»So. Jä, wi hebbt ok ne mihr hatt. Hest all bald de Reis?«

»Morgen weuf utscheiden!«

»Uppe Wesser ist bannig slecht wesen, gorkeen Schullen lostowarrn,

Klaus.«

»So!«

Dann sind die Schiffe zu weit auseinander gekommen, als daß das

Seegespräch fortgesetzt werden könnte, und Klaus Mewes geht wieder

schweigend auf und ab. Einmal steht er hart an den Wanten und blickt

starr in die Weite, als sähe er seines Großvaters Kuff im Norden

untergehen, dann horcht er, als höre er seines Vaters Todesschrei aus

der See heraus.

Die ganze Nacht aber grasen die Segel ruhig und bedächtig in den

Sternen.

* * * * *

Gesa rang in dieser Nacht mit schweren Träumen. Sie sah, wie ein Schiff

sich mit haushohen Seen abriß, wie es leck wurde und wie zuletzt eine

große Woge ins Segel schlug und es umwarf, wie zwei Menschen in schwerem

Seemannszeug in der See schwammen, sie hörte, wie sie um Hilfe riefen.

Als sie ihnen in die Gesichter sah, schrie sie laut auf, denn es waren

ihr Mann und ihr Junge.

Da erwachte sie und weinte bis an den Morgen.

Zwölfter Stremel.

Am Deich jagten die Kinder den Schmetterlingen nach, den Kohlweißlingen,

Füchsen und Pfauenaugen, wobei sie sangen:

Schomoker, sett di annen greunen Diek,

Schomoker, sett di annen greunen Diek.

»U kiek, Klaus Störtebeker, de jümmer mit no See geiht!« »Woneem?« »Dor!

Kannst ne kieken?« »U Minsch, wat süht de mol ut! Ganz anners as to.«

»Höh, Klaus Störtebeker!«

»Höh, Peter! Non, wat mokst?«

»Ik griep Schomokers, kumm man her, kannst noch mit ankommen!«

»Wat goht mi Schomokers an? Wi weut teern un smeern, wat meenst! Uns

Eber süht ut as ik weet ne wat.«

»Klaus Störtebeker, wullt mien Kninken mol sehn?«

»Ik hebb keen Tied, Krischon, mütt Teer holen.«

Und Klaus Störtebeker ging mit der Teerpütze in der Hand an ihnen

vorüber und freute sich, als er fühlte, daß sie ihm nachguckten. Er war

größer und brauner geworden: sein Gesicht war das eines Indianers, sein

Gang aber war der eines Fischermannes und seine Hände waren die eines

Tagelöhners.

»Dat is keen Kirl mihr för Hus und Hoff, dat is een för Schipp un See,«

hatte der alte Jäger zu Gesa gesagt. Störtebeker hörte es und vergaß es

nicht wieder. Und er vergaß auch nicht, was der greise Willem Fock ihm

sagte, der sich am Deich von seinen langen Fahrten ausruhte. Er unterzog

den Jungen einer Kleinschifferprüfung, fragte ihn nach Wind und Wetter,

Fang und Markt und freute sich über die fahrensmännische Klugheit des

kleinen Gesellen.

»Hest den flegen Hollanner ok sehn?«

»Ne, Willem, denn stünn ik woll ne hier. De den flegen Hollanner in

Sicht kriegt, de blifft!«

»So, so, meenst du dat? Non, denn wohr di man vörn flegen Hollanner,

Störtebeker, wenn du grot büst, un seh man to, dat du jümmer goden Wind

hest, un warr man en fixen Fischermann, hürst?«

»Jo, Willem, dat will ik ok,« sagte der Junge mit lachendem Munde und

ging stolz weiter.

Da spielten die Mädchen Ringelreihe und sangen dazu: Es fuhr ein Matrose

wohl über das Meer, nahm Abschied vom Liebchen, sie weinte so sehr ...

Störtebeker blickte sie gar nicht an, sondern ging in den Krämerladen

hinein und ließ sich die Pütze voll Teer gießen. Kinderspiel war ihm

fremd geworden, er war Fischerjunge und fuhr bei seinem Vater auf dem

Ewer.

* * * * *

Sonnenwende, Sonnenwende!

A und O von Finkenwärder, der kleine schwarze Ewer H. F. 1, Jan Sieverts

Hoffnung, und der große, weiße Kutter H. F. 190, Jakob Cohrs' Möwe, die

noch die Kränze vom Stapellauf in den Toppen flattern hatte, lagen im

Köhlfleet beieinander und um sie herum und auf den Schallen ankerten

wohl hundertfünfzig große Ewer und Kutter. Schwarz, grün, rot und weiß

spiegelten die Steven sich im Wasser und jede Farbe hatte ihren eigenen

Sinn.

Schwarz rührte von den alten Fahrensleuten her, die als die ersten das

Watt hinter sich ließen und sich auf die offene See wagten, die bei

Helgoland und Terschelling die dunkeln holländischen Logger und die

schwarzen englischen Smacken sichteten. Sie hatten auch weder Zeit noch

Geld, das Fahrzeug anzumalen und aufzuzieren.

Grün brachten die Bauernjungen auf, als sie die Pflüge verrosten ließen

und sich auf die Seefischerei warfen. Sie wollten auf der grauen, kahlen

See an ihre grünen Felder und Wischen, an ihre Linden und Eschen

erinnert sein, wenn sie kein Land in Sicht hatten.

Rot erwählten sich die glücklichsten Fischerleute, die Störfänger und

Beutemacher, die Schollenkönige, die gern etwas Besonderes aufzuweisen

haben wollten und denen es auf den teuern Zinnober nicht ankam.

Weiß aber war die erklärte Farbe der jungen Fischer, die noch dabei

waren, ihr Marinerzeug aufzutragen, und die noch draußen klüsten, wenn

andre schon im Hafen lagen. Einer von ihnen wurde gewahr, wie prächtig

seinem Kutter der weiße Berg von Schaum und Gischt vor dem Steven zu

Gesicht stand, und binnengekommen wußte er nichts Besseres zu tun, als

den Bug weiß zu malen, damit das Schiff beständig im Schaum wühle.

Hochwasser!

Eine schlanke östliche Brise bläst von Hamburg herunter, umstreicht

Heitmanns weißen Leuchtturm und die mächtige Königsbake, das alte

Wahrzeichen von Finkenwärder, rauscht durch das Reet des Pagensandes und

läßt die Flögel tanzen: es ist ein Plan zum Fahren, wie er nicht besser

sein kann. Und doch bleiben alle Fahrzeuge liegen: nirgends werden die

Segel aufgezogen und die Draggen aufgehievt. Wahrlich, es muß ein großes

Ding sein, das diese mächtige Flotte, die gewaltigste der deutschen

Küsten, im Hafen festhält und die Helgoländer Bucht vereinsamen läßt!

Es _ist_ ein großes Ding: _Karkmeß_ ist da, der Jahrmarkt, der

Sonnwendtag der Finkenwärder Fischerei, ein Tag von so großer Bedeutung

und so tief eingreifend in das Leben und Treiben des Eilandes, daß es

Ehren- und Notsache jedes Fischers ist, heimzufahren und dabei zu sein.

Knecht und Junge würden schöne Gesichter machen, wenn sie Karkmeß nicht

kriegten, und bei den Nachbarn hieße es: »Den geiht dat jo woll bannig

lütj: he is jo ne mol Karkmeß bi Hus ween!«

Von Finkenwärder erzählen und Karkmeß vergessen, hieße nach Rom reisen

und den Papst nicht sehen, denn Karkmeß ist die große Sonnenwende von

Finkenwärder, ist der Nordstrich auf seinem Kompaß und Mittelpunkt der

Zeitrechnung der Seefischer. Soundsoviel Reisen vor Karkmeß oder

soundsoviel nach Karkmeß, das hört einer am Deich auf Schritt und Tritt

und »söben Weeken vör Karkmeß« oder »fief Weeken no Karkmeß« sind genaue

Zeitangaben, über die kein Zweifel aufkommen kann. Karkmeß teilt das

Jahr: es ist die Grenze zwischen der Schollenzeit und der Zungenzeit.

Vor Karkmeß werden in schnellen Reisen nur Schollen gefangen, die lebend

an den Markt gebracht werden: nach Karkmeß geht es auf die Zungen los,

die auf Eis gepackt werden: da sind die Reisen länger und mühseliger und

das Geld hat nicht mehr den hellen Klang der Schollentaler.

Die Sonne steht am höchsten: Wotan will nach Süden reiten, aber ehe er

sein weißes Roß, den Sleipner, wendet, hält er einen Augenblick in

Gedanken inne, und diesen Augenblick benutzen die Finkenwärder Fischer,

um ihr Sonnwendfest zu feiern. Ehe sie den dunkeln Nächten

entgegensegeln, wollen sie sich der Sonne und des Lebens freuen, wollen

sie einen Tag lachen.

Wer das nicht kann, wer bis Karkmeß nicht seinen guten Schilling

verdient hat, der holt den Rest des Sommers auch nichts mehr aus der See

und mag denken, die alten Weiber hätten ihn behext.

Die Ewer kommen nicht auf einmal wie die Hühner, wenn Tucktuck gerufen

wird, sondern nach und nach. Schon acht Tage vorher füllt sich das Fleet

mit Schiffen: Klugheit und Nachbarlichkeit verhindern, daß alle an einem

Tag den Hamburg-Altonaer Markt überfallen und die Fische wertlos machen.

Es gibt auch mancherlei zu tun.

Nicht allein den Sonntag zuvor, an dem alle Fischerknechte und

Fischerjungen auf Musik sind und sich _en Perd_, ein Mädchen, für das

Fest heuern, weshalb diese Musik am Deich auch der Pferdemarkt genannt

wird, sondern die ganze Woche hindurch. Da ist keine Zeit, den

Knackwurstkerlen beim Aufschlagen der Zelte zu helfen oder die

Reitbudenpfähle mit einzurammen, denn erst muß der Ewer sein

Karkmeßkleid haben. Teeren und Schmeeren heißt die Losung, den langen

Tag wird geteert und geschmeert, daß der ganze Deich danach riecht und

daß das Wasser in allen Regenbogenfarben glänzt. Da wird geschruppt und

kalfatert, da wird gemalt und gelabsalbt! Wie Schafe, die geschoren

werden sollen, liegen die Fahrzeuge auf dem Sand und lassen alles über

sich ergehen, denn sie wissen, daß es gut für sie ist.

Kein deutsches Kriegsschiff kann reiner sein als ein Finkenwärder Ewer

zu Karkmeß, so viel tut der Schiffer daran. Nicht umsonst hat er

holländisches Blut in sich und eine große Lust an Reinlichkeit und

Buntheit: so schmückt er seinen Ewer mit bunten Farben und glänzenden

Streifen und wird nicht müde, ihn zu zieren.

Da wird der Bünn gründlich gereinigt, da werden die Eiskisten überholt,

schlechte Taue ausgeschoren, neue Kurren eingestellt und zerrissene

Segel geflickt. Da wird geloht: du liebe Zeit: wie wird geloht! Der

ganze Rasen des Deiches liegt voller ausgebreiteter Segel: Großsegel an

Großsegel, Fock an Fock, Besan an Besan, und alle werden gebräunt und

geloht, damit sie haltbarer werden sollen.

Das Lohen haben die Finkenwärder vor den Blankenesern voraus, die keinen

Platz dafür haben (denn in den Sand können sie die Segel nicht legen)

und deshalb mit weißen Lappen fischen und segeln müssen.

Überall am Bollwerk bruddelt es in den großen Wurstkesseln und Fischer

und Frauen schöpfen die Lohe und dweilen sie auf die Segel.

Ist das Schiff mooi, dann sieht der Fischermann seine Knipptasche an und

begleicht die großen Rechnungen, die er beim Zimmerbaas, beim Schmied,

beim Segelmacher und beim Reepschläger stehen hat, denn Karkmeß ist

allgemeiner Zahltag. Hat er sein Schiff noch nicht freigefahren, also

das stehende Geld noch nicht zurückbezahlt, so bekommt noch der Bauer

seine Zinsen.

In der Aueschule aber tagt die Seefischerkasse, die

Schiffsversicherungsgemeinschaft der Finkenwärder Seefischer, die 1835

gegründet worden ist, als schwere Stürme die damalige kleine Flotte zu

vernichten drohten. Sie läßt sich die Prozente, das Jahresgeld, bringen,

das nach den Verlusten berechnet wird. Das ist wahrhaftig kein grüner

Tisch, an dem die sechs Alten mit dem Obervorsteher sitzen! Plattdeutsch

wird gesprochen, einer nennt den andern du, jeder weiß, was er will, und

niemand braucht nach Worten zu suchen! Das ist der Senat von

Finkenwärder und einen bessern hatte Venedig auch nicht.

Ein fester Bau ist diese Seefischerkasse, ein Denkmal besten

Gemeinsinnes. Sie ist der mächtige Leuchtturm, der seine Strahlen vom

Skagerrak bis zur Themsemündung wirft. Seen wollten ihn unterwaschen,

Stürme wollten sein Licht verlöschen: er steht und leuchtet!

Mittlerweile sind sie auf der Aue, von der Müggenburg bis zum Tun, auch

nicht müßig gewesen, sie haben gebaut und gezimmert, geklopft und

gehämmert auf Deubel kumm rut, bis Zelt an Zelt steht. Dann steigt die

Sonne blank und schön aus dem Hamburger Daak und der große Freudentag

ist da mit seinen Luftbällen und Reitbuden, seinen Aalzelten und

Schießständen, seinen Eiskarren und Lungenprüfern, mit Lukas und Kasper,

mit Herkulessen und Feuerfressern, mit Seiltänzern und Negern, mit Hün

und Perdün, mit Jubel und Trubel! Die Gören sind wie durchgedreht und

die Jungkerls und Deerns wissen vor Übermut und Lebensfreude nicht, was

sie alles aufstellen wollen. Da wird gejagt und geschossen und

getanzt und getrunken und gesungen und gelacht: die ganze Aue

wirbelt durcheinander. Die Jungen tragen blaue Brillen und

Rinaldinischnurrbärte, sie essen Knackwürste und Eis, bis sie nicht mehr

können: die Mädchen kaufen sich Puppen und Kokosnüsse und lutschen an

Zuckerstangen: es ist einfach unbeschreiblich, was auf Karkmeß alles los

ist. Die sich erzürnt hatten, vertragen sich und trinken wieder einen

zusammen, und die gut Freund gewesen waren, erzürnen sich und kriegen

das Tageln: dat is so bi Karkmeß mit vermokt. Hein Mück haut den Lukas,

daß es knallt, und läßt sich für die hervorragenden Leistungen eine

goldene Medaille an die Heldenbrust heften. Jan Tiemann läßt sich

elektrisieren, Hinnik Külper kauft seiner Braut ein großes Zuckerherz,

Peter Gröhn fordert den Neger sogar zu einem Boxkampf heraus. Und ein

Getute und Geblarre, ein Flöten und Knarren, ein Juchen und Schreien!

Das beste Teil erwählen sich die alten Fahrensleute; sie ziehen ein

weißes Hemd an, holen den Stuhl aus der Dönß und setzen sich geruhig auf

den Deich. Sie lassen die Karkmeßleute an sich vorüberziehen, necken die

beladenen Kinder und führen ein nachbarliches Gespräch.

Das Allerschönste sehen aber auch sie nicht vor Luftbällen und

Kinderspielzeug: die blassen, roten Rosen am Westerdeich und das wogende

Korn im Lande und den weißen Flieder auf den Wurten und die Lindenblüten

am Elbdeich: das große Sommerblühen. Das geht allen verloren.

* * * * *

Der große und der kleine Klaus Mewes hätten nicht von hier sein müssen,

wenn sie dem Karkmeß fern geblieben wären. Zumal Störtebeker hatte sich

den Tag ehrlich verdient. Bis an den Bauch im Wasser stehend, hatte er

geschruppt, einen ganzen Tag im Maststuhl zwischen Himmel und Erde

hängend, hatte er die Besan gelabsalbt, mit krummem Rücken war er in den

Bünn gekrochen und hatte die toten Schollen aus den Ecken geholt, er

hatte beim Lohen geholfen wie ein Großer, er hatte das Nachthaus grün

angestrichen, er hatte das alte Bettstroh mit allen Flöhen und Wanzen

auf dem Schlick verbrannt.

Als Klaus Mewes den Sonnabend von der Aueschule zurückkam, wo er seines

Amtes gewaltet hatte, denn er saß trotz seiner Jugend schon im Vorstande

der Seefischerkasse, da hatten Kap Horn, Hein Mück, Klaus Störtebeker

und Gesa gerade die bekannte letzte Feile weggelegt. Wie ein

Königsschiff lag der große Ewer auf dem blinkenden Wasser und glänzte

wie der Regenbogen. Seine deutsche Flagge wehte im Winde, und grüßte

seinen Schiffer.

Dem aber lachte das Herz.

* * * * *

Wennt Karkmeß is, wennt Karkmeß is,

denn goht wi langsen Diek!

Sie gingen zu vieren: Klaus Mewes, Gesa, Kap Horn und Störtebeker.

Dieser voran, denn er hatte die Taschen voll Geld. Er nahm alles mit,

die Reitbuden und die Schaukeln. Nur Spielzeug kaufte er sich nicht

mehr. »Kann ik up See jo doch ne bruken,« sagte er verächtlich, und als

er beim Allemalundjedesmal einen Goldfisch gewonnen hatte, schenkte er

ihn dem kleinen Paul Meier. Seiner Mutter aber kaufte er einen bunten

Blumentopf, Kap Horn eine Kokosnuß, damit der an Schina erinnert würde,

und seinem Vater einen dicken geräucherten Aal. Einen Augenblick guckten

sie auch bei Trina Külpers am Auedeich ein, wo Musik war. Klaus und Gesa

tanzten durch den Saal wie Bräutigam und Braut. Da bekam auch der alte

Janmaat einen Tanz von der schönen, jungen Frau seines Schiffers.

* * * * *

Abends gingen Klaus und Gesa nochmal nach dem Karkmeß.

Kap Horn und Störtebeker blieben auf dem Neß. In der Dämmerung saßen sie

vor der Tür. Der Matrose guckte nach den Lichtern auf der Elbe und

erzählte vom Walroßfang bei Grönland.

Und über den blühenden Lindenbäumen tanzten die Mücken.

Im Westen aber stand dunkel und drohend eine Wolkenbank.

* * * * *

Sommer heißt der gewaltige Herr, den die Welt hat. In königlicher Pracht

schreitet er einher, weithin über Land und See gleißt und funkelt sein

Purpurmantel. Groß und ehern sind seine Schritte. Alles wirft er nieder,

alles muß sich vor ihm beugen! Das grüne Korn erbleicht und senkt die

Ähren, die Blumen verdorren, die Vögel verstummen, die Tiere verkriechen

sich.

Nach dem spielenden Kind, nach dem lachenden Jüngling ist der _Mann_

gekommen, der Riese. Stückwerk ist nicht sein Handwerk: er macht ganze

Arbeit. Mit gewaltiger, furchtbarer Kraft drückt er alles Freundliche,

Milde, Leichte in Grund und Boden, zermalmt er es zu Staub, bis er

allein dasteht. Dann zuckt es in seinen Fäusten, dann reckt er die Arme,

dann stemmt er die Beine, dann sprüht es aus seinen Augen, dann glüht

und dampft sein Atem und hart lacht es um seine Zähne. Selbst die großen

Meister, die Winde, müssen vor ihm ducken, und wollen sie sich ja

erheben, so fegt er sie mit Blitz und Donner von dannen. Er weiß, was er

zu tun hat, weiß, daß es um Brot und Leben geht, weiß, daß der Winter

kommt. Was andre nicht gekonnt haben an all den langen Tagen, in all den

milden Monden, das vollbringt er in wenigen Wochen: in unerbittlichem

Ernst, in kochendem Eifer, in glühendem Haß, in flammendem Zorn -- und

all sein Ernst und Zorn ist wilde, gewaltige Liebe!

Schwer liegt des Sommers Hand auf der Fischerei. Auch Klaus Mewes fühlt

sie. Lange Tage treibt der Ewer mit schlaffen Segeln in der Windstille

und das Deck ist bratenheiß. Nachts steht der ganze Heben in Flammen und

das Schiff erzittert. Wie lang ziehen sich die Reisen hin, wie oft

müssen sie in Norderney und Cuxhaven binnen laufen, weil ihnen das Eis

geschmolzen ist! Sie fahren wieder viel nach der Weser, denn die Zungen,

die nicht freihändig verkauft, sondern in der Halle versteigert werden,

sind in Geestemünde ebenso teuer wie in St. Pauli und Altona. Zweimal

segeln sie bei scharfem Ostwind nach Jimuiden in Holland, einmal kommen

sie nach Esbjerg in Dänemark. Manche Kurre zerreißen sie in den Steinen,

sodaß beständig einer mit dem Ausheilen zu tun hat. Lange Wachen gibt

es: der Streek dauert drei bis vier Stunden; saure Arbeit, denn die

Zungen sitzen mehr im Schlick als im Sand und die Kurre ist oft nicht zu

hieven. Einmal verlieren sie das ganze Geschirr: die Kurre hakt ja wohl

an einem auf dem Meeresgrunde liegenden Wrack fest: der Ewer törnt auf,

steht einen Augenblick fast still, dann aber reißt die Kurrleine und

dreihundert Mark sind verloren. Ein andermal treibt eine ostfriesische

Jalk gegen sie und macht ihnen eine solche Haverei, daß sie nach der

Oste segeln und dort zimmern müssen. Dann wieder liegen sie vor Wind

hinter Wangeroog.

Aber Klaus Mewes verliert den Mut und verlernt das Lachen nicht! Und es

kommen ja auch schöne, große Reisen: einmal, als die Zungen auf

Zweimarkzehn stehen und die Steinbutt auf Einsachtzig, machen sie gute

vierhundert Mark.

Klaus Störtebeker ist noch immer an Bord und wenn er auch nicht vor dem

hamburgischen Wasserschout angemustert worden ist, so gehört er doch als

Viertsmaat zur Besatzung und bekommt seine Heuer so gut wie Hein Mück.

Ihm ist jedes Wetter recht, wenn er nur an Bord und bei seinem Vater

bleiben darf.

Sie kommen auch einige Male nach Hamburg hinauf, aber sie halten sich

auf Finkenwärder nicht lange auf. Klaus Mewes vertröstet Gesa auf den

Winter, wenn sie ihn bittet, doch einige Tage zu Hause zu bleiben: er

muß fischen! Und den Jungen soll sie vor dem Herbst nicht wieder

bekommen: so lange bleibt er an Bord! Und mit der Nachttide wird

gefahren, damit sie wieder in die Fischerei kommen und ihnen das Eis

nicht wegschmelze!

All ihr Bitten und Flehen nützt ihr nichts: der Wind bläst in die Segel

und der Ewer zieht westwärts. Zwar winken die beiden Seefischer vom

Achterdeck, aber sie lachen doch dabei und freuen sich, daß sie wieder

einmal glücklich der Gefahr entronnen sind, getrennt zu werden.

* * * * *

In der Kürze eines Seeamtsspruches könnte ich nun auch berichten, daß

sie einmal im Sturm mit genauer Not über das Watt gesegelt sind.

Es ließe sich aber auch anders schreiben, obzwar es unfinkenwärderisch

wäre, denn kein Fischermann machte viel Worte um etwas, das alle Tage

vorkommen kann.

Der alte Regenwind, der Südwest, war Baas auf der See. Graue Wolken,

eine noch grauer als die andre, trieb er über den Heben.

Klaus Mewes und sein Junge, die die Wache hatten, steckten unter den

Südwestern tief im Ölzeug und ließen den Regen auf sich niederströmen.

Sie fischten beim Weserfeuerschiff auf 22 Faden. Der Ewer arbeitete

stark in der schweren Dünung und schlug trotzig und gereizt mit den

leckenden Segeln gegen die Wolken. Mehr und mehr frischte der Wind auf,

die Seen krönten sich mit Schaum und das Wetterglas fiel tiefer und

tiefer.

Klaus beschloß deshalb, den Streek den letzten zu taufen und treiben zu

lassen.

»Intehn, intehn!« sang Störtebeker, und Kap Horn und Hein Mück

kletterten aus ihren Kojen und kamen an Deck. Sie zogen ein und freuten

sich, als sie den Steert an Deck hatten, denn es wurde immer windiger

und der Ewer stampfte und rollte stärker als zuvor, nun ihm der Halt des

schweren Netzes mangelte.

Schollen, Zungen und Steinbutt, meist kleines Zeug, klatschten auf das

Deck. Störtebeker und Hein Mück zogen die Fock auf und machten sich mit

dem Knecht über die Fische her, Klaus aber nahm das Ruder und steuerte.

Als keinerlei Aussicht war, daß das Wetter sich so bald ändere, dachte

er hinter Wangeroog zu flüchten, dann aber besann er sich und hielt nach

der Elbe hinüber, um zwischen den Baken bessere Gelegenheit zu erklüsen.

Gischt und Regen waren die Fahrtgenossen des Ewers, der vor dem

mächtigen Druck der Segel durch das hohle Wasser schäumte wie ein

Dampfer und manchen Spritzer überkriegte.

Die paar Petermännchen, Knurrhähne, Rotzungen, Rochen, Kleiße,

Steinbutte, Taschen und Zungen waren bald verarbeitet. Dann spülten sie

das Deck rein. Hein ging in die Kambüse, um Klöße zu braten und Kaffee

zu brauen, Kap Horn aber blieb oben, sah Luken und Boot genau nach und

packte alles in den Raum und die Plicht, was drift gehen konnte, denn es

wollte schon dämmern und niemand konnte wissen, was die Nacht noch

brächte.

Die Elbe war weit weg.

Sie konnten keine halbe Meile weit sehen, so diesig und unsichtig war

die Luft. Der Wind wehte flagiger und stoßweiser als vorher und lief

raumer. Sie segelten schon platt vor dem Laken und die hohen Wogen

liefen ihnen nach wie geifernde, hungrige Wölfe: eine große Gefahr für

Boot und Segel. Aber der Laertes, der kühne Schwimmer, hielt kraftvoll

den Kopf oben und ließ sich weder begraben, noch aus dem Kurs werfen.

Störtebeker stand geruhig bei seinem Vater, ohne Bangigkeit, und half

das Neuwerker Feuer suchen. Wenn die Luft nicht so dick gewesen wäre,

hätten sie es längst in Sicht haben müssen.

Da weist Klaus Mewes nach Norden, wo urplötzlich eine blauschwarze

Wolkenwand wie ein gewaltiges Gebirge aus der See steigt. Mit

unheimlicher Schnelligkeit fährt sie in die Höhe und verbreitet sich mit

unfaßlicher Macht über den griesen Heben. Wetterleuchten, grelle Blitze

und dumpfe Donnerschläge sind das nächste.

»Nu gifft wat!« ruft Kap Horn.

»Gläuf ik ok!« antwortet Klaus Mewes, »goh no binnen, Störtebeker!«

»Worüm, Vadder? Ik bün ne bang, lot mi man hier blieben!«

»Ne, du müß dol, Klaus, du speulst uns ober Burd! Goh gau no nerden un

lot Hein de Kapp toschuben un blieft beid inne Koi, bit wi jo wedder

ropt!«

Störtebeker sieht seinen Vater an, dann sagt er: »Jo, Vadder!« und geht

nach unten, denn er weiß, daß man dem Schiffer gehorchen muß und wenn

man's auch zehnmal besser wüßte.

»Bang bün ik ober keen betjen, Vadder,« ruft er noch vom Großmast, dann

verschwindet er und verklart Hein Mück die Sache, der aber ruhig weiter

brät und meint, es würde jawohl nicht so schlimm werden.

Die beiden Fahrensleute oben erwarten den Sturm. Zu sprechen brauchen

sie darüber nicht, denn sie fahren lange genug zur See, um zu wissen,

was die große Wolke zu bedeuten hat. Kap Horns Züge sind wie aus Holz

geschnitten, des Schiffers Gesicht aber ist wie aus Erz gegossen:

niemand sähe es beiden an, daß sie so fröhliche Menschen sind und so

gern lachen.

Sie wissen, was geschehen wird: dennoch aber haben sie ein so jähes

Umlaufen, ein so blitzschnelles Umspringen des Windes noch nicht erlebt

und einen so furchtbaren Wirrwarr des Wassers auch noch nicht. Der

Südwest hat ausgeweht: mit einer schweren Hagelflage in den Armen fegt

ein eisiger Nordwest heran, trommelt und pfeift auf der See und wirft

sich mit Ungestüm auf den Ewer. Unmittelbar darauf springt der Wind

wieder um: Nord! Und noch kein Besinnen: abermals dreht er sich:

Nordost, Nordoststurm. Nun wahr dich, Ewer, nun wehr dich, Klaus Mewes!

Die See, die See!

Wie gischt und schäumt sie! Sie _kocht_!

Seefahrt ist not! · 第 12 / 19 段