und sagten, da hätte er schön was gemacht: das sei Jan Wurts Haus. Und

ehe der große Fischermann noch recht begriff, was er angerichtet hatte,

ging die Tür des kleinen Hauses auf und Jan guckte heraus. Die

Groggläser und den Saal sehen und einen großen Lärm machen, war eins bei

ihm. Alle Tänzer kamen aus dem Gang, die Musikanten konnten nicht weiter

spielen, eine so gewaltige Lunge hatte der kleine Mann, so konnte er

gröhlen und schelten! Der große Karsten wurde immer kleiner und wäre am

liebsten unter den Tisch gekrochen, es half ihm aber nichts: er mußte

das Haus wieder hintragen, wo er es hergenommen hatte, und am andern,

hochhellichten Tag mußte er den Deich entlang und mußte Abbitte vor Jan

Wurt tun. Alle Leute lachten ihn aus. ...

Als des Erzählens ein Ende war, machte Kap Horn dem Jungen aus

umgedrehten kleinen Rochen die sonderbaren Seeaffen zurecht und lehrte

ihn den Kompaß nach der Weise:

West zum Norden, Westnordwest,

unsre Freundschaft stehet fest;

Süd zum Osten, Südsüdost,

deine Liebe ist mein Trost! ...

Nur spielen wollte er nicht, denn er behauptete, mit der Harmonika mache

er die Fische bange, dafür aber machte er ihm eine Angel für Makrelen

und Katzenhaie zurecht, beschwerte sie mit dem Lot und fierte sie

hinteraus. Es war nur schade, daß nie etwas angebissen hatte, so oft

Störtebeker auch aufzog.

Schon strichen einzelne Möwen über den Ewer hin, als wenn sie sagen

wollten: Man to, wi sünd all hungerig!

Da sang Störtebeker zum Einziehen, und die Arbeit begann wieder. Dieser

Streek brachte nur fünf Stiege: sie segelten deshalb westlicher, bevor

sie wieder aussetzten. Hein Mück kam an den Törn. Störtebeker aber tat

auch ihm Gesellschaft, weil er noch nicht müde war, er ließ sich von ihm

im Steuern unterrichten und steuerte allein, als Hein sich als Koch

betätigen, die Klöße rollen und die Kartoffeln zu Pott bringen mußte.

Das war etwas für ihn: allein an Deck zu sein und allein zu steuern. Wie

paßte er auf, daß kein Segel an zu klappern fing, daß sie immer voll

standen, daß er nicht aus dem gegebenen Kurs kam, wie suchte er die See

ab, daß er keine Haverei mache! Sein Vater hätte ihn sehen müssen!

Als Hein wieder die Wache nahm, sprachen sie über Ostermoonen und

Binsenschiffe, über Hechtschnarren, Jimpenfischen, Kaninchenzucht und

andre Dinge vom Deich, sie einigten sich über die fischreichsten Gräben

und beschwögten Karkmeß, Weihnachten und Fastelabend, die drei großen

Feste, die nun bald kamen.

Dieser Streek brachte gute zwanzig Stiege Schollen, als sie aber nach

dem Mittagessen -- gekochte Rochen gab es, etwas Köstliches! -- an Deck

gingen, um die Kurre wieder auszusetzen, da war der Wind schlafen

gegangen und der Ewer steuerte nicht mehr; da mußten sie das Fischen

aufgeben. Stundenlang dümpelte der Ewer auf der ziemlichen Dünung hin

und her, wie in schweren Träumen, die Gaffeln knarrten und die Schoten

schlugen mit den Blöcken.

Das war die schlechteste Zeit für die Fischerleute. Selbst Klaus Mewes

machte ein verdrießliches Gesicht. Wie unsinnig schlug das herrenlose

Ruder hin und her, willen- und machtlos war der Ewer der Meeresdünung

und der Seeströmung ausgeliefert, die mit ihm spielten wie Löwen mit der

Maus. Störtebeker wunderte sich sehr über diese unruhige See und diesen

tanzenden, rollenden Ewer bei so totenstiller Luft.

Einer schlief einen Stremel, der andre lag auf den Luken, der dritte

lief an Deck auf und ab: sie wußten die Zeit nicht hinzubringen, so jäh

waren sie aus der schönen Fischerei gerissen worden. Wie guckten sie

nach dem Heben, wie sehnten sie Wind herbei! Klaus Mewes schüttelte das

Wetterglas, als wenn darin die Brise säße. Zuletzt schleppte er die

angefangene Kurre an Deck, denn drinnen war es heiß, und knüttete in

großer Ungeduld. Und Kap Horn spielte wieder Segelmacher, diesmal aber

auf den Luken. Hein Mück kochte Störtebeker einige Taschen, die dieser

unter den Flügelschlägen und dem Gekreisch der Seemöwen aufklopfte und

verzehrte.

»Kratz man mol annen Mast, denn kummt Wind,« rief Kap Horn, aber

Störtebeker lachte ihn aus und sagte, das solle er seine Großmutter man

tun lassen. Dagegen hielt er scharfen Ausguck nach Windwolken an der

Kimmung.

Es kam aber kein Wind durch. Die See wurde allmählich ruhiger. Gegen

Abend sichtete Störtebeker drei Torpedoboote auf der See, nicht weit vom

Ewer; mit einem Male erhob er großen Lärm, rief das ganze Schiffsvolk

auf und sagte: eins von den Torpedobooten, den schwarzen Schiffen, sei

eben umgekippt und untergegangen. Da wurde er aber bannig ausgelacht,

denn was er für Torpedoboote gehalten hatte, das waren Tümmler, die

träge auf dem Wasser trieben und mitunter heisterkopf schossen und

untertauchten. Von ihnen tauchten allmählich immer mehr auf, mitunter

erschien auch der Kopf eines Seehundes. Ließ sich aber einmal einer

einfallen, zu schreien, dann mußte man Seemann sehen, wie er aus seinem

Handschuhberg stob und bellend und knurrend am Setzbord wütete!

Störtebeker sagte, er könnte sich tot darüber lachen.

Es blieb die ganze Nacht todstill -- erst gegen Morgen kräuselte sich

die Dünung. Da konnte zur allgemeinen Freude wieder gefischt werden.

So trieben sie den Schollenfang noch vier Tage bei wechselnden Winden,

oft von Stillen heimgesucht, und kamen immer östlicher, bis Langeoog

hinauf. Dort sprach Klaus Mewes das erlösende Wort: »Utscheiden!« Sie

hatten 250 Stiege, der ganze Bünn saß voll von Schollen, sie hatten die

Reise!

Nach der Elbe ging es aber nicht, des weiten Weges wegen, sondern nach

der Weser. Störtebeker sollte es bestimmen: er war natürlich für die

Weser, denn dort gab es etwas für ihn zu sehen, und dann: auf der Weser

wohnte keine Mutter, die ihn möglicherweise wieder von Bord holte, wohl

aber auf der Elbe.

Überhaupt die Elbe und der Deich, was gingen sie ihn noch an? Er dachte

kaum noch daran, so weit weg lag das alles, seit er mit fischte:

vergessen waren Krähe und Kaninchen und die Bungen konnten sich geruhig

mit Spinnweben bedecken: er fragte nicht mehr danach, so sehr war er in

der Seefischerei und in der Seefahrt aufgegangen.

Mit abgefierten Schoten segelten sie nach der Weser. Da bekam

Störtebeker zum erstenmal das Wunder der Nordsee zu sehen, den zwei

Jahre vorher errichteten Rotensand-Feuerturm, den mitten im Meere

stehenden rotweißen Riesenpilz, dessen Feuer ihm schon manchmal gezeigt

worden war. Kap Horn meinte, der würde wohl ebenso spurlos im Meere

verschwinden wie sein Vorgänger, weil er auf Sand gebaut sei und nicht

auf Felsen wie der Turm von Eddystone, aber Klaus Mewes sagte: einerlei,

Bremen hätte da immer sein Meisterstück geschaffen. Störtebeker wunderte

sich am meisten über das Rettungsboot, das dort haushoch über dem Wasser

hing. Und daß dort oben zwei Leute wohnten und schliefen.

Sie kamen nachts in der Geeste an und verhökerten den andern Morgen ihre

Schollen. Sie wurden sie auch zu gängigen Preisen los, denn sie waren

nur zu fünfen, und das war für Bremerhaven und Geestemünde nicht zu

viel, zumal Klaus Mewes, der hier an der Unterweser bekannt war, den

Geestendorfer Ausrufer Konrad mobil machte, der mit seiner Glocke und

mit seiner rostigen, durchdringenden Stimme die abgelegenen Straßen

abklopfen mußte.

Sie nahmen etwas Proviant ein, vor allem Schiffskeks, nach dem

Störtebeker ein großes Verlangen hatte, dann Büffelfleisch und Zucker

aus dem Freilager, und gingen am Abend schon wieder hinaus. Der Neß

bekam nur eine Postanweisung auf zweihundert Mark und einen kurzen

Brief, den Klaus bei Kinau in der Achterdönß schrieb, während

Störtebeker sich von Marta und Mieze, den Töchtern des Fischerwirtes,

denen der kleine Fischerjunge sehr gefiel, im Billardspiel unterrichten

ließ.

Der Junge sei gesund und munter, hieß es in dem Brief, den der

Seefischer schrieb, er sei nur einen Tag seekrank gewesen, nun wisse er

schon nichts mehr davon, er habe große Lust zu der Fischerei und sei

immer vergnügt, Heimweh kenne er nicht. Er ließe schön grüßen. Heute

abend gingen sie wieder hinaus und kämen bald mit Schollen nach der

Elbe. Störtebeker ließe ihr noch sagen, sie solle die Krähe und die

Kaninchen nicht vergessen.

Den Gruß und die Viehfrage hatte Klaus sich nach Wippchenart aus den

Fingern gesogen, denn Störtebeker hatte jetzt ganz andre Dinge im Kopf.

Er wollte Bremerhaven sehen, das große Denkmal und die Schinesen auf den

weißen Lloyddampfern, aber dazu war diesmal keine Zeit: sie mußten an

Bord und nach See.

Nach neun Tagen lagen sie wieder mit Schollen an der Kaje zu

Geestemünde: da wehte es zwei Tage und da bekam Störtebeker alles zu

sehen, was er sehen wollte.

Elfter Stremel.

Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,

Kämpfer einst Karls in der Schlacht;

Roland der Ries' am Rathaus zu Bremen,

jetzo wie einst noch steht er und wacht!

H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen

groß, geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der

Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser

gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten

überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon zweihundert Jahre und

hatten Güter aller Zonen unter ihren Dächern. Auf der Kaje standen die

Bremer Jungen und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie

Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit Steinen

nach ihm zu werfen, da rief er: »Ji verdreihten Zigarrenmokers!« (das

hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging

ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht

ergriffen.

Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren

minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die

Jugend: sie kamen mit Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen

die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu

nehmen wußte, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der

Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern

Ewer fern.

Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle

entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche

klirrend zuguckte, bis er sagte: »Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de

Luken to!« Dann zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken

und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und

Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen ließ.

Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn

sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie

alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue

Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, verwitterte Rathaus

und das hohe, steife Standbild, die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von

all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Türmen:

das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von Grünspan; das könnten

sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war

ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht

bis fünf zählen könne, lachte er.

Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi

vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen Dom traten, mit den leuchtenden

Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen

Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; -- denn da gingen sie

unhörbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich,

wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten

und das Läuten der Glocken zu hören gewesen war. »Hier in Bremen hett de

lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,« flüsterte er seinem Vater

zu, der leise lachen mußte.

Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen

und in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen,

englische Majore, bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in

offenen Steinsärgen und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um

die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, hingen auch frische

Ratten, Hühner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des

Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht

lange im Schnack aufhielten.

Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen

Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. »De mütt dolspeult

warrn,« sagte Klaus, »lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller

is jo bi de Hand!«

»Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat for de Groten, for

Reeders un Käppens, dor gifft bloß Wien, Minsch!« rief der Janmaat, aber

Klaus Mewes nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff

und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.

»Een van de Groten bün ik ok,« sagte er stolz, »ik bün Reeder un Käppen

un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm,

Störtebeker!«

Da gingen die drei getrost nach dem Ratskeller hinunter, setzten sich

mitten zwischen die Pfeiler und besahen die Hausgelegenheit.

»Finkwarder Fischermann kann allerwärts to Anker gohn,« lachte Klaus,

»büst ok bang, Störtebeker?«

»Ne, bang bün ik ne, Vadder.«

Mißtrauisch kam einer der Kellner näher, denn die Jan vom Moor konnten

wohl nur versehentlich die Treppe herunter gefallen sein, die wollten

gewiß zu Heini Holtentüffel und bei dem eine kleine Lage trinken: als

Klaus Mewes, der es merkte, ihn groß und frei ansah und mit lauter

Stimme zwei Flaschen Rheinweins zu einem Taler den Buddel und ein Glas

süßen Weins für den Jungen bestellte. Da nickte er höflich und brachte

das Verlangte.

Es schien allgemein aufzufallen, entweder, daß der Finkenwärder so laut

oder daß er plattdeutsch sprach, denn an allen Tischen drehten sich die

bedächtigen, geruhigen Bremer nach ihnen um, aber Klaus Mewes ließ sich

dadurch in keiner Weise stören. Er rief den Kellner und sie ließen sich

durch alle Räume führen: sie sahen die Rose an der Decke, die ein

italienischer Maler gemalt hatte, weil er seine Zeche nicht bezahlen

konnte, sie sahen Fässer, die so groß waren wie ein kleines Haus, sie

kamen durch den Apostelkeller, in dem zwölf nach den Jüngern benannte

Fässer lagen, von denen der Judas sauer war, sie hörten von Wein, von

dem jeder Tropfen dreitausend Mark kostete.

Endlich hievten sie den Draggen und stiegen wieder ans Tageslicht. Die

Bremer Stadtmusikanten, die Störtebeker noch durchaus sehen wollte,

waren nicht auszumachen, so gingen sie durch die Langenstraße an dem

schnörkelgesegneten Essighaus vorüber nach dem Ewer zurück.

Nicht so gut lief die Fahrt ab, die Hein Mück abends unternahm, um sich

etwas vorsingen zu lassen: er konnte das Bremer Bier so wenig vertragen,

daß er allerhand Havereien machte und schließlich von einem Schutzmann

an Bord gebracht werden mußte. Als er da noch weisen Wind hatte und sich

nicht geben wollte, goß Klaus Mewes ihm einfach eine Pütze Weserwassers

über den Kopf, um den großen Brand zu löschen.

* * * * *

Keine Luft von keiner Seite ...

Dwars von Spiekeroog, aber ohne Sicht von Land, steht der Ewer in

totenstiller Luft auf dem spiegelglatten Meer. Drei Tage haben sie schon

keinen Wind mehr gehabt; zwei Tage hat die Dünung geknarrt und gelärmt,

nun am dritten Tag ist das Meer glatt geworden, wie es osterselten

vorkommt. Drei Tage schon ruht die Fischerei, hängt die Kurre am Mast,

ist das Ruder mittschiffs festgestroppt. Die Sonne brennt steil auf das

Deck nieder, das so heiß ist, daß sie Schollen darauf braten könnten und

daß das Pech in den Nähten weich ist. Von den Wanten leckt der Teer.

Plackendotstill ist es, wie Störtebeker, der munterste an Bord, immer

wieder versichert. Ein Brett, das er ins Wasser geworfen hat, um die

Strömung zu erkunden, bleibt stundenlang neben dem Ewer liegen. Das

große Schiff ist tot und tot ist die See. Nicht einmal eine Möwe läßt

sich sehen.

Seemann liegt im Schatten des Bootes auf einem Stück Segeltuches und

schnappt nach Luft. Kap Horn hockt auf der Diele neben dem Wasserfaß und

liest in einem Buche, das ihm der Bremerhavener Seemannspastor

mitgegeben hat, bis er dabei einschläft. Hein Mück hat das beste Teil

erwählt: er hat sich ausgezogen und steht nun nackt im Bünn, bis an den

Hals im Seewasser.

Dem Schiffer gehen sie weit aus dem Wege, denn er ist wie ein gereizter

Löwe und es ist nicht gut anbinden mit ihm. Er kann nicht fischen -- das

sagt alles.

Er weiß nicht mehr, was er tun soll. Lesen? -- Son Schiet! -- Knütten?

-- Son Snarrkrom! -- Fischen will er, Schollen greifen, kurren, segeln,

kreuzen, denn sie müssen nun endlich einmal nach Hause. Erst war ihm der

Wind dazwischen gekommen, der sie hinter Wangeroog gejagt hatte, dann

war der Fang schlecht gewesen, drei magere Schollen im Streek! und nun

kam ihm noch die Stille in die Quere! Unruhig stand er vor dem

Wetterglas und starrte es an, als wenn es an allem schuld wäre mit

seiner ewigen deutsch-englischen Predigt: Sehr schön -- ^very dry^.

Klaus Mewes konnte es nur als Sehr schlecht -- verdreiht! lesen.

Dann ging er wieder an Deck und spähte nach dem Heben, als wolle er

Löcher hineingucken. Dabei hörte er das Spalken und Plätschern im Bünn.

Erst wollte er Hein die Leviten lesen, daß der die paar Schollen im Bünn

noch tot trat, dann aber dachte er: dat mokst du ok! Und er zog sich auf

der Achterplicht aus, setzte seinen alten Kameruner ab, rannte in

Berserkerwut über Deck nach dem Steven, setzte vom Vorderpoller ab und

sprang mit Hurra in die blaue See, tauchte tief unter und kam prustend

wie ein Seehund wieder an die Oberfläche.

»Kiek mol ober, Kap Horn,« rief Hein Mück, »ik gläuf, Klaus hetten

Sünnenstich kregen!«

Der Knecht klappte das Buch zu und lief an Deck: da schwamm sein

Schiffer kräftig ausholend wohl zwanzig Faden vor dem Ewer und lachte

und rief: »So ist mooi, Kap Horn!«

Seemann aber stand mit den Vorderfüßen auf dem Setzbord und bellte und

Störtebeker sagte in einem fort, er wolle auch mal schwimmen.

»Lot di man nich vonne Haifisch opfreten un krieg man keen Ramm inne

Been,« warnte der Knecht, steckte eine Leine auf den Rettungsring und

warf ihn über Bord, auch fierte er einen Riemen längseit, damit der

Schwimmer einen Halt hätte, wenn er dessen bedürfte. Schließlich setzte

er mit Heins Hilfe noch den Kahn ins Wasser, stieg hinein und wriggte in

die Nähe seines Schiffers, denn das Schwimmen in offener See, ohne

Schwimmweste und Leine, war ihm ein Greuel und ein Frevel: wie der Bauer

sich niemals auf die Erde setzen sollte, so sollte der Fischer niemals

in der See schwimmen.

Dennoch freute er sich über den rüstigen Schwimmer.

Mit einem Male erhob Seemann ein zorniges Geknurre und Gescharre, und

als der Knecht sich umdrehte, sah er Störtebeker nackt an Bord laufen

und den widerstrebenden Hund nach dem Setzbord schleppen. »Störtebeker,

wat mokst du?« rief er, »Klaus, kiek mol den Jungen!«

»Wenn se all swümmt, schallst du ok swümmen un wennt mitten Dübel

togeiht,« gröhlte Störtebeker und warf den winselnden Seemann

kopfheister in die See, dann nahm er einen Anlauf und sprang mit Hurra

nach.

»Minschenkinners noch mol: nu wöllt se jo woll all versupen,« rief Kap

Horn, als auch noch Hein Mück über das Schwert kletterte.

»Nimm Seemann man wohr, för Störtebeker will ik woll uppassen,« rief

Klaus Mewes und schwamm an die Seite seines Jungen, der entrüstet sagte:

»Du meenst woll, ik kann ne swümmen, Kap Horn, wat? As son Woterrott,

kann ik di seggen! Kiek mol! Ik kann ok all duken: paß up!«

Und weg war er, um prustend wieder aufzutauchen. »Junge, dat do ik ne

wedder: dat Woter is jo sult, dor hebb ik gorne an dacht! I, wat

bitter!«

Klaus Mewes lachte vor Freude über seinen Jungen und hielt sich in

seiner Nähe auf, um ihm beizuspringen, wenn seine Kräfte nachlassen

sollten, Kap Horn aber zog den spaddelnden Seemann in den Kahn und

bewachte die drei kühnen Schwimmer und den großen, regungslosen Ewer,

der wie tot auf dem Wasser lag.

So vertraute Klaus Mewes seiner Kraft und schwamm mit seinem Jungen in

der See, als wäre es am Finkenwärder Bollwerk und nicht zwischen

Spiekeroog und Helgoland auf 20 Faden Wassertiefe.

Wenn Gesa das gesehen hätte!

Als die Sonne untergegangen war und die Hitze etwas nachließ, saßen sie

allemann auf Deck. Dort aßen sie auch Abendbrot, denn in der Kambüse war

es nicht auszuhalten. Dann schliefen sie in alten Segeln auf den Bänken

und auf der Diele. Kap Horn ging die Wache.

Gegen Morgen stieg unter der englischen Küste ein Gewitter aus der See

und fegte dunkel und drohend heran. Mit ungeheurer Schnelligkeit

verbreitete es sich über den sternklaren Heben, furchtbar knallte der

Donner und die ganze Wolke saß voll von Blitzen, aber Klaus Mewes und

seine Gesellen begrüßten das Wetter mit Freude, denn nun mußte ja auch

Wind kommen und sie erlösen.

Als die ersten, großen Tropfen fielen, warfen sie die Segel nieder und

gingen hinunter, denn bei einem Gewitter an Deck sein, ist der

gefährlichen Nähe der Masten wegen nicht gut. Sausend harfte der Wind

auf den Wanten, prasselnd schlug der Regen auf das Deck, die Masten

erdröhnten, der Ewer zitterte, die Lampe schwankte, die See kam

allmählich in leise Bewegung. Geruhig saßen oder lagen die Seefischer

unter Deck und horchten. Als das Gewitter halb vorüber war, zogen sie

die Ölröcke an und setzten die Segel auf. Und im blauen Schein der

letzten Blitze fierten sie die Kurre über Bord, denn nun hatten sie

wieder Wind genug.

* * * * *

^Ships that pass in the night ...^

Tiefdunkel, samtschwarz ist der Nachthimmel. Die Sterne funkeln um so

heller um den Schleier der Milchstraße. Wie tanzt der Orion, wie blitzt

die Wega, wie leuchten die Zwillinge, wie strahlt der Himmelswagen, wie

gleißt der Aldebaran! Die Weltwiese hat sich aufgetan, die gewaltige

Wisch, die mit abertausend weißen und bunten Blumen bewachsen ist und

auf der Myriaden von Tautropfen glitzern.

Die riesenhaften schwarzen Segel des Fischerewers aber sind wie

urgewaltige dunkle Kühe, die auf der großen Wiese in den Blumen grasen.

Ruhig und bedächtig grasen sie, wie Kühe tun, und fressen sich langsam

weiter.

Klaus Störtebeker steht bei seinem Vater am Ruder. Gesprochen wird in

solchen Nächten nicht viel.

Eine Kühlung, eine leichte, westliche Brise, wandert über die See und

gibt den Segeln die Kraft, die Kurre zu ziehen. Rot, grün und gelb

spielen die Fischerlichter auf der Dünung. Die Kielfurche leuchtet, als

ginge es durch Silber. Wo die Kurrleine ins Wasser taucht, ist sie wie

ein diamantenbesetztes Zepter. Leise knarren die Gaffeln oben am Mast

und wie im Traum reißt der Klüver, der Jager, das kühnste aller Segel,

an seiner Schote, über der Besan aber weht die dunkle Flagge im

Nachtwinde. Seemann schläft im Nachthaus neben dem Kompaß und Klaus

Mewes geht nach Schifferart auf dem Achterdeck hin und her, die Hände in

den Taschen, während Störtebeker das Ruder mit einem Tau regiert, denn

Steuern hat er längst gelernt.

Bei sturem Wind und bei Regen singt Klaus Mewes, wenn er allein an Deck

ist, er singt auch bei Sonnenschein, aber in solcher Nacht singt er

nicht: da fühlt er tief das geheime Leben und Weben seines Ewers, sein

Wesen, seine Atemzüge, da haben alle Segel und Wanten, alle Bäume und

Masten ihre eigene Sprache. Nächte, die gewesen sind, und Nächte, die

noch kommen sollen, stehen vor seiner Seele und dunkle Ahnungen

beschleichen ihn, denn jeder Seefischer ist ein Hagen, der ins dunkle

Heunenland hinunterzieht. Gedanken über Gedanken kommen ihm entgegen,

wie der Wind in die Segel weht, die ihn weit hinaustragen aus der

Sehnsucht nach Gesa, nach einem guten Streek und einem schönen Markt,

die ihn Auge in Auge mit der Ewigkeit stellen. In solchen Nächten muß er

Verklarung über sich selbst tun, der lachende Seefischer, und nicht

lachend, sondern ernst beantwortet er seine eigenen Fragen, denn je

höher dem Baum die Krone gewachsen ist, desto tiefer streckt sich seine

Wurzel -- und Klaus Mewes ist ein solcher gewachsener Baum.

Rund um sie herum stehen Lichter auf der See, rote, weiße, grüne, denn

sie fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff, und auf diesen

Gründen wimmelt es von Finkenwärdern und Blankenesern. Mitunter ist das

Geklapper einer Winsch in der Weite zu hören, wenn sie irgendwo

einziehen, mitunter schallen die Rufe zweier Fischer, die einander nahe

gekommen sind, abgebrochen herüber.

Dann kommen dunkle Segel an ihnen vorüber, und weil der Laertes wegen

seiner Besansflagge leicht ausgemacht ist, so wird hüben und drüben

gerufen.

»Klaus, büst du dat?«

»Jo, Hinnik! Wat fangt ji?«

»Ochott, is ne slimm: acht Stieg!«

Seefahrt ist not! · 第 11 / 19 段