken auf dem Haufen: taghell sind

alle Stuben und Kammern beleuchtet und über die Treppen eilen die

aufgejagten Diener.

Die Seen werden hohler und hohler und donnerartiger klingt ihr Lärm, wie

aus der Tiefe gequollen. Klaus will ihm erst nicht glauben, bis er sich

dermaßen verstärkt, daß er es muß.

»Lot ut!« ruft er dann jäh und reißt das Blei aus dem Nachthaus. Der

Knecht peilt die Tiefe.

»Fief Fohm!«

»Denn sünd wi uppe Grünnen!«

Fünf Faden Wasser nur! Wie weit sind sie abgetrieben! Sie sind in leeger

Wall! Bis jetzt ist alles Spiel gewesen, verglichen mit dem Ernst, der

nun kommt!

Klaus Mewes fühlt sich von kalten, eisernen Fäusten gepackt, die ihn

erdrosseln wollen. Gefahr! gurgelt das Wasser, Gefahr! braust der Sturm,

Gefahr! schreit der Ewer. »Nu geiht op Leben un Dot,« ruft der Knecht.

Klaus aber verkettet das Ruder und gröhlt »Seil upsetten!« denn er will

sich nicht geben. Mit großer Mühe setzen sie das Sturmsegel am

Besansmast, binden das dritte Reff an und ziehen das Großsegel halb auf

und geben der Fock etwas mehr Bott. Der ringende Ewer luvt auf und legt

sich dwars in die schweren Seen. Urgewaltig wird der Kampf mit Wind und

Wasser, verzweifelt wehrt der kleine Menschenewer sich gegen die beiden

Großen, die ihn tot machen wollen. Mit unbeschreiblicher Wildheit und

Wut branden die Seen ununterbrochen über den Setzbord, daß das Deck

_ein_ Wasser ist, die Segel wie Dachrinnen lecken und die Spritzer bis

zum Flögel fliegen. Wenn eine der großen Unsulten von Sturzseen

gigantisch und eisern heranwuchtet, duckt der Ewer sich wie ein Bulle

und nimmt sie von Steuerbord über, richtet sich hoch und steil auf und

schüttelt sie nach Backbord ab. Dann duckt er sich wieder, ein Wal im

Kampf mit Schwertfischen, die von allen Seiten auf ihn eindringen. Wehr

dich, Ewer!

Kap Horn, halt aus! Denk an die Stürme im südlichen Atlantik, an den

düstern Felsen, nach dem du genannt bist, und laß die Kette nicht los!

Steh fest auf dem glatten Deck, laß dich nicht über Bord spülen! Denk an

die vielen Hochzeiten, zu denen du noch mit deiner Harmonika aufspielen

sollst!

Klaus Mewes, du Leu von Finkenwärder, der du immer in der ersten Reihe

gestanden hast, muß ich dich aufrufen? Nein -- das braucht es nicht: da

steht er am Ruder, im zerrissenen Ölrock, naß wie ein Kater, knietief im

Wasser, und wankt und weicht nicht, er hält den Ewer, er hält ihn! Damit

er nicht über Bord schöle, hat er sich mit einem Tauende festgebunden.

So steht er da, ein ganzer Seemann, ernst und wachsam, und späht durch

Nacht und Regen nach Land und Feuern.

Zeit gibt es nicht mehr, es gibt nur noch Sturm! Wer will wissen, ob es

Minuten oder Stunden sind, die sie durchleben, bis an Steuerbord ein

Licht erscheint? »Rodensand!« ruft der Knecht, aber der Schiffer

schüttelt ungläubig den Kopf. Da taucht neben dem hellen Licht ein

schwächeres auf und er muß glauben, was er erst nicht glauben wollte,

weil er sich nicht denken konnte, daß sie so weit abgetrieben sein

könnten: das Licht voraus ist das Feuerschiff Bremen! Sie müssen hoch

auf dem Trocknen sein!

Hastig knotet er sich los und wirft das Lot! Er wirft es zum zweiten

Mal, denn es kann ja nicht sein, die Leine muß gehakt sein! Aber es

bleiben drei Faden.

»Dree Fohm! Dree Fohm! Dree Fohm!« ruft er durch den Sturm. »Hest hürt,

Kap Horn?« gröhlt er, als er keine Antwort bekommt.

In diesem Augenblick schiebt Störtebeker, dem die Zeit zu lang wird, die

Kapp auf, um auszugucken: da schlägt ihm die See dermaßen ins Gesicht,

daß er das Gleichgewicht verliert und holterdipolter die Treppe

hinuntersaust. Er krabbelt sich aber gleich wieder auf, schiebt die Kapp

zu und sagt zu Hein, der ihn ungeachtet seiner Bangigkeit auslacht:

»Junge, dat do ik ne wedder, Hein! Wat hebb ik een kregen! Meist, as

wenn Vadder mi en fixen Backs geef!«

* * * * *

Kap Horn schweigt noch immer.

Er denkt nach. Soll so nun seine letzte Reise aussehen? Soll das die

letzte Fahrt sein? Soll der Tod, der ihn auf den Weltmeeren nicht fassen

konnte, ihn nun hier im Wattenwinkel, im seichten Priel erwischen? Es

kann so sein, und wenn es so sein soll, dann ist es auch gut, denn es

bleibt ja immer ein Seemannstod. Die heilige, unerschütterliche Ruhe des

Todgeweihten kommt in sein Herz. Der alte Janmaat will und kann sich

nicht klein machen. Er kann sterben -- ob Klaus es auch kann? Er sieht

ihn an.

»Dree Fohm bloß noch!«

Klaus Mewes guckt in die Kirche von Finkenwärder hinein, er sieht, wie

die Köpfe sich tiefer auf die gefalteten Hände senken, er hört, wie

Bodemann sagt, daß Fürbitte zu tun sei für drei Brüder, die seit zwei

Wochen vermißt würden. Und sein schönes Haus sieht er, die bunte Haustür

und die Bank unter den Linden: die Bank aber ist leer und die blanken

Fenster, in denen sich sonst die Elbe von Nienstedten bis Schulau

spiegelte, sind dicht verhängt. Und die Tür ist zu: der Hahn und die

Hühner stehen unruhig davor und warten vergeblich auf ihr Futter.

Das ist ein Augenblick, dann verweht der Sturm es. Schiffsrat! Aber was

ist da zu sagen? Nichts, denn was mit ihnen los ist, weiß der eine wie

der andre: vor ihnen ist der gefährliche Brand der Tegeler Plate, sind

die Brecher, die Sturzseen. Dahinein und dahindurch müssen sie, sonst

bleibt ihnen nichts zu tun, als beizudrehen und zu versuchen, den Ewer

so hoch als möglich auf das Watt zu setzen! Kommen sie behalten durch

die Brandung, so ist Schiff und Mannschaft geborgen, raken sie Grund,

ist alles verloren. Flüchten sie wattenauf, so geht der Ewer in Stücke,

aber sie können sich wahrscheinlich im Boot retten. Wahrscheinlich, denn

eins ist so gefährlich wie das andre.

Kap Horn sieht starr nach Lee, wo die Feuer des Ewersandes auf den

Watten stehen müssen, als wenn er damit sagen will: stranden und landen!

Klaus Mewes aber will seinen Ewer nicht verlassen. Er fühlt das Zittern

und Beben des treuen Fahrzeuges und ist entschlossen, sich

durchzuschlagen. »Nu hol di fast, Kap Horn!« ruft er gell.

Und hinein in die Brecher geht es! Händereibend steht der Tod neben ihm

auf dem Achterdeck und jauchzt: »Nu krieg ik di, Klaus Mees, nu krieg ik

di!« Aber der Schiffer hält das Ruder fest und läßt sich nicht

erschüttern. Vor ihm tobt der Hexenkessel der Tegeler Plate: er hält

darauf zu. Grauenhaft schallt ihm das Donnern und Zischen der Grundseen

entgegen, die sich wild überschlagen -- er verzieht keine Miene.

Gott im Heben -- da stürzt die erste große See wie ein wildes Tier auf

das Deck und rollt über den Ewer weg, zertrümmert das Backbordschwert,

reißt das Boot los und wirft es quer gegen die Winsch, wo es in der

Klemme sitzen bleibt. Kap Horn stürzt auf die Luken. Das Nachthaus ist

weg, sie sind ohne Kompaß. Ein Glück, daß sie Seemann vorher in die Kapp

gestopft haben.

Klaus Mewes steht noch! Der Knecht springt auf und der Ewer klüst

weiter.

»Fastholen!«

Das ist eine menschliche Stimme, so schrill sie auch klingt. Die zweite

Riesensee stößt wie ein Felsen gegen den Ewer und ergießt sich über das

Deck, sie schlägt in die Segel, daß das Fahrzeug sich auf die Seite legt

und umkippen will, und die Fahrensleute bringt sie zum Schwimmen. Aber

sie lassen ihren Halt nicht los, und weil nicht gleich eine See

hinterher kommt und den Rest gibt, vermag der Ewer sich noch wieder

aufzurichten.

Abermals fegt es heran, steigt plötzlich steil auf und schlägt furchtbar

auf das Deck nieder, daß die Luken verloren gehen und der Ewer sich halb

mit Wasser füllt. Da beginnen die Lohnen auf der Diele zu treiben, und

Störtebeker und Hein Mück waten aus der Kajüte und klettern oben auf die

Treppe, um sofort hinaus zu können, wenn etwas passieren sollte. Fest

klammern sie sich an, damit sie nicht hinunterfliegen. »Junge, wat snuft

dat langs!« ruft Störtebeker, »ober bang bün ik dorbi doch keen betjen!«

An Pumpen ist nicht zu denken: sie müssen sich festhalten! Sie müssen

durch! Durch müssen sie! Sie sind mitten in der Brandung: schlimmer kann

es nicht werden! Wenn nur die Segel nicht bersten, wenn nur das Ruder

hält!

Wieder ein Brecher?

* * * * *

Auf der Reede von Blexen, dem oldenburgischen Weserdorf, das dwars von

Bremerhaven liegt, ließen sie gegen Morgen den Anker fallen, peilten die

Pumpen, pumpten das Gröbste heraus und krochen dann todmüde in ihre

Kojen.

Es war an einem Sonntag. Die Glocken von Blexen, von Nordenham, von

Geestendorf und von Bremerhaven klangen über die Weser, aber auf dem

Fischerewer rührte sich nichts: alles an Bord schlief.

Erst am Nachmittag zeigte sich wieder Leben an Deck: die Seefischer

erschienen einer nach dem andern und überholten das haverierte Schiff,

das schwer gelitten hatte. Sie pumpten es leer und freuten sich, als sie

feststellten, daß es kein Wasser machte. Seemann beschnupperte den

kahlen Besansmast und suchte das Nachthaus und sein Handschuhlager.

Klaus und Kap Horn gingen gleich dabei, das Großsegel zu nähen und einen

Flicken darauf zu setzen, damit sie ohne Schlepper in die Geeste

gelangen konnten.

Von Bremerhaven ließ Klaus schlagen, das heißt drahten, und den andern

Tag erschien der Obervorsteher Peter Fick von Finkenwärder und schätzte

den Schaden ab. Dann kamen Zimmerbaas und Segelmacher, Reepschläger und

Optiker zu gutem Verdienst -- der Ewer aber mußte ganze acht Tage

untätig an der Kaje liegen.

Endlich waren sie so weit, daß sie wieder in See gehen konnten.

»Sall he wedder mit?« fragte Kap Horn mit einem Male und blickte nach

Störtebeker, der mit Seemann zwischen den weißen Eisschuppen tollte.

Klaus Mewes sah seinen Knecht verwundert an.

»Worüm denn ne?« fragte er.

»Och nix, ik meen man bloß,« lenkte der Janmaat ab; der Schiffer aber

sah ihn schief an und sagte: »Up wat för Gedanken du ok doch kommen

kannst! Hett mol en betjen weiht, denn schall woll gliek allens kodimmt

warrn, wat?«

»Ik heff jo doch gornix seggt,« beschwichtigte der alte Jantje ihn

sanftmütig und verschwand in der Kajüte.

Klaus stand still und sah ihm nach: ein Wind ging durch seine Seele und

wie ein Bluelight, wie ein Notfeuer zuckte es vor ihm auf: hatte das

Schicksal ihn warnen wollen, als es ihn über das Watt jagte, sollte er

den Jungen abmustern und seiner Mutter zurückschicken, die so sehnlich

nach ihm verlangte?

Ach was -- Weibergedanken! Der Junge blieb an Bord und damit gut.

»Störtebeker?«

»Wat schall ik, Vadder? Seemann, nu stopp, rittst mi jo de ganze Büx

twei.«

»Wullt noch wedder mit no See?«

»Gewiß, Vadder!«

Das klang so selbstverständlich, daß Klaus Mewes nicht weiter fragte. Er

nahm ihn mit nach dem Fischerhaus hinauf, um noch etwas Proviant zu

kaufen.

* * * * *

Im Fischerhaus zu Geestemünde hing ein schlichter Briefkasten an der

Wand, unter dem Bilde eines Lloyddampfers und neben dem Sammelschifflein

der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Es war nichts

Besonderes daran und doch konnte ich ihn nicht ohne die sonderbarsten

Gedanken putzen, denn in ihm steckten die Briefe für die Fahrensleute,

für die Schiffer, für die Matrosen. Nach schweren Stürmen: wie füllte er

sich dann mit Briefen der Frauen, der Mütter, der Bräute! Wie mancher

Seemann trat an den Kasten, schloß ihn auf und blätterte den Haufen

durch, blätterte auch wohl ein zweites Mal. Fand er einen Brief, wie

glänzten dann seine Augen! Mit verhaltener Stimme, der die Freude

anzuhören war, bestellte er einen Bittern und setzte sich mit dem Schatz

in den Winkel, um zu lesen. Oder er lief spornstreichs nach der Geeste

hinunter. Fand einer nichts, so schloß er leise den Briefkasten. Ein

andrer schlug ihn knallend zu.

Nun stand Klaus Mewes mit seinem Jungen davor und blätterte die Briefe

durch.

»Peter Jonas? De fohrt ne no de Wesser! ... Richard Grube? De Knecht is

all lang afmunstert! ... Hein Fock? Hest all Heimweh no dien vergneugten

Hein, Geeschen? ... Willem Mees?« ... -- er machte eine lange Pause,

denn Willem Mewes war geblieben ... »Paul Külper? De liggt jo blangen

uns; den Breef bring em man eben gau dol, Störtebeker!« ... Der Junge

war bereit, Briefträger zu spielen, und lief eilends nach der Geeste

hinunter ... »Jan Saß? De is no de Ilw, den Breef harrst di sporn kunnt,

Trino! ... Hinnik Loop? De kummt woll noch! ... Kassen Husteen, Hinnik

Wrie, Hein Külln, Haanrich Kinau ... Seefischer Klaus Mewes, H. F. 125:

dat bün ik sülben! August, geef mi mol en lütjen Angostura!«

Er verschloß den Kasten und setzte sich mit seinem Brief an den Tisch.

Die Reihen waren stellenweise verkleckst, ein Zeichen, daß Gesa beim

Schreiben geweint hatte.

Sie schrieb: warum sie denn immer nach der Weser segelten und nicht

einmal nach Hause kämen? Sie komme sich vor wie eine Witfrau, so einsam

und verlassen sei sie, und habe Tag und Nacht keine Ruhe ... Klaus Mewes

fühlte, wie es ihm im Halse aufstieg, und bekam den Husten. »Dor is

obern barg baschen Peper twüschen, August! Den mokst du woll sülben,

wat?« sagte er laut und hielt das Glas mißtrauisch gegen das Licht. Dann

las er weiter ... Ob sie noch gesund wären, ob den Jungen gar nicht nach

Haus verlange? Er möchte doch sofort antworten! Am Deich erzählten sie

so viel von ihnen. Was es mit der Haverei gewesen wäre? Sie sagten, daß

sie schon in London gewesen wären und immer mitten unter den Englischen

fischten: das möchte er doch ja lassen, denn das wären böse Briten, die

könnten einen totschlagen, hätte der alte Gerd Eitzen gesagt ... Hein

Mücks Mutter sei bei ihr gewesen und habe gejammert, daß der Junge gar

nichts von sich hören lasse: wenn er nur nicht über Bord gekommen sei,

habe sie gemeint.

Dann kamen wieder Klagen über das lange Ausbleiben. Klaus Mewes wurde es

weich ums Herz: er holte sich Black und Posensteel, das heißt Tinte und

Feder, um Gesa einen langen Trostbrief zu schreiben. Als er aber die

Feder eintunkte, wußte er wieder nicht die Worte zu finden und es wurde

wieder einer der berühmten kurzen Briefe daraus, in denen eigentlich nur

stand: »Liebe Frau, es grüßt dich dein Mann!«

Als er den Brief zugebackt und durch einen Schlag mit der Faust

glattgemacht hatte, ging er aber doch mit dem Bewußtsein einer guten Tat

nach dem Ewer zurück, mit den Mehltüten unter dem Arm, rief Störtebeker,

der auf einem Eiswagen saß und an einem getrockneten Petermantje kaute,

und setzte die Segel auf.

Hein Mück bekam zwischen Großsegel und Besan seinen Segen.

»Segg mol, Hein, schriffst du denn keeneenmol no Hus? Dien gode Moder

weet gornix van di af: wat is dat egentlich?«

»Och, dat ole Schrieben, keen hett dor Lust to,« sagte der Koch

leichthin, aber damit bekam er den ganzen Ewer gegen sich, sogar Seemann

bellte ihn aus, und sie ruhten nicht eher, bis er in die Kapp stieg und

schnell einige Zeilen schrieb, die Störtebeker dann noch zwischen dem

Losmachen der Stroppen nach dem Fischerhaus trug.

* * * * *

Die Weserfahrerei war aber noch nicht beendet, denn Klaus Mewes mochte

sich kein Geld von Gesa schicken lassen, um sie nicht unruhig zu machen.

Er hatte deshalb die große Haverei noch nicht ganz bezahlen können. Und

weil es ihm ein Greuel war, Schulden zu haben, wie es ihm ein Greuel

war, geflickte Segel am Mast oder geflickte Hosen am Leibe zu haben, so

segelte er weiter nach der Weser und trug die Rechnungen ab. Auch war

ihm bange, daß Gesa den Jungen zurückverlangte.

* * * * *

Einmal lagen sie im Alten Hafen zu Bremerhaven vor der

Fischauktionshalle, da machten Kap Horn und Störtebeker eine schöne

Reise: sie gingen zu Fuß nach dem Neuen Hafen. Dort lag hinter den

weißen Lloyddampfern und den englischen Baumwollkasten ein großes

Segelschiff und das war Kap Horns alte Bark »Elisabeth«, auf der er

lange Jahre gefahren hatte.

Piekfein hatte der alte Jantje sich gemacht, als er mit dem Jungen an

Bord ging, um seinen alten Käppen zu begrüßen. Unter dem Arm trug er

einen Beutel voll Fische, mit denen er ihn erfreuen wollte, denn er hing

noch immer an dem Ollen, an sien Vadder.

Als sie am Fallreep standen, erstaunte Störtebeker sehr über die

himmelhohen Masten und über die mächtigen Rahen, denn so nahe hatte er

ein großes Schiff noch nicht gesehen, am meisten aber mußte er sich über

die vielen Taue wundern, aus denen er gar nicht klug werden konnte. Dann

betraten sie den hohen, grauen Windjammer. Der Alte war an Bord und

freute sich über seinen alten Vollmatrosen. Obgleich der eigentlich vor

den Mast gehörte, nahm er ihn doch sogleich mit nach dem geheiligten

Achterdeck. Und sie kamen in ein langes Schimannsgarn von alten und

neuen Zeiten, von alten und neuen Schiffen, von alten und jungen

Seeleuten.

Störtebeker lehnte erst, etwas benommen von dem ungeheuer langen Deck,

an der Reling und hörte mit fremden Augen zu, dann aber untersuchte er

das Schiff genauer, maß und klopfte, befühlte und besah. Er ließ sich

von dem Koch, einem vergnügten Dicken, ins Verhör nehmen und lauerte

sich einen Löffel Labskaus weg, dann aber getraute er sich nach dem

Vorderdeck und peilte das Logis. Auf der Back saßen die Matrosen, die

keine Landwache genommen hatten, und klönten. Einer spielte leise auf

einer Mundharmonika und machte große Augen. Über dem Vortopp aber stand

der gelbe Mond und spiegelte sich auf dem blanken Wasser des Hafens und

jenseits des Weserdeiches blinkten die Leuchtfeuer. Schweigend lagen die

Dampfer in langen Reihen. Alle Arbeit schwieg. Einzelne Matrosen gingen

auf der Kaje vorbei, um die Stadt und ihre Freuden aufzusuchen.

Störtebeker sah alles mit an und machte sich mancherlei Gedanken

darüber, wenn auch das meiste noch durch seinen Kopf ging wie ein Traum.

So blicken wir, wenn wir Menschen durch unsern Garten kommen sehen, die

wir noch nicht kennen: wer sind sie und was wollen sie von uns, bringen

sie Gutes oder Schlechtes oder haben sie sich vielleicht nur in der

Hausnummer versehen?

Erst guckten die Janmaaten nur wenig auf, als der Junge unter der

Fockrah stand, als sie aber hörten, daß er Klaus Störtebeker hieß und

ein kleiner Fischermann, ein Schollengreifer war, wurden sie lebendig,

nahmen ihn in ihre Mitte und fragten ihn aus. Sie lachten über sein

Finkenwärder Fischerplatt und versuchten, es nachzuahmen, sie zogen

seine Seefestigkeit in Zweifel und verglichen den Fischerewer spottend

mit einem Backtrog, der einen alten Kartoffelsack als Segel und einen

Besenstiel als Mast hätte, aber Störtebeker ließ sich nicht verblüffen:

mit springenden Augen verteidigte er den großen Ewer und die große

Seefischerei und sprach so klug und seemännisch von Fahrt und Wind, daß

sie sich verwunderten und mehrmals vor Erstaunen die Hände

zusammenschlugen. Er zeigte auch, daß er von großen Schiffen etwas wußte

und nannte Rahen und Masten beim richtigen Namen, er kannte Nocken und

Pferde, Back und Poop, nur mit den Tauen konnte er noch nicht fertig

werden, da war er eigentlich nur der Wanten und Pardunen und Brassen

ganz sicher.

»Un wo is Backbord?« fragte der Zimmermann, ein Däne.

»Dor frog dien Großmudder man no,« antwortete Störtebeker, »mi kannst ne

förn Buern hebben.«

Er blieb aber bei den Matrosen, bis Kap Horn ihn von achtern aussang.

Der Segelmacher, der großes Gefallen an ihm gefunden hatte -- alle alten

Seeleute sind wunderlich tiefe Kinderfreunde! --, schenkte ihm einen

ausgestopften fliegenden Fisch, und sie entließen den kleinen Seemann

mit Adjüst und Good bye.

Der Kapitän nahm ihn mit in seine Kajüte und wies ihm seine kleinen

Schiffe, das große Haifischmaul und den aus Holz geschnitzten,

wunderlichen Götzen, der mit dem Kopf nickte, wenn man ihn ansah. Auch

er freute sich über Störtebeker, und als der eine kleine nautische

Prüfung mit Auszeichnung bestanden hatte, bekam er die Reichsprämie von

dem Alten: ein weißseidenes Halstuch, das in Tschifu gekauft war.

»Nu gröt dien Vadder, du lütte Seeröver« -- damit wurde Störtebeker

zuletzt entlassen, und als er mit Kap Horn auf der Kaje ging, standen

die Matrosen auf der Back und guckten ihm nach, wie er hinter

Eisenbahnwagen und Baumwollballen im Dunkel der Nacht verschwand. Und

sie sprachen noch lange von ihm.

Klaus Mewes aber bewunderte das Halstuch und den fliegenden Fisch und

ließ sich das große Belebnis erzählen, während der Knecht mit blanken

Augen auf der Bank saß und noch ganz von seinem alten Schiff erfüllt

war.

Seefahrt ist not! · 第 13 / 19 段